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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Fr 11. Dez 2015, 10:17
von buxtebrawler
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Vampires Night Orgy

Der spanische Regisseur León Klimovsky drehte seit den 1950ern kostengünstige Genrefilme, von Mantel- und Degenfilmen über Western und Kriegsfilme bis hin zu Horrorfilmen, denen er sich ab den 1970ern verstärkt widmete und u.a. Beiträge zur Werwolf-Reihe um Genreschauspielikone Paul Naschy ablieferte. Im Jahre 1974 entstand in spanisch-italienischer Koproduktion der Vampir-Horrorfilm „Vampires Night Orgy“ alias „Orgy of the Vampires“, für den er bekannte Zutaten neu zusammenmischte.

Eine Busreisegruppe sieht sich aufgrund des Herzinfarkts ihres Fahrers (L. Villena) gezwungen, im spanischen Gebirgsdorf Tolnia eine längere Rast einzulegen. Dieses scheint zunächst verlassen zu sein, doch ein Hotel steht offen und so kehrt man dort ein. Am nächsten Tag jedoch erscheinen die Einheimischen auf der Bildfläche und geben sich überaus gastfreundlich, der Bürgermeister (José Guardiola, „Django, der Rächer“) stellt den Reisenden sogar die Baronesse (Helga Liné, „Horror-Express“) vor und lädt sie ein, länger Gäste des Dorfs zu bleiben. Nachts entpuppen sich die Bewohner jedoch als kannibalistische Vampire, die, unter dem Einfluss der Baronesse stehend, die Fremden zum Fressen gern haben…

Klimovsky „Vampires Night Orgy“-Vampire sehen gern mal ein bisschen aus wie Zombies und verhalten sich wie Kannibalen, erinnern generell sehr an die Landeier aus dem Herschell-Gordon-Lewis-Klassiker „2000 Maniacs“. Hier geht es jedoch nicht einmal halb so blutig zu, dafür gibt es in der internationalen Fassung des Films ein paar Nuditäten zu bespannen (eine Orgie indes mitnichten). Punkten kann der gefällige Euro-Horror mit motivierten Schauspielern, unter ihnen Jack Taylor („Entfesselte Begierde“) und Dyanik Zurakowska („Totenchor der Knochenmänner“) sowie einer gelungenen unbehaglichen Atmosphäre dank der düsteren Ausleuchtung des nebelverhangenen und maroden Bergdorfs. Auch die ungewöhnliche Freundschaft zweier ungleicher Kinder zueinander weckt Interesse.

Ansonsten aber ist die vermeintliche Orgie verdammt geschwätzig, ereignisarm und grafisch wenig explizit, auch nicht sonderlich gruselig. Vampiristische Erhabenheit strahlt lediglich Helga Liné als Baronesse aus, ihre Untergebenen sind fürs Grobe zuständig. Trotz der zeitweisen Nacktheit der einen oder anderen Darstellerin ist „Vampires Night Orgy“ erstaunlich frei von im Vampir-Horror so beliebten sexuellen Metaphern und wirkt eher bieder. Unterm Strich ist Klimovsky Vampirkannibaleske für Euro-Horror- oder Vampir-Allesgucker sicherlich nicht uninteressant, letztlich aber im Gegensatz zu den üppigen im Film dargereichten Mahlzeiten nur leidlich unterhaltsame Durchschnittskost.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Fr 11. Dez 2015, 21:12
von buxtebrawler
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Der Hexentöter von Blackmoor

„Gerechtigkeit ist manchmal etwas Furchtbares, aber trotzdem muss Gerechtigkeit geschehen!“

Im Jahre 1968 erschien Michael Reeves‘ „Der Hexenjäger“ mit Vincent Price in der Hauptrolle und erwies sich als einträchtig genug, dass Exploitation-Produzent Harry Alan Towers ein Jahr später den spanischen Viel- und Billigfilmer Jess Franco („Die Jungfrau und die Peitsche“) damit betraute, ein von ihm zusammen mit Kollegen persönlich verfasstes Drehbuch zu adaptieren. Heraus kam dabei das Historiendrama „Der Hexentöter von Blackmoor“, das sich wie Reeves‘ Vorbild mit dem Thema der Hexenverfolgung auseinandersetzt und beweist, dass Franco fremde Drehbücher regelrecht professionell verfilmen konnte, wenn man ihm denn ein entsprechendes Budget zur Verfügung stellte.

Im England des Jahres 1685 regiert der unbeliebte König James II. Seine Macht soll gefestigt werden, indem der Lordrichter Jeffreys (Christopher Lee, „Dracula“) dafür instrumentalisiert wird, unliebsame Personen aufgrund vermeintlicher Hexerei zum Tode verurteilen zu lassen. Dass Mary Gray (Maria Rohm, „Marquis de Sade: Justine“), die Schwester einer jüngst verbrannten „Hexe“ (Margaret Lee, „Der Bastard“), mit dem Wessex-Grafen-Sprössling Harry (Hans Hass Jr., „Jungfrauen-Report“) anbändelt, ist nicht gern gesehen und so versucht man auch diese, mittels juristischer Schritte auszuschalten – doch die Revolutionäre sind nicht mehr weit…

„Meine Augen haben keine Tränen mehr…“

Ein Sprecher aus dem Off eröffnet Francos 1969 entstandenen und 1970 veröffentlichten Kostümschinken und führt in die Handlung ein, die nach den Planungen zur Ausnutzung von Jeffreys Erbarmungslosigkeit eine Gruppe junger Rebellen beim Singen und Tanzen um eine Feuerstelle zeigt. Häscher des Königs lösen die Versammlung jäh auf und überfallen ein Liebespaar: Der Mann wird sofort getötet, die Dame verhaftet, nach der Prozesseröffnung in fiesen Szenen „untersucht“, was in Wirklichkeit Folterungen gleichkommt, und schließlich grausam bei lebendigem Leibe verbrannt.

Dieser sehr stimmungsvolle Einstieg war so etwas wie langer Prolog, der nun dazu übergeht, die trauernde Schwester der Ermordeten sowie ihren baldigen Geliebten Wessex Jr. vorzustellen, zu skizzieren, wie sie sich näherkommen und schließlich Pläne schmieden, England zu verlassen – woraus aus genannten Gründen zunächst nichts wird. Beide Charaktere dienen im weiteren Verlauf als Identifikationsfiguren, wenngleich sich die Handlung im Laufe der Zeit leider immer weiter von ihnen entfernt. Diese persönliche Ebene erweist sich nämlich als weitaus interessanter als die „große Politik“, der man sich in zunehmendem Maße widmet und die ihre Zuspitzung in kriegerischen Schlachten findet, für die man eine Vielzahl an Komparsen zusammentrommelte. Diese Versuche des Gespanns Franco/Towers, ein Mainstream-Publikum zu bedienen, sind leider so gut wie überhaupt nicht spannend, zeitweise gar regelrecht (in der ungeschnittenen bzw. Langfassung) zäh. Maria Schells („Der Schinderhannes“) Nebenrolle als blinde „Mutter Rosa“ bringt den Film ebenso wenig voran wie Reißbrett-Dialoge der eindimensionalen Charaktere und der generell unauthentisch-aufgesetzt wirkende Kostümschmonz, der so manchen um Seriosität bemühten Historienfilm zum Rohrkrepierer mache.

Zugutehalten muss man aber die opulente Ausstattung mit ihren prachtvollen Kulissen und wirklich guten Schauspielern, wenngleich ein Christopher Lee beispielsweise gemessen an seinen Möglichkeiten wieder einmal nicht allzu viel zu tun bekommt. Franco-Stammmime Howard Vernon findet sich übrigens in einer Rolle als Folterknecht wieder. Auch Bruno Nicolais schwelgerischer Klassik-Soundtrack kann sich hören lassen. Doch, all das verleiht dem Film unleugbare Klasse. Der Erotik- bzw. Sleaze-Anteil unterteilt sich in „normale“ Szenen wie das Nackt-im-Stroh-Liegen des Liebespaars und die ausgedehnten, einmal mehr an den S/M-Bereich erinnernden Momente im Kerker im letzten Drittel des Films, wo sich zu grafisch jedoch wenig expliziten Folterungen und Verletzungen ausgedehnte Erotikszenen zwischen den Gefangenen gesellen, die am ehesten an den Exploitation-Hintergrund der Filmemacher erinnern.

