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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mi 1. Jul 2015, 09:50
von buxtebrawler
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Trog – Das Ungeheuer

„Vielleicht sind wir der Vorgeschichte der Menschheit auf der Spur!“

Der britische „Hammer“- und „Amicus“-Veteran Freddie Francis („Die Todeskarten des Dr. Schreck“) beehrte uns im Jahre 1970 mit dem Monsterfilmchen „Trog – Das Ungeheuer“, das ob seiner trashigen Natur Pate stand für John Landis‘ Regiedebüt „Schlock – Das Bananenmonster“.

Die Höhlenexpedition von ein paar Studenten schreckt einen urzeitlichen Troglodyten auf, ein menschenaffen-/höhlenmenschenähnliches Wesen. Die Anthropologin Dr. Brockton (Joan Crawford, „Die Zwangsjacke“) lässt es fangen, um es zu untersuchen und zu zähmen. Doch Reporter Murdock (Michael Gough, „Dracula“) befreit es – Panik bricht aus…

„Trog – Das Ungeheuer“ ist ein billiges, sympathisches, naives B-Movie-Monsterfilmchen, das den tragisch-dramatischen Aspekt von Filmen wie „King Kong“ und „Der Schrecken vom Amazonas“ oder auch „Frankenstein“ aufgreift, also eine eigentlich gar nicht einmal böswillige Kreatur in der Zivilisation installiert, wo es missverstanden und gejagt wird. Die billige Machart mit aus „2001 – Odyssee im Weltraum“ wiederverwertetem Affenkostüm und auf ein paar Schmunzler abzielendem menschlicher werdendem Benehmen des „Trog“ getauften Affenmenschen steht im Kontrast zur bierernsten, von jeglicher Selbstironie befreiten schauspielerischen Leistung allen voran Crawfords als eifrige Wissenschaftlerin, die im Karriereherbst verstärkt in Low-Budget-Produktionen auftrat. Zuweilen fällt die Handlung sehr redselig, sprich: dialoglastig aus und ständig steppt der Erklärbär bzw. -affe. In Verbindung mit meinen Lieblingsszenen wie Trogs als Rückblende visualisierten Erinnerungen an die Zeit der Dinosaurier (! – die inkl. ihrer charmanten Stop-Motion-Animationen allerdings aus der Doku „Die Tierwelt ruft“ stammt) ergibt sich ein Kuriosum eines Monsterfilms, das trotz aller Oberflächlichkeit und nicht unbedingt miteinander harmonierenden Ingredienzien seine eigentlich zutiefst humanistische Botschaft transportiert, so dass man es trotz aller Schwächen einfach gern haben muss. „Trog“, Joan und Konsorten bei ihrem tragischen Abenteuer zu beobachten, war jedenfalls im Rahmen der Wiederaufführung beim „Monster machen mobil 2015“-Kinofestival in Hamburg ein besonderes Vergnügen, insbesondere für Freunde des britischen phantastischen Films.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Do 2. Jul 2015, 09:21
von buxtebrawler
Den "Frankenstein '80" gab's ja auch seinerzeit im Kino, deshalb hier der Vollständigkeit halber noch einmal mein Kommentar nach der Erstsichtung:

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Frankenstein ’80

„So ein Scheißkram!“ – „Genau das ist es! Ein elender Scheißdreck!“

Eigentlich eine gute Idee: Eine Variation des bekannten Frankenstein-Themas unter verstärkter Berücksichtigung der medizinischen Problematik der Abstoßung transplantierter Organe. Was der Italiener Mario Mancini in seinem Sleazehorrorflick „Frankenstein ’80“ aus dem Jahre 1972 (nicht 1980) daraus gemacht hat, steht aber auf einem anderen Blatt. Dr. Schwarz (Bob Fiz) hat ein neues Serum entwickelt, das genau dieses Risiko weitestgehend ausschließen soll (blaue Flüssigkeit im Fläschchen, verdeutlicht durch bildausfüllende Zooms auf selbiges, wann immer es bewegt oder verwendet wird), doch der sinistere Dr. Otto Frankenstein (Gordon Mitchell, „Der große Schwarze mit dem leichten Knall“, „The Cross of the Seven Jewels“) stibitz ihm dieses klammheimlich, um sein passenderweise Mosaic genanntes humanoides Puzzle (Xiro Papas, „SS Hell Camp“) damit zu versorgen. Dieses zieht daraufhin fröhlich und grunzend meuchelnd durch eine deutsche Stadt (Hamburg?), während die schwerkranke Frau des Reporters Karl Schein (John Richardson, „Torso“, „Men in Black II“) in Ermangelung des Serums das Zeitliche segnet. Mehr oder weniger zusammen mit der stümperhaften Polizei begibt er sich auf die Suche nach dem Dieb...

„Na wie fein, Fräulein Schwein!“ (mit dem Nachnamen „Schein“ ist man zumindest in der deutschen Synchro nicht vor Verballhornungen gefeit, egal, wie krank man ist...)

Mancinis Film ist ein weiniger blutiges, vielmehr extrem sleaziges, weil mit reichlich nackter Damenhaut gesegnetes, delirierendes Kuriosum von Horrorfilm, wie es nur die Italiener fertig brachten. Der zusammengestückelte Mosaic sucht ständig die Nähe gut bestückter Damen und fällt mal mehr, mal weniger mit seiner fiesen Narbenfresse negativ auf. Betritt er eine Metzgerei, wird der Fleischereifachverkäuferin durch sein Gegrunze sofort klar, dass er nach Leber fragt, woraufhin sie mit einem Knochen erschlagen wird. Sucht er Prostituierte auf (!), läuft die eine noch angewidert davon, während ihn die nächste mit aufs Zimmer nimmt, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Klar, dass auch das blutig ausgeht – und die Polizei auf den Plan ruft. Diese besteht aus einem permanent lauthals fluchenden Choleriker und zwei Schießbudenfiguren von Dilettanten, auf die der Chefbulle sein selbst auferlegtes Rauchverbot sogleich überträgt, bis der Fall gelöst ist. So funktioniert Mitarbeitermotivation!

„Überprüfung des Hodentransplantats: Assimilierung perfekt, mit Steigerung der Potenz.“ (Aha! Deshalb so notgeil, der Gute.)

„Frankenstein ’80“ ist einer dieser aufgrund ihres Trash-Gehalts unterhaltsamen Filme, die von einer Aneinanderreihung von Absurditäten leben, die größtenteils unfreiwilliger Natur sein dürften und deshalb schon bald dem geeichten Zuschauer ein debiles Schmunzeln auf die Lippen zaubern, das bis zum Eintreten des Abspanns anhält. Das beginnt in etwa mit dem Auftritt von Dr. Schwarz, der wie ein schmieriger Quacksalber aussieht und ein Hütchenspielergrinsen spazieren trägt, hält sich über die hirnrissig konstruierte Handlung und lässt erst nach, nachdem sich Mosaic gegen seinen Erschaffer wandte und fortan noch ca. 20 Minuten lang seine etwas unmotivierte Meucheltour fortsetzt, um den Film über die Distanz zu bringen und die depperten Polizisten weiter vorzuführen.

„Warum musst du immer töten? Was hab ich falsch gemacht? Das muss ich herausfinden!“ (Zu spät, Dr. Frankenstein...)

