Audiokommentare - pro & contra

Alles, was nichts oder nur am Rande mit Film zu tun hat

Moderator: jogiwan

Benutzeravatar
buxtebrawler
Forum Admin
Beiträge: 43209
Registriert: Mo 14. Dez 2009, 23:13
Wohnort: Wo der Hund mit dem Schwanz bellt.
Kontaktdaten:

Re: Audiokommentare - pro & contra

Beitrag von buxtebrawler »

Auf der Anolis-Blu-ray des frühen Italo-Werwolf-Horrorfilms "Bei Vollmond Mord" befindet sich ein Audiokommentar des Trios Dr. Gerd Neumann, Matthias Künnecke und Christopher Klaese. Sie gehen auf die Anglisierung der Produktion und die Gründe hierfür ein, liefern weiterführende Informationen zu Drehbuchautor Ernesto Gastaldi und setzen sich damit auseinander, dass der Film in Deutschland eher als Krimi vermarktet worden war. Sie arbeiten Parallelen zu den Edgar-Wallace-Gruselkrimis heraus, sprechen über den Werwolf-Mythos in der Filmwelt, beschäftigen sich mit dem Regisseur und dem Schauspielensemble, mit den Synchronfassungen und ihren Unterschieden, mit der Filmmusik, dem Kameramann und dessen Technik und benennen spezielle Charakteristika des italienischen Genrekinos der damaligen Zeit. Das ist informativ und sachlich, vielleicht etwas trocken. Angenehm ist, wie man sich gegenseitig aussprechen lässt. Wenn der eine von ihnen um ein Wort ringt, das ihm auf den Lippen liegt, aber partout nicht einfällt, dürfte man ihm aber schon mal zur Hilfe kommen ;) Gedanklich abgeschweift, weil unkonzentriert geworden bin ich, als es bei einzelnen Darstellerinnen und Darstellern zu sehr ins Detail und über zu viele Ecken in Privatleben und Familienverhältnisse ging. So oder so macht aber auch dieser AK gewiss nicht dümmer und stellt somit einen Mehrwert dar.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)
Diese Filme sind züchisch krank!
Benutzeravatar
buxtebrawler
Forum Admin
Beiträge: 43209
Registriert: Mo 14. Dez 2009, 23:13
Wohnort: Wo der Hund mit dem Schwanz bellt.
Kontaktdaten:

Re: Audiokommentare - pro & contra

Beitrag von buxtebrawler »

Auf der empfehlenswerten Anolis-"Schatten einer Katze"-Blu-ray befinden sich gleich zwei Audiokommentare. Dr. Rolf Giesen kommentiert allein und ist bei diesem alten Schwarzweiß-Grusler natürlich in seinem Element. Er geht auf alle Beteiligten bis hin zum Tiertrainer ein, liefert reichlich Hintergründe zur Produktion und zur Frage, ob der Film in den britischen "Hammer"-Kanon gehört oder nicht, berichtet von den Studio-Räumlichkeiten und den Verbindungen zu Universal, kommt auf "Der Rabe"-Verfilmungen zu sprechen, stellt Spekulationen an, wie man auf die Idee zu diesem kam, nennt filmische vorbilder, erzählt ein bisschen was zur Geschichte von "Hammer", unternimmt einen Exkurs zum damaligen Fernsehen und Kinosterben, kehrt über die Kameraarbeit zu diesem Film zurück und weiß unappetitliche Details zur Arbeit mit Stubentiger Bunkie zu berichten. Giesen hat sogar Tipps zur Auswahl Filmdreh-geeigneter Tiere parat, berichtet vom "Kommissar Rex"-Casting und gestattet Einblicke in die persönliche Haustiersituation. Ferner zitiert er aus der ersten deutschen "The Black Cat"-Übersetzung. Geballtes Fachwissen, selten nah am Bild, dafür mit interessanten Abstechern. Irritierend ist indes, dass er Filmkater Bunkie plötzlich "Bungie" zu nennen anfängt...

