Pierre Klossowski - Der Baphomet (1965)

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Salvatore Baccaro
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Pierre Klossowski - Der Baphomet (1965)

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In einer Master-Thesis, vorgelegt von Thais Casado Bignardi-Engstrom 2024 an der New York State University, zum anheimelnden Thema „The Aesthetics of Gore in the Giallo and Horror Films of Mario Bava”, liest man auf Seite 69 das Folgende bezüglich der literarischen Quellen von Bavas LISA E IL DIAVOLO: „Bava’s film is based on the book BAPHOMET by Pierre Klossowski from 1966, a surrealist delirious gathering of ghosts with an inconclusive chaotic ending.”

Großartig umschreiben brauche ich sicher nicht, wie sehr mich das Stolpern über diese Referenz getriggert hat: Bavas Film, der in der Sekundärliteratur oft und gerne als sein heimliches Meisterwerk gehandelt wird, (zumindest in der ursprünglichen Fassung ohne all die Sequenzen einer krötenkotzenden Elke Sommer; Pascal Martinet spricht in seiner 1984er Monographie beispielsweise gar von „Bavas MARIENBAD“) –, sollte also auf einem Roman von jenem Klossowski beruhen, der sich im Dunstkreis des Surrealismus und der übrigen Pariser Avantgarde bewegte, der mit dazu beitrug, den Marquis de Sade für den intellektuellen Diskurs in Frankreich zu retten, der zudem mit seinen philosophischen Essays maßgeblichen Einfluss auf die Créme de la Créme der gallischen Intelligenzija wie Foucault, Derrida, Lyotard ausübte – einem Roman zudem, der, wie sein Titel bereits suggeriert, irgendwas mit dem Templerorden zu tun hat, und der, wie eine kurze Recherche meinerseits ergibt, vor allem dafür Literaturgeschichte geschrieben hat, dass, nachdem er 1965 den renommierten Prix des Critiques erhielt, Roger Caillois, ein weiterer mit dem Surrealismus verbandelter Schriftsteller, sich aus der Jury zurückzog und öffentlich dagegen protestierte, dass eine solche literarischen Katastrophe auch noch mit einem Preis honoriert werden soll? Rätselhaft aber: Obwohl ich mir inzwischen (fast) alle nennenswerten Publikationen zu Bava zu Gemüte geführt habe, ist besagte Master-Studentin die einzige, die eine derartige Verbindung zwischen dem französischen Skandaldichter und dem italienischen Horrorgenius herstellt.

Kein Wunder, denke ich mir nach der Lektüre von Klossowskis BAPHOMET in der deutschen Übersetzung des Rowohlt Verlags von 1968: Wenn man behauptet, LISA E IL DIAVOLO würde auf dem Roman basieren, dann könnte man genauso gut auch Amando de Ossorios Reitende-Leichen-Saga als Verfilmungen desselben handeln…

LE BAPHOMET dürfte das einerseits experimentellste, faszinierendste und anderseits anstrengendste, ermüdendste Buch sein, das ich seit langer Zeit gelesen habe. Worum geht es? Nun, das zu beantworten ist gar nicht so einfach. Noch einigermaßen kohärent, wenn auch wohl bewusst heillos verwirrend erzählt, kommt der Prolog daher. Der spielt im Jahre 1307, kurz bevor der Templerorden auf Geheiß des französischen Königs Philipp des Schönen zerschlagen wird. Eine Adlige ist scharf auf eine Komturei, die eigentlich ihrer Familie zusteht, die vor einer Ewigkeit aber schon von einem Vorfahren den Tempelrittern vermacht worden ist. Um an die Besitztümer zu gelangen, schleust sie ihren keine 14 Jahre alten Neffen als Pagen in den Orden ein, und erhofft sich, von ihm brühwarm irgendwelche sündhaften Dinge zu erfahren, die sich hinter den Burgmauern der Mönchskrieger ihrem frommen Image zum Trotz vollziehen. Ihr Plan: Die Templer werden vor Gericht gestellt, verlieren ihre Besitztümer - und sie darf sie sodann rechtmäßig in Empfang nehmen. Was folgt, ist eine schwule Buhlerei einiger Templer um den koketten Jüngling; es häufen sich verdächtige Vorkommnisse wie ein nackter Männerhintern voller Geißelstriemen, sodass der Komtur Nachforschungen anstellt; aus einem Versteck heraus wird er schließlich Zeuge eines baphometischen Rituals, das einige seiner Mitbrüder zusammen mit besagtem Jüngling ausführen, und bei dem dessen Tante, die sich überraschend als Hermaphrodit entpuppt, ihres besten Stücks beraubt wird, und der Knabe selbst, wohl nicht ganz unabsichtlich, den Strangulationstod stirbt.

