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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Di 13. Okt 2015, 18:16
von buxtebrawler
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Malizia

„Ich hab‘ so meinen eigenen Geschmack!“

Eine eigenwillige Melange aus Erotikkomödie und Coming-of-Age-Drama brachte der italienische Regisseur Salvatore Samperi („Sturmtruppen“) im Jahre 1973 mit „Malizia“ hervor, in dessen Mittelpunkt er die bildhübsche Laura Antonelli („Das nackte Cello“) stellte.

Überraschend ist die Frau des wohlhabenden Don Ignazio (Turi Ferro, „Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie's!“) verstorben und hat neben ihrem Mann die drei Söhne Antonio (Gianluigi Chirizzi, „Kesse Teens - Die erste Liebe“), Nino (Alessandro Momo, „Der Filou“) und Enzio (Massimiliano Filoni, „Mister Billion“) zurückgelassen. Doch kurz vor ihrem Tod hat sie die Haushälterin Angela (Laura Antonelli) eingestellt, die nun den Herren des Hauses den Kopf verdreht. Schon bald hegen Don Ignazio und Angela Heiratspläne, doch hat sie die Rechnung ohne den pubertierenden Nino gemacht, der gern seine ersten sexuellen Erfahrungen bei Angela sammeln würde. Manipulativ beginnt er, Angela unter Druck zu setzen…

„Wir haben uns überhaupt nichts zu sagen, ich und Freud!“

Ja, der kleine Nino ist schon von der tolldreisten Sorte, geht z.B. unmittelbar zu Beginn des Films bereits einer älteren Dame im Auto an die Muschi. Der frühreife Bengel trinkt und raucht und prahlt mit angeblichen Sexgeschichten mit Angela, nachdem er sie kennengelernt hat. Doch der Film mit der tollen Titelmelodie und der voyeuristischen Kameraführung ist keine schlüpfrige Sex-Klamotte, sondern lange Zeit so etwas wie eine komödiantische Sozialstudie am Beispiel eines wohlhabenden süditalienischen, sich nach außen hin bieder katholisch gebenden Haushalts, in dem die verstorbene Frau offenbar kaum vermisst wird und sich stattdessen alles auf die neue Haushälterin zu stürzen scheint. Angela wird von allen begafft, die Herren des Haushalts achten plötzlich verstärkt auf Körperpflege. Der älteste Sprössling Antonio bändelt mit ihr an, worauf Nino mit entsprechender Eifersucht reagiert.

Doch die Grundstimmung des Films bleibt zunächst beschwingt, vermittelt ein Lebensgefühl von leidenschaftlichem Temperament und Aufbruchsstimmung, von Neugierde und Lebensfreude. Erfrischend natürlich wirkt der Umgang der Jünglinge untereinander, spitzbübisch und charmant frech ihr Entdecken der Sexualität und der Frauenwelt. Als eine ältere Witwe (Angela Luce, „Wer hat Euch bloß den Führerschein gegeben?“) Nino zu verführen versucht, tauscht er sich kurzerhand gegen seinen dicken rothaarigen Kumpel (Stefano Amato, „Die Bumsköpfe“) aus. Schließlich jedoch wird die Stimmung ernster, denn als Nino Angela offen sexuell zu belästigen beginnt, testet er Grenzen aus, indem er sie überschreitet. Angela kommt mit dem Familienoberhaupt zusammen, was indes in der Tat weniger wie eine Heirat aus Liebe anmutet als vielmehr wie eine Absprache aus gegenseitiger Abhängigkeit heraus: Don Ignazio hat wieder eine attraktive Frau an seiner Seite, die zudem den Haushalt schmeißt und sich um die Kinder kümmert, sie hingegen profitiert vom finanziellen Wohlstand der Familie. Vor diesem Hintergrund dürfen sich Zweifel regen, ob es ihr wirklich so unangenehm ist, unterm Tisch von Nino befummelt zu werden…

Zunehmend beginnt die Kamera, Angelas Reize offensiver einzufangen, inszeniert ihre Entkleidung betont erotisch. Dass sein Freund dabei zusieht, macht Nino einmal eifersüchtig, woraufhin er sie gar als „Nutte“ beschimpft. Als Don Ignazio reichlich unbeholfen vorehelichen Sex einzufordern versucht, wehrt sie sich jedoch entschieden. All dies sind Zeichen für einen vollkommen unnatürlichen Umgang mit der Sexualität. Je weniger Nino Angela allein für sich besitzen kann, desto höher werden seine Besitzansprüche. Seiner Enttäuschung darüber verleiht er Ausdruck, indem er sich Angela gegenüber verächtlich verhält, die Schuld auf sie abzuwälzen versucht. Angela wiederum befindet sich faktisch in einer Art Abhängigkeit von Nino, ist von ihm erpressbar und muss deshalb einiges über sich ergehen lassen. Noch stärker aber empfindet sie offenbar Abscheu beim Gedanken an Sex mit ihrem Verlobten, ist jedoch bereit, ihn als eheliche Pflicht über sich ergehen zu lassen – aber eben ausdrücklich erst nach der Eheschließung. Die Absurdität des Ganzen findet Entsprechung in der nach wie vor weniger tiefschürfend-dramatischen Art der Inszenierung Samperis, die weiterhin eher eine komödiantische Lesart gestattet – wenn auch mit einigen Abstrichen.

Ästhetischer wie dramatischer Höhepunkt des Films ist schließlich die Szene, die davon eingeleitet wird, wie Nino Angela zwingt, sich auszuziehen. Sie flucht und zetert, Licht spendet lediglich Ninos Taschenlampe. Aus dieser besonderen Situation holt Samperi mittels Point-of-View-Perspektiven und Lichtspielereien eine künstlerische Visualisierung heraus, die dem gerecht wird, was passiert: Angela findet Gefallen daran und dreht den Spieß um, in der Konsequenz schlafen beide endlich miteinander. Am Ende heiratet sie – natürlich! – dennoch Ninos Vater, treibt’s jedoch heimlich weiter Nino, richtet sich in diesem Arrangement sozusagen pragmatisch bis gemütlich ein, um auch auf ihre Kosten zu kommen.

So bringt Samperi mit „Malizia“ die Verlogenheit manch südländischer katholischer Familie und ihrer bzw. gesellschaftlicher Moralvorstellungen zum Ausdruck, plädiert dabei auch ein wenig für sexuellen Entdeckerdrang und bricht eine Lanze für kreative Dreiecksbeziehungen unter „Sachzwängen“; all das indes nicht, ohne die problematischen Seiten ebenfalls zu beleuchten. Beleuchtet, nein, regelrecht illuminiert wird vor allem aber die wunderbare Laura Antonelli, die hier als strebsame und fleißige, dabei niedliche, Schutzbedürftigkeit ausstrahlende junge Frau in Szene gesetzt wird, der ihr eigener Sex-Appeal gar nicht bewusst zu sein scheint. Neben ein, zwei overactenden Rollen agieren alle Darsteller seriös und beweist auch Antonelli ihr schauspielerisches Talent, das sich oftmals gerade auch in subtiler Mimik äußert. Sie ist es auch, die „Malizia“ seine Sinnlichkeit verleiht und somit zu einem vielleicht nicht zwingend herausragenden, aber für Freunde des italienischen Kinos mit reichlich Lokal- und Zeitkolorit angenehmem, sympathischem Erlebnis mit viel mediterranem Charme macht.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Do 15. Okt 2015, 12:53
von buxtebrawler
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Mordlust

„Es muss wundervoll sein…“ – „Was?“ – „…vergewaltigt zu werden!“

„Mordlust“ ist ein im Jahre 1973 veröffentlichter Psycho-Thriller des US-amerikanischen Regisseurs Curtis Harrington („Satanische Spiele“, „Wer hat Tante Ruth angezündet?“), der inspiriert ist von zahlreichen Serienkillern mit krankhaften Beziehungen zu ihrer Mutter und daraus resultierend zu Frauen allgemein. Meine Kritik geht stark auf den Inhalt ein und enthält daher massive Spoiler.

