bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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buxtebrawler
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Dr. Jekyll und Sister Hyde

„Männlich… männlich… ich muss es niederschreiben, bevor es zu spät ist!“

Der Brite Roy Ward Baker, der für manch gelungenen Beitrag zur „Hammer“-Produktionsschmiede wie „Das grüne Blut der Dämonen“, „Dracula – Nächte des Entsetzens“ oder „Gruft der Vampire“ verantwortlich zeichnet, adaptierte im Jahre 1971 für eben jenen Arbeitgeber nach Terence Fishers „Schlag 12 in London“ aus dem Jahre 1960 erneut Robert Louis Stevensons Roman um Dr. Jekyll und dessen Alter Ego Mr. Hyde, diesmal jedoch so frei wie selten zuvor:

„Hormone! Weibliche Hormone!“

London, 19. Jahrhundert – Dr. Jekyll (Ralph Bates, „Wie schmeckt das Blut von Dracula?“) forscht engagiert an Medikamenten, um schreckliche Krankheiten heilen zu können. Er fürchtet jedoch, dass seine eigene Lebenszeit zum Erzielen der gewünschten Ergebnisse nicht ausreichen wird, weshalb er seinen Fokus auf das Erreichen ewiger Jugend legt. Ihren Ursprung vermutet er in weiblichen Hormonen, weshalb er sich von Rykers (Philip Madoc, „Der Spion, der aus der Kälte kam“) örtlichem Leichenschauhaus mit den Leichen junger Frauen versorgen lässt. Als dieser nicht mehr ausreichenden Nachschub anliefern kann, beauftragt er die Leichendiebe Burke (Ivor Dean, „Im Banne des Dr. Monserrat“) und Hare (Tony Calvin, „The Enemy“), die auch vor Mord nicht zurückschrecken. Nachdem diese gelyncht worden sind, ist Dr. Jekyll mittlerweile soweit, Selbstversuche durchführen zu können – und verwandelt sich prompt in eine Frau: Sister Hyde (Martine Beswick, „Töte Amigo“) ist geboren. Nun entsendet er diese, um neue Opfer heranzuschaffen. Doch bald droht er, zunehmend die Kontrolle über seine vermeintliche Schwester zu verlieren, die zu allem Überfluss mit Howard (Lewis Fiander, „Tödliche Befehle aus dem All“), dem Bruder Jekylls geliebter Nachbarin Susan (Susan Broderick, „Blow Up“), anbändelt…

„Ich war Wissenschaftler – bis in die Fingerspitzen!“

Neben der irrigen und reichlich trashigen Annahme, durch die Einnahme weiblicher Hormone könne man sich mir nichts, dir nichts in eine vollausgebildete Frau verwandeln, vermengt Bakers Film interessanterweise die bekannte Romanvorlage mit den berüchtigten Kriminalfällen der Leichendiebe Burke und Hare sowie Jack The Rippers, der bekanntlich ebenfalls unter den Damen der käuflichen Liebe wilderte. Der direkt mit einem Mord beginnende Film läutet mit dem seine Erlebnisse aufschreibenden Dr. Jekyll eine ausgedehnte Rückblende ein, die einen Großteil des Films ausmacht. Diese zeigt Dr. Jekyll als von seiner Arbeit besessenen Workaholic, der schließlich gesetzliche und moralische Grenzen ebenso überschreitet wie die eigene körperliche Integrität – und Identität.

Zeitgemäß nimmt man Thematik und Milieu zum Anlass, die Handlung mit etwas Nacktheit aufzupeppen, ohne sich jedoch in wirklich erotische oder sleazige Gefilde zu begeben. Was sich zunächst vielleicht wie eine gewagte filmische, allegorische Verarbeitung des Phänomens der Transsexualität liest, entpuppt sich als eher etwas unmotiviertes Spiel mit den Geschlechterklischees. Ganz die Frau, bestellt sich Sister Hyde zunächst einmal Klamotten. Fortan entwickelt sie starkes amouröses Interesse an Howard und versucht, ganz Zicke und bissige Stute, sich dessen Schwester zu entledigen. Und möchte man bei der Transsexualitäts-Metapher bleiben, würde diese ja wenig fortschrittlich als Produkt einer Schizophrenie bzw. gespaltenen Persönlichkeit dargestellt werden. Das vergessen wir daher besser schnell wieder.

Auf Grundlage der bizarren Ausgangssituation machen Baker & Co., was die Briten schon immer gut konnten, indem sie die Szenerien authentisch anmutend ausstatten und so die Illusion einer Zeitreise ins alte London erzeugen. Gelungen ist die Besetzung auch insofern, als Bates und Barwick sich tatsächlich wie Geschwister ähneln. Sonderliche Intensität, die den Zwiespalt und den Kampf um die jeweilige Identität verdeutlichen und die psychologische Komponente stärken würde, legt indes keiner von beiden in das Schauspiel. Auch dramaturgisch bleibt „Dr. Jekyll und Sister Hyde“ enttäuschend mau und ist weder sonderlich spannend noch aufregend. Für eine qualitativ hochwertige Stevenson-Adaption zu bizarr und oberflächlich, für eine sexuelle aufgeladene Variation zu bieder und für ein skurriles Partyfilmvergnügen zu unspektakulär. Bei all seiner Unentschlossenheit, einen der möglichen Wege konsequent einzuschlagen, verirrt sich Roy Ward Baker diesmal leider in der Durchschnittlichkeit.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Sie sind unter uns!

„Sie sind bei uns!“

Der spanische Regisseur Norberto López Amado („Wieviel wiegt ihr Gebäude, Mr. Foster?“) trat bisher in erster Linie als Serienfilmer in Erscheinung und hat nur wenige Spielfilme gedreht. Sein Spielfilm-Debüt allerdings ist sein Beitrag zur iberischen Grusel- und Mystery-Film-Welle der 1990er und 2000er Jahre, „Sie sind unter uns!“ alias „Aus dem Jenseits“ aus dem Jahre 2002, der zumindest für Subgenre- oder Spanien-Horror-Freunde durchaus Beachtung verdient. Es handelt sich um eine Adaption des Romans „Los otros“ aus der Feder Javier García Sánchez', das Jorge Guerricaechevarría („El día de la bestia“, „Allein unter Nachbarn“) zu einem Drehbuch umschrieb.

„Wir müssen lernen, neu zu sehen – als wären wir Kinder!“

Polizeiinspektor Juan (Carmelo Gómez, „Eyes of Crystal“) untersucht den Fall des seit drei Jahren verschwundenen Industriellen Sergio Barreiros. Seine Ermittlungen und Nachforschungen ergeben, dass Barreiros nicht der einzige unter mysteriösen Umständen wie vom Erdboden Verschluckte ist. Er stellt Bezüge zu seiner Schwester Laura (Carolina Petterson, „Goyas Geister“) her, die ebenfalls auf ungeklärte Weise verschwand, als er ein Kind war. Doch sein Vorgänger Medina (Karra Elejalde, „The Nameless“), der diese Fälle vor ihm bearbeitete, ist ihm keine große Hilfe mehr: Seit dieser seinen eigenen Sohn tötete, sitzt er paralysiert in einer Nervenheilanstalt ein. Je mehr sich Juan in das Thema hineinsteigert, desto mehr macht er seltsame Beobachtungen und stellt auch Veränderungen an seinen eigenen Kindern fest...

