Gladbeck - Kilian Riedhof (2018)

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Gladbeck - Kilian Riedhof (2018)

Beitrag von buxtebrawler »

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Originaltitel: Gladbeck

Herstellungsland: Deutschland / 2018

Regie: Gladbeck

Darsteller(innen): Sascha Alexander Gersak, Marie Rosa Tietjen, Alexander Scheer, Ulrich Noethen, August Zirner, Martin Wuttke, Johannes Allmayer, Amelie Kiefer, Zsá Zsá Inci, Lilli Fichtner, Albrecht Schuch, Riccardo Campione, Giolina Ardente, Vinicio Marchioni, Arnd Klawitter, Lara Brucci, Tatja Seibt u. A.
Der Zweiteiler „Gladbeck“ erzählt detailliert die Ereignisse eines der dramatischsten Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Vor allem aus der Sicht der Geiseln wird den Zuschauern vermittelt, wie es den beiden mehrfach vorbestraften Kriminellen Hans-Jürgen Rösner (Sascha A. Geršak) und Dieter Degowski (Alexander Scheer) 1988 im nordrhein-westfälischen Gladbeck gelang, mit großer Entschlossenheit und Brutalität durch die Bundesrepublik zu fliehen und wie die Medien dabei moralische Grenzen überschritten. Auch die hanebüchenen Fehler der polizeilichen Ermittlungsbehörden sind Teil des Doku-Dramas, das die spektakuläre 54-stündige Flucht nachstellt.
Quelle: mm / RF / https://www.fernsehserien.de/gladbeck
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)
Diese Filme sind züchisch krank!
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Re: Gladbeck - Kilian Riedhof (2018)

Beitrag von buxtebrawler »

„Sie bellen, aber sie beißen nicht...?“

Im August 1988 war ich neun Jahre alt. Wenn ich nicht gerade draußen oder drinnen spielte, saß ich auch gern mal vor der Glotze. Und so wurde ich, wie Millionen anderer Bundesbürgerinnen und -bürger auch, Zeuge des Gladbecker Geiseldramas, über das die Medien quasi live berichteten. Fasziniert und gebannt saß ich vorm Fernseher, wusste, dass da gerade etwas ganz Besonders passiert und ahnte bald, dass ganz Deutschland inklusive seiner Institutionen jene Tage nicht so schnell vergessen würde. Es war vielleicht das initiale Ereignis, das mein Vertrauen in Exekutive und Medien erschütterte.

„Es geht hier um Menschenleben!“

Zahlreiche Dokumentation versuchten sich in den Folgejahren an einer Aufarbeitung des Geschehenen und drei Spielfilme erzählen die tödlichen Ereignisse und das behördliche sowie medienmoralische Versagen nach. Der dritte von ihnen ist der erste, den ich bisher sah, und zugleich der längste: Regisseur Kilian Riedhofs („Der Fall Barschel“) schlicht „Gladbeck“ betitelter, für die ARD produzierter Zweiteiler aus dem Jahre 2018 – also anlässlich des 30-jährigen Jubiläums – bringt es auf fast drei Stunden Laufzeit.

„Ich weiß nicht, ob das Hilfe ist, was Sie da machen!“

Mit Banküberfällen ist das ja so eine Sache: Verbrecher wie Deutsche Bank und Konsorten um ein bisschen Kohle zu erleichtern, ist moralisch sicher kaum verwerflich. Unschön wird’s, wenn man dabei Unschuldige durch Drohungen, sie zu verletzen oder gar zu töten, nachhaltig traumatisiert oder das Ganze sogar in eine Geiselnahme mündet – so geschehen in Gladbeck. Und wenn tatsächlich jemand sein Leben lassen muss, ist endgültig Schluss mit lustig.

„Tot sein ist schöner als wie ohne Geld.“

Riedhofs Film stellt die Ereignisse (und die sonnigen August-/Hundstage des Jahres 1988) in Spielfilmform nach und ist dabei kein Doku-, sondern ein Kriminaldrama mit Thriller-Elementen. Eine Texttafel informiert zu Beginn darüber, dass es fiktionale Elemente enthalte, was angesichts der sich offenbar sehr akribisch an die Realität haltenden Handlung fast wie eine Entschuldigung wirkt, dass eben nicht alles zu 100 Prozent authentisch sein kann. Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt und Regisseur Riedhof orientieren sich weitestmöglich an Untersuchungsausschussberichten, die sie studiert haben, und Gesprächen mit Zeitzeuginnen und -zeugen; Dialoge sind, soweit überliefert, 1:1 wiedergegeben, Ex- und Interieur eine Zeitreise in die ‘80er.

