Au nom du Christ - Roger Gnoan M'Bala (1993)

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Salvatore Baccaro
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Au nom du Christ - Roger Gnoan M'Bala (1993)

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Originaltitel: Au nom du Christ

Produktionsland: Elfenbeinküste 1993

Regie: Roger Gnoan M'Bala

Cast: Pierre Gondo, Naky Savane, Akissi Delta, Felix Lago, Martin Guedeba


Mein Weihnachtsfilm 2021:

Einen Schweinebauer in einer kleinen ländlichen Gemeinde irgendwo an der Elfenbeinküste ereilt eine religiöse Vision, als er eines Tages in den Fluss stürzt: Die übrigen Dorfbewohner sehen ihn mit ausgebreiteten Armen und mit dem Kopf nach unten wie entrückt im Wasser treiben. Kurz darauf beginnt er putzmunter, die Botschaft unters Volk zu bringen, die ihm während seines Nahtoderlebnisses eingegeben worden ist: Er nennt sich fortan Magliore I., bezeichnet sich als „Cousin Christi“, und möchte die traditionelle animistische Religion bekämpfen, die unter seinen Landsleuten noch immer weit verbreitet ist. Zunächst belächelt man den neuen Messias, mit der Zeit jedoch findet Magliore I. immer mehr Anhänger, die ihm alsbald in blindem Gehorsam folgen: Die Kritiker, die dem ehemaligen Schweinehirten vorwerfen, ein falscher Prophet zu sein, werden mundtot gemacht; Magliore I. gründet seine eigene Freikirche, residiert in einer vergleichsweise herrschaftlichen Hütte, predigt und tauft unablässig; schließlich steigert er sich immer mehr in die fixe Idee hinein, so wie der wahre Christus am Kreuz enden zu müssen…

AU NOM DU CHRIST des ivorischen Regisseurs Roger Gnoan M’Bala, der bereits seit seinen ersten Kurzfilmen Anfang der 70er zu den Filmpionieren der Elfenbeinküste gehört, lässt sich durchaus wie die Antithese zum ebenfalls religiös motivierten Horror-Trash Nollywoods lesen: Während sich dort in Werken wie END OF THE WICKED (1999) oder WITCHES (1999) übernatürliche Attacken, Hexenspuk und teufelsbesessene Kinder die Klinke in die Hand geben, um ihr Publikum a) mit Holzhammermethoden für die evangelikale Auslegung des Christentums zu gewinnen, und b) die zum Teil lebensgefährlichen Ausformungen des Aberglaubens zu bestärken, die oft genug auch jenseits der Leinwand in Steinigungen von als Hexen verdächtigten Frauen oder in der Ermordung von Albinos münden, weil man deren Blut eine besondere Zauberwirkung zuspricht. Auch wenn AU NOM DU CHRIST im engeren Sinne keine Meta-Film ist, der explizit das religiöse Kino Westafrikas reflektieren würde, stellt er doch recht anschaulich und nicht ohne schwarzen Humor dar, wie eine isolierte Dorfgemeinschaft Stück für Stück von einem einzigen, sich für einen Wiedergänger Jesu haltenden Mann in göttlichen Wahn versetzt wird: Quasi in der Nussschale demonstriert AU NOM DU CHRIST die Umtriebe gewisser christlicher Kleingruppen, die, je mehr Macht sie gewinnen, umso abstrusere, manchmal komische, manchmal bitterernste Konsequenzen nach sich ziehenden Blüten treiben. Die Bildsprache ist schlicht, wie man das aus dem westafrikanischen Kino kennt, (Ausnahmen wie der senegalesische Bilderstürmer Djibril Diop Mambéty bestätigen die Regeln), wobei der betonte Naturalismus des Streifens in interessantem Widerstreit mit den überweltlichen Inhalten liegt, die er beackert: Zuweilen, wenn die Ekstasen von Magliores Jüngern und Jüngerinnen illustriert werden, oder der selbstgebackene Messias diverse Prozessionen und Riten ausführt, hatte ich den Eindruck, es audiovisuell beinahe mit einem geerdeten Alejandro Jodorowsky zu tun zu haben. Außerdem gibt es Schweine en masse: Borstige Buschschweine, denen es aber nicht, wie es im westafrikanischen Kino ja ebenfalls keine Seltenheit darstellt, mit dem Schlachtermesser an den Kragen geht; zu Beginn entkommt gar ein Ferkel der drohenden Kastration und bleibt davon bis zum Abspann verschont. Erwähnenswert finde ich noch den hypnotischen, abwechselnd alptraumhaften und feierlichen Synthie-Score. Wo Nollywood etwa zur selben Zeit auf den (unfreiwillig komischen) Putz haut, um mich von der Existenz des überirdischen Bösen zu überzeugen, da erzählt mir AU NOM DU CHRIST nahezu introvertiert, ohne große Übertreibung, sehr realistisch davon, dass das Böse zuallererst einmal im eigenen Herz und dem der Mitmenschen gesucht werden sollte, und zwar durchaus mit einem satirischen Augenzwinkern.

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