Als Prolog dient eine Rückblende, die eine gefährliche kindliche Mutprobe auf Bahngleisen zeigt. Der weitere Verlauf der Handlung ist dann auch immer wieder gespickt mit weiteren Rückblenden oder Traumsequenzen, die nicht sofort als solche zu erkennen sind. „Sie sind unter uns!“ ist einer dieser gruselig-atmosphärischen, sehr ruhig erzählten Filme, die dem Zuschauer dennoch ein etwas höheres Maß an Konzentration abfordern und ihn dadurch bei der Stange halten. Parallelen zu Filmen wie „The Nameless“, „The Others“ oder auch „The Sixth Sense“ sind nicht von der Hand zu weisen, wenngleich López Amados Film ein gutes Stück böser ausgefallen ist als die letztgenannten.

Die Handlung greift das normalerweise weitestgehend harmlose Phänomen unsichtbarer, imaginärer Freunde von Kindern auf, wobei diese in diesem Fall eben nicht nur in der Einbildung der Kinder existieren. Juan beginnt, die Verschwundenen selbst in Spiegelungen und Schatten zu sehen und muss erkennen, dass auch seine Kinder mit ihnen in Kontakt stehen, von ihnen zu diversen Boshaftigkeiten getrieben werden – wie einst er, als er gegen dessen Willen immer wieder ein Mädchen auf einer Schaukel heftig anschubste und somit einen lebensgefährlichen Unfall riskierte. Je mehr seine Schwester als „Verschwundene“ wieder in das Leben seiner Familie tritt und seine Kinder z.B. zu der Gräueltat drängt, ihre verhasste Lehrerin zu verbrennen, desto stärker tritt der eigentliche Fall um den Industriellen in den Hintergrund.

Eine interessante Kameraführung, die vor dem Hintergrund der entschleunigten Erzählweise die Bildsprache dynamisch hält und ein getragener Streicher- und Klavier-Soundtrack besorgen das audiovisuelle Niveau des Films, der immer wieder mit erschreckenden Szenen Akzente setzt – neben bereits genannten beispielsweise dem Traum, in der sich die Wohnung als eine Art Ritualstätte entpuppt. Stilsicher braucht sich „Sie sind unter uns!“ derweil nie in blutige oder effekthascherische Gefilde zu begeben, um seine Unsicherheit und Gefahr suggerierende Mystery-Stimmung und von der Realität und der eigenen Familie entfremdende Wirkung zu entfachen. Das von einem melancholischen Frauenchor begleitete Finale und die anschließende Pointe erzeugen dann auch kein klassisches Happy End, sondern sind geprägt von der Ohnmacht und der Verzweiflung, im Diesseits nichts ausrichten zu können, wenngleich parallel eine beruhigende Wirkung auf den Zuschauer erzeugt wird. Somit stellt der gut geschauspielerte Film, der die Klaviatur der leisen Töne prima beherrscht, eine interessante Variation der Spukfilm-Thematik, in denen Geister aus dem Jenseits ihre destruktiven Einflüsse auf die Lebenden ausüben, dar, die in ihrer Unaufgeregtheit eine immer wieder willkommene Abwechslung zum gern einmal überladenen modernen Genrekino bietet. Dass er erzählerisch bisweilen auf der Stelle tritt und letztlich nicht die Spektakularität seiner Vorbilder erreicht, sei ihm da gern verziehen – der positive Gesamteindruck überwiegt.
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John Carpenters Vampire

„Krepier endlich, kratz ab!“

Am Vampirfilm „John Carpenters Vampire“ des namengebenden Altmeisters („Halloween“, „The Fog“, „Das Ding aus einer anderen Welt“ etc.) scheiden sich die Geister: Nach seinem letzten großen Horror-Highlight „Die Mächte des Wahnsinns“ verfilmte Carpenter den Klassiker „Das Dorf der Verdammten“ fürs Fernsehen neu und versuchte sich an einer ebenfalls mit gemischten Gefühlen aufgenommenen „Die Klapperschlange“-Fortsetzung, um schließlich 1998 diesen Vampir-Western-Actioner zu drehen, der an eine Mischung aus „Near Dark“ und „From Dusk till Dawn“ erinnert. Dabei irritiert bereits der Name etwas, denn für den lose auf John Steakleys Roman „Vampire$“ basierenden Blutsaugerfilm war ursprünglich Russell Mulcahy als Regisseur angedacht und Carpenter fungierte weder als Drehbuchautor (das tat Don Jakoby), noch als Produzent. Insofern dürfte es sich in erster Linie um eine Auftragsarbeit denn um ein „Carpenter-eigenes Baby“ handeln.

In den Wüsten New Mexicos ist Vampirjäger Jack Crow (James Woods, „Videodrome“) mit seinem Team unterwegs, um im Auftrag des Erzbischofs der Brut der Nacht des Garaus zu machen. Nach einem wahren Massaker an den Untoten in einem verlassenen Farmhaus feiern die Vampirjäger eine ausgelassene Party in einem nahen Motel. Der dank seiner Abwesenheit das Massaker überlebt habende Vampirmeister Valek (Thomas Ian Griffith, „Kull, der Eroberer“) jedoch durchkreuzt die feuchtfröhliche Orgie und nimmt grausame Rache. Nur Jack, sein Partner Tony (Daniel Baldwin, „Knight Moves“) und die Prostituierte Katrina (Sheryl Lee, „Twin Peaks“) überleben den Überraschungsangriff, indem sie die Flucht ergreifen. Katrina jedoch wurde gebissen und droht, ebenfalls zum Vampir zu werden, bietet jedoch auch die Chance, aufgrund ihrer telepathischen Verbindung zu Valek den Meister zu verfolgen. Dieser ist nämlich auf der Suche nach einer religiösen Reliquie, dank derer er und seine Nachkommen auch im Tageslicht überleben könnten. Zusammen mit der Hilfe Pater Guiteaus (Tim Guinee, „Blade“), den der Vatikan entsandte, versucht man, Valek auf die Spur zu kommen und ihn endgültig zu vernichten...

„Sie sind nicht so wie in den Filmen!“

Das ist diese Variation des Vampir-Mythos tatsächlich nicht unbedingt, denn in Sachen Grausamkeit nehmen sich in diesem actionlastigen Neo-Western-/Horror-Crossover beide Seiten nicht viel. Der Fokus liegt auf harten Kämpfen Jäger vs. Vampire, die grafisch explizit ordentlich splattern. Vampire werden ans Tageslicht gezerrt und bei untotem Leibe verbrannt, Meister Valek zerfetzt Menschen mit bloßer Hand, abgetrennte Gliedmaßen schleudern durch die Szenerie – die KNB-Group leistete ganze Spezialeffekt-(Hand-)Arbeit! Das geht einher mit einer totalen Entromantisierung des Vampirismus und auch von der düsteren Atmosphäre bekannter Vampirstreifen ist hier nicht viel übrig, wenn sich die Vampire aus dem Präriesand buddeln und sich ein Großteil der Handlung bei sonnendurchfluteter, staubtrockener Wüstenstimmung zu Road-Movie-Geklimper abspielt.