Viele (potentielle) Goreszenen wurden sehr durchschaubar im seitlichen Profil gefilmt, während hinter dem jeweilige Körper herumfuhrwerkt wird. Gordon Mitchell sieht als Mad Scientist dabei so pervers aus, dass man nie so recht weiß, wer nun eigentlich gemeint ist, wenn von einem „hässlichen Mann“ die Rede ist – Mosaic oder Doc himself? Die Darsteller spielen jeweils auf, wie sie es gerade für richtig halten, von Under- bis Overacting wird die komplette Palette des „Neben der Spur Spielens“ abgedeckt. Die Handlung ist simpel und verläuft recht linear, wobei etwas verwundert, dass der Name „Frankenstein“ auf keinerlei Vorbehalte stößt. Anscheinend spielt „Frankenstein ’80“ in einer Parallelwelt, in der es Mary Shelleys Roman nie gegeben hat. Doch glücklicherweise haben wir ja unseren findigen Journalisten: „In das Haus dieses gewissen Dr. Frankenstein! Ich habe da einen Verdacht“ – und kurz darauf geht es Mitchell auch schon an den Kragen, denn alle Beteiligten kommen hier grundsätzlich zu spät. Gut möglich, dass die krawallige deutsche Synchronisation ihren Teil zum Spaßfaktor dieses Trash-Spektakels beigetragen hat und noch mal einen draufsetzte.

Anscheinend hat Mario Mancini nur diesen einen Film als Regisseur gedreht. Warum bloß? Ein Andrea Bianchi beispielsweise hat schließlich auch mehrere Produktionen auf dem Kerbholz! Wer mit Filmen wie „Rückkehr der Zombies“, „Patrick lebt!“, „Labyrinth des Schreckens“ oder vermutlich auch „Das Grauen kommt nachts“, dessen Sichtung mir noch bevorsteht, bestens vertraut ist, wird auch hieran seine helle Freude haben – am besten zusammen mit Gleichgesinnten und die eigene (Fremd)schamgrenze senkenden Substanzen. Oder um es mit Dr. Frankensteins Worten zu sagen: „Hoffentlich ist die Leber noch brauchbar!“ – das sollte man sich nach dem alkoholgeschwängertem Genuss dieses Machwerks nämlich ebenfalls fragen.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Di 7. Jul 2015, 16:59
von buxtebrawler
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Stadt der Toten

„Verbrennt die Hexe!“

Das Spielfilmdebüt des britischen Regisseurs John Llewellyn Moxey („The Night Stalker“) datiert auf das Jahr 1960 und ist der noch komplett in Schwarzweiß gedrehte Hexen-Horrorfilm „Stadt der Toten“, den er für die Produktionsfirma „Vulcan“ drehte, aus der kurz darauf die berühmte „Amicus“-Filmschmiede hervorging.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wird die Hexe Elizabeth Selwyn in Whitewood auf dem Scheiterhaufen verbrannt, jedoch nicht, ohne dass sie die Dorfbewohner unter irrem Gelächter verfluchen würde. 250 Jahre später referiert Professor Alan Driscoll (Christopher Lee, „Das Dunkel der Nacht“) zum Thema Hexen und geht auf diesen Fall ein. Seiner interessierten Schülerin Nan Barlow (Venetia Stevenson, „Von Panzern überrollt“) empfiehlt er eine Reise nach Whitewood, die diese auch prompt antritt, dort jedoch auf die Reinkarnation der Hexe sowie einen ihr zu Ehren agierenden Kult trifft – und Professor Driscoll ist ein Teil dessen. Die Studentin gerät in akute Lebensgefahr…

„Das Böse hat über das Gute gesiegt!“

Moxeys Hexenhorror gehört noch der ganz alten Schule an, der Hexen als tatsächlich bösartige Frauen und nicht als zu Unrecht von der Kirche verfolgte Opfer darstellt. Dementsprechend fischt er viel im Okkulten und bemüht sich um das passende Gothic-Ambiente, ohne jedoch die Klasse doppelbödiger Genreklassiker zu erreichen – dafür ist er etwas zu einfältig. Der stimmige Prolog, die Rückblende zur Hexenverbrennung, lässt noch eine etwas originellere Handlung erhoffen, doch nach Einführung des prinzipiell immer charismatischen Christopher Lees wird die Marschrichtung relativ schnell deutlich. Ein besonderer Kniff jedoch ist das überraschende Ableben der mutmaßlichen Hauptrolle bereits zur Filmhälfte, wie es im selben Filmjahr auch Hitchcock seiner Protagonistin in „Psycho“ antat.

Kurz nach Nans Tod begeben sich ihr Bruder Richard (Denis Lotis, „Das Schwert des Robin Hood“) und ihr Freund Bill (Tom Naylor, „Ein Spatz in der Hand“) ebenfalls in den verhängnisvollen Ort, um nach ihr zu suchen – und bekommen es gleichermaßen mit dem Hexenkult zu tun. Spätestens hier ist die Spannung dann leider nahezu komplett raus und das „große Finale“, das Bill nach einem überdimensionalen Kruzifix greifen lässt, dessen Anblick die Hexen verbrennen lässt, ist dann B-Movie-Trash in Reinkultur. „Stadt der Toten“ ist somit für Genre-Fans durchaus von Interesse, verblasst aber neben großen Hexenklassikern wie z.B. „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ und wirkt leider etwas uninspiriert und profan.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mi 8. Jul 2015, 23:22
von buxtebrawler
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Guayana – Kult der Verdammten

Ausgerechnet der als Trashfilmer verschriene Mexikaner René Cardona Jr. („Tornado“) war es, der als erster, nämlich direkt im darauffolgenden Jahr, den spektakulären Massen(selbst)mord der US-Sekte „Peoples Temple“ um Guru Jim Jones im südamerikanischen Guayana, bei dem im Jahre 1978 über 900 Menschen den Tod fanden, kinematisch verarbeitete. „Guayana – Kult der Verdammten“ entstand in mexikanisch-spanisch-panamischer Koproduktion und wurde im Stil eines dokumentarischen Dramas bzw. Thrillers gedreht, die Namen wurden leicht geändert:

„Reverend“ James Johnson steht mit seiner 1956 gegründeten Sekte immer stärker unter Beobachtung der US-Behörden, weshalb er mitsamt seinen rund 1.2000 Anhängern ins südamerikanische Guayana umsiedelt, wo er Land gepachtet hat. Unter hermetischer Abriegelung entzieht er sich so allzu neugierigen Blicken und hält seine Schäflein mit Drogen und drakonischen Bestrafungen bei Zuwiderhandlungen gegen den strengen Verhaltenskodex gefügig, während er sie systematisch ausbeutet und wie ein mit pseudosozialistischen/-antirassistischen, hippieesken und verschwörungstheoretischen Floskeln um sich werfender Despot über sie bestimmt. Dennoch gelingt es einer US-Delegation aus Regierungsangehörigen und sie begleitenden Journalisten, sich Zutritt zu „Johnsontown“ zu verschaffen. So sehr sich Johnson auch bemühte, die Delegation zu blenden – es gibt Sektenangehörige, die zurück in die USA wollen und sich der Delegation auf ihrem Rückweg anschließen. Johnson sieht das Ende seiner Sekte gekommen, lässt die Delegation und Ausreisewilligen erschießen und verordnet den Massenselbstmord seiner Jünger…

Der Prolog (der kompletten Fassung) zeigt Jones alias Johnson, wie er in Cardona Juniors Film heißt, während dessen flammenden Plädoyers für die Umsiedelung nach Guayana, wo mit „Johnsontown“ eine Art Paradies auf Erden errichtet werden soll. Im Anschluss steigt die Handlung zu einem Zeitpunkt ein, an dem der Ort oder vielmehr das Lager bereits existiert. Und um ges leich auf den Punkt zu bringen: „Guayana – Kult der Verdammten“ ist keinesfalls ein Trashfilm und hält sich auch mit exploitativer Ausschlachtung weitestgehend zurück – überraschend angesichts des sonstigen filmischen Schaffens Cardona Juniors. Stuart Whitman („Blutrausch“) mimt das Sektenoberhaupt mit einer eindringlichen Performance und unberechenbarer, dämonischer Aura. Es kommt zur Sprache, dass er sich körperlich in einem beunruhigendem Zustand befindet und die Kaltschnäuzigkeit, mit der er damit auch das Leben seiner Anhänger für wertlos erklärt, ist beängstigend. Die sich stark um einen dokumentarischen, bisweilen gar nüchternen Anstrich und Stil bemühende Handlung beleuchtet relativ detailliert die Bemühungen der Behörden, Einblicke in Johnsontown zu erhalten und auch die unterschiedlichen Interessen und befürchteten Risiken z.B. diplomatischer Natur. Dramaturgisch ist das zeitweise etwas trocken, zumal das Verhalten der USA recht kritiklos nachgezeichnet wird.