Uwe Sommerlad und Volker Kronz haben den zweiten AK eingesprochen, wodurch es natürlich zu einigen Überschneidungen und Wiederholungen kommt. Schauspielensemble, Studio und Kulissen, die Produktionsfirma, der Regisseur, die Musik etc. werden pflichtbewusst abgehakt, allerdings sind die beiden wesentlich näher am Bild als Giesen. So hadern sie mit den Rückprojektionen, aber loben die Mimen und die Kameraarbeit. Sie diskutieren die Handlung und gehen auf Film- und Logikfehler ein, was den AK dann doch recht interessant macht. Abschweifen können sie auch, landen zwischenzeitlich bei William Castle. Interessanterweise handelte es sich laut ihren Informationen nicht nur um eine, sondern um mehrere "schauspielende" Katzen, die sich nur ähnlich sahen.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)
Diese Filme sind züchisch krank!
Benutzeravatar
buxtebrawler
Forum Admin
Beiträge: 43209
Registriert: Mo 14. Dez 2009, 23:13
Wohnort: Wo der Hund mit dem Schwanz bellt.
Kontaktdaten:

Re: Audiokommentare - pro & contra

Beitrag von buxtebrawler »

Auf der hervorragenden "La Orca"-DVD Camera Obscuras befindet sich ein dort "Audio-Interview" genanntes Gespräch Christian Keßlers mit der deutschen Hauptdarstellerin Rena Niehaus, das wie ein Audiokommentar über den Film gelegt wurde. Kein klassischer AK also, dafür ein sehr schönes Gespräch zwischen zwei Menschen, die sich bereits persönlich kannten und gegenseitig wertschätzen. Es geht um Niehaus' Schauspielkarriere, ihre Erfahrungen als Deutsche in Rom, ihre Kolleginnen und Kollegen, ihre Zusammenarbeit mit Regisseur Eriprando Visconti usw. - erfrischend frei von der Leber weg geplauderte Einblicke in längst vergangene Zeiten aus erster Hand. Wunderbar!
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)
Diese Filme sind züchisch krank!
Benutzeravatar
buxtebrawler
Forum Admin
Beiträge: 43209
Registriert: Mo 14. Dez 2009, 23:13
Wohnort: Wo der Hund mit dem Schwanz bellt.
Kontaktdaten:

Re: Audiokommentare - pro & contra

Beitrag von buxtebrawler »

Ich bin's wieder - der anscheinend einzige hier, der Audiokommentare hört :ugeek:

Auf der "Caltiki"-Blu-ray/DVD von Wicked-Vision befinden sich ja gleich vier an der Zahl, den beiden deutschsprachigen habe ich mein Ohr geschenkt.

Jörg Kopetz und Daniel Perée (Wicked-Vision-Geschäftsführer) gehen stark auf Lovecraft-Parallelen des Films ein und erfüllen ihren Bildungsauftrag u.a. damit, darüber zu informieren, dass die erste Geschichte mit einem Blob-Motiv in "Weird Tales" im Jahre 1923 aufgetaucht sei. Natürlich findet auch der Film "Blob - Schrecken ohne Namen" Erwähnung, der ein Jahr vor "Caltiki" erschienen war. Auch Parallelen zu "The Quatermass Xperiment" alias "Schock" werden herausgearbeitet - und resümiert, weshalb "Caltiki" der bessere Film sei. Die beiden gehen auf die verschollene ursprüngliche deutsche Synchronisation sowie die Neusynchro ein, Perée gewährt ein paar Einblicke in den Heimkino-Filmmarkt - und bei haben zusammen einen angenehmen Humor.

