bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Moderator: jogiwan

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buxtebrawler
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Dann gab's noch mal

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Hard Rock Zombies

...und zwar diesmal im Kino.

Hier meine alten Notizen, wobei mir diesmal wesentlich stärker die satirischen Aspekte auffielen:

„Holt die braune Unterwäsche raus, die ganze Welt soll sie sehen! Heut ist der Tag der Tage, auch der kritischen Tage, meine Damen! Es gibt viel zu tun, fangt schon mal an! No hope, no dope, no future! Überall wo ich bin, herrscht Chaos, aber ich kann nicht überall sein! Ich fordere Freiheit für Luis Trenker, nieder mit dem Watzmann, nieder mit der Schwerkraft, es lebe der Leichtsinn! Lieber Petting statt Pershing, lieber geil als cruise missile, lieber kopulieren als koalieren! Amis raus aus USA, Winnetou ist wieder da!“

Oh mein Gott! Was der indische (!) Regisseur Krishna Shah im Jahre 1984 mit der US-Produktion „Hard Rock Zombies“ abgeliefert hat, ist definitiv der schlimmste aller „Horror meets Metal“-Filme, die die 1980er hervorgebracht haben. „Hard Rock Zombies“ ist sozusagen der Troma-Film, der keiner war, denn an jene freiwilligen Trasher erinnert dieses völlig überdrehte Machwerk doch stark. Neben Hardrock- bzw. Metal-Klischees hagelt es Geschmacklosigkeiten am laufenden Band, wenn Jesse und seine Band auf Tour ins kleine Kaff Grand Guignol (man beachte den Namen und sehe notfalls bei Wikipedia nach...) kommen und sich mit einer debilen, ablehnenden Dorfbevölkerung konfrontiert sehen, welche der Gruppe übel mitspielt. Obwohl Jesse noch konstatiert „Ohne Rock keinen Bock!“ hat dort kaum jemand Bock auf Rock, lediglich die niedliche Cassie hegt Sympathien, doch ihre Warnungen werden nicht ernst genommen. So kommt es, wie es kommen muss (?) und die Band wird nach einer Probe in die nicht ganz so ewigen Jagdgründe ähm... gejagt. Es stellt sich nämlich bald heraus, dass es sich bei der wahnsinnigen Familie nicht etwa um herkömmliche Südstaaten-Asis, sondern um den GröFaZ höchstpersönliche sowie dessen Frau Eva und ihre (kleinwüchsigen) Nachkommen handelt. Doch glücklicherweise verhilft die Kraft des Rock’n’Roll den Musikern zu einer zweiten Karriere als untote Nazi- und Ghoul-Jäger, so dass dem Siegeszug der „Hard Rock Zombies“ gegen größenwahnsinnige Diktatoren nichts mehr im Wege steht.

„Das ist ja alles wie in einem billigen Film!“, heißt es da, und das trifft es auf den Kopf: „Hard Rock Zombies“ macht zu keiner Sekunde einen Hehl daraus, eben genau das zu sein: Ein billiger Film, ein Trash-Exploiter par excellence, ein Feuerwerk des schlechten Geschmacks. Der Film wirkt wie eine Semi-Amateur-Produktion, schauspielerische Leistungen, die Qualität der durchaus vorhandenen Masken- und Splattereffekte etc. bewegen sich auf unterem Niveau, doch darum geht es auch gar nicht. Es sind vielmehr die unglaublichen Ideen, die die Handlung dem Zuschauer auftischt und mit einer irrsinnigen Freude zelebriert, ohne sich dabei zu schämen, ganz im Gegenteil: Es wird ständig noch einer draufgesetzt, lediglich die hochprofessionellen, aber superkitschigen Kommerzrock-Songs von Emmy-Gewinner Paul Sabu, die zu diesem Film passen wie der Papst auf ein Black-Metal-Konzert, laden zu Verschnaufpausen ein. Ob Sabu wusste, wofür er seine Stücke beisteuert? Leider spielt die Band auch in zombifiziertem Zustand keinen Death Metal... Ach ja, und unbedeckte, sekundäre weibliche Geschlechtsmerkmale dürfen bei dieser Sause natürlich ebenso wenig fehlen wie eine nette Romanze.

