Skinamarink - Kyle Edward Ball (2022)

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Salvatore Baccaro
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Skinamarink - Kyle Edward Ball (2022)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

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Originaltitel: Skinamarink

Produktionsland: Kanada 2022

Regie: Kyle Edward Ball

Cast: Lucas Paul, Dali Rose Tetreault, Ross Paul, Jaime Hill


Manche Filme muss man vielleicht in der richtigen Gemütslage sehen, um von ihnen emotional an die Wand genagelt zu werden.

Murnaus NOSFERATU mit 13, nachdem man den Tag mit Freunden in einem Freizeitpark verbracht hat und abends beim Nachhausekommen, zu aufgeputscht zum Schlafen, zufällig ins Halloweenprogramm von Arte zappt, und sich zum ersten Mal im Leben bei einem Film zu Tode gruselt; Argentos SUSPIRIA wenige Jahre später, den man vom Chef-Downloader der Schule gebrannt bekommen hat, nachdem man bei ihm eine Anfrage bezüglich verbotener italienischer Horrorfilme stellte, über die man in einem Filmlexikon gelesen hat, und den man sich gleich nach Unterrichtsschluss völlig unvoreingenommen anschaut, nichts Besonderes erwartend, und fünfzehn Minuten vor Schluss abbrechen muss, da der Mathenachhilfelehrer klingelt, worauf man noch nie so fleißig all die schrecklichen Aufgaben gelöst hat, nur um wieder vor den Fernsehschirm zu kommen und zu erfahren, wie das denn nun ausgeht mit den Hexen in der Freiburger Ballettschule; Kyle Edward Balls SKINAMARINK etliche Jahre später, den man in einer aufwühlenden Lebensphase ohne Vorwissen auf Anraten eines Freundes schaut, der einem einen Streaming-Link mit der Anmerkung zuschickt, das sei wohl das Anstrengendste, Strapaziöseste, Enervierendste, was ihm in letzter Zeit unter die Augen gekommen sei, - (O-Ton: "Das ist was für Dich!") - und der einem zusetzt wie lange nichts mehr, mutterseelenallein in einer fremden Wohnung irgendwann zwischen zwei und drei Uhr nachts, den Laptop anstierend wie das Kaninchen die Schlange…

Im Jahre 1995 leben zwei Kinder – der vierjährige Kevin und seine zwei Jahre ältere Schwester Kaylee – mit ihren Eltern in einem mehrstöckigen Einfamilienhaus. Zu Beginn scheint Kevin geschlafwandelt zu sein – zumindest findet sein Vater ihn leicht verletzt am Fuß einer Treppe, die er offenbar hinabgestürzt ist. Kurz darauf erwachen Kevin und Kaylee mitten in der Nacht und müssen feststellen, dass von ihren Eltern jedwede Spur fehlt. Zunächst tröstet man sich damit, dass sie wohl nur kurz weggefahren sind, und sicher gleich wieder in der Tür stehen werden. Doch Mama und Papa kehren nicht zurück, und irgendwie will die Nacht auch nicht dem Morgen weichen. Mehr noch: Nach und nach scheinen eigenartige Veränderungen mit dem Wohnhaus vor sich zu gehen. Unsere halbwüchsigen Protagonisten realisieren, dass sämtliche Türen, die nach draußen führen, verschwunden sind. Ebenso hat sich anscheinend das Badezimmer im Erdgeschoss in Luft aufgelöst. Puppen, Stühle und andere Haushaltsgegenstände kleben kopfüber an den Wänden. Irgendwann hilft es nicht mehr, sich mit Cartoons ablenken zu wollen – spätestens dann nicht mehr, als eine körperlose Stimme beginnt, den Kindern Befehle zu erteilen: Sie sollen angestrengt in die Dunkelheit starren – nein, besser noch: Stecht euch einfach gleich mit dem Küchenmesser die Augen aus! – und, puh, allein wenn ich diese Zeilen schreibe, jagt mir schon wieder die eine oder andere Gänsehaut den Rücken herab…

