Der Flüchtling aus Chicago - Johannes Meyer (1934)

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Maulwurf
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Der Flüchtling aus Chicago - Johannes Meyer (1934)

Beitrag von Maulwurf »

 
Der Flüchtling aus Chicago
Deutschland 1934
Regie: Johannes Meyer
Gustav Fröhlich, Hubert von Meyerinck, Luise Ullrich, Adele Sandrock, Paul Kemp, Lil Dagover, Will Dohm, Ernst Dumcke, Lilo Müller, Otto Wernicke, Armand Zäpfel


Der Flüchtling von Chicago.jpg
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Ein Drama: In Chicago sind die ziemlich besten Freunde Michael und Werner in einer heruntergekommenen Absteige gestrandet. Während der Ingenieur Michael beim Straßenbau malocht, ist der Lebemann und Glücksspieler Werner abends beim Kartenspiel unterwegs. Ein Spiel, ein Falschspieler, ein Schuss, und Werner landet im Knast. 10 Jahre. Wo doch gerade die Erbschaft vom Vater hereintrudelt. An Werners Stelle fährt Michael zurück in die Heimat. Als Werner übernimmt er den Vorstandposten der Firma Dux. Ein Spannungsfilm: Michael muss als Werner die Firma wieder auf Kurs bringen, nötigenfalls auch gegen den Widerstand der Cousine Steffi. Mit seinen Methoden hat er Erfolg, im Geschäft und auch bei Steffi. Doch mitten im größten Triumph steht plötzlich … Werner vor ihm. Ein Krimi: Da Michael sich als Werner ausgegeben hat, kann er nun erpresst werden. Immense Summen wechseln den Besitzer, um dem echten Werner ein Leben in Saus und Braus zu ermöglichen. Summen, die bald auch aus dem Geschäftsvermögen abgezogen werden müssen. Michael ist mit den Nerven und dem Lebenswillen am Ende. Ein Liebesfilm: Er begegnet einer unbekannten Schönen, die ihn in ihren Bann zieht, und ihm neuen Lebensmut gibt. Ein Thriller. Als Michael nach der Episode mit der schönen Unbekannten ins Leben zurückkehrt, werden die Forderungen Werners immer unverschämter. Es kommt zu einer Aussprache. Die Worte werden immer lauter. Ein Schuss fällt …

DER FLÜCHTLING AUS CHICAGO schafft es praktisch mühelos, sich durch die verschiedenen Genres zu bewegen, hier ein wenig Gerichtsdrama, dort etwas Thriller, einen kleinen Hauch von Sportfilm. Der Beginn beim Straßenbau könnte problemlos von William Wellman sein, das Leben der kleinen Leute und der Arbeiter während der Depression. Doch sobald Michael in Deutschland ankommt wechselt der Ton, fällt mir als Vergleich eher Harry Piels DER HERR DER WELT aus dem gleichen Jahr ein, wo ein Ingenieur und ein Regisseur ihrer Fantasie freien Lauf lassen, um Arbeiter freier und glücklicher zu machen. DER FLÜCHTLING AUS CHICAGO fängt ähnlich an, wenn Ingenieur Michael Ideen entwickeln muss, um die Manager in der Firma auf seine Seite zu ziehen und das Werk zu retten. Kein Ausverkauf an eine fremde Unternehmergruppe, keine Massenentlassungen – Hier wird unternehmerische Verantwortung noch groß geschrieben, aber im Gegensatz zu Piels überbordender Fantasterei ist der vorliegende Film sehr ernst gemeint, sind die Figuren dabei auch sehr sympathisch, und gerade dadurch kommt bei Michaels Wettlauf gegen den drohenden Verkauf tatsächlich viel Spannung auf. Mühelos fiebert man mit Michael und Steffi mit, und wünscht auch den zarten Liebesbanden alles Glück dieser Welt. Und plötzlich der Schock: Der echte Werner steht da, und in seinem Blick ist nur Verderben und Untergang.

Bist Du begnadigt?“ „Nein, ich bin tot.

Hubert von Meyerinck, der heutzutage in erster Linie als grotesk-komischer Chef von Scotland Yard aus den späten Edgar Wallace-Filmen bekannt ist, zieht hier komplett vom Leder und zeigt seine großartige Schauspielkunst. Ist er zu Beginn in Chicago noch einigermaßen sympathisch, trotzdem er das Zimmermädchen ziemlich rüde behandelt, so ist spätestens nach der Ankunft in Deutschland Schluss mit lustig und er entpuppt sich als ein waschechtes Schwein. Eiskalter Blick, üble Manieren, ein Leben zwischen Alkohol, gestohlenem Luxus und Überheblichkeit, und der rechtschaffene Michael ist diesem Typen restlos ausgeliefert. Regisseur Johannes Meyer erschafft scheinbar problemlos lebendige und ansprechende Figuren, die beim Zuschauer Emotionen erwecken, Sympathie und Antipathie erzeugen, nur um dann genauso einfach den Duktus der Story zu wechseln, mal eben eine zarte und fast märchenhafte Romanze in einer verschneiten Jagdhütte zu zaubern, und dann schnell wieder zurückzuschalten in das harte Gangsterleben. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle, der Genres und der Spannungskurve, immer aufregend und immer fesselnd. Ein Wirtschaftskrimi, ohne den propagandistischen Ton von Arthur Maria Rabenalts 1939er Flick FLUCHT INS DUNKEL, dafür aber mit Ideen, die in Robert Siodmaks starkem ZEUGE GESUCHT von 1944 wieder auftauchen werden. Ein großartiger Film, der längst wiederentdeckt gehört!

8/10
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
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