Als das seltsame Familienoberhaupt sich seine Maske vom Kopf reißt und als Hitler zu erkennen gibt, wäre ich fast vom Stuhl gekippt. Doch damit nicht genug, die Dialoge – allen voran Hitlers Geplapper (unbedingt die ungeschnittene Fassung sichten!) – sind der absolute Hammer und eigentlich allesamt zitierwürdig („Je mehr Leute man unter die Erde bringt, desto weniger verpesten sie die Luft!“). Das spare ich mir aber genauso wie eine Aufzählung aller idiotischen Szenen wie die eines sich selbst aufessenden Zwergs in einer Latexmaske, Hitlers Enkelkinder, die Opa beim Sex zusehen wollen und auch dürfen oder Eva Brauns zweite Identität als Werwölfin. Selbst ansehen lautet die Devise, aber Vorsicht: Mit dem einen oder anderen Troma-Film, Naziploiter oder einem harmloseren Vertreter trashigen Musikhorrors sollte man sich schon einmal auseinandergesetzt haben – anderenfalls liefe man Gefahr, einen schwerwiegenden Kulturschock zu erleiden. Und für Menschen, die nicht über genügend Distanz zu den Greuel des Dritten Reichs verfügen, dürften all die Hakenkreuze und Hitlers von einem dreifachen „Sieg Heil!“ abgeschlossene Lobrede auf seine Gaskammerkonstruktion eindeutig zuviel sein.

P.S.: Ob die Rechtschreibfehler im Abspann Absicht waren, um den Trash-Aspekt noch einmal zu unterstreichen...?
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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The Last Warrior - Der Kämpfer einer verlorenen Welt

Bevor der US-Amerikaner David Worth Kampfsport-Filme wie „Karate Tiger 3 – Der Kickboxer“ oder „Lady Dragon“ drehte, ließ er sich im Jahre 1983 verpflichten, als seine dritte Regie-Arbeit die italienisch-US-amerikanische Koproduktion „The Last Warrior - Der Kämpfer einer verlorenen Welt“ zu inszenieren. Gerüchten zufolge habe es für den Endzeit-Rip-Off keinerlei Drehbuch, lediglich ein Filmposter gegeben. Den Rest habe man Worth‘ Fantasie überlassen…

Das Ergebnis liest sich zunächst wie folgt: Nach dem großen Atomkrieg düst Rider (Robert Ginty, „Der Exterminator“) mit seinem sprechenden Motorrad durch die Postapokalypse, wird von fremden Kämpfern angegriffen und in einen Unfall verwickelt. Als er aus der Ohnmacht erwacht, tritt eine im Verborgenen operierende Gruppe Rebellen mit der Bitte an ihn heran, sie im Kampf gegen des Despoten Prossor (Donald Pleasence, „Halloween – Die Nacht des Grauens“) zu unterstützen und Professor McWayne (Harrison Muller Sr., „Hansel and Gretel“) aus dessen Klauen zu befreien. Voller Skepsis lässt sich Rider überreden und begibt sich mit Professoren-Tochter Natasha (Persis Khambatta, „Star Trek – Der Film“) in die Hauptstadt zu Prossors Hauptquartier. Die Befreiung des Professors glückt, doch gelingt es Prossor und seiner „Omega Force“, Natasha gefangenzunehmen und sie einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Rider ist fest entschlossen, auch Natasha zu befreien…