Die nachgestellten Bilder aus Johnsontown zeigen dann indes umso deutlicher, welche eigentlich plumpe, jedoch drogengestützte und bei allen Bekundungen eines friedlichen Zusammenlebens autoritär durchgepeitschte und um die Erzeugung von Abhängigkeiten bemühte Gehirnwäsche dort vor sich geht. Auf einzelne grausame Absurditäten wie die eigenwillige Züchtigung sich sexueller Verfehlungen schuldig gemacht habender Bewohner wird dann inklusive nackter Tatsachen genauer eingegangen, was dann doch in Richtung exploitativer Lagerfilme tendiert. Die psychologische Ebene, die Motivation der Anhänger und ihre Ursachen bleiben hingegen weitestgehend unberücksichtigt. Dennoch verfehlt der Film seine Wirkung spätestens dann nicht mehr, wenn das „Finale“ eingeläutet wird und der offene Konflikt mit der Delegation und den Flüchtigen entbrennt, um schließlich in die zuvor bereits geübte Umsetzung des „Massenselbstmords“ mittels Zyankali zu münden, der weder vor Kindern noch Babys Halt macht und bei allen Zweiflern kräftig nachhilft, von einem freiwilligen Suizid also keinesfalls die Rede sein kann. In diesen unter die Haut gehenden Bildern werden der Wahnsinn dieser Sektendynamik und die Verlogenheit bei gleichzeitigem Größenwahn ihres Führers endgültig verdeutlicht und obwohl sicherlich jeder Zuschauer gewusst haben dürfte, welch abscheuliches Ende die „Peoples Temple“-Gemeinschaft nahm, bleibt man baff und sprachlos zurück. Die erfolgreich um Seriosität bemühten Nebendarsteller und von Cardona und seinem Team offenbar gut angeleiteten Komparsen unterstützen den in dieser Hinsicht positiven Eindruck.

Damit ist Cardona Juniors Verarbeitung der Ereignisse letztlich tatsächlich mehr eine eindringliche Warnung vor derartigen Erlösungsversprechen und Dokumentation schier unfassbarer Konsequenz als schäbiger Unterhaltungsfilm, wenn er auch das komplette Ausmaß nur schwer begreiflich machen kann und nie allzu sehr in die Tiefe geht.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Di 14. Jul 2015, 17:35
von buxtebrawler
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Highlander – Es kann nur einen geben

„Verlier nicht deinen Kopf!“

1984 schuf der australische Videoclip-Regisseur Russel Mulcahy mit seinem zweiten Spielfilm „Razorback“ einen bildgewaltigen Tierhorrorfilm, der eine volle Breitseite ‘80er-Jahre-Ästhetik auf den Zuschauer niederprasseln ließ. Nach einem Musikfilm für „Duran Duran“ gelangte er 1986 mittels der britisch-US-amerikanischen „Cannon“-Koproduktion „Highlander – Es kann nur einen geben“ zu erhöhter Popularität, so dass der Fantasy-Actioner gleich mehrere Fortsetzungen und eine TV-Serie nach sich zog.

Connor McLeod (Christopher Lambert, „Subway“) ist ein Highlander, ein Unsterblicher, der über Jahrhunderte hinweg gezwungen ist, gegen andere Highlander zu kämpfen – ganz unsterblich sind sie nämlich nicht: Enthauptet ein Highlander einen anderen, gehen all sein Wissen, seine Fähigkeiten und seine Macht auf den jeweiligen Sieger über. Im New York des Jahres 1986 sieht sich Connor mit dem bösen Kurgan (Clancy Brown, „Moonwalker“) konfrontiert, der seinen Kopf will – und einst bereits Connors Lehrmeister Ramíirez (Sean Connery, „Der Name der Rose“) tötete. Die Großstadt wird zur Kulisse einer epischen Schlacht zwischen beiden Highlandern…

„Mit dem Herzen, dem Glauben – und dem Stahl!“

Mit einer erläuternden Texttafel beginnt Mulcahy seinen Film, zu dessen Eröffnungstiteln bereits der Bombast-Rock-Soundtrack der britischen Band „Queen“ ertönt, der sich durch den gesamten Film zieht und eines seiner unverkennbaren Qualitätsmerkmale ist. Während sich in einer Wrestling-Arena Showkämpfe geliefert werden, geht es in der Tiefgarage um Leben und Tod: Der Schwertkampf zwischen zwei Highlandern, in dessen Folge einer enthauptet wird, ruft polizeiliche Ermittler auf den Plan. Damit ist die Ausgangssituation für den Film geschaffen, der fortan immer wieder von Rückblenden in jahrhundertealte Stationen aus Connors Leben unterbrochen wird. Untermalt von pompösen Klassikklängen, die den „Queen“-Sound prima ergänzen, führt die erste in eine Mittelalter-Schlacht, nach der Connors (Beinahe-)Unsterblichkeit entdeckt – und er verbannt wird, weil man ihn mit dem Teufel im Bunde wähnt. In der Gegenwart indes wird Connor zunächst einmal Opfer von Polizeigewalt und die Pathologin Brenda Wyatt (Roxanne Hart, „Oh Gott! Du Teufel!“) erweist sich als Schwertexpertin.

„Ich werde nie begreifen, wie unsere Polizei überhaupt wen schnappt!“

Ihr Interesse an Connors Katana ist unschwer als Metapher für ihr sexuelles Begehren zu deuten, denn fortan steht Connor nicht nur unter Beobachtung des NYPD, sondern auch Brendas, die ihm nachstellt und langsam aber sicher seinem Geheimnis auf die Spur kommt. Somit zeichnet sich „Highlander – Es kann nur einen geben“ inhaltlich durch zahlreiche Rückblenden von den Highlands im Mittelalter bis hin zur Nazi-Zeit, Schwertduell-Action, den altbekannten Kampf Gut gegen Böse und die Probleme, die der sich aktuell in einer Scheinidentität als Antiquitätenhändler befindende Connor McLeod als Unsterblicher hat und die ihn zunächst auch daran hindern, eine Liebesbeziehung mit Brenda einzugehen, aus.

„Ich lebe seit viereinhalb Jahrhunderten – und ich kann nicht sterben!“ – „Naja, wir haben alle unsere Probleme…“

Dies geht einher mit etwas Rührseligkeitskitsch, wenn er in einer der Rückblende seine im Gegensatz zu ihm gealterte Frau in seinen Armen sterben lässt. Ferner wird aufgedröselt, wie er jahrhundertelang unentdeckt ohne zu altern leben kann. Noch bevor das kritische Publikum also lauthals „Logiklücken!“ konstatieren kann, bemüht man sich um Erklärungen. Ursprünglich soll auf die Herausforderungen der Unsterblichkeit, ihre Schattenseiten, sogar viel stärkeres Gewicht gelegt worden und der Film dadurch düsterer ausgefallen sein. Schade, dass man dies zugunsten oberflächlicherer Unterhaltungswerte korrigierte.

