bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Krampus

„Du hast an Weihnachten Schusswaffen dabei?!“

US-Regisseur Michael Dougherty hatte mit seinem 2007 erschienen Langfilmdebüt „Trick 'r Treat - Die Nacht der Schrecken“ den Kanon der Halloween-Filme um einen liebevollen Beitrag erweitert. Sein Zweitwerk ließ bis 2015 auf sich warten, die US-amerikanisch-neuseeländische Koproduktion konnte dafür aber den Major Universal als Geldgeber gewinnen: Statt Halloween hat sich Dougherty nun Weihnachten vorgeknöpft und mit „Krampus“ eine lose auf der alpenländischen, der Konditionierung leichtgläubiger Kinder durch Angst dienenden Sage um eine Art Horrorversion Knecht Ruprechts basierende Horrorkomödie geschaffen.

„Könnte 'n Elch sein... oder 'ne Ziege.“

Ende Dezember, irgendwo in den USA: Als so ziemlich Letzter unter Gleichaltrigen glaubt der kleine Max (Emjay Anthony, „Wenn die Liebe so einfach wäre“) noch an den Weihnachtsmann und verfasst einen persönlichen Brief an den weißbärtigen alten Zottel. Doch als die Verwandtschaft (Allison Tolman, „The Gift“, David Koechner, „Cheap Thrills“, Maverick Flack, Sage Hunnefeld und Conchata Ferrell, „Two and a Half Men“) inklusive Hund Rosie (Thor) und Max‘ Cousinen Stevie (Lolo Owen, „Virus Outbreak: Lautloser Killer“) und Jordan (Queenie Samuel, „Nothing Trivial“) anlässlich der bevorstehenden Weihnachtsfeierlichkeiten zu Besuch kommt, finden letztere ebenjenes Schriftstück, woraufhin sie sich über Max lustig machen und ihn damit aufziehen. Bei Max‘ Eltern (Adam Scott, „Piranha 3D“ and Toni Collette, „Little Miss Sunshine“) und seiner Schwester (Stefania Owen, „In meinem Himmel“) liegen ebenfalls längst die Nerven blank, weshalb Max seinen Brief kurzerhand zerreißt und mit Weihnachten nichts mehr zu tun haben möchte. Doch damit ruft er den Krampus (Luke Hawker, „Black Sheep“) auf den Plan, der es von nun an auf die Familie abgesehen hat. Ein Schneesturm am Weihnachtsmorgen isoliert die Familie von der Außenwelt, die nun notgedrungen eine Schicksalsgemeinschaft bildet, während die österreichische Großmutter (die Wienerin Krista Stadler, „Das süße Leben des Grafen Bobby“) mit ihrer Vermutung, dass der Krampus seine haarigen Finger im Spiel hat, richtig liegt. Egal, ob man an ihn glaubt oder nicht: Einer nach dem anderen wird dran glauben müssen…

Im Vorspann werden Zeitlupenbilder chaotischen Konsumwahns anlässlich des Fests von einem besinnlichen Weihnachtslied konterkariert und damit die Doppelgesichtigkeit der Weihnachtstradition skizziert. Wie einst in „Schöne Bescherung“ fungiert das Öffnen von Adventskalendertürchen als den zeitlichen Ablauf strukturierender Datumsanzeiger. Auch die Familienverhältnisse erinnern an jenen Komödienklassiker, jedoch bekommt man es hier mit offener Feindseligkeit und Tränen statt Slapstick und Klamauk zu tun. Im TV läuft eine Schwarzweiß-Version der Weihnachtsgeschichte Dickens‘, kurioserweise beliefern die Vandalen von DHL die Gegend mit Konsumgütern und die Oma faselt mit ultrafiesem Hinterwäldler-Ösi-Akzent. Vom Krampus sieht man zunächst nicht viel und der Film entwickelt sich über einige der Gruselstimmung abträglichen Dialoge in Richtung einer Komödie, wo er mit seiner Sequenz vom zum Leben erwachenden und Max entführenden Lebkuchenmännchen dann auch ausgiebig Halt macht. Daraufhin erzählt die Oma von früher und vom Krampus, ungewöhnlicherweise als Animation visualisiert.

Die meiste Zeit sind Tonfall und Stimmung jedoch betont ernst und unheimlich, weshalb sich die humoristischen Szenen wie Fremdkörper anfühlen. Im weiteren Verlauf entwickelt sich „Krampus“ zu actionreicher Home Invasion, in deren Zuge sich die Menschen mittels Schusswaffen gegen die Helfer des Unholds zur Wehr setzen, was sich später auch draußen im Schnee fortsetzt. Doch damit längst nicht genug, denn Doughertys Film avanciert zu einem wahren Höllenritt, der immer noch einen draufsetzt, bevor ein hübsch gestalteter Abspann sein geplättetes Publikum langsam aus den Krallen des Krampus entlässt.

„Krampus“ erinnert ein bisschen an „House“ und an „Critters -Sie sind da!“, aber auch „Gremlins – Kleine Monster“, der ja ebenfalls in der Weihnachtszeit spielt. Die offenbar häufig in guter alter Handarbeit realisierten Spezialeffekte sind ebenso gut gelungen wie das Creature Design; das Budget dürfte zudem ins relativ namhafte Ensemble geflossen sein, das den Film als zusätzliches Standbein stützt. Ja, diese Auslegung einer alten mitteleuropäischen Sage macht viel Spaß, wenngleich sie auf etwas sehr groteske Weise zwischen Horror und Humor changiert und sich als ein Füllhorn ebenso kreativer wie plakativer Ideen erweist, das das Publikum beinahe zu übersättigen droht – was ja aber auch irgendwie zur konsumistischen Überfluss-Ausrichtung des Weihnachtsfests passt…
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4 Könige

„Und was vermisst du an Weihnachten?“ – „Eigentlich gar nichts.“

Der etwas andere Weihnachtsfilm, das deutsche Jugenddrama „4 Könige“, wurde von den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern ZDF und Arte koproduziert und gelangte 2015 in die Kinos. Die Bonner Regisseurin Theresa von Eltz („Tatort: Wer jetzt allein ist“) feierte damit ihr Spielfilmdebüt nach einem Drehbuch Esther Bernstorffs.

Über die Weihnachtsfeiertage werden vier verhaltensauffällige Jugendliche von ihren Familien in die Jugendpsychiatrie „ausgelagert“ bzw. dort vor weiter eskalierenden familiären Konflikten geschützt: Die unter einer Drogenpsychose leidende, extrovertierte Lara (Jella Haase, „Kriegerin“) findet sich in der von Dr. Wolff (Clemens Schick, „Cindy liebt mich nicht“) geleiteten Klinik ebenso ein wie der von einer Angststörung betroffene Georgier Fedja (Moritz Leu, „Der Nachtmahr“), die bereits einen Suizidversuch hinter sich habende Alexandra (Paula Beer, „Das finstere Tal“) und der zu Gewaltausbrüchen neigende Timo (Jannis Niewöhner, „Doktorspiele“). Während dieser besonderen Zeit im Jahr sind diese vier Personen beinahe die einzigen Patientinnen und Patienten – und Dr. Wolff lässt sie an der langen Leine, was Krankenschwester Simone (Anneke Kim Sarnau, Rostocker „Polizeiruf 110“) skeptisch beäugt und auch offen kritisiert. Doch nach anfänglichen Konflikten kommen sich die Jugendlichen näher und scheinen vom Austausch miteinander zu profitieren…

Weihnachten, das Fest der Liebe und der Besinnlichkeit! Das funktioniert nicht überall, also trennt man sich gerade dann besser einmal vorsorglich von der dysfunktionalen Familie oder der missratenen Brut. Aus dieser zurecht befremdlich anmutenden Ausgangssituation stricken Bernstorff und von Eltz nicht etwa ein Porträt der vier Jugendlichen, denn die Hintergründe deren Schicksale bleiben diffus. Auch sind nicht etwaige Missstände der Psychiatrie, wie sie einst in „Einer flog über das Kuckucksnest“ aufgegriffen wurden, Thema des Films. Vielmehr steht die aktuelle Realität der Jugendlichen im Mittelpunkt, ihr Hier und Jetzt, ihre Versuche, sich mit der Situation zu arrangieren und möglicherweise etwas aus ihr mitzunehmen – etwas Positives. Aus der Gruppendynamik entwickeln sich soziale Interaktionen und Dialoge und gegenseitiges Verständnis. Manch Schwierigkeit im Umgang miteinander wird dabei erfolgreich überwunden, Dr. Wolffs fast schon als soziales Experiment zu bezeichnendes antiautoritäres Konzept, Eigendynamiken zuzulassen oder gar zu fördern, scheint aufzugehen.