Terry Lambert (John Savage, „Hair“) saß zwei Jahre im Jugendgefängnis ein, weil er von seinen Freunden dazu gedrängt wurde, sich an der gemeinschaftlichen Vergewaltigung der jungen Tina (Sue Bernard) zu beteiligen. Nach seiner Entlassung kehrt er zu seiner Mutter Thelma (Ann Sothern, „Zum Zerreißen gespannt“) zurück, die eine Pension betreibt, und unterhält eine inzestuöse Beziehung zu ihr. Anderen Frauen gegenüber ist er gewalttätig und schreckt auch vor Mord nicht zurück, wie u.a. sein Rachefeldzug gegen diejenigen, die ihn ins Gefängnis brachten, zeigt…

Im Prolog inszeniert Harrington die Vergewaltigung an einem Strand, zeigt auch, wie Terry von seinen Freunden unter Druck gesetzt wird – leider geriet diese Szene unfreiwillig komisch und somit zu einem denkbar schlechten Einstieg in den Film. Die eigentliche Handlung setzt mit Terrys Knastentlassung ein. Dem Zuschauer wird Terrys Mutter vorgestellt, wobei zunächst unklar bleibt, ob es sich bei Thelma überhaupt um seine Mutter handelt und welches Verhältnis beide zueinander haben. Terry fällt als Voyeur auf, der das italienische Fotomodell Lori (Cindy Williams, „Beware! The Blob“) bespannt und dabei versehentlich eine Katze abmurkst. Lori ist Thelmas jüngster Gast und versteht sich gut mit Terry, der Fotos mit ihr schießen darf – was Harrington indes zum Anlass für die Handlung streckende Füllszenen nimmt. Als sie sich gegenseitig am Pool necken, wird aus Spaß bald Ernst und Harrington gelingt es tatsächlich, eine bedrohliche Aura zu schaffen; eine der stärksten Szenen des Films.

Anstatt seine fragwürdigen Freunde für seine Verurteilung zur Rechenschaft zu ziehen oder das Geschehene anderweitig zu reflektieren, belästigt Terry Tina telefonisch, verfolgt sie im Auto und drängt sie von der Straße, so dass sie verunfallt. Von einer Vergewaltigung durch Terry träumt unterdessen die Bibliothekarin Louise (Luana Anders, „Dementia 13“), die weiß, wofür er seine Strafe verbüßen musste. Sie bedrängt und provoziert ihn, woraufhin er sie mit seiner Gitarre bedroht, die er am Pool zerschlägt. Seine Anwältin bekommt es wiederum härter ab: Er sucht sie zu Hause auf, bedroht sie, verletzt sie mit einem Messer im Gesicht, trinkt sie anschließend unter den Tisch und zündet ihre Wohnung an. Nach seinem letzten Mord hilft ihm seine Mutter, die Leiche zu beseitigen – und vergiftet ihn anschließend.

Inwieweit „Mordlust“ in seiner recht geradlinigen Handlung es als Überraschungseffekt verwenden wollte, Thelma als Terrys Mutter zu enttarnen, wurde mir aus dem halbgaren Umgang mit der Inzest-Thematik nicht ganz klar, die weitestgehend harmlos vor sich hinplätschert. Die eigenartige Beziehung, die beide zueinander pflegen, ändert sich indes gern einmal von Szene zu Szene, Liebesschwüre folgen auf Beleidigungen, Aggression gibt sich mit Behütung und Demut die Klinke in die Hand. Doch generell ist das vermittelte Menschenbild ein reichlich schräges, erzeugt Harrington eine Atmosphäre ausschließlich einsamer, neurotischer Menschen, was in bizarren Szenen Entsprechung findet. Fast alle benehmen sich letztlich wenig nachvollziehbar, dadurch unberechenbar – woraus „Mordlust“ immerhin etwas Spannung bezieht, denn dramaturgisch zieht sich der Film bisweilen. Künstlerisch gibt sich Harrington, wenn er eine skurrile Traumszene inszeniert, in der Terry mit Tina in einem Kinderbett liegt und sämtliche weiteren Frauen um ihn herumstehen, mit Fingern auf ihn deuten und mantraartig „Schäm dich!“ fordern. Hin und wieder traut man sich auch Kamerafahrten al italiano, was durchaus schön anzusehen ist. Das ‘70er-Grindhouse-Flair ist spürbar, der Sleaze-Anteil indes nicht sonderlich ausgeprägt. Terry ist häufig nur in Unter- oder Badehose zu sehen, auch mal nackt unter der Dusche. Ständig springt er in den Pool, auch mal „Nein!“ schreiend in Zeitlupe, was Harrington gleich mehrmals wiederholt – welchen Effekt das auch immer haben soll. Noch viel fragwürdiger ist allerdings der unnötige Tiersnuff in Form einer Rattentötung.

Unterm Strich schwankt „Mordlust“ zwischen die Freiheiten der 1970er auslotenden Experimenten, unambitionierter, irgendwie lustloser, halbgarer Exploitation und mit jeglichem psychologischen Tiefgang bereits überfordertem Thriller und ist somit trotz seiner nach Skandalträchtigkeit klingenden Prämisse alles andere als Pflichtprogramm und schon gar keine wiederentdeckte Perle.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Do 15. Okt 2015, 17:21
von buxtebrawler
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UHF - Sender mit beschränkter Hoffnung

US-Komiker und -Parodist Weird Al Yankovic fiel hierzulange in den 1980ern vor allem durch seine famosen Musikvideo-Parodien zu Michael Jacksons „Beat It“ („Eat It“) und „Bad“ („Fat“) auf, war und ist in den USA aber auch darüber hinaus eine große Nummer. Regisseur Jay Levey hatte 1985 für die Yankovics Karriere dokumentierende Mockumentary „The Compleat Al“ erstmals mit ihm zusammengearbeitet. 1989 finanzierte die „Orion“-Produktion beiden den Kinofilm „UHF - Sender mit beschränkter Hoffnung“.

George Newman (Weird Al Yankovic) träumt beim Burgerbraten im Imbiss von einem Abenteuerspielfilm mit Oscar-Gewinn – und fliegt daraufhin hinaus. So ergeht es ihm regelmäßig, ständig befindet er sich auf Jobsuche. Doch plötzlich kommt er wie die Jungfrau zum Kinde zu einer neuen Anstellung – und zu was für einer: Sein Onkel (Stanley Brock, „Amazonen auf dem Mond“) setzt ihn als Studiodirektor des maroden Fernsehsenders Kanal 62 ein! Zusammen mit seinem Kumpel Bob (David Bowe, „Eine Frage der Ehre“) reitet er den Sender jedoch erwartungsgemäß nur weiter in die Pleite und zu allem Überfluss verlässt ihn auch noch seine Freundin Teri (Victoria Jackson, „Family Business“), nachdem er ein Rendezvous mit ihr verschlafen hat. Frustriert schickt er den einfältigen Hausmeister Stanley Spadowski (Michael Richards, „Seinfeld“) in die Kindersendung, die er zuvor höchstpersönlich und erfolglos moderiert hat. Doch der jüngst bei der großen Konkurrenz Kanal 8, dem Sender des üblen Kapitalisten R.J. Fletcher (John Paragon, „Elvira – Herrscherin der Dunkelheit“), gefeuerte „Facility Manager“ haucht erst der Sendung und schließlich dem ganzen Sender mit seiner liebenswürdigen, naiven und chaotischen Art neues Leben ein und macht ihn überraschend zu einem vollen Erfolg. Bei Kanal 8 ist man darüber not amused und versucht mit allen Mitteln, den unliebsamen Mitbewerber durch Übernahme auszuschalten…

„Jede Woche hat man hier einen neuen Boss!“ (Die Fluktuation im Mediengeschäft ist hoch…)

Im Prinzip ist „UHF - Sender mit beschränkter Hoffnung“ eine Aneinanderreihung mediensatirischer Clips, womit er – auch was das Humorverständnis betrifft – an Produktionen wie „Kentucky Fried Movie“ oder „Amazonen auf dem Mond“ erinnert. Größter Unterschied ist, dass „UHF“ von einer Rahmenhandlung zusammengehalten wird, die nicht immer ganz geglückt ist und insbesondere in ihrem Kampf gegen Fletcher jedes naive Klischee bis hin zum selbstgefälligen Happy End bedient. Weitaus mehr punkten können da Yankovics Kernkompetenzen, nämlich wenn er Werbespots durch den Kakao zieht, das „Fischrad“ (anstelle des „Glücksrads“) ausstrahlt und weitere abwegige Sendekonzepte vorstellt, „Conan, der Bibliothekar“ auf der Bildfläche erscheint, im „Stadtgespräch“ die Jerry-Springer-Asozialen-Talkshow parodiert oder „Ghandi II“ statt „Rambo II“ über die Mattscheibe flimmert. Gegenüber anderen Musikvideo-Parodien fällt Yankovics hier enthaltene „Money For Nothing“-Persiflage jedoch ab (im Original von Dire Straits).

