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Zwischen den Jahren - Lars Henning (2017)

Verfasst: Fr 24. Apr 2026, 06:17
von Maulwurf
 
Zwischen den Jahren
Deutschland 2017
Regie: Lars Henning
Peter Kurth, Karl Markovics, Catrin Striebeck, Leonardo Nigro, Piet Fuchs, Jonathan Neo Völk, Marko Dyrlich, Paul Faßnacht, Markus Haase, Gotthard Lange, Christian Skibinski


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OFDB

Es ist eine finstere Welt, in der Becker lebt. Becker ist nach 18 Jahren auf Bewährung aus dem Knast rausgekommen, und arbeitet nun als Wachschutz in der Nachtschicht in einem Lagerhaus. Damals war Becker kein Waisenkind, und er hat die 18 Jahre auch nicht umsonst gegessen - In seinem alten Leben hat Becker enorme Schuld auf sich geladen. Jetzt aber will er ein neues Leben. Mit der Putzfrau des Lagerhauses hat er eine stürmische Affäre, der neue Kollege ist ein Ex-Bulle, aber sonst relativ erträglich, und eigentlich könnte alles passen. Wenn da nicht Dahlberg wäre. Dahlberg verfolgt Becker. Dahlberg verwüstet Beckers Wohnung. Dahlberg ist immer und überall und verfolgt Becker mit seinem unendlichen Hass. Warum? Weil Becker damals, vor 18 Jahren, Beckers Frau und Tochter erschossen hat. Und jetzt? Jetzt wird die Situation für Becker immer unerträglicher, und das neue und saubere Leben auf Bewährung ist ein Leben voller Angst um die geliebte Freundin, deren Sohn und um das eigene Leben. Eine Lösung muss her …

Es ist eine finstere Welt, die Regisseur Lars Henning hier zeigt. Finster, und dabei zutiefst realistisch. Der Typ vom Lagerhaus befingert die Putzfrau, erniedrigt den Ex-Sträfling, und immer, wenn das Arschloch „Fröhliche Weihnachten“ sagt klingt das wie Putin, wenn er den Überfall auf die Ukraine mit Selbstschutz rechtfertigt. Becker macht sich klein, ganz klein, weil er weiß, dass er sonst keine Chance hat. Und dass sein zur Gewalt neigendes Naturell und sein eher grob gestrickter Charakter ihm sonst nur Probleme machen. Becker kann zuschlagen, das er kann er sogar sehr gut, und er ist sich selbst treu. Becker war früher Mitglied einer Motorradgang. Also nicht diejenigen mit den Sonntagsausflügen auf dem Moped, sondern die, die ihr Geld mit Waffen, Drogen und Prostitution verdienen. Becker ist ein ganz harter Knochen, aber das, was Dahlmann hier abzieht, macht ihn Stückchen für Stückchen fertig. Sein Weltbild wird in kleinen Dosen abgetragen, von der Polizei ist keine Hilfe zu erwarten, die sehen in ihm eh nur den Ex-Knacki, und Rita, in die er sich irgendwann mal richtig verliebt hat, wirft ihn raus, weil sie einfach nur noch Angst hat. Wie mag die Lösung heißen?

Der Film spielt zwischen Weihnachten und Silvester, also „zwischen den Jahren“. Es ist lange Nacht, tagsüber ist es grau, und die düsteren Vororte Kölns wollen so gar nicht mehr aus ihrer Tristesse erwachen. Inmitten dieses ewig erscheinenden Großstadtwinters wird der Zuschauer tief in eine Verfolgungsjagd gezogen, die so düster und intensiv ist, dass es schaudert. Tatsächlich musste ich die Sichtung zweimal unterbrechen, weil mir die Handlung ernsthaft an die Nieren ging: Henning schafft es problemlos, den Ex-Rocker und Mörder als Sympathiefigur zu etablieren, und Becker-Darsteller Peter Kurth ist mit wenigen positiven Emotionen und viel Hang zur Gewalt tatsächlich derjenige, mit dem wir mitfiebern. Es gibt relativ frühzeitig ein Gespräch zwischen Becker und Dahlmann, in dem wir die Hintergründe dieser Jagd erfahren, aber Dahlmann ist einfach ein unsympathisches Arschloch. Ein Getriebener, ein Maniac auf Menschenjagd, und er bleibt uns trotz seiner entsetzlichen Geschichte fremd. Becker ist es, mit dem wir mitfiebern, und das Schicksal Beckers nimmt uns gefangen. Seine Sprachlosigkeit, sowohl angesichts seiner eigenen Vergangenheit als auch der Gegenwart, fesselt, und auch wenn seine gelegentlichen Gewaltausbrüche dann wieder irritieren, so merkt der Zuschauer doch, dass Becker mit seiner Vergangenheit so weit wie möglich abgeschlossen hat. Im Gegensatz zu Dahlmann, dessen Vergangenheit seine Gegenwart beeinflusst: Vom erfolgreichen Manager und liebenden Familienvater zum verarmten Psychopathen, dessen einziger Gedanke die Rache ist. Wer könnte es ihm verdenken? Schade, dass das Drehbuch sich nicht ein klein wenig mehr auf Dahlmann fokussiert, ihn ein wenig sympathischer angelegt hat. Der Zwiespalt beim Sehen, welchem der beiden Männer, der schuldbeladene der gebüßt hat, oder derjenige, dessen Leben zerstört wurde, welchem der beiden Männer unsere Zuneigung gehört, dieser Zwiespalt wäre sicher interessant. Der Dialog zwischen Becker und Dahlmann, in dem Becker sich entschuldigt, und Dahlmann diese Entschuldigung in der Luft zerfetzt, die ist schon bemerkenswert, und sollte Richtern, die reumütigen Straftätern deutliche Straferleichterungen zugestehen weil diese ja bereuen, regelmäßig vorgespielt werden …

Auch wenn an ZWISCHEN DEN JAHREN nicht alles passt (so ist die Episode um den Kontakt zu den alten Kumpels vom MC logisch nicht wirklich schlüssig), so ist der Film ein herausragendes düsteres Drama, intensiv gespielt und mit einer Wucht dargebracht die schaudern lässt. Tiefgehendes Kino das berührt!

7/10