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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Verfasst: Di 28. Apr 2026, 10:07
von Blap
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• Die Aufsteiger (Harold Robbins, 1979)

Daniel Boon Huggins wird von nahezu jedermann Big Dan genannt. In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, kämpft sich Big Dan bis an die Spitze der amerikanischen Arbeiterbewegung durch.

Harold Robbins haut dem Leser einen unbeugsamen Mann vor den Latz, der sich weder durch Feinde noch herbe Verluste in die Knie zwingen lässt. Die Erzählung beginnt im frühen 20. Jahrhundert und endet in dessen späten Siebzigern. Kürzere Abschnitte spielen in der damaligen Gegenwart, in der sich der noch sehr junge Sohn des verstorbenen Big Dan auf eine Reise begibt. Eine Reise zu sich selbst, die ihn auch seinem verschiedenen Vater näher und näher bringt. In längeren Abschnitten nehmen wir an der Lebensgeschichte von Daniel Boon Huggins teil. Vielleicht ist teilnehmen nicht das richtige Wort, zumindest fühlte ich mich eher in der Rolle eines Beoachters.

Robbins bringt reale Persönlichkeiten aus der amerikanischen Gesichte in die Handlung ein, wirft einen kritischen Blick auf die Ausbeutung der Arbeiterschaft, lässt die Gewerkschaften allerdings auch nicht ohne deutliche Kritik davonkommen. Es kann sich hier als hilfreich erweisen, wenn der Leser über zumindest oberflächliche Kenntnisse der Thematik verfügt. Obschon dies nicht von zwingender Notwendigkeit scheint, da das Werk sehr auf den übermächtigen Protagonisten zugeschnitten ist.

Bekanntlich bin ich ein großer Fan der oft tragischen Hauptcharaktere in Simmels Büchern. Robbins geht andere Wege, lässt eine Art Supermann des Klassenkampfs auf den Leser los. Daniel Boon Huggins haut seine Gegner um, greift bei Bedarf zu Schusswaffe, der Bursche ist eine psychisch und physisch nahezu unzerstörbare Naturgewalt. Freilich lässt sich Robbins beim Thema Sex gern gehen. Frauen gibt es etliche im Leben des Helden. Diese fickt und leckt er nach allen Regeln der Kunst, schon bei Daniels Anblick läuft den Damen der Muschisaft an den Schenkeln herunter. Ich übertreibe nicht, entsprechende Passagen finden sich mehrfach in diesem Werk.

Vielleicht ist diese "relative Übermenschlichkeit" des Protagonisten der Grund dafür, dass ich mir hier nicht aus der Position des Beobachters bewegen konnte/mochte, stets eine gewisse Distanz zum Treiben gewahrt bliebt. Dennoch war der Roman kurzweilig, weitere Werke von Robbins werden irgendwann den Weg in meine Krallen finden.

Gehobene Schundliteratur für nebelfeuchte Hausfrauen. Läuft.

Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Verfasst: Do 30. Apr 2026, 16:59
von buxtebrawler
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Erich Rauschenbach – Der kleine Herr Gott – ganz gross!

Der gebürtige Sachse und freiberufliche Karikaturist und Illustrator Erich Rauschenbach veröffentlichte von 1984 bis ins Jahr 2004 hinein diverse Cartoon-Bände im Eichborn-Verlag. Einer davon ist „Der kleine Herr Gott – ganz gross!“ aus dem Jahre 1986, der rund 80 unpaginierte Seiten in Schwarzweiß und Graustufen im A5-Softcover umfasst.

Der erste Eindruck verspricht sozial- und religionskritische, vielleicht gar blasphemische Cartoons im satirischen Funny-Stil und somit gute, im Idealfall hintergründige Unterhaltung, was der Inhalt jedoch nicht einlöst. Rauschenbachs auf bis zu sechs Panels pro Seite verteilte Zeichnungen seiner eine bis ein paar wenige Seiten umfassenden Gags und Geschichtchen sind niedlich, der Inhalt hingegen meist profan und hin und wieder für einen Schmunzler gut, wenn tatsächlich Bezug auf die christliche Mythologie und ihren Monotheismus genommen wird. Weitaus häufiger jedoch widmet Rauschenbach sich dem „frivolen“ Herrenwitz, mit dem man damals vielleicht in Praline & Co. für Erheiterung sorgte, der heute aber ziemlich überholt und zuweilen plump sexistisch wirkt.

