Was vom Tage übrigblieb ...

Euer Filmtagebuch, Kommentare zu Filmen, Reviews

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Maulwurf
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Der schwarze Korsar (Sergio Sollima, 1976) 7/10

Der Gouverneur von Maracaibo ist schon ein selten mieses Schwein, aber sein neuer Mann fürs ganz Grobe, der flämische Herzog van Gould, ist zudem auch noch grausam. Ruchlos lässt van Gould Eingeborene abschlachten und das Land mit Terror überziehen. Zwei Männer stellen sich ihm entgegen, die beiden brüderlichen Grafen von Ventimiliga, genannt der grüne Korsar und der rote Korsar. Doch van Gould lässt die beiden hinterhältig töten. Da ist aber noch ein dritter Bruder: Emilio, der schwarze Korsar. Und der lässt sich nicht so einfach überwinden. Emilio verpfändet dem Teufel seine Seele und schwört blutige Rache.

In der zweiten Hälfte der 70er-Jahre gab es ein kleines Revival von Piratenfilmen, bedingt durch den Erfolg des Fernseh-Vierteilers SANDOKAN. Hauptfigur, sowohl bei SANDOKAN wie auch in den darauf folgenden Filmen wie eben zum Beispiel DER SCHWARZE KORSAR, war der Inder Kabir Bedi. Ein Mann, dessen äußere Erscheinung ihn zum Prachtbild eines wilden und unbezähmbaren Freibeuters machte, dessen Blick den Geruch von Freiheit und Abenteuer ausstrahlte, und der einfach ein charmant-männliches und starkes Charisma hatte - Der Mann muss in mindestens einem vorherigen Leben Freibeuter gewesen sein, so überzeugend wie das bei ihm rüberkommt.

Und in DER SCHWARZE KORSAR kann Kabir Bedi so richtig vom Leder ziehen. Wild schauen, mit dem Degen oder dem Schwert Bösewichter in rauen Mengen abmurksen, verwegen schauen, galant sein zu Damen, verträumt schauen, edel und hilfreich sein, abenteuerlustig schauen. Halt alles, was man von einem Korsaren so erwartet. Und nicht nur Kabir Bedi versprüht dabei ein fast unglaubliches Wohlfühl-Feeling, nein der ganze Film ist so! Sei es die erotische Carole André als Südseekönigin, Dagmar Lassander mit roter Perücke als feine Dame mit unfeiner Vergangenheit, oder Sonja Jeannine als edle Wilde im engen Lederanzug. Sogar Sal Borgese und Franco Fantasia sind nicht, wie in vielen Filmen, einfach nur anwesend, sondern haben richtig Text und Action und Screentime und sowas.

DER SCHWARZE KORSAR erzeugt beim Anschauen das gleiche Gefühl wie damals vor vielen Jahren Robert Siodmaks DER ROTE KORSAR mit Burt Lancaster, der Sonntagnachmittag im Fernsehen lief und Träume von Karibik, Galeonen und Piratenschätzen erweckte. Auch wenn die Rachestory beim italienischen Film etwas grimmiger ist, die teuflischen Schwüre diabolischer und die Bösewichter um einiges grausamer sind als in den 50er-Jahren, so kehrt in der Summe ein zelluloidgewordener Jungentraum zurück, der einem nach der Sichtung das Leben mehrere Tage lang ziemlich versüßen kann. Kein Wunder, dass der Film damals so ein Erfolg war. Jack Sparrow? Pff, der hätte gegen den Cavaliere Emilio di Roccabruna, genannt der schwarze Korsar, nicht den Hauch einer Chance. Und seine künstlich aufgeblasenen und hohlen Filme erst recht nicht. Das wahre Abenteuer schippert bei Cartagena durch die Gewässer und kämpft gegen Spanier, Flamen und Unehrlichkeit in allen seinen Ausprägungen.

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Maulwurf
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Beitrag von Maulwurf »

Venom (Ruben Fleischer, 2018) 4/10

Ich kann mich noch erinnern, wie Venom in den SPINNE-Comics auftauchte, in Deutschland war das irgendwann in den 90er-Jahren. Bis dahin war die Spidey-Welt eine Welt der zweiwöchentlichen Prügeleien, der lockeren Sprüche, und auch wenn Peter Parker oft Pech hatte, so war ein Happy-End eigentlich immer vorprogrammiert. Zwischen Charakteren wie Doc Octopus und Jonah J. Jameson entspann sich eine Soap-Opera, die, rückblickend gesehen, ernsthafte Ausschläge in die Welt des richtig Bösen immer aussparte. Bis Venom kam. Der außerirdische Symbiont, der zuerst den Körper Peter Parkers, und später dann den des erfolglosen Reporters Eddie Brock übernahm, war böse. Also so richtig böse. BÖSE. In Großbuchstaben. Nicht böse wie der Skinhead an der Bushaltestelle, sondern böse wie, sagen wir, Saint-Just, dessen Freude im Leben darin bestand, seine Landsleute zu Hunderttausenden unter die Guillotine zu schicken. Finsternis kam in das bis dahin so übersichtliche Spiderversum, und sie verschwand auch nie wieder. Dank Todd MacFarlane wurden die Geschichten abwechslungsreicher, vor allem aber wurden sie düsterer. Um nicht zu sagen grabesschwarz.

Aber das Universum wurde auch um einige Ecken interessanter. Vielschichtiger. Venom war, bei aller bösen Eindimensionalität, ein Garant für Spannung und Nervenkitzel. Für Grusel. Ein eiskalter Wind, der durch die warme Stube zog und Schaudern verursachte. Etwas, was nicht beeinflussbar oder veränderlich war, sondern von Grund auf stark und eben - böse.

Was heute nach all den Jahren von der Leidenschaft für die SPINNE übrigblieb ist eine große und schwere Kiste mit allen SPINNE-Comics der Verlage Williams und Condor, sowie eine kleine schwarze Venom-Figur aus Plastik, die auf einem Regal steht und nicht weiter auffällt. Aber dieser Film, der hat mich dann doch wieder interessiert. Venom als „Held“ eines massenkompatiblen Films, kann das gutgehen?

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Nein, kann es nicht. VENOM ist genau das geworden, was man dem modernen US-amerikanischen Kino vorwirft, und er erfüllt diesen Vorwurf in jeder Sekunde. Hier werden fast ausschließlich computergenerierte Effekte aneinandergereiht, und diese Effekte ersetzen somit die gute, altmodische Geschichte. Erstklassige Schauspieler wie Riz Ahmed wirken wie Statisten, wie farblose Kopien von Bond-Bösewichtern, die nichts aus ihrem Können und ihrer Ausstrahlung rausholen dürfen. Tom Hardy hat als Hauptdarsteller naturgemäß mehr Möglichkeiten, aber letzten Endes wird auch er darauf beschränkt, der nette Kumpel von nebenan zu sein und markige Oneliner abzusondern. Sein freches Grinsen erinnert immer noch an BRONSON, und gerade BRONSON ist ein gutes Gegenbeispiel dafür, wie man mit starken Schauspielern, einer interessanten Story und viel Gewalt einen erstklassigen Film rund um das Thema Boshaftigkeit auf die Beine stellt. Das, was VENOM als Geschichte ausgibt, ist Füllmaterial zwischen den Actionszenen, um den Eindruck zu erwecken dass Charaktere gezeigt werden würden. Die Nebenhandlung rund um Brocks Freundin Anne ist jedenfalls ziemlich überflüssig, und ihr einziger Zweck ist es, die Freundinnen der Actionfans ebenfalls ins Kino zu locken. Spannender sind die Figuren der Ärztin Dr. Skirth und der Obdachlosen Maria, die beide mit wenigen Dialogzeilen mehr Tiefe bekommen als die Hauptfiguren während der gesamten Laufzeit. Aber beide teilen das Schicksal der meisten Nebenfiguren in solchen Filmen, sie enden als Fischfutter. Was dann auch noch, wie die Schicksale überhaupt aller Figuren im Film, ziemlich vorhersehbar und damit langweilig ist.

