Attentat auf Richard Nixon - Niels Mueller (2004)

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Maulwurf
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Attentat auf Richard Nixon - Niels Mueller (2004)

Beitrag von Maulwurf »

 
Attentat auf Richard Nixon
The assassination of Richard Nixon
USA 2004
Regie: Niels Mueller
Sean Penn, Naomi Watts, Don Cheadle, Jack Thompson, Brad William Henke, Nick Searcy, Michael Wincott, Mykelti Williamson, April Grace, Lily Knight, Jared Dorrance, Jenna Milton, Mariah Massa, Eileen Ryan, Derek Greene, Joe Marinelli, Robert Kenneth Cooper


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Sam J. Bicke ist ein kleiner unscheinbarer Büromöbelverkäufer. Sam ist einer von denjenigen Menschen, die versuchen mit einem Lachen und möglichst ohne Widerworte durch das Leben zu gehen, und Unbill einfach zu ignorieren. Der Chef ist ein überhebliches und manipulatives Arschloch? Ja, hehe, aber ich bin ein guter Verkäufer, hehe, und dieses Mal das wird eine ganz große Sache, jawohl. Die Ex-Frau will sich scheiden lassen? Nein, das ist meine Frau, und wir sind auch nicht zwei Jahre auseinander sondern höchstens eines, und wir machen nur eine Phase durch, wo wir am Ende auf jeden Fall wieder zusammenleben werden. Diese Art Mensch ist Sam. Einer, der die Realität versucht auszublenden, weil sie ihm sowieso unerträglich ist. Wer ist denn schuld an dieser Realität? Wer ist denn schuld daran, dass sich alles nur noch ums Geld dreht? Dass alle Menschen sich ausbeuten lassen müssen um überhaupt über die Runden zu kommen? Und gleichzeitig die Rücksichtslosigkeit immer größer wird. Sam kommt zu einer ganz klaren Antwort: Richard Nixon, der in diesem ersten Halbjahr 1974, in dem der Film spielt, durch die Watergate—Affäre unendlich häufig im Fernsehen zu sehen war, und dessen Anhörungen zur Affäre genauso wie seine Reden Sam dazu bringen, einen Plan zu fassen: Richard Nixon muss weg. Er muss ermordet werden, um diese Gesellschaft wieder zu dem zu machen, was sie einmal war …

Sam J. Bicke ist ein kleiner unscheinbarer Büromöbelverkäufer. Einer von denjenigen Menschen die unsicher sind, voller Selbstzweifel, und die ihre Unsicherheit mit sichtlich gezwungener Heiterkeit zu überdecken versuchen. Wir alle kennen solche Menschen, und ich bin sicher, dass der ein oder andere sogar sich selbst in dieser Figur erkennt. Sean Penn spielt Sam J. Bicke. Nein, das ist nicht richtig. Richtig wäre: Sean Penn ist Sam J. Bicke. Was dieser Ausnahmeschauspieler hier als Fast-One-Man-Show bietet, das ist so beängstigend in seiner Intensität und seiner Energie, dass es kaum zum Aushalten ist, und der Fremdschämfaktor schnellt in ungeahnte Höhen, wenn Sam es partout nicht verstehen will, dass seine Noch-Ehefrau einfach nichts mehr mit ihm zu tun haben will, und ein eigenes Leben führt. Schier unglaublich die Szene, wenn Sam im Büro der Black Panthers sitzt, 170 Dollar spendet und erklärt, dass Zebras schwarz und weiß sind. Und dass es weiße Menschen gibt, die mit den Schwarzen mitfühlen können. Und dass, wenn die Black Panthers sich diesen Menschen öffnen würden, sie mit einem Schlag eine Million mehr Mitglieder hätten. Erwähnte ich schon das mit dem Fremdschämen …?