Francos Film thematisiert die Hexenverfolgung vor dem Hintergrund eines Aufstands und zeigt, wie die Kirche infolge der Inquisition der Politik ein wirkungsvolles Instrument an die Hand gab, ihr gefährlich werdende Zeitgenossen auszuschalten. Dieser Aspekt bleibt jedoch nebensächlich, Ziel des Films ist es offensichtlich nicht wirklich, Kritik am Klerus zu üben. Damit ist Francos Kostümschau trotz aller beschriebenen Qualitäten weder Fisch noch Fleisch, Sleaze und nackte Haut werden anderswo ebenso mehr geboten wie Blut, Folter und Action, von historisch belegten anklagend kritischen Komponenten ganz zu schweigen. In erster Linie ist „Der Hexentöter von Blackmoor“ damit ein Film, um Francos grundsätzliches handwerkliches Geschick unter Beweis zu stellen und ihm dafür Respekt abzuringen.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Fr 18. Dez 2015, 18:13
von buxtebrawler
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Schulmädchen-Report, 5. Teil - Was Eltern wirklich wissen sollten

„Schulmädchen, Schulmädchen, Schulmädchen… Wir beschäftigen uns mit ihnen!“

Nur ein gutes halbes Jahr war seit dem vierten „Schulmädchen-Report“ vergangen, da durfte Walter Boss wie bei Teil 3 sich 1973 den Regiestuhl wieder mit Ernst Hofbauer teilen und einen weiteren Nachfolger drehen, denn die vorausgegangenen Reports wurden von „über 20 Millionen Zuschauern in Deutschland gesehen“, wie ein gewohnt pseudoseriöser, reißerischer Sprecher aus dem Off zu Bildern der bisherigen Teile verkündet. Auffällig ist, dass es in diesem Teil fast ausschließlich um Sex von Schülerinnen mit deutlich älteren Männern geht.

„Sei still und bums!“

Auf eine Rahmenhandlung wird erneut ebenso verzichtet wie das auf das Zutun Friedrich von Thuns; umso mehr bemüht man das Off, aus dem eine Lehrerin in die erste Episode einführt: Drei Schülerinnen wetten, ob es möglich ist, ihren Referendar (Gunther Möhner, „Urlaubsgrüße aus dem Unterhöschen“) zu verführen. Zu diesem Zweck simuliert Petra (Ulrike Butz, „Krankenschwestern-Report“) während eines gemeinsamen Wanderausflugs Schmerzen und bekommt so die Gelegenheit, mit ihm allein zu sein. Der Plan geht auf, der Referendar lässt sich zum Schäferstündchen überreden und Petras Freundinnen (Puppa Armbruster, „Alpenglühn im Dirndlrock“ und Cleo Kretschner, „Arabische Nächte“) stoßen hinzu und machen mit, bis sie schließlich von der Lehrerin erwischt werden. Der Stil dieser Episode ist flach-komödiantisch, ohne jedoch den Pseudoreport-Stil satirisch zu karikieren.

„Das wird noch Folgen haben!“ – „Wieso, wir nehmen doch die Pille!?“

Die nächste Episode wird vom Sprecher aus dem Off eingeleitet und zeigt einen Großvater (Helmut Brasch, „Die Blechtrommel“) mit seiner Enkelin Margit (Sonja Jeannine, „Schlüsselloch-Report“) vor Gericht. Dessen Anwalt (Manfred Spies, „Prostitution heute“) läutet eine Rückblende ein: Margit masturbiert zu einem Erotikmagazin, sucht nackt das Zimmer ihres Opas auf (der nicht im Altenheim dahinvegetiert, sondern noch zusammen mit seiner Familie lebt), versucht ihn zu verführen und erpresst ihn schließlich, mit ihr Sex zu haben. Der eigentliche Akt wird nicht gezeigt, doch der Anwalt weiß zu berichten, dass es lange Zeit so gegangen sei und eine weitere Rückblende offenbart, wie Opa der frivolen Margit eine Falle stellt, damit Margits Eltern die Wahrheit erfahren. Nach Sex mit Schutzbefohlenen in Episode 1 nun also Inzucht und extremer Altersunterschied, wobei in beiden Fällen die Schülerinnen nicht missbraucht wurden, sondern es selbst offensiv darauf angelegten. Oder anders ausgedrückt: Eine Situation, wie entsprungen aus den feuchten Träumen manch Lehrkörpers, der mit dem Gesetz hadert, das ihm sexuelle Beziehungen zu seinen Schülerinnen untersagt. „Warum nur?“, wird sich manch einer angesichts dieser Bilder gefragt und sich in seiner ablehnenden Haltung diesem und ähnlichen Gesetzen gegenüber bestätigt gesehen haben…

Nun beginnt die sechzehnjährige Gabi (Marina Blümel, „Lehrmädchen-Report“) aus dem Off zu kommentieren, wie sie nackt daliegt und sich befummelt, beschreibt mit blumigen Worten die Masturbation und spricht mit ihrer Vagina. Sie schwärmt für Peter, der nun ebenfalls aus dem Nähkästchen bzw. Off zu plaudern beginnt und mit seinem Penis spricht, während er nackt vor dem Spiegel onaniert. Als sich die beiden treffen, trauen sie sich erst nicht so richtig, haben aber schließlich unbeholfenen ersten Sex, der nicht so recht klappen will. Zu Übungszwecken lässt sich Gabi schließlich von ihrem älteren Nachbarn (Günther Kieslich, „Der neue heiße Report: Was Männer nicht für möglich halten“) „unterrichten“, während Peter den Beischlaf mit seiner Tante (Maria Raber, „Hausfrauenreport International“) probt. Das bekam dem Pärchen sehr gut, denn nun klappt’s auch prima miteinander…

Eva (Ingrid Steeger, „Hochzeitsnacht-Report“) ist nicht nur 17, sondern auch unsterblich verliebt in ihren Religionslehrer, den Kaplan Steinmann (Frank Nossack, „Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn“), weshalb sie ihm in die Arme fällt – doch er lässt sie abblitzen. Zeit für eine neue kunstvolle „Schulmädchen-Report“-Traumsequenz: Eva stürzt sich nackt auf ihn und die halbe Klasse stößt rennend hinzu, ebenfalls wie Gott sie schuf. Eva masturbiert im Schlaf und lacht sich, nachdem sie abgewiesen wurde, einen Möchtegern-Rocker an, der den Kaplan verprügeln will, aber den Kürzeren zieht. Als sie sich schließlich nackt ins Kaplan-Bett legt, gelingt es ihr endlich, ihn zu verführen. Da er das schlecht vor dem Allmächtigen verantworten kann, lässt er sich versetzen, doch Eva findet ihn, ist schwanger von ihm und möchte die ungeborene Frucht der verbotenen Liebe abtreiben lassen. Das jedoch kann der Kaplan noch weniger verantworten, weshalb er sich nun doch zu Eva bekennt und eine ernsthafte Beziehung mit ihr beginnt – Kaplan-Amt hin oder her. Dank dieser leisen Kritik am Klerus übenden und sich zugunsten echter, wenn auch eigenwilliger Liebe gegen verkrustete katholische Strukturen aussprechenden Episode gewinnt der Film ein wenig in meiner Gunst, wenn man sie auch unbeholfen wie eine drittklassige Seifenoper im Kompaktformat inszeniert hat und auch hier der Normalfall umgekehrt sein dürfte: sexuell ausgehungerte bigotte Katholiken von Gottes Gnaden machen sich über ihre Schäfchen her.

„Der ist aber klein!“

Nach so viel schwerem Stoff sah man sich offenbar gezwungen, wieder komischer zu werden und greift tief in die Kiste typisch deutschen Klamauks. Uschi und Inge haben Sex mit zwei Handwerkern, einer davon ist Klischee-Italiener (Rinaldo Talamonti, „Gefährlicher Sex frühreifer Mädchen“), also klein, dafür mit umso größerer Klappe und dauergeil. Dass Inge die beiden gar nicht kennt, spielt keine Rolle und die „Partner“ werden munter getauscht. Eine archetypisches Beispiel für den peinlichen Humor verklemmter Deutscher, gepaart mit männlich-chauvinistischem Wunschdenken und fremdenfeindlichen Stereotypen.