VENOM ist seelenlose Effekthascherei. Getöse um des Getöse willens. Explosionen und Kämpfe die Lebenszeit rauben ohne einen Mehrwert zu generieren, denn sie sind nicht einmal spannend inszeniert. Wie auch, wenn zwei CGI-Monster in affenartiger Geschwindigkeit gegeneinander kämpfen? Vielleicht bin ich zu alt, aber bei absolut allen Kämpfen des Films habe ich binnen Sekunden Überblick und Interesse verloren, und eigentlich nur darauf gewartet, dass dieser Quatsch vorbeigeht und wenigstens die rudimentäre Handlung wieder weitergeht. Für einen Superheldenfilm, dessen Hauptaugenmerk auf rasant und interessant dargestellten CGI-Kämpfen besteht, muss ich leider ein Thema verfehlt konstatieren. Selbst die schlechteren Actionfilme von Leuten wie Chuck Norris oder Michael Dudikoff haben immer genau definierte Höhepunkte, nämlich die Kampfszenen. Aber was, bitte schön, gibt mir ein Actionfilm, der die Kampfszenen in den Sand setzt …?

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Aber es geht ja noch ein wenig schlimmer: Venom darf die Erde retten, und läuft damit gewissermaßen als Held. Er darf zeigen, dass er ein gutes Herz hat. Ist das nicht schön? Die ursprüngliche Figur aus den Comics wird zwar somit konterkariert, aber ohne positiv konnotierten Helden scheint es halt nicht zu gehen. Auch dann nicht, wenn der „Held“ ein böses Wesen im Körper eines Loosers ist. Donald Trump anyone?
Und somit ist es letzten Endes doch schön zu sehen, dass auch das vormals ultimative Böse sozialisiert werden kann, und sich mit Eddie Brock auf eine friedliche Koexistenz einigt: „Nein, heute essen wir keine Polizisten.“ Darauf möchte ich mit einem Zitat aus DAS RASTHAUS DER GRAUSAMEN PUPPEN aus dem Jahr 1967(sic!) antworten: „Einen Polizisten frisst man nicht, da bekommt man einen verdorbenen Magen.“ Von solchen Filmen auch …

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Maulwurf
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Colors – Farben der Gewalt (Dennis Hopper, 1988) 5/10

Alter Cop, junger Cop. Eine bekannte Kombination, die in vielen Filmen für Reibereien und spannende Plots sorgt. In COLORS haben wir einmal den erfahrenen Officer Hodges (Robert Duvall), der ein Jahr vor der Pensionierung wieder zum Streifendienst für Straßengangs abkommandiert wird. Er ist ein alter Hase, der seine Erfahrungen mit den Gangs gemacht hat, dort viele kennt, und die Hoodies im Zweifelsfall lieber mal laufen lässt, damit sie ihm einen Gefallen schulden. Sein neuer Partner ist der junge und aufbrausende McGavin (Sean Penn), der voller Idealismus und Wut steckt, und das ganze Ghetto am liebsten auf einmal verhaften möchte. Hodges versucht, McGavin die Feinheiten eines abgewogenen Polizeieinsatzes nahezubringen. Warum man die frisch Verhafteten lieber einmal öfters laufen lässt, und wann das Ausführen der Gerechtigkeit lieber den Anführern der Gangs überlassen werden sollte. Aber McGavin ist bis obenhin voll mit Adrenalin, und sein rücksichtsloses Auftreten schafft ihm eine Menge Feinde. Er gerät in die Schusslinie zweier rivalisierender Gangs, denen nichts lieber wäre, als beim Abknallen der Gegner den blöden Macho-Cop gleich mit kaltzumachen …

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Was ich an Filmen so mag ist die Möglichkeit, in eine Welt einzutauchen, die man im echten Leben niemals kennenlernen würde. Und auch gar nicht wollte, denn mal ehrlich: Wer von uns weißen, mittelständischen Wohlstands-Filmfreaks würde jemals freiwillig einen Fuß in ein Latino- oder Schwarzenghetto in Süd-LA setzen wollen? Aber mit einem Film geht das. Man lernt die Gesetze dieser Welt kennen, die angenehmeren und die unangenehmeren Zeitgenossen, und kommt ohne einen Kratzer an Leib und Seele wieder aus der Sache raus. Zumindest am Leib - Was die Seele angeht, da kann es schon mal zu Beschädigungen kommen, je nach Film …

COLORS zum Beispiel. Wir folgen zwei Cops in die Hölle der Ghettos von Los Angeles, sehen einem eskalierenden Bandenkrieg zu, und müssen uns gemeinsam mit den beiden Polizisten mit Fragen beschäftigen wie: Wer hat Steine auf unser Auto geworfen? Warum sollte ich jetzt auf einer Strafe oder Verfolgung beharren? Was passiert, wenn ich Gnade vor Recht walten lasse? Und warum sollte ich das überhaupt tun?

Spannende Fragen, die mit Sicherheit auf einer Polizeischule anders behandelt werden als im wirklichen Leben. Die noch viel spannendere Frage ist aber: Wie behandelt Regisseur Dennis Hopper wohl diese Fragen? Mit einer gewissen Street Credibility, die man vom Großmeister des Drogenwahns und des Freiheitsrauschs irgendwo fast erwarten kann? Oder eher auf die Akademische? Denn vor genau solche Probleme wie den Erwähnten stellt er die Protagonisten: Mit sanftem Druck und etwas Entgegenkommen kann Hodges viele Konfliktsituationen lösen, kann auf Verständnis von älteren Gangmitgliedern bauen, und bekommt auch immer wieder mal Informationen über geplante oder durchgeführte Straftaten.

Dagegen stellt Hopper dann einerseits den jungen und aufbrausenden McGavin, der sich in eine Ghettobewohnerin verliebt, es aber nicht versteht, dass sie heute in diesem Viertel lebt, und auch morgen dort noch leben muss, somit also an bestimmte Verhaltensregeln gebunden ist. Als McGavin seine Freundin besuchen will und dabei mit Gangmitgliedern aneinandergerät, kann er partout nicht nachvollziehen, warum Louisa beginnt sich von ihm abzuwenden. Auf der anderen Seite sehen wir dann aber auch irrationales Verhalten der Gang-ster, die in einer völlig losgelösten Szene einen Touristen(?) erstechen, weil er in ihrer Gegend halt nichts zu suchen hat. Unverständnis und aggressives Verhalten der Polizei versus Aggressionen der Gang-ster, und zu was das führen kann hat man vor ein paar Jahren in den französischen Vorstädten gesehen. Der Film DIE WÜTENDEN – LES MISÉRABLES legt davon ein eindrucksvolles Zeugnis ab.

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Dennis Hopper aber, und da kommen wir zu wesentlich interessanteren Problemen, nämlich den filmischen Implikationen, Dennis Hopper also packt diese Konfrontation in einen … Ja was eigentlich? Ein Polizeifilm wie DIE BRONX oder DARK BLUE ist COLORS noch am ehesten, ohne aber jemals deren hautnahe Sprengkraft erlebbar zu machen. Wenn in DARK BLUE der Krieg im Ghetto losbricht, dann rutscht der Zuschauer sehr heftig auf dem Sofa hin und her, denn Kamera und Schnitt hetzen uns mitten hinein in ein bürgerkriegsartiges Geschehen und sorgen für viel Adrenalin und Emotion.
COLORS zeigt nun allerdings keinen Krieg des Ghettos mit der Außenwelt, sondern einen Krieg zweier verfeindeter Banden, der dadurch am Laufen gehalten wird, dass Die Anderen andere Farben tragen. Dieser Krieg wird dargestellt in Form von zwei(!) Shootouts, der eine ein extrem kurz gehaltener Beschuss einer Villa, der andere ein kriegsartiger Überfall eines Platoons auf eine Baracke, die mit dem vollkommen sinnlosen Tod zweier Personen endet, zu denen der Zuschauer allerdings keinerlei Bindung aufbauen konnte, und die ihm, ehrlich gesagt, ziemlich am Arsch vorbeigehen. Der Beschuss der Villa hingegen hat zwar ein fatales Ergebnis, aber dieses Ergebnis wird nur so im Vorbeigehen abgehandelt, die Regie interessiert sich in diesem Augenblick viel mehr für das Liebesleben McGavins als für die tote, unbeteiligte Frau, die das eigentliche Drama gewesen wäre.

