Jahresausklang und Silvester 2025
Moderator: jogiwan
- sergio petroni
- Beiträge: 8549
- Registriert: Sa 2. Feb 2013, 20:31
- Wohnort: im Schwarzen Wald
Re: Jahresausklang und Silvester 2025
Alles Gute Euch, vor allen Dingen Gesundheit!
DrDjangoMD hat geschrieben:„Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt, doch ach – es wankt der Grund auf dem wir bauten.“
- Salvatore Baccaro
- Beiträge: 3135
- Registriert: Fr 24. Sep 2010, 20:10
Re: Jahresausklang und Silvester 2025
Das dürfte dasjenige Jahr seit meinem 13. oder 14. Lenz gewesen sein, in dem ich mit Abstand die wenigsten Filme geschaut habe. Der Grund hierfür erwacht kurz vor Mitternacht, als das Kriegsgeheul losgeht, schaut ungläubig zu den Fassaden der Häuserreihen gegenüber, die unter pfeifenden Blitzen bunt zucken, schaut ungläubig in mein Gesicht, formt den Mund zu einem O, dessen Umriss, glaube ich, zeitgleich Entzücken und Entsetzen verrät.
Das dürfte das intensivste Jahr meines Lebens gewesen sein, was da an mir vorbeirauscht wie ein flüchtender Keiler: Relativ am Anfang sind zwei Taxifahrer, der eine mitten in einer Sonntagnacht besorgt um das Polster seiner Sitze ("Sind Sie sicher, dass Sie das noch schaffen?"", der andere frühmorgens am Montag mit den Hemdsärmeln voller Ratschlägen ("Ich sage Ihnen, machen Sie noch mindestens zwei! Drei, ja, das ist eine gute Zahl! Ich selbst hab' allerdings auch nur eins..."); dann die ersten unbeholfenen Schritte, ein schlafendes Bündel Leben vor den Brustkorb geschnallt, Robert Blochs "Psycho" lesend, vor einem Gebäude, in dem Rückbildungsgymnastik betrieben wird, und bei jedem etwas lauteren Atemzug in der Duschwanne von Bates' Motel ausgleitend; dann das Herausfließen dessen, was ich als Habseligkeiten zu behalten beschließe, aus einer Wohnung, in der ich immerhin mehr als ein Jahrzehnt verbracht habe, und am letzten Abend auf einer einsamen Matratze zwischen kahlen Wänden und undichten Fenstern erfahrend, dass das Röcheln sich zu einem Husten ausgewachsen hat, das ein paar Tage lang professionell in einem ähnlich kahlen Zimmer beobachtet werden soll, und gleich zwei Menschen kein Auge zubekommen bis zum Morgengrauen in zwei unterschiedlichen Städten; dann eine Welle unfasslichen Glücks, wie sie noch nie über mir zusammengeschlagen ist, in der sächsischen Hauptstadt auf der Suche nach dem Grab eines Fabeldichters aus dem 18. Jahrhundert, der auf einem bestimmten Historischen Friedhof bestattet sein soll, stundenlang zu zweit, auf zwei Beinen, auf vier Rädern, bis es irgendwann gar nicht mehr um das blöde Grab geht, das sowieso, wie ich später erfahre, schon seit Ewigkeiten gar nicht mehr an diesem Ort ist, sondern nur noch um diese zusammenschlagenden Wellenmassen; dann der Entschluss, für mehr als ein halbes Jahr auszusteigen, und 24 Stunden 7 Tage die Woche jedem Entwicklungsschritt in Echtzeit beizuwohnen: dem ersten Kopfschütteln: "Nein, keine Pastinaken heute!"; dem ersten Griff nach Steckdosen; dem ersten Hinfallen, erst verdutzt Gucken, dann Losbrüllen; dem ersten Hochziehen am Sesselrand und über die Lehne spähen, ob man gerade angeschaut wird; der ersten Begegnung mit einem Kätzchen an Halloween zwischen Schrebergärten; dem ersten Mal an Weihnachten die Siegaue bei Bonn entlangwandern in Nebelschwaden so dicht wie aus einem Horrorfilm; dem ersten Mal Silvester in Ludwigshafen, wo es zuckt und bumst, dass man zum Jahresabschluss wirklich nur noch den Mund zu einem Oval formen kann: "Oh", in der Gewissheit, das bleibt jetzt so.
Das dürfte das intensivste Jahr meines Lebens gewesen sein, was da an mir vorbeirauscht wie ein flüchtender Keiler: Relativ am Anfang sind zwei Taxifahrer, der eine mitten in einer Sonntagnacht besorgt um das Polster seiner Sitze ("Sind Sie sicher, dass Sie das noch schaffen?"", der andere frühmorgens am Montag mit den Hemdsärmeln voller Ratschlägen ("Ich sage Ihnen, machen Sie noch mindestens zwei! Drei, ja, das ist eine gute Zahl! Ich selbst hab' allerdings auch nur eins..."); dann die ersten unbeholfenen Schritte, ein schlafendes Bündel Leben vor den Brustkorb geschnallt, Robert Blochs "Psycho" lesend, vor einem Gebäude, in dem Rückbildungsgymnastik betrieben wird, und bei jedem etwas lauteren Atemzug in der Duschwanne von Bates' Motel ausgleitend; dann das Herausfließen dessen, was ich als Habseligkeiten zu behalten beschließe, aus einer Wohnung, in der ich immerhin mehr als ein Jahrzehnt verbracht habe, und am letzten Abend auf einer einsamen Matratze zwischen kahlen Wänden und undichten Fenstern erfahrend, dass das Röcheln sich zu einem Husten ausgewachsen hat, das ein paar Tage lang professionell in einem ähnlich kahlen Zimmer beobachtet werden soll, und gleich zwei Menschen kein Auge zubekommen bis zum Morgengrauen in zwei unterschiedlichen Städten; dann eine Welle unfasslichen Glücks, wie sie noch nie über mir zusammengeschlagen ist, in der sächsischen Hauptstadt auf der Suche nach dem Grab eines Fabeldichters aus dem 18. Jahrhundert, der auf einem bestimmten Historischen Friedhof bestattet sein soll, stundenlang zu zweit, auf zwei Beinen, auf vier Rädern, bis es irgendwann gar nicht mehr um das blöde Grab geht, das sowieso, wie ich später erfahre, schon seit Ewigkeiten gar nicht mehr an diesem Ort ist, sondern nur noch um diese zusammenschlagenden Wellenmassen; dann der Entschluss, für mehr als ein halbes Jahr auszusteigen, und 24 Stunden 7 Tage die Woche jedem Entwicklungsschritt in Echtzeit beizuwohnen: dem ersten Kopfschütteln: "Nein, keine Pastinaken heute!"; dem ersten Griff nach Steckdosen; dem ersten Hinfallen, erst verdutzt Gucken, dann Losbrüllen; dem ersten Hochziehen am Sesselrand und über die Lehne spähen, ob man gerade angeschaut wird; der ersten Begegnung mit einem Kätzchen an Halloween zwischen Schrebergärten; dem ersten Mal an Weihnachten die Siegaue bei Bonn entlangwandern in Nebelschwaden so dicht wie aus einem Horrorfilm; dem ersten Mal Silvester in Ludwigshafen, wo es zuckt und bumst, dass man zum Jahresabschluss wirklich nur noch den Mund zu einem Oval formen kann: "Oh", in der Gewissheit, das bleibt jetzt so.