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Arash lebt mit seinem drogensüchtigen Vater Hossein in einem heruntergekommenen Apartment im iranischen Bad City, einem Platz für Bösewichter, Zuhälter, Prostituierte, Verlierer und sonstige Menschen, denen das Leben ebenfalls nicht gut mitgespielt hat. Als er eines Tages betrunken und auf E von einer Kostümparty den Weg nach Hause sucht, trifft er ein junges Mädchen, welches ein Vampir ist und schon seit geraumer Zeit im Umfeld des jungen Mannes seine Opfer sucht. Anstatt sich ebenfalls auf den eher wehrlosen Mann zu stürzen, beobachtet diese Arash, der scheinbar ebenfalls Gefallen an der mysteriösen und schweigsamen Frau findet und es scheint, als hätten die beiden Außenseiter ein Leben lang aufeinander gewartet…
„A Girl walks home alone at Night“ ist wohl der feuchte Traum jedes aufgeschlossenen Indie-Filmproduzenten aus der Genre-Ecke, der in der Theorie auch alles zusammenbringt, was halbwegs exotisch und unvereinbar klingt um dann mit seinem Gesamtergebnis doch eher zu enttäuschen. Ein von einer weiblichen Regisseurin in Farsi gedrehter Vampir-Western mit existenziellen Zügen, in Schwarzweiß und iranischen Handlungsort, sowie Themen wie Einsamkeit und Sehnsucht klingt auch alles superspannend. Herausgekommen ist aber ein wenig aufregender Streifen, der sich sehr viel Zeit lässt und meines Erachtens auch stets etwas zu selbstverliebt gibt und versucht einem bestimmten Hipster-Zeitgeist gerecht zu werden. Die Geschichte lebt größtenteils von ihren außergewöhnlichen Figuren und Locations, die jedoch wie der Film recht farblos bleiben und der Zuschauer muss sich den Rest um spärliche Handlung mit seinen schweigsamen Figuren wohl selbst zurechtdenken. Schieben wir es mal auf das Western-hafte und die Tatsache, dass die dauer-fluchende und ziemlich aufgedrehte Regisseurin Ana Lily Amirpour im Interview Vorbilder nennt, mit denen ich ebenfalls wenig anzufangen weiß, aber „A Girl walks home alone at Night“ fand ich über weite Strecken jedenfalls ziemlich bemüht, sehr überambitioniert und wenig authentisch. Mag sein, das sich mit dem Werk etwas zu hart ins Gericht gehe, aber was sich da gestern vor meinen Augen offenbart hat, war so gar nicht aufregend, sondern eher eine Art Fusion-Genrefilm für den modernen und aufgeschlossenen Hipster-Zuschauer und die Spätvorstellung im Trend-Viertel-Programm-Kino, der seine durchaus interessanten Zutaten zu popkulturellen Matschepampe vermurkst.
Sah ich bei meiner Sichtung letztes Jahr etwas anders (bis auf den Part mit der Regisseurin).
Da schrieb ich:
Sehr schöner, unaufgeregter Vampir-Film (oder "Vampir-Western", wobei ich das nicht wirklich gesehen habe), der seine langsame, aber den Zuschauer immer mehr in sich hineinziehende Geschichte in wundervolle Schwarz-Weiß-Bilder kleidet und vor allem diese merkwürdige Stimmung der Nacht, die Einsamkeit und die Sehnsucht perfekt transporiert. Erinnerte mich angenehm an Jarmusch. Dazu tolle Musik und überzeugende Darsteller. Hat mir sehr gefallen. Allerdings habe ich den "Fehler" gemacht, mir danach noch Interviews mit der Regisseurin anzusehen, der aufgeregte, "hippe" Art und das ständige "Fucking" doch sehr auf die Nerven ging, weil man das Gefühl hatte, sie wolle damit mehr Tarantino als Quentin selber sein. Da bin ich fast geneigt zu glauben, dass der sehr schöne, ruhige und stimmungsvolle "A Girl..." doch eher ein Zufallsprodukt war. Kennt jemand den Nachfolger "Bad Batch"? Der hat ja wohl von der Kritik ziemlich Dresche bekommen...