„John Carpenters Vampire“ ist dabei etwas sehr auf betont cool, zynisch und maskulin, insbesondere durch den von John Woods repräsentierten Charakter, getrimmt und das permanente obszöne Gequatsche, flache Dialoge etc. können einem auch gut und gerne mal auf die Nerven gehen – wie auch in diversen Tarantino/Rodriguez-Filmen. Was diesen Film jedoch deutlich von „From Dusk till Dawn“ und Konsorten unterscheidet, ist die weitestgehende Humorlosigkeit, die eine gewisse Grimmigkeit entstehen lässt, welche „John Carpenters Vampire“ bisweilen positiv an Endzeitfilme erinnern lässt oder zumindest ansatzweise eine apokalyptische Stimmung heraufbeschwört. Nicht uninteressant sind auch die Momente, in denen sich Autor Jakoby daran erinnert, dass die Vampir-Thematik einmal viel mit verbotenen sexuellen Obsessionen und unheilschwangerer Leidenschaft zu tun hatte: Zwischen Tony und Katrina entwickelt sich nämlich etwas, als sie über ihn herfällt und beißt, was weit mehr wie ausgelebte Sexualität und Außenseiterromantik wirkt statt wie Brutalität – insbesondere, wenn sie sehenden Auges mit einem von Jack gewährten Vorsprung in eine von Verfolgung und Sucht nach Nahrungsaufnahme, dem Blut lebender Menschen, geprägten Zukunft entlassen werden.

Die leichte Überlänge schafft die Dramaturgie immer wieder zu kompensieren, indem sie beispielsweise an geschickter Stelle ein weiteres Massaker bei Priestern installiert und so den Trott des Films und der Verfolgungsjagd für Schauwerte und Erfahrungen seiner Protagonisten unterbricht. Gespickt wird die Sause zusätzlich durch etwas nackte Haut. So verkehrt, wie „John Carpenters Vampire“ von einigen aufgefasst wurde, ist er dann letztlich gar nicht, wenn man nicht allzu sehr am klassischen Vampir-Mythos hängt und einer modernistischen Variante wie dieser aufgeschlossen gegenübersitzt, an deftiger Action und Wüstenambiente Spaß haben kann und manch Plattitüde und Klischee zu verzeihen bereit ist. Schauspielerisch geht das auch alles soweit durch; bisweilen übertreibt’s man etwas, was sicherlich den Vorbildern und den Action-Genre-Elementen geschuldet ist, auch ein Maximilian Schell („Marlene“) hat übrigens einen Auftritt als Kardinal. Andererseits sollte man schon etwas mehr, etwas Epischeres oder wenigstens Tiefgründigeres daraus machen, wenn man „Meister Valek“ zum Ursprung des Vampirismus überhaupt erklärt, als ihm bessere Kammerjäger und Sprücheklopfer auf den Hals zu hetzen und so den Vampir-Mythos eben nicht nur zu variieren, sondern ihm eigentlich nicht wirklich gerecht zu werden.
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Vampires: Los Muertos

„Ein ganzes Team gegen etwas, an das niemand glaubt? Das müssen die Katholiken sein!“

Für die erste Fortsetzung des Vampir-Westerns „John Carpenters Vampire“ fungierte Carpenter diesmal als Produzent, während US-Regisseur Tommy Lee Wallace („Es“) das Drehbuch verfasste und die Regie übernahm. Eine Besonderheit ist die Besetzung der Hauptrolle mit Rocksänger Jon Bon Jovi. Der Film wurde im Jahre 2002 direkt für den Videothekenmarkt reduziert, hatte also keine Kinopremiere.

„Da läuft ‘ne Leiche!“

Vampirjäger Derek Bliss (Jon Bon Jovi) arbeitet für die „Van Helsing Group“ und soll ein neues Team zusammenstellen. Dies ist jedoch mit Schwierigkeiten verbunden, denn alle, die er zu diesem Zwecke aufsucht, sind bereits tot. Stattdessen schließen sich ihm ein Junge (Diego Luna, „Dirty Dancing 2 - Havana Nights“), ein Padre (Cristián de la Fuente, „Driven“), ein Afroamerikaner (Darius McCrary, „15 Minuten Ruhm“) und ein weibliches Vampirbissopfer (Natasha Gregson Wagner, „Düstere Legenden“), das seine Infektion mit experimentellen Medikamenten in Zaum hält, an. Zusammen versucht man, der Vampir-Anführerin Una (Arly Jover, „Verblendung“) Einhalt zu gebieten, die das schwarze Kreuz, das es Vampiren erlaubt, auch bei Tageslicht auf der Erde zu wandeln, aus Pater Guiteaus Kloster gestohlen und ein Massaker unter den Priestern angerichtet hat. Es gilt, sie an der Durchführung des Rituals zu hindern…

„In Mexico sind Fahrpläne nur so was wie ‘ne ungefähre Richtlinie!“

Im in Mexico spielenden Prolog scheint Derek eine Prostituierte vor einem übergriffigen Freier zu retten, tötet sie jedoch: Es handelte sich um eine Vampirin. Nach diesem durchaus überraschenden Einstieg erhält Derek seinen Auftrag und wird grob charakterisiert. Er hat eine Art Halluzinationen, scheint mit jemandem in Kontakt zu stehen. Bevor er Bissopfer Zoey kennenlernt, verursacht Una ein Massaker in einem Imbiss, während er sich auf Toilette befindet. Das ist hektisch geschnitten, dennoch nett anzusehen und blutig. Die eigentliche Handlung knüpft direkt an die des Vorgängers an, es geht erneut um das schwarze Kreuz und das durchzuführende Ritual, jedoch wurde die Besetzung komplett ausgetauscht. Ein Wiedersehen mit bekannten Charakteren gibt es also nicht und der Obervampir ist jetzt weiblichen Geschlechts. Trotz der recht engen Orientierung an Bekanntem aus dem Original ist es Wallace leider weder gelungen, erzählerische und inhaltliche Akzente zu setzen noch das Niveau zu halten. Er unterbietet es spielend, wenn er den Schwarzen Ray Collins strunzdoof agieren und sich von einer „Vampirin“ verführen lässt, um kurz darauf folgerichtig getötet zu werden.

Neben einem gewissen Splatter-Anteil ist höchstens die Allegorie auf Drogenabhängigkeit interessant, die u.a. durch das Anti-Vampirismus-Medikament in Pillenform etabliert wird. Die Pillen nimmt die Vampirin schließlich alle auf einmal, eine Bluttransfusion verspricht Rettung für Zoey und Derek lässt sich das Vampirblut in den Körper fließen, um sich unerkannt unter den Untoten aufhalten zu können. Der Padre entpuppt sich als falscher Priester und sieht aus wie ein Bodybuilder und letztlich steuert alles auf einen enttäuschenden, irgendwie reichlich abwegigen Showdown zu. Die Vampirjagd funktioniert grundsätzlich wie aus dem ersten Teil gewohnt – an Haken in die Sonne ziehen und dort verbrennen lassen –, wurde durch Verwendung einer Wärmebildkamera etwas modernisiert, dafür wiederholt sich jedoch quasi 1:1 die bekannte Seilwindenproblematik. Jon Bon Jovi ist sicherlich nicht die personifizierte Glaubwürdigkeit als Vampirjäger, sondern eher ein bekannter, das Publikum neugierig machen sollender Name, der in dieser zusammengewürfelten internationalen Darstellerriege allein schon aufgrund des nicht sonderlich fordernden Niveaus nicht einmal negativ heraussticht.