„Ich will dich doch nur glücklich machen!“

Steffi (Marisa Feldy, „Auf ins blaukarierte Himmelbett“) steht kurz vorm Abitur und lässt sich vom älteren Edgar (Philippe Gasté, „Mich machen alle an!“), den sie kaum kennt, entjungfern. Sie verliebt sich in ihn, doch er ist verheiratet und lässt sie deshalb sitzen. Auf der verzweifelten Suche nach einem neuen Edgar vögelt sie sich daraufhin durch die Weltgeschichte, will jedoch von Gleichaltrigen nichts wissen. Aus Rache dafür, dass sie sie nicht ranlässt („Du stehst nur auf Altmännnerschwänze!“), wird sie von ihren Mitschülern vergewaltigt, was der Film mit fröhlichem Jazzrock unterlegt und einen Sprecher aus dem Off pseudobetroffen, vor allem aber Verständnis für die Vergewaltiger suggerierend kommentieren lässt. Ein weiterer absoluter Tiefpunkt der Reihe.

Man begann mit einer Wette und schließt ebenso: Ruth (Monika Hagen, „Die Klosterschülerinnen“) reißt sich einen Architekturstudenten in einem „Bumslokal“ auf, um sich von ihm entjungfern zu lassen, jedoch haben die beiden zunächst gar keinen Sex miteinander, sondern lernen sich ganz klassisch erst einmal gegenseitig kennen und verlieben sich ineinander. Kurios: Er bezeichnet sie als „feinen Kerl“. Was hier wie ein um Versöhnlichkeit bemühter Alibi-Beitrag wirkt, scheint, wie sich in Teil 6 herausstellen wird, einen Richtungswechsel der Filmreihe einzuleiten, die bisher vor allem durch ihre Frauenfeindlichkeit und Bedienung perverser und krimineller Altherrengelüste auffiel und in ihrer Verantwortungslosigkeit auch in Teil 5 einen Teil des Bodensatzes des erotischen deutschen Kinos darstellt, deren damaliger Publikumszuspruch entlarvend ist.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Sa 26. Dez 2015, 01:39
von buxtebrawler
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Die Beste mit dem Skalpell

„Je größer die Erfolge, umso mehr fürchtet man den Misserfolg!“

Auch außerhalb der „Hammer“- oder „Amicus“-Produktionsstätten entstanden im Großbritannien der 1960er Jahre beachtliche Horrorproduktionen, wie der 1968 unter der Regie Robert Hartford-Davis’ („Das Grauen auf Black Torment“) entstandene und von Peter Newbrook produzierte Mad-Scientist-Genrefilm „Die Beste mit dem Skalpell“ beweist.

Der angesehene Chirurg John Rowan (Peter Cushing, „Frankensteins Fluch”) ist mit dem jüngeren, attraktiven Fotomodell Lynn (Sue Lloyd, „Eat the Rich“) glücklich liiert. Auf einer Party jedoch ist es John nicht geheuer, dass sich Lynn zu spontanen, freizügigen Fotoaufnahmen überreden lässt. Er echauffiert sich und gerät mit dem Fotografen (Anthony Booth, „Brannigan - Ein Mann aus Stahl“) aneinander, dem er die Kamera zu entreißen versucht. Beim daraus resultierenden Handgemenge stoßen die Kontrahenten einen Beleuchtungsstrahler um, der auf Lynn fällt und ihre rechte Gesichtshälfte verbrennt. Um die Schönheit seiner entstellten Freundin wiederherzustellen, entwickelt er mit der Hypophyse einer Toten vom Obduktionstisch eine Methode, um das Gewebe zu regenerieren. Das scheint zunächst von Erfolg gekrönt, doch leider ist das Ergebnis nicht von Dauer – und Nachschub nicht in Sicht. Also beginnt er unter dem Druck seiner Freundin, sich durch grausames Morden neues Material zu beschaffen...

Bilder einer Operation, dazu anheimelnde Jazz-Klänge – so startet Hartford-Davis in seinen Film, bevor es auf eine waschechte Swingin’-Sixties-Party geht, auf der das beschriebene Unheil seinen Lauf nimmt. Nervenkitzel pur bereitet die Operation, die er an Lynn vornimmt: Die Kamera ist so nah am Geschehen, dass sie die Schweißperlen einfängt, expressionistische Schattenbilder werden zwischengeschnitten und das pumpende Herz dient als Geräuschkulisse, bis der unangenehme Klang des Lasergeräts ertönt. Nachdem sich herausgestellt hat, dass das Ergebnis nur kurze Zeit anhält, entwickelt sich der Film zunehmend in Richtung eines „Augen ohne Gesicht“ alias „Das Schreckenshaus des Dr. Rasanoff“, mit dem Unterschied, dass hier – wie beispielsweise auch im späteren Subgenre-Beitrag „Rejuvenator“ aus dem Jahre 1988 – die entstellte Dame vom Opfer zur Mittäterin wird, indem sie ihren Mann antreibt, für ihre Schönheit zu morden. Dass diese ihr wichtiger ist als ein (oder mehrere) Menschenleben, verlagert den tragischen Aspekt zugunsten eines etwas eindimensionaleren Horror-Thrillers, der die Opferrolle Lynns zu ungleichen Teilen auf John und wiederum dessen Opfer aufteilt.

Und wenngleich es sich natürlich um keinen Splatter- bzw. Körper-/Mutationshorror-Film à la „Rejuvenator“ handelt, ist „Die Bestie mit dem Skalpell“ recht grafisch: In der vollständigen Fassung (offizielle deutsche Fassungen sind anscheinend entschärft) sucht John eine Prostituierte auf und ringt mit der nackten Frau, während ihm der Wahnsinn ins Gesicht geschrieben steht, was schließlich in eine blutige Enthauptungsszene mündet. Der entfesselte Soundtrack bietet dazu interessanterweise swingenden Jazz o.ä. an. Aber auch abseits der Gewaltausbrüche sieht man es dem Film an, wie gern Regisseur und Kameramann das Visuelle auszureizen versuchten, sei es durch ungewöhnliche Perspektiven wie durch eine Stuhllehne oder durch ein Fenster hindurch, sei es durch knallbuntes, kitschiges Interieur wie dem des Fotografen Mike, der nicht mehr mit Lynn zusammenarbeiten möchte und damit die Oberflächlich- und Schnelllebigkeit des Modellgeschäfts auf den Punkt bringt. Die Kameraarbeit ist exzellent und setzt einen expressionistisch wie selten agierenden, beängstigenden Peter Cushing perfekt in Szene. In Kombination mit dem Gespür für Timing und Atmosphäre entstehen solch wunderbare Szenen wie die im Zug, die sich zu einem großen Suspense-Moment mit einem herrlich fies dreinblickenden John entwickelt.

Als sich die Handlung verstärkt in Private verlagert, lernen Lynn und John am Strand ein junges Mädchen (Kate O’Mara, „Frankensteins Schrecken“) kennen, das sie John direkt als nächstes Opfer empfiehlt und ihn erpresst, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen. Die Jugendliche zieht zunächst ins Strandhaus mit ein, holt jedoch heimlich ihren Freund dazu – gemeinsam will man das vermögende Paar nämlich bestehlen. Diese Konstellation, in der sich zwei Parteien mit jeweils kriminellen Absichtet gebildet haben, bestimmt das letzte Drittel des Films und führt folgerichtig zum Finale. John ist zunehmend geplagt von Gewissensbissen, sieht in seiner Verzweiflung jedoch keinen Ausweg, während Lynn immer forscher in ihren Forderungen wird. Es kommt zu einer Verfolgungsjagd im Sandsteingebirge und zu einer Home Invasion durch die Diebesbande des Mädchens, bis die Ereignisse endgültig eskalieren und sich überschlagen – und auch der Laser noch mal so richtig zur Geltung kommt. Die aufregenden Szenen bieten dem Soundtrack Gelegenheit, ebenfalls voll aufzudrehen.

