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Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Verfasst: Do 5. Mär 2026, 04:45
von Maulwurf
Blow job (Alberto Cavallone, 1980) 7/10

Irgendwo in den Tiefen des Internets begraben.jpg
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Das Grundproblem bei einer wie auch immer gearteten Besprechung von BLOW JOB ist, dass dies mein erster Film von Regisseur Alberto Cavallone war. Und Vergleiche zu anderen Filmen genauso aussichtlos sind wie die Möglichkeit, Entwicklungen im Oeuvre des Regisseurs zu verfolgen. Ich glaube aber, dass dies notwendig ist um den Film zu verstehen. Um die Gedanken des Regisseurs zu verstehen. Um diesen Nachtmahr aus Sex und Mystik einordnen zu können. Von daher werden diese Gedanken bis auf weiteres ein Fragment bleiben müssen …

Stefano und Diana sind komplett abgebrannt, weswegen Stefano auf der Pferderennbahn das Angebot einer schönen Unbekannten annimmt: Sie sorgt dafür, dass ein bestimmtes Pferd gewinnt, im Gegenzug hilft er der Frau, ein Tor zu überwinden. Das Pferd, natürlich ein krasser Außenseiter, gewinnt selbstverständlich, also fährt man gemeinsam in tiefster Nacht auf einsamste Straßen, um seinen Teil der Schuld einzulösen. Das Ziel ist ein abgelegenes Schloss, die Unbekannte mit der markanten Narbe auf der Wange entpuppt sich als Gräfin, und die Aufgabe scheint es zu sein, der Dame bei ihrer Transition in eine andere Existenz zu helfen. Doch der sehr materiell eingestellte Stefano steht dem offensichtlich im Wege, im Gegensatz zu Diana, die sich mittlerweile entschieden hat, den Weg der Gräfin mitzugehen. Stefano wird von der sinnlichen Hexe Sibilla eingefangen, die versucht, seine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Doch ist wirklich die Transition das Ziel der Gräfin? Und zu welchem Preis? Müssen die armen kleinen Menschlein unter Umständen ihr Leben lassen? Es scheint so …

Zumindest wäre das so die Richtung, in die eine Inhaltsangabe gehen könnte. Dazu kommt noch der Umstand, dass der Film in einem Hotel beginnt, in dem ein Mädchen sich aus einem Fenster stürzt. Diesem Freitod werden wir am Ende des Filmes wieder begegnen, aber möglicherweise in einem anderen Zusammenhang. Ein Zusammenhang, der die Grundlagen des universellen Kreislaufs berührt, in dem Anfang und Ende ident sind. Zu diesem Zusammenhang passt auch, dass die Gräfin in ihren verschiedenen Gestalten einen Übergang durchführen möchte, also den Weg in eine andere Existenz. Diana, der weibliche Part, stellt sich dem durch ihre Sinnlichkeit naturgemäß nicht wirklich entgegen, ihr Gefühl für die Zusammenhänge der Welten ist aber ein anderes als das des erzmaterialistischen Stefano, der vor Sorge um die irdische Existenz alles Sinnliche zu vergessen scheint, gleich wie sehr er unterstützt wird beim Beschreiten dieses Weges.

Verwirrt? Keine Bange, das ging mir beim Sehen des Films nicht anders. BLOW JOB ist kein herkömmlicher Porno jener Zeit, genauso wie Alberto Cavallone kein herkömmlicher Regisseur war. Die Handlung, so man sie so nennen möchte, mäandert zwischen verschiedenen Punkten hin und her, springt vorwärts und rückwärts, bestimmte Personen können auch andere Personen sein, und mittendrin haben wir immer wieder die einfachen und kuriosen Menschen, die Cavallone immer so gerne portraitiert hat. Und trotz (oder wegen?) der sexuellen Aspekte und seines plakativen Titels ist BLOW JOB mehr als nur ein erotisches Sammelsurium eines auf den ersten Blick durchgeknallt wirkenden Autorenfilmers. Anders als etwa bei Renato Polselli, bei dem das filmische Delirium vermutlich eher bewusstseinserweiternde Ursachen hatte, ist es hier eine ganz bestimmte Sicht auf die Welt, die in Strukturen gepresst werden soll, die sich dieser Sicht verweigern. Eine dreidimensionale Denkweise, die in ein zweidimensionales Medium umgewandelt wird und damit natürlich einen Teil ihrer Wahrheiten, wenn nicht verliert, so zumindest verklausulieren muss, um eine halbwegs verständliche Darstellungsweise zu haben.