Dieser zweite Ausflug in die amerikanischen Wüsten und damit die Verquickung staubigen Western-Ambientes mit dem Vampir-Mythos und einigen Actionsequenzen, wozu waberiges Geklimper auf der Westerngitarre den belanglosen Soundtrack liefert, ist nicht mehr als ein lauer Aufguss des bereits sicherlich nicht herausragenden Vorgängers, der zudem zu unauffällig ist, um wenigstens unter Trash-Aspekten zu punkten. Im Prinzip überflüssige, austauschbare Video-Kost, die aus ihren Möglichkeiten kaum etwas macht. Ein paar gelungene Momente und Effekte sowie der weitestgehende Verzicht auf ereignislose Längen retten in den mauen Durchschnitt und mögen manch Genre-Fan einen ansonsten langweiligen Abend vertreiben, täuschen über das schwache Drehbuch und die größtenteils unspektakuläre Umsetzung jedoch nicht hinweg. Angesichts einer derart uncharismatischen Auftragsarbeit ist es kaum zu glauben, dass es derselbe Tommy Lee Wallace war, der mit „Es“ nicht nur eine hochqualitative Stephen-King-Verfilmung, sondern auch den gelungensten mir bekannten TV-Horrorfilm ablieferte und über satte drei Stunden durchgehend faszinierend und spannend gestaltete.
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Meier

„Die Flucht könn‘ sie von der Steuer absetzen!“

Regisseur Peter Timm („Go Trabi Go“, „Rennschwein Rudi Rüssel“), gebürtiger Ost-Berliner, wurde 1973 aus der DDR ausgewiesen. Ab der zweiten Hälfte der 1970er engagierte er sich im politischen Kabarett, in den 1980ern dozierte er an einer Schauspielschule. 1986 erschien sein erster Spielfilm „Meier“, zu dem er auch das Drehbuch verfasste, das in seiner Heimat angesiedelt wurde und sich auf satirisch-komödiantische Weise mit der Absurdität des Ost/West-Konflikts zu Zeiten des Kalten Kriegs auseinandersetzt.

„Um Zehn gibt’s doch im Osten ‘nen Western!“

Tapezierer Ede Meier (Rainer Grenkowitz, „Nur eine Hure“) lebt in Ost-Berlin mit seiner Freundin Lore (Nadja Engelbrecht, „Coplan – Entführung nach Berlin“) zusammen. Als er von seinem West-Berliner Vater eine hübsche Summe erbt, investiert Ede das Geld in einen falschen West-Berliner Personalausweis und anschließend in eine mehrwöchige Weltreise. Zurück in West-Berlin überrascht er Onkel und Tante damit, keinerlei Ambitionen für eine West-Karriere zu hegen und stattdessen per Tagesvisum immer wieder nach Ost-Berlin „einzureisen“, wo er seinem alten, gewohnten Leben nachgeht. Als er jedoch der DDR-Mustertapeten überdrüssig wird, bekommt er eine Idee, wie er sich seine inoffizielle Zweistaatlichkeit gewinnbringend zunutze machen kann: Er importiert BRD-Raufasertapete, die sich im Ostteil größter Beliebtheit erfreut und behauptet, eine Maschine entwickelt zu haben, mit der er die Mustertapete in Raufaser umwandelt. Seine Brigade erlangt die Aufmerksamkeit der Behörden und Ede wird zum „Helden der Arbeit“ gekürt. Doch auf Dauer gehen Doppelleben und die ständigen, minutiös getimten Ein- und Ausreisen nicht gut…

Peter Timms weitestgehend unbekanntes Regie-Debüt entpuppt sich als wahres Kleinod, das nicht nur perfekt Zeit- und Lokalkolorit des geteilten Berlins Mitte der 1980er-Jahre (die Videospielautomaten!) einfängt und transportiert, sondern dem auch das Kunststück gelingt, bei Verweigerung an der Beteiligung jeglicher Kalter-Kriegs-Propaganda eine auf beide Seiten abzielende unaufgeregte, doch äußerst gehaltvolle Satire zu entfalten. Dabei wird das gängige Klischee vom armen, geknechteten Ost-Arbeiter, der es kaum erwarten kann, in den „goldenen Westen“ rüberzumachen, ebenso entkräftet wie der DDR-Staat entdämonisiert, ohne dessen autoritäre Strukturen zu ignorieren, im Gegenteil: Sie werden süffisant aufs Korn genommen. Man merkt Timm stets seine DDR-Biographie an, aufgrund derer ihm ein differenziertes Bild vom Leben in Ost-Berlin zu zeigen möglich wird. Darzustellen, wie jemand die Chance bewusst verstreichen lässt, sich eine Existenz in der BRD aufzubauen und sich das Recht herausnimmt, „drüben“ glücklich zu sein, dürfte auf Westseite ebenso als provokant aufgefasst worden sein wie die Verballhornung der DDR-„Mangelwirtschaft“ und des Ministeriums für Staatssicherheit sowie anderer DDR-Behörden mit ihrem Arbeits- und Orden-Fetisch auf Ostseite. Dass manch Schauspieler dabei auch optisch an DDR-Obere erinnern, sorgt für zusätzliche Authentizität und macht den Spaß perfekt.

Bei aller komödiantischen Überzeichnung durchaus authentisch wirken auch die übrigen Charaktere, die verschiedene Typen Ost-Berliner verkörpern, ohne sie als reine Abziehbilder zu skizzieren – weniger aufgrund perfekten Schauspiels als wegen der Auslegung der Rollen. Ferner erhält der Zuschauer Einblicke in den DDR-Arbeitsalltag, speziell des Tapeziererhandwerks, in DDR-Feierkultur und Grenzer-Habi- und Duktus, Nadja Engelbrecht gibt sich als Lore sehr freizügig und Kabarettist Dieter Hildebrandt taucht in einer Nebenrolle als „Hamwanich“-Kellner auf. „Meier“ ist ein wunderbares Dokument deutsch-deutscher Gegensätze, Gemeinsamkeiten, Beziehungen und Abhängigkeiten mit einer dem Ganzen innewohnenden Wahnsinn Ausdruck verleihenden und nur allzu wahren Pointe und insbesondere dadurch interessant, dass es eben nicht erst wie z.B. „Sonnenallee“ nach Auflösung der DDR entstand, sondern zu einem Zeitpunkt, an dem kaum jemand ernsthaft an eine Wiedervereinigung glauben mochte. Wem „Sonnenallee“, „Kleinruppin Forever“ u.ä. gefällt, sollte unbedingt auch Ausschau nach „Meier“ halten!
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From Beyond

