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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mi 4. Mär 2015, 20:58
von buxtebrawler
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Schulmädchen-Report, 2. Teil - Was Eltern den Schlaf raubt

„Mit einer Fülle von sensationeller Information hat dieser Film so vielen Eltern die Augen geöffnet, dass wir uns gezwungen sahen, erneute Untersuchungen anzustellen, neues Material zusammenzutragen, sodass wir Ihnen heute Tatsachen aufzeigen können, über die selbst die Jugend nur ungern spricht.“

Schon kurz nach Produzent Wolf C. Hartwigs Exploitation der Reportfilme der Ära der sexuellen Revolution, dem berüchtigten „Schulmädchen-Report“, durfte der österreichische Regisseur Ernst Hofbauer erneut auf dem Regiestuhl platznehmen und den ersten Nachfolger der sich schließlich über eine ganze Dekade erstreckenden Reihe abdrehen: „Schulmädchen-Report, 2. Teil - Was Eltern den Schlaf raubt“ erschien im Jahre 1971, nur zehn Monate nach dem Erstling.

Erneut durfte sich das neugierige bis voyeuristische Publikum daran ergötzen, wie vermeintlich wahre Geschichten aus dem vermeintlichen Alltag jugendlicher Mädchen als Episodenfilm aufbereitet und von vermeintlichen Experten kommentiert werden, unterbrochen von Friedrich von Thun („Onkel Filser - Allerneueste Lausbubengeschichten“), der vermeintlichen Passantinnen dreiste intime Fragen auf offener Straße – diesmal in Berlin – stellt und diesmal auch als Moderator der „Expertenrunde“ durch den Film führt.

Nachdem der furchtbare naive Titelsong, geschrieben von Peter Thomas und gesungen von Schlagersternchen Daisy Door, verklungen ist, ertönt eine Report-Stimme aus dem Off und Friedrich von Thun berichtet von den ach so vielen Einsendungen, mit denen man nach dem ersten Teil überhäuft worden wäre, so dass man sich förmlich gezwungen sah, diese Fortsetzung zu drehen, für die man die besten Geschichten ausgewählt habe. Klar, so wird’s gewesen sein…

„Lieber einmal mit dem Lehrer schlafen als Sitzenbleiben!“

In der „Expertenrunde“ findet sich eine Klassenlehrerin, die die erste Episode einleitet: Schülerinnen geilen gezielt ihren Lehrer auf, Elfie (Karin Götz, „Graf Porno bläst zum Zapfenstreich“) versucht, ihn in der Wohnung ihrer Eltern zu verführen und ihre Freundinnen beobachten das Ganze und machen Fotos, mit dem sie ihn anschließend zu erpressen versuchen. Ausgang des delikaten Falls: Der Lehrer nimmt sich das Leben. Unterbrochen wird die heuchlerische, notgeile Altherrenfantasien bedienende Episode von der ersten Straßenumfrage und einem Interview mit Herrn Gebhardt (Günter Clemens, „Hexen bis aufs Blut gequält“), einem Rechtsanwalt. Für die zweite Episode begibt man sich nach Bayern, wo ein paar entsetzlich unaufgeklärte Jugendliche im Heustall ihre Sexualität entdecken, vögeln und dabei erwischt werden. So unglaubwürdig sie auch gestaltet ist und den Kids eine unschuldige Naivität attestiert, die wohl selbst im Bayern des Jahres 1971 fernab jeglicher Realität gewesen sein dürfte, so verbindet sie doch immerhin ihre ebenso romantische wie klischeebehaftete Fantasie von der Entjungferung auf dem Lande zwischen Heu und Stroh mit einem seinerzeit sicherlich noch fortschrittlichen Plädoyer für möglichst frühe Aufklärung. Eine Psychologin bescheinigt den Jugendlichen schließlich, sich nicht falsch verhalten zu haben. Auf eine alibihafte Pseudomoral setzt die Episode, die Architekt Müller (Josef Moosholzer, „Pepe, der Paukerschreck“) zum Besten geben darf: Die beiden Ausreißerinnen Monika (Rena Bergen, „Die goldene Banane von Bad Porno“) und Emi geraten schnell auf die schiefe Bahn. Erst wird ihr Koffer geklaut und das ganze Geld ist weg, dann kommen sie bei einer Uschi (Elfi Helfrich, „Der neue heiße Report: Was Männer nicht für möglich halten“) unter, wo sie sich von einem ihrer Bekannten bumsen lassen, der sie schließlich auf den Strich schicken will. Sie landen stattdessen bei zwei Hippies und bumsen mit ihnen in Schlafsäcken, begehen aus Verzweiflung Ladendiebstahl und werden von der Polizei aufgegriffen, der sie ihre Erfahrungen berichten. Die Moral ist erzkonservativ und offensichtlich: Wer das elterliche Heim verlässt, um ein eigenständiges Leben auszuprobieren und eigene Erfahrungen zu sammeln, wird bestohlen, sexuell ausgenutzt und kriminell. „Geschieht ihnen ganz recht!“, wird sich manch deutscher Proll gedacht haben, nachdem er sich geifernd an den nackten Tatsachen erfreut hat.

„Halb ausgezogen sieht aus wie Porno. Nur die völlige Nacktheit ist natürlich.“

Es folgt die für mich verstörendste Episode, eine komödiantische Sexklamotte, die davon handelt, wie für Heini (Michael Schreiner, „Engelchen macht weiter - Hoppe, hoppe Reiter“) der angepeilte Sex im Wald gründliche misslingt. Hier vermengt sich grottiger deutscher Humor (als Running Gag muss Heinis Tick, seinen Mund ständig zur Seite zu ziehen, herhalten) mit dem „Talent“, Nacktheit gänzlich unerotisch auf die Leinwand zu bannen und lässt an schlimmste, zum Fremdschämen verklemmte Sexkomödien-Auswüchse denken. Moralinsauer „mahnend“ geht es erneut in der kommenden Episode zu, in der zwei Junkies ein Mädchen in eine Wohnung locken, mit Heroin anfixen und vergewaltigen. Reißerisch warnt der Sprecher dazu vor Rauschgift. Erneut werden hier reaktionäre Ängste geschürt, statt aufzuklären, erneut ist die Essenz, dass man junge Frauen ja gar nicht allein auf die Straße lassen könne oder dürfe – und erneut darf der Spießer in diesem Zusammenhang an nackten Tatsachen seine Doppelmoral befriedigen. Eine Hausfrau leitet die nächste Episode ein: Konsumgeile Gören fallen auf einen Fotografen herein, der sie überredet, nackt vor seiner Kamera zu posieren, damit er die Fotos gewinnbringend an Erotikmagazine veräußern kann – wo sie prompt vom Hausmeister der Schule wiedererkannt werden. Von Thun nimmt dies zum Anlass, eine Befragung zum Thema Aktfotos und Aufhebung des Pornographieverbots durchzuführen. Wäre diese Episode nicht erneut darauf ausgerichtet, dass letztlich lüsterne ältere Herren sich an naiven und ausgenutzten jungen Mädchen erfreuen, könnte man ihr beinahe tatsächlich einen Aufruf zum unverkrampften Umgang mit Erotik unterstellen… Eine Schülerin berichtet in der nächsten Geschichte von ihrem ersten Sex: Sie hat angegeben und sieht sich nun genötigt, es mit einem „Feger von Bogenhausen“ genannten Typen, dessen Ruf ihm vorauseilt, zu treiben. Ihre Freundinnen bestellen sich einen Taxifahrer (!) als Aktmodell (!) und verführen ihn derweil. Wäre die „Feger-Affäre“ weniger albern aufgezogen worden, hätte sie Potential gehabt, über Schein und Sein sexueller Prahlereien und Erwartungshaltungen aufzuklären, während die Taxifahrer-Nummer einmal mehr Altherrenfantasien nur auf sie wartender, lüsterner junger Mädchen bedient, die mit Aufklärung, Fortschrittlichkeit und Emanzipation so viel zu tun haben wie Boy George mit Heterosexualität. Von Thun fällt dann auch nichts Besseres ein, als im Anschluss Passantinnen nach dem idealen Alter fürs erste Mal auszufragen.

„Als Lehrer darf ich Ihnen nicht in den Ausschnitt fassen, aber als Mann darf ich das!“

Susanne sitzt bei einer Psychologin und erzählt, was ihr widerfuhr: Sie verführte ihren Nachhilfelehrer, wurde von ihren Eltern erwischt, der Fall landete vor Gericht – laut „Schulmädchen-Report 2“ ein „vermeintliches Unrecht“. Susanne begeht schließlich einen Selbstmordversuch. Über diese Episode freuen und bestätigt fühlen dürfen sich all diejenigen, die davon träumen, attraktiven Schülerinnen Nachhilfe auch auf ganz anderen Gebieten zu erteilen. Der weitaus häufigere Fall des Missbrauchs von Schutzbefohlenen wird von der sexistischen Männerriege, die für diesen Film verantwortlich zeichnet, selbstverständlich mit keiner Silbe erwähnt. Wer diese Episode für bare Münze nahm und kurz darauf von einem sich vor dem Gesetz verantworten müssenden Pädagogen hörte, wird sein persönliches Urteil schnell gefällt haben. Im letzten Beitrag schließlich ist Babsi schwanger, ihre Eltern sind entsetzt. Als sie ihre Eltern jedoch daran erinnert, dass sie selbst vorehelich gezeugt wurde, wendet sich alles zum Guten und gemeinsam freut man sich auf den Nachwuchs. Etwas versöhnlicher Familienkitsch, der immerhin eine Lanze für Schwangerschaften im jugendlichen Alter bricht, statt sie als Sünde darzustellen, beschließt den zweiten Teil der langlebigen Reihe, der es schafft, insgesamt sogar noch ein bisschen billiger als der Vorgänger zu wirken. Mit dem einen oder anderen ambitionierten Report- und Aufklärungsfilm vorausgegangener Jahre hat das alles nur entfernt etwas zu tun, in erster Linie geht es um die plumpe Zurschaustellung attraktiver Mädchen und die Verfilmung von Altherrenfantasien sowie konservativen Ängsten, um auf den Erfolg an der Kinokasse zu spekulieren. Natürlich ist „Schulmädchen-Report, 2. Teil - Was Eltern den Schlaf raubt“, der mit aufgesetztem Ernst offenbar noch immer versucht, einen seriösen Anstrich zu wahren und aufklärerisch zu wirken, obwohl er das exakte Gegenteil erreicht, zutiefst unglaubwürdig und vornehmlich an niederen Instinkten interessiert, für abgebrühte Trash-Freunde aber bestimmt unfreiwillig unterhaltsam und allgemein ein entlarvendes Zeitdokument der deutschen Kinogeschichte, das belegt, mit welch substanzlosem Mist man damals eine peinlich verklemmte christliche Gesellschaft scharenweise ins Kino locken konnte.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Sa 7. Mär 2015, 16:26
von buxtebrawler
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Der Antichrist

