The possession of Mrs. Hyde
USA 2018
Regie: Axel Braun
Avi Love, Seth Gamble, Tom Byron, Jessica Drake, Kenna James, Reagan Foxx, Charlotte Stokely, Victoria Voxx, Ramon Nomar, Alex Legend, Dustin Daring
OFDB
Wie sieht Porno-Chic in den späten 10er-Jahren des 21. Jahrhunderts aus? Junge, immergleich aussehende Mädchen mit gigantischen Plastikmöpsen hüpfen gefühlt stundenlang auf perfekt gebauten Männern mit Riesenpimmeln, lassen sich schlagen und anspucken, und wenn es mal keine jungen Mädchen sind, dann regiert die Tendenz zur älteren Frau (also alles was älter ist als 18 Jahre …). Hochleistungsfick heißt der Trend, und die Generation, die mit diesen Eindrücken am Handy groß wird, um deren sexuelle Entwicklung tut es mir jetzt schon leid.
Aber es gibt Ausnahmen! Immer wieder einmal läuft dem Rezipienten ein Film über den Weg, der tatsächlich eine Geschichte erzählt, und der diese Geschichte auch in schöne und druckvolle Bilder packt. David Aaron Clarks PURE ist zum Beispiel so ein Film, der trotz gewisser Anbiederungen an den Zeitgeist durch seine düstere Story und die zum Schluss hin zutiefst verstörenden Bilder viel Eindruck hinterlässt. Oder eben THE POSSESSION OF MRS. HYDE, der in bestechenden Schwarzweiss-Fotografien eine abgründige Geschichte von Begierde und Besessenheit erzählt.
Valerie ist ein junges Mädchen in Kalifornien. Die Familie ist reich, die Mutter ist eine Glucke, die Freundin ist quietschig, das Wetter ist schön, und der junge Chemiker John Hill, der als Aushilfe bei der Familie arbeitet, ist attraktiv. Das Leben könnte schön sein, aber Valerie leidet unter sexuellen Schüben, nach denen sie nicht weiß, ob da wirklich etwas war, oder ob sie sich das nur eingebildet hat. Bei einem Besuch in einem Haus hört sie ihren Namen flüstern, der Fernseher schaltet sich von selbst ein, ein junger Mann spricht sie vom Bildschirm aus direkt an und fickt dann lang und ausgiebig mit ihrer Gastgeberin und ihrer Freundin, die beide eigentlich im Nebenraum stehen sollten. Alle drei Teilnehmer schauen während des Ficks immer wieder gezielt in Valerie Richtung und lächeln abgründig. Ein Traum?
Der Schock ist groß, als Valerie beim Rechtsanwalt Dr. Hyde ein Päckchen abholen soll, und Hyde sich als der Mann vom Fernseher entpuppt. Sie fällt in Ohnmacht und hat in der Folge heftigen Sex mit Hydes Sekretärin auf der Toilette des Büros. Doch als sie sich umdreht – ist die Sekretärin fort, und sie steht nackt vor dem Spiegel. Ein Traum?
So langsam wird dem Zuschauer mittlerweile auch bewusst, dass die Episoden sich um Erzählungen in Form von Rückblenden handeln – Valerie sitzt in einem Vernehmungsraum und wird von einer Polizistin verhört. Sie scheint jemanden ermordet zu haben, was sie aber vehement abstreitet …
Dr. Jekyll, ein Mittelding aus einem Psychiater und einem Alchimisten, attestiert Valerie eine multiple Persönlichkeit, was aber kein Hinderungsgrund für Hyde ist: Valerie und Hyde heiraten und sind zwei Jahre lang glücklich miteinander, bis eines Tages John Hill mit Fotos ankommt, die sexuelle Ausschweifungen von Valeries Mutter zeigen. Valerie bekommt wieder einen Schub und sieht ihre geliebte und heilige Mutter, wie sie mit zwei Deckhengsten, von denen einer aussieht wie Superdupont, schwülen und feuchten Sex hat, während ihr eigener Ehemann sie zwingt dabei zuzuschauen.