„Nur aus Verstand bestehen!“

Im Jahre 1979 debütierte US-Regisseur Stuart Gordon mit dem TV-Drama „Bleacher Bums“. Wirklich auf sich aufmerksam machte er jedoch erst 1985 mit seinem Zweitwerk „Re-Animator“, jenem Zombie-Splatter-Film nach Lovecraft-Motiven, der den Beginn der fruchtbaren Zusammenarbeit mit Produzent Brian Yuzna markierte, die entscheidend dazu beitrug, die 1980er zu der Kult-Dekade für das Horrorkino zu machen, die sie letztlich wurden. Schon 1986 bediente sich das Duo erneut bei einer Lovecraft’schen Kurzgeschichte, die sie zusammen mit Dennis Paoli für die Leinwand adaptierten und auf Spielfilmlänge brachten – „From Beyond“ war geboren, in Deutschland mit dem unsinnigen Titelzusatz „Aliens des Grauens“ verschandelt, denn um Außerirdische geht es natürlich nicht:

Der Wissenschaftler Dr. Edward Pretorius (Ted Sorel, „Network“) und sein Assistent Crawford Tillinghast (Jeffrey Combs, „Re-Animator“) haben den „Resonator“ entwickelt, eine Maschine zur Stimulation der menschlichen Zirbeldrüse. Diese soll die Aktivierung eines sechsten Sinns bewirken, mit dem man eine Paralleldimension wahrnehmen könne. Doch direkt der erste Test mündet in eine Katastrophe: Dr. Pretorius wird der Kopf abgebissen und Crawford verletzt. Letzterer steht nun unter Mordverdacht und findet sich in einer Psychiatrie unter Leitung Frau Dr. Blochs (Carolyn Purdy-Gordon, „Re-Animator“) wieder, die ihm Schizophrenie attestiert. Die neugierige Psychologin Katherine McMichaels (Barbara Crampton, „Re-Animator“) jedoch experimentiert mit Schizophrenen und kann Crawford überreden, mit ihr und dem Polizisten Bubba (Ken Foree, „Dawn of the Dead“) noch einmal den Ort des Schreckens zu betreten. Sie wiederholen den Versuch und locken so nicht nur Dr. Pretorius zurück, sondern stehen auch zunehmend unter Einfluss der stimulierten Zirbeldrüse…

„Ich bin nicht tot – es war nur ein Hinübergleiten ins Jenseits!“

Im Prolog steht Crawford an einer gigantischen Computer-Anlage, in der Mitte des Raums der Resonator. Nachdem er gestartet wurde, verändern sich die Lichtverhältnisse und fischähnliche Wesen, die durch den Raum schweben, werden sichtbar. Sie reagieren auf Bewegungen und beißen den armen Crawford direkt. Doch Pretorius trifft es kurz darauf noch schlimmer und er verliert seinen Kopf. Schnitt, Vorspann, willkommen in der Welt Lovecrafts oder vielmehr Yuznas Gordons und des ‘80er-Horrors! Dabei gibt sich der Film betont oldschool, setzt Pretorius‘ Wohn- und Forschungssitz im Stile eines klassischen Gruselhauses in Szene, verwendet eine orchestrale musikalische Untermalung à la „Blob – Schrecken ohne Name“, die Richard Band, Bruder des ebenfalls an der Produktion beteiligten und im Low-Budget-Bereich nicht unbekannten Charles Band, komponierte und erweist dem klassischen „Universal“-Horrorstreifen „Frankensteins Braut“ die Ehre, indem er Pretorius‘ Namen – einen eigens für die Verfilmung entwickelten Charakter – dort entlehnte. Ein beliebtes Genre-Motiv sind auch die Blicke in die Zellen Geisteskranker, in diesem Falle in der Psychiatrie, aus der Katherine das nervliche Wrack Crawford holt. Katherine vermutet einen Zusammenhang zwischen vergrößerter Zirbeldrüse und Schizophrenie und ist ganz wild auf die Wiederholung des Experiments, wird schließlich dank eigenem stimulierten „dritten Auge“, wie die Drüse auch genannt wird, gar noch wilder, als Dr. Pretorius‘ S/M-Folterkammer sie antörnt und sich die Gute in Lack und Leder wirft, um den Film um einen sleazigen Erotikanteil zu bereichern.

„Jetzt erst kannst du wirklich sehen!“

Man kann förmlich den Druck spüren, den der Resonator verursacht, wenn er eingeschaltet wird und sich die Technik verselbständigt, weil sie aus dem Jenseits von Pretorius gesteuert wird. Dieser wird immer unförmiger, monströser und spricht gehässig mit sonorer, hallender Stimme, dass es ein echter Alptraum ist und sich die Spezialeffekt-Künstler um John Buechler so richtig austoben konnten. Und während sich im weiteren Verlauf Pretorius in immer wilderen, in bester Lovecraft-Manier tentakeligen Formen austoben kann, schießt Crawford die Zirbeldrüse tatsächlich als drittes Auge aus der kahlen Stirn, nachdem ihm ein Monstrum das Haupthaar abgelutscht hat. In der Pathologie bekommt der Gute Heißhunger auf Hirn, beißt der Ärztin ihr Auge aus und saugt ihr Denkvermögen durch die Augenhöhle. Ja, „From Beyond“ setzt auf Ekel und Splatter, und das nicht zu knapp. Und als wäre all dies mit seinem Latex-Monster-Mutations-Overkill nicht genug, toppt man die Bizarrie noch durch Point-of-View-Perspektiven der Zirbeldrüse, die zu allem Überfluss auch noch abgebissen wird.

„Ich bin das mächtigste Lebewesen im Universum!“

Was Gordon, Yuzna und Co., die sich auch in weiteren Werken an Lovecrafts Œuvre austoben sollten, aus einer lediglich siebenseitigen literarischen Vorlage herausgeholt haben, ist ein wahres Fest für de Freund grafischen Horrorkinos. Die Übertreibung gehört hier zum guten Ton, der trashcomichafte Stil des Films steht ihm bestens zu Gesicht und die Aufteilung des Mad-Scientist-Charakters in einen Anta- und einen Protagonisten erweist sich als kongenialer Einfall. Daraus entsteht eine faszinierende, sexuell aufgeladene Dynamik zwischen den einzelnen Rollen und wirkt „From Beyond“ originell, grenzüberschreitend und betont geschmacklos, ohne zur gezwungen erscheinenden Parodie seiner selbst zu werden. Den zu einem nicht unbeträchtlichen Teil zu Gordons Stamm-Ensemble gehörenden Schauspielern wird es zuteil, den Subtext um Größenwahn und unterdrückte sexuelle Obsessionen (ebenfalls eine Erfindung der Drehbuchautoren, nicht Lovecrafts) zu transportieren. Barbara Crampton avanciert von der verkopften grauen Maus zur Leder-Lady, Jeffrey Combs durchlebt im Prinzip gleich mehrere Rollen und bewegt sich dabei gern an der Grenze zum Overacting und Ken Foree gibt lange Zeit die Stimme der Vernunft, bis er begreifen muss, dass sie in dieser Welt nichts mehr zählt, vom Resonator verschluckt und in eine andere Dimension katapultiert wurde.