„Der Teufel denkt nicht daran, sich zu verstecken!“

Nach der ebenso schockierenden wie erfolgreichen Okkult-Horror-Referenz „Der Exorzist“ von William Friedkin sah sich natürlich die italienische Plagiatskino-Maschinerie inspiriert, das Konzept aufzugreifen und auf der Besessenheits-Horrorwelle mitzuschwimmen. Zu den dreistesten, aber auch gelungensten Italo-Rip-Offs zählt dabei mit Sicherheit Genrefilmer Alberto De Martinos („Puma Man“) „Der Antichrist“, auch bekannt als „Schwarze Messe der Dämonen“ oder „The Tempter“, der 1974, also im Jahr eins nach Friedkins „Exorzist“, in die Kinos kam.

„Sie schloss sich einer Satanssekte an. Sie war zu allem bereit. Sie wollte weiter nichts als Freiheit und Liebe. Eine tragische Figur, die Mitleid verdient.“

Als Ippolita (Carla Gravina, „Tödlicher Hass“) zwölf Jahre alt war, starb ihre Mutter bei einem Autounfall. Seitdem ist sie an den Rollstuhl gefesselt und sehr unglücklich. Ihr Vater (Mel Ferrer, „Die Killermafia“) hat sich eine junge neue Freundin (Anita Strindberg, „Der Schwanz des Skorpions“) gesucht, auf die sie mit Eifersucht reagiert. Als sie als junge Frau zudem Anzeichen von dämonischer Besessenheit entwickelt, versetzt sie ein Psychologe (Umberto Orsini, „Der Mann ohne Gedächtnis“) in Hypnose und findet heraus, dass sie die Reinkarnation einer vor 400 Jahren auf dem Scheiterhaufen verbrannten Ketzerin ist. Ihr Zustand verschlimmert sich, gleichzeitig entwickelt sie übernatürliche Kräfte. Sie beginnt, ihre Familie zu terrorisieren Obwohl sich ihr Vater lange dagegen wehrt, weiß man schließlich keinen schulmedizinischen Rat mehr und lässt sich auf einen Exorzismusversuch ein…

Nach einem fiebrigen Beginn mit irren Szenen religiöser Riten entwickelt De Martino in behäbigem Tempo seine Geschichte, statt gleich auf die Exploitation-Tube zu drücken. Dadurch gewinnen die Charaktere an Profil und wird der Zuschauer trotz unmissverständlich nahenden Unheils gewisserweise in trügerischer Sicherheit gewogen. Dieser kann sich an der ordentlichen Darstellerriege und vor allem dem prunkvollen, herrschaftlichen Ambiente erfreuen, das in Richtung Gothic-Horror tendiert und atmosphärische Zeichen setzt. Schließlich jedoch beginnen die Ereignisse sich zu überschlagen, urplötzlich kann Ippolita wieder gehen, vergisst sie die Etikette und schlingt am Esstisch, stößt unvergleichliche Schimpfkanonaden aus, spricht mit fremder Stimme, versetzt das Zimmer in Bewegung und bekommt Schaum vorm Mund. Auf diesen großartig inszenierten Besessenheitsausbruch musste man länger warten, doch es hat sich gelohnt. Bei einem laienhaften ersten Exorzismus-Versuch schwebt sie durchs Fenster und wieder zurück, zaubert glühende Kohlen und eine Würgehand herbei, verhöhnt den Wunderheiler (Mario Scaccia, „Schade, daß Du eine Kanaille bist“) und zwingt ihn, grüne Kotze zu lecken.

Ihr Vater sieht sich nun gezwungen, Opfer zu bringen und beendet die Liaison mit seiner Freundin, was Ippolita jedoch mittlerweile einen feuchten Kehricht interessiert: Sie prügelt und beschimpft ihn, stranguliert ihn per Telekinese. Dass sie inzwischen immer fertiger aussieht, hält sie nicht davon ab, ihren Bruder Filipo (Remo Girone, „Der Aufstieg des Paten“) sexuell zu belästigen. Als Nächster versucht sich ihr Onkel (Arthur Kennedy, „Die Viper“), ein eher glaubensschwacher Priester, an einem Exorzismus, doch der Teufel wehrt sich und Onkelchen bleibt erfolglos. Nun ist klar: Ein Profi muss her, da beißt die Maus keinen Faden ab. Man beauftragt einen österreichischen Bettelmönch (George Coulouris, „Mord im Orientexpress“), der sich mit tanzenden Möbeln, einem regelrechten Orkan, Regen mitten im Haus und entfachtem Feuer konfrontiert sieht. Ippolita bzw. das, was von ihr Besitz ergriffen hat, spuckt grünen Schleim und wird immer entstellter. Erst ist sie plötzlich doppelt da, dann rennt sie weg, doch man ist ihr auf den Fersen…

Wie bereits eingangs erwähnt, handelt es sich um ein unschwer als solches zu identifizierendes „Der Exorzist“-Rip-Off, das jedoch sorgfältig eigene Ideen einpflegt und sich an den Schlüsselmomenten des Vorbilds orientiert, die es bisweilen fast 1:1 kopiert, oft genug jedoch mittels eigener Ideen gekonnt variiert. Das Umfeld ist dann auch ein ganz eigenes, ebenso individuell sind die Charaktere, lediglich das Kernstück aus Friedkins Film blieb erhalten. Eine Produktion aus der Diskont-Ecke ist „Der Antichrist“ dann auch augenscheinlich keinesfalls, die Ausstattung kann sich ebenso sehen lassen wie die Make-up-Arbeit und Aristide Massaccesis (alias Joe D’Amato) hervorragende Kameraarbeit, die das Potential dieses Mannes beweist. An den Spezialeffekten hat der Zahn der Zeit etwas genagt, doch funktionieren sie noch immer prima, in Kombination mit Ippolitas krudem Gebaren verfehlen sie ihre Schock- und Ekelwirkung nicht – wo der Horrorfaktor nicht ganz mit Regan mithalten kann, wird eben auf zusätzliche Übertreibung gesetzt, so dass De Martinos Film herrlich obszön, schmuddelig (inkl. Masturbationsszene) und blasphemisch ausgefallen ist. Die ausführliche Exposition mag ihre Längen haben und hätte etwas Straffung hinsichtlich der Dialoge und des Schnitts sicherlich vertragen, aber De Martino beweist durchaus Gespür für die psychologische Komponente, die zunächst nur diffuse, latente okkulte Bedrohung und langsame Entfaltung der Handlung sowie ihrer Zuspitzung. Neben dem Prolog lockert eine Rückblende in das Leben Ippolita seniors die Szenerie wunderbar auf und sorgt für Tapetenwechsel. Ein immer wiederkehrendes Motiv ist das eines geköpften Reptils und ebenso kopflos schien man beim Entwurf der finalen Pointe gewesen zu sein, denn das Ende fällt in seiner unspektakulären Art doch stark ab – hier hätte es gern noch etwas mehr sein dürfen, gern auch eine Rückkehr zum psychologischen Aspekt der körperlich eigentlich gesunden, dennoch gelähmten und unter Ängsten und wenig Selbstvertrauen leidenden Ippolita.

Das Ensemble von internationalem Format lässt sich überraschenderweise bisweilen von der aufdrehenden Carla Gravina an die Wand spielen, der zuzusehen als Okkult-Horror-Freund die reinste Wonne ist. Untermalt wird die dämonische Szenerie von Musik aus den Federn Morricones und Nicolais, die Kirchenorgeln mit experimentell anmutenden Streicherklängen etc. paaren und dem Wahnsinn Ippolitas akustisch Ausdruck verleihen. Ja, in dieser Form macht das vielgescholtene „italienische Plagiatskino“ mächtig Spaß, weshalb „Der Antichrist“ kurzum in jede anständige Horror-Sammlung gehört! Und für diejenigen, die nie mit den offiziellen „Der Exorzist“-Fortsetzungen warm geworden sind, ist dies hier evtl. gar der Film, den man sich als zweiten Teil gewünscht hätte.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mi 11. Mär 2015, 22:44
von buxtebrawler
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Schulmädchen-Report, 3. Teil - Was Eltern nicht mal ahnen

„Sie werden sich zu Recht fragen: Was können die uns in einem dritten Teil noch bieten? Nun, Sie werden sehen, dass die gezeigten Tatsachen neu und noch schockierender sind. Bitte urteilen Sie selbst.“

Die (s)exploitativen Report-Filme waren mittlerweile längst zu einem regelrechten Trend geworden, neben der „Schulmädchen-Report“-Reihe verdingten sich Regisseure wie Ernst Hofbauer und Walter Boss an Filmen wie „Urlaubsreport – Worüber Reiseleiter nicht sprechen dürfen“, „Lehrmädchen-Report“ und „Der neue heiße Report: Was Männer nicht für möglich halten“. Nachdem Walter Boos mit dem letztgenannten als Regisseur an der Seite Hofbauers debütiert hatte und bei den ersten „Schulmädchen-Reports“ als Regie-Assistent in Erscheinung getreten war, wurde er im hastig nach dem zweiten Teil der Reihe nachgeschobenen „Schulmädchen-Report, 3. Teil - Was Eltern nicht mal ahnen“ aus dem Jahre 1972 erstmals als Co-Regisseur eines Films dieser Reihe neben Ernst Hofbauer genannt.