Halbwegs verständlich? Wenig ist an diesem Film halbwegs verständlich, zumindest im Vergleich mit herkömmlichen Filmen. BLOW JOB ist wie ein Buch von Robert Anton Wilson oder wie ein Film von David Lynch – Er überschreitet die Grenzen von Narration und Dinge wie Einheit von Ort und Zeit, hin zu etwas größerem, universellerem.

Aber vielleicht ist das auch alles nur pseudo-intellektuelles Geschwafel, mit dem sich man einen Film, der zu wenig Handlung und (in der gesehenen SC-Fassung) zu wenig Sex bietet, schön reden muss …

Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Verfasst: So 8. Mär 2026, 05:49
von Maulwurf
Paradies der Junggesellen (Kurt Hoffmann, 1939) 9/10

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Der Standesbeamte Hugo Bartels lässt sich gerade scheiden. Zum zweiten Mal! Zusammen mit seinen ledigen Freunden Cäsar und Balduin zieht Hugo in etwas, was man heute eine Wohngemeinschaft nennen würde: Eine großzügig angelegte Mietwohnung, über deren Schwelle per Gelübde niemals eine Frau einen Fuß setzen darf. Die Probleme beginnen, als Hugo den Avancen der Vermieterin nachgibt und durchaus bereit wäre die Holde … Aber wie bringt er das seinen Freunden bei? Ein Plan muss her! Die Freunde müssen verkuppelt werden! Doch wo bekommt man jetzt zwei ledige Damen her? Gottseidank versteht sich Hugo mit seinen beiden Verflossenen ausgesprochen gut …

Ein Standesbeamter, der sich scheiden lässt, der dann wieder heiratet, und der sich dann wieder scheiden lässt, das ist ja wie ein Schupo der immer bei Rot über die Straße rennt.

Eine Hochgeschwindigkeitskomödie, die sich ausschließlich um die Themen Alkoholmissbrauch und Sex dreht, ihre komischen Sprüche im Sekundentakt raushaut, mit schmissiger und verdammt ohrwurmlastiger Musik daherkommt, und dabei an keiner Stelle ein vernünftiges Niveau unterschreitet? Wie oft gab es das in den letzten, sagen wir mal, 50 Jahren? IS‘ WAS, DOC? würde mir einfallen, aber ohne die Musik und ohne den Alkohol. Oder HANGOVER, aber da wird es mit dem Niveau schwierig. Und da die leichten Doris Day-Komödien der 50er Jahre das Thema Alkohol eher stiefmütterlich behandelten, muss man schon in die dreißiger Jahre zurückschauen, zu den vielgepriesenen Screwball-Comedies, die genau die angesprochenen Begriffe in unglaublicher Leichtigkeit und mit sehr viel Schmackes in einer Art inszenierten, die auch heute noch begeistert. Allerdings sind dies immer und alles US-amerikanische Filmklassiker - In Deutschland sind ja nach allgemeiner Lesart in dieser Zeit die großen Filmschaffenden alle ins Ausland gegangen, und fortan wurden hier nur noch dröge Propagandafilme gedreht …