Auch wenn mir nicht ganz klar ist, woher Katherine schließlich die Bombe nimmt, ist der Filme eine ebensolche, der auch aufgrund seines eingestreuten Humors trotz des irrsinnigen Aufwands, der allein schon für die wahnwitzigen Spezialeffekte betrieben worden sein muss, noch immer herrlich erfrischend und unverkrampft eines von mehreren Exempeln seines Jahrzehnts statuierte, die dazu beitrugen, dass man Lovecrafts paranoide Geschichten als Film-Fan lange Zeit vor allem mit extrem grafischen Monstren und Mutationen (jedoch keinen Mumien) in Verbindung brachte. Weiter trieb es ein John Carpenter in seinem wesentlich grimmigeren, ernstzunehmenderen „Das Ding aus einer anderen Welt“ in Sachen Mutations-Science-Fiction-Horror bereits auf die Spitze, doch was „From Beyond“ zelebriert, ist ein vollkommen irrer Ritt auf der Zirbeldrüse, den man ebenfalls nie mehr vergessen dürfte und auf den sich einzulassen immer wieder verdammt viel Freude bereitet – vorausgesetzt, man liebt diese Art des Genrekinos ebenso wie ich.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Jobkiller

„Wir sollten gemeinsam kämpfen und uns nicht um die Krümel streiten!“

Der als Mitbegründer des Polit-Thrillers geltende gebürtige Grieche Costa-Gavras („Z“, „Das Geständnis“, „Der unsichtbare Aufstand“) widmete sich drei Jahre nach seinem Nazi-Drama „Der Stellvertreter“ wieder der Gegenwart, als er zusammen mit Jean-Claude Grumberg einen Roman aus der Feder Donald E. Westlakes zu einem Drehbuch umschrieb und verfilmte, der 2005 erschien und in Deutschland unter den Titeln „Die Axt“ und „Jobkiller“ vermarktet wurde. Es handelt sich um eine schwarzhumorig-makabre Satire auf den Arbeitsmarkt in Form eines französisch-belgisch-spanisch produzierten Serienmörder-Thrillers, der den Zynismus des kapitalistischen Arbeitssystems karikierend auf die Spitze treibt.

Bruno (José Garcia, „Ein Fisch namens Ärger“) hat lange Zeit in der Papierindustrie als Chemiker gearbeitet, doch die Arbeitslosigkeit, in die er nach Rationalisierungsmaßnahmen seines Arbeitgebers geriet, jährt sich zum zweiten Mal. Das Haus will weiter abbezahlt und die Familie versorgt werden und so schreibt er unermüdlich Bewerbungen, bekommt jedoch eine Absage nach der anderen. Da entwickelt er einen perfiden Plan: Er fingiert selbst ein Stellenangebot und lässt so sich die Bewerbungen seiner Konkurrenten um seinen Traumjob schicken. Letztlich kommen nur fünf in Frage: Wenn er sich dieser nun entledigt und er zudem Raymond Mâchefer (Olivier Gourmet, „Wolfzeit“), den er aus einem Werbespot des Branchenriesen Arcadia kennt, aus dem Weg räumt, müsste er doch eigentlich dessen Position einnehmen können…

„Ich wurde aggressiv und unsozial…“

All dies erfährt der Zuschauer allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt, denn Costa-Gavras hat den Aufbau seines Films dynamisch gestaltet: Er steigt direkt damit ein, dass Bruno jemanden absichtlich mit seinem Auto überfährt. Im Anschluss hadert er mit sich, spricht ein Geständnis und wie es überhaupt so weit kommen konnte, auf ein Diktiergerät, womit er eine ausgedehnte Rückblende einleitet. Man erfährt von Brunos Schicksal und Kritik an asozialen Aktionären, die Entlassungen von Arbeitnehmern zwecks „Gewinnoptimierung“ begünstigen, wird laut. Brunos beschwerliche Schießübungen tragen u.a. dazu bei, dem trotz satirischer Ausrichtung und schwarzen Humors nicht als Komödie aufgezogenen Film eine nicht unbeträchtliche Authentizität zu verleihen, wozu auch gehört, wie schwer sich Bruno anfänglich tut, mutmaßliche Konkurrenten zu ermorden. Daraus resultiert bisweilen ein hohes Maß an Spannung und man erwischt sich dabei, Brunos Verhalten nachvollziehen zu können, ihm möglicherweise gar alles Gute zu wünschen. Costa-Gavras macht uns zu Komplizen.

Noch vor der Hälfte der Spielzeit endet die Rückblende, mit seinem bisher ungehörten Geständnis war Bruno also noch längst nicht am Ende angelangt. Nicht minder aufregend geht es weiter, psychologische Aspekte werden aufgegriffen, wenn er glaubt, seine Frau (Karin Viard, „Hass“) würde von ihm den Erhalt des Lebensstandards erwarten und wäre nur am Jammern, obwohl sie sich in erster Linie nach seiner Zuneigung sehnt und man geht auf die Bedeutung und den Stellenwert von Arbeit innerhalb der Gesellschaft ein – stets organisch wirkend in die Handlung eingebunden. Als Bruno seinen Sohn aus einem Ladendiebstahl in größerem Stil herausboxen muss, wird angedeutet, wie finanzielle familiäre Not auch Kleinkriminalität begünstigt und die nächste Generation negativ beeinflusst. Auch Brunos Opfer sind nicht einfach nur Opfer, sondern werden zum Teil ebenfalls charakterisiert, Bruno und die Zuschauer lernen sie kennen und entdecken Parallelen zwischen Mörder und Ermordeten.

Das auf Profitmaximierung ausgerichtete kapitalistische Wirtschafts- und Wertesystem sorgt u.a. mit seiner künstlichen Verknappung des Arbeitsmarkts für einen Konkurrenzkampf innerhalb der Schicht der Arbeiter und Angestellten untereinander, obwohl diese die größte Fraktion darstellen. Der Kapitalismus sorgt so für Entsolidarisierung der Arbeitnehmer, ständige Angst um den Arbeitsplatz und macht sie dadurch gefügig, während Gewerkschaften immer mehr zur Farce verkommen. Dieses System ist von fast allen etablierten Parteien, von den Grünen über den größten Vorfall menschlicher Halbbildung, der „Sozialdemokratie“ bis zu den Erzreaktionären von CDU und den Nationalisten von der AfD als alternativlos anerkannt und gewollt, lediglich die Linke wagt es, diese Ideologie in Frage zu stellen. „Die Axt“ denkt dieses System ein paar Schritte weiter und veranschaulicht es durch eine Übertreibung, die dem Zuschauer gerade auch aufgrund der brillanten schauspielerischen Leistung Garcias gar nicht einmal sonderlich hochgegriffen vorkommt. Damit leistet Costa-Gavras einmal mehr einen hervorragenden Beitrag zu einem viel zu wenig geführten gesellschaftlichen Diskurs und bedient sich wunderbar künstlerisch und unterhaltsam des Mediums Spielfilm, um sowohl formalen und schöngeistig cineastischen als auch rein inhaltlichen Ansprüchen gerecht zu werden. Ein unbedingt sehenswerter, intelligenter Film mit einer bösen Pointe, der den Wahnsinn des Arbeitsmarkts drastisch veranschaulicht.
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Terror Firmer

„Lasst uns Kunst machen!“

Zwischen „Tromeo & Julia“ und „Citizen Toxie“ drehte US-Regisseur und Chef des „Troma“-Independent-Labels Lloyd Kaufmann 1999 mit „Terror Firmer“ den vielleicht ultimativen Troma-Film, in jedem Falle aber eine in sämtliche Richtungen austeilende Meta-Satire in Form einer Splatter-Trash-Komödie.