Wer angesichts der obigen Inhaltsangabe bei SKINAMARINK einen klassischen Haunted-House-Streifen à la POLTERGEIST, AMITYVILLE HORROR oder HOUSE erwartet, der wird mit Sicherheit maßlos enttäuscht sein: Tatsächlich hat Kyle Edward Balls Langfilm-Debüt überhaupt wenig mit einem handelsüblichen Spielfilm zu tun, erinnert mehr an etwas, das auch in der Experimentalfilmklasse einer Kunsthochschule hätte fabriziert worden sein können: Die Narration beschränkt sich auf ein Minimum, sprich, auf das, was ich oben an „Handlung“ skizziert habe; das Schnürsenkel-Budget von gerade mal 15.000 Dollar sorgt dafür, dass der Film sich sowieso keine großen Schauwerte leisten kann, (die aber auch gar nicht nötig hat und auf die er auch gar nicht abzielt); im Grunde haben wir es mit einem Kammerspiel zu tun, das an einem einzigen Ort mit nur vier Darstellern spielt, von denen zwei, nämlich die der Erwachsenen, nach ein paar Minuten aus dem Film verschwinden.

Was SKINAMARINK vollends zu einer Angelegenheit macht, der seinen Publikum in einen lobhudelnden und einen verdammenden Teil spalten wird, ist seine spezifische Ästhetik: Konsequent versucht Ball aus der Sicht seiner infantilen Helden zu filmen; meist befindet sich die Kamera in Froschperspektive, eben so, als würden wir uns mit Kevin und Kaylee auf Augenhöhe befinden; dabei bekommen wir die Protagonisten so gut wie nie zu Gesicht, hören meist nur ihre Stimmen, sehen sie höchstens mal von hinten, niemals ihre Gesichter. Über weite Strecken ist SKINAMARINK, was sein Bildfeld anbelangt, menschenleer, besteht einzig und allein aus Ansichten lichtloser Flure, spärlich beleuchteter Zimmer, zerfasernder Schatten, die über Wände huschen. Wäre das noch nicht genug an Manierismen, hat Ball seine Aufnahmen in der Post Production noch zusätzlich extrem bearbeitet: Auf der Tonspur rauscht, klickt, brummt, knistert, dröhnt es unaufhörlich, als würden wir einem Analogfilm bei seinen letzten Zügen lauschen; die Bilder selbst liegen unter einer zentnerschweren Schicht Körnung verborgen, die wiederum an beste Testbildzeiten erinnert, und gerade angesichts der mangelnden Beleuchtung teilweise einem Schneegestöber gleicht. Müsste ich irgendwelche Analogien zu dem ziehen, was Ball hier technisch-ästhetisch anstellt, würde mir nichts Besseres einfallen als SKINAMARINK mit einer skandinavischen Black-Metal-Platte aus den frühen 90ern zu vergleichen: Dieselbe Monotonie, dieselbe verzweifelt-düsterte Stimmung, dasselbe Rauschen - hier im Filmbild, dort bei den über Gebühr bis zum Klirren verzerrten Gitarren.

Eine typische Szene in SKINAMARINK: Wir sehen irgendeine Zimmerecke, können wegen der schlechten Bildsituation vielleicht einen Schrank, eine Bettkante, einen Lichtstreif erkennen, der von einer außerhalb des Kaders befindlichen Lampe stammt; sekundenlang bleibt die Einstellung so stehen; dann sagt eins der Kinder etwas Kryptisches oder Banales, die Stimmen so abgemischt, dass wir den Sprecher oder die Sprecherin überhaupt nicht im Raum verorten können, den wir gerade vor uns sehen: sie könnten sich faktisch überall aufhalten; dann Geräusche, die anzeigen, dass sich die Kinder bewegen oder sonst etwas passiert; schließlich Schnitt in einen noch viel dunkleren Korridor, in dem es noch viel heftiger kriselt. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie manch Zuschauer bereits nach wenigen Minuten entgeistert aufschreit: Und das soll ich mir nun eineinhalb Stunden antun, euer Ernst!?