Was nichts anderes heißen soll, als dass ich die Schwerpunkte von COLORS nicht so recht verstehen kann. Auf der einen Seite der Versuch, das knüppelharte und von Gewalt und Drogen geprägte Leben im Ghetto darzustellen (man beachte die authentischen und düsteren Bilder während des Abspanns), auf der anderen Seite eine schmackige Verfolgungsjagd und eine Prügelei in einer Restaurantküche – Beides würde einem Actionfilm gut zu Gesicht stehen, aber COLORS erweckt eigentlich nicht den Eindruck, ein Actionfilm sein zu wollen. Dafür hat es zu viele Szenen, die durch ihre finstere und zugleich niederdrückende Stimmung wirken wollen.

Action mit Anspruch also? Da drängt sich wieder Kathryn Bigelows DARK BLUE auf, der genau diesen Spagat hinbekommt: Korrupte Bullen, im Kampf mit sich selbst, der internen Ermittlung und dem Krieg im Ghetto. Actionlastige Szenen als perfekte Unterhaltung, in Kombination mit einem schmerzhaft erhobenen Zeige- (oder Mittel-) -finger in bezug auf Polizisten, die sich als weiße Herrenmenschen gerieren.

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COLORS hingegen scheitert an diesem Spagat. Und das liegt beileibe nicht an den (Haupt-) Figuren, die bei aller Klischeehaftigkeit von Robert Duvall und Sean Penn hervorragend mit Leben gefüllt werden. Hodges, der sein Leben mit den Gang-stern verbracht hat, und allmählich sogar die gleiche Gestik drauf hat wie sie, ist der müde Bulle, der trotz bevorstehendem Rentenanspruch immer noch genug Feuer im Arsch hat um LA alleine befrieden zu wollen. Und Sean Penn gibt den überambitionierten Jungspund mit Allüren so unglaublich echt, dass am Ende, wenn er seinem neuen Partner den gleichen Witz erzählt den Hodges immer erzählt hatte, dass dann bei seiner unbeholfenen Art sogar Fremdschämen angesagt ist. Was für ein Schauspieler!

Nein, die Schuld muss einzig und allein bei der Regie gesucht werden, die es nicht schafft, eine stringente Story abwechslungsreich und trotzdem zielgerichtet zu erzählen, und sich stattdessen in Nebenschauplätzen verzettelt, die den Film zerfahren wirken lassen. Der gesehene Unrated-Cut, etwa 9 Minuten länger als die „Normal“-Version, enthält Szenen, die den Drive aus der Erzählung rausnehmen, ohne einen Gegenwert zu liefern. Die viel zu lang gezogene Liebesszene zwischen McGavin und Louisa zeigt ein fehlendes Gespür für das richtige Timing, die Sequenz mit dem Touristen(?) ist bitter, aber zusammenhanglos, und die Diskussion unter den Hoodies erläutert zwar den ein oder anderen Charakter, der Film würde aber auch ohne funktionieren. Ich bin der Überzeugung, dass die kürzere Fassung in den entscheidenden Momenten knackiger rüberkommt, allerdings wirft die längere Version ein Schlaglicht darauf, dass Dennis Hopper, bei aller Genialität die er als Schauspieler hatte, als Regisseur zumindest hier doch etwas überfordert schien. COLORS wirkt in seiner teilweise Episodenhaftigkeit manchmal wie ein Versuch DIE CHORKNABEN zu erneuern, aber ohne deren bösen Witz, dafür mit den Ghettobewohnern als Antagonisten.

Wahrscheinlich wollte Hopper eigentlich die Stimmung in den Ghettos zeigen, den Hass und die Verzweiflung, die Armut und die Drogen, und was die jungen Menschen in die Arme der Gangs treibt. Die entsprechenden Ansätze sind vorhanden, aber dann hätte ich wesentlich mehr Szenen im Ghetto erwartet, und vielleicht sogar noch eine durchgehende Handlung rund um die Gang-Charaktere Frog, Hightop und Rocket. Gerade der Letzere, der gegen Ende des Films so eine gewichtige Rolle spielt, taucht wie der Teufel aus der Kiste irgendwann plötzlich auf und reißt die Richtung der Handlung an sich, ohne dafür aber wesentlich Screentime zu bekommen. Symptomatisch für diese Orientierungslosigkeit ist die Szene, wenn vor dem Überfall auf sein Haus Rocket in einem Sessel sitzt, laute Musik hört, und die Kamera anstarrt. Mehr ist da nicht, und mehr gibt der Charakter anscheinend nicht her. Oder die Phantasie des Regisseurs. Wenn ich mir dagegen anschaue, mit wie wenig Aufwand die Personen in GESETZ DER STRASSE – BROOKLYN’S FINEST Tiefe und Inhalt bekommen, wie einfach und doch wirkungsvoll Antoine Fuqua dort die verschiedenen Handlungsfäden geschickt miteinander verwebt, um dann ein kunstvoll und gleichzeitig hochdramatisches Ende einem völlig konsternierten Zuschauer um die Ohren zu klatschen, dann wird erst klar, wie hölzern und aufgesetzt COLORS wirkt.

Kann sein, dass Hopper es nicht schafft die richtige Stimmung zu treffen. Kann aber auch sein, dass ich COLORS einfach nur nicht verstehe, oder zu dumm bin, in der Parallelität der Konflikte im Großen und im Kleinen die Genialität der Absicht zu sehen. Aber mir war das alles zu unentschieden und zu wischiwaschi. Sorry Folks, nicht meines …

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Maulwurf
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Dog Day – Ein Mann rennt um sein Leben (Yves Boisset, 1984) 8/10

Die Männer in den schwarzen Anzügen checken ihre Waffen, stecken sich Handgranaten in die Taschen und steigen in die Autos um einen Geldtransport zu überfallen. Doch das Ganze ist eine gigantische Falle, aus der nur ein einziger Mann mit großem Einsatz einer Menge Blei herauskommt. Dieser Mann, Jimmy Cobb, wird jetzt von einem riesigen Polizeiaufgebot gejagt, doch Cobb ist kein Anfänger. Er kann aus der Stadt entkommen und auf einem Acker das Geld vergraben. In der Nähe ist ein Bauernhof und dort kann er sich weiter orientieren: Essen, vielleicht etwas Schlaf, ein Auto. Cobb ahnt nicht einmal ansatzweise, wie degeneriert und verdorben die Landbewohner sein können, wenn sie 10 Millionen Dollar wittern.

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Beim Verbuddeln der Sore wird Cobb vom geschätzt 10-jährigen Chim beobachtet, der das Geld postwendend aus- und woanders wieder eingräbt. Als nächstes begegnen wir der hochgradig mannstollen Ségolène, die absolut alle Männer nur auf ein einziges Körperteil reduziert. Weiter wären da noch der ständig geile und meistens besoffene Bauer Horaz und sein Bruder Socrates, der eine kleine Werkstätte betreibt, und zu guter Letzt Horaz` Frau Jessica, die Horaz abgrundtief hasst. Sie schlägt Cobb einen Deal vor: Sie versteckt ihn und hilft ihm da rauszukommen, und dafür erledigt Cobb ihren Mann. Allerdings bemerken die anderen Leute auf dem Hof den Fremden ebenfalls recht schnell, und wollen natürlich an die Kohle, notfalls mit Gewalt. Die Polizei wiederum ist im Hubschrauber unterwegs, kreist immer wieder um den Hof, und platziert irgendwann Leutnant Marceau für die Nacht dort, um Wache zu halten. Ségolène jubelt - Ein Mann! Endlich ein neuer Mann!! Aber halt ein Polizist der aus dem Weg geschafft werden muss, damit die anderen sich endlich mit Cobb beschäftigen können.
Chim gibt die Sore derweil im örtlichen Puff aus, und dort arbeitet die Nichte von Socrates, die alles gleich weiter erzählt. Dadurch bekommen die Gangster, die bei ihr Station gemacht haben, Wind von der Sache. Denn aus dem Überfall ist noch einer lebendig rausgekommen, und der will natürlich ebenfalls an das Geld. Genauso wie der Zuhälter der Nichte. Alle sind hinter Jimmy Cobb her. Cobb ist ein verdammt harter Knochen, der bekannt dafür ist, dass er seine Feinde durch einen Schuss in die Kniescheibe unschädlich macht. Aber gegen so eine Übermacht an Bosheit und Abgefeimtheit, da wird auch ein hartgesottener Gangster irgendwann nachdenklich.

