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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Verfasst: Di 9. Dez 2025, 14:34
von karlAbundzu
Han Kang: Unmöglicher Abschied
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In Korea wird eine Frau von ihrer Freundin gebeten, sich um ihren Vogel zu kümmern. Sie ist im Krankenhaus, der Vogel alleine in einer Hütte auf einer Insel im Winteranfang. Die Reise und der Aufenthalt wird zu einer Erfahrung ihrer selbst.
Roman der vorletzten Literaturnobelpreisträgerin han Kang. Und hier ist viel drin: Die Hauptperson hat eine recht schwere Depression, begleitend mit einer Kreativblockade, die Freundin allerhand eigene Dämonen in der Familienvergangenheit, nicht nur was die letzten Demenzjahre ihrer Mutter mit der aufreibenden Pflege ihrerseits zu tun hat, sondern auch tief in der Geschichte Koreas, und insbesondere der Gemeinschaft auf der Insel zu tun hat.
Soabld Gyeongha sich zu der Hütte der Freundin aufmacht, hat alles, was passiert, oder auch nur das Wetter, mit ihrem Innenleben zu tun. UNd vieles ist auch unsicher, mnches kann eigentlich nur Traum, oder Geistererscheinung oder auch Nahtoderfahrung sein, wenn die Freundin auf einmal auch in der Hütte ist, der Vogel mal tod mal lebendig ist.
Das ist alles ganz wunderbar miteinander verwoben und wirklich intensiv geschrieben. Was bei den Themen (Krieg, Freundschaft, Massaker, Depression, Psychische Probleme bei der Pflege naher demenzkranker Angehörige) dann auch zu einer härteren Erfahrung macht.
Bei den ganzen Geschitsthemen musste ich nachrecherchieren, da war ja einiges im argen in der koreanischen Geschichte, und hier meine ich nicht den nordkoreanischen Teil. Die Geschichte eben der Massaker an vermeintlichen Kommunisten, die Installierung Rhee Syng-mans mit Unterstützung der USA (der später mit Hilfe des CIAs nach Hawaii floh).
Das war für mich neben der wirklich eindringlichen Leseerfahrung dann auch noch Lehrreich.

Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Verfasst: Di 16. Dez 2025, 17:54
von buxtebrawler
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Mad-Taschenbuch Nr. 43: Antonio Prohias – Der sechste Band von Spion & Spion

Bereits zum sechsten Male murksen sich die beiden verfeindeten Spione mit den spitzen Nasen gegenseitig im Taschenbuchformat ab. Das US-Original erschien im Jahre 1982, diese deutsche Ausgabe, wie gewohnt 160 unkolorierte Seiten umfassend, folgte zwei Jahre später. Gewidmet sind die 13 neuen, „Fälle“ genannten Geschichtchen mit alliterationsfreudigen Titeln „den Spionen in aller Welt, damit sie sich ein Beispiel nehmen und sich immer nur GEGENSEITIG umbringen.“

Ins Inhaltsverzeichnis hat die Redaktion bereits den ersten kleinen Gag eingebaut. Anschließend lässt sich auf ein bis zwei Panels pro Seite verfolgen, wie die Methoden, sich gegenseitig den Garaus zu machen, immer komplizierter und absurder werden, woraus Prohias‘ dialoglose Zeichnungen ihren speziellen Reiz beziehen. Was der gute Antonio sich hier wieder an Plänen, Konstruktionen und Kettenreaktionen aus den Hirnwindungen presste, ist in seiner morbiden Kreativität aller Ehren wert. Besonders angetan haben es mir die „Fälle“, in die Tiere involviert sind, beispielsweise Möwen mit Muscheln oder Piranhas.

Kult.

Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Verfasst: Mi 17. Dez 2025, 16:38
von buxtebrawler
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Jordi Bernet / Carlos Trillo / Eduardo Maicas – Betty 6

Vor ein paar Jahren schrieb ich nach der Lektüre meines ersten „Betty“-Bands, dass ich diese Reihe zwar nicht sammeln, aber mir eine weitere Ausgabe mitnehmen würde, sollte sie mir einmal antiquarisch und günstig über den Weg laufen. Mit der Nummer 6 der neunteiligen schwarzweißen Erotik-Funny-Comic-Reihe eines spanischen Zeichner-/Autoren-Trios im Softcover und ca. 24 cm hohen Zwischenformat, die zwischen 1999 und 2003 in ihrer deutschen Übersetzung im Verlag Edition Bikini erschien, geschah dies tatsächlich.