Bei mir allerdings drückt Ball genau die richtigen Knöpfe, um einen wahren Wirbelwind an Emotionen loszupusten: Ästhetisch ist SKINAMARINK tatsächlich ein Filetstück für mich. Gerade aus dem Found-Footage-Genre ist das Prinzip ja spätestens seit Ruggero Deodato altbekannt, dass man Filmmaterial auf Vintage trimmt, um einen gewissen Authentizitätseffekt zu erzielen – und in vielen Fällen entlocken mir solcherlei Versuche, die eigentlich ereignislosen, nichtssagenden Bilder krampfhaft artifiziell aufzuwerten, nur ein müdes Gähnen. SKINAMARINK indes scheint mir auf einer ganz anderen Ebene positioniert als all die schmalbrüstigen BLAIR-WITCH-Rip-Offs, die eine dichte Atmosphäre mit verwackelten Handkameraaufnahmen, schrillen Schreien aus dem Off und mies beleuchteten Einstellungen verwechseln, bei denen man erraten muss, was da nun gerade vor der Kameralinse passiert. Ball demgegenüber macht den verwaschen-verrauschten Retro-Look seines Films fast schon zum Hauptakteur seines Films, wenn es über weite Strecken wirkt, als trete die rudimentäre Story in den Hintergrund, um entgrenzten Meditationen über das Film-Bild selbst Platz zu machen: Es hat nämlich etwas durchaus Meditatives, sich haltlos in den Pixeln zu versenken, zu versuchen, in diesen nahezu impressionistischen Granulationen etwas Konkretes auszumachen, irgendwann die Segel zu streichen und sich der Abstraktion hinzugeben, zu der SKINAMARINK immer wieder tendiert, wenn ich beim besten Willen nichts Gegenständliches mehr zu erkennen vermag, keinen Kinderkopf, keine Bettkante, keinen Türknauf.

Dabei greift Ball, meiner Meinung nach, jedoch nicht zum bloßen Selbstzweck auf eine solch idiosynkratische, sperrige, maximal mainstream-untaugliche Mise en Scène zurück. Was SKINAMARINK mutmaßlich möchte – (und was er in meinem Fall vollumfänglich vollbracht hat) – ist eben nicht, eine kohärente Gruselgeschichte zu erzählen, einen dramaturgisch ausgefeilten Spannungsbogen aufzufächern, irgendeine eindeutige Botschaft zu vermitteln, vielmehr scheint dem Film primär daran gelegen, ein bestimmtes Gefühl heraufzubeschwören, in Bild und Ton zu verwandeln, zu fixieren, so, als solle ein Alptraum gebannt werden, um seiner habhaft zu werden, um ihn zu bändigen, um zu gewährleisten, dass er einen nie wieder wachrütteln kann: Dieses Gefühl hat viel mit Kindheitsängsten zu tun, mit den Monstern, die für uns früher unter den Betten lauerten, mit dem diffusen Schauer, der einen bei dem Gedanken befällt, die Eltern könnten eines Tages einfach weg sein, die Sonne könne eines Tages einfach nicht mehr aufgehen.

Ein bisschen erinnerte mich SKINAMARINK dabei an den ähnlich verstörenden chilenischen Animationsfilm LA CASA LOBO, in dem Joaquín Cociña und Cristóbal León die Erlebnisse einer jungen Frau visualisieren, die innerhalb der deutschstämmigen Auswanderersekte „Colonia Dignidad“ psychischen wie physischen Misshandlungen ausgesetzt gewesen ist. LA CASA LOBO erzählt seine Gräuel jedoch mit einem explizit retrospektiven Gestus: Zu Beginn flieht Heldin Maria aus den Fängen der Sekte; wir befinden uns bereits im Verarbeitungsmodus, wenn sie das, was ihr widerfahren ist, in eine allegorische Welt voll Tierfiguren wie Schweinen und Wölfen transferiert. Bei SKINAMARINK indes sind wir mitten im Geschehen: Das, was den Kindern widerfährt, ist pure Gegenwart. Wir sind live dabei, wie sie die Hölle auf Erden erleben – und das ist, wie gesagt, (trotz oder gerade wegen Balls limitierten Mitteln) derart alptraumhaft inszeniert, dass es reicht, mir einen über einen Fernsehschirm flimmernden Disney-Cartoon in einem schattenvollen Zimmer zu zeigen, eine Puppe, die kopfüber an der Decke klebt, oder einen Flur aus Untersicht, an dessen Ende vielleicht ein Ungeheuer lauert, vielleicht aber auch nur ein Schuhschrank steht, um mir, wie man im Englischen so schön sagt, die „creeps“ zu geben.