„Wir werden reich sein, alle werden uns fürchten, wir werden nur Böses tun. Wir werden so richtige Mistkerle sein.“

Beim Sterben ist jeder der Erste, das ist eine unumstößliche Wahrheit, die in diesem durchgeknallten Gangster-Irrsinn wieder einmal unter Beweis gestellt wird. Und nein, es ist definitiv nicht vorstellbar, was Yves Boisset hier abzieht. Wie schnell der Ton des Films sich wandelt, und was als sehr schneller und ausgesprochen brutaler Gangsterflick beginnt, wandelt sich in Windeseile in eine Groteske, wieder zurück in einen Gangsterflick, eine Groteske … Auch der Western wird immer wieder einmal gestreift, und Jean Carmet und Henri Guybet sorgen durch ihre Besetzung für eine gewisse Anlehnung an die (grotesken?) Klassiker französischer Komödien der 60er- und 70er-Jahre. Die Charaktere offenbaren im Lauf des Films immer mehr und immer tiefere Abgründe, und beweisen bei der Hatz um Geld und Tod eine ausgesprochene Intelligenz. Bauernschläue, gewissermaßen. Der Fokus geht dabei von Jimmy Cobb ganz schnell fort, hin zu Jessica, der Klügsten unter den Protagonisten. Jessica sieht eine Möglichkeit, aus der Scheisse, in der sie steckt, endlich rauszukommen, und zwar ohne das Schwein von Ehemann und ohne den elenden Hof, dafür aber mit einer verdammten Menge Geld. Und Jessica geht buchstäblich über Leichen, um ihr Ziel zu erreichen. Überhaupt wird in DOG DAY sehr viel und sehr schnell gestorben, und fast jeder Tod ist eine kleine Tragödie für sich. Ausgerechnet derjenige, der sich Aniello Dellacroce nennt, also den Namen eines (real existierenden) Unterbosses der Cosa Nostra trägt, ausgerechnet dieser Mann hat zumindest recht gute Chancen, das Ende des Films lebend zu erreichen. Aber sonst?

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Sonst geht alles vor die Hunde. Die einzigen Lebensinhalte sind, so wie es ausschaut, Vögeln, Saufen und Sterben. Cobb, der coole und harte Cobb, der gefürchtete Gangster, muss in der Hölle des degenerierten französischen Backwoods um sein Leben fürchten, als ob er in einem Bandenkrieg mitten in Chicago wäre. Spätestens als Jessica ihm in klaren Worten erklärt, dass er keine Chance hat hier lebend rauszukommen, realisiert er, dass diese Welt härter und erbarmungsloser ist als die seine. Dass Menschen, die andere ins Knie schießen, böse Menschen sind. Dass aber diejenigen Menschen, die andere ins Knie ficken, noch viel böser und hinterhältiger sind.

DOG DAY ist kein Film für positiv in die Zukunft schauende Menschen. Er zieht herab, er deprimiert, und er lässt sperrangelweite Kinnladen ob seines himmelschreienden Unfugs zurück. Was für ein Fest …

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Maulwurf
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The Miami story (Fred F. Sears, 1954) 6/10

In Miami steppt das Verbrechen. Vor allem das Glücksspielsyndikat von Tony Brill beherrscht hier alles und jeden. Alles und jeden? Nein, eine kleine Gruppe von Geschäftsleuten und Anwälten will sich wehren und Miami wieder zu einer sauberen Stadt machen. Sie engagieren den Ex-Gangster Mickey Flagg, denn Gewalt kann am Besten mit Gewalt bekämpft werden. Mickey Flagg, der vor 12 Jahren in Chicago ein knallharter Mobster war, jetzt aber mit seinem Sohn auf einer Farm in Indiana lebt, willigt ein, den Kampf aufzunehmen. Er setzt bei der rechten Hand von Tony Brill an, Teddy Delacorte, der gerade erst auf dem Flughafen zwei Kubaner erschossen hat. Denn Flagg will als Speerspitze der kubanischen Syndikate auftreten, die das örtliche Business komplett übernehmen wollen.

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THE MIAMI STORY ist sicher keine Sternstunde des Kriminalfilms, und ein Film Noir ist er nur in seiner Grundkonstruktion, nicht in der Ausführung. Aber mit seiner, stark an die zeitgenössischen Semi-Documentaries angelehnten Struktur und dem ein oder anderen Noir-Stilmittel schafft der Film es locker, über seine gesamte Laufzeit zu unterhalten. Keine einzige Länge, keine unnütze Liebesgeschichte, keine Nebenhandlungen lenken von der eigentlichen Story ab – Mickey Flagg geht von Beginn an direkt nach vorne los und macht keine Gefangenen. Die Laufzeit von 75 Minuten wird perfekt ausgenutzt, und der Fehler, den Film mühsam und unnötigerweise auf 90 Minuten zu strecken, wird angenehmerweise vermieden. Stattdessen gibt es eine Anzahl ordentlicher, gut verteilter Actionszenen, und ein paar sehr interessante Charaktere. Namentlich John Baer als Ted Delacorte fasziniert über die gesamte Laufzeit. Sein erster Auftritt ist der eines Sonnyboys den kein Wässerchen trüben kann. Doch innert Sekunden wandelt er sich zum eiskalten und berechnenden Killer, der er dann auch lange Zeit bleibt. Ein wunderbarer Kontrast zu seinem Babyface. Die Wandlungen gegen Ende kommen dann recht überraschend, und geben seinem Charakter und der Handlung viel Farbe und Tiefe.
Auch Adele Jergens als Holly Abbott ist eine interessante Frau: Beileibe nicht nur das Betthaserl des großen Bosses, aber auch keine Killerin, managt sie tatsächlich die Geschäfte von Tony Brill. Sie hat kein Problem damit, junge Mädchen ins Verderben zu schicken, und sie ist absolut loyal zu ihrem Boss. Ja, sie setzt sogar ihren Boss über ihre eigene Familie. Eine Femme Fatale wie sie im Buche steht, und ihrem Charakter wäre erheblich mehr Screentime zu wünschen gewesen. Hauptdarsteller Barry Sullivan als Mickey Flagg wirkt dagegen eher etwas blass und steif. Er vertritt die Seite des Gesetzes, und darf in dieser Eigenschaft nicht nach links und nicht nach rechts schauen. Starr und unnachgiebig, mit geradem Rücken und verkniffenem Gesicht, muss er für Recht und Ordnung sorgen. Das Abbild eines aufrechten Sheriffs oder eines langweiligen FBI-Agenten in den Filmen aus dieser Zeit. Wie wohltuend ist es dagegen, wenn man sich die schwachen und korrumpierbaren Helden der nachfolgenden Jahrzehnte anschaut …

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Nichtsdestotrotz gute und spannende Unterhaltung ohne ernsthafte Schwächen. Ein feiner Feierabendkrimi ohne besonderen Tiefgang oder filmische Raffinessen, aber eben mit einigen interessanten Personen. Und sei es nur (der echte) Senator George Smathers aus Florida, der zu Beginn des Films ein paar Sätze über die Verbrechensbekämpfung vom Stapel lässt. Als ultrarechter Law and Order-Mann genau der richtige …

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Maulwurf
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52 Pick-Up (John Frankenheimer, 1986) 8/10

Da ist also dieser Typ, Bobby, der nachts in das Haus von Harry eindringt und diesen töten will. Doch Harry und seine Frau können Bobby niederschlagen. Harry bietet Bobby einen Whisky an, fragt, ob er für seine Wunde auf der Nase ein Pflaster haben will, und schafft es mal eben so ganz locker, Bobby umzudrehen und gegen den Auftraggeber des Mordes aufzubringen. Das ist wahre Coolness!