„Die Allgemeinheit bedeutet mir genauso viel wie ein Fressnapf voll Hundekot!“ (Fletcher fletscht die Zähne)

So wird Kanal 62 also erfolgreichster Sender der Stadt, woraufhin R.J. Fletcher ihn übernehmen will. Dass sich Georges Onkel Harvey gezwungen sieht, darauf einzugehen, wird kurzerhand mit Wettschulden erklärt, der Verkauf von Senderanteilen an die Bevölkerung per Aktiengeschäften wirtschaftlich reichlich blauäugig als Allheilmittel suggeriert. Die Entführung des Moderators und Hausmeisters in Personalunion durch Fletchers Häscher nimmt man indes zum Anlass für eine köstliche „Rambo“-Parodie, in der Yankovic als Stallone-Lookalike seinen Freund wie aus Vietnam zu befreien versucht. Genial-bescheuerte Splatter-Effekte brechen sich bahn und bevor es gänzlich absurd wird, endet die Persiflage abrupt und gelingt die Befreiung auch ohne Rambo. Allen Regeln Hollywoods entsprechend gelingt die finanzielle Rettung in letzter Sekunde und wird Fletcher schließlich öffentlich düpiert, für den es von allen Seiten knüppeldick kommt – während mir hier dann doch etwas die ironische Distanz fehlt. Doch wie dem auch sei, „UHF – Sender mit beschränkter Hoffnung“ ist total, ja, teilweise extrem überzeichnet und albern, was in den einzelnen Parodien wesentlich besser funktioniert als in der Rahmenhandlung, für Freunde des grellen Humors der letzten Dekaden des vergangenen Jahrtausends sowie Weird-Al-Yankovic-Fans demnach eine Empfehlung. Wer es jedoch ausschließlich subtil und feingeistig mag und von popkulturellen Bezügen nichts hält, sollte dringlichst die Finger hiervon lassen. Als Message gibt uns der Film „Stell dich nie zwischen einen Hausmeister und seinen Wischmopp!“ mit auf den Weg und allein schon dafür zücke ich 6,5 von 10 Punkten.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Fr 16. Okt 2015, 22:02
von buxtebrawler
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Pieces of April – Ein Tag mit April Burns

„Bitte geben Sie mir meinen beschissenen Dreckstruthahn!“

US-Amerikaner Peter Hedges hatte sich bereits als Drehbuchautor für die Filme „Gilbert Grape“ und „About A Boy“ verdient gemacht, als er im Jahre 2003 mit der Tragikomödie „Pieces of April“ erstmals auch als Regisseur in Erscheinung trat und sein eigenes Drehbuch verfilmte.

Vor geraumer Zeit hat die jetzt 21-jährige April Burns (Katie Holmes, „Dawson’s Creek“) ihr ländliches Elternhaus verlassen und an der Lower East Side in eine billige Mietswohnung gezogen, wo sie mit ihrem Freund Bobby (Derek Luke, „Notorious B.I.G.“) zusammenlebt. Mit ihrer Familie liegt sie im Clinch, doch zum anstehenden Erntedankfest hat sie beschlossen, ihre Eltern und Geschwister zum traditionellen Truthahnessen zu sich einzuladen. Das gestaltet sich jedoch alle andere als einfach: Zu den eingeschränkten Kochkenntnissen gesellt sich ein nicht funktionstüchtiger Ofen. Während Bobby sich einen Anzug organisiert, versucht April verzweifelt, im Haus einen netten Nachbarn zu finden, dessen Ofen sie nutzen darf – wobei sie erstmals überhaupt den einen oder anderen Nachbarn näher kennenlernt… Wird sie Erfolg haben und das Essen rechtzeitig fertig? Erscheint ihre Familie tatsächlich oder überlegt sie es sich während der langen Anreise doch noch anders? Und weshalb wollen sich die zerstrittenen Parteien überhaupt gemeinsam an einen Tisch setzen?

„Ich hab’ gedacht, sie wär’ tot!“

„Pieces of April“ ist eine Independent-Produktion, die lediglich mit einem minimalen Budget finanziert wurde. Hedges griff zur Digitalkamera und versucht sich durchaus erfolgreich darin, daraus einen realistischen Look zu erzielen. Nahaufnahmen der Essenszubereitung, in diesem Falle eben des gefüllten Truthahns, stürzen den Zuschauer komplett ohne Vorgeschichte unmittelbar ins Geschehen, das fortan zwischen April/Bobby und Aprils Familie hin und her springt. Für ihre Rolle wurde Katie Holmes etwas notdürftig ein punkiges Äußeres verliehen, das man ihr jedoch kaum abnimmt. Prüde zeigt sich der Film zudem mit einer zugeknöpften Sexszene, beweist jedoch Humor, wenn er April währenddessen Kochrezept oder Einkaufsliste aufzählen lässt. Was eigentlich geschehen ist, entspinnt sich erst nach und nach.

Während sich die Familie, bestehend aus Aprils Eltern, ihrer Großmutter und ihren beiden Geschwistern, mit dem Auto auf den Weg macht, werden Aprils Wohnverhältnisse ausgiebig beleuchtet, die Rückschlüsse auf ihren sozialen bzw. finanziellen Status zulassen: Offensichtlich bewohnt sie einen Block, in dem vornehmlich sog. sozial Schwache ihr Zuhause gefunden haben. Dem Versuch, eine ach so lustige Herzschmerz-Schmonzette einzuleiten, indem er die Situation romantisiert und die Bewohner idealisiert, widersteht Hedges glücklicherweise und zeigt stattdessen, wie sich zunächst niemand für Aprils Probleme zu interessieren scheint – von Solidarität oder Zusammenhalt keine Spur. Das afroamerikanische Paar Evette (Lillias White, „Gloria“) und Eugene (Isiah Whitlock Jr., „GoodFellas“) hingegen möchte sie zunächst indes verhöhnen, denn welche Probleme sollte ein hübsches junges, vor allem weißes Mädchen schon haben? Doch das Blatt wendet sich und die beiden sind zu Tränen gerührt, was ohne Sentimentalität als Gag von Hedges verwendet wird. Ein Typ mit verwahrloster Bude bittet sie ebenfalls hinein, doch dort lehnt selbst sie dankend ab. „Trish in 4a“ hat dann endlich einen intakten Ofen, als Veganerin jedoch so gar kein Verständnis für diese Art von Fleischeslust. Bei einem Jüngling im Haus findet sie endlich einen Ofen, den sie auch benutzen darf, doch leider entpuppt sich dessen Besitzer als komplett durchgeknallt.

All diesen Szenen wohnt eine schöne Situationskomik inne, doch der Weg der Familie gestaltet sich eigentlich weit weniger witzig: Aprils Mutter Joy (Patricia Clarkson, „The Green Mile“) lässt sich von ihrem Sohn Timmy (John Gallagher Jr., „The Flamingo Rising“) einen Joint drehen und raucht ihn auf einer Toilette. Sie muss sich übergeben und trägt eine Perücke – wie sich herausstellt, leidet sie unter Krebs und musste sich beide Brüste abnehmen lassen. Sie ist verbittert, was sich auch in ihrer Beurteilung des „Problemkinds“ Aprils niederschlägt, das sie regelrecht zu hassen scheint. Aprils jüngere Schwester Beth (Alison Pill, „Mittendrin und voll dabei“) stimmt in die Lästereien mit ein, während Vater Jim (Oliver Platt, „Flatliners“) die Wogen zu glätten und um Zweckoptimismus bemüht ist. Diese Familienkrise jedoch inszeniert Hedges mit einem feinen Gespür für wohldosierten schwarzen und makabren Humor – ein Balanceakt, der größtenteils gelingt.