Nicht viel Neues also in den italienischen Kieskuhlen und in die unausgegorene Handlung führt dann auch gleich mal eine geschwätzige, seitenlange Texttafel im „Krieg der Sterne“-Look inkl. Rechtschreibfehlern ein. Die dystopische Postapokalypse nimmt man dem Streifen kaum ab, zu prächtig grün erscheint die Landschaft außerhalb der Kiesgrube und Prossors Betonklötzen. Riders futuristisches Motorrad ist (zumindest in der deutschen Fassung) ähnlich mitteilungsfreudig wie The Hoffs Kumpel K.I.T.T. und damit nur einer von vielen albernen Einfällen. Robert Ginty mimt den schweigsamen desinteressierten erst Anti-, dann Helden, ohne seine Mimik überbeanspruchen zu müssen. Eindrucksvoller ist da Pleasence als Dr.-Evil-Lookalike, der eine nicht zufällig an das Dritte Reich und „1984“ erinnernde Diktatur aus dem Endzeitboden gestampft hat. In diese comichafte Überzeichnung reihen sich spaßmachende Masken, Stunts und Explosionen ebenso ein wie die eine oder andere krude Idee sowie Fred Williamson („The Riffs – Die Gewalt sind wir“) in einer Nebenrolle. Zahlreiche Verweise auf „Mad Max“ dürfen natürlich nicht fehlen. Herausragend indes ist Daniel Patucchis Synthesizer-Soundtrack, der sich auch losgelöst vom Film in Ohr gräbt, während die künstliche Geräuschkulisse z.B. bei Schüssen irritiert.

Wie so oft ist auch hier der (gar nicht mal so) verwüstete Kontinent vielmehr ein Dorf; den Eindruck einer in Scherben liegenden Welt, einer globalen Katastrophe und ihrer Folgen, kann Worth nicht vermitteln. Dafür lässt er aber eine Sekte wunderheilen und SS-Uniformen tanzen. Gar heiter ist’s nach dem Atomkrieg.

Genre-Aficionados werden ihre Freude haben; lediglich grundsätzlich Interessierte greifen besser zu anderen Italo-Beiträgen zum Subgenre.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Blank City

Lange bevor New York City zur gepflegten Hochglanz-Metropole wurde, war der „Big Apple“ für Außenstehende oftmals gleichbedeutend mit einem heißen Pflaster voller Kriminalität, Drogen und Elend. Damit jedoch bot die Stadt auch günstigen Wohnraum für junge Menschen ohne großen Mammon und zog kreative Köpfe an. Celine Danhiers Dokumentarfilm „Blank City“ aus dem Jahre 2010 greift die Zeit von Mitte der 1970er bis Anfang der 1980er auf, in der Nachwuchs-Filmemacher wie Jim Jarmusch, Susan Seidelman und Vincent Gallo das spontane No-Budget-Independent-Kino von Vorreitern wie Warhol & Co. aufgriffen, auf individuelle Weise fortführten und damit die „No Wave“-Kino-Bewegung begründeten, die schließlich in das „Cinema of Transgression“ überging.

Danhier lässt zahlreiche Protagonisten der Bewegung zu Wort kommen, die seinerzeit ohne große Ansprüche, filmische Ausbildung oder nennenswerte finanzielle Mittel Underground-Filme oftmals Grenzen auslotenden und überschreitenden oder experimentellen Inhalts mit Unterstützung ihrer Freunde drehten und in kleinen Kinos aufführten – woraus sich im Laufe der Zeit immer ernstzunehmendere Werke entwickelten, die auf immer größeren Publikumszuspruch stießen. Die Ausführungen der Filmemacher, Schauspieler etc. sind gespickt mit zahlreichen Anekdoten und vermitteln die kreative Aufbruchsstimmung der damaligen Ära; unterlegt wurden sie mit einer Vielzahl an Filmausschnitten, ein Großteil davon in Schwarzweiß, sowie diversen historischen Konzerteindrücken, die die im Film herausgestellten Punk-Bezüge und -Überschneidungen illustrieren.

Doch auch die Schattenseiten finden Berücksichtigung: Drogensucht und Aids rafften traurigerweise viel zu viele Menschen aus dem „No Wave“-Umfeld frühzeitig dahin, Gentrifizierung und Kommerz vertrieben und zerstörten die Grundlagen der Bewegung. Insgesamt gelingt es Danhier prima, jene US-amerikanische Bewegung anhand von Zeitzeugen nachzuzeichnen, die so wichtig für die weitere Entwicklung unabhängigen Kinos wurde, und dabei gleichsam inspirierend auf die Zuschauer aktueller Generationen zu wirken. Neben bereits genannten bekannteren Namen konnte Danhier weitere Stimmen von Amos Poe, Eric Mitchell, Michael Oblowitz, John Waters, Lydia Lunch etc. gewinnen und somit eine beachtliche Anzahl Mitverantwortlich vor die Kamera bekommen. Stilistisch verfolgt „Naked City“ konsequent die Linie, auf einen Sprecher oder Fragesteller zu verzichten und ausschließlich mit O-Tönen zu arbeiten, worin hier auch die Herausforderung liegt: Nämlich die einer sinnstiftenden Montage und eines entsprechenden Schnitts, um einen roten Faden erkennen zu lassen und nicht von einem Nebenschauplatz und Zeitpunkt zum anderen und zurück zu springen. Für Laien wären diesbzgl. ein paar Handreichungen wie Zeitleisten o.ä. evtl. nützlich gewesen, denn auch in seiner postproduzierten, aufgeräumten Form erscheint „Blank City“ bisweilen nahezu überladen, gleichzeitig hektisch – damit jedoch auch stets quirlig genug, um seiner Thematik und ihren Machern gerecht zu werden.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitrag von buxtebrawler »