Wie gehabt dreht es sich rund 100 Seiten lang um die Prostituierte und alleinerziehende Mutter eines Sohns. Betty, so ihr Name, geht ihrem Beruf freiwillig und voller Freude nach, wie die jeweils doppelseitigen, sechs bis neun Panels in dreizeiligen Grids umfassenden und stets innerhalb des nichtexpliziten Softsex-Bereichs bleibenden Geschichten pointiert und humorvoll erzählen. In der Regel gibt Betty den Ton an, während die Männer mehr kleine Männeken sind und nicht selten der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Aber all das habe ich so oder ähnlich ja bereits zu Band 5 geschrieben.

Wiederkehrende Nebenfiguren sind Bettys Sohn sowie der arme Blinde, der stets um Geld für eine Nummer mit Betty bettelt. Eine Besonderheit ist die Geschichte auf den Seiten 36 und 37, in die die deutsche Übersetzung eine Anspielung bzw. einen Meta-Gag auf den Verlag Edition Bikini eingeschmuggelt hat und in der Betty sich ausnahmsweise einmal von der Männerwelt übertölpeln lässt. Aus der Reihe fällt auch die eigentlich sehr traurige Origin-Story ab Seite 66. Insgesamt überwiegt aber die frivole Kurzweil, die auf natürlich nicht ernstzunehmende Weise Sex- und Sexarbeitspositivität mit feministischer Ausrichtung aus wiederum männlich-lüsterner, sich dabei aber selbst karikierender Perspektive miteinander vermengt.

Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Verfasst: Fr 19. Dez 2025, 15:45
von buxtebrawler
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Mad-Taschenbuch Nr. 44: Al Jaffee – Igitt! Schon das dritte Mad-Buch zum Thema: Kluge Antworten auf dumme Fragen

In Mad-Urgeisten Al Jaffees sechstem Soloband aus dem Jahre 1980, der hierzulande 1984 veröffentlicht wurde, widmet er sich zum wiederholten Male die gewohnten 160 Schwarzweißseiten lang seiner Lieblingsbeschäftigung: der Auseinandersetzung mit (vermeintlich) dummen Fragen und den (vermeintlich) klugen Antworten auf diese.

Aufgeteilt ist das Büchlein in zwölf Kapitel, von denen einige wie gehabt je einen Dialog pro Comic-Doppelseiten enthalten und mehrere Antwortmöglichkeiten inklusive je einer Sprechblase zum Selbstausfüllen bieten. Mehr als die Hälfte der Kapitel enthalten jedoch „klassische“ Comic-Geschichtchen, in denen mehr oder weniger dumme Fragen mehr oder wenige große Rollen spielen und die nicht selten mit schwarzhumorigen Pointen enden. Und auch diesmal ließ Jaffee es sich nicht nehmen, sich im letzten Kapitel selbstironisch zu verhohnepiepeln.

Unverzichtbar – heute wahrscheinlich sogar mehr als damals.

Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Verfasst: Fr 19. Dez 2025, 16:01
von Maulwurf
karlAbundzu hat geschrieben: Di 2. Dez 2025, 16:15 John Robb: Goth - Die dunkle Seite des Punk (Ventil verllag)
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John Robb, Musiker (Membranes) und Journalist (ZigZag, Melody Maker, Sounds, Louder than War) brachte schon einige Bücher heraus, ich kenne allerdings nur Punk Rock - An oral History.
Er geht hier in Kapiteln auf einzelne Bands und Szenen ein, und macht das sehr genau. Neben den offensichtlichen wie die Sisters, Cure, Bauhaus geht er auch intensiv auf andere ein, die auf den ersten Blick nicht so passen: Cramps, Adam and the Ants, Laibach. Doch als Kenner und ja auch Beteiligter seit früher Zeit begründet er das und liegt richtig.
Ich mag Johns Stil: man merkt seine Fachkenntnis, seine Verbundenheit zu der undergroundigen Musikszene und eben auch sein Fantum. Das ist alles sehr ausführlich (im Grunde geht es von den Überfällen der Goten auf Rom bis zum heutigen Tage) und dabei kaum wiederholend. Auch schön, dass er sich mit den kulturellen Vorläufern in Literatur und Film beschäftigt.
Man ist also mittendrin, John kennt auch viele Leute, und so sind seine Quellen meist eigene Interviews.
Ein besseres Lektorat hätte dem ganzen, wie fast immer heutzutage, gut getan. Manchmal wird sich eben doch wiederholt, innerhalb eines Absatzes oder zwei Absätze später bekommt man nochmal die gleiche Info. Und auch der riesige Fussnotenbereich ist viel zu groß. Meist wird nur auf die Quelle verwiesen, die in 90%der Fälle eben John Robb im Interview mit... ist. Da hätte er ein "Wenn nicht anders angegeben" voraus stellen können. Und dafür eine gute Vinylographie anhängen können. Und die letzten Kapitel wirken ein wenig nach: Die muss ich noch reinbringen (zum Beispiel Depeche Mode), und die will ich noch unbedingt reinbringen. Die dann alle viel zu kurz abgehandelt werden, gegen Ende war es dann dadurch ein wenig lang. Doch missen wollte ich da auch nicht viel von, habe da schon in einiges bisher unbekanntes rein gehört und für gut befunden.
Für alle die auf die eher düstere Seite des Post Punks stehen, eine Empfehlung.
Vielen vielen Dank für den schönen Tipp :verbeug:

Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Verfasst: Mo 22. Dez 2025, 16:58
von buxtebrawler
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Anne Geelhaar / Ingeborg Meyer-Rey – Köpfchen, mein Köpfchen

Jetzt mal etwas ganz anderes: Manchmal verschwimmen die Erinnerungen. War es dieses Buch, das mir meine Oma zu lesen gab, als wir 1986 umgezogen waren, kurze Zeit mit ihr zusammen in ihrer Waldhütte lebten und am Ostersonntag gerade die Leckereien versteckt wurden? Jedenfalls kam mir das Titelbild sehr vertraut vor, als ich es kürzlich zufällig in einem Tauschschrank entdeckte und einfach mal mitnahm.

Beim Lesen stellte sich heraus, dass ich dieses rund 30-seitige, im Jahre 1979 im DDR-Kinderbuchverlag erschienene Buch für die Jüngsten auf jeden Fall kannte. DDR-Kinderbücher genießen für gewöhnlich einen guten Ruf, und tatsächlich ist auch dieses unheimlich liebevoll gestaltet worden. Was in der BRD vielleicht als winziges Pixi-Heftchen vermarktet worden wäre, findet sich hier als gebundenes Buch mit altersgerecht großer Schrift und Meyer-Reys wunderschönen, großflächigen bunten Illustrationen zwischen festen Buchdeckeln. Die Geschichte der renommierten Kinder- und Drehbuchautorin Anne Geelhaar handelt in Form einer Fabel davon, wie Meister Lampe den Wolf Isegrim davon abhält, ihn zu fressen, indem er ihm drei kuriose und absurde Geschichten auftischt. Die Aussage ist klar und schlägt sich bereits im Buchtitel wieder: Klug eingesetzte Intelligenz hilft vermeintlich Schwächeren gegen vermeintlich Stärkere.

Eine zeitlose Fabel für ABC-Schützinnen und -Schützen, natürlich auch prima zum Vorlesen geeignet.

Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Verfasst: Di 23. Dez 2025, 11:18
von buxtebrawler
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Sanni Kentopf / Alberto Saichann – Honigfeigen

Für Panini ist diese Comic-Veröffentlichung ungewöhnlich, ist der Verlag doch nicht unbedingt für seinen Erotiksektor bekannt. Umso überraschter war ich, als mir dieser vollfarbige, 72 (leider unnummerierte) Seiten umfassende Softcover-Band aus dem Jahre 2010 im 26 cm hohen Zwischenformat antiquarisch in die Hände fiel. Geschrieben wurde er von Sanni Kentopf, einer gebürtigen Norddeutschen, die unter anderem als Tänzerin tätig ist (oder war). Die in dynamischer Panelstruktur angeordneten Zeichnungen stammen von Alberto Saichann, der einen realistischen Stil verfolgt.

„Honigfeigen“ möchte an Charlottes Roches „Feuchtgebiete“ anknüpfen; so ist es unschwer zu erraten, dass es sich um jenes Buch handelt, das in der Wohngemeinschaft von Stan, Marla, Ricky, Linda und Leonie kursiert und die Bewohnerinnen ermutigt, eigene sexuelle Anekdoten miteinander zu teilen, die in Form von Rückblenden eingearbeitet sind und den eigentlichen Inhalt dieses Buchs ausmachen. Alle fünf jungen Frauen werden charakterlich auf der Innenseite des Buchdeckels kurz angerissen; die 18-jährige Ricky, die die WG gerade bezieht, führt als Erzählerin durch den Comic.