Über den seltsamen Epilog, ohne den der Film auch sehr gut, vermutlich sogar besser funktioniert hätte, hülle ich besser den Chirurgenkittel des Schweigens; ungeachtet dessen ist „Die Bestie mit dem Skalpell“, im Original übrigens schlicht „Corruption“ betitelt, eine überaus gelungene, damals modernistische Variation des beliebten Motivs aus Filmen wie „Augen ohne Gesicht“ mit einer grandiosen Genre-Ikone Peter Cushing, der es hier im Übrigen nicht nur mit seiner Lynn nicht leicht hat: Mit seinen Mordopfern muss er sich jeweils regelrechte körperliche Kämpfe liefern, von „Stalk’n’Slash“ kann keine Rede sein. Dies wiederum verstärkt die Brutalität und damit die zeitweise durchaus unangenehme Wirkung des Films, der Englands Swingin’ Sixties aufgreift und ihre eitlen oberflächlichen Protagonisten kräftig mit Blut besudelt. Tipp!

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mo 28. Dez 2015, 18:00
von buxtebrawler
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In den Klauen des Giganten

„Nichts für schwache Nerven!“

Der auf Hawaii geborene US-Amerikaner Regisseur Richard E. Cunha scheint es in seiner Karriere als Regisseur gerade einmal auf sechs Spielfilme gebracht zu haben, vornehmlich trashige Science-Fiction-Horror-Drive-in-B-Movies in den 1950ern wie „Frankensteins Tochter“ und „Bestie des Grauens“, beide Jahrgang 1958. Ein Jahr zuvor debütierte er mit „In den Klauen des Giganten“.

„Ich glaube, es handelt sich um eine Riesenechse!“ (Das glaube ich nicht, Tim.)

In einer „Teufelstal“ genannten, in einem Vulkankrater entstandenen Gegend Südkaliforniens kommt es zu mysteriösen Todesfällen, die Sheriff Parker (Bob Steele, „Stahlharte Männer“) Rätsel aufgeben. Er hat den Geologen Wayne Brooks (Ed Kemmer, „Verdammte hinter Gittern“) auf dem Kieker, der in den örtlichen Felsen Untersuchungen vornimmt und dem Archäologen Dr. Cleveland (Morris Ankrum, „Kronos“) assistiert, der ins Dorf kam, um nach Relikten spanischer Eroberer aus vergangenen Jahrhunderten zu suchen, speziell nach dem „Giganten“ – dem der Legende nach hünenhaften Conquistador Vargas. Nach längerer Suche hat man tatsächlich Erfolg und stellt fest, dass das Bleigestein der Felsen die Spanier seinerzeit bei einem Blitzeinschlag dahingerafft haben muss, aber auch in der Lage ist, Lebewesen über Jahrhunderte hinweg zu konservieren – wie ein Exemplar einer eigentlich ausgestorbenen Echsengattung beweist. Als ein Blitzschlag den ebenfalls konservierten Vargas wieder zum Leben erweckt, ist dieser verdammt mies gelaunt...

„Ich hab’ solche Angst!“

Mittels Blitzschlag wieder zum Leben erweckte Ungetüme sind seit Frankenstein ein beliebtes Genremotiv, dessen sich auf wenig originelle Weise auch Cunha für seinen Debüt-Heuler bedient. Und was er da erweckt, ist nicht etwa ein mit mehr oder weniger aufwändigen Spezialeffekten kreiertes Monster, sondern schlicht der schauspielernde Boxer Buddy Bear („Quo Vadis“), der mit zwei Metern für damalige Verhältnisse reichlich in die Höhe geschossen war und Cunha daher prädestiniert für die Rolle des „Giganten“ schien. Bärtig und etwas zottelig stapft der Kerl, der offenbar nur ganz knapp unter der Erdoberfläche verscharrt wurde und nun über 200 Jahre alt sein muss, als so gut wie unverwundbarer animalischer Knurrhahn durch die Peripherie, als habe sein Gehirn im Laufe der Jahrhunderte doch beträchtlichen Schaden genommen. Er geht auf eine Frau am Brunnen los, doch was genau geschieht, kann man nur erahnen, denn die Kamera blendet vorher ab.

„Dieser Sheriff ist der größte Holzkopf, den ich kenne!“

Dem Sheriff mit seinen fragwürdigen Ermittlungsmethoden wird es nun endgültig zu bunt und er stellt Brooks unter Mordanklage, um ihn anschließend zu verhaften. Der klischeehaft am Rande zum Rassismus dargestellte Indianer Joe (Billy Dix, „Stadt in Angst“), der abergläubisch ist und nicht richtig sprechen kann, muss nun jedoch auch dran glauben, wird tot aufgefunden. Brooks kann fliehen und mit vereinten Kräften stellt man sich Vargas entgegen, dessen Existenz nun auch der Holzkopf von Sheriff nicht mehr leugnen kann. Der „Gigant“ stürzt per extrem rustikalem Spezialeffekt schließlich nach dem finalen Showdown in den Fluss und ward nicht mehr gesehen.

„Wo ist Charlie Brown?“

Die obligatorische Romanze zwischen Brooks und der mitgereisten Cleveland-Tochter Janet (Sally Fraser, „Der unsichtbare Dritte“) wurde reichlich unmotiviert eingestreut und die weibliche Rolle beschränkt sich hier dann auch ganz standesgemäß auf die des Love Interests und der kreischenden, zu beschützenden weißen Frau. Leben viele dieser billigen B-Movies aus den 1950ern gerade auch von ihrem naivem Charme, liebenswerten Improvisationen und dem Reiz früher Spezialeffektkunst, ist von letzterem leider so gut wie gar nichts zu sehen, was in Kombination mit der kompletten Abwesenheit physischer Gewaltszenen „In den Klauen des Giganten“ zu nicht mehr als einem reichlich stumpfsinnigen Nachmittags-Abenteuerfilmchen degradiert. Der Trash-Gehalt, das dann irgendwie doch recht zügige Tempo und die motivierten Schauspieler wissen dennoch zu unterhalten und so wird Cunhas fragwürdiges Schwarzweiß-Debüt mit seinem typischen Archiv-Orchester-Soundtrack zu einer immerhin leidlich vergnüglichen Geschichtsstunde des phantastischen Films.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Di 29. Dez 2015, 00:18
von buxtebrawler
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Die Aushilfe

„Es geht hier nicht um Sex, sondern ums Geschäft!“

Zwischen seinem Beitrag zum Episodenfilm „Drei Wege in den Tod“ und der Stephen-King-Verfilmung „Die Langoliers - Die andere Dimension“ drehte „Chucky – Die Mörderpuppe“-Regisseur Tom Holland im Jahre 1993 den Thriller „Die Aushilfe“ nach einem Drehbuch Kevin Falls’ und Tom Engelmanns. Der Film fiel an den Kinokassen durch und spielte nicht einmal die Hälfte seines 15-Millionen-Dollar-Budgets wieder ein.

Karrieremensch und Keksfabrikant-Marketing-Manager Peter Derns (Timothy Hutton, „Stephen King’s Stark“) lebt von seiner Frau Sharon (Maura Tierney, „Der Dummschwätzer“) getrennt und sieht sich zunehmendem Druck in der Firma ausgesetzt – vor allem, als sein Assistent Lance (Scott Coffey, „Ferris macht blau“) ihn überraschend verlässt. Ein Zeitarbeitsunternehmen vermittelt ihm jedoch in Person Kris Bolins (Lara Flynn Boyle, „Wayne’s World“) Ersatz: Kris, vorgebliche Stanford-Absolventin, redet über Jobs wie über Ehen, aber ist kompetent, engagiert, attraktiv – und an Peter interessiert. Sie stärkt ihm in der Firma den Rücken, während er noch seiner Frau hinterher hängt. Rätselhafte Todesfälle im Unternehmen jedoch lenken den Verdacht irgendwann auf Kris – spielt sie ein falsches Spiel?