Ausgangspunkt dieses dritten „Schulmädchen-Reports“ ist, neben der gewohnt pseudojournalistischen Einführung durch Friedrich von Thun, ein Sommerlager des „Christlichen Vereins junger Menschen“, dessen Mitglieder nach ausgiebigem Rudelnacktbaden im See abends die Betten miteinander teilen und dabei auf die Geschlechtertrennung pfeifen wollen, jedoch prompt von den Aufsehern erwischt werden. Morgens treffen sich dann die Mädels ohne die Jungs und tauschen Sex-Geschichten miteinander aus, woraus die einzelnen Episoden entstehen, die nur noch sporadisch von von Thuns impertinenten Passanten-Befragungen auf der Straße unterbrochen, aber nach wie vor von einer reißerischen, mahnenden Erzählstimme begleitet werden.

Ohne so sehr ins Detail gehen zu wollen, wie ich es in meinen Notizen zu den ersten beiden Filmen der Reihe tat: Noch unverblümter als zuvor richtet man sich an die Zielgruppe geifernder älterer Herren, die in einer Mischung aus Ausbeutung der sexuellen Revolution, „Bild“-Doppelmoral- und Sensationalismus und knallhartem Sexismus im Pseudo-Reportagestil mittels der Aussage des Films, jugendliche Mädchen wären so etwas wie dauergeile kleine Luder, die förmlich danach lechzen, von ihnen betatscht, entjungfert und gebumst zu werden, im wahrsten Sinne des Wortes bei der Stange gehalten werden. Ihnen wird vermittelt, es sei der Regelfall, dass junge attraktive Mädchen ältere Männer verführen, denn viele Mädchen würden sich nach Liebhabern sehnen, die sie an ihren Vater erinnern. Die Männer trügen demnach keinerlei Schuld, ja, versuchten gar oft, sich zu wehren – erfolglos, wie der Vater in einer der Episoden, den seine Tochter vom Fremdgehen abhält, indem sie sich ihm sexuell aufdrängt, bis er quasi gar nicht mehr anders kann! Pädophile dürfen sich darüber ebenso freuen wie über die 14-Jährige, die ihren nackten zehnjährigen Bruder (!) in die Welt der Sexualität einführen möchte. Jeglicher sexueller Missbrauch wird hier quasi dreist umgekehrt, so auch im Falle des Mädchens, das eine sexuelle Affäre mit dem Vater ihres Freunds unterhält und später lügt, er habe sie mit Gewalt dazu gezwungen, woraufhin sich dieser vor Gericht verantworten muss – und der Erzähler den Eindruck zu vermitteln versucht, dies sei beispielhaft für etliche Fälle vermeintlichen sexuellen Missbrauchs.

Episoden mit anderem Tonfall schrauben den Gewaltgrad dann tatsächlich in die Höhe, so direkt zu Beginn der „Fall“ einer Schülerin, die von drei vom Schulhausmeister angeheuerten Typen auf dem Klo vergewaltigt und schließlich zur Prostitution gezwungen wird. Der Sprecher gibt dem Zeitgeist die Schuld, so würden „selbst seriöse Lokalzeitungen als Aktfoto-Modelle vorwiegend minderjährige Schulmädchen benutzen“. Der Film entzieht sich natürlich jeglicher Verantwortung; dass er prinzipiell dasselbe betreibt, wenn er junge Darstellerinnen mit seinem Film auf diese Weise zur Schau stellt und die Betroffenheit ein Paradebeispiel für Heuchelei ist, sollte aber jedem auffallen, dessen Hirn noch nicht in die Hose gerutscht ist. Zum Schusswaffengebrauch kommt es gar in jener Episode, die zeigt, wie ein Vergewaltiger den Freund eines Mädchens auf dem Oktoberfest erschießt, um sie in seinem Keller zu misshandeln. Wie auch in ähnlichen Filmchen der vorausgegangenen Teile lautet die spießerfreundliche Moral, dass man seinen Nachwuchs bloß nicht unbeaufsichtigt vor die Tür lassen solle. Eben jene Klientel dürfte evtl. gar Spaß an der erneut um Michael „Lippe“ Schreiner konstruierten komödiantischen Episode haben, die nichts weiter als ultraflacher, mieser Sex-Klamauk aus den untersten Schubladen bundesdeutschen Humors ist. Fast wie ein Entschuldigungsversuch für das alles erscheint die letzte Episode, die eine monogame Beziehung zwischen Gleichaltrigen propagiert, deren verkrachte Eltern sie beinahe in den Selbstmord treiben. Hier wird auf die Tränendrüse gedrückt und sich um einen versöhnlichen Abschluss bemüht, letztlich erstickt der Beitrag aber in Belanglosigkeit.

Auch der dritte Teil der „Schulmädchen-Report“-Reihe sollte, nein, darf auf gar keinen Fall ernstgenommen werden, allein schon aufgrund all seiner fatalen Aussagen für pervers veranlagte Spießer. Auf diese Klientel wurde er jedoch augenscheinlich punktgenau zugeschnitten, weshalb mir das Lachen über dieses filmgewordene Armutszeugnis auch schon mal im Halse steckenblieb. Einmal mehr ein entlarvendes Zeitdokument nicht nur fragwürdigen, sondern indiskutablen Inhalts, das über weite Strecken als inhaltlich eindeutig dem Reich der schmutzigen Männerfantasie zuzuordnender Porno vermutlich akzeptabler wäre als in Form eines Softsex-Films im lachhaften Reportage-Stil, der seine Botschaften in aller Öffentlichkeit ins von der sexuellen Revolution verunsicherte Volk spritzen durfte und billigend in Kauf nahm, dass stumpfsinnige Nötiger, Grabscher und Missbrauchstäter sie für bare Münze nahmen. Meine drei Punkte gibt es für die natürliche Freizügigkeit der einen oder anderen Darstellerin, die damit tatsächlich noch so etwas wie einen ungezwungenen Umgang mit dem eigenen Körper vermitteln, dafür, dass Produzent Hartwig und Konsorten einmal mehr ein prima Beweisstück dafür liefern, was in der Vergangenheit offenbar in breiten Teilen gesellschaftlich akzeptierter Sexismus war und für die Verballhornung des CVJM, dem der Film letztlich natürlich nur deshalb seine Sexualfeindlichkeit ankreidet, weil er befürchtet, die Jugendlichen damit der männlichen Gier nach Sex mit naiven Minderjährigen zu entziehen.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Di 17. Mär 2015, 00:20
von buxtebrawler
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Shredder

„Wir shredden auf dem Nachlassplan des Sensenmanns?!“ – „Schlechtes Karma...“

US-Regisseur Greg Huson debütierte 1996 mit der romantischen Komödie „Decaf“ und es dauerte bis ins Jahr 2002, bis er sein Zweit- und bis dato Letztwerk mit „Shredder“ ablieferte, einem waschechten Teenage-/Twen-Slasher, der 2003 unmittelbar nach solch aufmerksamkeitserregenden Publikumslieblingen wie „High Tension“ und „Freddy vs. Jason“ erschien, sich allerdings noch im selbstironischen Fahrwasser der „Scream“-Reihe und deren Nachahmern befand. Und während man über Filme wie die genannten sowie Beiträge wie „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ und „Düstere Legenden“ spricht, erinnert sich kaum jemand an den Film dieses Inhalts:

„Ich laufe nicht Ski – ich shredde!“

Cole (Scott Weinger, „Full House“) plant einen Snowboard-Urlaub mit seiner Freundin Kimberly (Lindsey McKeon, „California Highschool 2“). Diese lädt jedoch kurzerhand ihre gesamte Clique ein, denn Kimberleys vermögende Eltern haben gerade das Skifahrgebiet gekauft. Obwohl es derzeit noch gesperrt ist, verschaffen sie sich Zutritt. Dies ruft nicht nur den örtlichen Sheriff (Seth Reson) auf den Plan, sondern auch eine in schwarzer Skikluft gekleidete Gestalt, die das partywütige Jungvolk nach und nach dezimiert und beharrlich auf die Einhaltung der Skiregeln pocht. Hat der französische Austauschschüler Christophe (Brad Hawkins) etwas damit zu tun…?

„Wir könnten auch in Unterwäsche rumlaufen, bis er uns tötet!“

„Shredder“ firmiert unter Horrorkomödie und tatsächlich handelt es sich um einen nicht nur selbstironischen, sondern die Grenze zur Persiflage überschreitenden Slasher, der jedoch von seiner Überzeichnung zehrt und auf Slapstick und Klamauk dankenswerterweise verzichtet. Nicht unoriginell sind das Aufgreifen des Snowboard-Trends und die damit verbundene Winterlandschaft als Kulisse, die bereit ist, den roten Lebenssaft unbedarfter Twens aufzusaugen. Nach einem splatterigen Mord im Prolog werden die Charaktere sowie ein Whodunit? eingeführt, als Verdächtiger tritt der Franzosen-Schönling auf den Plan und natürlich gibt auch den Unheil verkündenden Warner – soweit das Schema F. Dass dazu nicht zwingend nackte Haut gehört, bewies manch Slasher der 1990er- und 2000er-Jahre, Huson indes setzt verstärkt auf Nacktheit und Sex, und zwar auf die egoistische Variante verwöhnter Gören, die sich schlicht nehmen, was sie wollen, ohne Rücksicht auf irgendwelche Gefühle zu nehmen – was sich somit gut in den Kontext des Films einfügt.