So ist die Rezeption zumindest in den meisten Fällen, doch dass im Dritten Reich, abseits aller sehr wohl vorhandenen propagandistischen Vereinnahmung, auch echte filmische Höhepunkte erschaffen wurden, das wird gerne unterschlagen. Was am Beispiel PARADIES DER JUNGGESELLEN durchexerziert werden kann:
Eine Hochgeschwindigkeitskomödie … - Das Tempo des Filmes ist so hoch wie es nur geht, ohne dabei aber zu überhitzen. Komödienspezialist Kurt Hoffmann wusste genau, wie ein Film orchestriert zu sein hat, an welchen Stellen er das Tempo erhöhen, und an welchen Stellen es verlangsamt werden muss. Doch prinzipiell kommt der Film größtenteils wie ein D-Zug daher und plättet den unvorbereiteten Zuschauer auf das Überraschendste.
die sich ausschließlich um die Themen Alkoholmissbrauch … - Die Hauptdarsteller saufen wie die Löcher, und auch wenn sie bereits zusammen wohnen, steht immer entweder ein Bier auf dem Tisch oder es wird gerade eine Flasche Wein geköpft. … und Sex dreht … - Dass Hugo zweimal geschieden ist stört hier außer seinem Vorgesetzten und dem Bürgermeister niemanden, schon gar nicht die designierte Ehefrau Nummer 3. Überhaupt wollen alle Frauen immer nur das eine, was aber bemerkenswerterweise nicht ein einziges Mal ins Lächerliche gezogen wird.
Die komischen Sprüche werden im Sekundentakt rausgehauen … – Die Gagdichte ist fast so hoch wie bei einem ZAZ-Film aus den 1980er Jahren, nur auf einem anderen sprachlichen Niveau: Der einzige Standesbeamte, der imstande war, dem Ehestand standzuhalten …
… mit schmissiger und verdammt ohrwurmlastiger Musik …Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern. Siehst Du, verehrter Leser, schon ist der Ohrwurm drin, und geht auch nicht mehr so schnell wieder raus. Die dazu passende Performance des Chaotentrios Rühmann/Sieber/Brausewetter bei diesem Lied tut ein Übriges …
… und dabei an keiner Stelle ein vernünftiges Niveau unterschreitet … – In den 1930er Jahren wurden Filme anders aufgebaut. Nicht alle Dinge konnten (oder sollten!) gezeigt werden, stattdessen wurde darüber gesprochen. Und zwar in einer Weise, die das Kopfkino des Zuschauers in Gang setzte, ohne Unanständiges oder Grausames zu bebildern zu müssen. Kunst ist, wenn der Regisseur die Gedanken aller Zuschauer wie bei einem Puppenspiel lenken kann. SIEBEN, um auf ein völlig anderes Genre auszuweichen, ist mit seiner Verweigerung der expliziten Bilder nicht umsonst so richtungsweisend geworden. Was man an PARADIES DER JUNGGESELLEN ebenfalls erkennen kann: Der Sex ist allgegenwärtig, und ohne, dass auch nur einmal das Wort ausgesprochen werden muss, weiß jeder worum es geht. Das ist, was ich mit dem Begriff Niveau bezeichne.

So kann PARADIES DER JUNGGESELLEN etwa den frühen DÜNNER MANN-Verfilmungen in Bezug auf Lotterleben und Leichtigkeit genauso problemlos das Wasser reichen wie den berühmten Komödien mit Katherine Hepburn und entweder Spencer Tracy oder Cary Grant. Die drei Hauptdarsteller Heinz Rühmann, Josef Sieber und Hans Brausewetter sind ausgesprochen sympathisch, und auch wenn manche Szenen, wie etwa der Einzug in die gemeinsame Wohnung, fast zum Fremdschämen einladen, so ertappt man sich ja doch ständig beim Lachen. Eine unglaublich flotte und freche Komödie, die leider entweder mit dem Heinz-Rühmann-Biederkeit-Stempel oder mit dem Im-Dritten-Reich-wurde-nur-Propaganda-gedreht-Stempel versehen ist, und damit automatisch in der Schachtel mit Opas ollen Kamellen abgelegt wird. Sehr schade drum!

Ein Matrose hat ja gerne mal sturmfrei …

Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Verfasst: Mi 11. Mär 2026, 04:56
von Maulwurf
Street Kings (David Ayer, 2008) 7/10

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Detective Ludlow ist ein harter Hund. Ein verdammt harter Hund. Er lässt sich von ein paar koreanischen Dealern böse zusammenstiefeln, nur um danach wieder aufzustehen, den Typen zu Fuß zu folgen bis in ihre Drogenküche hinein, und dann die ganze Bagage großkalibrig umzulegen. Der erste am Tatort: Detective Ludlow, der Held. Ludlows Methoden werden nicht wirklich vom Gesetz gedeckt, wohl aber vom seinem Vorgesetzten Captain Wander, der auf Ludlow extrem große Stücke setzt. Wenn nicht er den Dreck wegmacht, wer soll es denn dann tun? Doch als Ludlows Ex-Partner Washington mit dem Wissen über Ludlows Machenschaften zur internen Ermittlung geht um ihn anzuschwärzen, ist die Stimmung entsprechend im Keller. Ludlow will Washington eine reinsemmeln, doch just in dem Augenblick kommen zwei maskierte Gestalten ums Eck und pumpen Washington voll Blei. Der erste am Tatort: Detective Ludlow der Looser, der nämlich in das Visier der internen Ermittlung gerät: Washington will Ludlow die Marke abnehmen, und zufällig genau dann wird Washington erschossen? Doch auch jetzt hält der Captain seine Hand über Ludlow – Er selber will Polizeichef werden, und da braucht er die Erfolge Ludlows umso nötiger. Gleichzeitig fällt Ludlow aber auf, dass beim Tod Washingtons einiges an Ungereimtheiten auftaucht. Und je länger Ludlow sich durch L.A. schießt und prügelt, umso eklatanter werden diese Ungereimtheiten …