Andererseits lässt er die Jugendlichen schlicht machen, was sie wollen und sich währenddessen einen faulen Lenz, lässt sie sogar nachts betrunken und unbeaufsichtigt durch den Wald ziehen. Dass Schwester Simone damit nicht einverstanden ist, erscheint nur allzu verständlich. Und tatsächlich scheint es zunächst böse auszugehen, den aggressiven Timo und den verängstigten Fedja zusammen in ein Zimmer zu stecken, denn Fedja springt aus dem Fenster und verletzt sich schwer. Irritierenderweise kritisiert der Film aber die Kritik daran, also Schwester Simone und ihr Verständnis von Betreuung. Als sonderlich in der Realität verankert erweist sich „4 Könige“ ohnehin nicht, denn in einer echten Psychiatrie lässt es nicht ohne Weiteres aus einem Fenster springen oder an Alkohol herankommen. Zudem scheint „Pflegenotstand“ hier ein Fremdwort zu sein, angesichts der Vielzahl herumlaufenden Personals für eine Handvoll Patientinnen und Patienten.

So unverantwortlich Dr. Wolff aber auch handelt (bzw. sein Handeln unterlässt), die ganz große Katastrophe bleibt aus, denn im späteren Umgang miteinander erweist sich das Quartett als so etwas wie Idealpatient(inn)en. Gelingt es, diese naiv anmutende Realitätsferne auszublenden oder zu akzeptieren, kann man sich jedoch an einer sich aus der Perspektive der Jugendlichen entwickelnden Handlung mit vielen ruhigen, mitunter etwas überbetonten Zwischentönen erfreuen, die unaufgeregte, besonnene und geduldige Einblicke in ihre Seelenstörungen erlauben. Diese gehen mit einer sehr ausdrucksstarken Bildsprache einher, die manch wortreiche Erläuterung überflüssig macht.

Einige Szenen wurden mit einer Handkamera aufgezeichnet, was sich aus der Narration ergibt und den intimen Rahmen, in den man sich begibt, unterstreicht. Raum für ein wenig Humor bleibt ebenso wie für eine freizügige Oben-ohne-Szene Haases, auch Sarnau sieht in ihrem weißen Kittel irgendwie sexy aus. Von Klavierklängen kontrastierter Hip-Hop dient der musikalischen Untermalung dieses feinfühligen, trotz aller Arglosigkeit sympathisch melancholischen und ohne klassisches Happy End auskommenden, jedoch einen Hoffnungsschimmer am Horizont zeichnenden Films. Und nicht zuletzt stützen ihn vier Jungmimen, deren Talent zuzusehen Freude bereitet und die sich mit „4 Könige“ für weitere Produktionen aus dem seriösen Fach empfehlen. Angesichts des Überangebots an kitschigen oder komödiantischen Weihnachtsfilmen eine angenehm gegen den Strich gebürstete kleine Produktion, die ihren Fokus auf eine von so vielen vom Fest, wie man es kennt, ausgeschlossene Gruppe richtet und aus ihrem Blickwinkel daran erinnert, was die Saison auch sein kann: dunkel, ungerecht und unglücklich.
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Brummkreisel: Sendung vom 3. Oktober 1987

„Diese Brummkreisel-Sendung, so was langweiliges hab‘ ich ja noch nie gesehen!“ – Selbstkritik im realexistierenden Sozialismus?

Die DDR-Kindersendung „Brummkreisel“ wandte sich seit 1982 alle zwei Wochen in rund 25-minütigen Episoden an Kinder ab dem Vorschulalter und erfreute sich großer Beliebtheit. Durch die Sendung führte Vollblutschauspieler Joachim Kaps als Achim in Pullover und bunter Latzhose. Ihm zur Seite stand der von Hans-Joachim Leschnitz (einem ebenfalls renommierten Schauspieler, u.a. in diversen „Polizeiruf 110“-Episoden) gespielte Kunibert, ein in einem bunten Puppenhaus lebender clownesker Zwerg oder Kobold. Der Verkleinerungseffekt wurde mittels einfacher Tricktechnik erzielt, verfehlte aber nicht seine Wirkung. Im Stile eines bunten Magazins erzählten Achim und Kunibert ihrem jungen Publikum Geschichten oder lasen ihm welche vor, sangen Lieder, bastelten, zauberten mithilfe der „Elefanten-Zauberstellung“ oder nahmen mittels „Kikifax-Suchgeräten“ Kontakt zu Kuniberts tollpatschigem und etwas minderbemitteltem Urgroßneffen Kikifax auf. Ergänzt wurden die zahlreichen Studioaktivitäten von eingespielten Bildergeschichten oder osteuropäischen Zeichentrickfilmen.

Die Sendung überstand zunächst die Wendezeit, wurde nach Auflösung des Deutschen Fernsehfunks jedoch durch ein komplett umgekrempeltes Konzept, das auf kaum Akzeptanz durch die Zuschauerinnen und Zuschauer stieß, von der ARD im Jahre 1991 zerstört. Bis 2003 wurden noch unregelmäßig Wiederholungen ausgestrahlt.

In der genau drei Jahre vor dem sog. Tag der deutschen Einheit erstausgestrahlten Episode, die mir dank der „Das Beste aus dem Kinder-TV“-Doppel-DVD aus der DDR-TV-Archiv-Veröffentlichungsreihe des Icestorm-Labels vorliegt (welch schönes Weihnachtsgeschenk meiner Eltern!) wurde Kunibert mit einem Computer ausgestattet, in dessen Kontext mit einigen Verpixelungseffekten gearbeitet wird. Achim präsentiert die Sendung im gestreiften Pulli und roter Latzhose und fungiert als Erzähler in der Bildergeschichte von den drei Schweinchen und dem bösen Wolf auf. Es folgen ein Bilderrätsel um zusammengesetzte Wörter sowie ein Sprachrätsel, bevor Kunibert erst mit seinem Computer telefoniert und ihn schließlich in eine Zeitmaschine umfunktioniert, um in eine Brummkreisel-Episode des Jahres 2022 zu schauen. Dies scheint jedoch nicht zu funktionieren, woraufhin Kunibert ein Lied vom Pechtag singt, nonverbal begleitet von einem Pantomimen. Achim steigt in den Gesang mit ein und gibt dem Lied eine positive Ausrichtung. Als sie es daraufhin noch einmal mit Zauberei probieren, klappt die Zeitreise doch noch: Beide sind Tattergreise und wiederholen witzigerweise ihre alten Inhalte.

Achim und Kunibert ermutigen die zusehenden Kinder, sich selbst Geschichten auszudenken und sie ihnen zuzuschicken, und zeigen einen Zeichentrickkurzfilm des Pragers Zdeněk Miler, dem Zeichner des berühmten kleinen Maulwurfs. Er handelt von einer musizierenden Grille, die die Gefahr eines Huhns ignoriert und von ihm gefressen wird, aber im Hühnerbauch weiterspielt. Das bekommt dem Huhn nicht, weshalb der Mäusedoktor hinzugezogen wird, der schließlich beide rettet. Hinweise auf den Ursprung des niedlichen und spaßigen, gewohnt liebevoll gestalteten Trickfilms oder Angaben zu Mitwirkenden gibt es leider nicht.

Aufgrund ihres Abwechslungsreichtums, der sympathischen Ausstrahlung Achims und Kuniberts und nicht zuletzt der humorvollen Kommunikation und Interaktion zwischen beiden lässt sich gut nachvollziehen, weshalb diese Sendereihe derart beliebt war. Das junge Publikum, an dessen Fantasie und Kreativität appelliert wird, wird mehrfach direkt adressiert und darf sich dadurch mittendrin statt nur dabei fühlen. Der in dieser Folge getätigte Blick in die Zukunft spendet Hoffnung in diesen düsteren Zeiten: Sollte der „Brummkreisel“ in Kürze tatsächlich zurück ins Fernsehprogramm finden? Ginge damit evtl. gar die mit der Wende leider versäumte Umgestaltung der Republik in Richtung demokratisch-sozialistischer Ideale statt kapitalistischer Ideologie einher? Möglicherweise handelte es sich schlicht um Schauspiel in Kombination mit Tricktechnik und der DFF verfügte über gar keine Zeitmaschine. Aber weshalb dann ausgerechnet in der Ausstrahlung vom 3. Oktober? Wir werden sehen...
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Bad Santa

„Fuck!“

Die von den Coen-Brüdern produzierte, von Glenn Ficarra und John Requa geschriebene und von US-Regisseur Terry Zwigoff („Crumb“) inszenierte Komödie wurde bei seinem Erscheinen im Jahre 2003 als Anti-Weihnachtsfilm gehandelt. Billy Bob Thorntons („Chopper Chicks in Zombietown“) Einmann-Show provozierte und erzielte gute Einspielergebnisse.