Kurgan macht mit seiner auffälligen Halsnarbe optisch einiges her, albert blasphemisch in der Kirche umher und wurde auch sonst möglichst widerwärtig gezeichnet, dabei jedoch – um das Mainstream-Publikum zu erschrecken – in Rockrebellen-Lederkluft gesteckt, in der sich Clancy Brown indes sehr wohl zu fühlen scheint und mit sichtlichem Spaß am „Bösen“ seine Rolle ausfüllt. Zum Finale hin entführt er Brenda und wütet im Straßenverkehr, was reichlich Action bietet; ebenso natürlich das finale Duell, das unter Leuchtreklame eingeläutet wird, welche komplett „abgebaut“ wird, und sich schließlich in eine Halle verlagert. Da blitzt und explodiert es viel, bunte Computerblitze zucken über Leinwand bzw. Mattscheibe, Scheiben zerbersten und gezeichnete Dämonfratzen flattern durchs Bild. Ein bisschen trashig ist das schon.

Aber irgendwie auch geil, denn herrlich ‘80er, und Mulcahys Ausleuchtungen, das New Yorker Neon-Ghetto-Ambiente und die perspektivenreiche, dynamische Kameraarbeit sind von hohem ästhetischem Niveau und unverkennbar Kinder ihrer Zeit, einer Zeit, die Mulcahy durch seine Arbeiten aktiv visuell mitgestaltete. Ja, „Highlander – Es kann nur einen geben“ sieht einfach gut aus, wenngleich mich das noch offensivere, schon bavaeske Farbspiel in „Razorback“ noch mehr begeisterte. Aber „Highlander“ steht eben auch mit mindestens einem Bein im Fantasy-Kitsch, zehrt viel von seinen Mittelalter- Ausflügen und seinem Schwertkampf-Pomp und umgeht allzu düstere Stimmung durch komödiantische Einlagen (wie dem britischen Aristokraten-Duell). Ich kann gut verstehen, dass all das Mittelalter-Pathos mit seinen malerischen Bildern der tatsächlich wunderschönen schottischen Highlands in Kombination mit bzw. im Kontrast zu modernem ‘80er-Look reizvoll wirkt, aber so hundertprozentig meinen Geschmack trifft diese dick aufgetragene Power-Metal-Prätentiöse dann eben doch nicht. Dafür ist Cannons Spektakel er aber angenehm kurzweilig ausgefallen, durchaus seriös (gerade auch von Lambert) geschauspielert und visuell und akustisch ein herausragendes Stück ‘80er-Bombast-Kinos, das mir trotz seiner Fantasy-Klischees noch über mehr Seele zu verfügen scheint als manch andere zum Epos aufgeblasene Phantasterei jüngeren Datums. 6,5 von 10 Enthauptungen sind da schon drin, wohlgemerkt aus Sicht eines Fantasy-Skeptikers, aber Freunds der ‘80er-Kinoästhetik.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mi 29. Jul 2015, 00:06
von buxtebrawler
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Les Patterson rettet die Welt

…doch wer rettet die Welt vor Les Patterson?

„War doch nur ‘n Fürzchen…“

In Australien ist Komiker Barry Humphries ein Star und besonders bekannt für seine Rollen als Dame Edna und Les Patterson. Letzterer ist der Hauptcharakter der 1987 vom britischen Regisseur George Miller („Percy – Der Potenzprotz“), ironischerweise nicht zu verwechseln mit dem australischen „Mad Max“-Regisseurs gleichen Namens, gedrehten Komödie „Les Patterson rettet die Welt“, in der auch Dame Edna eine Nebenrolle inne hat.

Er ist ein vulgärer Trinker mit Blähungen – und er spricht betrunken vor der UNO-Vollversammlung, denn er ist australischer UN-Botschafter: Sir Les Patterson (Barry Humphries, „Mephisto 68“), die manngewordene diplomatische Vollkatastrophe. Zur selbigen kommt es, als er aufgrund seiner leicht entflammbaren Darmwinde aus Versehen den Ayatollah Mustapha Tool (Garth Meade, „Return of Captain Invincible oder Wer fürchtet sich vor Amerika?“) in Brand setzte. Daraufhin wird er in die Wüste strafversetzt, genauer: in einen Golfstaat, ausgerechnet einen, in dem Colonel Richard Godowoni (Thaao Penghlis, „Der Höllentrip“) gerade erfolgreichen einen Militärputsch durchführt und den sinisteren Plan hegt, die USA mittels des fiesen H.E.L.P.-Virus zu attackieren. Doch Les und Agentin Wisteria (Barry Humphries als Dame Edna) haben die Chance, den terroristischen Anschlag zu vereiteln…

„Dies ist kein Ort für einen Liebhaber eines guten Tropfens!“

Les Patterson ist ein echter Kotzbrocken, der stets mehr Glück als Verstand hat und nur deshalb am Leben bleibt. Daraus resultiert ein Teil des Humors Millers Films, der ansonsten vornehmlich durch rassistische und vulgäre Dialoge, Fäkalhumor etc. auffällt und gern mal den Niveau-Limbo tanzt. Zudem bedient er sich zahlreicher Klischees der Ära des Kalten Kriegs, ob nun Golfstaaten oder Russen betreffend. Nein, intelligente Satire auf die Weltpolitik ist das hier nicht, erinnert vielmehr bisweilen an Abrahams-Zucker-Produktionen. In seinen stärkeren Momenten ist der alberne Humor demzufolge anarchisch-respektloser Natur, dazu gesellen sich Körperhorror-Ekeleffekte bei vom Virus Infizierten und sogar Zeichentrick-Sequenzen unterm Forschermikroskop. So stolpert Patterson also durch die Szenerie, lernt den französischen Hautarzt Herpes (!) (Henri Szeps, „Fatty Finn“) kennen und bekommt Besuch von Dame Edna, wodurch Humphries in eine Doppelrolle gezwungen wird. Ich vermute, dass der möglicherweise etwas hintergründigere Travestie-Humor Ednas in seinen/ihren sonstigen Betätigungsfeldern wesentlich stärker zur Geltung kommt als in diesem Film, in dem sie zur Nebenrolle degradiert wird, nichtsdestotrotz zumindest etwas Abwechslung in die humoristische Gestaltung bringt.

Antiheld Patterson nutzt sich recht schnell ab und die Spannung bleibt auf der Strecke, während der Film sich mittels Situationskomik über die Laufzeit und seine platten Gags zu retten versucht. Das chaotische Finale findet in einer Art Drehturmrestaurant statt und besiegelt einen leidlich unterhaltsamen Film, der – wie so häufig, wenn Komiker ganze auf sie aufbauende Spielfilme bestreiten müssen – seine einzelnen Momente hat, aber eben auch viel Ausschuss und auch mit seiner Weltsicht ein eher zweifelhaftes Vergnügen darstellt. Dafür ist er aber hübsch bunt und Humphries Mut zur Hässlichkeit sowie sein Hang zu zwei vollkommen kontrastierenden Rollen sind durchaus respektabel und lassen seine eigentlichen Qualitäten als Komiker erahnen. Für Freunde überdrehten ’80er-Gaga-Humors oder am Aussie-Kino Interessierte vielleicht einen vorsichtigen Blick wert.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mi 29. Jul 2015, 16:49
von buxtebrawler
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Allein mit Giorgio

„Mein Name ist Liza und ich bin keine dumme Gans!“ – „Meinetwegen. Ich bin Robinson Crusoe.“

Ein Jahr vor „Das große Fressen“, 1971 also, verfilmte der Italiener Marco Ferreri den wiederum ein Jahr zuvor erschienenen Roman „Melampus“ aus der Feder Ennio Flaianos und ließ diesen am Drehbuch mitarbeiten. Die Literaturvorlage ist mir unbekannt, Ferreris Verfilmung jedoch kann ich guten Gewissens zunächst einmal das Siegel „Erotikdrama“ anheften.