„Wegen der lohnt sich’s, den Job zu riskieren!“

„Die Aushilfe“ spielt in einer widerlichen Anzugträger-Geschäftswelt, in der sich jeder selbst der Nächste ist: Arbeitskollege Jack (Oliver Platt, „Flatliners - Heute ist ein schöner Tag zum Sterben“) entpuppt sich als firmeninterne Konkurrenz in sämtlichen Belangen und in Form seines alten Kumpels Brad (Steven Weber, „The Shining“-Neuverfilmung), der für ein konkurrierendes Unternehmen arbeitet, gibt es einen weiteren geschäftlichen Mitbewerber. Für eine erfüllte Partnerschaft scheint da keine Zeit. Leicht kann man nun dem Irrtum aufsitzen, es handele sich bei „Die Aushilfe“ um einen Liebesfilm oder Romantic Comedy, als würde irgendwie alles gut werden, sobald Kris in Peters Leben tritt. Tatsächlich wirkt der beschwingte Stil des Films, als würde er nun unweigerlich in diese Richtung tendieren, doch Kris überschreitet schnell ihre Kompetenzen. So belauscht sie beispielsweise Peters Telefonat mit seinem Psychologen (im Prolog war zu sehen, dass man sich darauf einigte, die Behandlung zu pausieren). Weitaus schwerer wiegt jedoch der Verdacht, dass sie für die unappetitliche Szene verantwortlich sein könnte, in der Peters eigentlichem Assistenten Lance beim Versuch, einen Papierstau im Aktenvernichter zu beseitigen, die Hand zerfetzt wird.

Und die bösen Vorfälle häufen sich: Der allergische Jack stirbt im Straßenverkehr an einem Bienenstich. Als Peter und Sharon sich wieder näher kommen, vereitelt Kris es absichtlich. Mittlerweile erfährt der Zuschauer, dass Peter krankhaft eifersüchtig war, Kris steigt derweil reichlich unverhofft in die Geschäftsführung auf und gebärdet sich immer mehr wie ein durchtriebenes Luder. Bei einer Verkostung der neuen Kekssorte des Unternehmens im Supermarkt kommt es zu blutigen Mündern – wer hat das Produkt verunreinigt? Nachdem Kris Peter auf einer Firmenfeier beim Baden im See zu verführen versucht hat, findet Peter Führungskraft Roger (Dwight Schultz, „Zwei Stunden vor Mitternacht“) erhängt auf, woraufhin ein Konkurrenzkampf zwischen ihm und ihr um einen Posten in der Geschäftsführung entbrennt. Während Peter Nachforschungen anstellt, bändelt Kris mit seinem Freund Brad an. Dieser klaut prompt Peters Marketing-Idee und drängt früher damit auf den Markt. Ausgerechnet auf Peters Computer wird das geheime Rezept gefunden, woraufhin man ihn suspendiert. Zwar wird der Fall aufgeklärt und Peter befördert, doch immer wieder keimen Zweifel aufgrund seiner psychologisch nun ja nicht mehr behandelten Paranoia auf. Sieht er Gespenster oder versucht tatsächlich jemand, ihn systematisch auszubooten?

In dieser Phase ist der Film am spannendsten und erweckt den Anschein eines perfiden Psycho-/Wirtschafts-Thrillers. Turbulent geht es weiter, als auf einer Küstenautobahn Kris’ Bremsen infolge einer Sabotage versagen. Zu einem brutalen Showdown kommt es schließlich zwischen Charlene (Faye Dunaway, „Barfly - Szenen eines wüsten Lebens“), die ihrerseits in Kris’ Biographie geschnüffelt hat, und Kris, infolge dessen Charlene stirbt. Peter glaubt daraufhin, Charlene sei für alle die Taten verantwortlich gewesen und wird zum Präsidenten befördert. Doch damit ist die Handlung noch nicht an ihrem Ende angelangt, wenngleich der finale Verlauf und die Pointe leider reichlich schwach sind und den Film deutlich abwerten. Was eine subtil schwarzhumorige Abrechnung mit dem Karrierewahnsinn im Gebuhle um Führungspositionen hätte werden können, verstrickt sich leider trotz aller Finten und Wendungen letztlich in Vorhersehbarkeit und bleibt arg oberflächlich, statt seine psychologische Komponente voll auszuspielen. Die eine oder andere Szene erinnert indes daran, dass Holland manch sehenswerten Horrorfilm umgesetzt hat. Abgesehen von Hauptdarsteller Timothy Hutton, der kaum erinnerungswürdige Akzente setzen kann, sorgen solide bis gehobene schauspielerische Leistungen ebenfalls für Kurzweil, ganz wie der sparsam eingesetzte Erotikanteil. Unterm Strich jedoch wirkt „Die Aushilfe“ ab einem gewissen Punkt eher ummotiviert, als wäre wesentlich mehr drin gewesen und als habe man sich mit dem Drehbuch und/oder Budget verzettelt und den Film auf Teufel komm raus abrupt zu einem Ende bringen müssen.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Di 5. Jan 2016, 18:05
von buxtebrawler
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Night of the Devils

„Die Vourdalak sind mit den materiellen Kreaturen verwachsen. Etwa wie die Noten mit dieser Musik.“

Den (mir unbekannten) Klassiker der Vampir-Literatur, Aleksey Tolstois „Die Familie des Wurdalak – Unveröffentlichtes Fragment eines Unbekannten“, hatte erstmals der italienische Meisterregisseur Mario Bava als Segment des Episodenfilms „Die drei Gesichter der Furcht“ in Kurzfilmform verfilmt. 1972 war es dann der mit Sandalenfilmen und Italo-Western, aber auch dem frühen italienischen Horrorfilm „Die Mühle der versteinerten Frauen“ in Erscheinung getretene Landsmann Giorgio Ferroni, der sich für seinen zweiten (und letzten) Horrorfilm erneut des Stoffes angenommen und ihn in Spielfilmlänge verfilmt hatte. Der Internationale Titel lautete „Night of the Devils“.

Nach einem Zusammenbruch wird der Handelsreisende Nicola (Gianni Garko, „Sartana“), der sich gerade in Jugoslawien aufhält, in ein Krankenhaus eingeliefert. Dort wird er von den Ärzten an eine Maschine angeschlossen und erleidet wirre Träume und Visionen. Eine unbekannte Frau (Agostina Belli, „Ein schwarzer Tag für den Widder“) ist auf der Suche nach ihm, doch als sie endlich im Krankenhaus eintrifft, bricht er in Panik aus und muss ruhiggestellt werden. Als die Frau plötzlich wieder verschwunden ist und nur ihre leere Handtasche gefunden wird, setzen Nicolas Erinnerungen ein: In einem entlegenen Dorf in den Wäldern hatte er eine Autopanne, die ihn zur anscheinend einzigen Familie dort führte. Diese lebte in Angst vor Hexen und als Familienoberhaupt Gorca (Bill Vanders, „Nackt über Leichen“) losgezogen war, eine von ihnen zu töten, kehrte er als unmenschliches Monstrum zurück. Er wurde offenbar Opfer eines furchtbaren alten Fluchs…

Zu Beginn werden idyllische Bilder eines Wasserfalls vom hineinplatzenden verletzten und gehetzten Nicola jäh gebrochen, dessen Visionen im Krankenhaus in Form eines madenübersäten Totenschädels, einer nackten Frau und gut gelungenen, derben Splatter- und Gore-Szenen des Spezialeffektkünstlers Carlo Rambaldi visualisiert werden. Er wird im Krankenhaus behalten und noch weiß der Zuschauer nicht, wer er überhaupt ist – nur dass es sich um einen schwer traumatisierten, psychisch derangierten Mann handelt. In der Folge ist „Night of the Devils“ nur noch punktuell blutig und setzt vielmehr auf die Entfaltung seiner gruseligen, alptraumhaften Atmosphäre, wenn nach zwölf Minuten Nicolas Erinnerungen eine ausgedehnte Rückblende einleiten, die den eigentlichen Film ausmacht.

Ganz klassisch beginnt das Unheil mit einer Autopanne in einem rückständigen Gruseldorf, das hoffnungslos anachronistisch wirkt: Immerhin spielt Ferronis Film im Gegensatz zur Literaturvorlage in den 1970ern. Darauf weist abgesehen von Nicolas Gefährt und seiner Kleidung jedoch nichts hin, die Handlung könnte ebenso gut in einem vorherigen Jahrhundert spielen. Nicola wird nicht sonderlich freundlich empfangen, wie ein ungebetener Gast behandelt und mit viel Verschwiegenheit konfrontiert – noch kann er nur ahnen, dass eine große Last auf der bewusst zurückgezogen lebenden Familie liegt. Was er nach und nach erfährt, tut Stadtmensch Nicolas als gefährlichen Aberglauben ab, muss jedoch bald erkennen, dass er irrte. Angefreundet hat er sich mit der hübschen Tochter Sdenka, die er aus der Situation zu retten gedenkt, bis er selbst sie fürchten muss.