„Shit!“

Thornton mimt den versoffenen, fluchenden Misanthropen und Ganoven Willie, der seinem Kinder- und Weihnachtshass zum Trotz in schöner Regelmäßigkeit den Kaufhaus-Santa gibt, um anschließend mit seinem kleinwüchsigen Komplizen Marcus (Tony Cox, „Beetlejuice“) den Tresor zu plündern. Das klappte lange Jahre eigentlich ganz passabel, doch diesmal ist der Schwierigkeitsgrad erhöht: Kaufhaus-Manager Bob Chipeska (John Ritter, „Es“) hat ein wachsames Auge auf Willie, Kaufhausdetektiv Gin (Bernie Mac, „Ocean’s Eleven“) durchschaut den Plan des Duos und erpresst es – und zu allem Überfluss glaubt der naive, adipöse, vereinsamt mit seiner verwirrten oder dementen Großmutter (Cloris Leachman, „Rattennest“) zusammenlebende Junge Thurman Merman (Brett Kelly, „Stirb später, Liebling“), Willie sei der echte Weihnachtsmann und heftet sich an seine Fersen. Willie jedoch nutzt die Gunst der Stunde und zieht bei den beiden ein, handelt es sich doch um ein ideales und zudem kostenloses Quartier. Auch mit Sue (Lauren Graham, „Gilmore Girls“) hat er Glück: Die attraktive Sexbombe steht auf Weihnachtsmänner…

„Why don't you wish in one hand, and shit in the other? See which one fills up first.“

Willie scheint tatsächlich die absolute Antithese zum Weihnachtsmann zu sein, voller Spielfreude wild fluchend und herrlich angepisst von Thornton verkörpert. Der Film wurde um seine Rolle herum konzipiert, er ist das größte Pfund der Handlung, alles andere im Prinzip nebensächlich. Nun gilt es in einem 90-minütigen Spielfilm aber auch eine Geschichte zu erzählen, was über weite Strecken ziemlich gut funktioniert: Respektlos tritt Willie alles, was anderen an Weihnachten heilig ist, mit Füßen und pöbelt, was das Zeug hält, beginnt sich aber auch für Thurman zu interessieren, bis schließlich beide voneinander profitieren. Willie gelingt es, Thurman ein wenig Selbstbewusstsein zu vermitteln, wodurch Willie tatsächlich so etwas wie eine sympathische, menschliche Seite entwickelt. Dies geschieht ebenso kitschfrei und ohne falsches Sentiment wie die parallel verlaufende Kriminalgeschichte, in der später sogar die Waffen sprechen. Ein neuer Konflikt entsteht zwischen Mac und Willie, da Mac Willies Engagement für den Jungen argwöhnisch beäugt.

„More booze, more bullshit, more butt-fucking…“

Die Handlung und ihre Erzählweise halten das Publikumsinteresse aufrecht, zumal auch die Schauspielerinnen und Schauspieler der Nebenrollen sich prima in den Film und seine Stimmung einfügen, Graham als Sue zudem verdammt süß ist und Regisseur Zwigoff und Brett Kelly als Thurman wie füreinander geschaffen scheinen: Wie die Kamera die treudoofe Mimik des Jungen einfängt, ist beinahe eine Klasse für sich und vor allem urkomisch. Lediglich die Rolle Gins ist mir zu überzeichnet angelegt und interpretiert. Die nächste Disziplin ist es dann, den Film zu einem befriedigenden Ende zu bringen. Doch, herrje – was tat man mit dem rotzigen, verlotterten Ganoven, der einem nun auch noch ans Herz gewachsen ist, weil er in seiner allgemeinen Menschenfeindlichkeit nicht etwa auch noch einen Schwächeren wie Thurman demütigte, sondern sich einer annahm und Empathie sowie Verantwortungsgefühl entwickelte?
► Text zeigen
Damit erweist sich der Film leider als kleine Mogelpackung, denn auf seinen letzten Metern geht ihm die Chuzpe aus und er verliert zugunsten einer Massentauglichkeit an Konsequenz. Reichlich unverständlich, denn jenes dieses Ende gutheißende Publikum dürfte zuvor bereits derart vor den Kopf gestoßen worden sein, dass es den Kinosaal längst verlassen respektive auf der Fernbedienung umgeschaltet hat.
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1-2-3 AllerlEI: Sendung vom 05.08.1987

Die Kindersendung „1-2-3 AllerlEI“ des DDR-Fernsehens richtete sich von 1980 bis 1991 alle zwei bis drei Wochen jeweils rund eine halbe Stunden lang an sechs- bis neunjährige Schülerinnen und Schüler. Moderator Thomas Schmitt, gelernter Grafiker und Sänger der Kabarett-Rockband MTS, trat als Schnellzeichner Tom auf, der das neckische Hamstermädchen Pauline, eine von Schmitt gezeichnete Trickfigur, als eine Art Co-Moderatorin und Stichwortgeberin an seiner Seite hatte. Pauline wurde von der Schauspielerin Genia Lapuhs gesprochen. Tom und Pauline bildeten das Rahmenprogramm für eine stets bunte Revue verschiedener osteuropäischer Zeichentrick- und Realkurzfilme und erinnerte damit an das westdeutsche Pendant „Spaß am Dienstag“.

In der Episode vom 05.08.1987, die der „Das Beste aus dem Kinder-TV“-Doppel-DVD aus der DDR-TV-Archiv-Veröffentlichungsreihe des Icestorm-Labels entnehmbar ist, befindet sich Pauline leider gerade im Urlaub. Das ist wenig verwunderlich, denn es ist Ferienzeit, und so liest Tom aus Briefen vor, die ihn seine kleinen Zuschauerinnen und Zuschauer aus den Ferien geschickt haben. Da das Publikum von DDR-Kindersendungen häufig aufgefordert wurde, zum Stift zu greifen und zu schreiben, darf davon ausgegangen werden, dass es sich um authentisches Material handelt. Tom implementiert ein paar Gags und präsentiert die Einspielfilme. Los geht’s mit einem witzigen Trickfilm um zwei Freunde, denen in der Natur allerlei Missgeschicke passieren. Es folgt einer der Dauerbrenner schlechthin, der herzallerliebste kleine Maulwurf aus der Feder des Prager Zeichners Zdeněk Miler. Zwischendurch zitiert Tom weiter aus Briefen, einer handelt von einem Elektroauto – man war seiner Zeit offenbar voraus! Dies nimmt Tom zum Anlass, das Auto und dessen Fahrer mittels seiner Schnellzeichenkünste zu skizzieren. Im dritten und letzten Trickfilm begibt sich Opa Bonifak (oder so ähnlich) auf Reisen mit seinem Wunderauto.

Als Kind hätte ich meinen Spaß an all den Einspielfilmen gehabt, als Erwachsener gefallen sie mir noch immer, jedoch gerate ich ins Schwimmen, wenn ich sie näher einordnen will. Der Grund: Wie auch beim „Brummkreisel“ fehlen hier sämtliche Angaben zum Material wie Zeichner(in), Reihe, Episodentitel, Herstellungsland, Erscheinungsjahr oder andere Beteiligte. Das ist ein bisschen schade, hätte das junge Publikum aber vermutlich nicht die Bohne interessiert. Schmitt jedenfalls dürfte seine Zuschauerinnen und Zuschauer in seiner Mischung aus nettem Fernsehonkel, Grundschullehrer und kreativem Geist gut im Griff gehabt haben und ein echter Sympathieträger gewesen sein. Eine schöne Erinnerung an unbeschwerte Kinderzeiten!
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Stranger Things

The ‘80s are back and here to stay

„Jetzt fangt nicht an zu heulen, Nerds!“

An meinem Geburtstag 2016 bekam ich ohne es zu wissen ein ganz besonderes Geschenk: Der US-Video-on-Demand-Streaming-Dienst Netflix erweiterte sein Angebot um eine weitere Eigenproduktion, die erste Staffel der '80er-Mystery/Science-Fiction/Horror/Coming-of-Age-Hommage „Stranger Things“. Eine zweite Staffel folgte am 27.10.2017 rechtzeitig zu Halloween, Staffel 3 sollte ab dem 04.07.2019 den Sommer versüßen und die als Finale angekündigte Staffel 4 wird voraussichtlich ab Januar 2020 gedreht werden.

