Krampus Unleashed - Robert Conway (2016)
Moderator: jogiwan
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Krampus Unleashed - Robert Conway (2016)
Originaltitel: Krampus Unleashed
Produktionsland: USA 2016
Regie: Robert Conway
Cast: Tim Sauer, Daniel Link, Bryson Holl, Taylor Buckley, Amelia Brantley, Caroline Lassetter, Owen Conway, Emily Lynne Aiken
Nach dem Erfolg der 2015er Weihnachtshorrorkomödie KRAMPUS dauert es nicht lange, bis sich findige Independent-Produzenten auf die alpine Schreckensgestalt stürzen, um sie für zweifelhafte Direct-to-Video-Filme auszuschlachten. Im Falle des langzüngigen Kinderschrecks ist es ein gewisser Robert Conway, der zwischen 2015 und 2017 für gleich drei Werke verantwortlich zeichnet, die in ihren Titeln mit dem Kramperl werben: Bei KRAMPUS: THE RECOCKNING (2015), der hierzulande auch gleich perfiderweise als Sequel von Michael Doughertys Streifen vermarktet wurde, und bei KRAMPUS UNLEASHED (2016) führt Conway selbst Regie; bei KRAMPUS: ORIGINS beschränkt er sich darauf, wie bei den Vorgängern, das Drehbuch beizusteuern und die Produktion zu gewährleisten. Sonderlich prickelnd ist kein Teil dieser unzusammenhängenden Trilogie ausgefallen, weshalb ich meine nachstehenden Worte explizit als Warnung verstanden wissen möchte: Die paar Euro, die die einschlägigen Streaming-Plattformen als Leihgebühr für diese Machwerke verlangen, kann man beim besten Willen in sinnvollere Dinge investieren…
Einem entfesselten Krampus schaut man normalerweise nicht ins Maul, - vielleicht sollte man sich aber doch zunächst mal andere Krampus-Filme anschauen als dieses US-amerikanischem Video-on-Demand-Produkt, das so ziemlich alle Attribute des alpenländischen Kinderschrecks gegen den Strich bürstet oder gleich komplett über den Haufen wirft…
„The year was 1898 and the West was still wild“, informieren uns Texttafeln zu Beginn, untermalt von pathetischen Synthie-Fanfaren. „Having terrorized the American Southwest for the better part of a decade, a German born outlaw was running out of time. With the law closing in he buried his loot in the desert. Before disappearing into the fog of legend, he left behind a warning: ,To those who would follow my trail, take heed. Stay clear of what’s been buried, for whom ever disturbs it will reap the vengeance of the inferno and bring living hell onto themselves.' – Eric Klaus 1898. Years have passed and unaware of this warning, a group of fortune hunters are closing in on what they hope will be a king’s ransom in outlaw loot.”
Das Drama nimmt sodann seinen Lauf, wie wir das von den Prologen zigtausender Horrorstreifen kennen: In einer Wüstennacht stöbert eine Handvoll Abenteurer Erich Klaus‘ Schatzversteck auf, gehoben wird allerdings keine Kiste voller Goldbarren, sondern lediglich ein meteoritenähnlicher armgroßer Stein, der übersät ist von kryptischen Sätzen in altertümlichem Deutsch. Wie sich herausstellen wird, handelt es sich bei dem Artefakt um eine Hinterlassenschaft des Heiligen Nikolaus, der den Stein einst den Heiden abspenstig gemacht haben soll. Hält man das Objekt in die Nähe von Flammen, fährt niemand anderes als der leibhaftige Krampus aus ihm hervor, - weshalb Santa Claus kleine Bröckchen des Steins oft und gerne in den Kleidungsstücken seiner barbarischen Feinde versteckt haben soll, worauf diese, sobald sie ihre Klamotten zum Trocknen übers Feuer hängten, einen grausigen Tod fanden.
