Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

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Moderator: jogiwan

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jogiwan
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitrag von jogiwan »

Swingers

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01.jpg (14.41 KiB) 82 mal betrachtet
Der eher erfolglose Komiker Mike hat sich vor sechs Monaten von seiner Freundin getrennt und kommt trotz seiner Übersiedelung von New York nach Los Angeles irgendwie nicht darüber hinweg. Sein Freund Trent versucht ihn auf andere Gedanken zu bringen und fährt mit ihm nach Las Vegas um Frauen abzuschleppen, doch Mike ist gedanklich immer bei seinem Anrufbeantworter und wartet sehnsüchtig auf eine Nachricht seiner Ex. Zwischen Casting, Absage und der Suche nach dem Sinn des Lebens bleibt aber für den Komiker und seine Freunde immer genug Zeit für angesagte Partys und Clubs und eines Tages trifft er auch auf eine junge Frau, die ihn seine Vergangenheit vergessen lässt.

Nach dem spaßigen Episodenfilm „Go“, der mir ausnehmend gut gefallen hat, war ich umso mehr auf den Vorgänger „Swingers“ gespannt, der ja allgemein sehr gut anzukommen scheint und Doug Liman ins Licht der Indie-Filmszene katapultierte. „Swingers“ entpuppt sich aber leider als typischer Neunziger-Laber-Film mit männlichen Protagonisten, der heutzutage leider so gar nicht mehr cool oder gar zeitgemäß erscheint. Die männlichen Figuren sind eigentlich allesamt Loser und Blender und ihr Selbstwertgefühl wird hier vor allem durch die Abwertung weiblicher Figuren und dem männlichen Mitbewerb erreicht. Dazwischen wird Party gemacht und die Protagonisten leben unbeschwert in den Tag, wie es in den Neunzigern so in Erinnerung hat. Dass in Los Angeles der Neunziger von jungen Leuten aber Swing- und Jazz-Lokale besucht wurden, während sich in Europa längst eine lebendige Rave- und Techno-Kultur entwickelt hat, wirkt etwas seltsam und auch das Menschenbild und der Humor wirkt antiquiert und nicht gerade am Puls der Zeit. Eher wie ein etwas selbstverliebtes Portrait über toxische Männlichkeit und einer Stadt, die in den Neunzigern auch schon etwas den Status als Sehnsuchtsort eingebüßt hatte. „Swingers“ ist weder sonderlich lustig, noch spannend, bietet inhaltlich wenig Mehrwert und scheitert irgendwie auch in Punkto Zeit- und Lokalkolorit. Eigentlich handelt der Streifen von uninteressanten Figuren, die man nicht kennen möchte, Selbstüberschätzung, Jazz, nervigen Dialogen und darf auch gerne „kapital“ in seiner Entstehungszeit belassen werden.
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jogiwan
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitrag von jogiwan »

Lebe lieber ungewöhnlich

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01.jpg (71.3 KiB) 52 mal betrachtet
Zwei Engel mit mieser Erfolgsbilanz in Liebesdingen bekommen von ganz oben den Auftrag ein menschliches Paar zu verkuppeln und in ewiger Liebe zu vereinen. Auf den ersten Blick haben die abgeklärte Millionärstochter Celine und Robert aber nur wenig gemeinsam und der Plan diese zu vereinen aussichtslos. Letzterer hat gerade seinen Putz-Job in der Firma von Celines Vater verloren und auch seine Freundin hat gerade Schluss gemacht und es kommt zu einem Akt der Verzweiflung. Wie es das Schicksal aber so will, sind beide wenig später jedoch gemeinsam unterwegs - er als Entführer und sie als Geisel, wobei auch Celine mit ihrem Vater noch eine Rechnung offen hat und sich der Roadtrip der Beiden dadurch auch etwas anders als geplant entwickelt…

Danny Boyles spaßiger Entführungstrip läuft ja irgendwie bei vielen völlig zu Unrecht unter dem Radar, wobei es sich hier wirklich um eine originelle und schwer unterhaltsame Mischung aus Roadmovie, unorthodoxer Liebesgeschichte mit leichten Fantasie-Einschlag und schwarzhumoriger Komödie handelt. Die Geschichte entwickelt sich immer etwas anders als erwartet, ist temporeich und kurzweilig und auch die Sache mit den Engeln ist hier alles andere als himmlisch gelöst. Zu viel vom Inhalt will man auch gar nicht verraten und ich fand den seinerzeit auch schon klasse und auch das Wiedersehen hat mir sehr viel Freude bereitet. Die Darsteller haben sichtlich Spaß, die Nebenrollen sind hochkarätig besetzt und irgendwie bietet „A Life less Ordinary“ immer einen sehr schelmischen Humor und eine Unberechenbarkeit, die mir bei so vielen aktuellen Produktionen einfach abgeht. Danny Boyle ist hier am Wendepunkt zwischen britischen Indie-Film und amerikanischen Mainstream und „Lebe lieber ungewöhnlich“ vereint beide Seite harmonisch in einem Film, dessen Wiederentdeckung sich einfach lohnt.
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jogiwan
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitrag von jogiwan »