„Das ist nicht Dungeons & Dragons, das ist das echte Leben!“

Alldem vorausgegangen war jedoch ein aufreibendes und enttäuschend verlaufendes Klinkenputzen der Zwillingsbrüder Matt und Ross Duffer, den kreativen Köpfen hinter der Serie, die zuvor mit zwei Kurzfilmen, dem Horrorfilm „Hidden - Die Angst holt dich ein“ und dem Drehbuch für einige Episoden der Mystery-Krimiserie „Wayward Pines“ auf sich aufmerksam gemacht hatten. Von sage und schreibe 18 Fernsehanstalten hagelte es Absagen, als die Duffers mit ihrem auf der „Montauk-Projekt“-Verschwörungstheorie basierenden Konzept vorstellig wurden. Erst Netflix erkannte das Potential, ließ die Duffer-Brüder die Serie produzieren und landete damit einen seiner größten Hits. Regie und Autorschaft teilten sich die Duffers mit diversen Kolleginnen und Kollegen wie Shawn Levy („Nachts im Museum“), Andrew Stanton („Findet Nemo“), Rebecca Thomas („Electrick Children“) und Uta Briesewitz („Jane the Virgin“) bzw. Jessica Mecklenburg, Justin Doble, Alison Tatlock und Jessie Nickson-Lopez. Was die Konkurrenz anscheinend nicht erkannt hatte: Eine große cineastische ‘80er-Retrokult-Welle rollte an, die sich in Filmen wie „Kung Fury“ und „Turbo Kid“ ab Mitte des Jahrzehnts ausdrückte und mit „Stranger Things“ schließlich ihren Höhepunkt erreichte. Die Serie startete also zum bestmöglichen Zeitpunkt.

„Ich hab‘ noch nie ein tätowiertes Kind gesehen...“

In der fiktionalen Kleinstadt Hawkins im US-Bundesstaat Indiana verschwindet der zwölfjährige Will Byers (Noah Schnapp, „Bridge of Spies – Der Unterhändler“) spurlos, nachdem er von einem Rollenspielabend mit seinen besten Freunden Mike Wheeler (Finn Wolfhard, „Es“-Neuverfilmung), Lucas Sinclair (Caleb McLaughlin, „Shades of Blue“) und Dustin Henderson (Gaten Matarazzo) nach Hause radeln wollte. Seine alleinerziehende Mutter Joyce (Winona Ryder, „Beetlejuice“) droht darüber den Verstand zu verlieren, wird jedoch von ihrem älteren Sohn Jonathan (Charlie Heaton, „Shut In“) unterstützt. Außerdem scheint irgendetwas mit ihr über Kanäle wie die Telefonleitung oder eine Lichterkette in Kommunikation zu treten. Empfängt sie Signale von Will, der, wie sich herausstellen wird, durch ein als Kollateralschaden von geheimen Regierungsexperimenten geöffnetes Dimensionstor im Upside-Down, einer düsteren, von gefährlichen Kreaturen wie dem Demogorgon (Mark Steger, „Mr. Jones - Wenn du ihn siehst... lauf!“) bewohnten Parallelwelt und Negation Hawkins‘, gestrandet ist und dort um sein Überleben kämpft? Als seine Freunde den Wald nach ihm durchkämmen, stoßen sie auf ein wortkarges, verstörtes Mädchen mit raspelkurzem Haar, das die Tätowierung „011“ auf dem Arm trägt und deshalb kurzerhand Elfie (Millie Bobby Brown, „Inruders – Die Eindringlinge“) getauft wird. Elfie verfügt über übernatürliche Fähigkeiten wie Telekinese und kann Gedanken lesen, jedoch jeweils nur unter höchster Anstrengung. Sie ist dem „Hawkins National Laboratory“ entkommen, einer abgeschottet im Verborgenen operierenden Forschungseinrichtung. Elfie scheint der Schlüssel zur Rettung Wills zu sein, doch Laborleiter Dr. Brenner (Matthew Modine, „Full Metal Jacket“) und dessen Einheiten sind bereits hinter ihr her. Parallel verschwindet auch Barbara (Shannon Purser, „Riverdale“), eine Freundin Nancys (Natalia Dyer, „Blue Like Jazz“), Mikes großer Schwester. Sie tut sich mit Jonathan zusammen, während Joyce auf die Hilfe des desillusionierten örtlichen Sheriffs Jim Hopper (David Harbour, „Suicide Squad“) hofft…

Was genau mit Will, Elfie und Barbara passiert ist und welche Rolle das Laboratorium spielt, erschließt sich in der mit zahlreichen Rückblenden gespickten Handlung erst nach und nach, woraus die Serie ihren dramaturgischen Reiz bezieht. Mindestens ebenso reizvoll ist jedoch die Reproduktion einer vergangenen Unterhaltungskinoästhetik, der des 1980er-Jahrzehnts, und das Spiel mit unheimlich vielen popkulturellen Referenzen und Zitaten. Damit erklärt sich dann auch, weshalb die Hauptrollen Kindern zuteilwurden, obwohl sich die Serie vornehmlich an ein älteres Publikum richtet: Sie setzt voll auf den Nostalgiefaktor und Retro-Trend derjenigen, die jene Dekade noch selbst miterlebt haben. Bereits das neonrotglühende Logo der 1983 bis 1985 (Staffel 3) spielenden Serie verkörpert all dies perfekt, erinnert es doch sofort an die Cover von Stephen-King-Romanen und gleichermaßen an ‘80er-Science-Fiction-, -Horror- oder -Mystery-Filme bzw. -Serien. Der Soundtrack der Retro-Synth-Band Survive trifft auf damals zeitgenössische Rock- und Pop-Musik, allen voran The Clashs „Should I Stay Or Should I Go”, das eine besondere Funktion einnehmen wird. In den Kinderzimmern der geschmackssicheren Jungs hängen „Das Ding aus einer anderen Welt“- und „Tanz der Teufel“-Filmplakate, im Kino laufen „Day of the Dead“, „Zurück in die Zukunft“ und „The Stuff – Ein tödlicher Leckerbissen“ und an Halloween verkleidet man sich als „Ghostbusters“. Wie in „BMX Bandits“ ist man ständig mit dem Zweirad auf Achse – z.B. in die Videospielhalle – und steht miteinander in Funkkontakt, wenn man nicht gerade AD&D-Pen-&-Paper-Rollenspiele spielt. Die „New Coke“ der Coca-Cola-Company sorgt für Geschmacksdiskussionen, bevor sie rasch wieder vom Markt genommen wird, man liest Comichefte und trägt Kniestrümpfe zu arschkurzen Shorts.