Die Szenen ab der Wiederkehr Gorcas sind meisterhaft gruselig und spannend gelungen; unruhig erwartet man als Zuschauer die Eskalation, von der man weiß, dass sie jederzeit eintreten kann. Wenn es dann soweit ist, entpuppen sich die Vampire als wesentlich dreckigere, unheilvollere Variante als die mondänen Vertreter anderer Blutsaugergeschichten, während dennoch eine morbide Poesie über allem schwebt – zu der auch Giorgio Gaslinis großartige getragene, melancholische Musik mit ihren Frauengesängen entscheidend beiträgt. Szenen wie die in der ein Vourdalak mit seinen Fingerstümpfen Blut an Nicolas Autoscheibe schmiert, setzen sich im Gedächtnis fest und besitzen neben anderen eine unangenehme Strahlkraft. Der eigentliche Showdown findet jedoch nach Ende der Rückblende statt, wenn man sich zusammen mit Nicola wieder im Krankenhaus befindet und die anfänglich unbekannte Schönheit nun als Sdenka identifiziert werden kann. Jedoch erscheint mir die abschließende Pointe etwas bemüht.

Davon aber einmal abgesehen zählt der durchgehend seriös geschauspielerte „Night of the Devils“ mühelos zu den hervorstechenden Genrevertretern des italienischen Horrorfilms der 1970er, der mit seiner Kombination aus düsterer Backwood-/Gothic-Atmosphäre trotz Ansiedlung in der Gegenwart, schmutzigen Masken und deftigen Spezialeffekten und seinem psychologischen Fundament bei mir bereits nach der Erstsichtung 7,5 von 10 Blutkonserven gutgeschrieben bekommt und seine ganze unheilige Pracht möglicherweise erst nach einer erneuten Sichtung entfaltet. Dass er eine Existenz als ewiger Geheimtipp fristet, dürfte vornehmlich mit seiner unzureichenden Auswertung zusammenhängen, so ist er z.B. leider nie deutsch synchronisiert worden. „Raro Video USA“ hat jedoch unlängst eine regionalcodefreie Blu-ray in fantastischer Qualität veröffentlicht, die u.a. deutsche Untertitel enthält, so dass hierzulande niemand zögern sollte, sich mit Ferronis Werk zu beschäftigen – es lohnt sich.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Do 7. Jan 2016, 00:47
von buxtebrawler
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Der flüsternde Tod

„Dies Land gehört uns beiden und wir werden es gemeinsam verteidigen!“

Den vor dem Hintergrund des Konflikts zwischen den britischen Besatzern und der Befreiungsbewegung Rhodesiens (dem Vorgänger des heutigen Simbabwes) in den 1970ern angesiedelten Roman Daniel Carneys verfilmte der deutsche Filmemacher Jürgen Goslar („Slavers – Die Sklavenjäger“) im Jahre 1976 als das Actiondrama „Der flüsternde Tod“ in deutsch-britisch-rhodesisch-südafrikanischer Koproduktion und mit aufsehenerregender internationaler Besetzung.

Im afrikanischen Rhodesien hat sich eine sich selbst als Befreiungsarmee bezeichnende Bande formiert, die mordend und brandschatzend die britische Kolonie in Atem hält. Ihr Anführer ist ein sog. Albino, ein hellhäutiger, weißhaariger und rotäugiger Schwarzafrikaner (Horst Frank, „Operation Ganymed“). Nachdem dieser Kolonialisten-Tochter Sally (Sybill Danning, „Das Mädchen mit der heißen Masche“) vergewaltigt und ermordet hat, schwört ihr Verlobter Terrick (James Faulkner, „Der große Walzer“), seines Zeichens Besatzeroffizier, Rache und macht sich zusammen mit seinem Freund Katchemu (Sam Williams, „Victor/Victoria“) auf die Jagd nach dem Albino. Terricks Vorgesetzter Bill (Christopher Lee, „Schlag 12 in London“) hat jedoch berechtigten Anlass zur Sorge, dass ihm dies schlechte Presse einhandeln und nur zur weiteren Eskalation beitragen würde und entsendet seinerseits Männer, um Terrick und Katchemu zu stoppen…

„Töte mich, du änderst doch nichts!“

Bereits der Prolog macht keine Gefangenen und zeigt Terroristen, die ein afrikanisches Dorf ihrer Landsleute blutig überfallen. Etwas kitschig wird das Liebespaar in Zeitlupe auf einem Pferd reitend eingeführt; als deftiger Kontrast wartet jedoch schon der Albino, der dank kruder Maskenarbeit so richtig furchtbar aussieht (Horst Frank ist hinter der Maske kaum auszumachen) und sich auch dementsprechend verhält: in einer Art Ritual vergewaltigt er Sally animalisch und skalpiert und tötet sie anschließend – was jedoch nur angedeutet wird. Erst relativ spät wird deutlich, dass es sich bei diesen Terroristen um eine sich als antiimperialistische Befreiungsarmee begreifende Gruppierung handelt. Dann jedoch sind die Rollen zunächst eindeutig verteilt und „Der flüsternde Tod“ wirkt wie eine typische, an den Italo-Western gemahnende, politisch naive Rache-Geschichte im Actiongewand mit Peckinpah’schen Zeitlupen und vielen atmosphärischen Bildern Rhodesiens sowie einer wunderschönen musikalischen Untermalung durch Erich Ferstl, deren melancholische, wehmütige, sich schnell einschmeichelnde Melodie an Riz Ortolanis Arbeit (oder vielmehr Kunst) für „Cannibal Holocaust“ erinnert und einen ganz ähnlichen Effekt erzeugt: einen Kontrast zum Gezeigten zu schaffen sowie die Traurigkeit und den Schmerz, die mit den Geschehnissen zusammenhängen, allgegenwärtig zu halten, wenn nur noch Hass und nüchterne Berechnung regieren.

Im weiteren Verlauf kristallisiert sich stärker die kritische Haltung des Films gegenüber den Intentionen beider Männer, Terricks und des Albinos, heraus, tritt die Sinnlosigkeit ihrer Gewaltexzesse trotz verständlicher Auslöser hervor – was „Der flüsternde Tod“ konsequent bis zum Unhappy End beibehält, denn einen Sieger kann es hier längst nicht mehr geben. Dass wer unter diesen Umständen als Gefangener fordert, nach der Genfer Konvention behandelt zu werden, stattdessen gefoltert und umgebracht wird, überrascht da wenig. Terricks schwarzer Kollege Katchemu füllt indes eine typisch pathetische Märtyrerrolle aus und ebenso geläufiger wie störender Action-Unrealismus hat es leider auch in den ansonsten übrigens gar nicht so sehr auf wilde Schießereien setzenden Film geschafft, wenn eine regelrechte MG-Salve auf Terrick abgefeuert wird, er jedoch keine einzige Kugel einstecken muss und stattdessen seinerseits mit nur einem einzigen ungelenk abgegebenen Schuss trifft.

Ansonsten aber ist „Der flüsternde Tod“ vor allem ein grimmiger und desillusionierender Film, zugleich gänzlich unverkopft und damit wenig „typisch deutsch“, dabei nicht dumm. Wählt man einen realen politischen bzw. kriegerischen Konflikt als Hintergrund für einen solchen Film, entwickelt dieser – natürlich – auch selbst eine politische Komponente. Goslar jedoch versucht seien Film davon loszulösen und auf eine unpolitische Ebene zu hieven, was bestimmt etwas naiv war, rassistische Tendenzen o.ä. möchte ich ihm jedoch nicht unterstellen. Geht man also davon aus, dass Goslar keine Aussage zur Realität treffen wollte, als er afrikanische Freiheitskämpfer als vergewaltigende und mordende Monster diskreditierte, bekommt man die seltene Gelegenheit, einen zum überwiegenden Teil spannenden, stilvoll inszenierten und emotional berührenden Genrefilm aus deutschen Landen zu sehen, der Horst Frank in eine unglaubliche, unvergessliche Maske steckte, den ehrenwerten Christopher Lee als Militäroffizier und Vorgesetzten eines aufdrehenden James Faulkner präsentierte, die hübsche Sybil Danning leider viel zu schnell aus der Handlung mordet, Trevor Howard („Dämon des Grauens“) als ihren Vater vorstellte und eine Nebenrolle sogar mit Sascha Hehn („Mädchen beim Frauenarzt“) besetzte. Wenn das nicht neugierig macht, weiß ich auch nicht mehr weiter...