Früher war mehr Lametta
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Arkadin hat geschrieben:Allerdings habe ich den "Fehler" gemacht, mir danach noch Interviews mit der Regisseurin anzusehen, der aufgeregte, "hippe" Art und das ständige "Fucking" doch sehr auf die Nerven ging, weil man das Gefühl hatte, sie wolle damit mehr Tarantino als Quentin selber sein. Da bin ich fast geneigt zu glauben, dass der sehr schöne, ruhige und stimmungsvolle "A Girl..." doch eher ein Zufallsprodukt war.
Da ging es mir ähnlich und ich musste dann verfickt nochmal ausmachen...
Ich muss aber auch sagen, dass ich mir einen iranischen Film in der Machart erwartet habe und eben vielleicht nicht einen Film, der von einer iranisch-stämmigen und in England geborenen Regisseurin mit Farsi-sprechenden Darstellern und Fake-Schildern in Kalifornien (!) gedreht wurde und an Jim Jarmusch erinnert - mit dessen Filmen ich nebenher auch nix anfangen kann. Die von Amirpour selbst zitierten Vorbilder Tarantino und Lynch konnte ich in "A Girl walks home alone at Night" aber nicht unbedingt erkennen.
Ich war begeistert und schrieb kurz nach dem Besuch:
Re: Karl or Karla goes to Cinema
Ein junger Mann im 50er-Modus, sein Vater, ein dirty old man und Junkie, eine Vampirin mit zum Cape verlängertem Kopftuch, ein Gangster im Ghetto-Style, eine Straßenhure, die reiche Hedonistin, ein kleiner Betteljunge und eine große Grube mit Leichen. Das sind auch schon fast alle Bewohner der Stadt Bad City, die wir im Laufe des Filmes sehen (außer in ganz kurzen Auftritten, auf einer Party sind natürlich noch mehrere Leute, es gibt zwei Drogenkunden, und ein Bettler als Vampiropfer; doch ansonsten sieht die Stadt immer erstaunlich leer aus.). Das gibt dem allen ein künstliches und gleichzeitig aus der Zeit gefallenes Flair.
Die Vampirin scheint eher eine nette neugierige zu sein. Einerseits in den 80ern hängen geblieben, andererseits hört sie aktuellste Musik (Anspieltipp: Kairo, White Lies) auf Vinyl. Sie tötet und ernährt sich vornehmlich von Unsympathen. Der schöne junge Mann hat ein gutes Herz, kümmert sich um seinen Junkievater, ist ansonsten ein James Dean Rebell, inklusive 50er Karre. Andererseits hat er auch kein Problem einem toten Gangster Geld und viele Drogen zu klauen, die er vertickt.
So erleben wir die Love Story in dieser unbestimmten Welt der beiden. Da gibt es sehr schöne und immer mit Hang zu Surrealem. Als die beiden sich kennenlernen ist er von einer Kostümparty als Dracula verkleidet und noch auf einem XTC-Trip und sie mit großen neugierigen Augen und verschleiert eigentlich ganz unvampirig. Schön. Und das ist alles so stimmig, so schön, manchmal heftig und erschreckend, aber trotzdem könnte man stundenlang in diese Welt schauen. Nun, die beiden wollen ihr aber doch irgendwann entflüchten. Man selbst will ja auch nur schauen und nicht da leben.
Ich weiß nicht genau was, aber ein wenig erinnerte das sowohl an Jarmusch als auch an Burton. Aber ganz viel an europäisches Kino, eher des artifiziellen der 70er. Oder auch an das aktuelle europäische Kunstkino, „Kaspar Hauser“ in der Vincent Gallo Version war nicht weit.
Aber vor allem sind das nur partielle leichte Vergleiche, an sich war der Film höchst eigenständig, das Ensemble mit den beiden Hauptdarstellern voran toll. Die Musik und die Songauswahl großartig und am Puls der Zeit. Das Schwarzweiße unterstreicht noch das „Aus der Zeit“-gefallene, und wirkt besser als in High End – Produktionen wie „The Artist“.
Unbedingt Empfehlung!
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.