Die Situation scheint zu eskalieren, als Joy aussteigt und zurückzufahren gedenkt, während April ausgerechnet in der asiatischen Familie, die eigentlich kein Wort versteht, die Rettung für ihren Braten findet. Doch zu allem Überfluss gerät Bobby auch noch an Aprils Ex-Freund und dessen Gang und wird verprügelt. Als Aprils Familie auf das Wohnhaus und auf Bobby trifft, ist sie entsetzt, macht umgehend kehrt, ohne April überhaupt gesehen zu haben und kehrt in ein Restaurant ein. Dies wäre bereits ein denkbares Ende für den Film gewesen, traurig und desillusionierend. Doch statt seine Zuschauer auf diese Weise zu entlassen, lässt Hedges April und Bobby mit den Asiaten feiern, zu denen sich erst Joy und schließlich die ganze Familie zum Happy End gesellt, das der Film bereits nach gut 70 Minuten einläutet und damit nicht nur Hoffnung spendet, sondern auch seine Botschaft manifestiert, die so einfach wie überwältigend klingt und auf den Punkt bringt, was so vielen einfach nicht gelingen will: Nehmt beispielsweise Feiertage zum Anlass, um euch zu versöhnen, denn wer weiß, wie viel Zeit dafür noch bleibt. Überwindet Vorurteile und traut euch, hinter die Fassaden zu schauen.

Positiv fallen die schauspielerischen Leistungen insbesondere Patricia Clarksons auf, für die der Zuschauer trotz ihrer Garstigkeit Empathie empfindet, sobald er ihre Krankheitsgeschichte kennt. Was genau April nun alle angestellt hat, um so dermaßen in Ungnade gefallen zu sein, bleibt jedoch diffus, auch die Gründe dafür werden kaum beleuchtet – was etwas schade ist, hätte das doch die Chance geboten, Aprils Charakter stärkeres Profil zu verleihen. Ansonsten aber ist der angenehm ungekünstelt erscheinende „Pieces of April“ ein weitestgehend geglückter Versuch, konservative Familienwerte in Einklang mit alternativen Lebensentwürfen und Verständnis für auf den ersten Blick wenig nachvollziehbar handelnde und sich benehmende Menschen zu bringen, was trotz seines vor diesem Hintergrund gewagten Humors eine Parteinahme für Menschlichkeit und Nächstenliebe anstelle von Anklage und Zynismus deutlich erkennen lässt.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Di 20. Okt 2015, 22:20
von buxtebrawler
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Hesher – Der Rebell

Der US-Amerikaner Spencer Susser drehte im Jahre 2010 mit „Hesher – Der Rebell“ nach einigen Kurzfilmen sein Spielfilmdebüt, eine Art dramatischer Tragikomödie – deren Beteiligung der Band Metallica am Soundtrack in Form diverser alter Stücke prominent hervorgehoben wurde, obwohl es sich um keinen „Metal-Film“ o.ä. handelt. Am Drehbuch war er selbst beteiligt.

Der 13-jährige T.J. (Devin Brochu, „Rubber“) lebt zusammen mit seinem Vater Paul (Rainn Wilson, „Super – Shut Up Crime!“) bei seiner Großmutter Madeleine (Piper Laurie, „Aura – Trauma“), seit seine Mutter bei einem tragischen Autounfall ums Leben kam. Sein Vater scheint den Lebensmut verloren zu haben und vegetiert apathisch und voller Schuldgefühle vor sich hin, zudem hat T.J. Ärger in der Schule, seit eine Nervensäge, größer und stärker als er, es auf ihn abgesehen hat. Durch einen Zufall lernt er einen Mittzwanziger kennen, der sich selbst nur Hesher nennt (Joseph Gordon-Levitt, „Halloween H20“). Dieser langhaarige Tagedieb benötigt gerade eine neue Bleibe, woran T.J. nicht ganz unschuldig ist – und zieht kurzerhand bei ihm ein. Zur Mischung aus Angst, Respekt und Apathie, die die Familie daran hindert, ihn herauszuwerfen, gesellt sich bald eine gewisse Sympathie für Hesher und seinen anarchischen Lebensstil, der tatsächlich wieder so etwas wie Leben in die Bude bringt…

Den Kleinkriminellen Hesher inszeniert Susser als drahtigen, betont lässigen und scheinbar gefühlskalten Langhaarigen, der wann immer möglich oberkörperfrei herumläuft (oder -sitzt) und sich äußerst gern unverschämt und respektlos anderen gegenüber, wie die Axt im Walde verhält und sich stets einfach zu nehmen scheint, was er gerade zu brauchen glaubt. Versatzstücke manch populären Leinwand-Antihelden scheinen durch; dass er gern Metal hört, wird jedoch nicht zum Mittelpunkt seiner Charakterisierung – wenngleich das an den Metallica-Schriftzug angelehnte Filmlogo dergleichen möglicherweise suggeriert. Die Überzeichnung Heshers sorgt für den Gutmenschen-Humor des Films, in dem den Rüpel niemand zur Ordnung ruft, sondern nur ungläubig in einer Mischung aus Abscheu und Faszination zusieht und ihn agieren lässt.

Diese klischeehafte und realitätsferne Darstellung bedient aufs Entschiedenste die bildungsbürgerliche Sehnsucht nach dem asozialen Außenseiter-Proll oder auch dem egozentrisch anmutenden Einzelgänger, der im Grunde seines Herzens doch ein feiner Kerl ist und niemandem etwas zuleide tut. Doch so peinlich dies auch berührt, so nachvollziehbar erscheint die Lethargie, in der sich die Familie nach dem tragischen Verlust befindet. Daraus resultierende Vater-Sohn-Konflikte sowie die ebenso schwierige wie interessante Rolle der Großmutter verstand Susser verständnisvoll und sensibel einzufangen, gibt niemanden der Lächerlichkeit preis. Dass neue Einflüsse von außen in einer solch festgefahrenen Situation notwendig sein können, um die Trauernden oder gar zur Trauer Unfähigen wachzurütteln, erscheint verständlich – und dass sie auch einmal ganz anderer Natur sein können, als man es sich vorstellt oder vielleicht gewünscht hätte, ist natürlich richtig und kann der Stoff sein, aus dem interessante Drehbücher sind. Der Perspektivenwechsel und die Horizonterweiterungen, die mit Heshers Provokationen einhergehen lassen die Familie spüren, dass sie noch lebt und hilft, sie aus ihrem schwarzen Loch zu befreien.

Dies geschieht auf von Susser kurzweilig und unterhaltsam dargestellte Weise, wenngleich das Verhalten der Protagonisten nicht immer nachvollziehbar erscheint. Erweitert wird die Geschichte um eine schräge Romanze, die T.J. in Konkurrenz zu Hesher gehen lässt, als beide Interesse an der Einzelhandelskauffrau Nicole (Natalie Portman, „V wie Vendetta“) entwickeln und, was den Film deutlich um Coming-of-Age-Elemente bereichert. Dass auch dies nicht zu einem unauslöschlichen Konflikt gerät, ist jedoch erneut der harmoniesüchtigen Intention geschuldet. Dass die Realität meist anders aussieht und durch Schicksalsschläge aus der Bahn geworfene Menschen vermutlich leider viel öfter Opfer von Schmarotzern werden, die sie letztlich nur weiter herunterziehen, als dass sie entscheidende Impulse setzen und als Inspiration dienen, kommt in Sussers trotz auf Schmutz und Rebellion gebürstetem Sujet letztlich etwas dann doch sehr heiler Welt dann auch erst gar nicht erst vor. Die alten Metallica-Stücke sowie der Motörhead-Song, der es ebenfalls in den Soundtrack geschafft hat, entfachen aber tatsächlich ihre zeitlose Energie und avancieren zu Aha-Momenten für Musikkenner. Fazit: Gut gemeinter Film, aber im Endeffekt zu naiv.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mi 21. Okt 2015, 18:05
von buxtebrawler
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Das verborgene Gesicht

Der nach dem Krimi „Satanás“ zweite Spielfilm des kolumbianischen Regisseurs Andrés Baiz entstand im Jahre 2011 in kolumbianisch-spanischer Koproduktion: „Das verborgene Gesicht“ wurde ein Grusel-Thriller, der weitestgehend auf Effekthascherei verzichtet und stattdessen verstärkt auf klassische Spannung und Suspense setzt.