Ihr habt Augen wie ‘ne Halbmondsichel, zieht euch an wie Weiße, redet wie Schwarze, und fahrt Autos wie Juden. Woher soll ich also wissen, was ihr für gelbe, hundefleischessende Charlies seid, wenn ihr es nicht wisst?

Die Inhaltsangabe liest sich bereits wie ein typisches Hollywood-Produkt, und letzten Endes ist STREET KINGS auch genau das: US-amerikanisches Kintopp der 00er-Jahre ohne Haken und Ösen. Der Held ist ein Schlagetot in Uniform, ein erstklassiger Polizist mit Umgangsformen wie Attila der Hunne, der ob seiner Ermittlungserfolge kaum angreifbar ist, und wenn ihm jemand ans Leder will, dann stellt sich immer die Frage, wer denn die Drecksarbeit machen soll, wenn der Held mal nicht mehr ist. Wer die Leichenteile und die Spritzen wegräumen soll. Die Typen in den Anzügen jedenfalls nicht …
Auf jeden Fall haben wir hier also die moralisch sehr zweifelhaften Cops, die ohne Rücksichtnahme auf Bürgerrechte, Dienstzeiten oder gar Gesetze versuchen, die bösen Jungs zu kaschen; wir haben den internen Ermittler, der selbstverständlich als Fiesling aufgebaut wird und der versucht, sich hinterrücks in des Helden Vertrauen einzuschleichen; wir haben die schöne Latina, deren Aufgabe es einzig und allein ist den Helden zu verarzten (und als Drohung zu dienen, als der Held in die Hände der Bösewichter gerät); und wir haben ein geschickt unübersichtlich aufgebautes Korruptionsproblem bei der Polizei von L.A., das wie beim Gordischen Knoten nur durch den massiven Einsatz von Schusswaffen aller Art gelöst werden kann. Der Held ist absolut unkaputtbar, säuft wie ein Loch, isst nicht, raucht nicht, scheißt nicht, ist moralisch angreifbar, und nach einer gefühlten 48-Stunden-Schicht mit ebenfalls gefühlten 20 Schießereien immer noch taufrisch. Hollywood eben …

Und wer jetzt noch weiterlesen mag, dem darf ich verraten: STREET KINGS ist von seiner ganzen Machart, seiner Inszenierung, der Anlage des Drehbuchs und den Bildern her verdammt spannendes und aufregendes Mainstream-Cops-versus-Thugs-Kino, das zwar an seiner reaktionären Aussage und seiner ganzen Machart nichts Neues bietet, dafür aber das Altbekannte in einen ausgesprochen mitreißenden Film packt. Wenn man sich im Nachhinein überlegt, wer denn eigentlich der Schurke war, ärgert man sich fast, dass man so spät darauf gekommen ist, weil eigentlich die Lösung ab den ersten Szenen auf der Hand lag. Aber durch das geschickte Drehbuch von James Ellroy, durch die verschlungenen Handlungsfäden und die vielen kleinen Abzweigungen sowie durch das hohe Tempo wird der Zuschauer so fest an den Bildschirm gefesselt und zum Mitraten aufgefordert, dass er völlig übersieht wer denn nun der Drahtzieher der ganzen Aktion ist. Was schließlich eine alles andere als schlechte Leistung ist.