Die Serie selbst ist hauptsächlich von Stephen Kings „Stand By Me – Das Geheimnis eines Sommers“ sowie, was unverständlicherweise oft vergessen wird, dessen Potenzierung „Es“ inspiriert, Elfie wiederum scheint „Der Feuerteufel“ (und ein bisschen „Carrie“) entsprungen, „The Goonies“, „Alien“ und „E.T.“ werden zitiert, „Twin Peaks“ und „The Lost Boys“ linsen um die Ecke, ein fieser Russe erinnert an den „Terminator“, Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“-Hommagen geben sich mit Ehrerbietungen an George A. Romeros Zombie-Filme und Motiven aus „Der Blob“ die Klinke in die Hand, während Staffel 3 geradezu von der „Body Snatchers“-Thematik dominiert wird, nachdem eine vermeintliche Leiche Wills bereits früh dafür die Tür aufstieß. Dessen Paralleldimensionsaufenthalt gemahnt an „Poltergeist“, seine Kontaktaufnahme mittels Lichterkette an „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ und vor sich durch misslungene Experimente ins Diesseits begebenden garstigen Monster hatte Stephen King bereits in seiner Kurzgeschichte „Der Nebel“ gewarnt. Und mit der Ankündigung einer vierten Staffel könnte sich „Stranger Things“ auch zu einer „unendlichen Geschichte“ entwickeln…

Dankenswerterweise handelt es sich weder um einen verklärten Blick auf die ‘80er, der das quietschbunte Werbefernsehen jener Ära mit der Realität verwechselt (man vergleiche allein schon Interieur und Ambiente des Byers-Hauses mit der typischen ‘80er-Hochglanzästhetik der Marketingwelt), noch um einen reinen Referenz- und Zitatreigen ohne jedes eigene Profil. Im Gegenteil: Die liebevoll mit viel Detailkenntnis ausstaffierte Hommage fügt sämtliche Versatzstücke zu einer ebenso spannend wie unterhaltsam gestalteten Handlung zusammen, die sicherlich auch ohne jede Vorkenntnis und persönlichem ‘80er-Bezug funktioniert. Die Duffers sind offenbar nicht einfach nur Fans der Kino- und Populärkultur der ‘80er, sondern auch Connaisseure packender, unheimlicher, großer Geschichten, gute Erzähler zudem. Ihre sich nach und nach zum bedrohlichen Creature Feature entwickelnde Handlung hantiert mit authentischen, individuellen Charakteren, die man schnell ins Herz schließt und in deren Zentrum mit Elfie eine Figur steht, die durchaus über das Potential zu einem Vorbild auch für jüngere Generationen verfügt. Mit der Pubertät und den damit einhergehenden (Weiter-)Entwicklungen, die sich in Staffel 2 andeuten und in Staffel 3 schließlich bahnbrechen, hat man ganz King-like einen auf emotionaler Ebene ganz anders funktionierenden Unterbau, der eine Wechselwirkung mit dem Science-Fiction- und Horror-Aspekt eingeht und somit nicht nur für Abwechslung sorgt, sondern das Interesse für beide Ebenen steigert. Es besteht somit nie Anlass dafür, sich einer kühl und herzlos durchkalkulierten Cash Cow für ein halbsenil sentimentales, aber zahlungskräftiges Publikum der ‘80er-Generation aufzusitzen zu wähnen. So verärgern auch keine allzu konstruierten, der Serie zu viel offenhaltenden Cliffhanger an den Staffelenden.

Die Besetzung Joyce Byers mit Winona Ryder ist ein besonderer Kniff: Einerseits handelt es sich bei ihr um einen stets gerngesehenen Jugendstar der ‘80er, andererseits wurde sie hier als zur Hysterie neigende, overactende gestresste Mutter mit Augenringen gegen den Strich besetzt, was zunächst irritiert, vermutlich aber auch genau diesen Effekt erzielen soll und lediglich den Ausgangspunkt für die charakterliche Entwicklung ihrer Rolle darstellt. Das Ensemble wird beständig, jedoch nie inflationär erweitert. Mit Maxine (Sadie Sink, „Chuck – Der wahre Rocky“), genannt „Max“, und ihrem älteren Bruder Billy (Dacre Montgomery, „Better Watch Out“), stoßen in Staffel 2 bedeutsame Figuren hinzu, von denen Max nach anfänglichen Querelen nicht nur zum voll akzeptierten Mitglied der Clique, sondern auch zu einer gerade während der Pubertät wichtigen Freundin für Elfie wird, während der anfänglich kritisch beäugte – die diffus paranoide Stimmung des Misstrauens kommt hier zum Tragen –, jedoch schnell zum Sympathieträger aufsteigende Bob Newby (Sean Astin, „Die Goonies“) sich an einer Beziehung mit Joyce versucht. Zudem dehnt die zweite Staffel die Mythologie gekonnt aus und schafft mit dem Schattenmonster alias Mind Flayer neue Bedrohungen. Der gebrochene Hopper entwickelt neuen Lebensmut, indem er zu einer Vaterfigur für Elfie wird, und Steve avanciert nach persönlichen Niederlagen vom Schönling und Frauenheld zum umgänglichen Sympath, der nach und nach eine Art Bruderrolle für den lispelnden Dustin einnimmt. Bobs Bericht von einer Begegnung mit einem unheimlichen Clown lässt darauf schließen, dass „Stranger Things“ im selben Universum wie Stephen Kings „Es“ spielt.

Einen stilistischen Ausbruch wagt man mit dem siebten Kapitel der zweiten Staffel, indem Elfie einmal ein urbanes Umfeld mit Punks bzw. einer weiteren, älteren Außenseiter-Gang inkl. typischem ‘80er-New-York-Vibe mit Graffiti und Kriminalität kennenlernt. Erstmals werden hier Rachegedanken für zugefügtes Leid formuliert, thematisiert und umgesetzt. Als abgeschlossener 90-minütiger Spielfilm aus den '80ern wäre so etwas mit seinen überzogenen Klischees sicherlich Kult geworden, auch wenn es hier ein bisschen wie ein Fremdkörper und in Bezug auf Elfie out of character wirkt – zumal sie mit ihrer neuen Frisur und in ihrem feschen Outfit plötzlich wie Falco zu „Wiener Blut“-Zeiten aussieht. Zu ihrem Charakter findet sie jedoch am Ende wieder zurück, als sei sie im Zuge pubertärer Anwandlungen flügge geworden, habe die Großstadt und deren Versuchungen ausgetestet und letztlich beschlossen, dass das nicht ihr Lebensweg ist, um schließlich zu Freunden und „Familie“ zurückzukehren.

Spielen die ersten beiden Staffeln jeweils im Herbst, gönnte man seinen Figuren und ihrem Publikum in der nach einem rustikalen Prolog humorvoll beschwingt einsteigenden Staffel 3 einen schicksalhaften Sommer, in dem die mittlerweile Jugendlichen das geänderte Ambiente auskosten dürfen und somit weitere Abwechslung ins Seriensujet einbringen, aber auch gezwungen sind, einen Großteil ihrer Zeit in einem Einkaufszentrum zu verbringen. Dort lernt der in einer Eisdiele jobbende Steve seine Kollegin Robin kennen, ein intelligentes, attraktives junges Ding, gespielt von Uma Thurmans und Ethan Hawkes Tochter Maya („Ladyworld“), die dank ihrer Sprachkenntnisse und Unerschrockenheit eine entscheidende Rolle einnehmen wird – und natürlich, weil Steve ein Auge auf sie wirft. Beide entwickeln sich zu mit der Ursprungsclique gleichberechtigten Figuren, sodass das Ensemble mittlerweile über eine ganze Reihe starker weiblicher rollen verfügt, wozu auch Lucas‘ kleine Schwester Erica (Priah Ferguson, „Atlanta“) zu zählen ist, die leider eine im negativen Sinne typisch nervige, unrealistische Kinderrolle einnimmt. Generell hat man nun den Humoranteil stärker gewichtet, womit mir manch Szene zu unangemessen spielbergesk-gefällig ausfällt. Meine diesbezügliche These ist, dass sich die stärkere Abgrenzung humoristischer von horriblen Szenen am sich zu jener Zeit ändernden Tonfall des Genrekinos orientiert. Die subtilere Komik zuvor war zwar nicht überragend und auch nichts Besonderes, hatte sich aber gut integriert. Köstlich hingegen sind die Momente, in denen die Unterschiede zwischen den Geschlechtern deutlich werden, insbesondere die variierenden Verhaltensweisen von Mädchen und Jungs, wenn sie untereinander sind. Viele typische Teenie-Kommunikationsprobleme werden abgedeckt und während sich die Jungs gern mal in Fäkalhumor ergehen, begeben sich Max und Elfie in einer total süßen Sequenz lieber auf Shopping-Tour (und Madonna singt passenderweise ihr „Material Girl“ dazu). Überhaupt macht es viel Spaß, dem liebgewonnen Ensemble beim Älterwerden zuzusehen, zumal die Drehbücher allen Figuren individuelle Entwicklungen zugestehen.