Der spanische Dirigent Adrián Salamanca (Quim Gutiérrez, „The Last Days – Tage der Panik“) ist mit seiner Freundin Belén (Clara Lago, „Der Selbstmörder-Club“) nach Bogota, Kolumbien, gezogen, um dort ein Jahr lang das Symphonieorchester zu leiten. Doch als er eines Tages nach Hause kommt, findet er eine Videobotschaft Beléns vor, in der sie ihm mitteilt, dass sie ihn verlassen hat. Sein Frust treibt ihn in eine Kneipe, wo er sich betrinkt und von der Kellnerin Fabiana (Martina García, „Satanás“) abschleppen lässt. Beide werden ein Liebespaar und schon bald zieht Fabiana in das große Landhaus deutscher Konstruktion mit ein – wundert sich jedoch darüber, dass Adrián seine Ex-Freundin nie erwähnt hat. Die scheint spurlos verschwunden und die Polizei sucht nach ihr. Ebenso merkwürdig sind die Geräusche, die aus den Wasserabflüssen zu dringen scheinen, generell verhält sich das Wasser irgendwie seltsam. Handelt es sich um Beléns Geist, der ruhelos umherspukt, um auf sich aufmerksam zu machen…?

Was zunächst den Anschein eines klassischen Spukfilms erweckt, schlägt mehr als nur eine unerwartete Wendung ein und da diese es sind, von denen die Handlung lebt, wäre es Sünde, diesen auch nur ansatzweise vorzugreifen. Wie kaum ein zweiter Film, die ich in der letzten Zeit gesehen habe, schafft es „Das verborgene Gesicht“ nämlich, Spannung, also die fesselnde Neugier, wie es weitergeht und Suspense, also den aus dem Wissensvorsprung des Zuschauers gegenüber den Protagonisten resultierenden Nervenkitzel, gleichzeitig auf die Spitze zu treiben und miteinander zu kombinieren. Dies geschieht anhand einer zwar arg konstruierten, dennoch nicht völlig realitätsfern anmutenden Geschichte, die sowohl die eine oder andere Urangst anspricht, als auch aus Liebes- und Beziehungsfragen entspringende Befürchtungen auf die Spitze treibt und dabei sämtliche Register zieht. Dies geht so weit, dass Baiz Liebe als eine Art Krieg zeichnet, auf perfide Weise mit den Emotionen der Zuschauer spielt und trotz aller Beispiele übertretener Moralgrenzen seiner Rollen diese stets so nachvollziehbar agieren lässt, dass sich manch einer vor sich selbst erschrecken mag – davor, wozu auch er möglicherweise unter diesen Umständen fähig wäre.

„Das verborgene Gesicht“ packt den Zuschauer mehrmals auf unterschiedliche Weise an Herz, Ver- und Anstand und zwingt ihn zu veränderten Sichtweisen, die ihn eiskalt erwischen. Belohnt wird er für die Achterbahnfahrt der Gefühle neben der sehr gediegenen Atmosphäre mit ebenso talentierten wie zeigefreudigen, attraktiven Schauspielerinnen, die dem Film zusätzlich etwas Verruchtes und knisternd Erotisches verleihen, was Folter und Leidenschaft zugleich ist.

Ein überaus gelungener, psychologisch intelligent gestrickter Film gerade auch für ungemütliche Herbstnächte, der subtil im Vorbeigehen auch das Phänomen in Südamerika abgetauchter deutscher Verbrecher erwähnt und lediglich in seinem Aufbau zu Beginn leider dann doch nicht ganz die Finger von den Spezialeffekten lassen konnte (was jedoch nur eine, aber eben inkonsequente Szene betrifft). Abgeraten sei jedoch unbedingt, vor Genuss des Films den Trailer anzusehen, den Covertext der „20th Century Fox“-DVD zu lesen oder auch nur das DVD-Menü zu aufmerksam zu betrachten. Setzen, 6, deutscher Vertrieb!

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Fr 23. Okt 2015, 00:19
von buxtebrawler
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Die Reifeprüfung

Mit seinem nach „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ erst zweiten Spielfilm, „Die Reifeprüfung“ nach dem Roman aus der Feder Charles Webbs, gelang US-Regisseur Mike Nichols im Jahre 1967 nicht nur eine beachtliche Mischung aus Coming-of-Age-Drama und romantischer Komödie inkl. leicht gesellschaftssatirischer Züge, sondern auch ein durchschlagender Erfolg an den Kinokassen sowie ein Platz im Geschichtsbuch des subversiven US-amerikanischen Spielfilms.

Benjamin Braddock (Dustin Hoffman, „Wer Gewalt sät...“) kommt frisch vom College, ohne seine Zukunft bereits geplant zu haben. Umso fleißiger zeigen sich in dieser Hinsicht seine Eltern, wovon Ben zunehmend genervt ist. Und dann hat es auch noch die, wohlgemerkt attraktive, Mrs. Robinson (Anne Bancroft, „Schlafzimmerstreit“) auf ihn abgesehen, die Ehefrau des Chefs seines Vaters. Diese versucht ihn zu verführen; nach anfänglichem Zögern lässt er sich darauf ein und sich von der älteren Dame in die Welt der Sexualität einweihen. Seine Eltern wissen davon natürlich nichts und üben sanften Druck aus, mit der jungen Elaine (Katharine Ross, „Die Frauen von Stepford“) anzubändeln – der Tochter der Robinsons. Tatsächlich verliebt sich Ben in Elaine – sehr zum Unmut Mrs. Robinsons...

Ben ist ein irgendwie aus der Art geschlagener Jüngling. An der Mittelklasse-Wohlstandswelt seiner Eltern scheint er kein rechtes Interesse zu haben, angesichts ihrer Erwartungen beschleicht ihn gar ein klaustrophobisches Gefühl. Mrs. Robinson hat ihn als ihren Liebesgespielen auserkoren, vermutlich um sich dadurch ein Stück weit Jugend und Unbeschwertheit zurückzuholen, denn augenscheinlich musste sie zugunsten der Karriere ihres Mannes und ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter persönlich zurückstecken, ihr Kunststudium abbrechen und ihre Selbstbestimmtheit aufgeben. Nun gibt sie sich nach außen kühl und selbstbewusst, tritt Ben mit Sarkasmus gegenüber, doch hinter der Fassade lauert das traurige, frustrierte, um seine Träume beraubte Mädchen.

Mit viel Witz und Komik erzählt Nichols diesen Teil der Geschichte, der kräftig am Tabu des Ehebruchs und der Entjungferung durch eine gierige ältere Frau rüttelt und einen mit der Situation sichtlich überforderten Ben zeigt. Doch je mehr seine aufrichtigen Gefühle für Elaine zunehmen, umso ernster wird die Angelegenheit für alle Beteiligten. Mrs. Robinson spricht sich entschieden dagegen aus, dass Elaine mit Ben etwas anfängt, was einerseits Ausdruck ihrer Doppelmoral ist – die bis dahin vollkommen normale, unschuldige Elaine habe etwas Besseres bedient als einen Ehebrecher wie Ben –, andererseits ihrer Angst davor, von ihm verlassen zu werden. Doch letztlich gelingt es Ben, sich in seinem Liebeskummer noch einmal aufzuraffen und in sprichwörtlich letzter Minute Elaine vor der Hochzeit mit dem Falschen und somit vor Konservatismus und Konformismus zu retten. Am Schluss fahren beide einer ungewissen Zukunft entgegen, haben sich damit aber einvernehmlich gegen die Lebenskonzeptionen ihrer Eltern entschieden und endgültig abgenabelt.