„Ich will nach vorne kommen, ich will leben.“

Der mit präzisen Orts- und Zeitangaben arbeitende Film beginnt aus Polizeiperspektive und zeigt den dilettantischen Einsatz, für den mit Blaulicht und Martinshorn angerückt und somit die Geiselnahme provoziert wird. Wir erfahren, dass Hans-Jürgen Rösner (Sascha Alexander Gersak, „Im Angesicht des Verbrechens“), einer der Bankräuber und Geiselnehmer, sich bereits zwei Jahre lang auf der Flucht vor der Polizei befand, diese sich aber nicht traute, ihn zu verhaften. Zusammen mit seinem Freund Dieter Degowski (Alexander Scheer, „Sonnenallee“) überfällt er nun also eine Filiale der Deutschen Bank, doch die Tat erweist sich als nicht so einfach wie geplant und wird zur Geiselnahme. Die Täter richten sich in ihrer Bauernschläue per Geisel an die Presse, Hans Meiser und andere Journalisten telefonieren mir nichts, dir nichts mit ihnen. Ein Polizeipsychologe versucht mit Rösner und Degowski deren Sprache zu sprechen und es entbrennt ein polizeiinterner Disput darüber, ob man einen Zugriff wagen sollte. Man ist sich uneins, schlecht vorbereitet und offenbar mit der Situation überfordert. Dabei geht es um zwei längst enttarnte, stadtbekannte Kleinkriminelle, die sich nun ebenfalls in einer für sie ungewohnten Lage befinden.

„Ich scheiß‘ auf mein Leben, und das mein‘ ich jetzt im Ernst…“

Als die Gangster zum vereinbarten beobachtungsfreien Abzug das Gebäude verlassen, prasselt ein Blitzlichtgewitter der anwesenden Journaille auf sie ein, und der Einsatzleiter macht erst mal Feierabend. Und von nun wird alles noch viel schlimmer werden. So weit, so bekannt. Neu ist: Riedhof gibt den späteren Todesopfern ein über die bekannten Aufnahmen hinausgehendes Gesicht, einen Hintergrund, ein Leben. Silke Bischoff (Zsá Zsá Inci, „Die wilden Hühner“) führt er als Figur beim Wohnungsstreichen mit ihrem Freund ein, die Rainbirds laufen mit ihrem Megahit „Blueprint“ dazu. Sie wird beim Stretching und mit ihren Großeltern gezeigt und wie sie sich den Film „The Ripper“ für einen Videoabend leiht. Auch die Familie des 15-jährigen italienischen Jungen Emanuele de Giorgi (Riccardo Campione, „Tatort: Tyrannenmord“) lernen wir nicht nur als spätere Geisel kennen. Natürlich ist das nicht nur Ehrerbietung an die Opfer, sondern auch eine filmische Emotionalisierungsmaßnahme.

„Vor allem mein Kumpel ist brandgefährlich…“

Das Chaos, das Polizei und Medien anrichten, deckt der Film recht detailliert ab: Zuständigkeits- und Kompetenzgerangel seitens der Grünröcke, u.a. weil Rösner und Degowski es wagen, mehrere Bundesländergrenzen (in einem föderalen Staat!) zu überschreiten, falsch eingeschätzte Situationen, ausgeschlagene Vermittlungsangebote, Versäumnisse einfachster Standards wie Absperrungen und Räumungen, verschenkte Zugriffsmöglichkeiten, die die Chose wohl unblutig beendet hätten, Pannen, eine völlig idiotische Festnahme der zu den Gangstern hinzugestoßenen Marion Löblich (Marie Rosa Tietjen, „Halt auf freier Strecke“), der Freundin Rösners, woraufhin Emanuele sterben musste (auch weil kein Rettungswagen bereitstand…), am Ende eine Attacke nach Rambo-Manier mitten auf der Autobahn, bei der das Leben der Geiseln dann scheißegal war und Bischoff ihres verlor. Zu lange hatte man sich von zwei ehemaligen Sonderschülern, die seit mittlerweile drei Tagen völlig übermüdet und auf Pillen das Land in Atem hielten, vorführen lassen, damit musste jetzt Schluss sein – koste es, was es wolle. Dass die Gangster kurz davor waren, ihre Geiseln freizulassen: geschenkt.

Bis dahin immer dabei: Journalisten. Wie ein Schwarm Fliegen umkreisen sie die Gangster und deren Geiseln, wann immer sie die Gelegenheit dazu haben. Und die gibt ihnen die Polizei quasi permanent. Die Täter geben „Pressekonferenzen“, profilieren sich vor laufenden Kameras, Journalisten zünden ihnen Zigaretten an und besorgen ihnen Kaffee, steigen zu ihnen ins Auto und fahren mit ihnen mit, werden gegenüber der Polizei zum Sprachrohr der Gangster und vermitteln vor allem nie den Eindruck, dass sie ein Interesse daran hätten, dass die Sache bald endet – im Gegenteil: Der deutsche Sensationsjournalismus hatte einen seiner absoluten Höhepunkte gefunden und ließ ihn nicht mehr von der Angel, behinderte die Arbeit der Polizei, inszenierte ein Medienspektakel und wurde von einem neutralen Berichterstatter zum Mitspieler. Fairerweise muss ergänzt werden: Da sich die Polizei selbst nicht in der Lage sah, mit Rösner und Degowski zu kommunizieren und zu vermitteln, übernahmen auch dies Journalisten.