Das impliziert auch ältere Figuren wie Joyce und Hopper. Letzterer gibt mit Schnauzer und im Hawaiihemd nun einen Tom-Selleck-als-Magnum-Verschnitt und muss sich mit russischen Verschwörern abplagen, von denen ein Überläufer (Alec Utgoff, „Mission: Impossible – Rogue Nation“) jedoch durchaus Gefallen an bestimmten Annehmlichkeiten des American Way of Life findet. Als Vermittler muss der ursprünglich als windiger Sensationsjournalist eingeführte Murray Bauman (Brett Gelman, „Love“) herhalten, den man als intelligenten, aber auch gern und stark dem Alkohol zusprechenden investigativen Journalisten kennen- und schätzen lernt. Auch hier wird es jedoch bisweilen leider allzu komödiantisch. Erschwerend hinzu kommt, dass mit dem neuen russischen Feindbild man nun den Kalten Krieg nachempfindet bzw. vielmehr die US-Herangehensweise an dieses Thema in weiten Teilen der damaligen Unterhaltungsfilmbranche. Sicherlich war den Duffers daran gelegen, das paranoide antisowjetische US-Actionkino augenzwinkernd aufzugreifen, was sie jedoch besser gelassen hätten: Die entsprechenden Filmvorbilder sind kein Kult, sondern waren seinerzeit schon gequirlte reaktionäre Kacke, die keinerlei Ehrerbietung verdient hat und dem phantastischen Film diametral gegenüberstand. Darüber gerät dann leider auch schnell in Vergessenheit, dass es in der ersten Staffel noch die USA-Geheimdienste waren, die Kinder misshandelten, um Sowjets abzuhören, und damit die Büchse der Pandora öffneten. Gelingt es einem als Zuschauer(in), diese negativen Assoziationen auszublenden, lässt sich indes auch dieser Anteil der dritten Staffel durchaus als Sci-Fi-Horror/Action-Gemisch goutieren.

Die bisher abrufbaren 25 Episoden beinhalten natürlich noch weit mehr, erfreuen mit weiteren Details, interessanten Ent- und Verwicklungen, spritzigen Dialogen, mit aberwitzigen Kreaturen, gewagten Stilmixen und ambivalenten Figuren inkl. Anspielungen auf Politik, Gesellschaft und zwischenmenschliche Beziehungen. Zu viel zu verraten wäre aber Sünde. Allen drei Staffeln gemein ist der geglückte Spagat zwischen Hommage und Eigenständigkeit, zwischen Nachvollziehbarkeit auf der einen und verschachtelter Erzählweise mit Rückblenden und Parallelmontagen sowie mystischer Geheimniskrämerei auf der anderen Seite, zwischen Härte und Herz sowie nicht zuletzt zwischen allen abgegrasten (Sub-)Genres.

Die Königsdisziplin wäre gewesen, komplett ohne CGI auszukommen, eben ganz wie in den ‘80ern. Auch wäre weniger Spielberg mehr und eine deutliche Absage den Kalten Krieg statt dessen klischeehafte Ausschlachtung wünschenswert gewesen. Hier und da, meistens bei Dustin, ist zudem die deutsche Synchronisation etwas schwer verständlich und scheint nicht immer ganz das aus Deutschland gewohnte Niveau zu erreichen. Die positiven Eindrücke überwiegen aber eindeutig. Mit Außenseitergeschichten, in denen die Protagonistinnen und Protagonisten über sich hinauszuwachsen gezwungen sind, lässt sich immer punkten, und im Rahmen einer Hommage an mein Lieblingsjahrzehnt und einer atmosphärischen Großleistung geht mir nun mal das Herz auf – wenngleich es mich noch mehr beeindruckt hätte, hätte sich die Clique ohne übersinnliche Fähigkeiten behaupten müssen, wie einst ihre unerreicht großen „Geschwister“ in „Es“.

„Stranger Things“ machte seine überzeugend und selbstbewusst aufspielenden Jungmimen zu Stars. Bleibt zu hoffen, dass ihnen Rummel und Ruhm nicht zu Kopfe steigen. Und natürlich, dass die vierte Staffel an die bisher gezeigte Qualität anknüpfen wird.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Tief durchatmen, die Familie kommt

„...und das Atmen nicht vergessen!“

Andrea Sawatzki ist nicht nur eine renommierte deutsche Schauspielerin, sondern auch Autorin der Romane um Familie Bundschuh, die 2013 mit „Tief durchatmen, die Familie kommt“ debütierte. Mathias Klaschka adaptierte die Geschichte für ein Drehbuch, das Regisseurin Vivian Naefe („Die wilden Hühner“) als 2015 erstausgestrahlten Fernsehfilm mit Sawatzki höchstpersönlich in der Hauptrolle verfilmte. Seither wird die Weihnachtskomödie regelmäßig im öffentlich-rechtlichen TV in der entsprechenden Saison gezeigt.

„Haben sich alle gegenseitig umgebracht?“

Gerald (Axel Milberg, Kieler „Tatort“) und Gundula (Andrea Sawatzki, Frankfurt/Main-„Tatort“) möchten wie jedes Jahr das Weihnachtsfest bei sich zu Hause mit ihrer Familie verbringen. Wobei, eigentlich ist das mehr Gundulas Wunsch, der Finanzbeamte und passionierte Schlagervinylsammler Gerald verspürt eigentlich keine rechte Lust auf ein Wiedersehen mit Gundulas hypochondrischem Bruder Hans-Dieter (Stephan Grossmann, „Er ist wieder da“), Herausgeber erfolgloser und überflüssiger Lebensratgeber, und dessen übertrieben religiöser Frau Rose (Eva Löbau, „Knallhart“), die der Inbegriff keimfreier christlicher Schwaben sind, im Falle Hans-Dieters zudem Gluten- und Lactose-intolerant. Auch auf Gundulas dementen Vater Edgar (Günther Maria Halmer, „Anwalt Abel“), ihre besserwisserische Mutter Ilse (Christine Schorn, „Novemberkind“) und seine eigene Mutter Susanne (Judy Winter, „Das schöne Ende dieser Welt“), eine allzu demonstrativ unverklemmte Sexshop-Betreiberin, könnte er an Weihnachten eigentlich verzichten. Diesmal kommt jedoch alles noch schlimmer als erwartet: Gerald torpediert die Feierlichkeiten und bekommt es nicht einmal hin, den Baum aufzustellen, die Gäste geraten in Streit, Edgar wird flügge und haut unbemerkt ab, der Braten wird vom Hund gefressen und möglicherweise sind sogar die Weihnachtsplätzchen mit Haschisch kontaminiert…

Der Filmtitel impliziert eine Anspielung auf die Atemtherapie, in der sich Gundula, die auch als Erzählerin aus dem Off in Erscheinung tritt, unter den Fittichen ihres Atemlehrers (Uwe Ochsenknecht, „Schtonk!“) befindet. Dieser scheint auch ein bestimmtes Ideal von Harmonie und Glück für sie zu verkörpern, sodass sie sich gern innerhalb von Tagträumen in dessen Obhut träumt. In einer Tagalptraumszene hingegen sieht sie sich tot im Sarg liegend, von ihrer Familie das letzte Geleit empfangend. Vornehmlich aus Perspektive der Familienmutter mittleren Alters wird also eine neurotische Berliner Mittelstandsfamilie aufs Korn genommen, in der die Kinder Ricarda (Amber Bongard, „Ostwind“) und Matz (Claudio Schulte, „Böse Wetter – Das Geheimnis der Vergangenheit“) die einzig (noch) Normalen zu sein scheinen. Ein weiteres satirisch-humoristisches Angriffsziel ist die Bigotterie Besinnlichkeit heuchelnder Familienzusammenkünfte anlässlich eines von Konsumwahn und kleinbürgerlichen Zwängen geprägten Weihnachtsfests. Hierfür werden etwas vorhersehbare Situationskomik, einige sehr spitzzüngige Dialoge, ein bisschen Slapstick und etwas düsterer Humor bemüht und mit viel Drama und Tragik mitunter schwer genießbar vermengt.

Die falsche Darstellung Gundulas dementen Vaters, der für ein paar billige Pointen herhalten muss, verärgert, dafür überraschen Geralds fiese und sarkastische Kommentare. Ja, Sawatzki & Co. wollten hier augenscheinlich einmal kräftig und durchaus provokant austeilen. Im Zuge dessen trifft man nicht immer den richtigen Ton und hantiert mit reichlich Klischees. Dies sind zum einen vorhersehbare Klassiker wie das misslingende Festmahl oder die in einer Eskalation mündenden Meinungsverschiedenheiten und Streitereien vollkommen unterschiedlicher Charaktere, bei denen alsbald alle Masken fallen, zum anderen aber eben diese Figurenzeichnungen. Anhand derer wird deutlich, dass sicher nicht der ausfallende Entenbraten entscheidend ist – diese Motive sind lediglich Beiwerk. Vielmehr fokussiert der Film die peinlichen vor sich hergetragenen Marotten der Neurotiker(innen), die nur unzureichend ihre wahren seelischen Abgründe verbergen können, welche in ihrer Überzeichnung sinnbildlich für eine langsam aber sicher dem Wahnsinn nahe Mittelschicht steht, deren kleinstes Problem es ist, zu einem harmonischen Familienmiteinander unfähig zu sein.