Aussteiger Giorgio (Marcello Mastroianni, „Love to Kill“) hat es sich auf einer einsamen Mittelmeer-Insel zwischen den Resten eines alten Luftwaffenstützpunkts zusammen mit seinem Hund Melampo gemütlich gemacht. Ab und zu zeichnet er eine Karikatur, um sich seinen kargen Lebensunterhalt zu verdienen. Liza (Catherine Deneuve, „Ekel“) ist eine verwöhnte Schickse, die von einer Luxus-Yacht flieht, nachdem sie ihren Lebensgefährten und Besitzer des Gefährts verlassen hat. Sie schwimmt auf die Insel und lernt Giorgio kennen, die Yacht fährt ohne sie ab. Beide kommen sich näher, doch Giorgio bringt sie zurück aufs Festland. Kurz darauf kehrt sie zurück und möchte mit Giorgio zusammenleben. Aus Eifersucht tötet sie seinen Hund und muss ihn fortan ersetzen, indem sie das Hündchen für Giorgio spielt. So leben beide miteinander, bis Giorgio nach Paris zu seiner Familie zurück muss, nachdem seine Ehefrau (Corinne Marchand, „Der aus dem Regen kam“) einen Selbstmordversuch verübt hat. Er lässt Liza zurück, doch diese reist ihm nach und bittet ihn inständig, mit ihr auf der Insel weiterzuleben…

„Warum betrachten Sie meine Brüste, Monsieur?“

Ferreris sehr betulich erzählte Handlung präsentiert den einsilbigen, eigenbrötlerischen Einsiedler und Maler Giorgio als eine Art „edlen Wilden“, der mit dem Leben in der Zivilisation abgeschlossen hat und sich mit wenig zufriedengibt, dafür die Abgeschiedenheit, Ruhe und Einsamkeit genießt (und sich gern seltsame Brillen aufsetzt, z.B. aus Holz). Über die Hintergründe der Trennung von seiner Familie – immerhin hat er Frau und Kind zurückgelassen – erfährt der Zuschauer ebenso wenig wie über Lizas bisheriges Leben und die Motivation für ihre Faszination für Giorgio und dessen Lebensentwurf. Darunter leidet die Nachvollziehbarkeit und so liegt der Verdacht nahe, diese verklärte Aussteiger-Romanze in der sommerlichen Idylle einer französischen Mittelmeer-Inselgruppe wäre in weiten Teilen schlicht eine verfilmte Macho-Männerphantasie vom in Kargheit lebenden Eremiten, der es einer feinen Jetset-Dame mal so richtig besorgt, sie gar zu seinem Haustier degradiert, das ihm Gegenstände apportiert und ihm total hörig ist. Zweifelsohne schwingen hier sadomasochistische Motive mit.

Obschon Deneuve und Mastroianni zum Drehzeitpunkt auch in der Realität ein Liebespaar waren, verzichtet Ferreri auf klassische Sexszenen; nichtsdestotrotz gibt sich Deneuve recht freizügig. Das Intermezzo um den Fremdenlegionstrupp, der auf der Insel einen Deserteur jagt, erweist sich als bedeutungslos für die Dramaturgie (wenn man es denn überhaupt so nennen will). Doch auch der Hilferuf Giorgios Familie und dessen Rückkehr nach Paris dient tatsächlich nur seiner Charakterisierung und der Verleihung von immerhin etwas Hintergrundgeschichte, gerät nicht zum vielleicht erwarteten Wendepunkt: Zwar will seine Frau wieder Sex von ihm, doch er weist sie ab und kehrt mit Liza auf die Insel zurück. Dort philosophiert er über Spartacus, während ein Sturm das Boot mit sämtlichen Fischfang-Utensilien losreißt und das ungewöhnliche Paar zwingt, doch noch von der Insel wegzukommen. Giorgio beweist überragendes handwerkliches Geschick, als er sich ein altes Kriegsflugzeug aus der Nazi-Zeit flott macht und mit Liza auf zu neuen Ufern davonfliegen will. Ob es gelingt, erfährt der Zuschauer ebenfalls nicht, denn da setzt bereits der Abspann ein – auch diese Chance zu Spannung und Dramatik bleibt also (bewusst) ungenutzt.

Männer- (oder auch Frauen-)Phantasien von Dominanz bei weitestgehender Kompromisslosigkeit gehen einher mit dem naiven hippiesken Traum vom totalen Ausstieg aus dem Zivilisationsalltag. Beides wird wenn überhaupt nur spärlich in „Allein mit Giorgio“ problematisiert, seine dramatischen Aspekte bleiben weitestgehend folgenlos und auf interessante Wendungen oder Aha-Effekte wartet man vergebens. Zur seichten Sommerinsel-Erotik taugt Ferreris Werk indes auch nicht, dafür sorgt allein schon die enervierende musikalische Untermalung mit hochfrequenten amusikalischen Klängen, minutenlangem Getrommel und Hare-Krishna-Gesang, die glücklicherweise aber auch ein paar folkloristische Tonfolgen sowie klassische Arrangements zu bieten hat. Insgesamt drängt sich mir der Eindruck eines frühen Fetisch-Films auf, zu dessen Zielgruppe ich nicht gehöre und mit dem ich insgesamt nur wenig anfangen kann.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Fr 31. Jul 2015, 16:16
von buxtebrawler
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Schulmädchen-Report, 4. Teil - Was Eltern oft verzweifeln lässt

Auf ein Neues, der zweite „Schulmädchen-Report“ in nur einem Jahr – wie Teil 3 erschien auch Teil 4 im Jahre 1972. Als Regisseur wird nun wieder ausschließlich Ernst Hofbauer geführt und auch sonst ist fast alles beim Alten – aber eben nur fast, denn diesmal verzichtete man auf eine Rahmenhandlung sowie eine Moderation und strich auch die auf offener Straße durchgeführten Interviews. Tatsächlich taucht Friedrich von Thun in diesem vierten Teil der Sexploitation-Reihe nicht mehr auf.

Dafür begrüßt ein Schmierlappen das Publikum, betont wieder einmal die vermeintliche Authentizität und leitet damit die von einem Sprecher aus dem Off begleitete Episodenaneinanderreihung ein. Diese wie üblich mit zeigefreudigen Jungdarstellern/-darstellerinnen ausstaffierte probiert sich in gewohnt sensationalistischer Weise in Tabubrüchen und dem Wiederkäuen des Klischees stets williger Schülerinnen, um konservative Ängste, vielmehr aber schmutzige bis perverse Altherrenphantasien zu bedienen und die begrüßenswerten Folgen der sexuellen Revolution sowohl für die schnelle Mark an den Kinokassen als auch zum Kolportieren eines peinlich sexistischen bis frauenfeindlichen Frauenbilds auszunutzen.

„Herr Doktor, ist das Ihr Thermometer?“

So stellt man die 18-jährige Elfi (Karin Götz, „Beichte einer Liebestollen“) vor, die Probleme mit der Mathematik hat. Erst bumst sie mit ihrem Freund und schließlich mit ihrem Lehrer, damit er sie durch die Prüfung bringt. Dabei klingt es unfreiwillig zweideutig, wenn sie von ihrer Zensur als einem Dreier redet, doch bevor ich mir weitere Gedanken über meine offenbar ebenfalls nicht ganz jugendfreie Phantasie machen kann, lässt sie den bedauernswerten Lehrer auch schon fallen wie eine heiße Kartoffel, nachdem dieser seine Schuldigkeit getan hat. Lektion 1: Schülerinnen missbrauchen Lehrer, nicht etwa Autoritäten Schutzbefohlene.

