Alberto Pezzotta - Mario Bava (1995)

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Moderator: jogiwan

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Salvatore Baccaro
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Alberto Pezzotta - Mario Bava (1995)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

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Die Nonplusultra-Veröffentlichung der Mario-Bava-Forschung dürfte sicherlich immer noch Tim Lucas' "All the Colors of the Dark" aus dem Jahre 2007 sein, das, wie Jogi vor vielen Jahren schon in diesen heiligen Hallen vermerkt hat, nicht nur 1128 Hochglanz-Seiten dick, sondern auch 5,45 kg schwer ist. Da man sich für die Lektüre von Lucas' Opus Magnum, das im Prinzip jeden einzelnen Film ausführlichst seziert, bei dem - überspitzt gesagt - die bloße Möglichkeit besteht, Bava könne in der Mittagspause mal am Set vorbeigeschaut und kurz die Kamera geführt haben, eine Woche Urlaub nehmen müsste, eignet es sich freilich nicht wirklich für einen knackigen Einstieg ins Thema. Genau das leistet, meiner Meinung nach, jedoch bravourös vorliegendes Büchlein des Filmkritikers Alberto Pezzotta aus dem Jahre 1995, handelt es sich hierbei doch um eine pointierte Darstellung des kompletten Oeuvres des Maestros, wobei sich chronologisch von Film zu Film gehangelt wird, und der Autor immer eine schöne Balance findet zwischen Produktionsnotizen, Kritik und Analyse. Im Gegensatz zu Pascal Martinet, dessen Bava-Buch zehn Jahre zuvor im Grunde primär aus einer einzigen euphorischen Hymne auf den Genius des Regisseurs besteht, der immer mal wieder die poetischen Gäule durchgehen, hält Pezzotta mit harten Fakten nicht hinterm Berg, geht auf die zeitgenössische Rezeption Bavas ein, zitiert ausgiebig Statements des Meisters selbst, ordnet die einzelnen Filme in den größeren Kontext des italienischen Filone-Systems ein, ohne sich dabei - wie es beispielsweise Leon Hunt in seiner 2022er Studie zu Bava immer wieder tut - allzu sehr in Film- und Kulturtheorien zu verlieren. Der Anspruch Pezzottas ist kein wissenschaftlicher, jedoch auch kein rein lyrischer: Vielmehr scheint ihm daran gelegen, uns Wissenswertes über Bava im Besonderen und das italienische Populärkino im Allgemeinen mitzugeben, ohne dabei seine persönliche Meinung unter den Tisch zu kehren: Die Western findet Pezzotta nicht ganz so schlimm wie viele andere Bava-Exegeten; dafür hält sich seine Begeisterung bei DIABOLIK und selbst bei LISA E IL DIAVOLO, der ja immer wieder als Bavas eigentliche Königsschöpfung gehandelt wird, in überschaubaren Grenzen; andererseits entdeckt er in SHOCK Sequenzen, die, würde der Film nur aus solchen bestehen, ihn in die erste Riege der großen surrealistischen Werke heben würde, und zeigt sich besonders entzückt nicht zuletzt über IL ROSSO SEGNO DELLA FOLLIA, den er für ein brillantes Beispiel der Selbstsabotage hält. Sein Fazit wiederum nach etwa 130 mit zahlreichen Schwarzweißbildern gespickten Seiten: Bavas Werk ist zu selbstzerstörerisch, um ganz ernst genommen zu werden, und zu komplex, um als einfacher Schund abgestempelt zu werden - und Pezzottas Buch wiederum ist eines, das eine Übersetzung ins Englische eigentlich mehr als verdient hätte.
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Onkel Joe
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Re: Alberto Pezzotta - Mario Bava (1995)

Beitrag von Onkel Joe »

Salvatore Baccaro hat geschrieben: Di 10. Mär 2026, 23:06 71pFUUW963L._AC_UF894,1000_QL80_.jpg


und selbst bei LISA E IL DIAVOLO, der ja immer wieder als Bavas eigentliche Königsschöpfung gehandelt wird, in überschaubaren Grenzen;
"Lisa und der Teufel" gilt als Königsschöpfung :-o .