Dem aus sicherer Entfernung vor der Glotze beizuwohnen macht durchaus Spaß, zumal fast alle ihr Fett wegbekommen. Auch Gundulas Sehnsuchts“ort“, der alleinstehende Atemtherapeut, hat selbst kräftig einen an der Waffel, wie Gundula herausfinden muss, als sie ihn bei der Zubereitung eines großangelegten Weihnachtsessens überrascht. Hintergrund ist auch hier ein unverarbeitetes tragisches Trauma. Am Ende des Films ist dann auch alles nur so semigut, und herauszustellen, dass es nun doch nicht so cool ist, wenn der eigene Opa fremdgeht, gelingt dem Film leider nicht mehr. Für eine bissige Satire ist das trotz vieler an eine Modernisierung Loriots berühmter „Weihnachten bei Hoppenstedts“ gemahnender Ansätze zu wenig, für ein komödiantisches Moralstück zu inkonsequent und bisweilen dann auch doch zu tragisch und für ein einen nachhaltigen Eindruck hinterlassendes Weihnachtsdrama im Mantel spöttischen TV-Sarkasmus verharrt man zu sehr an der Oberfläche. Als nicht allzu streng zu bewertende leichte bis leicht holprige vorweihnachtliche Unterhaltung, die für oftmals gestresste Frauen in ihrer doppelt belastenden Rolle als berufstätige Hausfrau und Mutter eine Lanze bricht, können sich die von einem starken Ensemble repräsentierten Bundschuhs aber durchaus sehen lassen, zumal manch gesellschaftskritischer Ansatz richtig ist und der freche Ton auch jüngere Familienmitglieder bei der Stange halten dürfte.
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Der Grinch

Das Who is Who der Weihnacht

„Ich hasse Weihnachten! Ich hasse es!“

Die auf dem 1957 veröffentlichten US-Kinderbuch „Wie der Grinch Weihnachten gestohlen hat“ aus der Feder Theodor Seuss Geisels (alias Dr. Seuss) basierende Realverfilmung stammt von US-Regisseur Ron Howard („Willow“) und kam im Jahre 2000 in die Kinos. Die Hauptrolle des Kinder- bzw. Familienfilms bekleidet Jim Carrey („Die Truman Show“).

„Ich gebe alles zu. Ich bin der Grinch, der Weihnachten gestohlen hat!“

Das Gebirgsdörfchen Whoville bereitet sich permanent auf das größte alljährliche Ereignis vor: das Weihnachtsfest. Die aufgedrehten Bewohnerinnen und Bewohner häufen Geschenke an, dekorieren, was das Zeug hält, und befinden sich dauerhaft im Vorfreudemodus. In ihrer naiven Oberflächlichkeit ist jedoch kein Platz für Außenseiter und so verkennen sie den wahren Sinn der Weihnacht. Dies musste auch der Grinch (Jim Carrey), ein grüner Fellzottel und einst selbst vom Volke der Whos, schmerzhaft erfahren, als er vor vielen Jahren aufgrund seines Aussehens geschnitten und vor seiner großen Liebe Marta May Whovier (Christine Baranski, „Die Addams Family in verrückter Tradition“) desavouiert wurde. Seither lebt er zurückgezogen mit geschrumpftem Herzen und seinem Hund Max (Kelley) im Mount Grumpit an der örtlichen Mülldeponie, hasst Weihnachten wie nichts anderes und avancierte zu einer Schreckgestalt für die Whos. Als die kleine Cindy Lou Who (Taylor Momsen, „Prophet’s Game – Im Netz des Todes“) jedoch vom Schicksal des Grinchs erfährt, beschließt sie, als einzige noch vom Geist der wahren Weihnacht beseelt, sich seiner anzunehmen und nominiert ihn für den Ehrentitel „Whoille Holiday Cheermeister“. Tatsächlich lässt sich der Grinch darauf ein, fühlt sich jedoch erneut öffentlich vorgeführt und sinnt nun auf Rache: Er werde den verdammten Whos ihr heuchlerisches Weihnachtsfest komplett sabotieren!

„Ich hasse dich! Hass, Hass, Hass, Hass, Hass, Hass! Uuuuiii, Doppel-Hass!“

Ein Erzähler aus dem Off führt in Reimform durch die gegenüber dem Kinderbuch ausgeschmückte und erweiterte Handlung des stilistisch in Zeichentrick-Ästhetik (!) inszenierten modernen Märchens, durch das sich Carrey in Fellkostüm und dicken Make-up-Schichten innerhalb einer detailreich und hoffnungslos übertrieben kunterbunt gestalteten Fantasy-Welt hyperaktiv grimassiert. Die erste von mehreren Gesangseinlagen obliegt Cindy Lou, die Hintergrundgeschichte des sich von Glas und Porzellan ernährenden Grinchs wird in einer Rückblende rekapituliert und die Konsumkritik derart dick aufgetragen, dass auch wirklich jeder sie versteht. Das fügt sich indes überaus passend in diese Verfilmung, deren Sache vieles, aber – von ein paar mehrdeutigen Dia- oder Monologzeilen abgesehen – sicherlich keine Feinfühligkeit ist. Stattdessen wird hier mit dem ganz dicken Pinsel ein Extrem nach dem anderen aufgetragen, in überhöhtem Tempo, mit viel Krawall und Kabumm, oftmals einem ausgeschütteten Bällebad aus bunten Flummis gleich.

Das ist seiner Konsequenz faszinierend und verstörend zugleich. Man muss schon auf Carreys Chargieren, sein Gezappel und schnell heruntergeratterte, dadurch häufiger etwas untergehende Dialoge klarkommen, um „Der Grinch“ etwas abgewinnen zu können. Auch die Maskenarbeit, so aufwändig sie auch gewesen sein mag, ist in ihrer Vermischung aus Tier- und Menschengesichtern für einen Realfilm arg gewöhnungsbedürftig. Unabhängig davon zündet der Humor, insbesondere in Bezug auf die Untaten des Grinchs – sowohl hinsichtlich der Ideen als auch ihrer visuellen Umsetzungen. Ist erst einmal der Zuckerschock überwunden, lässt sich viel Spaß mit der karikierenden Welt der Whos und der Bösartigkeit des Grinchs haben. Da es letztlich jedoch kindgerecht um dessen Läuterung geht, steuert die Handlung auf ein etwas arg kitschiges allumfassendes Happy End zu, was dem Film etwas von seinem anarchischen Reiz und seiner Frechheit nimmt. Als Experiment einer Zeichentrick-auf Realfilm-Übertragung, abseits fragwürdiger, auf bereits existierenden Trickfilmen/-serien basierender Beispiele wie „Asterix & Obelix“ oder „The Flintstones“, ist „Der Grinch“ aber zweifelsohne sehr beachtenswert, wenn auch bizarr und polarisierend.
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Mein Schatz, unsere Familie und ich

„Versprich mir, dass wir nach diesem Tag immer noch zusammen sind!“

US-Regisseur Seth Gordon („The King of Kong“) lieferte mit der romantischen Komödie „Four Christmases“, vom deutschen Verleih umbenannt in „Mein Schatz, unsere Familie und ich“ zwecks Anlehnung an den erfolgreichen „Meine Braut, ihr Vater und ich“, sein Spielfilmdebüt. Die US-amerikanisch-deutsche Koproduktion war einer der Weihnachtsfilme des Kinojahres 2008.