Interessanterweise jedoch bestehen nicht alle Geschichten aus Zeichnungen, sondern auch aus Aneinanderreihungen gestellter Fotos, mutmaßlich aus diversen Prospekten und – passenderweise – „Herrenmagazinen“, die er mittels seiner handgeletterten Sprech- und Gedankenblasen rekontextualisiert und zu „Foto-Love-Storys“ verarbeitet. Damit greift er gewissermaßen mancher satirisch mit Stockfotos arbeitender Spaßseite in den sozialen Netzwerken (bspw. „Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“ [sic]) vorweg. Vermutlich nicht ganz unähnliche Foto-Comics gab es allerdings zuvor bereits, beispielsweise aus dem Volksverlag.

Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Verfasst: Do 30. Apr 2026, 17:38
von buxtebrawler
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Derber Trash #2

Der zweite „Derber Trash“-Sammelband des deutschen Weissblech-Comicverlags erschien im Jahre 2011 und umfasst auf seinen 100 Schwarzweißseiten im Softcover in halber Albumgröße erneut drei ältere Schundhefte, ergänzt um eine eigens für diesen Band angefertigte Rahmenhandlung.

Diese entpuppt sich als selbstironische Justizposse um die Urheberschaft an den Comics. „Unglaubliche Sexfiction“ enthält Sexploitation-Science-Fiction-Geschichten, aus denen jene von Bella Star erzählte, auf Erden spielende qualitativ heraussticht. Diese ist zwar ausnahmsweise leider nicht handgelettert, dafür aber ein überraschend und zugleich angenehm klassisches Moralstück um russische Mädchenhändler und Vergewaltiger. „Drogengeile Teenieschlampen auf Mallorca“, der zweite Teil der Saga um die drogengeilen Teenieschlampen, nimmt unter anderem Mallorca-Klischees sexploitativ aufs Korn, das Party-Erklärbild erinnert gar an „Mad“. „Amazonen – Busenwunder der Bronzezeit“ ist vielleicht das interessanteste Heft dieses Sammelbands und eröffnet mit einer barbusigen, aber sexfreien, sogar recht „seriösen“ Amazonen-Fantasy-Handlung, gefolgt von „Morag“, einem Monstrum von einer Kriegerin in einer humorigen Geschichte, die Altertum-Fantasy mit der Moderne mischt. Die dritte Erzählung wartet wieder mit einer expliziten Sexszene auf (was diesen Bänden wohl stets die Jugendfreigabe kostet), eingebettet in einer in der Gegenwart spielenden Expedition zu den Amazonen.

Ein Rückblick auf die Entstehung der Comic, sozusagen ein Metatext mit Hintergrundinformationen, ergänzt die Sammlung. Geschrieben wurde er von Verleger Levin Kurio, der unter anderem von erfolglosen Messebesuchen als Aussteller berichtet. Auch schön: Ein Abriss über Hefte, die es nie gab. Und ein Bonuscomic handelt vom Besuch einer Comicmesse in Essen, für den Kurio sich grandios auf die Schippe nehmend selbst zeichnete und der zudem einmal mehr fabelhaft satirisch ausfällt. Eine leichte Das/dass-Schwäche und den einen oder anderen Zeichensetzungsfehler muss man hinnehmen, Laune machen die von Roman Turowski, Levin Kurio, Eckart Breitschuh mal mit gröberem, mal feinerem Strich gezeichneten Elaborate allemal – ein Affinität zu spekulativem, bewusst Geschmacksgrenzen hinter sich lassendem Trash vorausgesetzt!

Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Verfasst: Di 5. Mai 2026, 16:20
von karlAbundzu
Urlaubslektüre
Mickey Spillane: Die Mädchenjäger
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Ein Mike Hammer Roman.
Hammers Partnerin in Leben und Geschäft ist vor sieben Jahren verschwunden, seitdem versinkt er im Suff. Ein ehemaliger Freund und Bulle treibt ihn auf, weil ein Zeuge nur mit Hammer reden will. Und er kommt in einen Fall, der mit dem Verschwinden zu tun hat. Und mit einem Mord an einen Senator, Gewerkschaft-Mafia-Beziehungen, Schmuggel, und Spionage im kalten Krieg.
Obwohl ich annodazumal die Serie nicht mochte, dachte ich, ich gebe diesen Noir der späteren Generation mal eine Chance. Stand halt irgendwo im Regen unter, daneben ein Tauschschrank mit nicht viel gutem drin, angefangen, dann beiseite gelegt, und jetzt mitgenommen.
Die ganzen bekannten Sachen drin: Femme fatale, alte Freunde in allerlei Szenerien, derbe Gewalt, typische Büro, Sex.
Die Story am Anfang noch ganz spannend, man weiß nicht, wo hin es geht, Hammer bekommt ordentlich ein eingeschenkt, es gibt interessante Wendungen. Doch sobald er sich auch eher schwuppi zum Helden wandelt, die Sexbeziehung zu der Frau anfängt (mit den wahrscheinlich schlechtest geschriebenen Sexszenen ever), und alle Spuren gelegt sind, werden nur noch Standards abgerufen, kommen keine originellen Ideen mehr, der Zufall kommt zu hilfe, Hammer fällt irgendwas überraschend früh oder spät ein, dazu ein Haufen politisch und moralisch äußerst fragwürdig. Klar, letzteres gehört dazu, aber im Grunde ist Hammer im Gegensatz zu älteren oder auch anderen zeitgenössischen Privatdetektiven ungebrochen und so seine Aussage eben auch die des Romans ist. Hätte ich fast weggeschmissen, aber am Ende einfach im Hotelzimmer liegen gelassen.
Es gibt nicht nur eine Verfilmung in der Serie mit Stacy Keach, sondern auch ein Film von 1963 mit dem Autor in der Titelrolle.

Lydia Lunch: Paradoxie – Tagebuch eines Raubtiers
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Lydia Lunch beschreibt autobiographisch ihre Zeit zu Beginn in New York, später dann auch LA, San Franzisko, London, und immer wieder New York. Da geht es um Sex, Drogen, Sex, Gewalt, Sex, Philosophie, Sex, traumatische Erfahrungen und auch alles in Verbindung.
Ich bin ja ein Fan der künstlerischen Arbeit von Lydia Lunch, insbesondere der musikalische Output. Und so war ich tatsächlich ein wenig enttäuscht, dass der hier allerhöchstens am Rande vorkommt.
Der Stil ist heftig, schonungslos. Sie ist Opfer und Täterin. Getrieben von ihren Lüsten, ihrer Hemmungslosigkeit und eben auch das bemerkend und kritisch zu sehen.
Insofern hat das alles auch mit ihrer Kunst zu tun, die gleichen Themen, man findet einen biographischen Zugang zu ihrem Werk.
Das ist wie ein Rausch, auch wenn sie sich und uns auch mal Pausen gönnt. Faszinierend, abstoßend und beängstigend zugleich,
Herausgekommen beim leider in der Versenkung verschwundenen Bremer Verlag Mox und Maritz, der einige interessante Veröffentlichungen hatte.

László Krasznahorkai: Baron Wenckheims Rückkehr
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Ein paar Wochen in einer ungarischen Kleinstadt. Es geht um einen weltberühmten Moosforscher, der Probleme mit seiner Tochter hat und auch ein starkes antisoziales Verhalten an den Tag legt, so dass er sich in Verstecke und Verschläge zurück zieht und in einen Konflikt mit einer Nazi-Rockerbande gerät.
Und um den titel gebenden Baron, der aus den USA zurück in seine alte Heimat kommt, auf der Suche nach seiner Jugendliebe, die Stadt in Aufregung und voller Heilserwartungen.
Das trifft die Story nur ansatzweise, da passiert noch allerhand mehr, geht auch mal ins fantastische, unerklärliche, tauchen irgendwelche Leute auf und verschwinden und es wird auch nicht alles auserzählt. Wir befinden uns auch in einer Art irrealem Raum, doch die Bezüge zum Realen sind doch auch klar.
Das ganze ist auch eine Satire, hat auch einen schrägen Humor, aber auch Härten.
Ich hatte wirklich eine Zeit gebraucht, um rein zu kommen. Jedes Kapitel ist aus dem Kopf eines der Protagonist*innen. Und dann geht es über lange lange Bandwurmsätze in einer Mischung aus Bewusstseinsstrom, Monologen, Gedanken, Dialogen von denen man nur eine Stimme liest über einige Seiten. Doch, auch wenn es mich wunderte, irgendwann, so nach 100 seiten kam ich in den Fluß, und es hat mich richtig mit genommen. Ich habe geschmunzelt, war gespannt. Die Figuren bekommen wirklich eine Tiefe, einige bleiben aber auch eher verzerrte Comicfiguren, ich denke, dass die Sympathie des Autors klar verteilt ist. Obwohl er auch eine recht zynische Stimmung durch das Werk fließen lässt.
Krasznahorkai ist der aktuelle Literaturnobelpreisträger, für Filmfreunde interessant: sechs Drehbücher schrieb er für Bela Tarr, zum Teil auf seinen Bücher beruhend.