
Beyond the Limits
„Machen Sie es sich gemütlich!“
Der ehemalige deutsche Amateur-
Splatter-Papst und Spezialist für blutige Spezialeffekte Olaf Ittenbach schlug nach „Premutos“ konsequent den Weg eines
Independent-Filmemachers ein, der mit höheren Budgets arbeiten und damit das realisieren konnte, was man gemeinhin unter „richtigen“ Filmen versteht. Auf „Legion of the Dead“ folgte im Jahre 2003 „Beyond the Limits”, ein fieser Bastard aus Gangster- und Historien-Mystery-
Splatterfilm. Ich sah leider nur die gekürzte Fassung, von der ich mir versprach, zumindest die Handlung des Films nachvollziehen zu können.
„Und heute Abend wird noch gefickt!“
Der Friedshofswächter Frederick (Christopher Kriesa, „The Dentist“) erzählt der Journalistin Vivian (Kimberly Liebe, „Legion of the Dead“) die Lebensgeschichte des just angelieferten toten Gangsters Robert Downing (Daryl Jackson, „Garden of Love“). Dieser war damit betraut worden, eine mysteriöse uralte Reliquie zu besorgen, das „ewige Herz“, das sich ausgerechnet im Besitz des Mafiabosses Jimmy Levinson (James Matthew-Pyecha) befinden soll… Im Anschluss an diese äußerst garstige Geschichte will Vivian mehr über jene ominöse Reliquie erfahren, sodass Frederick weiter ausholt und vom finsteren Mittelalter erzählt, als in England David Deming (David Creedon, „The Rescue“) und dessen Hiwi Brewster (Russell Friedenberg, „Angels!“) Jagd auf Ketzer machten und ebenfalls hinter dem „ewigen Herz“ her waren…
„Das war furchtbar, was?“
Im Prinzip ist „Beyond the Limits“ also ein Episodenfilm mit zwei Erzählungen, die von einer Rahmenhandlung miteinander verbunden werden. Zunächst aber fährt die Kamera über den Friedhof und hält an verschiedenen Grabsteinen inne, wenn die Namen des Schauspielensembles eingeblendet werden – welch hübsch makabre Idee. Der Friedhof ist zugleich der Ort der Rahmenhandlung, also Fredericks Gesprächen mit Vivian. Es handle sich um den bekanntesten Friedhof der Gegend, zudem feiere Frederick in Kürze sein zehnjähriges Jubiläum als Friedhofswächter und sei Vivian an den Schicksalen seiner „Kunden“ interessiert.
Fredericks Ausführungen bilden dann die beiden als Rückblenden inszenierte Episoden, die erwartungsgemäß voller Grausamkeiten stecken. Mafioso Levinson lässt die Frau seines Konkurrenten Paul Pattucci (Joe Cook, „Riverplay“) misshandeln und ermorden. Eine weitere Rückblende zeigt Paul, wie er
„nur noch diesen einen Job“ zu erledigen gedachte. Dann stirbt auch Paul. Nach einem Szenenwechsel bemüht Ittenbach ein typisches Horrorfilm-Klischeeunwetter, während Downing Levinson aufsucht. Dieser hält seinen Besucher für einen Rächer Pauls und reagiert entsprechend. Die Episode gerät zur Gangster-Scharade inklusive moderner Kameraspielereien. Weitere Figuren werden eingeführt, die Folge sind Schießereien, Folter und Sadismus. Das „ewige Herz“ liegt derweil in einem Koffer, und diese offenbar von Tarantino und Konsorten beeinflusste Gangstermär will nicht so recht zünden. Es wirkt, als habe Ittenbach Inhalt und Stil mehr schlecht als recht zu kopieren versucht und seine harsche Brutalität hinzugefügt.
„Ich stehe in der Verantwortung der Kirche!“
Schon besser weiß die zweite, im Mittelalter spielende Episode zu gefallen. Der Mönch James Flynn (Hank Stone, „Der Patriot“) soll wegen Ketzerei verhaftet werden. Pikanterweise macht ausgerechnet dessen ehemaliger Schüler Deming Jagd auf ihn, weil er ans „ewige Herz“ will, das sich in dessen Abtei befinden soll. Dieses soll, wie man nun erfährt, das Geheimnis des ewigen Lebens enthalten, zudem soll sich Flynn auch im Besitz einer Übersetzung der Gebrauchsanleitung befinden. Dennis (Darren Shahlavi, „Bloodmoon – Stunde des Killers“), der junge Assistent des Inquisitors, übt Kritik und macht mit seiner Freundin Annabelle (Natacza Soozie Boon, „Garden of Love“) herum. Flynn wird gefoltert und ihm ein Auge ausgestochen. Man versucht’s mit Menschenopfern fürs Herz (das liest sich seltsam, ich weiß), Zeit für Ittenbachs
Splatter- und
Gore-Einlagen. Schließlich wird Flynn auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Insbesondere Brewster tut sich als ausgemachter Fiesling hervor. Man versucht, all die Morde Annabelles Familie in die Schuhe zu schieben, Rooster vergewaltigt Annabelle und tötet ihren Vater. Dennis reicht's jetzt, also wird noch mehr gemetzelt.
„Geht und tut Buße!“
Die zweite Episode gerät auch in der zensierten Fassung zur reinsten Schlachtplatte, hat mit ihrer kirchenkritischen Handlung zudem die bessere Geschichte zu bieten. Hank Stone trägt eine klasse Charakterfresse spazieren und als Pointe winkt eine schnieke Höllenvision. Die Eindimensionalität der Figuren zieht sich jedoch durch beide Episoden, was – Qualität der grafisch expliziten Spezialeffekte hin oder her – auch aufgrund Ittenbachs Versuchen, seinen Film möglichst humorlos, dafür umso böser und zynischer erscheinen zu lassen, auf Dauer ermüdend wirkt. Zudem wartet man vergeblich darauf, dass das ominöse „ewige Herz“ noch für einen besonderen Clou gut wäre. Diese dem Film ja als Aufhänger dienende Idee ist schwach ausgearbeitet und bleibt sehr vage. Letztlich bietet „Beyond the Limits“ für meinen Geschmack nur Durchschnitt, denn es mangelt ihm an erzählerischer Finesse, Seele und, ja: Herz. So richtig Lust, mir die weiteren Gewaltexzesse der vollständigen Fassung anzusehen, verspüre ich da nicht – und Ittenbachs Frühwerk empfinde ich als wesentlich kultiger.
4,5 von 10 Interviews auf Friedhöfen