Die in San Francisco lebenden Brad (Vince Vaughn, „Psycho“-Neuverfilmung) und Kate (Reese Witherspoon, „Walk The Line“) sind kinderlos und ohne Trauschein seit drei Jahren ein glückliches Paar. Auf Weihnachten mit ihren Familien haben die Scheidungskinder wie üblich keine Lust und verabschieden sich unter dem Vorwand gemeinnützigen Engagements in Richtung Fidschi-Inseln. Jedoch werden sämtliche Flüge in letzter Minute wetterbedingt gestrichen, was auch das Fernsehen auf den Plan ruft, das das Pärchen mit der Kamera einfängt. Dadurch bekommen Brads und Kates Familien Wind davon, sodass die beiden nun doch alle vier Elternteile abklappern müssen: Brads republikanischen militaristischen Vater (sich also ein Stück weit selbst spielend: Robert Duvall, „Stalin“), der mit Brads Raufbolden von Brüdern (Jon Favreau, „Rocky Marciano“ und Tim McGraw, „Flicka“) zusammenlebt, Kates ebenso religiöse wie sexuell freizügige Mutter (Mary Steenburgen, „Dead Girl“) mitsamt ihren ebensolchen Tanten, Brads mit seinem ehemaligen besten Kumpel (Patrick Van Horn, „Pursuit of Happiness“) liierte, einen esoterisch verwirrten Eindruck machende Mutter (Sissy Spacek, „Vermisst“) und schließlich Kates Vater (Jon Voight, „Mission: Impossible“),der mitsamt seiner neuen Frau als einziger überraschend zurechnungsfähig wirkt…

Der Inhaltsangabe dürfte bereits zu entnehmen sein, dass „Four Christmases“ über einen episodischen Aufbau verfügt, in dessen Rahmen verschiedene Stereotype extrem überzeichnet karikiert werden, woraus der Film seine Komik bezieht – insbesondere bei an den an Culture Clashs erinnernden Aufeinandertreffen mit dem Liebespaar, aus dessen Perspektive die Handlung erzählt wird. Dieses ist einerseits unsentimental, entspricht kaum gängigen Vorstellungen von Romantik und ist auch um keine Ausrede oder Lüge verlegen, um sich Vorteile und Freiheiten zu verschaffen, will damit aber andererseits auch schlicht als anstrengend, unter Druck setzend oder gar übergriffig empfundenen, aus ihrer Sicht überholten gesellschaftlichen und familiären Vorstellungen von Zweisamkeit und Beziehung entfliehen. Oder kurz: Es will einfach seine Ruhe haben, erst recht vor den Freaks der eigenen Familien.

Auf Basis dieser sehr konstruierten Ausgangssituation entwickelt das (ausgerechnet!) vierköpfige Autorenteam zusammen mit Regisseur Gordon nicht minder konstruierte Gag-Abfolgen, die teils als typisch rustikaler Guilty-Pleasure-US-Holzhammer-Humor einzuordnen sind, der mit seinen maßlosen Übertreibungen auf Zuschauer(innen)seite neben gewissem Amüsement für ungläubiges Erstaunen sorgt, zu einem nicht ungefähren Anteil aber auch mit komplexen Kettenreaktionen und sich in ihrer Bedeutung erst nach und nach erschließenden Running Gags wie dem Paar ständig in die Hand gedrückter Babys eine kreative Konzeption und über reine Situationskomik und Slapstick hinausgehendes Humorverständnis unter Beweis stellten Über weite Strecken lautet die Botschaft: Weihnachten mit Familie ist ein Krieg, in dem man als junges Paar hoffnungslos unterlegen ist. Das ist trotz der relativ austauschbar und gegen die namhaften ihre Eltern spielenden Kolleginnen und Kollegen etwas blass wirkenden Vaughn und Witherspoon vor allem für ein Publikum witzig, das sich gut mit dem Pärchen und dessen Situation identifizieren kann.

Doch was im Mäntelchen eines Anti-Weihnachtsfilms daherkommt, mutiert über die Begegnung mit Kates liebenswertem, kaum für Pointen auf seine Kosten sorgendem Vater dann leider doch zu überaus bürgerlichem, ernstem und sentimentalem profamiliären RomCom-Schmonz, der die klassische heteronormative Familie mit eigenem Nachwuchs plakativ propagiert und seine kitschige Weihnachtsbotschaft mit einem Feingefühl verkündet, als halte einem ein NRA-Redneck aus dem Bible Belt eine geladene Schrotflinte unters Kinn.
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Allein gegen die Zeit

Staffel 1, Episode 1

„Allein gegen die Zeit“ ist eine für den öffentlich-rechtlichen KiKA produzierte, in zwei Staffeln à 13 25-minütigen Episoden von 2010 bis 2012 erstausgestrahlte Krimiserie mit Science-Fiction-Einflüssen, die sich an ein junges Publikum richtet und sich konzeptionell und stilistisch an der US-Erfolgsserie „24“ orientiert. Jenes Konzept stammt von Silja Clemens, Stephan Rick und Ceylan Yildirim, auf dessen Grundlage Silja Clemens, Catharina Junk, Michael Demuth und Stephan Rick unter der dramaturgischen Leitung Yildirims die Drehbücher verfassten, welche schließlich unter der Regie Stephan Ricks („Unter Nachbarn“) und Andreas Morells („Unschuld“) inszeniert wurden. 2016 folgte gar noch ein Nachklapp in Form eines abendfüllenden Spielfilms.

Die Berliner Schülerinnen und Schüler Ben (13 Jahre, Timon Wloka, „Polizeiruf 110: Keiner schreit!“), Jonas (14, Timmi Trinks, „Beutolomäus und die Prinzessin“), Leonora (14, Janina Fautz, „Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“), Sophie (11, Ruby O. Fee, „Als wir träumten“) und Özzi (13, Ugur Ekeroglu, „Schloss Einstein“) müssen an einem Samstagmorgen zusammen nachsitzen. Ihr Aufsichtslehrer ist Bens Vater Herr Funke (Peter Lohmeyer, „Das Wunder von Bern“). Parallel dringt unbemerkt eine Gruppe Vermummter ein. Als Herr Funke nicht vom Kopieren zurückkommt und die Nachsitzenden einen Schrei vernehmen, verlassen sie den Raum und beobachten, dass die Gangster den Astronomie-Kurs kollektiv als Geisel genommen haben. Die gesamte Schule erweist sich zudem als abgeriegelt, sodass nun guter Rat teuer ist. Die ungleichen Kinder und Jugendlichen sind jetzt zusammenzuhalten und -arbeiten gezwungen, zumal sich die Gefahr als zunehmend bedrohlicher herausstellt…

Was zunächst wie eine typische Teenie-Serie mit einer aufgeregten, verknallten Leonora und zum Nachsitzen verdonnerten Pennäler(inne)n beginnt, entwickelt sich in rasantem Tempo zu einer spannenden und unheimlichen Pilotfolge, eingefangen von einer entfesselten dynamischen Kamera. Zum Konzept gehört eine immer wieder eingeblendete Analoguhr, die die innerdiegetische Uhrzeit anzeigt und damit den Beinahe-Echtzeit-Anspruch der Serie verdeutlicht, die pro Episode ungefähr eine Stunde zu 25 Minuten verdichtet. Zwei der Geiselnehmer demaskieren sich: Rocky (Oliver Wnuk, „Stromberg“) und sein Anführer. Über die Sprechanlage geben sie bekannt, Professor Brehmer zu suchen, der ebenfalls der Vater eines Nachsitzenden sein soll… Es stellen sich also gleich mehrere Fragen: Wer sind die Geiselgangster, was ist ihr Motiv und was hat die Schule bzw. ihre Lehrerschaft damit zu tun? Und vor allem: Wie lässt sich möglichst bald Hilfe organisieren?

Soweit die erste Episode, die dank ihrer gut aufgelegten Jungmimen, der spannenden Ausgangssituation und der appetitanregenden, neugierig machenden Form der Inszenierung bereits einen Eindruck davon vermittelt, es hier mit etwas Besonderem zu tun zu haben, das zu einem großen Abenteuer für die Clique wie für die Zuschauerinnen und Zuschauer wird. Kritisiert bereits dieser Auftakt auf kluge Weise blinden Gehorsam, vermittelt die Serie, darf man anderen Stimmen Glauben schenken, im weiteren Verlauf Werte wie Zusammenhalt, gegenseitige Akzeptanz, Courage und Solidarität, während in der dramaturgischen Entwicklung Kritik an Autoritäten, Amts-/Machtmissbrauch und Habgier zum Ausdruck kommen.

Das klingt nach einer wirklich großen, ambitionierten Jugendserie, die mit handwerklicher wie erzählerischer Finesse ihre Zielgruppe nicht nur ernstnehmend, sondern auch herausfordernd gestaltet wurde und erfreulicherweise das Potential zu haben scheint, ihr Publikum nachhaltig zu beeindrucken.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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