Konzert-Videos bespreche ich hier ja eigentlich nicht, dennoch ein paar Worte zu:

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The Sex Pistols - There'll Always Be an England

"I'm a very pretty big cunt!"

Die Scheibe zeigt ein Live-Konzert der Sex Pistols in der Brixton Academy anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des „Never Mind the Bollocks, Here's the Sex Pistols“-Albums im November 2007. Es wurde unter der Regie niemand Geringeren als Julien Temples aufgezeichnet, mit dem die Band immer gut konnte und der mit ihr zuvor bereits „The Great Rock’n’Roll Swindle“ und „The Filth and the Fury“ gedreht hatte. Temple gelang es, die gespannte Stimmung vor Konzertbeginn einzufangen. Als „There'll Always Be an England“ als Intro vom Band ertönt, singt das Publikum dann bereits lauthals mit. Temples Kameras fangen fantastische Publikumsbilder ein, Detailaufnahmen vieler Individuen in der großen Masse, und als Zuschauer begreift man, wie unverzichtbar das Publikum für ein Live-Konzert wie dieses ist, welch gewichtige Rolle es einnimmt. Die nicht mehr ganz junge Band liefert eine einwandfreie Vorstellung, scheint topfit zu sein und Johnny Rotten überrascht mit makellosen hohen Tönen und Vibrato in der Stimme. Obligatorisch ist sein nicht minder unterhaltsamer schnoddriger Humor, der sich durch den Gig zieht. Es wirkt, als habe beinahe jeder, quer durch die Subkulturen, diesem Konzert beigewohnt; ein Indikator für die massive Beeinflussung und Inspiration durch diese Band. Wer Bock auf ‘ne richtig amtliche, hochqualitative „Hochglanz“-Live-Aufnahme der Sex Pistols hat und ihnen zugesteht, auch im mittleren Alter noch die Bühne unsicher zu machen, dem sei diese Blu-ray bzw. DVD wärmstens ans Herz gelegt – zumal sich Rotten im Bonus-Material noch herrlich durch London pöbelt.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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jogiwan
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitrag von jogiwan »

buxtebrawler hat geschrieben:Konzert-Videos bespreche ich hier ja eigentlich nicht
Warum eigentlich nicht? Im FTB macht das durchaus Sinn und vom Konzert- zum Musikfilm ist es ja oftmals nicht so weit. Mich - und andere sicher auch - würde das schon interessieren, wenns nicht zu sehr in diese Grindfuckdeathcorehate-Richtung geht ;)
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buxtebrawler
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitrag von buxtebrawler »

jogiwan hat geschrieben:(...) wenns nicht zu sehr in diese Grindfuckdeathcorehate-Richtung geht ;)
Daran wird's scheitern :(

Nee, Quatsch - ich schau' mal!
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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jogiwan
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitrag von jogiwan »

buxtebrawler hat geschrieben:
jogiwan hat geschrieben:(...) wenns nicht zu sehr in diese Grindfuckdeathcorehate-Richtung geht ;)
Daran wird's scheitern :(
Das ist auch subjektiv und es gibt ja genug Leutchen hier, die auch Grindfuckdeathcorehate abfeiern!
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitrag von karlAbundzu »

jogiwan hat geschrieben:
buxtebrawler hat geschrieben:Konzert-Videos bespreche ich hier ja eigentlich nicht
Warum eigentlich nicht? Im FTB macht das durchaus Sinn und vom Konzert- zum Musikfilm ist es ja oftmals nicht so weit. Mich - und andere sicher auch - würde das schon interessieren, wenns nicht zu sehr in diese Grindfuckdeathcorehate-Richtung geht ;)
seh ich auch so. nur inklusive der grindfuckdeathcorehate richtung :D
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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Beitrag von buxtebrawler »