Man könnte natürlich auch behaupten, dass so ein Verhalten unrealistisch ist. Aber wir befinden uns hier in einem von Cannon produzierten Film aus den 80ern, und aus solchen Filmen kann man nur lernen. Zum Beispiel was eben Coolness bedeutet: In den Pornoschuppen des Erpressers zu gehen, diesen zu fotografieren, und einfach wieder zu gehen.
Harry wird erpresst. Zuerst nur mit dem Video, dann später aber auch mit der Leiche seines Seitensprungs. Doch Harry will, um die politische Karriere seiner Frau nicht zu gefährden, das Problem selber lösen. Zuerst einmal schafft er es herauszufinden, wer ihn da eigentlich erpresst: Drei Typen, die in erster Linie mit Pornographie und Kleinkriminalität ihr Geld verdienen, aber keine professionellen Mobster sind. Dann überzeugt er den Anführer der Drei, den smarten Alan Raimy, dass das Finanzamt den Großteil seines Vermögens auffrisst. Und zu guter Letzt spielt er die Drei gegeneinander aus. Was allerdings nur so lange gut geht, bis Raimy Harrys Frau entführt.

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Harry (Roy Scheider) fährt einen selbst restaurierten Jaguar E-Type, hört schreckliche Musik, und hat die Coolness, wie bereits erwähnt, mit großen Löffeln gefressen. Seine wunderschöne Frau Barbara (Ann-Margret) bereitet sich auf eine Karriere an der Seite des kommenden Staatsanwaltes vor, aber im Prinzip haben beide nur bedingt etwas zu bieten. Die Bösewichter sind es, die hier faszinieren, und die den Film auch tragen. Allen voran John Glover als Alan Raimy. John Glover kennt man heute wahrscheinlich am Ehesten als fiesen Geschäftsmann aus GREMLINS 2, wo er mit seinem markanten Gesicht den kleinen Monstern fast die Schau stiehlt. In 52 PICK-UP ist er smart, ist er gewitzt, ist er böse und gemein, und wenn er die Bilanzen von Harry durchschaut, und ihm allmählich die Gesichtszüge entgleisen, weil er feststellen muss, dass sein Erpressungsopfer tatsächlich kaum Geld zur Verfügung hat, dann hat man sogar etwas Mitleid mit ihm.
Ihm zur Seite steht Robert Trebor als Leo. Der schwule Leo, der ein Mittelding aus Peep-Show und Bordell führt, und sogar für diesen Job zu weich ist. Eine Blaupause für die Rollen, die woanders Joe Pesci bekommt, und letzten Endes einfach ein armes Schwein, das unter dem Stress einer missratenen Erpressung gnadenlos zu Grunde geht. Mitleid die zweite …
Und da ist noch Clarence Williams III als Bobby: „Wenn ein Typ mich verarschen will, ist er entweder unheimlich mutig, oder unheimlich stoned. Was bist Du davon?“ Durchgeknallt, eiskalt, mörderisch, und immer irgendwie kurz vor dem Durchdrehen, hat er seine stärksten Szenen immer dann wenn er töten darf. Ein Irrer mit dem Aussehen eines knuddeligen Teddybärs und den Augen eines Amokläufers. Ein Typ zum Angst haben und die Straßenseite wechseln. Kein Mitleid, aber eine gehörige Portion Respekt und Furcht …

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Eher ungewöhnlich, dass ich mich so mit den Schauspielern und ihren Rollen beschäftige, aber trotz aller Action, trotz aller Coolness und trotz der vielen nackten Frauen ist 52 PICK-UP tatsächlich in erster Linie ein Schauspielerfilm, der von einem Könner seines Fachs inszeniert wird. Viele Großaufnahmen von Gesichtern, viele Gefühlsregungen die in den Gesichtern zu beobachten sind, viele feine Nuancen großen schauspielerischen Könnens, Roy Scheiders gelegentliches Overacting mal ausgenommen. Und die gekonnten und gut aufgeteilten Actionsequenzen dazwischen betonen erst recht, wie sehr dieser Film von seinen Darstellern lebt. Von den Darstellern, aber mindestens genauso von der Handlung, die mit einem Bein immer ein klein wenig im Irrsinn zu stehen scheint. Und natürlich von der erstklassigen Kameraarbeit von Jost Vacano, dem deutschen Kameragenie, der mit der hier eingesetzten Tiefenschärfe und ungewöhnlichen Kameraeinstellungen sein Scherflein dazu beiträgt, diesen feinen, kleinen Thriller aus der Massenware deutlich herauszuheben. Drehbuchautor Josh Olson meint im Intro zur Blu-ray, dass Cannon in den 80ern genau 6.324 Filme produziert haben, und sieben davon gut seien - 52 PICK-UP sei einer davon. Ersteres kann ich nicht bestätigen, aber wenn ich mir nur einen einzigen Cannon-Film auf die berühmte Insel mitnehmen dürfte, hätte 52 PICK-UP verflucht gute Chancen. Ein Hard Boiled-Krimi in der Tradition der 50er-Jahre-Noirs, wie er in den stylischen und coolen 80ern kaum besser hätte ausfallen können.

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Maulwurf
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Zielfahnder: Flucht in die Karpaten (Dominik Graf, 2016) 6/10

Der rumänische Gangster Liviu Caramitru hat vor einiger Zeit einen Polizisten in die Psychotherapie geschossen, wofür er berechtigterweise in den Knast kam. Jetzt ist er geflüchtet, und ein großes Aufgebot an Polizisten jagt den Mann von Düsseldorf bis an die polnische Grenze. Doch Caramitru schafft es, über die Oder zu entkommen, und die Befugnisse des LKA Düsseldorf enden dort nun mal. Die beiden Fahnder Hanna Landauer, deren Partner der damals Angeschossene war, und Sven Schröder reisen mit einem Amtshilfebegehren (nennt man das so?) nach Bukarest – Sie sollen die rumänische Polizei beim Einfangen des Flüchtigen unterstützen. Doch Bukarest besteht anscheinend in erster Linie aus Nachtclubs und Bordellen, und die Polizei wirkt auch nicht sonderlich motiviert. Trotzdem schaffen die beiden es, eine Spur aufzunehmen. Und die zeigt auf die Nordseite der Karpaten, zu einem kleinen Dorf, wo Caramitrus Schwester heiraten wird.

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Im Vorfeld habe ich meiner Frau noch gesagt, das Dominik Graf derjenige deutsche Regisseur ist, der die guten Krimis und Thriller macht, und der qualitativ als einziger an internationale Produktionen herankommt. Ist das bei ZIELFAHNDER auch so? Nun ja, ein wenig ist mir diese Aussage schon im Hals steckengeblieben. Dabei meine ich nicht den schnellen Ablauf der Story, der keinerlei Längen zulässt, und von Beginn an den Zuschauer in einen Sog der fortwährenden Abläufe zieht. Ich meine auch nicht den professionellen Schnitt, der sich aus verschiedenen Stilmitteln zusammensetzt, und beispielsweise beim Grenzübergang Caramitrus nach Polen aus einem Kaleidoskop von Spielfilmaufnahmen, Nachbildkamera und Steadicam besteht, und sehr dynamisch und intensiv rüberkommt.

Nein, narrativ ist alles top, und die Spannung passt ebenfalls. Aber warum, bitte schön, ist es inzwischen Mode geworden, die Schauspieler so dermaßen nuscheln zu lassen? Ich habe über etwa die Hälfte der Laufzeit die Texte nicht verstanden, und bei den Simultanübersetzungen des rumänischen Polizisten wurde es dann richtig anstrengend. Echtton ist was hübsches, aber wenn man Teile der Handlung nicht mehr versteht, weil die Darsteller anstatt zu sprechen nur noch brabbeln, dann passt bei der Nachvertonung etwas nicht. Und das, Verzeihung, ist für mich leider ein ernsthafter Minuspunkt im ansonsten so aufregenden und professionell dargestellten Geschehen.