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Fr 8. Jan 2016, 20:49
von buxtebrawler
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De Sade 2000

„Du wirst lernen, dass es im Leben immer nur um Befriedigung geht!“

Nach Filmen wie „Marquis de Sade: Justine“ und „Die Jungfrau und die Peitsche“ versuchte sich der spanische Genre-Vielfilmer Jess Franco („Paroxismus“) in französisch-liechtenstein’scher Koproduktion an einer weiteren De-Sade-Verfilmung, einer freien Interpretation dessen mir unbekannten „Eugènie de Franval“, die nur bedingt etwas mit der guten Eugenie aus anderen Geschichten zu tun hat. In der von mir gesehenen Fassung lautet der Titel des Films „De Sade 2000“. Seine Premiere hatte der Film angeblich 1973, muss aber bereits vor dem 18.08.1970 gedreht worden sein, denn an diesem Tag verstarb Hauptdarstellerin Soledad Miranda tragischerweise an den Folgen eines Autounfalls.

„Wie wär’s mit ein bisschen Sadismus?“

Das Mädchen Eugènie (Soledad Miranda, „Vampyros Lesbos“) wächst bei ihrem Stiefvater (Paul Muller, „Der Vampir von Notre Dame“) auf, einem Erotik-Schriftsteller. Sie beginnt, sich für die Klassiker erotischer Literatur aus dessen Sammlung zu interessieren und sich sexuell zu ihm hingezogen zu fühlen, was dieser dafür ausnutzt, mit ihr zusammen mehrere Lustmorde an jungen Frauen zu begehen. Als sie sich jedoch in einen als nächstes Opfer auserkorenen Jazzmusiker (Andrea Montchal, „Die nackten Augen der Nacht“) verliebt, droht die Situation für ihren Stiefvater außer Kontrolle zu geraten…

Franco eröffnet seinen in Deutschland spielenden Bilderreigen mit Bruno Nicolais Musik, zu der er eine Lesbenszene zeigt und immer wieder auf sein eigenes Antlitz gegenschneidet, denn Franco persönlich spielt den Schriftsteller und Voyeur Tanner und damit ein gutes Stück weit sich selbst. Im Anschluss liegt Eugènie im Krankenbett im Sanatorium, in dem sie aus dem Koma erwacht. Tanner sitzt an ihrer Seite und will alles über ihren Vater wissen, was Nicolai mit einer dissonanten Klangkulisse begleitet. Eugènies Erzählungen läuten die Rückblende ein, die den eigentlichen Film darstellen und Nicolai findet zurück zu schwelgerischem Frauengesang – als wolle er damit Tanners dank Eugènies Auskunftsbereitschaft eintretenden Genuss musikalisch Ausdruck verleihen.

Zu schönen Bildern des winterlichen Deutschlands und mit Eugènies Kommentaren aus dem Off versehen, wird das eingangs beschriebene Sujet nachgestellt. Nach Eugènies Entdeckung ihrer Sexualität und der perversen Welt ihres Stiefvaters heckt jener einen Mordplan aus, den er gemeinsam mit ihr in Paris bzw. Brüssel durchführt. Den Besuch eines Pariser Strip-Clubs wird von Franco natürlich mit einer langen Tanzeinlage ausgedehnt, bevor er in aller Ausführlichkeit zeigt, wie sich Eugènie umzieht und eine alberne Brille sowie einen ebensolchen Hut aufsetzt. An seinem eigenen Voyeurismus, dem er auch mit diesem Film Ausdruck verleiht, lässt Franco also keinen Zweifel und zeigt Eugènie häufig in lasziven Posen. Während eines Sado-Maso-Fotoshootings in Brüssel bringen sie das Modell (Alice Arno, „Entfesselte Begierde“) schließlich um und fliegen im Anschluss schnurstracks nach Paris in den Club zurück, um ein stichfestes Alibi zu haben – Timing ist schließlich alles…

Derartige Kapriolen erlaubt sich Franco indes ansonsten kaum; zunächst führt er nun Tanner in die Rückblende ein, der die beiden kennenlernt und angibt, sie beobachten zu wollen. Längere Zeit beschäftigt sich der Film mit dem nächsten Opfer, einer aufgedrehten österreichischen Anhalterin (Greta Schmidt), die sich offenherzig gibt und eine detailliertere Charakterisierung erfährt. Nahe an nervenaufreibender Suspense agieren die folgenden bei Vater und Tochter zu Hause spielenden Szenen, die das ungleiche Trio bei Trinkspielen, Striptease und Verführungen innerhalb einer sexuell aufgeladenen Atmosphäre zeigen und doch keinen Zweifel daran lassen, was der bedauernswerten jungen Frau bald zustoßen wird. Hier verquickt Franco Thrill und Erotik auf wahrlich respektable Weise.

Doch je mehr sich ihr Stiefvater auf Eugènie verlässt, desto unvorsichtiger wird er und scheint in seiner Arroganz erst gar nicht in Betracht zu ziehen, dass sich seine Ziehtochter in jemand anderen verlieben konnte – wie es schließlich mit Jazz-Musiker Paul geschieht, den sie doch lediglich gefügig machen und mit ihm Sex haben sollte. Dass der Stiefvater erst Paul tötet, dann Eugènie misshandelt und schließlich Harakiri begeht, erscheint, nachdem sich in dessen Leben absurderweise so viel um den Tod gedreht hat, konsequent, ist jedoch zugleich Zuspitzung der Ereignisse und Befreiung für Eugènie, die sich endlich von ihrem Stiefvater abgekapselt hat.

Letztlich ist auch „De Sade 2000“ ein durchwachsenes Vergnügen. So glaubwürdig Voyeur Franco als dem Treiben des seltsamen Paars auf die Schliche kommender, doch lieber fasziniert zusehender statt eingreifender Tanner erscheint, so wenig nimmt man Soledad Miranda die pubertierende Kindfrau ab – ihre Schönheit und ihr Talent im schauspielerischen Erotikbereich möchte ich damit jedoch keinesfalls in Abrede stellen. Schon die anfängliche Entwicklung der jungfräulichen Eugènie zur literaturbegeisterten, ihrem Stiefvater verfallenden Mordkomplizin erscheint wenig nachvollziehbar, erst recht in dieser Art Schnelldurchlauf. Bisweilen recht statische Kameraführung konterkariert manch künstlerische Ambition, die sich in einigen ausgewählten Szenen erkennen lässt und ein Franco-Film ohne dramaturgische Durchhänger oder Tempoprobleme scheint weiterhin die Ausnahme zu sein – „De Sade 2000“ ist keine. Dem gegenüber stehen jedoch eine häufig angenehm stilsichere Inszenierung der kruden Inzest- (oder zumindest Schutzbefohlenen-)Thematik und eine Miranda als Augenschmaus in einem neben Perversion und Sadismus vor allem Voyeurismus nicht nur bedienenden, sondern auch – wenn man so will durchaus kritisch – thematisierenden Film, der zumindest zeitweise genügend Thrill mitbringt, um nicht zum reinen Softsex-Film fragwürdiger bzw. skandal- oder skandälchenträchtiger Ausrichtung zu geraten. Als Psychogramm von Erotikschriftstellern sollte der Film jedoch sicher nicht missverstanden werden. 5,5 bis 6 von 10 Liebhaberpunkte vergibt da mein Bauchgefühl, warum auch immer – das muss die von Betroffenen oftmals beschriebene Francofizierung sein, die nach spätestens 20 gesehenen Werken des ollen Jess eintreten soll...

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Di 12. Jan 2016, 16:54
von buxtebrawler
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Neonstadt

„Was ich haben will, das krieg‘ ich nicht!“

„Neonstadt“ – das ist nicht nur eine treffende Bezeichnung für beleuchtete Innenstädte der 1980er Jahre, es ist auch der Titel eines obskuren Episodenfilms aus deutschen Landen aus dem Jahre 1982, an dem gleich fünf Regisseure – damaligen Absolventen der HFF München – beteiligt waren.