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Laurin

„An jenem Tag im März 1901 schlug der Tod in Form des Schwarzen Mannes zum ersten Mal zu...“

Der deutsche Regisseur Robert Sigl, der später diverse Beiträge zu Krimi-Serien drehte, debütierte im Jahre 1989 mit dem in deutsch-ungarischer Koproduktion entstandenen Mystery-Drama/Horrorfilm „Laurin“ in Spielfilmlänge. Überlieferungen zufolge handelt es sich um eine Lowest-Budget-Produktion.

In einem kleinen norddeutschen Küstenort geht ein Mörder um, der es auf kleine Jungen abgesehen hat. Als auch noch ihre Mutter unter ungeklärten Umständen stirbt und ihr Freund Stefan (Barnabás Tóth, „Child Murders“) spurlos verschwindet, setzt die kleine Laurin (Dóra Szinetár) ihre hellsichtigen Fähigkeiten ein, um den Mörder zu enttarnen…

Eine Erzählstimme berichtet vom „Schwarzen Mann“ und leitet damit in Sigls Film ein, in dem ein Junge an Laurins Fenster klopft und kurze Zeit später getötet wird. Der unmittelbare Tod eines unschuldigen Kinds ist bereits Ausdruck der konsequenten Düsterheit und Hoffnungslosigkeit, die „Laurin“ ausmachen. Nicht nur mit seiner zeitlichen Einordnung zu Beginn des 20. Jahrhunderts scheint der Film wie aus der Zeit gefallen, auch die volle Konzentration auf ein ungemütliches Ambiente, schaurige Atmosphäre und Gänsehautstimmung bei bewusst entschleunigtem Erzähltempo dürften 1989 fast schon anachronistisch gewirkt und Erinnerungen u.a. an europäischen Gothic-Horror der 1960er und -70er Jahre geweckt haben. Die Ausstattung vermittelt einen authentisch anmutenden Eindruck des Jahres 1901, wenngleich man statt tatsächlich in Norddeutschland im osteuropäischen Ungarn und mit ungarischen Schauspielern drehte.

Laurins Vater ist Seemann, fährt wieder einmal auf die Weltmeere raus und lässt seine Tochter so allein zurück in der lebensfeindlichen, herbstlich-depressiven Tristesse – und mit dem Mörder, dessen Identität leider recht schnell geklärt ist. Die dazu führenden Drehbuchschwächen werden von Laurins visualisierten Visionen abgefedert, die sie auf alptraumhafte Weise zum Mörder führen, bei dem es sich wiederum mitnichten um einen Strauchdieb oder heruntergekommenen Berber handelt, sondern um ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft – die mit ihrer „Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“-Mentalität dazu beiträgt, dass die Morde in dieser Frequenz begangen werden und ungesühnt bleiben können. Die sehr stimmige musikalische Untermalung Hans Jansens und Jacques Zwarts legen sich perfekt unter die von geschickter Kamerahand eingefangene Dunkelheit.

„Laurin“ zeichnet ein desillusionierendes Bild des Lebens in einer Dorfgemeinschaft zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts im Rahmen eines eigentlich recht einfach gestrickten Mystery-Gruslers, punktet mit ausdrucksstarken Bildern und unter die Haut gehender Atmosphäre und verneigt vor sich diversen Beiträgen ähnlich gearteten europäischen Genre-Kinos auch damals schon vergangener Zeiten. Dass die vielversprechend agierende Jungmimin Dóra Szinetár daraufhin nicht im Filmgeschäft Fuß fassen konnte, mutet seltsam an und ist schade. Ein kleine Perle, die es wiederzuentdecken gilt.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Hype!