„Du kannst mich nicht töten – ich bin nämlich noch Jungfrau!“

Das Pochen des Killers auf die Einhaltung der Skifahrregeln ist einerseits eine lustige Übertreibung des Slasher-Mördern häufig implizierten überspitzen Moralismus, bekommt jedoch glücklicherweise im Verlaufe der Handlung auch die Hintergrundgeschichte eines zu Tode gekommenen kleinen Mädchens verpasst. Als mitverantwortlich dafür entpuppt sich Christophe, der zudem dann doch gar kein Franzose ist – was die Blondine trotzdem nicht davon abhält, es mit ihm zu treiben. Wenig überraschend ist es da, dass der Mörder schließlich auch ihn über die Klinge springen lässt, denn der rote Hering seiner Verdächtigung war schon sehr offensichtlich. Vom Vater des toten Mädchens wird Christophe gewissermaßen abgelöst. Bis zur Enthüllung der Identität des Wahnsinnigen versuchen sich Huson und sein Team bisweilen an kreativer Kameraführung und ebensolchen Perspektiven, verfallen mitunter in etwas hektische Schnitte und unterlegen den in Kellog, Idaho gedrehten Film mit einigen Melodicore-Songs. Bis zum Finale hat „Shredder“ durchaus Spaß gemacht, doch die Enthüllung des Killers will nicht so recht überzeugen, zu wenig fand er in der vorausgegangenen Handlung statt. Gesplattert wird dann noch einmal in einer Schneeraupe und damit dem titelgebenden Schreddern seine Zweideutigkeit verliehen, als Showdown ist das aber – auch wenn es sich sicherlich anders liest – etwas unspektakulär und ziemlich schnell zu Ende.

Es wäre also definitiv mehr drin gewesen in diesem häufig angenehm frechen Selbstironie-Slasher-Nachzügler, der mittels Sex und Gewalt ganz ordentlich auf die Tube drückt. Die TV-Serien-Sternchen und No-Names der Darstellerriege eignen sich gut als Opfer; dass es diesmal kein Final Girl, sondern einen männlichen letzten Überlebenden gibt, verpufft aber als Überraschungseffekt, denn dafür sind einem die Rollen zu egal. Aber wer wünscht arroganten, neureichen und trendy Snowboard-Sunnyboys und -girls nicht Hals- und Beinbruch? Für kurzweilige Unterhaltung eignet sich „Shredder“ allemal, ebenso als Appetithappen vorm Skiurlaub...

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mi 18. Mär 2015, 23:02
von buxtebrawler
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Swimming Pool

„Ich ekel mich in Swimmingpools!“

Nach seiner Krimi- und Musikkomödie „8 Frauen“ drehte der gefeierte französische Jungregisseur François Ozon im Jahre 2002 mit „Swimming Pool“ eine Mischung aus Drama und Psycho-Thriller mit starker erotischer Komponente, eigentlich aber einen Film über Inspiration und den kreativen Vorgang des Schreibens von Geschichten. Seine Premiere hatte der Film auf den Filmfestspielen in Cannes 2003.

Sarah Morton (Charlotte Rampling, „Angel Heart“) ist eine erfolgreiche Krimiautorin, leidet jedoch unter einer akuten Schreibblockade. Das Angebot ihres Verlegers John Bosload (Charles Dance, „Exquisite Tenderness“), einige Woche in seinem Ferienhaus in Südfrankreich zur Ruhe zu kommen und neue Ideen zu sammeln, nimmt sie daher dankbar an. Die Ruhe wird jedoch jäh unterbrochen von der Ankunft Julies (Ludivine Sagnier, „8 Frauen“), Johns unehelicher 19-jähriger Tochter, die ebenfalls das Ferienhaus bezieht. Zwischen den ungleichen Frauen kommt es zu Konflikten, denn während die ältere Sarah introvertiert und verkopft ist und asketisch lebt, hält Julie von diesem Lebensstil nicht viel und gibt sich laut polternd zahlreichen Gelüsten hin (Alkohol, Marihuana und verschiedenen Männern). Schließlich jedoch erkennt Sarah Julie als Inspirationsquelle, freundet sich mit ihr an und wird selbst lockerer – bis es zu einem Todesfall kommt…

„Das hier ist viel zu subtil, zu abstrakt. Wo bleibt die Handlung? Die überraschenden Wendungen?“

Nach einer zum Hingucken gut gefilmten Londoner U-Bahn-Fahrt stellt „Swimming Pool“ die öffentlichkeitsscheue Autorin Sarah Morton vor und nach einigen Dialogen findet sie sich ebenso wie der Zuschauer in einer tatsächlich wunderschönen Gegend Frankreichs wieder. Als erste Maßnahme entfernt Sarah das Kruzifix von der Wand und verstaut es in einer Schublade; fortan zeigt Ozon in aller Seelenruhe und frei von musikalischer Untermalung, wie sie sich in der Ferienwohnung einrichtet und das Dorf erkundet. Das ist alles nicht sonderlich spannend, wird jedoch vermutlich als Stilelement verwendet, um Sarah zu charakterisieren: Ordnungsliebend, pragmatisch, ein bisschen langsam und irgendwie langweilig. Die Affäre, die sie zu ihrem Verleger unterhält, scheint sie weder sonderlich auszufüllen, noch zu befriedigen. Im Prinzip war dies alles der Prolog zur eigentlichen Handlung, die mit dem Erscheinen von Sarahs Gegenpol beginnt: Mit Überraschungen wie dem plötzlichen und unangekündigten Auftauchen Julies kann Sarah nicht gut umgehen, schon gar nicht, wenn dieses hübsche, lebenslustige, spontane junge Ding, das gern barbusig beweist, dass es im vollen Saft seiner Jugend steht, ihr vor Augen führt, wie spröde ihr eigenes Leben mittlerweile geworden ist. So reagiert Sarah gestresst, man zickt sich gegenseitig an, doch wenngleich sich Sarah gern genervt insbesondere von Julies sexuellen Aktivitäten zeigt, beobachtet sie sie doch auch heimlich mit gewisser Faszination – und beginnt über sie zu schreiben.

Nachdem man sich miteinander angefreundet hat, wird Sarah zunehmend lässiger, lässt sich zu Alkohol- und Grasgenuss sowie zum Feiern überreden; Sarah legt die eine oder andere selbstauferlegte, beinahe neurotisch anmutende Verhaltensweise ab, ist wieder stärker in der Lage, das Leben zu genießen, öffnet sich ihm. Doch neben einer dramatischen Familiengeschichte Julies, die Sarahs Liebhaber in keinem sonderlich guten Licht zeigt, offenbaren sich auch nach ungesund-nymphoman anmutenden Verhaltensmustern tiefe psychische Abgründe Julies, die die Vermutung nahelegen, dass viel Koketterie mit ihrem ungezwungenen Lebensentwurf lediglich eine Art Schutzfunktion erfüllt. Tatsächlich bestätigt sich Sarahs Verdacht, dass Julie im Affekt jemanden umgebracht habe – wie eine Rückblende, die Ozon neben weiterer nackter Haut dem Zuschauer gönnt, verrät. Sarah scheint so etwas wie Muttergefühle für Julie entwickelt zu haben und hilft ihr beim Verschleiern der Tat, und zwar mit vollem Körpereinsatz, wie Gärtner Marcel erfreut zur Kenntnis nimmt – sowie manch Zuschauer, der nun bezeugen kann, wie gut in Form Rampling anno 2002 war.

Mit sehr ruhiger Hand, dabei jedoch nie wirklich Gefahr laufend, das Tempo des Films aus den Augen zu verlieren, inszenierte Ozon seinen Film, der zunächst etwas irritierend nach „typisch“ französischem Arthouse-Drama riecht, sich mittels metapherreicher Bilder, einlullender und bisweilen faszinierender Kameraarbeit und zwei grandios aufeinander abgestimmter Schauspielerinnen zum psychologisch hintersinnigen Sex-&-Crime-Abenteuer entwickelt, das seinen Protagonistinnen sowohl viel Geist als auch erotisierende Körperlichkeit verleiht. Der eine oder andere dörflich-verschrobene Nebencharakter (man denke an Marcels gruselige Tochter…) begleitet den mit einer meist subtilen, dann und wann dramatisch aufklimpernden und im nächsten Moment komplett verstummenden Klavier-Tonspur versehenen Film bis zum Epilog, in dem sich – natürlich – eine charakterliche Veränderung Sarahs mit entsprechenden Konsequenzen bemerkbar gemacht hat. Dank eines besonderen Kniffs darf der Zuschauer – so er denn möchte – das Gesehene unterschiedlich interpretieren, wobei die gängigste Auslegung sein dürfte, dass es sich lediglich um Fiktionen Sarahs, eben den Inhalt ihres neuen Romans, handelte. Dies würde die Frage aufwerfen, inwiefern dies die charakterliche Änderung Sarahs mit sich bringen könnte, ob also Autoren auf eine solch intensive Weise ihren eigenen Stoff selbst durchleben.

Davon unabhängig aber ist „Swimming Pool“ gelungenes Schauspielerinnen-Kino, das mit seiner häufig unterkühlten Stimmung und der letztlich kalkuliert agierenden Autorin bisweilen etwas unnahbar und konstruiert wirkt, damit aber auch die Wechselwirkungen zwischen zwei unterschiedlichen Charakteren, das alte Sender- und Empfänger-Spiel bis hin zu egoistisch anmutender Ausnutzung skizziert und damit ohne eindeutige Sympathieträger auskommt, ja vielmehr mit seiner Abgeklärtheit überrascht, in der für wahre Menschlichkeit nur wenig Platz zu sein scheint.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Sa 21. Mär 2015, 14:38
von buxtebrawler
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St. Pauli Zoo

Stadtteile verändern sich. Das war schon immer so, wird vermutlich immer so sein und ist erst einmal nichts Schlechtes. Umso wichtiger ist es aber – gerade im Falle kulturell besonders interessanter oder wertvoller Viertel –, dass der jeweilige Ist-Zustand dokumentiert, festgehalten wird in Wort und Bild, damit Veränderung und Entwicklung nicht nur nachvollziehbar bleiben für spätere Generationen, sondern auch, zu einer Art Überblick zusammengefasst, der aktuellen Generation möglicherweise erst bewusst gemacht werden und somit als Diskussionsgrundlage, als kritische Momentaufnahme mit der Chance zum positiven Eingreifen, genutzt werden können. Betrachtet man zu diesen Zwecken insbesondere die Menschen eines Stadtteils und bietet ihnen ein Sprachrohr, verschafft man ihnen Gehör und ist besonders nah dran an der Wirklichkeit – oder auch den unterschiedlichen Wirklichkeiten, wie sie sich subjektiv unterschiedlich darstellen.