Jörg Buttgereit, Matthias Künnecke und Gerhard Midding beschäftigen sich mit den Spezialeffekten, der Kameraarbeit und generell den visuellen Elementen des Films und landen darüber bei Bava und dessen frühen Arbeiten. Die damals noch nicht selbstverständlich verwendetete Zoom-Technik wird ebenso diskutiert wie Fredas mutmaßlicher Anteil am Film. Ein interessanter Aspekt, auf den das Trio hinweist, ist dass ein Mad-Scientist-Motiv angetäuscht, aber nicht weiterverfolgt wird. Man geht ein wenig aufs Ensemble ein und diskutiert Fredas Stil sowie die Mythologie des Films, bevor man bei den Miniaturen landet, auf viele Details hinweist und die damit verbundene Technik erläutert. Bei letzterem erweist es sich natürlich als Gewinn, dass Buttgereit (der hier mit schöner Berliner Schnauze plaudert) bereits Erfahrungen als Filmemacher gesammelt hat. Nicht zuletzt erweist man dem Komponisten des symphonischen Soundtracks Roberto Nicolosi die Ehre. Eine sympathische, auch eher lockere Runde, der man gern beiwohnt.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)
Diese Filme sind züchisch krank!
Benutzeravatar
Maulwurf
Beiträge: 4019
Registriert: Mo 12. Okt 2020, 18:11
Wohnort: Im finsteren Tal

Re: Audiokommentare - pro & contra

Beitrag von Maulwurf »

buxtebrawler hat geschrieben: Do 4. Dez 2025, 15:16 Ich bin's wieder - der anscheinend einzige hier, der Audiokommentare hört :ugeek:
Deine Berichte über die Audiokommentare finde ich megainteressant, aber selber habe ich die Zeit einfach nicht, um mir sowas anzutun. Viel Hintergrundinformation, viel Analyse, sicher, und manchmal besser und manchmal schlechter. Aber in der gleichen Zeit könnte ich mir einen anderen Film anschauen. Oder lesen. Oder schlafen ... Nein, sorry, ich möchte die wenigen verbleibenden Jahre anders nutzen :shock:
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
Benutzeravatar
sid.vicious
Beiträge: 2744
Registriert: Sa 26. Jun 2010, 11:16
Wohnort: Bochum

Re: Audiokommentare - pro & contra

Beitrag von sid.vicious »

buxtebrawler hat geschrieben: Do 4. Dez 2025, 15:16 Ich bin's wieder - der anscheinend einzige hier, der Audiokommentare hört :ugeek:
Das kann durchaus sein.

Nach meinem Dafürhalten könnten die Audiokommentare eh abgeschafft werden. Und da es ja ein so genannter Mehrwert ist, könnten dann ja auch die teils horrenden Preise sinken.
Bild
Benutzeravatar
Arkadin
Beiträge: 11552
Registriert: Do 15. Apr 2010, 21:31
Wohnort: Bremen
Kontaktdaten:

Re: Audiokommentare - pro & contra

Beitrag von Arkadin »

sid.vicious hat geschrieben: Sa 6. Dez 2025, 12:18
buxtebrawler hat geschrieben: Do 4. Dez 2025, 15:16 Ich bin's wieder - der anscheinend einzige hier, der Audiokommentare hört :ugeek:
Das kann durchaus sein.

Nach meinem Dafürhalten könnten die Audiokommentare eh abgeschafft werden. Und da es ja ein so genannter Mehrwert ist, könnten dann ja auch die teils horrenden Preise sinken.
Das frustiert natürlich gewaltig, wenn man selber schon so einige Audiokommentare aufgenommen hat und weiß, wie viel Arbeit da in der der Vor- und Nachbereitung drin steckt (wenn man das vernünftig machen möchte, gibt natürlich auch andere).Andererseits höre ich ja aus Zeitgründen so gut wie nie einen Audiokommentar. Ausnahmen sind eigentlich nur, wenn mich eine Szene oder das Ende besonders beschäftigt, und ich da gerne mehr drüber hören möchte. Dummerweise habe ich die Erfahrung gemacht, dass genau auf den Aspekt, der mich dann sehr interessiert, nicht eingegangen wird. Da ich aber die Mechnismen hinter der Erstellung eines Audiokommentars gut kenne, habe ich da durchaus Verständnis für. Gerade wenn dieser von mehr als einer Person eingesprochen wird.