Wer an die nordwestliche US-Stadt Seattle im Zusammenhang mit Musik und den 1990er-Jahren denkt, dem kommt zumeist als allererstes der Begriff Grunge in den Sinn – die Bezeichnung jenes gitarrenmusikalischen Hypes, an deren Speerspitze die unerreichten NIRVANA standen und der bereits Mitte jenes Jahrzehnts industriell endverwertet und ausgebrannt war. Regisseur Doug Pray riskierte für sein 1996 veröffentlichtes Dokumentarfilm-Debüt „Hype!“ einen Blick hinter die Kulissen und zeichnete die Entwicklung jenes schnell international gewordenen Phänomens nach.

Anhand Prays Film wird deutlich, dass es sich bei Grunge um kein industriegezüchtetes Retortenprodukt handelte, sondern eigentlich um einen unnötigen und unzulässig verallgemeinernden Oberbegriff für seit den 1980ern tief im Untergrund verwurzelten Punkrock und Alternative Rock, der seit der Punk-Explosion und der Ausdefinierung des Hardcores seine individuelle, natürliche Entwicklung genommen und eine Vielzahl an Bands hervorgebracht hatte, die neben den genannten auch 1970er-Hardrock-, Doom- und Metal- sowie Blues- und Noiserock-Einflüsse etc. mitbrachten, aufnahmen oder verarbeiteten. Die sich neben massenweise energiegeladenen Konzertausschnitten und ähnlichen Aufnahmen ausschließlich aus Originalaussagen zahlreicher Szene-Protagonisten zusammensetzende Dokumentation holt etwas weiter aus, wenn sie zu berichten weiß, dass Seattle lange Zeit als irgendwie ab vom Schuss und uncool galt und gerade auch für tourende Bands häufig wenn überhaupt nur zweite Wahl war, so dass sich rebellische musikinteressierte Kids geradezu gezwungen sahen, selbst etwas auf die Beine zu stellen – klassische Voraussetzungen für einen individuellen DIY-Untergrund also. Diesbzgl. war auch in Seattle zuerst der „klassische“ (wenn man so will) Punk da, den Pray aufgreift und dazu Bilder ekstatischen Seattle-Publikums zeigt, die an London anno ’77 erinnern.

Wie so viele andere US-Städte auch, hatte auch Seattle im Laufe der Jahre seinen eigenen Sound entwickelt und wie fast überall, wo sich eine potente Szene gebildet hatte, gab es neben Musikern auch Fanzine-Schreiber, DJs, Konzertveranstalter – und kleine Plattenlabels. Diese verhalfen den Bands zu Veröffentlichungen in geringen Auflagen und trugen neben etwaigen Auswärtsgigs und kleinen Tourneen dazu bei, ihre Popularität überregional zu steigern. Die Seattle-Szene hatte das große Glück, mit „Sub Pop“ über ein besonders engagiertes, umtriebiges Label zu verfügen, dessen hervorragende Arbeit Pray skizziert. Die Einladung eines britischen Musikjournalisten durch die Sub-Popper war dann so etwas wie der Ursprung des Seattle- bzw. Grunge-Hypes, denn dieser schwärmte nach seiner Rückkehr in den höchsten Tönen von der agilen, kreativen Musikszene, die er in Seattle vorgefunden hatte.