Eben dies haben die alles andere als kiezfremden, unabhängigen Filmemacher Julian Schöneich und Johannes Neinens gemacht, indem sie für ihr No-Budget-Projekt „St. Pauli Zoo“ 2014 mehr als 60 Stunden Material drehten und mithilfe einer sehr zufriedenstellend verlaufenen Crowdfunding-Kampagne genügend Geld zusammenbekamen, um im Frühjahr 2015 einen überaus sehenswerten, auf Spielfilmlänge gestutzten Dokumentarfilm präsentieren zu können, der kein per se politischer Film geworden ist, aber natürlich seit geraumer Zeit untrennbar mit St. Pauli verbundene Themen wie die grassierende Gentrifizierung des Stadtteils und damit einhergehende Vertreibung „sozial (meint: finanziell) schwacher“ Bewohner, aber auch das Schicksal der Lampedusa-Flüchtlinge aufgreift. Durch die Wahl der Themen, der Gesprächspartner und der gestellten Fragen gibt man dem Film natürlich eine, nämlich die gewünschte Richtung. Dass Schöneich und Neinens selbst gesteigertes Interesse am Erhalten des typischen, urigen St.-Pauli-Charmes haben, ist kein Geheimnis und darf vorausgesetzt werden.

Ausgehend von Aussagen des Kiez-Originals Wolle, der mit seinem Bauchladen Backwaren im Rotlicht-Milieu veräußert, unternimmt „St. Pauli Zoo“ einen Streifzug durch die Straßen und Gassen des Hamburger Amüsierviertels, lässt unkommentiert und damit unverfälscht Kiezgröße Thomas Born, einen Koberer, den Rapper Nate57, die Jungs von „St .Pauli Pizza“ sowie die Dame vom „Kiez Curry“, den leider jüngst verstorbenen Dr. Gereon Boos von „Harrys Hafen-Basar“ (R.I.P.!), Punk Kai von der „Menschenzoo St. Pauli“-Siebdruckerei und der Band „Disillusioned Motherfuckers“, Dominik von der alteingesessenen und vor wenigen Jahren nach Ableben der Betreiberin spektakulär geretteten Kultkneipe „Silbersack“ sowie weitere Anwohner und Gewerbetreibende zu Wort kommen – ebenso wie Lampedusa-Flüchtlinge, den seinerzeit helfend eingesprungenen Pastor der lokalen Kirche und uneigennützig agierende Unterstützer(innen) sowie Ex-FC-St.-Pauli-Präsident Stefan Orth (ohne dass der Verein übermäßig viel Beachtung finden würde – dafür gibt es sicherlich andere Dokumentarfilme).

Damit dokumentieren Schöneich und Neinens den von vielen als ganz selbstverständlich empfundenen Stil- und Kulturmix St. Paulis, der eben häufig einhergeht mit einem starken Verbundenheitsgefühl für den Stadtteil mit seiner außergewöhnlichen Geschichte, der so viel mehr zu bieten hat als käuflichen Sex, Absturzkneipen und Touristenattraktionen, aber ebenso mit einem wachen, politkritischen Geist, der skeptisch die aktuelle Entwicklung beäugt und weiterhin bemüht ist, gesellschaftlichen Außenseitern und Ausgestoßenen sowie Hilfebedürftigen einen Ort zum Leben zu bieten. In diesem Zusammenhang fallen natürlich viele kritische Worte zur „Ballermannisierung“ St. Paulis, der um sich greifenden Gewalt und der „Aufwertung“ des Stadtteils (insbesondere während des ausgewogenen Einblicks in die unrühmliche Affäre um die Esso-Häuser), zum Umgang mit Flüchtlingen einer- und dem Gefühl, Touristen sprichwörtlich wie eine Art Zoo-Attraktion präsentiert zu werden, andererseits. Dies wird gepaart mit bemerkenswerten und sympathischen bis lustigen Anekdoten von sich vollkommen ungekünstelt zeigenden Menschen, die Einblicke in ihr täglich Brot, ihr von ihnen als ganz normal empfundenes Leben auf St. Pauli gewähren – bis hin zu faszinierenden Mammutprojekten wie den Umzug des Hafen-Basars in die Hafencity, wodurch St. Pauli um eine Attraktion ärmer wurde. Ex-Zuhälter Thomas Born brachte es vielleicht überraschend auf den Punkt, als er die Weltoffenheit, die sich Hamburg als „das Tor zur Welt“ selbst so gern anheftet, in erster Linie St. Pauli attestiert, denn fürwahr sieht es in anderen Stadtteilen der Metropole diesbzgl. ganz anders aus. In diesem Zusammenhang scheinen gar seine USA-Vergleiche Sinn zu ergeben.

Natürlich kann man einem Stadtteil wie St. Pauli in rund eineinhalb Stunden eigentlich nicht gerecht werden, dessen waren sich zweifelsohne auch die Filmemacher bewusst und ich möchte nicht in ihrer Haut gesteckt haben, als es zum schwierigen Prozess des Aussortierens ging – von Interviewpassagen, von Gesprächspartnern, ja, bestimmt auch ganzer Themen. Dennoch hätte mich interessiert, ob die vielbeschworene Toleranz, die auch in diesem Film geäußert wird, im multi- und subkulturellen St. Pauli nicht manchmal auch schlicht eine Scheißegal-Haltung gegenüber den Mitmenschen, den unmittelbaren Nachbarn etc. ist – denn sicherlich ist manch St. Paulianer auch besonders gut darin, sich selbstgefällig auf die Schulter zu klopfen und in seiner Ausnahmestellung zu suhlen, ohne sich tatsächlich allzu sehr vom Rest der Gesellschaft zu unterscheiden. Quasi völlig ausgeklammert wird das untrennbar mit St. Pauli verbundene Phänomen der Zuhälterei und Prostitution, auf die ein kritischer Blick gewiss auch interessant gewesen wäre – insbesondere auf ihre Rolle in kultureller, monetärer und politischer Hinsicht für den Stadtteil. Ein nettes Detail wäre darüber hinaus eine komplette Synchronisation der Aussagen der Lampedusa-Flüchtlinge gewesen.

Meine Kritikpunkte wollte ich zwar anbringen, möchte sie aber konstruktiv verstanden und keinesfalls überbewertet wissen. „St. Pauli Zoo“ ist ein wertvolles Zeitdokument, das es auf angenehm unprätentiöse und unterhaltsame, schwellenfreie Weise auch mit den Gegebenheiten vor Ort nicht vertrauten Zuschauern ermöglicht, ein Gespür für den Stadtteil und seine Bewohner zu entwickeln, zu sensibilisieren für den mal hoffnungsvoll, mal sehr differenziert, aber auch resigniert geäußerten Wunsch nach einem allgemein verträglichen Mittelweg zwischen dem etwas anderen Stadtteil mit eigener Identität und Möglichkeiten, die eigene Exaltiertheit auszuleben und auch mal ordentlich auf die Kacke zu hauen auf der einen und dem Abstieg zum öffentlichen Klo für volltrunkene Touristen, die dort ganzjährig ihre städtisch geförderten Proll-Partys à la „Schlager-Move“ feiern , auf der anderen Seite – ganz zu schweigen von der das besondere Flair St. Paulis geradezu niederwalzenden Gentrifikation. Gerade zum geänderten Feierverhalten hat „Silbersack“-Dominik nachdenklich stimmende Worte gefunden, die mir wie so vieles andere auch nachhaltig im Gedächtnis geblieben sind. Wer nun neugierig ist, was es alles in „St. Pauli Zoo“ zu entdecken gibt, sollte sich dieses überaus gelungene Porträt der „Zoobewohner“ unbedingt selbst einmal anschauen, sich amüsieren, zum Nachdenken anregen, überraschen und vielleicht auch erschrecken und ärgern lassen von diesem ambitionierten Projekt junger Filmemacher, das richtig gut geworden ist und manch einen den nächsten St.-Pauli-Besuch mit anderen Augen erleben lassen dürfte.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Di 24. Mär 2015, 22:51
von buxtebrawler
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Dead Eyes

„Der Regisseur ist ein Idiot!“

Der Italiener Luigi Cozzi ist natürlich kein Idiot, sondern ein Filmverrückter; seine eigenen Filme sind gern voller Zitate, bisweilen gar absonderliche Plagiate („Star Crash“), die beweisen, wie sehr er in erster Linie Fan ist. Fan ist er natürlich auch von den „Mutter“-Filmen seines Freunds Dario Argento, der mit „Suspiria“ und „Inferno“ die ersten beiden Teile der lange Zeit unvollendet gebliebenen Trilogie um die drei Hexen verwirklicht und damit Referenzwerke des phantastischen Films erschaffen hatte. Im Jahre 1989 spann Cozzi die hinter den Filmen stehende Idee weiter und schuf mit „Dead Eyes“ eine Art inoffiziellen dritten Teil, der vielmehr als Hommage und eine Art Meta-Spin-Off zu betrachten ist.