Dieses halboffene Ende besiegelt die Rolle der „Reifeprüfung“ als zur Entstehungszeit modernen Film, der ein früher Beitrag zur aufkeimenden Protest-Kultur war, einer der ersten Filme dieser Art. Ein anti-konformer Film, der in der weißen Mittelschicht spielt und neben viel besonders heute wertzuschätzendem Zeitkolorit im sommerlichen Ambiente die melancholische, eigens für ihn geschriebene Musik von Simon & Garfunkel zu bieten hat, die auf sehr prominente Weise gepaart wird sowohl mit der juvenilen Anti-Establishment-Komik als auch der Nachdenklichkeit und zwischenzeitlichen Schwermut des Films. Nichols und sein Team bedienen sich durchdachter, symbolträchtiger Bildkompositionen, die auch heute noch aufmerken lassen: Da wird von Personen weg- statt herangezoomt, mit Unschärfen, vermeintlichen Details und Gegenschnitten gearbeitet; das Element Wasser durchzieht als Fluchtmöglichkeit für Bens den Film als Leitmotiv und findet sowohl in der filmischen Realität als auch in seiner Phantasie Verwendung, mitunter blickt der Zuschauer in einer Point-of-View-Perspektive zusammen mit ihm durch einen Taucheranzug. Hin und wieder sicherlich blasphemischer aufgefasst als sie gemeint war wurde die Sequenz, in der Ben mit einem großen Holzkreuz auf Elaines Hochzeit um sich schlägt; nichtsdestotrotz ein starkes, erinnerungswürdiges Motiv. Gleichwohl greift man auf Erklärungen aus dem Off zurück, um die Geschichte auch dann voranzutreiben, wenn die Bilder doch einmal zweitrangig werden.

Anhand von Ben und Elaine skizziert „Die Reifeprüfung“ den Aufbruch einer Generation und macht die Zuschauer zu Komplizen beim wertungsfrei dargestellten Tabubruch der sexuellen Beziehung eines jungen Hochschulabgängers zu einer älteren verheirateten Frau, die zugleich einer Initiation gleichkommt – nicht nur in Bezug auf Bens Sexualität. Dass sein Weg letztlich ebenfalls in eine dann doch eher klassisch monogame Zweierbeziehung mündet, möchte ich nicht als Zugeständnis an ein Publikum werten, das man evtl. nicht allzu sehr überfordern wollte, sondern als Versinnbildlichung der Sehnsucht nach privater Liebe und Geborgenheit auch in turbulenten, sich verändernden Zeiten, die eben nicht zwangsläufig in eines der Extreme wie kleinbürgerliche Spießig- und Oberflächlichkeit oder von Ängsten, Zweifeln oder Verantwortungslosigkeit bestimmte Bindungsunfähigkeit resultieren muss – was „Die Reifeprüfung“ zu einem inspirierenden Erlebnis machte. Sowohl der Film als auch seine Musik wurden Evergreens , was ich aufgrund der Qualität, die bereits bei der Wahl der Darsteller, die die die in sie gesetzten Erwartungen an Talent und Fähigkeit zur Verkörperung ambivalenter Rollen mehr als nur erfüllen, beginnt, der Niedrigschwelligkeit, die Nichols eine starke Breitenwirkung sicherte und der vermittelten Freude am empfohlenen Mut zum Einschlagen unvorgefertigter Wege sehr gut nachvollziehen kann. Dass Dustin Hoffman wesentlich älter als seine Rolle und die sexuelle Reife erotisch verkörpernde Anne Bancroft jünger als Mrs. Robinson war, ist wiederum ebenso typisch illusorisches Hollywood wie der Verzicht auf vollständige Nacktheit die Skandalwirkung lediglich und auf sehr geschmackvolle, stilsichere Weise auf die Handlung beschränkte – und somit Kritik und Vorwürfe direkt in die richtige Richtung kanalisieren konnte, ohne sich mit hysterischen Angriffen auf die Form auseinandersetzen zu müssen.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Do 29. Okt 2015, 12:58
von buxtebrawler
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Shock Waves - Die aus der Tiefe kamen

Schwarzbraun ist der Nazistuss

„Es gibt Geisterschiffe!“

US-Regisseur Ken Wiederhorn machte sich in Genrekreisen vor allem mit der ersten „Return of the Living Dead“-Fortsetzung einen Namen, debütierte jedoch bereits im Jahre 1977 mit dem angeblich bereits 1975 gedrehten Low-Budget-Schlocker „Shock Waves - Die aus der Tiefe kamen“: einem Horrorfilm um untote SS-Soldaten.

Ein Ausflugsdampfer gerät in der Karibik in ein Seebeben und wird nachts von einem anderen, unbeleuchteten Schiff gerammt, woraufhin es auf eine Schlammbank vor einer unbekannten Insel aufläuft. Am nächsten Morgen fehlt vom Kapitän jede Spur, weshalb man die Insel betritt und nach Hilfe sucht. Dort begegnet man einem ehemaligen Nazi-Befehlshaber, der nach dem Krieg eine Einheit künstlich erschaffener Elitesoldaten mitsamt ihrem Schiff versenkt hatte. Doch das Wrack wurde durch das Seebeben an die Oberfläche gespült und die genmanipulierte Killereinheit hat überlebt, nun auf der Suche nach neuen Opfern – unkontrollierbar, womöglich unsterblich…?

Wiederhorns Debüt zeigt zu Beginn ein Schwarzweißfoto einer Nazi-Einheit, aus dem Off wird dazu die absurde Geschichte der unverwundbaren Supersoldaten erzählt, die ohne Waffen, nur mit ihren bloßen Händen gegen die Alliierten kämpften. Ja, Deutschlands Nazischergen sind auch im phantastischen Film immer mal wieder ein dankbares Motiv, der Größenwahn und die unmenschliche Experimentiersucht irrer Forscher der NS-Diktatur in Kombination mit um sie rankenden Mythen lassen sich mit etwas Phantasie schnell weiterspinnen – z.B. in Richtung Nazi-Ufos, Mutationen oder eben auch untote Supersoldaten wie hier geschehen. Ein Qualitätsgarant ist eine solch krude Ausgangssituation jedoch ganz sicher nicht, wie leider auch der müde „Shock Waves“ beweist.

Die Rettung einer Schiffbrüchigen (Brooke Adams, „Manchmal kommen sie wieder“) leitet eine Rückblende ein, die die eigentliche Handlung ausmacht, die zunächst noch aus dem Off kommentiert wird. In einer atmosphärisch durchaus gelungenen Einleitung bekommt man das Seebeben und die sich verfärbende Sonne (unter orangem Farbfilter) zu sehen. Das Schiffswrack und die sich aus ihren feuchten Gräbern erhebenden Soldaten verbreiten eine morbide Stimmung und man beginnt unweigerlich, sich auf einen fiesen Grusler der alten Schule einzustellen. Wenn die Soldaten jedoch auf der Insel umherzustapfen beginnen, ist’s aus damit: Sie sehen aus wie Heino und verbreiten weder so viel Angst und Schrecken wie der teutonische Sängerbarde, noch wie man es nach der Exposition vielleicht erwartet hatte. In erster Linie ziehen sie ihre Opfer ins Wasser und erwürgen sie dort reichlich unspektakulär. Das hat zur Folge, dass man keinerlei blutigen Szenen kredenzt bekommt, von darüber hinausgehenden Spezialeffekten ganz zu schweigen.

Der Zuschauer weiß nun ja von vornherein, wer der gestrandeten Ausflugsgruppe überleben wird, wodurch auch das „Zehn kleine Negerlein“-Prinzip wenn überhaupt nur ansatzweise für Nervenkitzel sorgen kann. Der zusammengewürfelte Haufen verhält sich zudem nicht selten derart dumm, dass man sich wundern darf, wie er bis dahin überhaupt den Alltag bewältigt hat. Der ehrenwerte Peter Cushing („Frankensteins Fluch“) hat ein paar nette Szenen als ehemaliger Kommandeur der Nazitruppe, wird aber in erster Linie fürs Namedropping verheizt, ähnlich verhält es sich mit John Carradine („Hexensabbat“) als Kapitän Ben. Wie die finsteren Gesellen dann doch zu besiegen sind, verrate ich jetzt nicht, denn daraus speist sich das letzte Quäntchen Spannung und man darf froh sein, diese Frage überhaupt beantwortet zu bekommen – was es mit dem unnatürlichen Verhalten der Sonne auf sich hat und in welchem Zusammenhang das mit den Raging Heinos steht, verrät man uns nämlich nicht.