„Die Untersuchung hat mich sehr befriedigt!“

Ein falscher Schularzt (Hellmuth Haupt, „Pudelnackt in Oberbayern“) macht unangekündigte Hausbesuche, betatscht Schülerinnen und führt im Rahmen der Untersuchungen sein, ähm, „Thermometer“ ein. Das gefällt den Mädchen natürlich. Lektion 2: Die Mädels sind zu dumm, um einen echten Arzt von einem notgeilen Sexverbrecher zu unterscheiden – und es gefällt ihnen sogar, missbraucht zu werden. Davon inspiriert gibt sich der Freund eines Mädchens ebenfalls als Schularzt aus, um an den spießigen Eltern vorbei zu ihr zu gelangen und sie in Ruhe „untersuchen“ zu können. Lektion 3: Versucht sich ein „Schulmädchen-Report“ an offen Komödiantischem, kommt billiger Sex-Klamauk dabei heraus.

Die 17-jährige Carolin ist ein dunkelhäutiges Adoptivkind, das keine Unterwäsche trägt und mit Hans (Sascha Hehn, „Schwarzwaldklinik“) liiert ist, mit dem sie es gern im Freien treibt. Doch sie hat die Rechnung ohne ihre rassistischen Mitschülerinnen gemacht, die sie auf eine fingierte Party einladen, um sie dort mit fremdenfeindlichen Beleidigungen zu überziehen und von mehreren Jungs vergewaltigen zu lassen. Dank seiner Kampfsporterfahrungen kann Hans eingreifen und die Übeltäter zur Rechenschaft ziehen – um wenig später aufgrund des „gesellschaftlichen Drucks“ dann doch mit Carolin schlusszumachen. Lektion 4: Rassismus ist zwar unschön, aber irgendwie auch ganz normal und eine organisierte Massenvergewaltigung ein Dummer-Jungen- bzw. -Mädchen-Streich.

„Ich will auch gebumst werden!“

Sieglinde (Birgit Tetzlaff, „Liebe unter 17“), 16, und ihre Mitschüler/-innen fummeln gerne mal während der Deutschstunden, statt sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Und weil sie alle so viel Spaß am Sex haben, gründen sie kurzerhand einen Prostitutionsring (!), in dem die Jungs als Zuhälter agieren. Nur die Dicke darf nicht mitmachen, denn wer will die schon buchen? Das Geschäft läuft prima und alle werden reich, können sich ihre materiellen Wünsche erfüllen – was der reißerische Sprecher mittels geheuchelter Konsumkritik zu den Sexszenen kommentiert. Lektion 5: Prostitution Minderjähriger macht alle glücklich, außer vielleicht die dicken Mädchen.

Zurück ins freiwillig Komödiantische begibt man sich, als vier Schülerinnen einen jungen Italiener (Rinaldo Talamonti, „Graf Porno bläst zum Zapfenstreich“) im Schwimmbad aufreizen und auf seinem Heimweg unter freiem Himmel verführen, bis sie seiner Manneskraft erliegen. Lektion 6: Auch auf bestimmte Bevölkerungsgruppen abzielende Klischees machen dümmlichen Sex-Klamauk nicht lustiger.

Den Vogel aber schießt die Episode um das Geschwisterpaar Barbara (Christina Lindberg, „Thriller – Ein unbarmherziger Film“), 16, und Wolfgang (Gunther Möhner, „Urlaubsgrüße aus dem Unterhöschen“), 18, ab, das gezwungen ist, sich ein Zimmer im Haus der Eltern zu teilen. Wolfgang hat am Rande einer Party Sex im Freien und wird dabei von seiner Schwester beobachtet, die dazu masturbiert. Sie ist nämlich spitz wie Nachbars Lumpinchen auf ihren leiblichen Bruder, kann Inzest und Geschwisterliebe kaum erwarten. Wolfgang weist sie zunächst zurück, woraufhin sie einen künstlerisch mittels Zeitlupen aufbereiteten feuchten Traum hat, der neben Sex mit ihrem Vater ein Exekutionskommando (!) beinhaltet, das erst Wolfgangs Freundin und schließlich sie hinrichtet. Letztlich gelingt es ihr doch noch, Wolfgang zu verführen, was der Dummschwätzer aus dem Off natürlich aufs Schärfste verurteilt. Lektion 7: Diese Entwicklung war abzusehen und ganz logisch, liegt in den beengten Wohnverhältnissen begründet. So zumindest der Sprecher…

Zum Ende darf Ingrid Steeger („Ich – Ein Groupie“) noch von ihrer Entjungferung erzählen, womit auch dieser Schulmädchen-Report schließt (pseudojournalistische Ulrich-Meyer-Fratze dazudenken). Danke, deutsches Kino, wieder viel gelernt.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Di 11. Aug 2015, 11:16
von buxtebrawler
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Der letzte Tango in Paris

„Ich will nicht mit dir nach Italien fahren und nicht dem Sonnenuntergang zugucken. Ich will nicht deine Eltern kennenlernen und auch nicht auf deine Katze aufpassen. Mich interessiert nicht, wann Du geboren bist oder was deine Tante von Beruf ist. Ich will nur ficken, ficken, ficken, ficken, ficken, ficken…“ – Knorkator

1972: Die Welt ist um einen „Skandalfilm“ reicher. Der italienische Autorenfilmer Bernardo Bertolucci („Die Träumer“) hatte „Der letzte Tango in Paris“ gedreht – in einer der beiden Hauptrollen: niemand Geringerer als Marlon Brando – und es geschafft, ihn zu veröffentlichen. Ein Sexualdrama, das sich für die Entstehungszeit unerhörter vulgärer Sprache bediente und sich freizügigen Obszönitäten hingab, ja, ihnen freien Lauf ließ. Ein Film, der Tabus brach und provozierte – so sehr, dass er Zensurversuchen und Aufführungsverboten unterlag, beschlagnahmt wurde, ja, in Italien sogar Freiheitsstrafen gegen Produzent, Regisseur und die Hauptdarsteller ausgesprochen wurden und man Bertolucci zeitweise seine bürgerlichen Rechte entzog.

2015: Im Rahmen meiner fast chronologischen Auseinandersetzung mit der Entwicklung der Sexualität im Kino lege ich neugierig „Der letzte Tango in Paris“ ein, ohne sonderlich viel über ihn im Vorfeld in Erfahrung gebracht zu haben. Ich sah Marlon Brando, der sich Überlieferungen zufolge damals in einem Karriereknick befand, aber gerade „Der Pate“ abgedreht hatte – der Film war noch nicht in die Kinos gelangt, so dass Brando noch nicht wissen konnte, welch Erfolg er werden würde. Hier spielt er den 45-jährigen US-amerikanischen Witwer Paul, der in Paris lebt und gerade seine Frau Rosa verloren hat – es war Selbstmord. Er trifft auf die 20-jährige Französin Jeanne (Maria Schneider, „Liebe Eltern“) im Rahmen einer Wohnungsbesichtigung. Ohne dass sich beide einander vorstellen würden, haben sie spontanen Sex miteinander. Am nächsten Tag kehrt Jeanne in die Wohnung zu Paul zurück, welcher von ihr fordert, dass sie sich gegenseitig nichts voneinander erzählen, sozusagen anonym bleiben und sich in dieser Wohnung ausschließlich zum Zwecke der Auslebung ihrer Sexualität miteinander treffen.