Wie sieht es denn mit anderen Extras aus? Liest, bzw. schaut ihr die denn? Da ich gerade wieder an zwei Booklets sitze - und immer das Gefühl habe, die liest eh keiner - würde mich das mal interessieren. Funfact: Habe mal an einem riesigen mehrstündigen Videospecial mitgearbeitet und einen richtig, RICHTIG fetten Fehler eingebaut (unabsichtlich). Der ist soweit ich das sehen kann bis heute niemandem aufgefallen. Da frage ich mich in der Tat, ob das je jemand geschaut hat.
Früher war mehr Lametta
***************************************************************************************
Filmforum Bremen
Weird Xperience
Benutzeravatar
Maulwurf
Beiträge: 4019
Registriert: Mo 12. Okt 2020, 18:11
Wohnort: Im finsteren Tal

Re: Audiokommentare - pro & contra

Beitrag von Maulwurf »

Arkadin hat geschrieben: Sa 6. Dez 2025, 13:06 Wie sieht es denn mit anderen Extras aus? Liest, bzw. schaut ihr die denn? Da ich gerade wieder an zwei Booklets sitze - und immer das Gefühl habe, die liest eh keiner - würde mich das mal interessieren.
Da ich Informationen eher visuell aufnehme, und nicht akustisch, lese ich Booklets tatsächlich sehr gerne. Gleich nach dem Film oder am nächsten Tag, wenn ich noch in der entsprechenden Stimmung bin, sehe ich einen guten Booklettext sehr wohl als wertvolle Ergänzung zum Film. Weniger vielleicht eine Analyse, und keine 30 Seiten weißer Text in Schriftgrösse XXS auf schwarzem Grund plus ein Maximum an Name-Dropping. Aber was hinter den Kulissen passierte, warum Mime A ausgewählt wurde anstatt Schauspieler B, warum der Produzent so entschieden hat wie er entschieden hat, und vor allem natürlich das Vorspiel zum Film, der Weg von der Idee zum Drehbuch, sowas lese ich voller Begeisterung.

Und dass ich für ein Booklet keine 90 Minuten benötige ist halt der Benefit ... :oops:
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
Benutzeravatar
karlAbundzu
Beiträge: 10351
Registriert: Fr 2. Nov 2012, 20:28
Kontaktdaten:

Re: Audiokommentare - pro & contra

Beitrag von karlAbundzu »

Maulwurf hat geschrieben: Fr 5. Dez 2025, 08:02
buxtebrawler hat geschrieben: Do 4. Dez 2025, 15:16 Ich bin's wieder - der anscheinend einzige hier, der Audiokommentare hört :ugeek:
Deine Berichte über die Audiokommentare finde ich megainteressant, aber selber habe ich die Zeit einfach nicht, um mir sowas anzutun. Viel Hintergrundinformation, viel Analyse, sicher, und manchmal besser und manchmal schlechter. Aber in der gleichen Zeit könnte ich mir einen anderen Film anschauen. Oder lesen. Oder schlafen ... Nein, sorry, ich möchte die wenigen verbleibenden Jahre anders nutzen :shock:
Team Maulwurf. Gerade als Beispiel: King Of New York hat zwei Audio-Kommentare, einer von Abel selbst: Finde ich eigentlich total interessant, aber bevor ich den nochmal mit Kommentar anschaue, würde ich eher einen meiner 100 anderen ungesehenen Filme ansehen. Eine Zeitlang habe ich solche Filme zum wiederansehen mit Kommentar hingelegt, aber das dauert zu lang, und so wandern sie.

@arkadin alle anderen Sachen schaue ich mir an: Das Bokklet wird gelesen, alle Bewegtbilder inklusive Trailer zumindest angefangen. Videoessays eigentlich auch immer.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
Antworten