Denn eigentlich ist ZIELFAHNDER ein guter und spannender TV-Krimi mit dem Anspruch, verdammt tolle Bilder und eine mitreißende Story zu bieten. Die Flucht durch Deutschland ist spannend, die Erlebnisse in Bukarest sind ein Labyrinth aus Vergnügungssüchtigen und Rauschmitteln, das sich wie ein Strudel um die beiden Ermittler wickelt und in einer harten und bösen Prügelei in einem dunklen Hausflur kulminiert, und was dann zu guter Letzt in dem kleinen Dorf passiert ist sowieso nicht mehr normal. Wer immer auf die Idee kam, die beiden Großstadt-Cops aufs flache Land zu jagen, um dort eine rumänische Hochzeit zu dokumentieren, und am Ende sogar ein klassisches Karl May-Ende hinzulegen - Wer immer auf diese Idee kam, er verdient Respekt für so viel Mut, auch mal die nicht so ausgelatschten Wege zu gehen. Der Subplot um die verschwundenen Kirchenglocken hat mit der Handlung nichts zu tun, und er wirkt auch eher ein wenig wie eine Episode aus, sagen wir, ALLES IST ERLEUCHTET – NICHTS IST NORMAL, aber gerade dadurch zeigt sich die Meisterschaft Dominik Grafs: Eine knuffigeWohlfühlepisode in einen Krimi einzubauen, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren und ohne das Tempo auszubremsen.

Vielleicht ist ZIELFAHNDER einfach ein klein wenig wie HANNE, ebenfalls von Dominik Graf. Nicht als dramatische Auseinandersetzung mit Leben und Tod, sondern als Reise von einem festen Ausgangspunkt zu einem unbekannten Ziel. Mal sehen wohin einen der Weg bringt, man wird schon irgendwo ankommen. Wo? Mal sehen! Und genau an dieser Stelle ist Graf tatsächlich derjenige deutsche Regisseur, der es schafft, sich aus den ausgetretenen Pfaden eines TV-Krimis zu lösen und etwas Größeres zu wagen. Eine Geschichte zu erzählen, die einfach etwas anders endet als man sich das so vorstellt. Und der damit tatsächlich spannend bleibt, auch in seiner Entwicklung als Regisseur. Nur das mit dem Genuschel, da müssen wir noch ein wenig dran arbeiten …

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Maulwurf
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Die Behandlung (Hans Herbots, 2014) 9/10

Eine graue Welt. Eine grau-same Welt. Eine grauenhafte Welt. Regen. Einsamkeit. Kälte. Verzweiflung. Darin Familien, die wie warme, kleine Lichtpunkte durch die Schwärze schimmern. Und den Troll anlocken. Den Troll, der sich nachts anschleicht, die Häuser hochklettert, und bei den Kindern in die Zimmer schaut. Der die in Familien eindringt und sie vernichtet. Sie zerfetzt …
Eine Frau. An ein Heizungsrohr gefesselt. Ihr Mann, in einem anderen Zimmer, ebenfalls gefesselt. Die Frau ist eine Mutter, und sie entwickelt Löwenkräfte in dem Versuch, ihr Kind zu retten. Ihre Familie zu retten. Doch hilflos muss sie zusehen, was ihrem Kind angetan wird. Vom Troll.
Der Polizist sucht den Troll. Ein Gerücht nur, doch er glaubt es. Als einziger. Er glaubt das Gerücht, weil sein Bruder vor sehr vielen Jahren ebenfalls verschwand, an der Hand eines älteren Mannes. Der Polizist hat die Hoffnung nie aufgegeben, seinen Bruder wiederzufinden. Und er gibt die Hoffnung nicht auf, alle Pädophilen persönlich ins Gefängnis stecken zu können. Oder ihnen schlimmeres antun zu können.
Schlimmeres. Ein totes Kind, gefesselt, das auf einen Baum geworfen wird und dort zwei Tage lang stirbt. Eine Mutter, die zusehen muss, wie ihr Kind vergewaltigt wird. Viel Schlimmeres.

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Ein wahrgewordener Alptraum. Eine Welt, die wir niemals wollten. Und die doch existiert. Eine Welt die Menschen zerstört. Eine Welt aus Schmutz, Pisse und verzweifelten Monstern. Ein Film, der den Zuschauer erbarmungslos gefangen nimmt nach unten zieht. Ihn in eine Kloake aus Dreck und Abschaum zieht. White Trash. Trostlosigkeit. Elend. Müdigkeit. Man möchte sich abwenden und nie wieder hinschauen zu dieser Welt, die aus Tod, Schmerz, Tränen, Sperma, Einsamkeit und Hass besteht. Und immer wieder diese Verzweiflung. Wenn am Ende der Polizist auf das Monster einschlägt, dann bricht sich diese Verzweiflung über die eigene Machtlosigkeit Bahn. Dann wird der Homo Sapiens wieder zum wilden Tier, das nur drauf aus ist, zu töten. Vielleicht ist der einzige Weg, ein Monster zu töten, der, es mit den eigenen Fäusten zu erschlagen. Und damit die eigene Hilflosigkeit … einzugestehen? Vielleicht hilft nur die tief in uns schlummernde, archaische Grausamkeit, die Grausamkeit der anderen zu bekämpfen?

DIE BEHANDLUNG ist, wenn der Zuschauer nach dem Film alle Türen und Schränke(!) kontrolliert, ob auch alles verschlossen ist. DIE BEHANDLUNG ist ein filmgewordener Alpdruck auf der Seele. Eine düstere und tieftraurige Dichtung, bestehend aus Urin und Tod. Etwas, was noch lange nachhallen wird im Empfinden des Zuschauers. Ein spannendes, dunkles und bedrückendes Meisterwerk des Todes. Oder schlimmerem …

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Maulwurf
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Beitrag von Maulwurf »

Oberwachtmeister Schwenke (Carl Froelich, 1935) 6/10

Der Schupo ist der Freund des Publikums. So steht es in der Dienstvorschrift, aber dies ist auch das Motto des Oberwachtmeisters Schwenke. Streng, aber gütig, führt er seinen Beruf im Bezirk aus. Schwenke ist beliebt, bekannt, und ihm fliegen die Frauenherzen nur so zu. Doch für die liebreizenden Augen und die schmachtenden Blicke der Damen ist er eher unempfindlich, sein Beruf und das feierabendliche Saufen bei der feschen Fanny Mehlmann reichen ihm völlig aus. Bis er eines Tages das junge polnische Dienstmädchen Erna Zuwade kontrolliert – da ist es um ihn geschehen. Schwenke legt ihr sein Herz zu Füßen und ahnt nicht, dass Erna in eine Erpressung ihres Dienstherrn, des Bankier Wenkstern, verwickelt ist. Diese Erpressung läuft allerdings nicht so ganz wie geplant: Wenkstern erhängt sich, und Erna bekommt Gewissensbisse. Der Erpresser, der seine Felle davonschwimmen sieht, muss jetzt reinen Tisch machen, tötet Erna, und lässt ihre Leiche verschwinden. Schwenke ist am Boden zerstört. Ob ihm die Blumenverkäufern Maria, die er seit Filmbeginn so schmählich ignoriert, und die ach so verliebt ist in ihn, ob ausgerechnet Maria ihm helfen kann, diesen Kriminalfall zu lösen …

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Der Schupo ist der Freund des Publikums ... Oder auch: “Keine Angst vor der Polizei!“ Es ist schon kurios, dass in einer Zeit, in der ein Verhör auch mal mit einem toten Delinquenten endete, so ein Hohelied auf die Polizei gesungen wird. Schwenke soll den Erpresser mit einem Stiefeltritt die Rippen gebrochen haben, woraufhin sich die Kollegen alle von ihm abwenden, und selbst sein bester Freund bekommt Zweifel an der Aufrichtigkeit und Integrität Schwenkes. Das zur gleichen Zeit in den Kellern der Gestapo auf Teufel komm raus geprügelt wurde, wird, aus verständlichen Gründen, völlig ignoriert. Fast könnte man meinen, einen Propagandafilm von Goebbels Gnaden zu sehen, aber tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Mit OBERWACHTMEISTER SCHWENKE hat sich der preußische Ministerpräsident Hermann Göring, der damit gleichzeitig oberster Polizeipräsident Berlins war, einen Wunsch erfüllt. Göring unterstützte die Produktion wo es nur ging, und auch seine damalige Freundin und spätere Frau Emmy Sonnemann hat darin eine größere Rolle als Bankiersgattin. Goebbels fand den Film eher mittelmäßig und bezeichnete ihn als „Polizeifilm mit Stuntman“. Propaganda ja, aber bitte nur die selber genehmigte, nicht die vom Rivalen.