Offensichtlich angelehnt ist der Prolog – abzüglich seines transgressiven Inhalts – an Schauer- und Ritterromane des 19. Jahrhunderts à la Walter Scott – inklusive einer archaischen Sprache, die Klossowski auch für den restlichen Roman beibehalten wird, und die es, unter anderem, wohl gewesen ist, die Caillois so sehr auf die Palme brachte: Mittelalterliche Vokabeln; bewusst altertümelnde, „falsche“ Grammatik; gesuchte Ausdrücke und Umschreibungen, sodass ein männlicher Penis beispielsweise konsequent als „Drache“ firmiert. Während all diese Manierismen im Auftakt noch mit einer (einigermaßen) nachvollziehbaren Handlung gepaart werden, zerfasert das, was man Plot nennen könnte, im Folgenden in eine Aneinanderreihung von Szenen, die man wahlweise sprachgewaltig in ihrer Poesie oder strapaziös in ihrem ostentativen Anti-Gestus finden kann.

Protagonist ist nunmehr nämlich Jacques de Molay, der letzte Großmeister der Templer, der 1314 auf einer Seine-Insel den Scheiterhaufenflammen übergeben wird – jedoch nicht etwa in seiner irdischen Gestalt, sondern als „Hauch“ (französisch: „Souffle“). Tatsächlich spielt LE BAPHOMET in seinem Hauptteil komplett in einer metaphysisch-ätherischen Dimension, in der neben de Molay einige Figuren des Prologs als jenseitige Geistwesen auftreten. Anders als bei Amando de Ossorio vertreiben sich die toten Kreuzritter nämlich nicht die Zeit damit, in Zeitlupe auf Jungfrauenjagd zu gehen, sondern wabern als „Hauche“ durch die transzendenten Lüfte, verurteilt dazu, ihre Prozesse und Hinrichtungen Jahr für Jahr zu wiederholen, bis zum Jüngsten Gericht. Gerne und oft führen sie aber auch tiefschürfende Zwiegespräche mit anderen „Hauchen“. Für unseren Roman bedeutet das: endlose Passagen, in denen de Molay mit dem „Hauch“ der Heiligen Teresa von Ávila dialogisch auf Tuchfühlung geht; Passagen, in denen de Molay als „Hauch“ die Leiche des Knaben aus dem Prolog umschwirrt, und in dessen Anus einzudringen versucht; Passagen, in denen der Baphomet höchstselbst vom Leib des Knaben Besitz ergreift und de Molay in philosophisch-homoerotische Dispute verwickelt; Passagen, in denen Klossowski so etwas wie eine eigene Mythologie der „Hauche“ entwirft, uns ausführlichst ihre Gesetzmäßigkeiten darlegt usw.; Passagen – und nein, das denke ich mir nicht aus! -, in denen sich Friedrich Nietzsche in Gestalt eines Ameisenbären in die Festlichkeiten zum Jahrestag der Aufhebung des Ordens mischt…