L'inceneritore

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01.jpg (31.82 KiB) 37 mal betrachtet
Am Rande einer großen Stadt in der Nähe einer großen Müllverbrennungsanlage steht ein Haus, welches von skurrilen Mietern bewohnt wird. Ein buckliger Arzt mit der Gabe alle Krankheiten zu heilen, ein Geschwisterpaar mit etwas zu viel Liebe füreinander, eine spanische Prinzessin auf Urlaub und noch viele andere Figuren, die mit ihrem Verhalten eher als auffällig zu bezeichnen wären. Zur gleichen Zeit macht auch eine brutale Mordserie die Stadt unsicher, doch anstatt Leichen der Opfer, werden immer nur ein Anhänger mit einem Bildnis der drei Affen gefunden, von denen einer nichts hört, einer nichts sieht und einer nichts spricht. Als immer mehr Menschen verschwinden, macht sich langsam Panik breit, die auch die Bewohner des Hauses erreicht, die jedoch durch die Abgase der Müllverbrennungsanlage ohnehin schon verrückt geworden sind…

„L'inceneritore“ zu deutsch „Der Verbrennungsofen“ ist ein hochgradig seltsamer Film von Pier Francesco Boscaro dagli Ambrosi, der jahrzehntelang einer Veröffentlichung harrte und nun endlich offiziell veröffentlicht wurde. Die Produktionsgeschichte war von Geldmangel geprägt und laut Wikipedia hat der Regisseur sogar mit einer Protestaktion am Kolosseum auf seinem Film aufmerksam machen wollen, jedoch nur mit mäßigem Erfolg. Der Film selbst ist zwar kurios, aber leider auch eine sehr sonderbare Mischung aus Sozialsatire, Horrorfilm, Culture-Clash und streift das Mad-Scientist-Genre genauso wie Umweltproblematik und Gesellschaftskritik mit einer Art Humor, die mir so überhaupt nicht zugesagt hat. Die Laiendarsteller sind allesamt eher furchtbar und auch Flavio Bucci hat eher eine undankbare Rolle als buckliger Wissenschaftlicher. Die Morde sind zwar durchaus brutal inszeniert, passen aber nicht zum Rest und spannend oder gar gruselig ist der Streifen auch nicht. Was sich in der Inhaltsangabe noch als "The Crazies"-Variante anhört, entpuppt sich eher als mäßig funktionales Panoptikum italienischer Gesellschafts-Befindlichkeiten überzeichneter Ausprägung. Zudem störte mich hier auch der Umgang mit Tieren, die durch die Gegend geworfen oder mit Klebeband an Gerätschaften montiert werden. Im Grunde ist alles ein heilloses Durcheinander und ein Sammelsurium an Ideen, die nicht zueinander finden wollen, sodass die eigentliche Idee auf Umweltaspekte aufmerksam zu machen, auch völlig untergeht. Die Fassung von Oblivion setzt sich aus unterschiedlichen Material zusammen und ist für Interessierte die beste Wahl, sich diesen „Lost Film“ endlich zu Gemüte zu führen.
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jogiwan
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitrag von jogiwan »

Das Schlafzimmerfenster

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01.png (103.37 KiB) 12 mal betrachtet
Architekt Terry hat eine Affäre mit Silvia, der Frau seines Chefs, die wiederum spät in der Nacht zufällig aus dessen Schlafzimmerfenster einen Übergriff auf eine Frau beobachtet. Als am nächsten Tag ein Mord ganz in der Nähe gemeldet wird und Terry seine Affäre schützen möchte, gibt er bei der Polizei an, den Übergriff beobachtet zu haben und liefert ihre genaue Personenbeschreibung als die eigene. Wenig später wird auch ein Verdächtiger festgenommen, der jedoch weder vom Opfer noch von Terry bei der Gegenüberstellung eindeutig identifiziert wird. Bei weiteren Befragungen verheddert sich der Architekt auch immer weiter in Widersprüche, sodass der Verdächtige freigelassen wird, Terry bald selbst in den Kreis der Verdächtigen aufrückt und sich und sein Umfeld so auch in große Gefahr bringt.

Routiniert in Szene gesetzter Thriller mit allerlei bekannten Versatzstücken, die zeigen, wie schnell man selbst in die Schusslinie gerät, wenn man eigentlich nur seiner Bürgerpflicht nachgehen möchte. Terry meldet ein Verbrecher, dass aber in Wirklichkeit nicht er, sondern seine Affäre beobachtet hat. Um diese zu schützen, nimmt er alles auf sich, was jedoch bald mit weiteren Konsequenzen verbunden ist, als der vermeintliche Täter freigelassen werden muss. Dabei ist Steve Guttenberg natürlich der „good guy“, der sich selbst auf die Suche nach dem Täter macht und sich noch weiter ins Schlamassel reitet. Dabei ist „Das Schlafzimmerfenster“ eher ein „Slow Burner“ und beginnt recht harmlos um die Spannungsschraube in seinem Verlauf immer weiter anzuziehen. Isabelle Huppert in einem ihrer wenigen Hollywood-Filme ist natürlich wunderbar anzuschauen und ihr französischer Akzent in der Originalfassung natürlich sowas von liebenswert. Auch der Rest ist gut gemacht und der Film eigentlich super, auch wenn er wohl darunter leidet, dass man Herrn Guttenberg nun einmal eher mit seinen „Police Academy“-Filmen in Verbindung bringt und dieses auch auf andere Rollen überträgt. Mit vielen, vielen Jahren Abstand ist Curtis Hansons „Das Schlafzimmerfenster“ aber ein gelungener Achtziger-Thriller mit schönen Menschen, stylischen Wohnungen und einer Extra-Prise unterkühlten French-Chic.
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