Hong Kil-dong - Kil-in Kim, Sang-ok Shin (1986)

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Salvatore Baccaro
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Hong Kil-dong - Kil-in Kim, Sang-ok Shin (1986)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

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Originaltitel: Hong Kil-dong

Produktionsland: Nordkorea 1986

Regie: Kil-in Kim, Sang-ok Shin

Darsteller: Yong Ho Ri, Kye-Sung Chan, Son Hui Chang, Sun-bu Choe, Gwon Ri, Yoon Hong-Kim, Riyonun Ri, Young-hak Pak


Abt.: Salvatores kleine Nordkorea-Reise


Hong Kil-dong kennt in Korea jedes Kind. Sowohl im nördlichen wie im südlichen Landesteil handelt es sich bei dem Protagonisten einer im 16./17. Jahrhundert verfassten Volkserzählung um so etwas wie einen Nationalhelden. Am ehesten vergleichbar mit der Figur des Robin Hood zieht es den unehelich geborenen Knaben nach dem Zerwürfnis mit seiner Familie hinaus in die Wildnis, wo er sich einer Banditenbande anschließt, und als deren Anführer das Gesetz in die eigene Hand nimmt: Zielscheibe seiner Raubzüge sind die Reichen, die Dekadenten, die Korrupten, die Ausbeuter des gemeinen Volkes, dessen ärmsten Vertretern er an seinen erbeuteten Kostbarkeiten teilhaben lässt, weshalb er alsbald von den Bauern als Messias verehrt wird, während die Machtkaste natürlich alles daran setzt, dem edelherzigen Rebellen ein schweres Leben zu bereiten. Es verwundert nicht, dass gerade die sozialistische Volksrepublik Nordkorea sich einen solchen anti-kapitalistisch, anti-feudalistisch, anti-materialistisch operierenden Helden zunutze macht, um ihn vor den eigenen politischen Karren zu spannen – so gesehen jedenfalls 1986 in HONG KIL-DONG, bei dem es sich um einen der berühmtesten und besten nordkoreanischen Spielfilme überhaupt handeln soll. Inszeniert wurde HONG KIL-DONG zwar offiziell von einem gewissen Kil-in Kim; ebenfalls in das Projekt involviert gewesen sein soll aber auch Sang ok-Shin, jener südkoreanische Regisseur, den Nordkoreas Diktatorenspross und oberster Filmbuff Kim Jong-il nebst Ex-Frau in den späten 70ern hatte entführen lassen, um ihn zu zwingen, die volksrepublikanische Filmindustrie zu sanieren. Als HONG KIL-DONG die Leinwände der nordkoreanischen Lichtspielhäuser erblickt, ist Shin sang-ok freilich längst bei einem Wien-Aufenthalt die Flucht in die österreichische US-Botschaft geglückt und Kim Jong-il steht ohne seinen Prestigeregisseur da. Auf die Qualität von HONG KIL-DONG hatte die erfolgreiche Flucht Sang ok-Shins scheinbar keine nennenswerten Auswirkungen: Unübersehbar stark inspiriert von den Kung-Fu-Filmen der Hongkonger Shaw Brothers ist HONG KIL-DONG eine durchaus unterhaltsame, wenn auch etwas inkohärente Mixtur aus historischem Kostümfilm, Liebesromanze, Robin-Hood-Rebellenabenteuer und Martial-Arts-Gefechten, das zudem in seinem letzten Drittel gerade für Ninja-Fans eine Offenbarung sein dürfte…