Leonie hatte einen langweiligen Sexualpartner, der erst aus sich herauskam, als sie ihm ihren Finger in den Hintern schob. Seine weiteren Wünsche mit Natursekt und Kerzenwachs waren ihr aber zu pervers. Linda ging zu einer Prostituierten in den Asia-Puff und ließ sich von dieser verwöhnen. Marla schnitt sich ein Loch ins Höschen, weil das ihre Fantasie beflügelte und sie heiß machte. Sie besuchte eine Party, wo sie auf ihren Schwarm Manni traf und sich im Wandschrank von ihm lecken ließ. Was sie nicht wusste: Sie hatte ihre Tage und Manni daraufhin ein blutverschmiertes Gesicht. Stan rieb sich Muschisaft als Lockstoff hinter die Ohren und ließ sich von Alex abschleppen. Der eröffnete ihr anschließend, sie super zu finden, dass ihr Parfum aber gar nicht gehe... Schlussendlich ist Ricky dran: Sie hat noch gar nichts zu erzählen, muss erst noch Erfahrungen sammeln. Also fährt sie zum Friseur und lässt sich eine Intimfrisur schneiden, woraufhin sie ganz geil auf den Friseur wird. Später treibt sie es mit Leonie.

In seinen Bildern ist „Honigfeigen“ recht freizügig, ohne dabei in die Vollen zu gehen. Ein softpornöser Comic, der, obwohl von einer Frau geschrieben, ganz auf ein männliches Publikum und dessen schlüpfrige Fantasien von den Vorgängen innerhalb einer weiblichen Wohngemeinschaft zugeschnitten ist. Das verwundert und geht sogar so weit, dass sich der Erotikfaktor vornehmlich aus der Zurschaustellung weiblicher Körper speist, während männliche Genitalien gar nicht erst zu sehen sind. Die Bezugnahme auf „Feuchtgebiete“ wirkt reichlich bemüht, zumal der Ekelfaktor hier wesentlich geringer ausfällt, um den Erotikgehalt nicht zu torpedieren. So liest sich „Honigfeigen“ auch weit weniger provokant, als es vielleicht gern wäre, und verweilt überwiegend dann eben doch in Erotikstandards. Diese jedoch sind in ihrer sexpositiven Ausrichtung recht ansprechend umgesetzt und gestehen ihren Protagonistinnen selbstbestimmte Abenteuer ebenso zu wie sich auszuprobieren und offen damit umzugehen.

Ein vierseitiges, mit vielen Fotos versehenes Interview mit Sanni Kentopf findet sich im Anhang.

Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Verfasst: Di 23. Dez 2025, 11:26
von Blap
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IMG_20251223_110505.jpg (2.86 MiB) 91 mal betrachtet
• Das große Horror Lesebuch (Stephen King, R. McCammon, Ramsey Campbell u. a., 1989)

Ein Verneigung vor George A. Romeros "Night Of The Living Dead", angereichert mit einem Vorwort von Meister Romero persönlich.

16 Kurzgeschichten in Welten voller Zombies. Während teils eher auf Atmosphäre gebaut wird (in dieser Disziplin ist Stephen King hier eindeutig der Platzhirsch), setzen andere Erzählungen auf ausschweifende Darstellungen von Gewalt, Sex und sexueller Gewalt. Hier und da wird das Treiben auch aus Sicht von Untoten geschildert, überhaupt trifft man immer wieder auf kreative Momente. Bewährtes wird mit Neuem vermengt. Der letzte Beitrag erfeut mit morbider Mettgut-Romantik und entlässt den Leser nicht völlig zerstört.

Auch wenn sich nicht jeder Erguss als Treffer erweist, bietet das Buch auf rund 470 Seiten überwiegend brauchbare bis gute Unterhaltung. Mir fällt es teils schwer Bindungen zu den Protagonisten aufzubauen, da Kurzgeschichten dies naturgemäß kaum hergeben. Die immer wieder ausufernden Gewaltdarstellungen sind von überraschender Heftigkeit, vor allem im Hinblick auf den damaligen Zensurwahn, der in den USA und in Teilen Europas vorherrschte. Rebellion der Autoren! Daumen hoch dafür! Kritiker mögen kalkulierte Provokation unterstellen, ich teile diese Ansicht nicht.