Ist schon länger her das ich den gesehen habe aber für mich ist das nicht mehr als als gutes Mittelfeld.

Irgendwie werden da auch immer andere Filme von Bava zitiert, noch nie gehört das der weit oben rangiert.
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karlAbundzu
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Re: Alberto Pezzotta - Mario Bava (1995)

Beitrag von karlAbundzu »

Onkel Joe hat geschrieben: Mi 11. Mär 2026, 08:01
Salvatore Baccaro hat geschrieben: Di 10. Mär 2026, 23:06 71pFUUW963L._AC_UF894,1000_QL80_.jpg


und selbst bei LISA E IL DIAVOLO, der ja immer wieder als Bavas eigentliche Königsschöpfung gehandelt wird, in überschaubaren Grenzen;
"Lisa und der Teufel" gilt als Königsschöpfung :-o .

Ist schon länger her das ich den gesehen habe aber für mich ist das nicht mehr als als gutes Mittelfeld.

Irgendwie werden da auch immer andere Filme von Bava zitiert, noch nie gehört das der weit oben rangiert.
Ging mir auch ähnlich, aber das liegt eventuell an unserer Blase. Keine Ahnung, wie Bava außerhalb der eher Genre-orientierter Fans wie wir wahrgenommen wird.
Umso spannender sind diese Bücher.
Leider gibt es den Martinet nur auf französisch und Pezzotta nur auf italienisch.
@salvatore bist du so sprachbewandert? Augenscheinlich, alle Achtung.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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Re: Alberto Pezzotta - Mario Bava (1995)

Beitrag von jogiwan »

Eine Auswertung der Punkeverteilung auf der IMDB ergibt eher ein anderes Bild. Da hat seltsamerweise "Wild Dogs" die Nase vorn - ich hätte ja auf "Die Stunde, wenn Dracula kommt" oder "Blutige Seide" getippt. "Lisa und der Teufel" eher etwas abgeschlagen an vierzehnter Stelle...


Wild Dogs 7,4
Blutige Seide 7,1
Die Stunde, wenn Dracula kommt 7,1
Die drei Gesichter der Furcht 7,0
Die toten Augen des Dr. Dracula 6,9
La ragazza che sapeva troppo 6,9
La Venere d'Ille 6,6
Der Dämon und die Jungfrau 6,6
Im Blutrausch des Satans 6,5
Mario Bava's Gefahr: Diabolik 6,5
Der Vampir von Notre Dame 6,5
Red Wedding Night 6,3
Schock 6,2
Lisa und der Teufel 6,2
Planet der Vampire 6,2
Die Rache der Wikinger 6,2
Vampire gegen Herakles 6,2
Baron Blood 5,9
Caltiki - Rätsel des Grauens 5,9
Vier Mal heute Nacht 5,7
5 bambole per la luna d'agosto 5,7
Eine Handvoll blanker Messer 5,7
Nebraska-Jim 5,6
Aladins Abenteuer 5,5
Das Schwert von Persien 5,5
Der Ritt nach Alamo 5,1
Die Schlacht von Marathon 5,1
3 Halunken und ein Halleluja 4,7
Der Teuflische 4,6
Herkules und die Königin der Amazonen 4,6
La morte viene dallo spazio 4,5
Der Spion, der aus dem Speiseeis kam 4,1
it´s fun to stay at the YMCA!!!



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Re: Alberto Pezzotta - Mario Bava (1995)

Beitrag von Arkadin »

jogiwan hat geschrieben: Mi 11. Mär 2026, 09:04 Eine Auswertung der Punkeverteilung auf der IMDB ergibt eher ein anderes Bild. Da hat seltsamerweise "Wild Dogs" die Nase vorn - ich hätte ja auf "Die Stunde, wenn Dracula kommt" oder "Blutige Seide" getippt. "Lisa und der Teufel" eher etwas abgeschlagen an vierzehnter Stelle...
Wobei man die Bewertung bei der IMDb mit Vorsicht genießen muss, da der Eintrag dort lange Zeit sowohl das Original "Lisa and the Devil", als auch den vom Produzenten zerschnittenen und auf Exorzist gedrehten "House of Exorcism" umfasste. Da gab es keine zwei Einträge für die Filme. Wie ich jetzt gesehen habe, wurde das immerhin mittlerweile geändert.

