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London Kills Me - Hanif Kureishi (1991)

Verfasst: Do 25. Dez 2025, 06:14
von Maulwurf
 
London Kills Me
London kills me
Großbritannien 1991
Regie: Hanif Kureishi
Justin Chadwick, Fiona Shaw, Brad Dourif, Naveen Andrews, Stevan Rimkus, Emer McCourt, Steven Mackintosh, Tony Haygarth, Joseph Alessi, Ben Peel, David Hounslow, Danny John-Jules, Oliver Kester, Paudge Behan, Nick Dunning, Yemi Ajibade, Anthony Cairns


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OFDB

In der zweiten Hälfte der 1980er-Jahr war die Wohnungssituation in London katastrophal. Ein 10 qm-Zimmer in einer WG für umgerechnet 200 Euro kalt war keine Seltenheit. Und das pro Woche!! Gleichzeitig standen im gesamten Großraum Unmengen von Wohnungen und Häusern leer, die mit Sperrholzplatten verkleideten Fenster und Türen gehörten zum Alltagsbild der Stadt in dieser Zeit. Nun, das Gesetz war damals, zumindest teilweise, auf der Seite der Wohnungs- und Hausbesetzer, und wenn man es richtig anstellte, konnte man sich für ein halbes Jahr eine oft genug geheizte Unterkunft ergattern.

So wie Clint Eastwood, Sylvie, Muffdiver und ihre Freunde in LONDON KILLS ME. Clint steigt in eine leerstehende Wohnung ein, und die ganze Clique hat plötzlich eine Etage in einem Haus, in dem ansonsten einen Stock tiefer nur noch der knuffige Dr. Bubba eine Selbsthilfegruppe leitet, die anscheinend den ganzen Tag im Kreis läuft, singt und dabei gymnastische Übungen durchführt. Aber gut, die Hauptfigur ist Clint, und der hat die Schnauze voll von diesem Leben, das zwischen besetzten Häusern, der Straße und kleinen Drogengeschäften geführt wird. Clint will mehr, Clint will einen Job. In einem Café, als Kellner. Der Besitzer würde ihn auch einstellen, aber nur, wenn Clint sich vernünftige Schuhe besorgt. Keine Schuhe, kein Job. Kein Job, keine Wohnung. Keine Wohnung, Scheiße. Also zieht Clint los, sich Schuhe besorgen. Gleichzeitig will sein bester Freund Muffdiver ein Geschäft mit dem Großdealer Mr. G an Land ziehen, wo natürlich auch Clint seinen Part zu beitragen soll. Die süße Sylvie braucht sowieso ständig Drogen, und überhaupt scheint es in ganz London keine vernünftigen Schuhe in Clints Größe mehr zu geben …

Ganz normale Typen in einer ganz normalen Umwelt im London der späten 80er und frühen 90er. Nicht die gestylten Edelidioten aus NOTTING HILL, sondern noch ein paar Meter die Portobello Road rauf, da wo kaum noch Touristen hinkommen und die Stände des Straßenmarktes mehr Geklautes anbieten als Gebrauchtes. Und wo man in jedem Geschäftseingang jedwedes Dope kaufen kann. Hier wird nicht mehr coole Musik gehört und hippe Klamotten gibt es auch nur am Rande, stattdessen hat es hier Drogen, abgeranzte Typen die sogar ihren besten Freund beklauen, und das Geld aus den kleinen Geschäften geht für ein warmes Mittagessen und ein Bier drauf.

Das klingt jetzt alles so bitterernst, ist es aber nicht! Clint hat ein supersüßes Lächeln und nimmt die Dinge meistens mit viel Humor, genauso wie Sylvie und Muffdiver. Der etwa will den großen Boss Mr. G vor dem Einfädeln des Deals erstmal in Stimmung bringen und führt ein paar Zauberkunststücke auf. Die schicken rot-weißen Cowboystiefel passen nicht an Clints große Füße? Dann wird die Spitze halt vorsichtig abgeschnitten, die Sohle bleibt dran, und die nackten Füße werden von einer Plastiktüte umhüllt, damit sie, wenn sie vorne rausschauen, nicht so frieren. Kleine, heitere Vignetten, fast wie im richtigen Leben. Aber es gibt natürlich auch die nicht so schönen Momente: Sylvie, die sich mit einer Rasierklinge ritzt. Clint, der das Zimmer seines Kumpels Burns an dämliche deutsche Touristen vermietet, natürlich ohne Burns Bescheid zu sagen, und dafür viel Ärger bekommt. Noch mehr Ärger bekommt er mit einem Dealer, dem er Geld schuldet, und der ihn übel zusammenschlagen lässt. Und irgendwann müssen alle natürlich auch wieder aus der besetzten Wohnung raus, und zwar von gleich auf jetzt.

Aber die Grundstimmung ist leicht und fluffig, auch wenn bei einem Ausflug aufs Land die Melancholie überhandnimmt. Dafür darf man dort den einzig wahren Elvis Presley bestaunen, und lernt ein wenig mehr über Clint und Muffdiver, die einem bis dahin schon einigermaßen ans Herz gewachsen sind. Aber kaum ist man zurück in London geht das lockere Leben wieder los, und es macht viel Spaß zuzuschauen, wie sich die ziemlich besten Freunde gegenseitig das Leben schwer machen, und am Schluss doch wieder alle miteinander lachen.