„Meine Grenze liegt bei Eierquetschen! Ich kündige!“

Larry Benjamin (Lloyd Kaufmann höchstpersönlich) arbeitet am nächsten Teil der „Toxic Avenger“-Superhelden-Saga, doch durchs neben der hübschen, Regiekarrierepläne schmiedenden Jennifer (Alyce LaTourelle, „Big Helium Dog“) aus allerlei skurrilen Gestalten, Freaks und Vollidioten bestehende Filmset scheint sich eine wahnsinnige Serienmörderin zu morden, die offenbar einen unbändigen Hass gegen Produktionen wie diese hegt. Das stellt Larry vor ernste Probleme, denn so austauschbar sein Team auch sein mag – je weniger davon übrigbleiben, desto schwieriger wird es, den Film und damit ein neues Kunstwerk zu vollenden…

„Die Abtreibung bleibt drin!“

Troma dreht also einen Film übers Filmemachen – und verarscht sich damit zunächst einmal kräftig selbst. Um den übertriebenen Anteil an Blut, Gekröse, Sex und Fäkalhumor vieler Troma-Produktionen zu persiflieren, wird dieser noch einmal zwecks Veranschaulichung auf die Spitze getrieben, so dass „Terror Firmer“ eine beachtliche Ansammlung von Geschmacklosigkeiten anzubieten hat. Darüber hinaus ist der Regisseur blind (!) und lauert „Schleichwerbung“ für Troma an allen Ecken. Nach den drei grausamen Morden im Prolog (Verbluten durch Beinamputation, Defötusierung, Cerealienmord…) ergehen sich fast alle in Overacting oder sind irgendwie albern zurechtgemacht. Der Humor zielt schließlich auch in Richtung Filmfans, Filmindustrie, Mainstream etc., andere Genres werden aufs Korn genommen (beispielsweise in Form einer Sitcom-Parodie), wobei man jedoch – damit sich hier niemand irgendwelchen Illusionen hingibt – betont infantil und absichtlich trashig bleibt.

„Diese Filmleute sind ekelhaft!“

Zwischenzeitlich hält sogar die Split-Screen-Technologie Einzug und immer wieder lassen sich neben spaßigen Details wie einem Einweckglas mit roten Heringen bekannte Gesichter entdecken: Die Punketten der Lunachicks haben einen Kurzauftritt, Pornostar Ron Jeremy mischt sich ebenso unters Filmvolk wie die „South Park“-Schöpfer Trey Parker und Matt Stone und nach Filmende ruft Motörhead-Lemmy zu Toleranz ggü. Hermaphroditen und ihrer Anerkennung auf. Etwaigen Sexismus-Vorwürfen begegnet man, indem man der weiblichen auch männliche Nacktheit gegenüberstellt, beim Rückgriff auf Stereotypen werden diese derart überzeichnet, dass sie zugleich parodiert werden und die blutigen Spezialeffekt bleiben i.d.R. durchschaubar. So oder so ist „Terror Firmer“ mit seinem Punkrock-Soundtrack aber nichts für Schöngeister, sondern für Freunde des provokanten Haudrauf-Humors, der das Herz am rechten Fleck hat und sich mit seinem Augenzwinkern an Fans des Labels und des guten schlechten Geschmacks richtet. Special interest also, in seiner Radikalität und Konsequenz aber durchaus auch in der Lage, neue Opfer Zuschauer mit dem anarchischen Troma-Humor infizieren. Auch den Abspann gestaltete man humoristisch. Trotz aller „Qualitäten“ ist Kaufmanns Film über die volle Unrated-Distanz aber dann doch irgendwann zu viel des Guten, ca. eine halbe Stunde zu lang geraten. Bei mehr Straffung wäre noch mehr drin gewesen.
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Ein wirklich junges Mädchen

„Ich mag keine Menschen – sie deprimieren mich!“

Mit ihrem Regiedebüt „Ein wirklich junges Mädchen“ verfilmte die Französin Catherine Breillat („Romance“) ihren eigenen Roman, doch das im Jahre 1976 fertiggestellte Coming-of-Age-Sexualdrama galt als pornographisch, wurde verboten und erst über 20 Jahre später uraufgeführt.

Die 14-jährige Internatsschülerin Alice (Charlotte Alexandra, „Unmoralische Geschichten“) fährt in den Sommerferien zu ihren Eltern (Rita Maiden, „Die Milchstraße“ und Bruno Balp, „Der Mann aus Marseille“) aufs Land an der französische Atlantikküste. Sie fühlt sich von ihnen entfremdet und entdeckt stattdessen zunehmend ihre eigene Sexualität. Sie gibt sich erotischen Tagträumen hin und verliebt sich in den Arbeiter Jim (Hiram Keller, „Fellinis Satyricon“), dem sie jedoch zu jung ist. Unbefriedigt sehnt sie sich nach sexuellen Erfahrungen und sendet entsprechende Signale aus…

Um es gleich vorwegzunehmen: „Ein wirklich junges Mädchen“ ist trotz ein paar expliziter Szenen weder ein Porno, noch ein Erotikfilm. Breillats „Skandalfilm“ scheint sich vielmehr um eine sehr persönliche, individuelle, feminine Sichtweise auf die Entwicklung weiblicher Sexualität zu bemühen und dabei lange vor „Feuchtgebiete“ u.a. auf einen provokanten Ekelfaktor zu setzen, der vermutlich einen unverklärten, ehrlichen Umgang mit der Konfrontation einer Pubertierenden mit ihrem sich ändernden Körper und kopfstehender Gefühlswelt suggerieren soll, jedoch mitunter recht selbstzweckhaft und irritierend übertrieben wirkt. So führt sich Alice am Esstisch einen Löffel in die Vagina ein, kotzt sich im Bett voll, wird beim Pinkeln gezeigt, spielt mit einem Regenwurm an ihrem Genitalbereich und schiebt sich eine Flasche in den Hintern.

Über weite Strecken jedoch wird die Entfremdung von ihren Eltern gezeigt, die Mutter hysterisch, der Vater autoritär und langweilig, eisiges Schweigen am Esstisch. Alice verfügt über wenig Selbstbewusstsein und ekelt sich vor ihrem Körper, den sie ebenso wie ihre Umwelt gerade neu entdeckt. Zum Zuschauer spricht sie aus dem Off und ansonsten nicht viel. Das Tempo des Films wird zusätzlich gedrosselt, wenn ein Rock’n’Roll-Sänger im Fernsehen gezeigt wird und dieser einen kompletten Song darbieten darf. Alice’ Wirkung auf andere zeigt sich beispielsweise, wenn sie in einem Karussell sexuell belästigt wird. Ihren Vater beobachtet sie in den Dünen beim Fremdgehen, was die Bigotterie der bürgerlichen Erwachsenenwelt unterstreicht.

