Pascal Martinet - Mario Bava (1984)

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Salvatore Baccaro
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Pascal Martinet - Mario Bava (1984)

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Dass das italienische Genrekino in Frankreich schon früh einen ganz anderen Stellenwert besessen hatte als in seinem Heimatland, beweist die Tatsache, dass das allererste, gerade mal vier Jahre nach seinem Tod veröffentlichte Buch über Mario Bava in der Grande Nation von einem gewissen Monsieur Pascal Martinet publiziert wird. Die geschieht nicht etwa im Selbstverlag oder als fanzine-esque Broschüre, sondern vielmehr im Rahmen einer renommierten Reihe von Monographien zu wichtigen Regisseuren des Pariser Edilig Verlags. Anders gesagt: Bava findet sich dort eingekeilt zwischen François Truffaut, Andrej Tarkovsky, oder auch ungleich bekannteren Horrorspezialisten wie Roger Corman oder Terence Fisher wider - durchaus ein Ritterschlag für einen Filmschaffenden, der heute noch in den gängigen italienischen Filmgeschichten, wenn überhaupt, als Randnotiz abgehandelt wird.

Martinets keine 130 Seiten umfassendes Büchlein bietet Mitte der 80er den besten Wikipedia-Ersatz, den man sich wünschen kann: Der Großteil des Bandes besteht aus einer umfangreichen Filmographie, (inklusive ein paar persönlichen Worten des Autors zu jedem aufgeführten Film), die abgerundet wird durch zahlreiche schwarzweiße Szenenphotos sowie eine Bibliographie, in der Martinet versucht hat, jedwede Publikation - seien es Photoromane, Zeitschriftenartikel oder Filmkritiken - zu erfassen, die sich in etwas breiterem Rahmen mit Bava beschäftigen. Die ersten 40 Seiten beansprucht der Autor darüber hinaus für einen langen Essay über Bava, bei dem es sich nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung und ebenso wenig um eine nüchterne Biographie handelt, sondern der sich vielmehr als hymnische Ode auf das Genie Bavas entpuppt, der mit Superlativen ähnlich freigiebig umspringt wie mit der Tendenz, Bava zu einem "erleuchteten Ästheten" hochzustilisieren.

Martinet sucht nach den großen Themen von Bavas Oeuvre und verschreibt sich stilistisch regelrechten Überblendungseffekten, wenn er von Film zu Film springt, Themen, Figuren, Kulissen quasi miteinander verschmelzen lässt, und Szenen verschiedener Streifen rein assoziativ zusammenmontiert. Das ist einerseits durchaus reizvoll, andererseits gehen mit dem Autor dann aber auch schon mal die Pferde durch, was seine blumige Prosa betrifft. So schreibt er - um nur ein Beispiel zu nennen - bezüglich Bavas Gothic-Peplum ERCOLA AL CENTRO DELLA TERRA: "Les érudits du monde antique, tout aussi malmenés que les disciples de Bram Stoker, doivent composer avec Procuste, devenu monstre minéral, les marais de lave bouillonnante du Styx et quelques goules pourrissantes qui crèvent du poing la croûte du sol ou soulèvent la dalle grinçante qui scèle leur tombeau avant de prendre leur envol et de se jeter sur le fils de Zeus et d’Alcmène." (Auf Deutsch: "Die Gelehrten der Antike, die ebenso schlecht behandelt werden wie die Anhänger von Bram Stoker, müssen sich mit Prokrustes, der zu einem mineralischen Monster geworden ist, den brodelnden Lavasümpfen des Styx und einigen verwesenden Ghoulen auseinandersetzen, die mit ihren Fäusten die Kruste des Bodens durchbrechen oder die knarrende Platte anheben, die ihr Grab verschließt, bevor sie sich in die Lüfte erheben und sich auf den Sohn von Zeus und Alkmene stürzen.")

Die frenetische Begeisterung für jeden Film, an dessen Set Bava nur einmal zufällig vorbeigeschlendert ist - (ausgenommen seine Western, bei denen selbst Martinet zugeben muss, dass dieses Genre dem Maestro einfach nicht gelegen habe) -, nimmt zwar zuweilen doch recht bizarre Auswüchse an, wenn der Autor Bava als "Umstürzler von Mythen, Poet ungezügelter Ästhetik" bezeichnet, wenn er eine Affinität für griechische Mythologie in jedem einzelnen seiner Filme zu erkennen meint, oder wenn er jeden anderen italienischen Regisseur der Phantastik ihm gegenüber strikt herabsetzt: "À, fil des confessions arrachées parcimonieusement à ceux qui ont fait ce qu’il est convenu d'appeler dorénavant l’ Age d'Or du Fantastique italien (une période allant à peu près de 1956 à 1966), il apparaît de plus en plus clairement que ce courant n’est en fait redevable qu’en surface aux Riccardo Freda, Pietro Francisci, Giorgio Ferroni et autres Margheriti que la critique spécialisée porta alors aux nues." (Auf Deutsch: "Aus den spärlichen Geständnissen derjenigen, die das geschaffen haben, was man heute als das Goldene Zeitalter des italienischen Fantasyfilms bezeichnet (eine Zeit, die ungefähr von 1956 bis 1966 reicht), geht immer deutlicher hervor, dass diese Strömung nur oberflächlich gesehen Riccardo Freda, Pietro Francisci, Giorgio Ferroni und anderen Margheriti zu verdanken ist, die von der Fachkritik damals in den Himmel gelobt wurden.")

Nichtsdestotrotz lässt sich der historische Wert, den Martinets Buch besitzt, kaum überschätzen: Offenbar wird hier im Rahmen einer prestigeträchtigen Veröffentlichung Bava zum ersten Mal konsequent als Auteur modelliert - und auch wenn ich fast die Vermutung hege, der Meister selbst hätte, wäre er bei Drucklegung noch am Leben gewesen, angesichts der Beweihräucherung seitens eines französischen Filmbuffs eher mit einem ironischen Grinsen kämpfen müssen, ist Martinets Darstellung vor allem eins: eine Liebeserklärung an ein Kino, das viel zu lange marginalisiert worden ist.
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