Sicher kein Buch für einen diesjährigen Spitzenplatz im Rahmen meiner Rangliste, dennoch empfehlenswerter Stoff für Horrorfans und nimmermüde Zombie-Fetis!

Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Verfasst: Di 23. Dez 2025, 15:31
von buxtebrawler
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Mawil – Wir können ja Freunde bleiben

Nachdem es mir Mawils Wende-Comic „Kinderland“ so sehr angetan hatte, wurde es Zeit, mich endlich seinen weiteren Werken zu widmen. Der Berliner Comic-Autor und -Zeichner Mawil heißt eigentlich Markus Witzel, ist im Jahre 1976 geboren und schreibt/zeichnet gern „Supahasis“, aber auch autobiographisch – so auch in seinem 64-seitigen, unkolorierten Coming-of-age-Comic „Wir können ja Freunde bleiben“, der im Jahre 2003 bei Reprodukt als Taschenbuch im Softcover erschien (wo man leider auf Seitenzahlen verzichtete). Diese Veröffentlichung verkauft sich offenbar sehr gut, mir liegt die bereits fünfte Auflage aus dem Jahre 2014 vor.

Ein paar Freunde haben sich zu einer Trinkrunde versammelt, wo Markus von seinen Liebesgeschichten zu erzählen beginnt. Die Trinkrunde dient fortan als Klammer, die die einzelnen als Rückblenden gezeichneten Geschichten zusammenhält. Markus‘ erste große Liebe war eine heimliche Schwärmerei während der Schulzeit, von der die Angeschwärmte gar nichts wusste. Statt wie üblich die religionsfreie Jugendweihe musste der Bedauernswerte zu DDR-Zeiten eine Kommunion über sich ergehen lassen. Anfang der 1990er befand er sich während einer Katholikenfreizeit in einer Disco, in der Nirvana lief – und er sich in ein Mädchen beim Tanzkurs verknallte, das ihm abends auf der Party anbot, Freunde zu werden… Auf der alljährlichen Fahrradtour an der Ostsee inklusive aller Widrigkeiten trifft man auf Neonazis und auf Mädels. „Geil“ heißt hier noch „schau“ und Mawil bringt perfekt zu Papier, wie sich ein geil-langweiliger improvisierter Urlaub anfühlt, wenn man jung ist und die Mädchen die einzig weiteren Jugendlichen weit und breit sind. Am letzten Tag scheint er seinen Schwarm herumzukriegen, vermasselt's aber, weil er nicht weiß, was sie von ihm erwartet, sie aber auch nicht die Initiative ergreift. Der Klassiker, möchte man meinen.

Im nächsten Kapitel ist er weiter gereift und bezieht zusammen mit Künstlerinnen und Künstlern aus aller Herren Länder einen leerstehenden Plattenbau. Fortan herrscht dort ein kreatives, babylonisches Chaos, doch so richtig interessant wird’s erst, als die Spanierinnen dazustoßen. Besonders eine hat’s ihm besonders angetan. Das spanische Temperament und das, was wir Deutschen gern mal als ein bisschen verrückt erachten, bringt Mawil famos zum Ausdruck. Jedenfalls versteht er sich mit der Frau bombig, darüber hinaus will sie aber leider nichts von ihm. Ein weiterer Klassiker.

Auf den meisten Seiten arbeitet Mawil mit einer 3x3-Panelstruktur, die wann nötig jedoch aufgebrochen wird. Mawil verfügt sicherlich nicht über den anmutigsten Zeichenstil, beherrscht es aber aus dem Effeff, Emotionen zu vermitteln, indem er seinen Figuren Körpersprache und Mimik einhaucht und damit lebendig werden lässt. Zeichnerisch und textlich genial umgesetzt ist beispielsweise seine Nervosität, als er bei seiner Tanzkursbekanntschaft klingelt, um ihr zum Geburtstag einen kleinen Blumenstrauß zu überreichen. Hinzu kommt Mawils Gespür für überaus authentisch wirkende Dialoge, bei denen sich mitunter die Sprechblasen überlagern. All dies sowie der eine oder andere unkonventionelle Kniff wie eine Seite mit dem Kopf stehenden Panels, ein paar unaufdringliche wiederkehrende Gags und eine köstliche, formwollendete Selbstironie machen „Wir können ja Freunde bleiben“ zu einer (außer für den Protagonisten) sehr erfreulichen Angelegenheit – bei der man dem Handlettering allerdings durchgehen lassen muss, dass es sich konsequent dem „ß“ verweigert, als handle es sich um eine schweizerische Publikation.