Nicht mehr und nicht weniger zeigt dieser Film, jede dramaturgische Übertreibung wäre unnötig gewesen, wofür – nicht, dass das hier untergeht – auch die Gangster sorgen, vor allem, wenn Rösner sich trotz vieler relativ lichter Momente als Oberfiesling geriert und im gekaperten Bus voller Kinder und Jugendlicher ausgerechnet das kleinste Mädchen – Emanueles Schwester (Giolina Ardent, „Bella Block: Am Abgrund“) – ruppig behandelt und als potenzielles Opfer vorführt, oder wenn Degowski ständig demonstrativ Silke Bischoff seine Knarre an den Kopf drückt. Visuell ist „Gladbeck“ auch dadurch interessant, dass er Perspektiven durch Ferngläser, Monitore, TV-Kameras etc. und dokumentarisch anmutende Kameraeinstellungen und -bewegungen verwendet. Schauspielerisch gibt es nichts zu beanstanden, alle Mitwerkenden zeigen beeindruckende Leistungen. Generell ist „Gladbeck“ derart gut gemacht, dramaturgisch gar nah an der Perfektion, dass er auch für Thriller-Fans als Unterhaltungsfilm funktionieren würde – was ich keinesfalls despektierlich meine. Nur wenig der realen Ereignisse wurde, so weit ich das beurteilen kann, weggelassen. Texttafeln informieren am Ende darüber, was aus einigen der dargestellten Personen wurde.

Was „Gladbeck“ – wohl nachvollziehbarerweise zugunsten der Opferperspektive – unbeachtet lässt, sind nähere Hintergründe zu den Tätern, ihre Lebensläufe, die dazu beitrugen, sie zu Tätern zu machen. Auch bleibt unerwähnt, dass bis dahin noch kein Raubüberfall mit Geiselnahme in Deutschland oder gar europaweit zu Todesopfern geführt hatte, was vielleicht manch Verhalten ein wenig erklären könnte. Rösner bestreitet bis heute, die tödliche Kugel auf Bischoff abgefeuert zu haben. Der Film präsentiert die gerichtlich anerkannte Version, nach der sich der tödliche Schuss wohl als unbeabsichtigte körperliche Reaktion löste, als Rösner im Kugelhagel der Polizei von mehreren Projektilen getroffen wurde. Dass er Bischoff tatsächlich hätte töten wollen, erscheint in der Tat sehr unwahrscheinlich. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass, hätte Rösner in dieser Situation aufgehört, mit seiner Waffe herumzufuchteln, Bischoff womöglich noch leben würde.

Letztlich starben zwei unschuldige junge Menschen – Emanuele de Giorgi und Silke Bischoff – völlig sinnlos. Es ging übrigens ursprünglich um 120.000 DM, die Rösner und Degowski aus der Bankfiliale erbeutet hatten – eine Summe, die für die Deutsche Bank bekanntlich nicht einmal Peanuts sind, aber offenbar trotzdem mehr wert waren als zwei Menschenleben. Auch dies erzählt dieser Film einem nicht, sondern muss man sich selbst zusammenreimen.

Einen Reim auf das Geschehene machten sich fortan auch Politik, Exekutive und Medien. Die polizeiliche Einsatzkoordination wurde reformiert und man geht in vielen brenzligen Situationen intelligenter vor, zugleich sitzt der Finger offenbar wieder wesentlich lockerer am Abzug. Die Medien sahen sich aufgrund der Debatte gezwungen, ihr Verhalten zu reflektieren. Seriösere Vertreter änderten ihre Kodizes, der übliche Abschaum von Springer und Konsorten hingegen machte weiter wie bisher oder setzte sogar noch einen drauf, schied gar noch widerwärtigere Bastarde aus und die (a)sozialen Netzwerk im World Wide Web besorgten den Rest.

Mit dem Verfassen dieser Filmbesprechung tat ich mich sehr schwer, da sie unmöglich von den wahren Ereignissen zu trennen ist. So laufe ich sicherlich Gefahr, weniger den Film als dessen reale Hintergründe zu bewerten. Und diese wühlen mich nach wie vor auf und machen mich wütend. Wenn es dieser ambitionierten öffentlich-rechtlichen Filmproduktion also gelingt, diese berechtigte, zielgerichtete Wut mit ehrlicher Anteilnahme zu verbinden und die Erinnerung auch 30 Jahre später aufrechtzuerhalten, macht sie wohl vieles richtig.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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