„Meine Devise lautet: Totale Unterordnung!“

Nachwuchs-Regisseur Marc Rivetta (Urbano Barberini, „Opera“) möchte zusammen mit Drehbuchautor Dan einen Horrorfilm über die Hexe Levana drehen. In Lennart Levin (Brett Halsey, „Die Rache des Ungeheuers“) findet man einen Produzenten und für die Hauptrolle der Levana hat man gleich zwei Optionen: die jeweiligen Lebensabschnittsgefährtinnen. Den Zuschlag bekommt Anne (Florence Guérin, „Entfesselte Lust“), Marcs Angetraute. Doch als sie beginnt, sich mit ihrer Rolle zu beschäftigen, erscheint ihr in finsteren Visionen die wahre Levana – die vom Vorhaben der Verfilmung ihrer Biographie wenig begeistert ist und sich durch das Filmteam zu morden beginnt, u.a. indem sie Besitz von Anne ergreift…

„Danken Sie nicht mir – danken Sie Levana!“

Die ersten Szenen Cozzis Films entpuppen sich als Filmdreh einer neuen „The Black Cat“-Verfilmung nach Edgar Allan Poe, also als „Film im Film“. Im Anschluss bezieht man sich wortwörtlich auf Argentos „Suspiria“, verdeutlicht demnach, dass man sich in einer Realität befindet, in der, anders als in Argentos Mutter-Filmen, eben jene ebenfalls Filme, also Fiktion sind. Umso überraschender ist es demnach verständlicherweise für die Protagonistin, als eine pockige Gestalt durch den Spiegel bricht und sie mit grünem Schleim vollsabbert – Levana! Dies wiederum fand anscheinend lediglich auf Traumebene statt, aus der Anne erwacht. Ebenfalls nur ein schrecklicher Alptraum zu sein scheint es, als Levana nachts zu ihr spricht. Einige dieser Szenen illuminieren Cozzi & Co. in künstlichen Farben nach Vorbild Argentos bzw. Mario Bavas, was den Hommagen-Charakter unterstreicht.

„Sie ergreift von jedem Besitz, der sich ihr gedanklich nähert!“

Die nun folgende Entwicklung der Handlung wirkt bisweilen etwas gaga. So raucht der Kühlschrank ab, schleichen sich ein vermeintlicher Weißwarenkundendienst ebenso wie ein falscher Cousin William ein, informieren sich die Filmemacher über Reinkarnation und reagiert eine Esoterikerin entsetzt, um schließlich deutliche Warnungen auszustoßen. Die Mordserie beginnt dann mit reichlich krudem Gesplatter und vollzieht sich in der Folge mal im Off, meist jedoch vor laufender Kamera und dabei gern brutal. Immer wieder variiert Cozzi derweil auf verwirrende Weise die Ebenen. Als Anne vollends von Levana besessen scheint und den Regisseur ersticht, sticht dieser zurück und… wieder war es nur ein Traum. Als ein Baby verschwindet, passiert dies jedoch in der filmischen Realität und ist ein Indiz für eine Intrige einer eifersüchtigen Kollegin, mit der es die arme Anne auch noch zu tun bekommt.

„Zwischen einer Fee und einer Hexe ist kaum ein Unterschied!“

Eine deftige Pfählung am Schluss besiegelt den Film, der noch einen seltsamen Epilog anhängt (Spoiler: Anne spricht mit Kind Sibyll im Fernseher, das behauptet, Anne habe nun magische Kräfte oder so) und nach normalen Maßstäben gemessen ganz bestimmt nicht gut, aber doch recht interessant ist – insbesondere für italophile Cineasten und Genrefilm-Liebhaber. „Dead Eyes“ ist eigentlich kaum ernstzunehmen, bisweilen comicartig bis karikierend überzeichnend (beispielsweise in der Darstellung des Produzenten), dadurch auch mal unfreiwillig (?) komisch (theatralische Dialogsequenzen der Hexe), dann aber auch wieder überraschend atmosphärisch, gruselig und deftig. Komponist Vince Tempera steuerte Synthesizer-Klangteppiche bei, die Bands „Bang Tango“ und „White Lion“ in Argento- („Phenomena“, „Opera“) und „Demoni“-Reihen-Manier recht coole End-‘80er-Metal-Stücke, Cozzi schnitt ab und zu kuriose künstliche Weltraumbilder zwischen, die an seinen „Star Crash“ erinnern und die eingestreuten digitalen Spezialeffekte aus Rudis Resterampe erinnern an die Computer-Frühzeit, stehen dabei im Kontrast zum handgemachten Gemantsche. „Die ganze Sache ist irgendwie außer Kontrolle geraten…“, heißt es zwischenzeitlich, was auch irgendwie als Aussage zu diesem wilden Potpourri passt, das dramaturgisch reichlich holpert, sich in seinem Mix unterschiedlicher Inspiration, Stilelemente und Handlungsebenen zu verzetteln droht, irgendwie aber doch immer wieder halbwegs die Kurve bekommt und auch dank seiner Schauspieler – eine Caroline Munro („Love to Kill“) z.B. sieht man als Genre-Affiner doch immer wieder gern – unterm Strich unterhaltsam genug ausgefallen ist, um Cozzis offensichtlichen Eifer würdigen zu können. Als obskures Bonus-Dreingabe zur Mutter-Trilogie ist „Dead Eyes“ sicher nicht verkehrt und verglichen mit Argentos 2007 veröffentlichten tatsächlichem Abschluss der Reihe mag ihm manch Hardliner gar ein Plus an Charme attestieren.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Fr 27. Mär 2015, 18:42
von buxtebrawler
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High Tension

„Ich lass‘ nie wieder zu, dass jemand zwischen uns steht!“

…wiederholt beständig eine kurzhaarige Frau mit zerschundenem Rücken, den sie, in einer Klinik verharrend, dem Zuschauer zugekehrt hat. So beginnt der Prolog von „High Tension“, dem berüchtigten Zweitwerk des französischen Jungregisseurs Alexandre Aja („The Hills Have Eyes“-Remake), dem damit bereits 2003 der Durchbruch gelang – und eine neue französische Horrorkino-Ära lostrat, die sich vor allem durch den gesteigerten Grad an expliziter Brutalität auszeichnete und damit perfekt in die beispielsweise von Luc Lagier erkannte und im Dokumentarfilm „Horrorfilme - Von Apokalypse, Viren und Zombies“ beschriebene allgemeine neue Horror-Bewegung passte, die Anfang der 2000er-Jahre entstand.

„Wie alle anderen zu sein, kotzt mich an!“

Damals war nämlich erst einmal Schluss mit lustig und bar jeder Komik oder Selbstironie entstand dieser Slasher, der dem Subgenre seine Härte und Düsterheit zurückbrachte. In der Titelsequenz rennt besagte Dame, Marie (Cécile De France, „Irène“) ihr Name, schwerverletzt auf einer Straße an einem Waldgebiet und stoppt ein Auto, um um Hilfe zu bitten. Diese Szenen entpuppen sich als Traum, sie erwacht während einer Autofahrt mit ihrer Freundin Alex (Maïwenn Le Besco, „Osmosis“). Es geht zu Alex‘ Eltern auf dem Lande, um ein paar Tage auszuspannen. Ein gemütlicher kleiner Urlaub soll es werden. Doch in der ersten Nacht im Haus von Alex‘ Eltern fährt ein grobschlächtiger Mann in einem Lieferwagen vor, dringt ins Haus ein, schlachtet Alex’ Familie regelrecht ab und entführt Alex. Marie beobachtet die unglaubliche Szenerie und fährt heimlich auf der Ladefläche des Lieferwagens mit, setzt alles daran, ihre Freundin zu retten – ein Kampf auf Leben und Tod…

Nach Maries Erwachen im Auto scheint jedoch zunächst noch alles in Ordnung. Im Radio ertönt der grandiose Italo-Pop-Smasher „Sarà Perché Ti Amo“ von Ricchi e Poveri, was ich als erste Ehrerbietung an das italienische bzw. europäische Genrekino vergangener Zeiten verstehe. Beide jungen Frauen singen lautstark mit, ihre Fahrt führt sie durch fernwehweckende Landschaften, von der Kamera in tollen Farben und voller Melancholie wunderbar eingefangen. Getrübt wird die Idylle durch den nur für den Zuschauer sichtbaren Lieferwagen, in dem offenbar gerade Oralverkehr vollzogen wird – mit einem abgetrennten Kopf, wie sich herausstellt, als ihn der Fahrer achtlos aus dem Fenster wirft.

Angekommen im Haus der Eltern präzisiert „High Tension“ die Beziehung der Frauen zueinander: Marie ist offensichtlich lesbisch, mindestens bisexuell, spürt auf jeden Fall eine starke Zuneigung zu Alex, die wiederum anscheinend nur platonisch an ihrer Freundin interessiert ist. So beobachtet Marie Alex beim Duschen und besorgt es sich anschließend selbst. Plötzlich klingelt der Mörder und ermordet Alex‘ Vater brutal und sadistisch. Eine rasche Kamerafahrt durchs Haus vollzieht einen Perspektivwechsel, der den Zuschauer mitansehen lässt, wie die ganze Familie bis auf Alex getötet wird. In langsamen Sequenzen walzt Aja die Spannung voll aus. Nachdem der Mörder Alex gefesselt hat, kann Marie sie nicht rechtzeitig befreien, so dass er, ohne von Marie Notiz zu nehmen, ihre Freundin entführt. Maries Mitfahrt auf der Ladefläche führt zu einer Tankstelle, in der der Mörder nach einer Flasche J&B-Whiskey-Verschnitt fragt, was als weitere Reminiszenz an das europäische Genrekino zu interpretieren ist, wurde doch damals entsprechendes Product Placement exzessiv betrieben. Die Tankstellenszene ist es auch, die weitere subtile Hinweise auf die überraschende Wendung im Finale bietet, die bei der Erstsichtung gern übersehen werden.