Entgegen etwaigen Erwartungshaltungen besteht „Wir können ja Freunde bleiben“ letztlich jedoch aus sehr harmlosen Geschichten bar jeglichen Fremdschampotenzials, in denen sich der Protagonist nie wirklich zum Obst macht. Wie ihm dürfte es etlichen ergangen sein oder gar noch immer bei der Partnersuche unter (hier übrigens stets namenlos bleibenden) Mädchen und Frauen ergehen – und andere hätten sicherlich noch ganz andere Geschichten zu erzählen, die sie aber wohlweislich eher für sich behalten dürften…

Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Verfasst: Sa 3. Jan 2026, 17:57
von karlAbundzu
CK McDonnell: Bunny McGarry und der Mann mit dem Allerweltsgesicht

McDonnells Reihe um die Stranger Times, eine Zeitung, die sich mit Verschwörung und Übernatürlichem befasst, und natürlich immer wieder gegen Monstren, Geistern und anderen Kram antreten müssen, gefiel mir sehr gut. Nun habe ich eine andere Reihe von ihm entdeckt, um Bunny McGarry. Eine Art hard boiled Bulle. Mit illegalen Methoden, hoher Aufklärungsquote, den Herz am rechten Fleck, und sozial unbrauchbar.
Hier spielt er allerdings nur eine ziemlich große Nebenrolle. Der Mann mit dem Allerweltsgesicht, um den geht es hier. Der verdient sich seinen Unterhalt mit den Besuch von todkranken Menschen, da jeder in ihm einen Freund oder lieben Verwandten wieder erkennt, und er nimmt die Rolle gerne an. Nun ist er eines Tages am Bett eines lange gesuchten Verbrechers, wie sich nachher herausstellt, und er sieht sich gejagt von Chef-Kriminellen und der Polizei.
Das Bunny hier nicht die Hauptperson ist, erklärt sich dadurch, dass das schon der vierte Band der Reihe ist, allerdings der erste, der auf deutsch erschien. Das ist zwar schade, tut aber dem Vergnügen keinen Abbruch. Denn McDonnell schafft es auch hier, die Personen sehr genau und gut zu zeigen, mit seiner eigenem Art von Humor. Doch geht es hier auch härter zu als bei den Stranger Times, die Gewalt ist sehr unangenehm, sowohl von Bunny als auch den Gangstern und Killern. Da wird schon fies gefoltert. Irgendwann ist Adler-Olson tatsächlich nicht weit.
Ich bin der Hauptperson und seiner Krankenschwester gern und spannungsgeladen durch all die ausweglosen Situationen gefolgt. Manchmal war es ein wenig holprig, da fielen den Leuten doch zu plötzlich etwas ein, was eine neue Wendung ergab. Doch das tat dem Spaß insgesamt keinen Abbruch.
Ich bleibe dran.
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Jon Fossen: Trilogie. Schlaflos. Olavs Träume. Abendmattigkeit
Dreigeteilter Roman um ein Pärchen in einem etwas phantastischem Norwegen irgendwann zwischen Mittelalter und Neuzeit. Verlieben sich jung, werden Eltern, verlassen die Familie, fliehen in eine andere Stadt.
Drei Zeiten: Zuerst lesen wir die Geschichte der beiden bis zu dem Ende des jungen Mannes in den ersten beiden Teilen. Es ist eine Art Badlands, allerdings aufgeladen mit sehr viel christlichen Zeug: Sie suchen lange eine Unterkunft, werden überall abgewiesen. Nur nehmen sie kein Stall, der Mann bringt dann irgendwann eine Hausbesitzerin um, damit sie ein Platz für die Geburt haben, müssen dann später aber fliehen.
Im dritten Teil erinnert sich dann die Enkelin der beiden, wie es mit ihr weiter ging, bzw. wie es ihr erzählt wurde.
Das hat einen sehr eigenen Sprachstil, es wird viel mit sehr einfachen Dialogen, in dem viel wiederholt wird gearbeitet. Dazu kommen lange Absätze mit aneinandergereihten Hauptsätzen, oft nur mit Komma getrennt, die uns die Gedanken und Gefühle der Personen nahe bringen. Alles sehr einfach, sehr naiv. Und doch ist man ihnen sehr nahe.
Das hat was spannendes und faszinierendes, dazu kommt diese eigene Welt.
Ungewöhnliche Leseerfahrung.
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