Ist vor diesem Hintergrund die Handlung des Films vielleicht nicht ganz so ernst zu nehmen. Am Ende gar eine Farce? Nein, denn prinzipiell bietet SCHWENKE ordentlich gestrickte Polizeikost mit weitgehend ernstem Grundton. Zudem war der Film ausgesprochen erfolgreich, und 1935 in Venedig als IL POLIZIOTTO SCHWENKE im Rennen um den Mussolini-Pokal als bester ausländischer Film (gewonnen hat dann Clarence Browns ANNA KARENINA mit Greta Garbo). Diesen Erfolg hätte er wahrscheinlich nicht gehabt, wenn sich Publikum und Kritik verschaukelt vorgekommen wäre. Die zweite Hälfte, in welcher der eigentliche Kriminalfall Schwung bekommt, und mit der Verfolgung des Erpressers über die Hausdächer der Stadt sogar Actionszenen zu bieten hat, ist gar nicht schlecht gemacht und unterstreicht ebenfalls den Anspruch des Films. Zwar sind die Figuren alle nach Schema F angelegt, aber die Schauspieler, allen voran Gustav Fröhlich und Marianne Hoppe, holen aus den einfach gestrickten Charakteren das Beste heraus her und vermitteln viel Lebensnähe. Was OBERWACHTMEISTER SCHWENKE aber vor allem ausmacht und einiges an Flair gibt, gerade aus heutiger Sicht, sind die Straßenaufnahmen aus dem damaligen Berlin. Gedreht wurde im Herbst 1934 on Location, und wenn die Schupos auf der Jagd nach dem Erpresser durch die Straßen laufen, dann kommt viel Spannung und Dynamik auf. Stellenweise nähert sich das Kriminalvehikel dann mit schnellen Schritten sogar dem modernen Polizeithriller an, ja das Showdown auf dem Dach erinnert fast ein klein wenig an Henri Verneuils ANGST ÜBER DER STADT.

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Schade ist in dem Zusammenhang vor allem, dass die erste Hälfte des Films ein klein wenig umständlich daherkommt. Für heutige Sehgewohnheiten ungewohnt, braucht die Handlung lange um in die Geschichte hineinzukommen, auch wenn die Einführung der Charaktere eigentlich recht flott geht. Leider, aber da kommen wir zu den sehr persönlichen Vorlieben des Rezensenten, hätte der Teil um den Erpresser (erstklassig schmierig und abgefeimt: Harald Paulsen) mehr Screentime vertragen, den hier kommt wirklich Atmosphäre und Stimmung auf, gerade im Gegensatz zum jovialen Schwenke, der familiär-freundlich durch die Straßen läuft und die Kinder ermahnt, bei dem starken Verkehr nicht einfach über den Fahrdamm zu laufen, oder bei einer Hausdurchsuchung mit den Kindern spielt („Die (Spielzeug-) Autos müssen da alle weg, die werden aufgeschrieben.“). Wie der Erpresser auf der anderen Seite seine eigentliche Forderung beim Bankier vorbringt ist erstklassig ruchlos, und wie er die arme Erna hinterhältig in den Tod führt, das ist dann vor allem cineastisch gut gelöst und sehr atmosphärisch. An diesen Stellen begeistert SCHWENKE dann schon sehr. Aber schließlich will der Film ja eigentlich kein Krimi sein sondern ein Polizeifilm, und natürlich stellt sich auch die Frage, inwieweit Hermann Göring als Finanzier des Films Einfluss genommen hat auf die Produktion, um eben einen zu düsteren Film zu verhindern. Es darf nicht übersehen werden, dass der Regisseur Carl Froelich 1933 in die NSDAP eintrat und die Leitung des Gesamtverbandes der Filmherstellung und Filmverwertung übernahm, somit also kein Mitläufer war sondern eher als aktiver Nationalsozialist bzw. Karrierist zu sehen ist. Ein sinisterer Unterweltstreifen im Stil eines M – EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER oder eines DR. MABUSE, beide zu dieser Zeit bereits längst verboten, war da sicher nicht erwünscht …

Aber spätestens wenn dann am Ende noch das Genre des Gerichtsdramas überzeugend und spannend gestreift wird, spätestens dann sind die Irrungen und Wirrungen der ersten Filmhälfte schnell vergessen. Was trotz der schweren Schlagseite in Richtung Propaganda hängen bleibt sind die starken Straßenszenen Berlins, die echte und hemdsärmelige Atmosphäre in der Kneipe von Fanny Mehlmann, und die teilweise lebensechten Charaktere sowie ein relativ realistischer Einblick in eine Zeit, in welcher der Schutzpolizist noch der Freund des Publikums sein wollte …

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Maulwurf
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Beitrag von Maulwurf »

Gold (Kart Hartl, 1934) 8/10

Professor Achenbach und Ingenieur Holk forschen an einer Methode, aus Blei Gold herzustellen. Der letzte, der entscheidende Versuch steht bevor, doch der endet in einer gigantischen Explosion und mit dem Tod Achenbachs. Holk überlebt, ist aber überzeugt davon, dass es sich nicht um ein Unglück, sondern um Sabotage gehandelt hat. Tatsächlich wird Holk im Auftrag des Unternehmers Wills von zwei windigen Gestalten kontaktiert, die ihm die Vollendung des Experiments anbieten, wenn er für Wills arbeitet. Holk nimmt das Angebot an und reist nach Schottland, offiziell um das Experiment weiterzuführen, aber in seinem Kopf hat es nur einen Gedanken: Rache für den Tod Achenbachs.

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Was an GOLD zu allererst auffällt, ist die enge Verwandtschaft zu Harry Piels, im gleichen Jahr entstandenen, DER HERR DER WELT. In GOLD will ein Unternehmer mit Hilfe einer gigantischen Maschinerie Gold produzieren, um Gewinne noch und nöcher einzufahren, scheitert aber am Gewissen eines einzelnen Ingenieurs. In DER HERR DER WELT möchte ein Wissenschaftler mit Hilfe eines gigantischen Roboters die Welt beherrschen, scheitert aber am Gewissen eines einzelnen Ingenieurs. Beide Filme waren große Produktionen mit überwältigenden Bauten und starken Schauspielern, und beide erzählen letzten Endes eine sehr ähnliche Geschichte: Die Erlangung von Macht und Reichtum mittels des Segens der Technik, die aber relativ schnell zum Fluch wird. Wenn man dann allerdings die Produktionszeiträume vergleicht (GOLD wurde Ende 1933/Anfang 1934 gedreht, HERR DER WELT zwischen Mai und Juli 1934) wird schnell klar, dass der letztere Film sich an den großen Erfolg von GOLD offensichtlich anhängen wollte. Einige Szenen, wie das Aufschweißen der verschlossenen Stahltüren, scheinen sogar 1:1 übernommen zu sein, genauso wie die Charakterisierung des Protagonisten, nämlich der kumpelhafte und bei den Arbeitern beliebte Ingenieur, mehr oder weniger identisch ist.

Die Frage stellt sich aber doch, warum Harry Piels Film bei der Premiere ausgelacht und ausgebuht wurde, und trotz guter zeitgenössischer Kritiken und des großen betriebenen Aufwands schnell in der Versenkung verschwand (und es auch bis heute blieb), während GOLD zwar nicht zum Kanon der „klassischen“ Hans Albers-Filme gehört, aber mittlerweile sogar in sehr guter Qualität auf Blu-ray veröffentlicht wurde. Der Ingenieur, der in GOLD voller Tatkraft und Sentiment kongenial von Hans Albers gespielt wurde, wird in DER HERR DER WELT von Siegfried Schürenberg in seiner zweiten Filmrolle überhaupt dargestellt, und auch wenn Schürenberg teilweise wie Albers ins Bild gesetzt wurde, an die Virilität und die Ausstrahlung Albers‘ kam er einfach nicht ran. Hinzu kam, dass DER HERR DER WELT recht holprig erzählt wird, und die Liebesgeschichte zwischen Schürenberg und Sybille Schmitz sehr aufgesetzt wirkt – die Chemie zwischen den beiden war einfach nicht da.

