Dreckiges Blut - Transfusion des Bösen - Olivier Beguin (2013)

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Salvatore Baccaro
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Dreckiges Blut - Transfusion des Bösen - Olivier Beguin (2013)

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Originaltitel: Chimères

Produktionsland: Schweiz 2013

Regie: Olivier Beguin

Cast: Jasna Kohoutova, Yannick Rosset, Catriona MacColl, Iván González, Sarah Marcuse, Derek Robin, Ruggero Deodato


Im Rumänienurlaub, den er gemeinsam mit seiner Freundin Livia verbringt, wird der Künstler Alex nach etwas zu viel Rotweingenuss von einem Auto angefahren. Sein Leben rettet einzig eine Bluttransfusion – und dass ihm diese ausgerechnet im Land der gespitzten Eckzähne verabreicht wird, stellt sich zurück in der Schweizer Heimat als folgenschwer heraus: Sehr zur Beunruhigung von Livia durchläuft Alex eine zusehends schwer sich entwickelnde Persönlichkeitsveränderung. Er schläft schlecht, fühlt sich von seinem eigenen Spiegelbild verfolgt, in dem ihm statt seinem vertrauten Gesicht eine monströse Fratze entgegenblickt, weigert sich alsbald, die Wohnung bei Tageslicht zu verlassen, sichert die Fenster mit schwarzer Plastikfolie. Da das alles auch noch ausgerechnet zu einer Zeit stattfindet, in der seine erste große Ausstellung in einer renommierten Galerie geplant wird, die seinen Durchbruch bedeuten könnte, muss Livia an gleich mehreren Fronten Stellung beziehen: Vor Alexs Mutter die Heile-Welt-Fassade aufrechterhalten; quasi im Alleingang die Organisation seiner Ausstellung schmeißen: und nicht zuletzt damit klarkommen, dass Alexs vermeintlich psychischen Probleme möglicherweise doch eine Basis in der Realität haben, denn auch Livia bleibt nicht verborgen, dass ihr Liebster zunehmend einen wahren Heißdurst auf frisches Menschenblut entwickelt…

DRECKIGES BLUT – TRANSFUSION DES BÖSEN, das ist natürlich eindeutig die bessere Titelwahl als der einfallslose Originalname CHIMÈRES für das teilweise Crowdfunding-finanzierten Langfilmdebüts des französischsprachigen Schweizers Olivier Beguin -, sonderlich einfallsreicher macht es die unter diesem Titel versteckte Handlung jedoch freilich auch nicht. Dass CHIMÈRES unterm Strich wesentlich mehr kammerspielartiges Liebes- und Beziehungsdrama ist, das sich zu großen Teilen in der Wohnung unserer beiden Helden abspielt, statt bluttriefender Vampirhorror, das hätte mich ja durchaus positiv überraschen können, wenn Beguin es verstanden hätte, seinem Stoff mehr emotionale Intensität abzutrotzen, und wenn er ihn vor allem spannender in Szene gesetzt hätte als er es in seinem sichtbar nach dem kleinen Alphabet des Mainstream-Kinos ausgerichteten Inszenierungsstil tut: Was nützt es denn, wenn die beiden Hauptdarsteller ihre Sache halbwegs ordentlich machen, wenn denn Kamera, Schnitt, Sounddesign, im Grunde jeder ästhetisch-technische Aspekt dieses Film nach absolutem Mittelmaß schmeckt: CHIMÈRES ist zu ernsthaft an seinen Figuren interessiert, zu sehr gegründet in psychologisch nachvollziehbaren Charakterentwicklung, zu sehr darauf bedacht, nicht in plumpe Splatter-Orgien abzudriften, dass der Streifen als unterhaltsamer Trash konsumierbar wäre; zugleich aber wirkt er zu uninspiriert, zu träge und vorhersehbar in seiner narrativen Abwärtsspirale, dann doch zu sehr verhaftet in Stereotypen und Klischees – (eine Blutkonserve aus Rumänien? Im Ernst!?) -, um den Schritt zum ernstzunehmenden Arthouse-Drama machen zu können. Da ist nichts, was mich entzückt, nichts, was mich verärgert, sondern einzig etwas, das mich schlicht kaltlässt.

Für Connoisseure des italienischen Genre-Kinos dürfte der Film indes aufgrund zweier Kaufargumente interessant sein: Mit Catriona MacCoil spielt nicht nur Fulcis Muse in immerhin drei seiner Meisterwerke aus den frühen 80ern mit, sondern außerdem wird Ruggero Deodato vom Vorspann in einer Special Guest Appearance beworben. Was stimmt, ist, dass Frau MacCoil als Alexs Mutter eine durchaus mit einiger Screentime gesegnete Rolle übernimmt, - wenn diese freilich auch aufgrund des Kammerspielcharakters der Story, die sich fast ausschließlich nur auf unser Heldenpärchen zentriert, für den Plot-Hergang wenig bis gar nicht ins Gewicht fällt. Was sich Beguin indes dabei gedacht hat, Signore Deodato ins Boot zu holen, der seinen Auftritt sicher nicht für einen freundlichen Handschlag bestritten haben wird, das dürfte ich doch zu gerne einmal wissen: In einer Szene, als Livia längst überzeugt ist, nunmehr einen Blutsauger zum Freund zu haben, versucht sie, Alexs Gier nach Fleisch zu stillen, indem sie beim örtlichen Metzger einkaufen geht – tja, und der Schlachter hinter der Theke ist eben niemand anderes als Ruggero Deodato, der ihr einen ordentlichen Fleischbatzen in Folie einschlägt und herüberreicht. Deodato hat keine einzige Dialogzeile, seine Präsenz beläuft sich auf zwei, drei kurze Einstellungen, kurzum: Würde man in dieser Szene einmal etwas länger blinzeln, würde nicht mal auffallen, dass er sich überhaupt in diesen Film verirrt hat. Im Prinzip hätte die „Rolle“ des Fleischers auch irgendein Passant verkörpern können. Aber gut, möglicherweise steht in Beguins nächstem Spielfilm, sofern es den denn irgendwann geben sollte, einmal Lamberto Bava gelangweilt an einer Bushaltestelle herum oder Luigi Cozzi sammelt im Bildhintergrund Pfandflaschen aus Parkmülleimern, puh…

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