London Pitbulls - Simon Phillips (2012)

Moderator: jogiwan

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horror1966
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London Pitbulls - Simon Phillips (2012)

Beitrag von horror1966 »

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London Pitbulls
(Riot)
mit Nick Nevern, Kellie Shirley, Jenna Harrison, Con O'Neill, Peter Barrett, Roland Manookian, Lorraine Stanley, Mark Harris, Charlie Bond, Steven Berkoff, Merveille Lukeba, Martin Askew, Daniel Attrill
Regie: Simon Phillips
Drehbuch: James Crow / Simon Phillips
Kamera: Haider Zafar
Musik: keine Information
FSK 16
Großbritannien / 2012

Damien ist Polizist mit einer dunklen Vergangenheit. Bevor er Mitglied in der britischen Spezialeinheit LONDON PITBULLS wurde, war er Fussballrowdy und kein Unbekannter in der Szene. Beim Ausbruch der Londoner Unruhen, erlebt die Stadt eine Gewaltorgie aus Plünderung und Zerstörung. Tausende Randalierer stecken ganze Stadtteile in Brand. Zehntausende Polizisten sind im Einsatz. Die Gewaltspirale dreht sich immer weiter und plötzlich sieht sich Damien mit der Vergangenheit konfrontiert. Jetzt ist er auf der anderen Seite des Gesetzes und muss sich für oder gegen seine gewalttätigen Freunde entscheiden.


Es wird sicherlich nicht wenige Leute geben, die hier einen typischen Vertreter der Hooligan-Thematik erwarten, doch "London Pitbulls" benutzt dieses Thema eigentlich vielmehr als Hintergrund für eine sehr eindringliche Charakter-Studie eines Mannes, der mit einer dunklen Vergangenheit behaftet ist. Damien (Nick Nevern) gehörte nämlich selbst einmal der Szene an, bevor er in den Polizeidienst eingetreten ist und seitdem der Einheit angehört, die den einprägsamen Namen "London Pitbulls" trägt. Die Geschichte beinhaltet zwar auch einige durchaus etwas härtere Passagen, hält sich jedoch insgesamt gesehen mit expliziten Gewaltdarstellungen eher zurück und legt ihren Fokus auf inhaltliche Tiefe. Diese kommt auch durchgehend zum Ausdruck, wird der Zuschauer doch mit jeder Menge Sozialkritik und menschlichen Dramen konfrontiert, die nicht spurlos an einem vorübergehen, sondern sich tief unter der Haut festsetzen.

Im Mittelpunkt steht wie schon erwähnt Damien und die innere Zerrissenheit des jungen Mannes kommt im Prinzip in jeder einzelnen Szene äußerst gut zur Geltung. Einerseits will er einfach nur einen guten Job machen und die immer stärker aufkommenden Unruhen in London bekämpfen, doch auf der anderen Seite fühlt er sich gegenüber seinen Kumpels zu falscher Loyalität verpflichtet, was ihm bei seiner Arbeit nicht unbedingt zu Gute kommt. Der dabei entstehende Gewissenskonflikt belastet Damien ganz augenscheinlich und der ständige Kampf zwischen Vergangenheit und Gegenwart hinterlässt nicht nur seelische Spuren. Simon Phillips hat insbesondere diese Seite der Geschichte bei seinem Langfilm-Debüt absolut großartig herausgearbeitet und verleiht seinem Werk dabei sehr viel inhaltliche Tiefe, die dem Film extrem gut zu Gesicht steht.

Auch die diversen Neben-Erzählstränge des Szenarios fügen sich nahezu perfekt in das Gesamtbild ein und haben alle direkt-oder indirekt mit Damien zu tun, was dann ganz besonders in der zweiten Filmhälfte immer stärker in den Vordergrund rückt. Dabei werden sämtliche Ereignisse ungemein glaubhaft und realistisch dargestellt, man kann sich unglaublich gut in das stattfindende Geschehen hineinversetzen und wird phasenweise fast schon zu einem Teil dieses großartig inszenierten Dramas, dessen grausame Faszination ganz automatisch auf einen überspringt. Gerade die Briten haben es ja aus allseits bekannten Gründen besonders gut drauf, Filme mit dieser Thematik äußerst authentisch in Szene zu setzen. Und "London Pitbulls" ist unglaublich authentisch, was sich auch nicht nur auf bestimmte Phasen der Geschichte bezieht. Zu einem großen Teil ist das auch den sehr gut agierenden Darstellern zu verdanken, denn selbst die etlichen Nebenrollen des Filmes sind gut besetzt. Herausstechend ist allerdings die Performance von Nick Nevern, dem seine Rolle wie auf den Leib geschneidert erscheint. Dabei sind es vor allem die Passagen in denen er einen inneren Kampf mit sich selbst ausfechtet, die dem Betrachter besonders imponieren. Zu sehen, wie er seine angestauten Aggressionen teilweise nur mühsam unterdrücken kann ist schon großartig, denn Mimik und Gestik des Schauspielers hinterlassen hier einen sehr glaubwürdigen Eindruck.