Daraus resultierte ein Hype, wie es ihn seit den SEX PISTOLS und Malcolm McLaren nicht mehr gegeben hatte, nur größer, globaler, schlimmer. Die Musikindustrie, die längst den New Wave beerdigt hatte, beim Hair-/Glam-Metal/Sleaze-Rock mit Ausnahme von GUNS ‘N ROSES seine Felle davonschwimmen sah und sich mit nur schwer vermarktbaren Entwicklungen wie Death Metal bzw. zunehmend autark agierenden und selbst die Regeln diktierenden festen Größen à la IRON MAIDEN, METALLICA oder AEROSMITH konfrontiert sah, stürzte sich auf Seattle, verhalf solch erfahreneren, unterschiedlichen Bands wie NIRVANA, SOUNDGARDEN, PEARL JAM und ALICE IN CHAINS zu ungeahnter Popularität und versuchte schließlich alles unter dem neu geschaffenen Genre-Begriff Grunge zusammenzufassen und mit einer bestimmten Attitüde, einem Lebensgefühl zu verbinden, das es möglichst teuer an die Konsumenten zu verkaufen galt. Und längst nicht nur die Musikindustrie wollte daran mitverdienen, auch Modelabels, die Lifestyle-Branche etc. griffen ab, was aus den verwirrten ‘90er-Teenies herauszuquetschen war. Dies machte auch vor den Szene-Protagonisten selbst nicht halt, die sich zunehmender Ausbeutung in vielerlei Hinsicht ausgesetzt sahen (und wie im Falle Kurt Cobains u.a. daran zerbrachen), sondern es neben vielen Nachahmern und Trittbettfahrern mit einer kommerziellen Karikatur dessen zu tun bekamen, was jahrelang ihr alles andere als hipper Alltag gewesen war: Flanellhemden wurden plötzlich trendy, wer einen Cobain’schen Anti-Haarschnitt trug, wurde zum Mädchenschwarm und Millionen nichtsnutziger verwöhnter Teenies fühlten sich in ihrem pubertären Selbstmitleid dem manisch-depressiven NIRVANA-Bandkopf seelisch nahe. Der DIY-Geist, der die Szene einst ausgemacht hatte, wurde gänzlich missverstanden oder gar nicht erst zur Kenntnis genommen; einer meiner idiotischen Mitschüler kopierte sogar die Zeichnung auf einem von Cobain auf einem Foto getragenen T-Shirt 1:1 auf sein eigenes. „Hype!“ zeichnet die immer absurderen Auswirkungen des Hypes eindrucksvoll und komprimiert ebenso nach wie die negativen Folgen der massiven Einflussnahme der Industrie, die die Szene für sich vereinnahmte, durchkaute, aussagte, wieder ausspuckte und beinahe zu Tode ritt – anhand des Beispiels Grunge stellvertretend für viele andere Bereiche echter Underground-Kultur.

Apropos NIRVANA: Diese finden zwar Erwähnung, ihre Bedeutung wird genannt und Cobains Tod thematisiert, doch der Fokus liegt angenehmerweise einmal nicht auf dieser erfolgreichsten aller sog. Grunge-Bands. Dennoch fällt auch anhand des wenigen hier berücksichtigten Materials der Band auf, das Kurts Stimme gewissermaßen durchaus den höchsten Wiedererkennungseffekt aufwies und die „Nevermind“, Zweitwerk der Band, einfach originell produziert worden war, über saustarke Singalongs verfügte und darüber hinaus viel, viel Energie und Atmosphäre besaß. Insofern wirkt es schon irgendwie folgerichtig, dass ausgerechnet NIRVANA von allen am stärksten durch die Decke gingen.

„Hype!“ bietet von selbigem einmal abgesehen einen ungeschönten und dennoch oder gerade deshalb hochgradig faszinierenden Blick auf die Punk- und Alternative-Szene Seattles insbesondere von Ende der ‘80er bis Mitte der ‘90er, der zugleich ein Füllhorn interessanter Musik über die auch heute noch bekannten Künstler hinaus offenbart. Da bekommt man schnell Lust, nicht nur die NIRVANA-B-Seiten mal wieder aufzulegen, sondern sich gleich den „Hype!“-Soundtrack zu besorgen, die Namen aus der zweiten oder dritten Reihe wieder- oder erstmals für sich zu entdecken und einmal tief einzutauchen – insbesondere in die Zeit kurz vor dem großen Hype. Schade ist lediglich, dass Doug Pray mit „Hype!“ zwar auf Musik und Attitüde, jedoch so gut wie gar nicht auf die lyrischen Inhalte der Seattle-Bands eingeht. Und wie er es schaffte, einen Dokumentarfilm über harte Musik in Seattle zu drehen, ohne auch nur mit einer Silbe die Prog-Metaller QUEENSRŸCHE zu erwähnen, weiß wohl nur er allein. Davon einmal abgesehen ist ihm mit „Hype!“ jedoch ein äußerst gehaltvoller und vor allem wichtiger Dokumentarfilm für ausnahmslos alle pop- und subkulturell interessierte Klientel gelungen, unabhängig vom jeweils eigenen Musikgeschmack.
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