Baby - Philipp Stölzl (2002)

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Maulwurf
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Baby - Philipp Stölzl (2002)

Beitrag von Maulwurf »

 
Baby
Deutschland 2002
Regie: Philipp Stölzl
Alice Dwyer, Lars Rudolph, Filip Peeters, Christian Grashof, Hamid Bundu, Micha Hulshof, Illa Schöppe, Frieda Pittoors, Marisa Van Eyle, Armin Dallapiccola, Lorenz Claussen, Leslie de Gruyter, Irina Platon, Lies Visschedijk, Marc Prätsch, Arzu Bazman, Luca Maric


Baby (2002).jpg
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OFDB

Frank und Paul sind Freunde. So richtige echte Freunde. Sie haben ihre Frauen im gleichen Augenblick bei einem schrecklichen Unfall verloren, sie arbeiten gemeinsam in einem Bumslokal, sie wohnen zusammen, und sie kümmern sich rührend um Pauls Tochter Lilli, die ebenfalls in der Wohnung lebt. Sie schauen zusammen Fußball, und sie verlieren sogar gleichzeitig ihren Job. Nun muss Geld her, also brechen sie in einen Elektromarkt ein, allerdings muss der selbstbewusste Frank mal wieder eine Extrawurst haben, und das Ergebnis dieser Extrawurst ist ein toter Wachmann. Das ist das eine große Problem, das fast unmerklich einen Keil in die Freundschaft treibt. Das andere Problem ist, dass beide nicht realisiert haben, dass Lilli seit dem Tod der Ehefrauen vor 10 Jahren mittlerweile zu einer richtigen Frau herangewachsen ist, die durchaus ihr eigenes Leben lebt, fernab von dem, was sich die beiden Männer so denken. Nix mehr so mit Schule gehen und Hausaufgabenmachen und gut, da ist ganz unmerklich mehr dazu gekommen. Das erste Mal merken Paul und Frank dass was nicht stimmt, als Lilli ihren neuen Schwarm auf dem Zimmer hat – Tommy, ein junger Schwarzer, der in einem Imbiss jobbt. Das nächste Mal merkt zumindest Paul etwas – Als Lilli nämlich nackt vor ihm steht und mit ihm schlafen will. Und noch etwa passt nicht in das wohlgeordnete Lebensbild der Freunde: Dass Lilli schwanger ist, was natürlich und selbstredend nur mit Tommy passiert sein kann, und die Aussprache mit Tommy mit einem Toten endet. Dass das Kind auch von einem anderen kommen könnte, das kann Frank nicht wahrhaben. Und Paul nicht zugeben …

Das klingt beim Lesen jetzt vielleicht ein klein wenig konstruiert, aber beim Sehen ergeben sich die Dinge wie von selbst, und wirken auch sehr folgerichtig und natürlich. Frank und Paul, Paul und Frank, und die beiden sind einfach richtig dicke Kumpels. Und wenn Barkeeper Paul von einem Stammgast der Kneipe eins aufs Maul kriegt, dann ist es nur selbstverständlich, dass Frank den Typen nicht nur rausschmeißt, sondern auch noch ein wenig was hinterher gibt. Auch bei der Erziehung von Lilli ergeben sich keine Probleme, ein Team wie diese Drei gibt es sonst eigentlich nur in französischen Filmen aus den 70ern. Aber dass Lilli erwachsen wird, dass sie ein Sexualleben haben möchte, dass sie eigene Gedanken und Wünsche hat, gleich wie widersprüchlich diese auch sein mögen, das geht an den beiden vorbei. Schließlich sind die Alltagssorgen mit Geld und Erziehung und einem Totschlag im Gepäck drückend genug. Und mal abgesehen davon, dass die Grundkonstellation des Films, und nur diese, durchaus ein klein wenig gekünstelt wirken kann, abgesehen davon ist BABY ein grundsolides Unterschichtendrama in der Tradition eines, sagen wir, Uwe Schrader. Einfach gestrickte Menschen mit einfachen Bedürfnissen, die an der Komplexität der Folgen ihrer falschen Entscheidungen zugrunde gehen. Oder auch nicht, denn Paul und Frank sind es gewohnt sich durchzubeißen, und auch wenn vor allem Paul an der Situation schier verzweifelt, ist bei beiden dieses Es wird schon irgendwie weitergehen, es muss ja immer zu spüren. Und da beide, sowohl der starke und zur Gewalttätigkeit neigende Frank, wie auch der schwächere und sanfte Paul, eigentlich sehr sympathische Leutchen sind, folgen wir ihnen auch gerne auf ihrer Reise in den selbstfabrizierten Untergang. Erleben die ungeahnten Konsequenzen einer fehlgeleiteten Sexualität. Die großen Gefühle, die daraus folgen. Und wiederum die schrecklichen Konsequenzen der großen Gefühle, bis hin zum Mordversuch auf einer holländischen Nordseeinsel.

BABY ist um Himmels Willen nicht das Kleinkriminellendrama, das er auf dem Cover der (neueren) DVD zu sein scheint. Er ist auch kein weltbewegendes Sozialdrama, aber, und das ist ganz wichtig, es fehlt dieser komödiantische Unterton, der deutsche Sozialdramen jenseits von Fatih Akin gerne einmal peinlich werden lässt. Stattdessen ist der Film zwar bierernst inszeniert, aber ihm wohnt eine Leichtigkeit inne, die für so eine kleine Produktion ungewohnt ist, und die den Zuschauer schnell und zuverlässig in das Geschehen zieht. Wenn man weiß, auf was man sich hier einlässt, ist BABY tatsächlich ein richtig guter Film. Einer, der sich dieses angeblich typisch(?) deutsch-oberlehrerhafte verkneift, und stattdessen ein sympathisches kleines Drama mit geradezu umwerfend guten Schauspielern aus dem Handgelenk schüttelt. Passt!

6/10
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
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