Nun handelt es sich hier keinesfalls um einen Film, an dessen Ende man ein Happy End erwartet, denn ein solches hätte den überdurchschnittlich guten Gesamteindruck vollkommen verfälscht. So ist es dann auch nicht wirklich verwunderlich, das gerade der finale Showdown noch einmal einen extrem bitteren Beigeschmack hinterlässt, dieses grandiose Drama aber absolut perfekt abrundet. Und so kann man Simon Phillips nur ein absolut überzeugendes Attest für dieses Spielfilm-Debüt aussprechen, das in Sachen Glaubwürdigkeit und und Intensität schwerlich zu überbieten ist. Mit ordentlich inhaltlichem Tiefgang ausgestattet ist "London Pitbulls" kein üblicher Hooligan-Film, sondern vielmehr ein sozialkritisches Drama, das man erst einmal sacken lassen muss.


Fazit:


Kompakt, knackig verpackt und ungemein intensiv lässt der Film bei einer Laufzeit von knapp über 75 Minuten keinerlei Platz für irgendwelche Längen. Menschliche Tragödien und ein persönliches Drama stehen im Vordergrund dieser britischen Produktion, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte. Wer Filme dieser Art zu schätzen weiß, kommt an "London Pitbulls" einfach nicht vorbei, auch wenn der reine Action-Junkie nicht unbedingt auf seine Kosten kommt.


8/10
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Onkel Joe
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Re: London Pitbulls - Simon Phillips

Beitrag von Onkel Joe »

London Pitbulls, was für ein selten dämlicher Titel :palm: .
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jogiwan
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Re: London Pitbulls - Simon Phillips

Beitrag von jogiwan »

ich mag überhaupt keine Filme mit Hooligan-Thematik - find ich ganz furchtbar!
it´s fun to stay at the YMCA!!!



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Onkel Joe
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Re: London Pitbulls - Simon Phillips

Beitrag von Onkel Joe »

jogiwan hat geschrieben:ich mag überhaupt keine Filme mit Hooligan-Thematik - find ich ganz furchtbar!
Ich hab jetzt einige gesehen, keiner hat mir bis heute so richtig gefallen :|.Die driften alle irgendwie ab, mir fehlt aber auch der mit dem Frodo, ausgerechnet diesen habe ich bis heute nicht gesehen.
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horror1966
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Re: London Pitbulls - Simon Phillips

Beitrag von horror1966 »

Onkel Joe hat geschrieben:London Pitbulls, was für ein selten dämlicher Titel :palm: .

Ist doch egal, der Film allein zählt und der ist klasse. :thup:
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buxtebrawler
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Re: London Pitbulls - Simon Phillips

Beitrag von buxtebrawler »

jogiwan hat geschrieben:ich mag überhaupt keine Filme mit Hooligan-Thematik - find ich ganz furchtbar!
Da gibt's schon gute.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)
Diese Filme sind züchisch krank!
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Maulwurf
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Re: London Pitbulls - Simon Phillips

Beitrag von Maulwurf »

 
London Pitbulls
Riot
Großbritannien 2013
Regie: Simon Phillips
Nick Nevern, Kellie Shirley, Jenna Harrison, Con O'Neill, Peter Barrett, Roland Manookian, Lorraine Stanley, Mark Harris, Charlie Bond, Steven Berkoff, Merveille Lukeba, Lee Nicholas Harris, Chris Cowlin, Christopher Dane, Jay Sutherland, Gil Kolirin, Lucinda Rhodes Thakrar


London Pitbulls.jpg
London Pitbulls.jpg (85.6 KiB) 110 mal betrachtet
OFDB

Angst. Angst vor der Gewalt. Angst davor, aus dem Haus zu gehen. Angst vor dem daheimbleiben. Angst, weil man das falsche T-Shirt trägt. Weil man die zufällige Bewegung des Typen in der Kneipe nicht vorhergesehen hat. Weil man zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Angst.