Im Großen und Ganzen scheint sich HONG KIL-DONG an seine literarische Vorlage zu halten: Unser Held ist das Produkt einer Liaison zwischen einem Landlord und dessen Magd, die nicht ganz freiwillig das Bett mit ihrem Herrn und Gebieter teilt; obwohl Hong Kil-Dong zu seinem Stiefbruder, dem etwa gleichalten Sohn des Landlords, ein inniges Verhältnis knüpft, sieht es sein Erzeuger, der sich weigert, die Vaterschaft anzuerkennen, nicht gerne, dass die beiden Kinder einander so sehr zugetan sind: Das könne nicht sein, dass ein Bub, dessen Mutter eine einfache Kammerdienerin ist, sich mit seinem blaublütigen Spross gemein macht! Immer öfter kommt es zu Konflikten zwischen Hong Kil-Dongs Vater und dessen Gattin, die die sexuellen Ausschweifungen ihres Angetrauten mit eifersüchtigen Blicken betrachtet und der Hong Kil-Dong als leibhafter Beweis für dessen Untreue sowieso seit jeher ein Dorn im Auge ist; schließlich wird Hong Kil-Dong zusammen mit seiner Mutter verstoßen; man zieht obdachlos durch die Landschaft, wird von Banditen überfallen, jedoch von einem greisen Kung-Fu-Meister gerettet, der sich anbietet, Hong Kil-Dong als Schüler bei sich aufzunehmen. Während die Mutter zu ihrer vorherigen Anstellung zurückkehrt, unterrichtet der weißbärtige Martial-Arts-Guru unseren Helden in den tödlichsten Handkantenschlägen, der Kunst der Selbstbeherrschung und darin, wie ein Flummi durch die Lüfte zu sausen. Natürlich kommt auch die Liebe nicht zu kurz und Hong Kil-Dong verguckt sich in die Tochter eines wohlhabenden Adligen, der unter denselben Vorurteilen leidet wie Hong Kil-Dongs Vater und sich mit der Vorstellung überhaupt nicht anfreunden kann, sein Töchterchen in die Ehe mit einem Mann von niedriger Geburt zu entlassen. All diese negativen Erfahrungen mit dem hochnäsigen Landadel, der das einfache Volk aussaugt wie eine einzige große Vampirfledermaus, formt Hong Kil-Dong über die Jahre: Er findet Aufnahme in genau jener Räubertruppe, die seine Mutter und ihn einst ausplündern wollte, schwingt sich zu deren Anführer auf und ist alsbald weit und breit gefürchtet als unbesiegbarer Kämpfer, der seine Attacken stets durch eindringliches Flötenspiel ankündigt – tja, und dann erscheinen japanische Ninjas in der Gegend, entführen Hong Kil-dongs Liebste und den Nationalschatz des koreanischen Königshauses, und unser Held muss sich entscheiden, ob er weiter im Alleingang ins Feld ziehen oder sich nicht doch mit seinen ehemaligen Feinden verbünden soll...

Natürlich glitzert auch HONG KIL-DONG unter einer Schmierschicht politischer Propaganda, wenn der Film sämtliche Angehörige des Adelsstandes als moralisch verwerfliche Schurken darstellt und jeden Proletarier als Edelmenschen mit einwandfrei funktionierendem inneren Kompass, und wenn am Ende Hong kil-Dong und seine Liebste, als die Eltern letzterer ihnen die Ehe untersagen, mit einem gekaperten Schiff fluchtartig in eine rosige Zukunft aufbrechen, dann ist mit dem Utopia, von dem unser Held schwärmt, dass dort kein Leid mehr herrsche, alle Menschen gleich seien und unter der selben gnadenvollen Sonne leben würden, natürlich kein anderes Land gemeint als die Demokratische Volksrepublik, in der mit den Machenschaften von Aristokratie und Monarchie endgültig aufgeräumt wurde, und man sich Tag für Tag, Stunde um Stunde lachend in den Armen liegt, in der einen Hand einen Hammer, in der anderen Hand eine Sichel. Blendet man derlei schwarzweißmalerischen Tendenzen jedoch aus, erweist sich HONG KIL-DONG als kompetente Genre-Ware, die zumindest auf mich, der ich nur rudimentäre Kenntnis von Kung-Fu-Filmen habe, so wirkt, als bräuchte er sich nicht vor der Konkurrenz aus Hongkong verstecken: Die Kämpfe sind herrlich übertrieben, die Fäden, an denen die Akteure baumeln, ständig sichtbar, bei besonders waghalsigen Stunts behilft man sich oft und gerne, indem man die Szenen entweder im Zeitraffer oder rückwärts ablaufen lässt; dazu tönt es von der Tonspur, dass ich bei all den klatschenden Fausthieben, den wahlweise schmerzerfüllten und triumphalen Schreien und der pompösen Musik fast einen Hörsturz erleide. Neben den Martial-Arts-Gefechten, die wahrscheinlich für die meisten Menschen die Hauptattraktion des Streifens sein dürften, wird etwas kitschiger Herzschmerz geliefert, ein paar Slapstick-Einsprengsel sowie das Kameraschwelgen in opulenten Kostümen, Kulissen und koreanischen Landschaften – kurzum: HONG KIL-DONG ist ein Fest fürs gesamte Volk, nur Mitglieder von Geld- und Erbadel werden sicherlich keine rechte Freude mit dem Streifen haben, und alles in allem der bislang objektiv beste Film meiner kleinen kinematographischen Nordkorea-Kaffeefahrt. Und wie sollte ich einen Helden nicht lieben, der vor jedem Kampf erst einmal seiner Holzflöte ein paar schöne Melodien entlockt...?

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Re: Hong Kil-dong - Kil-in Kim, Sang-ok Shin (1986)

Beitrag von buxtebrawler »

Salvatore Baccaro hat geschrieben:
Mo 22. Feb 2021, 19:03
Und wie sollte ich einen Helden nicht lieben, der vor jedem Kampf erst einmal seiner Holzflöte ein paar schöne Melodien entlockt...?
:D
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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