Für mich persönlich ist LONDON KILLS ME eine Reise in die eigene Vergangenheit, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Und um den Film gut finden zu können muss man wahrscheinlich eine gewisse Affinität zum damaligen London haben. Und zu den etwas(!) kaputten Typen, die die Straßen damals so bevölkerten …

6/10

Re: London Kills Me - Hanif Kureishi (1991)

Verfasst: Do 25. Dez 2025, 07:27
von fritzcarraldo
LONDON KILLS ME ist einer der Filme, der so etwas wie einen Wendepunkt oder eine Weiterentwicklung für mich ist in Bezug auf meine Rezeption von Filmen in den frühen 90ern. Ich ging nicht mehr nur in die üblichen Blockbuster-Sachen, sondern ich entdeckte durch das etwas weiter entfernte Programm-Kino bei uns in der Gegend eben das zeitgenössische englische Kino oder den US-Independent-Film. Es taten sich plötzlich neue Möglichkeiten und Erzählweisen auf. Danke für die Erinnerung an diesen Film. :thup:

Re: London Kills Me - Hanif Kureishi (1991)

Verfasst: Fr 26. Dez 2025, 06:28
von Maulwurf
fritzcarraldo hat geschrieben: Do 25. Dez 2025, 07:27 LONDON KILLS ME ist einer der Filme, der so etwas wie einen Wendepunkt oder eine Weiterentwicklung für mich ist in Bezug auf meine Rezeption von Filmen in den frühen 90ern. Ich ging nicht mehr nur in die üblichen Blockbuster-Sachen, sondern ich entdeckte durch das etwas weiter entfernte Programm-Kino bei uns in der Gegend eben das zeitgenössische englische Kino oder den US-Independent-Film. Es taten sich plötzlich neue Möglichkeiten und Erzählweisen auf. Danke für die Erinnerung an diesen Film. :thup:
Gerne! :prost: Gesehen wurde die englische BD, die allerdings, ich habe es extra nochmal nachgeprüft, leider keine Untertitel an Bord hat, was das Verständnis ein wenig verkompliziert. Eine deutsche VÖ gibt es meines Wissens leider nicht.

Re: London Kills Me - Hanif Kureishi (1991)

Verfasst: Fr 26. Dez 2025, 06:45
von fritzcarraldo
Maulwurf hat geschrieben: Fr 26. Dez 2025, 06:28
fritzcarraldo hat geschrieben: Do 25. Dez 2025, 07:27 LONDON KILLS ME ist einer der Filme, der so etwas wie einen Wendepunkt oder eine Weiterentwicklung für mich ist in Bezug auf meine Rezeption von Filmen in den frühen 90ern. Ich ging nicht mehr nur in die üblichen Blockbuster-Sachen, sondern ich entdeckte durch das etwas weiter entfernte Programm-Kino bei uns in der Gegend eben das zeitgenössische englische Kino oder den US-Independent-Film. Es taten sich plötzlich neue Möglichkeiten und Erzählweisen auf. Danke für die Erinnerung an diesen Film. :thup:
Gerne! :prost: Gesehen wurde die englische BD, die allerdings, ich habe es extra nochmal nachgeprüft, leider keine Untertitel an Bord hat, was das Verständnis ein wenig verkompliziert. Eine deutsche VÖ gibt es meines Wissens leider nicht.
Ja. Mit der hatte ich auch schon mal geliebäugelt. Kommt auf die Liste.

Re: London Kills Me - Hanif Kureishi (1991)

Verfasst: Fr 26. Dez 2025, 21:15
von fritzcarraldo
Blu-ray ist bestellt. :thup:

Re: London Kills Me - Hanif Kureishi (1991)

Verfasst: Sa 27. Dez 2025, 06:41
von Maulwurf
fritzcarraldo hat geschrieben: Fr 26. Dez 2025, 21:15 Blu-ray ist bestellt. :thup:
:thup:
Ich bin gespannt auf Deine Eindrücke!

Re: London Kills Me - Hanif Kureishi (1991)

Verfasst: Mi 14. Jan 2026, 17:39
von fritzcarraldo
fritzcarraldo hat geschrieben: Fr 26. Dez 2025, 21:15 Blu-ray ist bestellt. :thup:
Da ist sie also.
Dauert aber noch bis zur Sichtung.
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IMG_20260114_173038667.jpg (860.41 KiB) 165 mal betrachtet

Re: London Kills Me - Hanif Kureishi (1991)

Verfasst: Mo 19. Jan 2026, 18:23
von fritzcarraldo
London Kills Me
Irgendwie typischer 90er London Film über so einige Typen, Drogen, eine besetzte Wohnung und die richtigen, aber fehlenden Schuhe.
Regisseur Hanif Kureishi drehte hier einen Film fast ohne Handlung. Unsere Helden und die eine Heldin lassen sich einfach so durch London treiben und man schaut gerne zu. Das alles ist dann auch nicht so heftig wie z.B. später in TRAINSPOTTING. Ein schönes Wiedersehen mit einem schönen Film, der sehr schön auch den Zeitgeist der frühen 90er dokumentiert.
Die Blu-ray aus GB hat keinerlei Extras, aber ein ganz okayes Bild.

Re: London Kills Me - Hanif Kureishi (1991)

Verfasst: Di 20. Jan 2026, 11:44
von sid.vicious
Hier wird verdammt viel Unsinn über utopische Ziele geredet. Ein bewohntes Zimmer an doofe Touristen vermietet. Und ganz nebenbei benötigt Clint unbedingt Schuhe, sonst bekommt er seinen Traumjob (Kellner) nicht. Dr. Bubba leiht ihm Sandalen und aus Stone wird Elvis, aber das kann es auch nicht sein… Verwirrend? Anschauen!

Ein witziger und extrem kurzweiliger Pre-Trainspotter.