Komponist Richard Einhorns minimalistische, experimentelle (und dadurch schräg und seltsam klingende) Elektro-Untermalung verleiht dem Gezeigten zusätzlich sein bizarres Ambiente, bevor der Epilog die einzig Überlebende im Krankenbett präsentiert, eine Handschrift offenbarend ähnlich meiner bei Anfertigung der Notizen zu diesem Film – was jedoch schlicht an meiner Sauklaue liegt und nicht etwa, weil mich diese Wellen sonderlich schockiert hätten. Das war ein Schuss in den Ofen, Mr. Wiederhorn.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Sa 31. Okt 2015, 19:00
von buxtebrawler
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Basket Case - Der unheimliche Zwilling

„Wir werden uns nie trennen!“

US-Jung-Regisseur Frank Henenlotter begann seine „Karriere“ im Jahre 1982, als er gerade einmal 35.000 lumpige Dollar zusammenkratzte und einige Laiendarsteller um sich scharte, um mehr in Amateur- denn professioneller Manier den kleinen, trashigen Horrorreißer „Basket Case“ nach Grindhouse-Vorbild zu drehen. In seiner von Zensurschnitten entstellten ersten Kinofassung floppte er, doch als der vollständige Film in die Underground-Kinos gelangte, avancierte er zu einem Kulttitel und beliebten Leihartikel aus den Videotheken der 1980er und -’90, der längst in absolut jede Genresammlung gehört.

Duane (Kevin Van Hentenryck) und Belial Bradley sind Zwillinge, jedoch keine normalen. Sie wurden als siamesische Zwillinge geboren und damit nicht genug: Belial wuchs vollkommen deformiert aus Duanes Seite. Ihr Vater (Richard Pierce) ertrug den Anblick irgendwann nicht mehr und beraumte eine illegale Operation an, die von drei Ärzten in ihrem verschlafenen Heimatort Glenn Falls durchgeführt wurde und die Brüder voneinander trennte. Der missgebildete, klumpenartige Belial sollte heimlich und unwürdig in einem Müllsack entsorgt werden, überlebte jedoch und blieb telepathisch zur Kontaktaufnahme mit Duane fähig. Duane rettet Belial, der seinen Vater tötet und ihre Tante (Ruth Neuman) kümmert sich bis zu ihrem Tod aufopferungsvoll um die beiden. Im Alter von 20 Jahren sinnen die Geschwister auf Rache und suchen nacheinander die drei Ärzte auf, die sie seinerzeit trennten. Dr. Lifflander (Bill Freeman) finden sie noch in der Provinz, dessen Akte mit den Adressen der anderen beiden führt sie jedoch in die Metropole New York. Seinen Bruder pflegt Duane in einem Weidenkorb spazieren zu tragen. Sie kommen in der billigen Absteige „Hotel Broslin“ in der berüchtigten 42nd Street unter und planen von dort aus den weiteren Rachefeldzug. Doch die Sprechstundenhilfe Dr. Needlemans (Lloyd Pace), die junge und attraktive Sharon (Terri Susan Smith), findet Gefallen an Duane, ohne von Belials Existenz zu ahnen. Als dieser eine ausgeprägte Eifersucht entwickelt, droht die Situation vollends zu eskalieren…

„Haben Sie vielleicht ein Haustier bei sich?“ – „Nein, Sir, wieso?“

Bereits im Prolog geht es in die Vollen: Jemand wird bedroht und von einer gruseligen Pranke getötet. Zu wem diese gehört und was das Motiv war, erfährt man noch nicht. Schnitt, die Leuchtreklamen des Big Apple und ein leicht deplatziert wirkender Junge mit einem Weidenkorb, der direkt von einem Drogendealer angequatscht wird, welcher seine unheimlich lange Angebotsliste herunterrattert – willkommen im Sündenpfuhl New York! Unfreundlich wird Duane beim Einchecken ins „Hotel Broslin“ abgefertigt, das sich fortan als Mikrokosmos voll skurriler Charaktere entpuppt, die allesamt leicht neben der Spur, der Realität entrückt wirken. Bei seinem ersten NY-Arzt-Besuch präsentiert Duane ein riesiges Narbengewebe an seiner Seite, zu dessen Entstehung man als Zuschauer noch keine Informationen bekommt. Seine Spannung bezieht der Film zu diesem Zeitpunkt vor allem aus dem Inhalt des Korbs, der bis jetzt noch nicht enthüllt wurde. Henenlotter bedient sich nun zunächst einer beunruhigenden Point-of-View-Perspektive aus Sicht des stöhnenden Belials, erneut sieht man erst einmal lediglich seine Pranke.

„Er sieht aus wie ein geplatzter Oktopus!“

Im direkten Anschluss aber macht „Basket Case“ Schluss mit dem bis dahin prima funktionierenden Versteckspiel, endlich bekommt man Belial erstmals als unförmigen Klumpen, ein Kopf mit zwei Armen ohne Rumpf oder Beine, zu sehen, der Dr. Needleman tötet – wobei viel Blut spritzt. Eine bizarre Szene, die bereits wenig subtil andeutet, dass man im weiteren Verlauf nicht mit Kunstblut geizen wird und die Modellierkunst der Kreaturengestaltung zeigt, die irgendwo zwischen Pappmaché, Knetmasse und Gummiklumpatsch anzusiedeln ist und eine ganz eigenartige Stimmung verbreitet: Einerseits ist Belial unschwer als wenig organisch anmutende Handarbeit zu erkennen, andererseits erscheint er derart fremdartig, dass er tatsächlich unheimlich wirkt.

„Ich bezweifle sogar, dass es menschlich ist!“

Die telepathische Verbindung zwischen den Brüdern wird verdeutlicht, als Duane eine Liaison mit Sharon beginnt. Obwohl örtlich gerade voneinander getrennt, schreit der nicht sprechen könnende Belial infernalisch das komplette Hotel zusammen und scheucht so die Bewohner auf. Ein Einblick in sein Hotelzimmer wird für eine im Entstehungsjahr natürlich hoffnungslos veraltete, jedoch höchst charmante Stop-Motion-Animation Belials genutzt, die jedoch sicherlich nicht mit den Künsten eines Ray Harryhausen mithalten kann. Schließlich offenbart sich Duane betrunken einer Prostituierten in einer Bar – lachend, in scheinbar bester Stimmung; dabei ist es lediglich die Erleichterung, die Befreiung von der tonnenschweren Last, mit niemandem darüber reden zu können, was ihn so ausgelassen erscheinen lässt. Dementsprechend wird der Dialog auch bald ernst und traurig – und läutet eine Rückblende ein. Die Ereignisse kurz vor und nach der OP werden visualisiert, die Operationsszene mit ekligen Geräuschen unterlegt. Nun ist der Zuschauer voll im Bilde.

Dass Henenlotter auch das Stilmittel der Suspense wunderbar beherrscht, beweist die mahlend langsam ausgewalzte Szene der schlafengehenden Dame, die quasi perfekt inszeniert wurde. Gegen Ende holt man dann noch zu diversen Höhepunkten aus: grafisch fiesen wie dem Bild der Ärztin voller Skalpelle im Kopf, effekthascherischen wie dem dämonisch roten Aufleuchten von Belials Augen sowie künstlerischen bzw. psychologischen wie dem in seinen Träumen nackt durch die Straßen rennenden Duane. Höhepunkt der Provokation und des kalkulierten Ekels ist indes die Vergewaltigung Sharons durch Belial, deren Oberweite man nun auch unbekleidet zu Gesicht bekommt. Letztendlich läuft das alles auf ein dramatisches Finale und tragisches Ende hinaus, das für ein Regiedebüt ebenfalls erstaunlich punktgenau umgesetzt wurde.