„Halt’s Maul, Schweinehund! Miststück!“

Obwohl Jeanne mit dem ambitionierten Filmemacher Tom (Jean-Pierre Léaud, „Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent“) verlobt ist, der sie damit überrumpelt, einen Dokumentarfilm über sie zu drehen, kehrt sie immer wieder in besagte Wohnung zu Paul zurück. Sie fühlt sich stärker zu Paul als zu Tom hingezogen und erlangt sexuelle Befriedigung. Die Absprache der Anonymität jedoch versucht sie immer wieder zu torpedieren, zum Missfallen Pauls. Es scheint ein Gefälle zwischen der sich von Tom und seinen Heiratsplänen eingeengt fühlenden Jeanne und dem verbitterten Paul zu bestehen: Er dominiert ihre Beziehung und behandelt sie schlecht, was an ihrer Hingabe jedoch nichts ändert. Ihre Verschwiegenheit indes bröckelt mit der Zeit, zumindest über ihre Vergangenheit erzählen sie sich gegenseitig immer mehr. Paul muss sich mit dem Tod seiner Frau auseinandersetzen, die ein billiges Hotel geleitet hatte und sich um die Beisetzung kümmern, worüber er in Streit mit seiner Schwiegermutter gerät (ein willkommener Anlass für Kritik am Klerus). Zudem lernt er Marcel (Massimo Girotti, „Baron Blood“) kennen, mit dem seine Frau ihn betrogen hatte und der ihm kurioserweise alles andere als unähnlich ist. Als er sich erneut mit Jeanne trifft, cremt er ihren Anus mit Butter ein und zwingt sie zum Analverkehr. Später bittet er sie, ihm ihre Finger in den Hintern zu stecken. Am offenen Sarg spricht er mit seiner toten Frau und klagt sie bitterlich an, beschimpft sie.

Schließlich jedoch wendet sich das Blatt und Jeanne und Paul durchbrechen die Isolation der karg eingerichteten Wohnung. Er offenbart ihr, sie zu lieben. Betrunken tanzen sie den titelgebenden letzten Tango in einem vornehmen Pariser Tanzlokal, bevor sie ihre Beziehung beendet. Daraufhin verfolgt er sie durch die Stadt und stellt ihr bis in ihre Wohnung nach, wo sie ihn erschießt.

Ich sah skandalträchtige sexuelle Handlungen und menschliche Verhaltensweisen, aber auch ausdrucksstarke, durchkomponierte Bilder, die in ihren Farbgebungen und Ausleuchtungen nicht viel dem Zufall zu überlassen scheinen. Ich hörte vulgäre Dialoge und fühlte mich von Pauls teilweise extrem liederlichem Tonfall an Film-noir-Antihelden erinnert. Und ich wurde Zeuge eines unheimlich intensiv schauspielernden Brandos sowie einer mutigen, mit ihrer Natürlichkeit bestechenden Jungschauspielerin, die gar nicht einmal unbedingt eine klassische Schönheit, geschweige denn eine Femme fatale ist. Und ich stellte mir im Anschluss derart viele Fragen nach der Bedeutung des Films, dass er mich die nächsten Tage begleitete. Ich hatte den Film grob als fatalistisch- und antibürgerlich-romantisch aufgefasst, und als wolle er die gar nicht einmal seltene Beziehungskonstellation aufzeigen, in der die Frau ein unverbindliches Abenteuer sucht und findet, dieses jedoch komplett seinen Reiz verliert, sobald sich tiefergehende Gefühle beim Partner entwickeln – doch erschien er mir bisweilen auch etwas arg unglaubwürdig und das vermittelte Frauenbild in Person Jeannes gab mir ebenfalls Rätsel auf.

Also befasste ich mich weiter mit dem Film. Und ich erfuhr viel: U.a. dass es Bertoluccis erklärtes Ziel gewesen sei, unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten anzubieten und deshalb uneindeutig zu bleiben. So entsprang die Idee des anonymen Sexes in einer neutralen Wohnung einer zwanghaften Phantasie Bertoluccis, die den Ausgangspunkt für das Drehbuch bildete. Die Wohnung wird stilisiert als Zufluchtsort, abgeschottet von der Außenwelt, in der die Mechanismen von Leistungsgesellschaft und Repression nicht gelten. Andere sehen in „Der letzte Tango in Paris“ den Kampf zwischen Eros und Thanatos oder die Betonung des Sex als einziges lebendiges Element einer toten Welt, in der sogar die Liebe gestorben sei, den totalen Abgesang auf bürgerliche Beziehungskonstellationen, aber auch den auf Dauer erfolglosen Einsatz von Sexualität zur Verdrängung persönlicher Probleme, Aggressivitätsverlagerung (statt gegen Rosa nun auf sexuelle Weise gegen Jeanne) etc. Nicht minder interessant sind die Thesen, der Film zeige ödipale Verhältnisse: Paul habe zu seiner toten Frau eines gehegt, Jeanne wiederum unterhielte eines mit Paul. Auch Anlehnungen an die griechische Orpheus-Sage wurden erkannt. Brando selbst sah seinen Charakter anscheinend auch als Ausdruck einer typischen männlichen Midlife Crisis.

Eine von vielen Besonderheiten ist auch die Marlon Brando gewährte Improvisationsfreiheit, die er sich offenbar derart zunutze machte, dass mancher viel Persönliches Brandos im Film entdeckt haben will, allem voran sein Leid. Brandos Improvisationen gipfeln in der Analverkehr-Szene, die natürlich nicht wirklich durchgeführt, jedoch im Vorfeld nicht mit Maria Schneider abgesprochen wurde und somit tatsächlich einer Art Vergewaltigung gleichkam – die authentische Reaktionen provozierte. Dies ist zugleich der Höhepunkt des Machismo, mit dem er Jeanne erniedrigt und den er steigert, je mehr Jeanne wahre, sanfte Gefühle offenbart. Zumindest der Verdacht liegt nahe, Jeanne tue dies – möglicherweise unterbewusst – absichtlich, scheint doch ihr Masochismus in der ödipal geprägten Beziehung zu Paul insofern zumindest „halb-freiwillig“ gewählt, da sie eben jene Brutalität erregt, sie eventuell gar nur auf diese Weise zu befriedigen ist. Bezeichnenderweise bezichtigt sie Tom der Vergewaltigung (im übertragenen Sinne), nicht Paul. Ob Schuldgefühle aufgrund ihrer höheren Klassenzugehörigkeit dabei tatsächlich eine Rolle spielen (wie mitunter zu lesen ist), sei jedoch einmal dahingestellt.

Tom wiederum wird leicht karikierend gezeichnet, tendiert ins Komödiantische. Während Pauls Rolle von Schwere geprägt ist, steht Tom vielmehr für das – möglicherweise aus Unwissenheit über die menschliche Existenz – Leichte, für eine Art juveniler Naivität, aber auch für das Aufgehen in einer Leidenschaft, hier der Leidenschaft für das Kino. In ihm wurde beispielsweise eine Karikatur auf Jean-Luc Godard gesehen, jenen französischen Filmemacher der Nouvelle Vague. So traf quasi die alte Hollywood-Schule in Person Brandos auf europäischen Reformeifer, wenn auch nur indirekt: Tom und Paul begegnen sich im Film nicht, buhlen aber um dieselbe Frau. Auch weitere kinogeschichtliche Anspielungen fänden sich in Bertoluccis Film. Gemälde Francis Bacons würden nachgestellt, ja, sogar Freud’sche Psychoanalyse durch das Agieren der Schauspieler versinnbildlicht, ebenso der titelgebende Tango, der von Anziehung und Ablehnung zwischen den Tanzpartnern lebt – wie es Jeanne und Paul durchleben. Bezeichnenderweise soll Bertolucci gesagt haben, sein Film sei nicht erotisch, er handle lediglich von Erotik und damit von einer „düsteren Sache“. Diese pessimistische Sicht auf das Thema dürfte dazu beitragen, die fatalistische Ausrichtung des Films zu erklären. Von Chauvinismus-Vorwürfen distanzierte er sich; auch hiervon handele der Film lediglich, ohne es zu sein. In der Tat geht Paul letztlich nicht als Gewinner aus der Beziehung hervor, ganz im Gegenteil. Darin wiederum wurde mitunter aber auch der Verrat an der ursprünglichen Tendenz des Films gesehen und die Dramatisierung und Tragik als erzwungen hollywoodesk betrachtet.