Marie bleibt scheinbar allein an der Tankstelle zurück, der Kassierer ist ebenfalls tot. Als der Mörder mit Alex davonbraust, alarmiert sie die Polizei, die jedoch nicht weiß, von welcher Tankstelle aus sie anruft. Es folgt eine Verfolgungsjagd, die in einen Unfall mündet; Marie rettet sich blutüberströmt aus dem Wrack. Es kommt zur ersten direkten Konfrontation mit dem Mörder, der sie zu ersticken versucht und sie quält. Sie setzt sich mit allen Kräften zur Wehr und schlägt ohne Unterlass auf ihn ein, greift schließlich zur Plastikfolie – mit Erfolg. Schnitt, zurück zur Tankstelle: Die Polizei ist endlich eingetroffen und schaut sich das Überwachungsvideo, das die Ereignisse in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt… Dieser Moment leitet das eigentliche, von Hysterie und Wahnsinn geprägte Finale ein. Endlich kann Marie Alex entfesseln und vom Knebel befreien, sieht sich daraufhin jedoch mit der Wahrheit konfrontiert. (Achtung, ab jetzt massive Spoiler!) Die unter einer multiplen Persönlichkeit leidende Marie fällt daraufhin in ihre Mörderrolle zurück und rennt, längst völlig entstellt, mit einer tragbaren Kreissäge hinter Alex her. Diese bekommt ein Polizist zu spüren, was Aja zum Anlass für eine deftige Splatterszene nimmt. Auf einen morbiden Kuss folgt eine Art Pfählung, bevor man sich schließlich im Prolog in der Klinik wiederfindet.

„Liebst du mich? Du liebst mich nicht!“

Was Alexandre Aja mit „High Tension“ geschaffen hat, ist ein Terror-Slasher oberster Kajüte, der überaus erfolgreich an das seinerzeit populäre Mindfuck-Kino mit seinem (mehr oder weniger) überraschenden Wendungen anknüpft. Neben seiner nicht vorhandenen Scheu vor immenser Körperlichkeit, die fein dosierte Gewaltexzesse grafisch explizit herausstellt und dabei trotz mancher Überzeichnung das Leid der Opfer auf weit unangenehmere Weise miterlebbar macht, als es jede überdrehte Splatter-Orgie könnte, war es eben dieser Plot Twist, der für Diskussionen sorgte. Die Palette der Kritik reichte dabei von „zu vorhersehbar“ bis „vollkommen unlogisch“ und „eine Frechheit!“. Bei genauerer Betrachtung offenbart sich jedoch, mit welcher Sorgfalt Aja diese Wendung vorbereitet und wie tatsächlich ein Rad ins andere greift, viele Logiklücken letztlich psychologisch erklärbar werden. Nichtsdestotrotz handelt es sich selbstverständlich um kein wissenschaftlich fundiertes Psychogramm, sondern um einen harten Genre-Film, der die psychologische Komponente lediglich sowohl als originellen Aufhänger verwendet, als auch um genretypisch an verbreitete Ängste zu appellieren.

Gern übersehen wird dabei, dass es sich im Grunde zumindest auch um eine tragische Liebesgeschichte handelt, um irrsinnig starke Gefühle, die fehlgeleitet werden, weil eine psychisch angeschlagene Person nicht mit ihnen umgehen kann. In diesem Zusammenhang muss ich unbedingt auch den Erotikfaktor erwähnen, den insbesondere Cécile De France einbringt. Sie schauspielert nicht nur grandios und augenscheinlich aufopferungsvoll, sondern ist ein wahrer Augenschmaus für alle, die auf kurzhaarige Frauen stehen. Und wie sie schließlich gegen Ende mit der portablen Säge in der Hand blutverschmiert dasteht, hat etwas derart Archaisches und dennoch Weiblich-Lustvolles, Leidenschaftliches an sich, dass sich diese Szene regelrecht eingebrannt hat. Einiges über sich ergehen lassen muss auch Maïwenn Le Besco, die einen gänzlich anderen Frauentypus verkörpert. Beide Charaktere befinden sich nach dem Beginn permanent in Extremsituationen, beide Schauspielerinnen verleihen diesen glaubhaft Ausdruck und tragen damit zur Ernsthaftigkeit des fesselnden, in der Tat hochspannenden Films bei. Die Rolle des Mörders fiel Philippe Nahon („Calvaire - Tortur des Wahnsinns“) anheim, den man nur selten so richtig zu Gesicht bekommt und der in erster Linie als Charakterdarsteller möglichst asozial, abgeklärt und dreckig wirken soll, was ihm – so wirkt es zumindest – mit Leichtigkeit gelingt. Dialogszenen hat er kaum.

Die rumänischen Drehorte erwiesen sich als prädestiniert für den düsteren Look des Films und verleihen ihm etwas Backwood-Touch. „High Tension“ kommt ohne hektische Schnitte aus, stattdessen drosselt der junge Aja gern einmal das Tempo im Stil der alten Meister, um Spannung und Suspense zu erzeugen. Die entschlossene Grimmigkeit und Konsequenz wiederum ist spürbar die eines jungen, hungrigen Filmemachers, der mit diesem rundum gelungenen Film einen modernen Klassiker geschaffen und sich für weitere Produktionen empfohlen hat, woraufhin seine Karriere recht steil verlief. Und wer „High Tension“ einmal gesehen hat, wird wohl immer eine Gänsehaut bekommen, wenn er den zweimal – einmal davon im Abspann – ertönenden, die Melancholie des Films (ja, die gibt es!) und seine Energie auf den Punkt bringenden Song „New Born“ der Band Muse zu hören bekommt. Ein Brett von einem Horrorfilm, europäisches Genrekino in Hochform!

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mi 1. Apr 2015, 10:54
von buxtebrawler
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Swimming Pool – Der Tod feiert mit

„Verdammte Argentinier! Schleichen sich immer aus dem Hinterhalt an! Manchmal fühl’ ich mich wie die Falkland-Inseln!“

Nach den deutschen Slasher-Produktionen „Anatomie“ und „Flashback – Mörderische Ferien“ erschien im Jahre 2001 eine dritte, mit der man den Regie-Debütanten Boris von Sychowski („Wilde Jungs“) betraute. Während die erstgenannten bewusst davon profitierten, in Deutschland zu spielen und das damit verbundene Originalitäts-Potential auszuschöpfen versuchten, wurde „Swimming Pool“ ins Umfeld einer „Prager International Highschool“ verlagert und stilistisch wie ästhetisch stark amerikanisiert.

Eine Gruppe neureicher Schüler der Prager International Highschool feiert ihren Abschluss in Prags größtem Schwimmbad, zu dem sie sich nach den öffentlichen Feierlichkeiten Zugang verschafft. Doch ein maskierter Serienmörder möchte ebenfalls mitfeiern und macht einem nach dem anderen den Garaus...

„Leute, die pünktlich sind, haben keine Phantasie!“

Schon im Prolog tobt das genretypische, klischeehafte Unwetter, währenddessen eine junge Frau ihren Oliver tot in seinem Auto findet. Viel Glasbruch verursacht der Killer, als er durch die Glasfassade ihres Hauses springt, sie mit einer Machete ermordet, ebenfalls durchs Glas stößt und schließlich in den Pool wirft. Szenenwechsel: An der Highschool wurden die Prüfungen abgenommen, die Schüler sind ausgelassen und feiern spontan, Punkrock-Musik ertönt zu komödiantischen Szenen. Einige planen eine geheime Party zu einem späteren Zeitpunkt, die sie in das Prager Schwimmbad führt, das fortan die durchaus prachtvollen Kulissen bieten wird. Lediglich die als einzige aus schwächeren finanziellen Verhältnissen stammende Kim (Isla Fisher, „Scooby-Doo“) teilt nicht die allgemeine Freude, ist sie doch durchs Examen gerasselt und dementsprechend sauer – woraufhin sie sich von ihrem Freund Mike (James McAvoy, „Lorna Doone“) trennt.

„Was für eine beschissene Party!“

Unbemerkt von den anderen wird Kim das erste Opfer aus der Clique, auf die es der Mörder abgesehen hat. Diese braust zunächst einmal zum synchron ins Autoradio geschobenen Pop-Punk-Song durch die Stadt, eines der Mädels zieht bereitwillig für Bier blank. In der Pool-Landschaft wirkt die gute Sarah (Kristen Miller, „Man of the Year“) dann etwas deplatziert, hat sie doch Angst vor Wasser. Der Killer ist dort mittlerweile auch eingetroffen und verrichtet sein Werk zunächst jeweils unbemerkt von den anderen – ein Mord auf einer Wasserrutsche ist dabei überraschend elegant und stilvoll inszeniert worden. Unter anderem durch die üblichen Liebeleien bekommen die Rollen nach und nach Charakter bzw. das, was das Reißbrett für sie vorgesehen hat. Ein Mädchen wird vom Killer betatscht, nachdem es sich auf ein Schäferstündchen eingestellt hatte – selbstredend mit jemand anderem. Mit einer Langhantel wird sie fixiert, wehrt sich, wird verletzt und vom Killer durchs Bad gehetzt. Diese Szene ist exemplarisch sowohl für den Sadismus des Films als auch seinen durchaus kreativen Umgang mit den Möglichkeiten des Schwimmbads und seinen Spannungsaufbau, denn genüsslich wird sie ausgewalzt und tatsächlich weiß der Zuschauer nicht, ob es die Schülerin schon jetzt erwischt.

„Greg, ich weiß, was du letzten Sommer getan hast!“

In der Folge beginnen aufgrund des Whodunit?-Konzepts die lustigen, entsolidarisierenden gegenseitigen Verdächtigungen. Den Killer schert das wenig und er erinnert sich an den Klowand-Mord aus „Scream 2“. Draußen scheint der schöne Sommer schon wieder vorbei, denn erneut tobt das Klischee-Unwetter, während ein Teil der Clique versucht, durch den Lüftungsschacht zu entkommen. Dumm nur, dass der Killer von unten in den Schacht hineinsticht... Schön allerdings für den Zuschauer, denn diese Szenen sind der vorläufige Höhepunkt der Spannung. Der Bulle, der die illegale Party suchte, taucht endlich auf, kann jedoch nicht viel ausrichten, denn er segnet sofort das Zeitliche. Die erfahrene Taucherin schafft’s ebenfalls nur fast. Nach Enttarnung des Mörders und Erörterung seines Motivs – einmal mehr Minderwertigkeitskomplexe – kommt es zum Showdown im Pool in Form toll choreographierter und gefilmter Unterwasserkämpfe, bevor im Abspann weiterer US-Melodic-Punk ertönt.