Das mag alles halbwegs nachvollziehbar sein, auch wenn ich bezweifle, dass Alice’ Verhalten stellvertretend für andere pubertierende Mädchen zu verstehen ist – aber was weiß ich schon darüber. Unverständlich jedoch ist der Gebrauch von Tiertötungen vor laufender Kamera, die in der Phantasie der verkopften Autorin und Regisseurin möglicherweise metaphorische Bedeutung erlangen, bei mir jedoch auf Ablehnung stoßen. Und wenn sich Alice Federn in den Arsch steckt und über eine Düne robbt, „Ich bin ein kleines Huhn!“ gackernd, ist dies ausschließlich albern und erniedrigend. Dort treibt sie es in ihren Tagträumen dann auch mit Jim. Als dieser endlich tatsächliches Interesse an ihr entwickelt, was jedoch in einer Tragödie endet, bedient sich der Film erstmals so etwas wie einer klassischen Narration, was jedoch eher aufgesetzt und in keinem plausiblen Zusammenhang zum Gezeigten stehend erscheint.

Es mag sein, dass der Film um die während der Dreharbeiten übrigens bereits 21-jährige, freizügige Charlotte Alexandra die Stimmung einer verwirrten, unter Gefühlschaos leidenden Pubertierenden bisweilen authentisch einfängt, näherbringen konnte Breillat sie mir aber nicht und die Skandalwirkung des Films, der übrigens, das sei der Vollständigkeit halber erwähnt, auch diverse Pimmel zeigt, verpufft sehr schnell. Ich habe mir Mühe gegeben, aber wirklich etwas anfangen konnte ich mit „Ein wirklich junges Mädchen“ trotz angepasster, also keinen Erotikfilm erwartenden Herangehensweise leider nicht.
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Kampf um die 5. Galaxis

„Ich will, dass es keine Überlebenden gibt – das gilt besonders für Barbara Gibson!“

Die italienische Kino genießt bei sich weniger mit der Materie Auskennenden mitunter den Ruf der Plagiatsschmiede, die sich mehr schlecht als recht an erfolgreiche Titel aus dem Ausland aus kommerziellen Erwägungen heraus hängte. Wasser auf die Mühlen dieses eigentlich unzutreffenden Klischees ist der lausige „Star Wars“-Rip-Off „Kampf um die 5. Galaxis“, den ausgerechnet Meister-Regisseur Aldo Lado („Malastrana“) mit Enzo. G. Castellari („The Riffs – Die Gewalt sind wir“) als Second-Unit-Regisseur und weiteren namhaften Filmschaffenden im Jahre 1979 verbrochen hat.

Der entflohene Imperator Lord Graal (Ivan Rassimov, „Mondo Cannibale“) beauftragt seine Armee damit, auf dem ehemals „Erde“ genannten Planeten Metropolis (wie kreativ, übrigens auch das erste gesprochene Wort des Films) das Element Kapatron zu stehlen, mittels dessen der verrückte Wissenschaftler Kraspin (Arthur Kennedy, „Hexensabbat“) arglose Menschen in böse und quasi unzerstörbare, willenlose Humanoiden verwandeln kann. Diese sollen u.a. Graals Frau Lady Agatha (Barbara Bach, „Malastrana“) helfen, weibliche Opfer für ihre Verjüngungskur mittels eines von Kraspin gebrauten Serums heranzuschaffen. Als erster muss Pilot Golob (Richard Kiel, „Der Spion, der mich liebte“) dran glauben, der mit seinem Roboterhund unterwegs war. Als Humanoid lautet sein Auftrag nun, die Wissenschaftlerin Barbara Gibson (Corinne Cléry, „Geschichte der O“) zu töten, bevor diese gefährlich werden kann – obwohl Graal ihn eigentlich seinem älteren Bruder, der ihn in den Space-Knast brachte, auf den Hals hetzen wollte. Doch Babsi wehrt sich mitsamt ihres ostasiatischen, über spezielle Fähigkeiten verfügenden Schülers Tom Tom (Marco Yeh) redlich…

Puh, ich weiß nicht, ob ich die Prämisse jetzt korrekt wiedergegeben habe, denn bei laberlastigem und unnötig verkompliziertem Science-Fiction-Kitsch schalten meine Ohren automatisch auf Durchzug. Die beknackte Story hat auch gar nicht so viel mit George Lucas‘ Sternenoper zu tun – aber der Look! Einige Weltall-Szenen wurden 1:1 aus „Star Wars“ nachgebildet und natürlich stand nur ein Bruchteil des Budgets zur Verfügung, so dass hier Improvisationstalent gefragt war – das von halbwegs respektabel bis zum Schießen komisch reicht. Für die Spezialeffekte verantwortlich: „Anthony M. Dawson“ alias Antonio Margheriti, Italophilen als Low-Budget-Genre-Regisseur mit Händchen für Miniatur-SFX bekannt. Ivan Rassimov gibt mit schwarzem Helm und Umhang Darth Vader für Arme, während Richard Kiel offenbar eine Art Han Solo darstellen soll, Barbara Bach Prinzessin Leia imitiert und der Roboterhund bei R2-D2 in die Schule ging. Welch eine Darstellerriege also, die hier in mies abgekupferten Rollen verheizt wird – und Ennio Morricone dirigiert dazu den Synthesizer! Der absolute Brüller aber ist Corinne Clérys Frisur, die aussieht, als trage sie totes Federvieh auf dem Kopf… oder einen Flughund.

Die Plemplem-Handlung wird angereichert mit vielen, vielen Laserstrahlen, Actioneinlagen und Explosionen, etwas nackter Haut, dem lästigen, aber mitschießenden Roboterhund und dem ultranervigen neunmalklugen Streberkind Tom Tom, das schlichtweg alles kann, bis es endlich auf einem Serviettenhalter davonbraust. Zu einem unfreiwilligen Running Gag avancieren die zahlreichen Absichtsbekundungen und Aufforderungen, Barbara Gibson zu töten, die sinnigerweise den „Humanoiden-Abwehrcode“ vergessen hat… Morricone wechselt zwischenzeitlich zum heroischen Bombast, was unpassender als in diesem Film schwerlich wirken könnte. Richard Kiel und Kennedy chargieren um die Wette, Lord Graal wird als „die Inkarnation des Böses“ enttarnt und das ultrakitschige Happy End setzt dem Schwachsinn die Krone auf.

Obwohl „Kampf um die 5. Galaxis“ (vollkommen sinnbefreiter deutscher Titel) unverkennbar auf flache Familienunterhaltung (statt auf totalen Wahnsinn wie Luigi Cozzis ungleich empfehlenswerterer „Star Crash“) getrimmt wurde, hat es eine härtere Szene in den Film geschafft, in der eine entblößte Dame in einem Folterinstrument durchbohrt wird; auch der Bach’sche Alterungseffekt ist nicht ganz zu verachten. Gefahr geht von diesem Film aber lediglich für die grauen Zellen aus, denn der Hirnrissigkeitsfaktor bewegt sich in ähnlichen Regionen wie im weiteren Italo-Sci-Fi-Gaga „Einer gegen das Imperium“. Lados Weltraumschmierentheater ist ein perfektes Beispiel für gänzlich misslungenes Plagiatskino, für das, was dabei herauskommt, wenn man sich aus Trittbrettfahrerei jeglicher Kreativität und Originalität entledigt und ein zum Fremdschämen trashiges Stück italienische Filmgeschichte, fabriziert von Leuten, die es eigentlich wesentlich besser konnten. Abgehärtete Freunde des größeren Celluloid-Unfalls werden gerade deshalb ihren Spaß damit haben, ich schau mir lieber noch einmal „Star Crash“ an.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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