GOLD hingegen wirkt wie aus einem Guss. Die starken Actionszenen sind gleichmäßig über den Film verteilt, die Handlung zwischen der Action ist logisch und gefühlsbeladen, und die zarte Love Story zwischen Hans Albers und Brigitte Helm wirkt sehr natürlich. Was allerdings auch an den Schauspielern liegt: Gerade die sehr ungekünstelte Spielweise Helms lässt die Sympathien für ihre Florence Wills schnell wachsen, und der Zuschauer weiß bereits in ihrem zweiten Auftritt, dass sie ihrem Vater, dem skrupellosen Unternehmer, so gar nicht nachkommt. Dazu ein Hans Albers, der beim ersten Treffen von einem Fettnäpfchen ins nächste tappt, und mit seiner Hemdsärmeligkeit ein perfektes Pendant zu Helms grundsolider Ausstrahlung bildet. Hier stimmt die Chemie, da sind die Liebesszenen erstklassig austariert und alles andere als “stark kitschig“, wie Josef Goebbels in seinem Tagebuch festhielt.

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Als Bösewicht fungiert in GOLD Michael Bohnen als John Wills, ein Mann der über Leichen geht, nur um seine Gier nach Reichtum zu befriedigen. Ein klassischer Filmbösewicht, wie er in weit über 100 Jahren Filmgeschichte nicht aus der Mode gekommen ist. Vorne heraus freundlich und entgegenkommend, ist er in Wirklichkeit ein egomanischer und manipulativer Schuft mit dem Blick auf das eigene Bankkonto. Ein Schurke wie aus einem Bondfilm – Charismatisch, weltmännisch, und in Begriffen wie Weltherrschaft denkend. Wie fremdartig wirkt dagegen ein Professor Wolf aus DER HERR DER WELT, der schattenhaft in seinem Labor sitzt und an Schaltern und Rädchen dreht. Ein Strippenzieher, der erst heute, mit dem Filmwissen um Dr. Mabuse und Dr. Seltsam, wahrhaft diabolisch wirkt, aber im Jahr 1934 eben für Gelächter gesorgt hat. Wills hingegen ist ein Mann, dem man damals genauso wie heute jederzeit auf der Straße oder in den Nachrichten (bzw. der Wochenschau) begegnen konnte und kann. Ein Erzkapitalist, der das Wohl der Menschen dem seinen grundlegend unterordnet, und für den nur zwei Dinge wichtig sind auf der Welt: Sein Geld, und er selbst. Wenn man die Wirtschaftsnachrichten der vergangenen 30 Jahre liest, ein erschreckend aktueller Typ Mensch …

Ich erwähnte den James Bond-artigen Schurken, aber interessanterweise hat es noch mehr Parallelen zu den Filmen des britischen Superagenten. Da wären die großartigen und überwältigenden Kulissen des METROPOLIS-Filmarchitekten Otto Hunte, die den riesigen Anlagen Ken Adams‘ aus Filmen wie FEUERBALL oder DER SPION, DER MICH LIEBTE in nichts nachstehen. Die beeindruckenden Isolatoren und hausgroßen Schalttafeln und die zuckenden Blitze zwischen den gigantischen Kolben könnten so allerdings auch aus den FRANKENSTEIN-Filmen James Whales stammen, und sind auf jeden Fall auch von diesen inspiriert worden. Mindestens …

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So oder so sind dies Filmbauten, die auch heute noch staunen lassen.
Und dann ist da noch Hans Albers, der hier durchaus Anklänge an einen frühen Bond zeigt (wenn auch anders als in dem ein Jahr vorher entstandenen „echten“ Agentenfilm EIN GEWISSER HERR GRAN). Sein Holk zeigt sich jeder Lebenslage gewachsen, er kann mit Frauen genauso wie mit Arbeitern, und sein Misstrauen gegenüber dem Vorgesetzten kommt bekannt vor; in erster Linie sind es aber die äußeren Attribute Holks, die aus ihm einen Vorläufer von 007 machen: Zum einen die Bereitschaft, wenn es sein muss sofort um die halbe Welt zu jetten um eine Aufgabe zu erfüllen, und zum anderen der Hang zur eleganten Kleidung. Holk hat kein Problem damit, auch die schmutzigsten Jobs im Abendanzug und mit Fliege durchzuführen.
Einen Unterschied zu James Bond hat es allerdings schon, und das ist die persönliche Art. Hans Albers spielt den Ingenieur Holk, der letzten Endes das ganze Abenteuer nur wegen einer persönlichen Rache auf sich nimmt, sehr zurückhaltend und verletzlich. Die Melancholie, die dem Schauspieler im privaten Leben nachgesagt wurde, lässt er hier für seine Rolle durchscheinen, und zeigt damit einen, trotz seiner Rachsucht, sensiblen und einfühlsamen Menschen. Sein letztes Gespräch mit Florence, in welchem er ihr sagt warum er das alles tut, jagt auch heute noch eine Gänsehaut über den Rücken des Zuschauers, und lässt ahnen, wie schwer verletzt dieser einfache und aufrechte Mensch durch die Begegnung mit dem Bösen tatsächlich ist. Eine schauspielerische Glanzleistung Albers‘, die sich in keinster Weise mit den bekannten Stereotypen deckt, sondern zeigt, warum dieser Ausnahmeschauspieler eine so lange Karriere hinlegte: Weil er Charisma hatte, weil er überwältigend wirkte, und weil er echtes Talent hatte.

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Der letzte große Darsteller, der ebenfalls in DER HERR DER WELT mit spielt, ist die Technik, beziehungsweise die Bewunderung derselben. Durch die Technik ist alles möglich, da können Kumpels plötzlich ohne ständige Lebensgefahr sein (HERR DER WELT), und da kann aus einfachem Blei Gold fabriziert werden (GOLD). Letzteres ein ungeheurer Vorgang, der die Fantasien der Menschen schon seit Jahrhunderten beschäftigt und sie in ihren Bann schlägt. Aber in beiden Filmen wendet sich die Technik letzten Endes gegen ihren Erschaffer, auch dies eine interessante Parallele zu den FRANKENSTEIN-Filmen. Über GOLD schreibt Oskar Kalbus: „Mit kühnen und grandiosen Bildern über und unter der Erde hat Karl Hartl diesen Film gestaltet, dessen tiefster Gehalt die überwältigende Poesie der modernen Technik ist. Unvergeßlich prägt sich dem Filmbeschauer die Schönheit der Maschinen, der Zauber der elektrischen Strahlen ein. Es klingt das Hohelied der Technik durch den Film, die keine Grenzen menschlichen Geistes und menschlichen Vermögens anerkennen will und aus formlosen Massen der Maschinen von gestern sich zur künstlerischen Formengestaltung von heute entwickelt hat: stählerne Romantik unserer Zeit!“ (1)

Mutmaßlich ist Herr Kalbus bei der Sichtung des Films unterwegs eingeschlafen, denn gerade das Ende von GOLD relativiert die technische Meisterleistung des Ingenieurs und gibt eine ganz andere Denkrichtung vor. In der Heimat angekommen und eine schöne Frau im Arm sinniert Holk darüber, was das Leben ausmacht. Er entsagt dem schnöden Mammon und wendet sich zu den Dingen, die das Leben ausmachen. Auch hier wieder der Vergleich mit DER HERR DER WELT: Hans Albers spricht über das einfache Leben und erzeugt ehrliche Emotionen, Harry Piel zeigt das einfache Leben und erzeugt damit – unfreiwillige – Komik …

Letzten Endes ist GOLD ein kraftvoller und dynamischer Film, der voller Ideen und Leidenschaft steckt, der mit grandiosen Darstellern und ebenso grandiosen Kulissen Gefühle weckt und ungeheuren Spaß macht. Ein düsteres und packendes Actiondrama im Gefolge von FRANKENSTEIN, und dabei gleichzeitig ein Vorgriff auf James Bond. Der Mensch will Gott spielen und erzeugt dabei doch nur die Hölle. Was für eine Mischung …

(1) Oskar Kalbus: Vom Werden deutscher Filmkunst. 2. Teil: Der Tonfilm. Berlin 1935

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