Doch, „Swimming Pool“ sieht prima aus, verfügt über einen ordentlichen Härtegrad, kontrastiert wohlige sommerliche Bilder mit sich blutrot verfärbendem Chlorwasser und bestraft juvenile Unbeschwertheit sowie neureiche Arroganz mit Machetenhieben. Er führt die Subgenre-Tradition von „Prom Night“ und Konsorten fort und setzt seine namenlosen (sprich: weitestgehend unbekannten), international gecasteten Darsteller zielführend ein, die sich zwar nicht im Gedächtnis verankern, aber auf solidem, modernem Slasher-Niveau agieren. Dass sie etwas sehr offensichtlich alle wesentlich älter als ihre Rollen sind, bedient hingegen ein ebenso gängiges Klischee, wie es gewissermaßen der gesamte Film tut, denn wirklich eigene Einfälle sind hier rar gesät. Stattdessen versuchte man, im Schwimmbad-Ambiente einen typischen US-Slasher abzuspulen und Abweichungen möglichst zu vermeiden. Dies tat man dafür aber sehr gekonnt, integrierte hier und da ein wissendes Augenzwinkern und unterhält so ohne Längen den Freund eben exakt dieser Filme wirklich gut. Weshalb keines der reichen Gören, deren Ableben weniger schockieren als dass sie vielmehr der Stoff, aus dem ein Party-Slasher ist, sind, ein Handy dabei hat, erschließt sich mir allerdings nicht – immerhin schrieben wir das Jahr 2001.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mo 13. Apr 2015, 17:23
von buxtebrawler
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Maniac

„Vielleicht stehe ich gerade neben dem letzten Romantiker!“

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet eine Neuverfilmung von William Lustigs Psycho-Slasher „Maniac“ aus dem Jahre 1980, einem quasi perfekten Genre-Film also, positiv aus dem allgemeinen Remake-Wahn herausstechen würde? Oh, sicherlich einige, die sich an Produzent und Mit-Autor Alexandre Ajas nicht minder herausragende Regiearbeiten für Filme wie „High Tension“ oder „The Hills Have Eyes“ (ebenfalls ein Remake) erinnerten, der mit seinen Filmen der 2000er-Terrorwelle entscheidende Impulse gab und moderne Klassiker schuf. Oder diejenigen, denen Regisseur Frank Khalfouns Weihnachts-Slasher „P2 – Schreie im Parkhaus“ noch in wohliger Erinnerung war – ganz zu schweigen von jenen, die eben nicht in die allgemeine Kakophonie nach Bekanntgabe des Hauptdarstellers einstimmten, da sie über ausreichend Abstraktionsvermögen verfügten, die Intention dahinter zu erkennen. Und wer dann noch bemerkte, dass Ajas Co-Autor Grégory Levasseur war, mit dem er bereits „Mirrors“ und „P2 – Schreie im Parkhaus“ geschrieben hatte, und dass Mr. Lustig höchstpersönlich sich ebenfalls an der Produktion beteiligte und dem Projekt seinen Segen gab, für den dürfte sich der Kreis geschlossen haben. 2012 gelangte der Film schließlich in die Kinos.

Der allein und zurückgezogen lebende Frank Zito (Elijah Wood, „Hooligans“) verdingt sich als Restaurator von Schaufensterpupen in Los Angeles, wo er einen kleinen Laden betreibt. Doch zu seinen Puppen hegt er ein ganz besonderes Verhältnis: Derangiert durch eine traumatisierende Kindheit als Sohn einer alleinerziehenden, drogensüchtigen Mutter, die es vor seinen Augen häufig mit wechselnden Sexualpartnern trieb, entwickelte er ein extrem gestörtes Verhältnis zum weiblichen Geschlecht und begibt sich immer wieder auf die Suche nach neuen Opfern, die er brutal tötet, sie skalpiert und seinen Puppen die Haare aufsetzt, wodurch sie für ihn zum Leben erwachen. Als sich ihm die junge, attraktive Fotografin Anna (Nora Arnezeder, „Der Dieb der Worte“) nähert, die fasziniert von seiner Arbeit ist, scheint er erstmals so etwas wie echte Zuneigung zu empfinden...

Da sich das aktuelle New York im Gegensatz zu Lustigs Original nicht mehr als Schauplatz anbot, verlegte man die Handlung nach Los Angeles, in die Tristesse und Anonymität einer überbevölkerten Großstadt, hinter deren schimmernder Fassade menschliche Abgründe, Elend und Not lauern. Ansonsten bewegt man sich prinzipiell nah am Original, behielt sämtliche Eckpfeiler der Handlung bei, ging jedoch einen entscheidenden Schritt weiter: Machte bereits das Original den Zuschauer gewissermaßen zum Komplizen Zitos, indem er ihn als zwar brutales und skrupelloses Ungetüm, aber eben auch als leidenden Menschen zeigte und in den Mittelpunkt rückte, die Geschehnisse aus seiner Sicht zeigte, versuchten Aja, Khalfoun & Co., die Distanz vollends aufzuheben – indem sie sich des beliebten Slasher-Stilelements der subjektiven Point-of-View-Perspektive nicht nur partiell bedienen, sondern es fast den gesamten Film über anwenden: Das Publikum sieht permanent durch Frank Zitos Augen. Das mutet zunächst experimentell an, doch gewöhnt man sich schnell daran. Franks Antlitz bekommt man lediglich in Spiegelungen oder in seinen verbildlichten Phantasien zu sehen, womit man das Komplizenhafte auf die Spitze treibt, der Ausrichtung des Originals damit jedoch treu bleibt.

Die radikalste Änderung gegenüber Lustigs Original ist somit nicht die Wahl der Perspektive, sondern die des Hauptdarstellers, der einen äußerlich ganz anderen Typus Mensch verkörpert: Entsprach Joe Spinell in seiner Rolle als Frank Zito mit seinem ungepflegten, pockennarbigen und grobschlächtigen Äußeren noch den damaligen Klischeevorstellungen eines psychopathischen Serienkillers, ist Elijah Wood vielmehr der unscheinbare Typ, ein eher zierlicher junger Mann mit müdem, scheuem Blick, in dem nicht permanent der Wahnsinn funkelt – womit er auch den Erfahrungen entspricht, nach denen die wirklich brutalen und abartigen Schlächter häufig diejenigen sind, denen man es am wenigsten ansieht und zutraut.

Zu den Eröffnungstiteln beobachtet er eine Frau, um sie schließlich brutal zu ermorden und zu skalpieren – der Film geht gleich in die Vollen. Die nötige Modernisierung des Stoffs, um ihn glaubhaft in der Gegenwart anzusiedeln, verdeutlicht Franks Methode, seine Opfer per Internet-Dating auszuwählen. Der Zuschauer bekommt ihn erstmals zu sehen, als er ein Foto von sich im PC heraussucht. Überraschend und sicherlich etwas unrealistisch schnell, wie eher dem exploitativen Duktus des Genres folgend, gelingt es ihm, eine attraktive Sexualpartnerin zu finden, die er jedoch bereits beim Vorspiel erwürgt. Bevor detailliert und entsprechend unappetitlich gezeigt wird, wie er sie skalpiert, verdeutlicht der Film Franks Schizophrenie, indem er ihn mit sich selbst hadern und streiten lässt. Auch leidet er unter heftigen Migräneanfällen. Eingestreute Rückblenden zeigen seine Mutter beim Drogenziehen und Sex.

Nachdem er Anna kennengelernt hat, entspinnt „Maniac“ nachvollziehbar eine im Aufbau begriffene Beziehung, die jedoch mit Störfaktoren wie dem plötzlichen Auftauchen von Annas Freund einhergeht. Auf Franks angeschlagene Psyche haben solche Momente starke negative Auswirkungen, doch auch ohne wäre die Situation früher oder später eskaliert – aus dem Wann und Wie bezieht „Maniac“ seine Spannung, erst recht, da sich der Zuschauer womöglich dabei ertappt, dem außerhalb seiner Gewalttaten bemitleidenswert wirkenden Frank alles Gute zu wünschen, das Unmögliche herbeizusehen: eine Heilung durch die Liebe zu Anna. Eine Hoffnung, die natürlich zum Scheitern verurteilt ist.

Künstlerisch-experimentell aufgeladen wird „Maniac“ beispielsweise, als sich Frank und Anna „Das Cabinet des Dr. Caligari“ im Kino ansehen und sich Frank plötzlich selbst auf der Leinwand wiederfindet oder er bei einem Mord sozusagen seine menschliche Hülle verlässt. Der irre Synthesizer-Soundtrack Raphael Hamburgers verleiht dem Film eine eigentümliche, entrückte Stimmung, die letztlich zu Zitos Charakter passt. Ja, diese Neuverfilmung gehört zu den inspirierteren, wenngleich sie sich recht nah ans Original hält, was auch diverse Kunstgriffe und die volle Konzentration auf die Point-of-View-Perspektive nicht kaschieren können. In Kombination mit dem eindringlichen, filmisch distanzlosen Terror und der mit Wood geglückten Neubesetzung und -ausrichtung Frank Zitos reicht das jedoch locker für ein beunruhigendes Stück urbanen Terrorkinos, das genügend Raum für in der Großstadtanonymität ruhende Paranoia bietet, auch Platz für Tragik und Melancholie findet und den Zuschauer weit mehr berührt als jeder x-beliebige Slasher-Neuaufguss, wenngleich ich Lustigs Original noch immer für das intensivere Filmerlebnis halte.