Nach einem Intro mit Musik der Band „Fehlfarben“, die mitgesungen wird, und Bildern von Medien-, Alkohol-, Drogen- und Nahrungskonsum findet man sich in der ersten Episode wieder: „Verliebt, verlobt, BRD-igt“ von Gisela Weilemann, die Ende der 1970er drei Kurzfilme drehte und nach ihrer Beteiligung an „Neonstadt“ ihre Regiekarriere allem Anschein nach beendete. Eine Kneipenszene leitet über zu einem in der Küche bumsenden Punk-Pärchen. Der männliche Part, offenbar ein Bayer, sucht daraufhin eine recht nervige andere Dame mit Piepsstimme auf. Diese schleppt sich einen anderen Punk mit Streifenklamotten in ihre komische Püppchenbude ab, welcher wiederum mit einer anderen die Kneipe aufsucht. Diese legt eine Solo-Darbietung auf der Tanzfläche hin, eine Art aufreizenden Erotiktanz, und zieht wieder mit ihm, und zwar in ein Hotel, weil sie einen Freund habe. Dort liegt der bayrische Punk vom Anfang und wird rausgeschmissen, woraufhin er seine Freundin abholt. Die Pointe dieser lahmen Episode ohne jegliche Punk-Power habe ich nicht verstanden – sofern es über den „Jede(r) mit jedem in einer Schleife“-Gag hinausgehend überhaupt eine gibt.

Eine Zwischensequenz, die denselben „Fehlfarben“-Song abspielt, mündet in der Episode „Star“ Helmer von Lützelburgs („Im Himmel ist die Hölle los“). Büroangestellte Damen schauen sich Mikrofilme an, eine von ihnen geht schließlich nach Hause. Lützelburg zeigt ihren wenig aufregenden Alltag, bis ein Paketbote ihr neue Klamotten vorbeibringt. Mit diesen stolziert sie divenhaft durch die abendliche, von Leuchtreklamen illuminierte Stadt zu seinem schönen Soul-Song und sucht eine Schlagerspelunke auf. Dort trifft sie auf den Paketboten, der sie an ihrer Halskette erkannt hat – doch als sich dieser zu ihr gesellen will, verlässt sie fluchtartig das Lokal. Sie gerät in Panik, doch er „rettet“ sie, sie schmiegt sich an ihn. Aha.

Das nun folgende Interludio zeigt eine Sado-Maso-Szene, woraufhin Dominik Graf („Tatort“, „Polizeiruf 110“) mit seiner Krimi-Episode „Running Blue“ eine seiner ersten Regiearbeiten abliefert. Der Waffenschmuggler Christ (so heißt der Mann oder nennt sich zumindest so) trifft sich mit seiner Kontaktperson im Freien, raucht einen Joint im Bett und bietet der Putzfrau am nächsten Morgen Geld für Sex, woraufhin sie einwilligt. Mit mutmaßlich entleertem Hodensack trifft er sich erneut mit seiner Kontaktperson und enttarnt diesen als Bullen. Als er ihn mit einer Waffe bedroht, wird er von anderen Polizisten erschossen. Eine vorhersehbare, um etwas Dreck bemühte Krimi-Episode, die lediglich als Graf-Frühwerk Interesse weckt.

Nach Christs Abgang ertönt zum wiederholten Male „Paul ist tot“ der „Fehlfarben“, diesmal mit Pornoausschnitten unterlegt. Zu Beginn von „Panter Neuss“ zeigt Regisseur Hans Schmid, der darüber hinaus lediglich einen Kurzfilm aus den ‘70ern und den ‘87er Fernsehfilm „Ein Stück vom Glück“ auf dem Kerbholz hat, Schwarzweiß-Fotos zu Flüstergesang. In Farbe sitzt dann ein junger Mann auf einem Balkon und kann nicht schlafen. Seine Mutter rät ihm, weniger zu onanieren, schimpft mit ihm und schmeißt ihn schließlich raus, nachdem er sie beklaut hat. Er hat einen Job bei der Post und nimmt an diesem Tag zu viel Geld ein, was er ordnungsgemäß meldet. Er trägt permanent einen albernen silbernen Armreifen und beschließt, dass eine Baseballjacke prima dazu passen würde. Diese stiehlt er kurzerhand und muss sich eine Verfolgungsjagd zu Fuß durch die Stadt mit dem Eigentümer liefern. In der Optikerfiliale, in der er Unterschlupf sucht, ist die Verkäuferin nicht nur sehr nett und hilfsbereit, sondern auch sofort geil auf ihn. Daraufhin betritt er eine Bank, quatscht mit einem schnöseligen Bekannten über Frauen, verhält sich soziopathisch, singt und will mit der Brillenverkäuferin los – Ende. Was einem dieses Filmchen sagen will, weiß wohl nur Schmid allein.

Das folgende Zwischendrintro mit dem altbekannten Song zu irgendwelchen Bildern ist die letzte Hürde vor Wolfgang Bülds „Disco Satanika“, der Episode des neben Graf einzigen Filmemachers dieses Reigens, der es dank seines Gespürs für Sub- und Popkultur u.a. mit (Dokumentar-)filmen wie „Punk in London“, „Brennende Langeweile“, „Women in Rock“ und „Der Formel-Eins-Film“ zu etwas gebracht hat. So fällt auch dieser Horror-Thriller-Kurzfilm positiv aus der Reihe: In einer Disco läuft „Tanz den Mussolini“ der „Deutsch Amerikanischen Freundschaft“, während sich zwei Mädels über Jungs unterhalten. Ein Typ scheitert am Türsteher und wird unsanft vertrieben, gerät dabei unter einen Bus und erleidet so einen bösen Unfall. Schnitt, Krankenhaus: Seit drei Monaten verhält er sich vollkommen apathisch. Doch als er einer exotischen Arzthelferin in den tiefen Ausschnitt stiert, regt sich etwas in ihm und er ermordet sie vollkommen überraschend nach Vorbild eines US-Slashers. In den folgenden Disco-Szenen arbeitet Büld mit dem Split-Screen-Verfahren und peppt seinen Beitrag damit auch optisch weiter auf. Der Killer streift sich die Krankenschwesterkluft über und sprintet aus dem Hospital in Richtung Disco. Dort ist ein Pärchen in einem Auto am Rummachen, Büld fängt die entblößte Oberweite der Protagonistin ein. Der Mörder zieht sich derweil eine John-Travolta-Gummimaske über, beobachtet das lüsterne Treiben und schleicht sich in den Kofferraum. Ein befreundetes Pärchen will’s ebenfalls im Kfz miteinander treiben und wird dort vom Busopfer gemeuchelt. Unser maskierter Freund schlüpft in die peinliche Glitzer-Popper-Montur des nun toten Stechers, betritt die Disse mit seiner Maske und tanzt mit dem Mädchen, das zuerst das Auto besudelte. Sie entscheidet sich, spontan mit ihm fremdzugehen, doch vor der Tür nimmt er seine Travolta-Maske ab…

Wäre da nicht Grafs Episode, könnte man „Neonstadt“ attestieren, dass sich zumindest alle Beiträge grob um zwischenmenschliche Beziehungen drehen. Allen gemein ist aber wohl, dass sie die (emotionale) Einsamkeit verschiedenster Großstadtmenschen zum Inhalt haben, die anscheinend nicht in der Lage sind, ihr Glück in klassischen monogamen Partnerschaften zu finden. Wolfgang Bülds „Disco Satanika“ ragt jedoch als einziger aus dem ach so experimentellen, mehrdeutigen Brei heraus, indem er einen astreinen Slasher nach US-Vorbild in das Sujet einbringt und gleichzeitig die unsägliche Disco-Unkultur kräftig auf die Schippe nimmt. Einen blutigen Splatter-Beitrag sollte man hier nicht erwarten, seine Wirkung entfaltet der flott inszenierte Kurzfilm auch ohne Gekröse o.ä. Die immer leicht monotone Musik der „Fehlfarben“ zwischen Punk und NDW – zu „Paul ist tot“ gesellt sich später noch „Ein Jahr (Es geht voran)“ – passt prima zum Gezeigten, wenngleich vier von fünf Episoden nichtssagend bis verklausuliert sind, bisweilen aber angenehmes Zeitkolorit aus deutschen Landen transportieren. Unter die unbekannten, von erfrischend bis hölzern agierenden Laiendarsteller gesellten sich übrigens Charles Brauer, Michaela May, Axel Milberg und Billie Zöckler.