Axel Braun, der Sohn des großen Pornofilmers Lasse Braun, macht hier vieles von dem, was heutzutage nach landläufiger Meinung einen Porno ausmacht, „falsch“. Schon dass der Film in Schwarzweiss gedreht ist, dürfte den Mainstream-Konsumenten eher abschrecken. Aber was für Schwarzweiss! Die kontrastreichen Bilder erinnern in ihrer Tiefe und ihren Schattenwürfen oft an die Noirs der 40er-Jahre. So ist beispielsweise nach dem Sex auf der Toilette, der bereits die Qualität von bewegten Gemälden hat, die Persönlichkeitsspaltung Valeries klar zu sehen: Valerie schaut in den Spiegel, und ihr Schatten steht für sich an der Wand und scheint sich zu verselbständigen. Vor allem die Sexszenen bekommen eine Qualität und eine Tiefe, die sie weit aus der Masse herausheben. Billig ist hier gar nichts, gerade die Kameraarbeit und das Licht sind perfekt gesetzt und hieven den Film technisch gesehen locker in die gleiche Klasse wie zum Beispiel LAURA. Und da meine ich sehr wohl den Klassiker aus dem Jahr 1944 …
Die Kamera mag es ebenfalls, die Gesichter in Großaufnahmen zu zeigen. Das Gesicht der jungen Avi Love, wie sie während des Ficks lacht, stöhnt, Lust hat, einen Orgasmus erlebt … Kaum zu glauben, dass die Darstellerin zum Zeitpunkt des Drehs bereits zwei Jahre im Geschäft war und einiges an Sexfilmen im Gepäck hatte, so natürlich und unverbraucht wie sie wirkt. Überhaupt sind alle Schauspieler dieser Berufsbezeichnung auch wirklich würdig. Die HC-Veteranin Jessica Drake muss sich als vernehmende Polizistin nicht einmal mehr ausziehen. Ihr Gesicht wird in kühlen Aufnahmen auf den Bildschirm geworfen und offenbart eine Schönheit und innere Erotik, die nicht von ihrem überdimensionierten Körper abgelenkt und vereinnahmt wird, und so in noch keinem ihrer Filme zu sehen war. Auch Charlotte Stokely als Sekretärin wird in überwältigenden Großaufnahmen gezeigt. Allein ihr Gesicht beim Sex mit Avi Love ist bereits ein kleines Wunder für sich. In diesem Zusammenhang fällt auch auf, dass Braun kaum Großaufnahmen von Geschlechtsteilen zeigt, sondern diese im Gegenteil sogar oft in die Schatten drängt. Klar, wenn Valerie auf Hyde herumhüpft, dann ist natürlich alles zu sehen was gesehen werden soll. Aber der erotische, gut inszenierte und überhaupt nicht herabwürdigende Sex findet generell eher in der Halbtotalen statt, die Großaufnahmen werden für die Gesichter reserviert.
Bemerkenswert ist auch, dass außer der Mutter (Reagan Foxx) alle Frauen normal gebaut sind. Keinerlei Kunsttitten baumeln monströs durch die Gegend, und keine aufgespritzten Lippen lassen vor Küssen zurückschrecken. Stattdessen wirken die Darsteller oft sogar schlecht geschminkt, sieht man doch immer wieder Pickel im Gesicht oder veraltete und nachgewachsene Intimrasuren. Im modernen Hochglanz-HC ein No-Go, aber Axel Braun integriert diese Natürlichkeit in seinen Film und erzeugt damit ein ganz eigenes Flair.
Nur Reagan Foxx, die Supermutter, die Glucke, die Herrin über Valerie, die schaut aus wie Pornostars heutzutage so aussehen sollen. Sie ist auch die einzige die es mit zwei Männern gleichzeitig aufnehmen kann, und diese Männer sind auch die einzigen im Film, die eher wie Deckhengste aussehen und nicht wie normale Männer. Ist der Chauffeur nicht sogar ein klein wenig zu dick? Dr. Hyde ist auf jeden Fall angenehm normal gebaut, ja er hat sogar ein kleines Bäuchlein, und die Mutter könnte er wahrscheinlich niemals befriedigen. Mutter, nein: MUTTER wird als Überwesen dargestellt, und es stellt sich die Frage, inwieweit sie nicht die Krankheit ihrer Tochter möglicherweise sogar vorantreibt. Denn die Blicke, die MUTTER immer wieder in Richtung ihrer Tochter wirft, das Bestehen auf der Einnahme der recht ominös wirkenden Medikamente, eine offensichtliche Partnerschaft zwischen MUTTER und Dr. Jekyll … Könnte MUTTER Angst haben vor einem Kontrollverlust? Sind vielleicht Eifersucht und ein raffinierter Mordplan im Spiel?
Wir werden es nie erfahren, so wie ich mich auch sehr schwer getan habe herauszufinden, wer denn nun eigentlich ermordet wurde. Der Mann, dem Valerie am Ende ein Messer in den Hals stößt, den scheint es laut Aussage der Polizistin nie gegeben zu haben. Aber wer saß denn dann auf dem Sofa? War der Fernseher in der ersten Szene wirklich an? Hatte Valerie Sex mit dem Chauffeur? Viele offene Fragen, und auch dies ist ungewöhnlich für einen Film im 21. Jahrhundert, gleich ob HC oder Mainstream – Axel Braun traut sich, den Zuschauer mit einer fragmentierten Handlung und offenen Fragen in die Nacht zu schicken, und ihn in seinem Kopf nicht nur über die kleinen und sehr hübschen Brüste von Avi Love spekulieren zu lassen, sondern auch und vor allem über wesentliche Teile der Handlung. Und so etwas kann gar nicht hoch genug bewertet werden …
Das einzige, was man THE POSSESSION OF MRS. HYDE vorwerfen kann ist, dass er zu lang ist. Dass die Nebenhandlung um die MUTTER vielleicht ein wenig aufgepfropft wirkt, um dem Mainstream-Seher das erwartete Vergnügen abseits der verstörenden Handlung zu bieten. Und dass vor allem die Sex-Szenen deutlich zu lang sind, und leider halt doch wieder in Richtung des olympiareifen Dauerficks tendieren, oscarreife Fotografie hin oder her. Aber das ist das berühmte Jammern auf sehr hohem Niveau – Wenn die Masse des Porno-Ausstoßes der letzten Jahre die Qualität dieses Films hätte, dann wäre es um den Ruf des Hardcorefilms bei weitem nicht so schlecht bestellt, und ich habe halt nun mal eine gewisse Vorliebe für die schnellen und knackigen F(l)icks der 70er-Jahre …
7/10