Auch im Falle unserer Schatzgräber lässt sich Krampus nicht lange bitten und dezimiert die Truppe bis auf einen einzigen Überlebenden. Der Zauberstein wiederum stürzt in einen Fluss und wird hinfort gespült. Erneut ziehen die Jahre ins Land, - und eine vierköpfige Familie – (Vater, Mutter, pubertierende Tochter, halbwüchsiger Sohnemann) – befindet sich auf dem Weg in die Weihnachtsferien, die bei den Eltern der Mutter irgendwo in der Arizona-Wüste verbracht werden sollen, - sehr zum Missfallen von Sohn und Tochter, die nicht nur mokieren, dass sie dieses Jahr statt mit Schnee und Jingle Bells mit ausgetrockneten Kakteen und Kojoten-Geheul vorliebnehmen müssen, sondern vor allem auch, dass Mutters Bruder zusammen mit Gattin und dem unausstehlichen Bully-Nachwuchs Troy bei den Großeltern aufkreuzen wird.
Die Überschneidungen zu Michael Doughertys KRAMPUS sind unverkennbar, wenn wir weit mehr als die Hälfte der Laufzeit dabei zuschauen müssen, wie sich der anständige, liberale, vernünftige Zweig der Henderson-Familie mit dem reaktionären, ungehobelten, affektiven Zweig herumschlägt, und gerade Satansbraten Troy alles daransetzt, seinen Verwandten permanent vor den Kopf zu stoßen. Während der 2015er KRAMPUS in seiner satirischen Darstellung von Menschen, die unterm Christenbaum zusammenfinden, obwohl sie um einander am liebsten weite Bögen machen würden, und den daraus resultierenden Konflikten insgesamt recht unterhaltsam ausfällt und mir durchaus das eine oder andere Mundwinkelzucken bescherte, gerät dasselbe Thema unter den Händen von Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Robert Conway zu einem äußerst zähflüssigen Brei, bei dem man höchstens darüber staunen kann, wie unsympathisch selbst die Figuren gezeichnet sind, die eigentlich unsere Sympathieträger sein sollten. In einer Szene, in der ein Teil der Familie durchs Christmas-TV-Programm zappt, ist gar ein Film-im-Film zu erspähen, der ganz offenkundig Doughertys KRAMPUS seine Reverenz erweist, und bei dem es sich ganz offenkundig um einen Ausschnitt aus Conways Vorgängerfilm KRAMPUS: THE RECKOKNING handelt: Eine ältere Dame erklärt dort ihrem Enkelkind mit deutschem Akzent, was das denn überhaupt ist, ein Krampus, - wodurch es umso eigenartiger wirkt, dass der Krampus, den wir im letzten Drittel von KRAMPUS UNLEASHED (endlich) zu sehen bekommen, so gut wie nichts mit dem Ursprungsmythos zu tun hat.
Das Wesen nämlich, das unsere Helden versehentlich zum Leben erwecken, nachdem sie den Stein des Nikolaus in einem nahen Flussbett gefunden haben, erinnert eher an einen gemeinen Wald-und-Wiesen-Dämon denn an den schellenklingelnden, langzüngigen, bockshufigen Antagonisten des Heiligen Nikolaus, dessen Hauptaufgabe es ist, unartigen Kindern seine Rute spüren zu lassen. Krampus wirkt eher wie ein wildgewordener Bärenhäuter, der alles Menschliche erbarmungslos niedermetzelt, das ihm in die Quere gerät: Keine Schellen, keine Rute, keine Gene-Simmons-Zunge. Ganz problemlos hätte man KRAMPUS UNLEASHED auch völlig ohne Bezüge zum Vorweihnachtsteufel auskommen lassen können: Dann wäre es eben nicht der Krampus, der unseren Protagonisten eine Nacht des Grauens bereitet, sondern irgendein x-beliebiges Wüstenungeheuer, und dann wäre es eben nicht Heiligabend, an dem das Untier sein Massaker veranstaltet, sondern irgendein x-beliebiges Familienfest, zu dem sich unsere Helden versammeln.