Damien ist ein Streifenpolizist in London. Er versucht seinen Job zu machen, den Menschen zu helfen, und Probleme zu lösen. Aber das Einzige, was ihm entgegenschlägt, ist Hass. Purer, blanker Hass. Hass auf die korrupte Metropolitan Police und ihre Vertreter. Hass auf die ganze Gesellschaft. Zum Beispiel die Frau, deren Kind von jugendlichen Schlägern mehrmals die Woche zusammengeschlagen wird. Ihr Mann schiebt Dienst in Afghanistan. Und als der Soldat ums Leben kommt, wird der Junge mal wieder übel verprügelt. Damien versucht zu vermitteln, aber der Junge nimmt die Waffe seines Vaters und erschießt einen der Typen. Die Frau hat nichts mehr. Gar nichts mehr. Keinen Mann, kein Kind. Nur ihren Hass auf einen Polizisten, der eigentlich nur helfen wollte, und damit unabsichtlich alles schlimmer gemacht hat.
Damien war früher Hooligan. Er hängt immer noch mit seinen Kumpels von damals ab, und hilft ihnen ab und zu, wenn sie Ärger haben mit der Polizei. Aber er merkt allmählich, dass die Kumpels ihn nur ausnutzen, während seine Kollegen ihn nicht für voll nehmen. Für die Kollegen ist er einer von den Hools, für die Ex-Kumpels der Verräter. Damien mag Louise, seine junge und unerfahrene Kollegin. Und Louise mag Damien. Louises Vater sitzt im Rollstuhl, weil ihm Hooligans nach einem Fußballspiel mit einer Eisenstange das Rückgrat gebrochen haben. Louises Vater war Polizist. Jetzt reicht seine Rente kaum um über die Runden zu kommen.
Wir schreiben das Jahr 2011. Es ist August, und nach friedlichen Demonstrationen in Tottenham beginnen Unruhen, die schnell auf die gesamte Stadt London übergreifen. Häuser brennen, Geschäfte werden geplündert, Gangs brechen in Häuser älterer Menschen ein und zerstören die Wohnungen, nur so, aus Spaß an der Demütigung. Und mittendrin Damien und Louise.

RIOT (der deutsche Titel passt nicht und ist irreführend) ist beileibe nicht der erwartete Hooligan-Knaller, mit prügelnden Idioten und gesichtslosen Cops. Und anders als A.C.A.B. – ALL COPS ARE BASTARDS konzentriert sich RIOT nicht nur auf die desillusionierten Polizisten und schwerkriminellen Thugs, sondern spinnt den Faden weiter zu einer Darstellung der Gesellschaft, die unter ihrem permanenten Druck und in ihrem Streben nach Gewalt in einer unfassbaren Zerstörungsorgie mündet. Was man, wenn man möchte, vielleicht auch als Analogie zur spätkapitalistischen Gesellschaft und ihrer Selbstzerstörung mit Ansage sehen könnte …

Nichtsdestotrotz ist RIOT in erster Linie die Studie eines Mannes, der anders sein will als sein krimineller Vater. Anders als seine halbkriminellen und gewalttätigen Freunde. Und der daran zerbricht. Daran, und an der allgegenwärtigen Gewalt in den Straßen und Wohnungen des Landes. Überall wird nur geschlagen und getreten; Männer verprügeln ihre Frauen, Schüler stiefeln ihre Mitschüler, Menschen vernichten das Leben anderer Menschen. Die Stimmung in der Stadt ist aufgeheizt, und die sich zart anbahnende Liebe zwischen Damien und Louise steht von vornherein unter einem bösen Stern. Der Zuschauer begleitet Damien auf seinem Weg, und dieser Weg ist bitter und schmerzhaft. Viele kleine Geschichten werden dabei erzählt. Geschichten von tiefen Verletzungen und von umfassenden Zerstörungen. Diese Geschichten werden nicht ausfabuliert, sondern nur angedeutet. Ein Bild sagt hier oft mehr als jeder Dialog, und Text und Bild ergeben in diesen Momenten keine Einheit und können auf diese Weise so viel mehr sagen. Etwa wie dieser Junge, dessen Mutter von ihrem Mann zu Brei geschlagen wird. Damien kann sich dem Jungen ein ganz klein wenig nähern, aber nur ein klein wenig. Damien erkennt sich in diesem Jungen wieder – So war er früher auch einmal. Rebellisch, unangepasst, gewalttätig. Damien möchte gerne helfen, aber irgendwann wird er den Jungen wieder sehen. Vor seinem Schild. Auf der anderen Seite der Kampflinie. Und der Junge ist voller Hass und bereit zu töten. Damien kann niemandem mehr helfen, es will einfach niemand mehr, dass ihm geholfen wird. Sich andern Menschen zu öffnen bedeutet, Schwäche zu zeigen. Und Schwäche bedeutet Angriffsfläche zu bieten. Bedeutet verletzt zu werden. Oder schlimmeres.
Die Stimmung ist bedrückend. Alle Menschen sind entweder aggressiv oder niedergeschlagen. RIOT malt das Bild einer Gesellschaft, die sich längst selbst aufgegeben hat, die von ihren Führern verlassen wurde, und die bereit ist, sich selbst voller Wonne zu zerfleischen. Die wenigen Menschen in dieser Gesellschaft, die bereit wären sich dagegen zu stemmen, werden vom Rausch der Gewalt mitgezogen und gehen unter.

Auf seine Weise ist RIOT ein grauenerregender Film. Er zeigt eine existierende Realität, die man als Filmzuschauer eigentlich ausblenden möchte. Keine mythische Überhöhung heldenhafter Gewalttäter, keine War Machines, kein Eskapismus, sondern die ganz alltägliche Gewalt und ihre entsetzlichen Folgen. Ein Film, der tief unter die Haut geht! Und London kann überall sein …

8/10
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
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