PS: Ich liebe "Lisa and the Devil". :)
Früher war mehr Lametta
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Salvatore Baccaro
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Re: Alberto Pezzotta - Mario Bava (1995)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

Spannend. In letzter Zeit habe ich ja etliche Artikel und Bücher zum italienischen Horrorkino gelesen, und die Erzählung, die dort immer wieder bezüglich Bavas teuflischer LISA wiederholt wird, ist die von einem verkannten Meisterwerk, von jenem Film, bei dem Bava endlich einmal vollständige künstlerische Freiheit hatte, und bei dem er dann auch sogleich das ihm sowieso viel zu enge Genre-Korsett sprengt, um kopfüber in den Arthouse-Tümpel zu springen. Von Martinet wird der Film dann ja gar als BavasmARIENBAD bezeichnet - in Anspielung auf Alain Resnais' ähnlich labyrinthischen Film von 1961, der ja - zu Recht - als Arthouse-Klassiker gilt. Umso tragischer dann das Schicksal von Bavas LISA, denn diese wird ja, wie Arkadin schon erwähnt hat, später vom Produzenten umgeschnitten, mit zusätzlichen Exorzismus-Szenen einer kotzenden Elke Sommer angereichert und als Friedkin-Rip-Off vertrieben - was Bavas Vision letztlich doch wieder in die Niederungen des Genre-Kinos hinabzieht.

Die Bemerkung von Karl ist dabei aber sicherlich alles andere als unwichtig: Diejenigen, die Artikel und Bücher zu Bava schreiben, müssen nicht unbedingt "normale" Genre-Fans sein; oft sind es ja vielmehr Filmkritiker und Filmwissenschaftler, sprich, Akademiker, die sich deshalb Bava zuwenden, weil sie meinen, in ihm MEHR als einen gewöhnlichen Genreregisseur zu erkennen, und die deshalb eben auch eher experimentelle Filme wie LISA oder IL ROSSO SEGNA DELLA FOLLIA oder auch SEI DONNE PER L'ASSASSINO höher schätzen als beispielsweise einen BARON BLOOD oder einen ERCOLA AL CENTRO DELLA TERRA. Ebenso häufig stößt man daher auch auf die Versuche, Bavas Filme irgendwie doch an den Arthouse-Diskurs andocken zu können: So wird dann eben LISA zu einem Film auf Augenhöhe mit Resnais' MARIENBAD, oder ECOLOGIA DEL DELITTO wird als Bavas SALÓ gelabelt, oder man findet plötzlich in der Maskierung des Killers von SEI DONNE PER L'ASSASSINO Anspielungen auf surrealistische Kunst, namentlich Gemälde von Magritte oder einen Kurzfilm von Man Ray (LES MYSTÈRES DU CHÂTEAU DU DÉ von 1929), in dem die Figuren in einer Szene mit ähnlicher Kopfbedeckung auftreten. Das hinter alldem stehende Narrativ ist freilich oft auf die simple Formel herunterzubrechen: Genrekino ist eigentlich eher doof, primitiv und wertlos; Bava aber ist ein verkappter Auteur; deshalb müssen seine Filme oberhalb des handelsüblichen Genrekinos rangieren. Was ja umso interessanter ist, da Bava in seinen wenigen Interviews selbst ja alles von sich behauptet hätte, nur nicht, irgendwelche Autorenkino-Ambitionen zu besitzen.

Alle besprochenen Bücher habe ich mir übrigens seinerzeit über die Uni als Fernleihe zukommen lassen, entweder gleich als PDF oder dann eigenhändig eingescannt, falls jemand Bedarf haben sollte. Ansonsten habe ich meine Zeit zu nutzen versucht, um mein Schulfranzösisch aufzubessern und mir ein zum Zweck des Lesens halbwegs ausreichendes Italienisch draufzuschaffen... ;-)
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