Einmal ganz abgesehen davon, dass KRAMPUS UNLEASHED anscheinend nur aus Marketinggründen überhaupt als Krampus-Film veröffentlicht worden sein dürfte, handelt es sich bei dem knapp siebzigminütigen Spektakel um ein in jedweder Hinsicht miserables Desaster: Krampfhaft bemüht sich das Drehbuch, seinen mageren Plot mit irrelevanten Nebensträngen zu strecken, (darunter zwei Tölpel, die als Hobby der Jagd auf Bigfoot frönen, sowie ein Cop, der seiner Ex-Freundin beweisen möchte, wie sehr ihr noch immer sein Herz gehört, indem er sie und ihren neuen Lover vor dem Krampus zu retten versucht); die schauspielerischen Leistungen bereiten genauso sehr Gänsehaut wie die Dialoge; technisch-ästhetisch regiert die uninspirierte Schule konventionellen Filmemachens, sprich, zu keinem Zeitpunkt erweckt KRAMPUS UNLEASHED einen anderen Eindruck als den eines unterdurchschnittlich inszenierten TV-Films, den man mit ein paar (zugegebenermaßen durchaus zünftigen) Gore-Effekten aufgepeppt hat. Um die gastronomische Metaphorik noch ein Stück weiterzutreiben: KRAMUPS UNLEASHED ist das kinematographische Äquivalent zu einem Burger, den man sich auf dem Nachhauseweg noch schnell reinhaut, weil die Bahn erst in einer Viertelstunde kommt: Kurzfristig sattmachend, doch eine halbe Stunde später fängt der Magen schon wieder zu knurren an…
Allerdings gibt es dann doch ein paar Skurrilitäten in diesem ambitionslosen Fast-Food-Menü, die mich ein bisschen trösten konnten: Ich mochte es ja wirklich sehr, dass im Präriehäuschen der Großeltern überall Jagdtrophäen an der Wand herumhängen, bei denen es sich ganz offenkundig um Gummitierköpfe handelt, und wie der Film auch noch explizit das Augenmerk auf diese wenig authentischen Requisiten lenkt, wenn er den Opa (stilecht mit Cowboyhut!) Weidmannsgarn darüber spinnen lässt, wie er einst die gefährlichsten Pumas der Region zur Strecke gebracht habe, (Pumas aus Gummi, wohlgemerkt, puh!) Mir mag ebenso nicht in den Kopf, was zu der Entscheidung geführt haben mag, als musikalische Begleitung für den Vorspann eine „Let-it-snow“-Adaption zu verwenden, die derart schief gesungen ist, dass sich mir das Trommelfell krümmt: Soll das etwa Selbstironie sein? Hinzukommt eine unmotivierte Sexszene, die Gelegenheit gibt, die blanken Brüste eine der Darstellerinnen zu präsentieren, haufenweise Monster-POV-Shots, zugekleistert mit fragwürdigen digitalen Effektfiltern, sowie mit Troy einen der unliebsamsten Teenager-Charaktere der mir bekannten Filmgeschichte. Meine schönste Entdeckung indes: Ein Magnetbild von Virginia Woolfe an einer Kühlschranktür!
Kleiner Spoiler zum Schluss: Nachdem der überlebende Grabräuber aus dem Prolog, inzwischen zum Greis gealtert, es in einer regelrechten Anti-Klimax fertiggebracht hat, Krampus per Dynamit in die Luft zu sprengen, schüttelt der Film in einem finalen Plot Twist sich plötzlich einen Baby-Krampus aus dem Ärmel, der sich Troys Gurgel aussucht, um herzhaft hineinzubeißen. Hat sich Krampus etwa selbstbefruchtet oder woher stammt sein Nachwuchs sonst?
Puh, wenn das ein entfesselter Krampus sein soll, dann bevorzuge ich meine Kramperl doch lieber an der Leine von Sankt Nikolaus, ergh…