Auf der anderen Seite tut einem dieser Mann einfach nur unendlich leid. Von seinem Chef wird er ausgenutzt, von seiner Noch-.Ehefrau zurückgestoßen, und selbst der kreditbewilligende Bankberater, der anfänglich sehr wohl hilfsbereit ist, macht irgendwann einen Bogen um ihn, weil Sam nicht weiß wo die Grenze zwischen Druck machen und impertinent sein liegt. Sam hat nie gelernt, sich im Leben so zu verhalten, dass er eben nicht zurückgestoßen wird. Und er hat auch nie gelernt sich so zu verhalten, dass sein Anderssein nicht so auffällt. Beim Abendessen bei seinem besten Freund (beziehungsweise seinem einzigen Freund) hält er dessen Sohn zu lange und zu fest in den Armen. Viel zu lange und viel zu fest … Und wenn die Noch-Ehefrau sagt, dass er am Sonntag nach 10 Uhr versuchen soll anzurufen, dann setzt er sich am Sonntag morgen vor die Uhr und wartet darauf, dass es 10 Uhr ist und er anrufen kann. Und wenn sie nicht ans Telefon geht, dann fährt er halt rüber und wartet auf sie. Bis in die Nacht hinein, wenn es sein muss … Wer sagt da Soziopath? Man könnte auch sagen vom Leben entsetzlich enttäuscht.

Mitleid. Fremdschämen. Ungläubigkeit. Entsetzen. Die Gefühlsklaviatur, auf der Sean Penn hier spielt, ist immens, und bringt den ruhig erzählten Film in sicheres Fahrwasser. Die allmähliche Radikalisierung eines Mannes? Nein, das trifft es nicht. Richtiger wäre das allmähliche Abgleiten eines Mannes in eine Wahnwelt, in welcher der Tod Richard Nixons die gesamte amerikanische Gesellschaft wachrütteln und wieder zu etwas Gutem gestalten würde. Eine Wahnwelt, in die Sam sich heillos verstrickt, mit fatalen Konsequenzen. Und trotzdem ATTENTAT AUF RICHARD NIXON auf das Jahr 2004 datiert, sind die Parallelen zur aktuellen amerikanischen Gesellschaft unübersehbar und erschreckend. Würde man die Gedankenwelt des Sam J. Bicke in das Heute transferieren, würde der Film stattdessen wahrscheinlich Sturm auf das Capitol heißen …

Und so geben Regisseur Niels Mueller und sein kongenialer Fast-Alleindarsteller Sean Penn Einblicke in die Entstehung sogenannter Verschwörungstheoretiker und moderner Staats-Leugner, sowie dem, was dann als Konsequenz aus diesem Gedankenkonstrukt wird. Ein Film, der führenden Politikern vorgespielt werden sollte, damit diese begreifen, wo ihre Fehler liegen. Warum sie so viele Menschen nicht mehr erreichen. Und was mit diesen Menschen, die am politischen Horizont verschwinden, danach passiert. Natürlich ist Richard Nixon aus heutiger Sicht und mit dem heutigen Wissen ein Schwein gewesen, es darf aber nicht übersehen werden, dass er damals hoch angesehen und immerhin der Präsident der USA war – Dass danach noch eine ganze Menge mehr und größerer Arschlöcher auf diesen Thron folgen werden, das war 1974 nicht abzusehen und 2004 höchstens zu erahnen. ATTENTAT AUF RICHARD NIXON ist bei genaueren Betrachten somit erheblich aktueller und aufrüttelnder als man glaubt, und gerade die Ruhe des Films, und die methodische Darstellung Sean Penns, Sam nicht als aufgedrehten Wirrkopf sondern als kleinen Staatsbürger wie Du und ich zu zeigen, gerade diese Elemente lassen den Film so unglaublich zeitlos wirken. Erschreckend und intensiv. Für alle politisch interessierten Pflichtprogramm, und für alle, die zeitlos gutes Kino mögen, ebenfalls.

7/10
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
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