Im Ernst: Ich hätte nicht gedacht, dass mich im fortgeschrittenen Erwachsenenalter noch einmal ein Film derart in Mitleidenschaft zieht. Es ist wie damals mit NOSFERATU und SUSPIRIA: Ich bin ein hilf- und wehrloser Bub, der sich so lange eingeredet hat, dass es in seinem Elternhaus spukt, bis ihm die banalsten Alltagsgegenstände vorkommen wie der Leibhaftige. Es ist wie damals mit NOSFERATU und SUSPIRIA: Ich bin eingewickelt in eine einzige große Gänsehaut und kann die Blicke dennoch nicht abwenden, weil die Bilder, die ich sehe, genau das sind, was ich immer sehen wollte...
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jogiwan
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Re: Skinamarink - Kyle Edward Ball (2022)

Beitrag von jogiwan »

Der ziemlich gehypte „Skinamarink“ entpuppt sich als Mischung aus Experimental-Film mit Lofi-Ästhetik und alptraumhaften Hörspiel und bietet zu grobkörnigen Bildern einer nächtlichen Wohnung und konsequent kindlicher Perspektive eine Ansammlung von Momenten, die wohl verstören, verunsichern und irritieren sollen. Zwei Kinder, eine verzerrte Stimme und das Gefühl von Hilflosigkeit, wenn selbst vertraute Dinge nicht mehr so sind wie sie scheinen, machen aber nicht automatisch einen gruseligen Film und „Skinamarink“ hat bei mir auch so gar nicht funktioniert. Neben seiner kostengünstigen Machart und der Verweigerung an Zugeständnissen an den Zuschauer wirkt hier alles überambitioniert und sklavisch auf künstlerischen Anspruch getrimmt, während meine Mindesterwartungen an einen handelsüblichen Spielfilm erst gar nicht erfüllt werden. Als Spielfilm würde ich „Skinamarink“ auch nicht bezeichnen, sondern eher 100 Minuten Collagen-artige Stimmungsbilder, die wohl traumatische Kindheitserinnerungen aus dem Unterbewusstsein wieder hervorrufen sollen. Diese habe ich aber anscheinend gut verdrängt und obwohl ich dem zeitlupenartigen Streifen meine volle Aufmerksamkeit geschenkt habe, hat mich „Skinamarink“ nicht einmal ansatzweise berührt, geschweige denn etwas in mir ausgelöst. Ein Film, der wohl subjektiv von jedem Zuschauer auf eigene Weise aufgenommen wird und ich freue mich jetzt schon auf die zahlreichen Reaktionen des deutschen Genre-Publkums, abseits meines geschätzten Salvschis, dem dieser Streifen ja ungleich besser gemundet hat.
it´s fun to stay at the YMCA!!!



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Salvatore Baccaro
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Re: Skinamarink - Kyle Edward Ball (2022)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

jogiwan hat geschrieben: Do 28. Sep 2023, 07:19 und obwohl ich dem zeitlupenartigen Streifen meine volle Aufmerksamkeit geschenkt habe, hat mich „Skinamarink“ nicht einmal ansatzweise berührt, geschweige denn etwas in mir ausgelöst.
Sei bloß froh, dass Dir der Film nicht ansatzweise die Creeps gegeben hat wie mir, brrr...
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