„Das ist kein Hotel, das ist ein Irrenhaus!“

Als immer amüsanter werdender Running Gag zieht sich das Chaos durch den Film, das Duanes und Belials Aufenthalt im Hotel mit sich bringt und viel Raum bietet, die teilweise wahrhaftigen Charakterfressen der Nebendarsteller ins Licht zu rücken, deren Rollen immer wieder aufgescheucht werden. Der mürrische Rezeptionist (Robert Vogel, „Die Chaotenkneipe“, bereits 1989 39-jährig verstorben – R.I.P.!) kann einem dabei fast schon leidtun, auch wenn er seinen Gästen gern einmal „Jeder geht wieder auf sein Zimmer!“ zubrüllt, als befänden sie sich in einem Internat. Generell wird in „Basket Case“ viel geschrien und die Schauspieler neigen zum Chargieren, was jedoch mittels feinsinnigem bis schwarzem Humor überaus genießbar abgefedert wird. Die Spezialeffekte wurden einfach, aber effektiv gestaltet und man merkt dem Film die diebische Freude an, die das Team dabei gehabt haben muss, Belial zum Leben zu erwecken und seine Untaten grafisch auszuarbeiten. „Basket Case“ ist ferner ein echter „New-York-Film“, wie sie für die 1970er und -'80er typisch waren, begeistert dank seines authentischen Zeit- und Lokalkolorits und frönt den drei „sch“: Er ist schmuddelig, schunding und schmutzig, was ihn zu einem perfekten Vertreter des urbanen Grindhouse-Kinos macht. Doch „Basket Case“ kann sogar noch mehr, spielt nämlich mit der Faszination für die immer von einem leicht mystischen Hauch umwobene Verbundenheit von Zwillingen und provoziert darüber hinaus ethische Fragen nach dem Umgang mit „unwertem Leben“, was etwas weitergesponnen in eine Auseinandersetzung mit Andersartigem und seinem Platz in der Gesellschaft mündet. Henenlotter ist ein nicht nur für ein No-Budget-Debüt mehr als beachtlicher Genrefilm gelungen, der mir über die Jahre doch sehr ans Herz gewachsen ist – dem ich hoffentlich mit dieser Rezension entsprechend Ausdruck verleihen konnte.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Fr 6. Nov 2015, 00:42
von buxtebrawler
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Das große Fressen

„Die Franzosen und ihr Fressen!“

Als der italienische Regisseur Marco Ferreri („Ganz normal verrückt“) nach seinem Erotikdrama „Allein mit Giorgio“ einige renommierte Schauspieler um sich scharte und zum „großen Fressen“ lud, war der Skandal perfekt. Mit seiner eigenwilligen „Dramödie“ um vier Männer aus der Mitte der Gesellschaftlich, die sich zum kollektiven Totfressen versammeln, gelang ihm 1973 in französisch-italienischer Koproduktion ein Aufsehen erregender, provokanter Skandalfilm, dessen Ruf lange nachhallte und der zu Ferreris wohl populärsten Werk geriet.

Der als Richter arbeitende Philippe (Philippe Noiret, „Eine Wolke zwischen den Zähnen“) lädt seine Freunde, den Koch und Restaurantbesitzer Ugo (Ugo Tognazzi, „Barbarella“), Flugkapitän Marcello (Marcello Mastroianni, „Was?“) und Fernsehmoderator Michel (Michel Piccoli, „Themroc“) in die leerstehende Stadtvilla seiner Familie ein. Dort lassen sie sich eine Lkw-Ladung Lebensmittel liefern, bestellen sich drei Prostituierte und versuchen, durch Überfressen das Zeitliche zu segnen und nebenbei noch etwas zu vögeln. Irgendwann stößt durch Zufall die Lehrerin Andrea (Andréa Ferreol, „Der Zwilling“) hinzu, während die Huren angewidert das Weite suchen. Den Männern ist’s egal, sie essen und essen...

Quasi unmittelbar nach Eröffnung des Films reißt Ferreri seine männlichen Hauptrollen bereits aus ihrem Alltag und verfrachtet sie in die opulente Pariser Villa, wo sich die gesamte Handlung von nun an abspielt. Nur zaghaft werden die Personen nach und charakterisiert, obwohl sie nahezu ununterbrochen plappern und wer noch nicht weiß, worauf das alles hinausläuft, wird sicherlich versuchen, so etwas wie einen roten Faden im Treiben zu finden, das zunächst wie ein recht harmloses, wenig aufregendes Treffen langjähriger Freunde wirkt. Dass sie sich in Todessehnsucht für das abwegige Vorhaben, sich so lange zu überfressen, bis sie sterben, versammelt haben, wird im weiteren Verlaufen erst spät deutlich und wirkt fast wie beiläufig erwähnt. Alle vier Mittelklassemänner bewahren lange Zeit eine gewisse Contenance, geben sich außer den Ess- und Sexualexzessen keinen weiteren hin. Drogen bleiben ebenso außen vor wie Drama oder tiefe Emotionen.

Ferreri spult dazu passend Handlung und Entwicklung weitestgehend gleichförmig ab, arbeitet weder mit einem ausgefeilten Timing, noch mit Dramatik oder Tragik, bewahrt quasi stets eine Art Einheitstempo, was „Das große Fressen“ zu einer anstrengenden, monotonen Angelegenheit macht. Seinen Witz entwickelt er aus der Überzeichnung der lebensmüden Charaktere und ihrer Marotten, ohne dabei wirklich lustig zu sein – was er vermutlich auch gar nicht sein wollte. Umso befremdlicher wirkt der Fäkalhumor durch die permanente Flatulenz, die ab einem gewissen Zeitpunkt Einzug hält, was als kontrastierendes Stilelement seine Wirkung nicht verfehlt und durch seine ständige plumpe Wiederholung zu einem Running Gag auf Grundschulniveau avanciert – immerhin. Weshalb alle bis auf einen kurzen Zwischenfall den Mageninhalt stets bei sich behalten, statt nach dem x-ten übermäßigen Bissen zu Reihern, was das Zeug hält, erschließt sich mir jedoch nicht.

Die gezeigte nackte Haut mag damals hier und dort noch skandalträchtig gewesen sein, die Kamera bleibt jedoch stets auf Distanz, statt sich hemmungslosem Voyeurismus hinzugeben oder die sexuellen Inhalte exploitativ auszuschlachten. Rubensfrau Andrea wurde vermutlich bewusst gegen Mainstream-Schönheitsideale gecastet und einerseits passt sie mit ihrem fleischhaltigen Körper gut zur Thematik, andererseits entbehrt das womöglich nicht einer gewissen chauvinistischen Diskriminierung fülligerer Frauen. Die Mischung aus vermeintlich absoluter Hemmungslosigkeit bzw. der Darstellung des Versuchs derselben durch vier allem Anschein nach zivilisierte, mitten im Leben stehende Herrschaften in Verbindung mit außerehelichem Sex, Völlerei und viel Ekel dürfte es gewesen sein, die derart sauer aufstieß, was wiederum das Kalkül Ferreris gewesen sein dürfte. Wie man es wiederum schafft, ein trotz all dieser Zutaten derart langatmiges Filmerlebnis zu kreieren, weiß wohl auch nur Ferreri allein.

Über die Intentionen der Männer lässt uns Ferreri ebenso im Unklaren, die Motive bleiben im Dunkeln und werden nie thematisiert. Möglicherweise wollte er verschiedene Interpretationsansätze von Konsumkritik über westliche Dekadenz bis hin zu moralischen oder religiösen Motiven anbieten und zum Nachdenken anregen, eventuell war es ihm aber auch schlicht egal und es ging ihm in erster Linie darum, sein Publikum auf eine Probe zu stellen, es zu verschrecken, mit Tabus zu jonglieren und/oder sich über reale Vorbilder seiner gutsituierten Protagonisten lustig zu machen. Weshalb er dann im letzten Drittel des überlangen Films mit der bisher bewiesenen Konsequenz bricht und in Person Marcellos Zweifel am Suizidplan streut – Marcello scheint nämlich doch noch andere Pläne zu entwickeln, doch dafür ist es zu spät –, so als wolle man nun doch noch reichlich bemüht eine tragische Note untermischen, erschließt sich mir ebenso wenig wie manch anderes an diesem bizarren Film, der einerseits unverkennbar den experimentellen Geist des aufgeschlossenen französischen und italienischen Kinos der 1970er atmet, andererseits aber – ich will ehrlich sein – in meiner Rezeption schon etwas in Richtung des angekackten Bettlakens tendiert, das in einer Kunsthalle ausgestellt wird...

So, was gibt's zu essen?