All diese unterschiedlichen Lesarten, die Diskussionen der Vergangenheit, die Details, Ästhetik und die spannende Entstehungsgeschichte machen „Der letzte Tango in Paris“ über die reine Provokation hinaus zu einem interessanten Stück Kinogeschichte, das es wert ist, dass man sich mit ihm beschäftigt, was ich definitiv intensiver tat als mit anderen Filmen. Doch wie bewertet man ein solches Werk nun? Was bleibt über all seine formalen Qualitäten hinaus? Als das Meisterwerk, das mich schwerstens begeistert oder gar mein Leben verändert hätte, kann ich Bertoluccis Film nicht betrachten. Zweifelsohne handelt es sich um einen künstlerischen, interessanten und enttabuisierenden, wenn auch mich persönlich wenig inspirierenden Beitrag gerade auch zur Entwicklung der Themen Erotik und Sex auf der Leinwand. Als historischen Irrtum, der mir auch schon einmal sauer aufstoßen kann, empfinde ich die typische, radikale Ablehnung des Familienprinzips, die hier immer einmal wieder mitschwingt und eine gernzitierte Interpretationsmöglichkeit darstellt. Die Vorstellung jeglicher monogamer Familienbildung, in der Menschen füreinander Verantwortung übernehmen, als kleinbürgerliches, geradezu reaktionäres Ersticken jeglicher Freiheit halte ich für eine aus der Zeit der sexuellen Revolution resultierende, über verständliche und hehre Ziele hinausgeschossene Fehleinschätzung menschlicher Bedürfnisse und erkenne im Gegenteil gerade in funktionierenden Familienkonstrukten ein nicht ungefähres revolutionäres Potential, wenn sie einem erlauben, als starke Einheit aufzutreten und sich auf mehreren Ebenen gegenseitig Kraft zu spenden, die sich dann zu potenzieren in der Lage ist. Doch zurück zum Film: Ein Gefühl (bzw. Nicht-Gefühl) irritierte mich besonders nach dem Filmgenuss – und zwar wie wenig mich letztlich Pauls Schicksal berührte, wenngleich es eigentlich genügend emotionale Anknüpfpunkte gegeben hätte. Ich fühlte mich dennoch stets unbeteiligt, lediglich als Beobachter radikaler menschlicher Verhaltensweisen, die Empathie eher erschweren. Vielleicht war das Beschränken des Publikums auf seine Rolle als Voyeur aber auch eines der Ziele Bertoluccis, der mit „Der letzte Tango in Paris“ nicht zuletzt durch seine Titelgebung eine schöne Metapher für die Einleitung eines Endes schuf.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Di 11. Aug 2015, 17:38
von buxtebrawler
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Piranha II - Fliegende Killer

„Sie gehen sehr wissenschaftlich vor!“

Als der gebürtige Ägypter Ovidio G. Assonitis („Polyp - Die Bestie mit den Todesarmen“) eine Fortsetzung von Joe Dantes „Piranha“ produzieren wollte (nachdem Antonio Margheriti bereits den als direkte Fortsetzung vermarkteten „Killer Fish“ ins Rennen geschickt hatte), ging ihm Überlieferungen zufolge plötzlich der eigentlich geplante Regisseur stiften. Doch ein junges Nachwuchstalent, das eigentlich nur für die Spezialeffekte vorgesehen war, empfahl sich als Ersatz und so wurde „Piranha II – Fliegende Killer“ das Regie-Debüt niemand Geringeres als James Cameron („Titanic“), der 1981 das Tierhorror-Subgenre der Fishploitation um diesen weiteren Beitrag in italienisch-US-amerikanisch-niederländischer Produktion bereicherte. Auf Camerons Ambitionen jedoch hatte Assonitis anscheinend wenig Lust, erteilte ihm wenig Mitspracherecht, feuerte ihn gegen Ende der Dreharbeiten gar und vollendete den Film in Eigenregie.

„Wir wollen Fisch!“

Die Killer-Piranhas aus Teil 1 sind weiter mutiert, können nun zu allem Überfluss auch noch fliegen und terrorisieren die Küste einer Karibikinsel. Welche Möglichkeiten haben Tauchlehrerin Anne Kimbrough (Tricia O'Neil, „Schöne neue Welt“), ihr Freund und Chemiker Tyler Sherman (Steve Marachuk, „Waikiki“) und ihr Ex-Mann, der Bulle Steve Kimbrough (Lance Henriksen, „Aliens“), den ignoranten Ferienanlagenbetreiber dazu zu bringen, die geplante Strandparty abzusagen und evtl. gar die dahinter steckende Regierungsverschwörung zur Verantwortung zu ziehen…?

„Piranha II – Fliegende Killer“ bemüht sich bis auf den reichlich albernen Umstand fliegender Piranhas (viel zu viele „Asylum“-Mitarbeiter dürften in ihrer Kindheit Filme wie diesen gesehen haben…) nur marginal um Originalität und watet knietief durch Tierhorror- und Exploitation-Klischees. Camerons Vorliebe für Unterwasser-Aufnahmen jedoch scheint der Auftakt durchaus entgegenzukommen, wenn er auf recht erotische Weise ein Pärchen dabei filmt, wie es sozusagen komplett untertaucht, um sich dem Liebesspiel hinzugeben. Doch dabei bleibt es nicht und so darf die Kamera im weiteren Verlauf immer mal wieder entblößte Oberweiten einfangen. Die Charaktere wurden zum Teil komisch zu überzeichnen versucht, wodurch sich alberne Rollen ergeben, die nicht so recht in die angepeilte, zumindest etwas ernsthaftere Gesamtstimmung passen wollen. Der freiwillige Humoranteil (ein Stotterer, nein, wie lustig) ist dabei wesentlich flacher als das Gewässer, in dem Taucher eine Leiche inmitten eines Schiffswracks finden, die abgenagt wie sie ist nur kurz gezeigt wird. Doch siehe da: Ein fliegender Piranha schießt aus dem Körper hervor und tötet die Leichenbewacherin!

Ab diesem Zeitpunkt darf man sich regelmäßig an kruden Spezialeffekten, stets zwischen arg durchschaubar und gelungen pendelnd, erfreuen, während die Handlung vorhersehbar bleibt: Der typische, in erster Linie an seinen Einnahmen interessierte Ferienanlagen-Mogul nimmt die Gefahr nicht ernst, so dass es unweigerlich zur Katastrophe kommt. Die Piranha-Eier versenkt hat indes die Regierung und wie das dann nach abermaligem Wiederkauen häufig so ist, kann man auch mit viel, viel gutem Willen keine ernstgemeinten Aussagen als Subtext mehr darin erkennen, wie es sie bei den Ursprüngen des Tier- bzw. Öko-Horrors vielleicht einmal gegeben hat. Die Schauspieler inkl. dem zur Nebenrolle verdonnerten Henriksen bleiben (von erwähnten Comic Reliefs einmal abgesehen) in der weniger spannend, eher holprig erzählten Handlung tendenziell unauffällig, Star des Films sind Szenen wie die des schwerverletzt an den Strand Robbenden, der von Piranhas zurück ins Meer gezogen wird.

Für Trash-Freunde, die sich an fliegenden Killerfischen und ihren Untaten erfreuen können, hat der Film also durchaus einiges zu bieten, aber eben auch Längen, Leerlauf, dreisten Ideenklau und unlustige Doofheit in einem ohnehin schwierigen Subsubgenre. 5,5 von 10 Portionen Fischfutter ist mir Camerons bizarres Regie-Debüt dennoch wert, denn irgendwie bekommt „Piranhas II – Fliegende Killer“ auch mit seiner Strandatmosphäre doch noch die Kurve und rettet sich knapp über den Durchschnitt.