Mir springen einige Verbindungslinien auf Anhieb ins Auge, die Klossowski an den klassischen Surrealismus knüpft: Als graue Eminenz bilden sicherlich die GESÄNGE DES MALDOROR des von den Surrealisten kultisch verehrten Lautréamont die Hintergrundfolie gerade der extravagantesten Abschnitte; auch den Ameisenbär könnte er sich von Gemälden Dalís oder aus Gedichten Bretons geliehen haben; und allgemein erinnert der Stil, der größtenteils aus detaillierten Beschreibungen und minutiös dargelegten Wortwechseln besteht, doch sehr an die zugleich präzise und traumhaft-wabernde Prosa von Surrealisten wie Aragon oder erneut Breton. Überladen ist LE BAPHOMET sicherlich auch mit zahlreichen philosophischen und theologischen Versatzstücken von der Gnosis über die Kirchenväter bis hin zu Nietzsches ANTICHRIST. Aber, puh, was der Autor mir nun mit alldem sagen möchte, erschließt sich mir dennoch kein Stück: Möglicherweise soll das Ganze auch nur ein elaborierter Spaß sein, und Caillois hat das erkannt, und sich deshalb dagegen ausgesprochen, dass der Text wie ein „richtiger“ ernstgemeinter Roman mit einem wichtigen Literaturpreis ausgezeichnet wird? Wie dem auch sei, LE BAPHOMET ist definitiv next level shit, eine Melange aus Gay-Porn-Ritterroman, langen Passi, die daherkommen wie stellenweise nahezu intelligible Prosagedichte, in denen beispielsweise einzig beschrieben wird, wie sich mehrere „Hauche“ zu einem einzigen „Hauch“ vereinen, und ebenso mühsamen Dialogen zwischen einzelnen fiktiven und/oder historisch verbürgten Personen, bei denen, wenn überhaupt, nur zwischen den Zeilen klar wird, worüber die sich denn nun gerade austauschen, oder wer denn hier nun überhaupt mit wem spricht...

Als kleine Kostproben anbei einmal fünf zufällig ausgewählte Seiten des Buches:

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Wie kommt nun aber die erwähnte Master-Studentin dazu, diesen, sagen wir, "bunten" Reigen mit Bavas LISA E IL DIAVOLO in Verbindung zu bringen? Inzwischen habe ich eine Hypothese hierzu. In der (wunderbaren) Monographie Alberto Pezzottas zu Bava aus dem Jahre 1995 kann man nämlich auf Seite 118 lesen (in meiner eigenen deutschen Übersetzung, da der Text im Original italienisch ist): „Das Thema der Toten, die in einem begrenzten Raum-Zeit-Kontinuum morbide Leidenschaften wiedererleben, wurde in drei Filmen von Antonio Margheriti behandelt (DANZE MACABRA, 1964; CONTRONATURA, 1969; NELLA STRETTA MORSA DEL RAGNO,1971, ein Remake deserstgenannten Films). Darüber hinaus lässt sich vermuten, dass Bava, ein enzyklopädischer Leser, IL BAFOMETO von Pierre Klossowski kannte, der 1966 in Italien übersetzt wurde: eine Illustration der Nietzsche’schen ewigen Wiederkehr anhand der Geschichten von Seelen, die nicht ins Jenseits gelangen können.“ Könnte es nicht sein, dass Thais Casado Bignardi-Engstrom bei ihren Recherchen in Pezzottas Buch hineingeschaut hat, und aufgrund von Sprachbarrieren nicht so wirklich verstanden hat, dass der Autor nur die Möglichkeit in den Raum stellt, Bava KÖNNTE Klossowskis Roman gekannt haben, und nicht etwa behauptet, er habe ihn ganz sicher als Vorlage für LISA E IL DIAVOLO benutzt? Ob Bava Zeit und Muße gehabt hat, sich, wie ich die letzten beiden Tage, durch Klossowskis Elfenbeinturmprosa zu quälen, steht freilich auf einem ganz anderen Blatt - und ich weiß nicht, ob ich es ihm wünschen soll...
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