Von den drei ersten Filmen von David Ayer, HARSH TIME – LEBEN AM LIMIT von 2006, STREET KINGS von 2008 und END OF WATCH von 2012, ist dieser hier der schwächste, weil er es sich in seiner Aussage am Einfachsten macht, und weil er die übelsten Hollywood-Stereotypen bedient, ohne sie zu hinterfragen. Alle drei Filme eint die Darstellung der Gewalt in den Straßen von Los Angeles, die jeden und alle erfasst, gleich ob es von Ausführenden und Opfern gewollt ist oder nicht. Drogen und Gewalt sind in dieser Stadt, so scheint es, allgegenwärtig und beherrschen das Alltagsleben. HARSH TIMES mit einem brachial-eindrucksvollen David Bale zieht den Zuschauer da am stärksten in das Geschehen, und die Mockumentary-Machart von END OF WATCH steht dem kaum nach. STREET KINGS fühlt sich da eher an wie ein sinnloser Schlag ins Gesicht mit all seiner Wucht, seiner Brutalität und dem dazugehörigen Adrenalin, aber er hinterlässt auch am Wenigsten das Gefühl, etwas Besonderes gesehen zu haben. Es ist „bloß“ großartiges Unterhaltungskino des neuen Jahrtausends …

Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Verfasst: Sa 14. Mär 2026, 06:09
von Maulwurf
Where the sidewalk ends (Otto Preminger, 1950) 7/10

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Detective Dixon ist ein harter Hund. Ein verdammt harter Hund. Er hat kein Problem damit sich von einer ganzen Gruppe ihn hassender Gangster zusammenschlagen zu lassen, nur um die Typen damit endlich hinter Gitter zu bekommen. Zwölf Beschwerden gab es in letzter Zeit gegen ihn wegen Gewalt oder Erpressung. Sein Lieutenant kann das nicht mehr tolerieren und stuft ihn zurück, gemeinsam mit der Warnung, demnächst wieder Streifendienst machen zu können. Doch in dem aktuellen Mordfall, der das Revier beschäftigt, ist Dixon wieder ganz vorne dabei: In einer illegalen Spielhölle wird ein auswärtiger Gast erstochen, und keiner will es gewesen sei. Am wenigsten der Betreiber des Joints, Tommy Scalise, hinter dem Dixon schon seit Jahren her ist wie der Teufel hinter der Seele. Scalises rechte Hand, Ken Paine, ist dringend tatverdächtig, und als Dixon in der Nacht Paine besucht, kommt es zu einer Rauferei, bei der Paine irgendwann tot auf dem Boden liegt. Dixon ist kein Unschuldslamm und weiß, was er zu tun hat: Die Leiche verschwinden lassen, dabei als Paine auftreten und sich beobachten lassen, so tun als ob er die Stadt verlässt, und gleichzeitig ganz fette Spuren hinterlassen. Sein Plan gelingt, und als Verdächtigen hat der neue Captain den alten Jiggs Taylor an der Angel, einen Taxifahrer mit zweifelhaftem Alibi. Der allerdings ist der Vater von Dixons neuer Flamme, die gleichzeitig die Ex-Frau von Paine ist. Also was tun? Den liebenswerten Vater der geliebten Frau auf den elektrischen Stuhl bringen? Oder sich stellen? Beides nicht so tolle Vorstellungen …

Welch spannender Zufall: Zwei Tage zuvor sah ich STREET KINGS von David Ayers aus dem Jahr 2008, der ebenfalls einen knüppelharten Cop zeigt, der sämtliche Grenzen des Gesetzes weit hinter sich lässt, und auf seinem Weg nach unten in Siebenmeilenstiefeln schnellstens vorangeht. Und nun FAUSTRECHT DER GROSSSTADT aus dem Jahr 1950, der im Prinzip die gleiche Geschichte erzählt. Statt koreanischer Dealer sind es hier das mafiös aussehende, organisierte Verbrechen, aber das Prinzip ist das Gleiche: Dixon hat genauso wie Keanu Reeves als Tom Ludlow keinen Anstand mehr im Leibe, sondern sieht nur noch einen Weg, mit dem Verbrechen aufzuräumen, und das heißt rücksichtsloser Einsatz von Faust (der ältere Film) bzw. Schusswaffe (der neuere). Kommissare aus Eisen im bedingungslosen Krieg mit der Unterwelt …

Ein Unterschied zwischen den Filmen ist die Szenerie: Während STREET KINGS wie heute üblich an echten Schauplätzen in einem ungeschönt-herabgekommenen Los Angeles gedreht wurde, zeigt der ältere Film ein stilisiertes New York, das ausschließlich aus Schatten und aus Nacht besteht, was allerdings größtenteils im Studio erzeugt wurde. Trotzdem, hier ist die Großstadt noch der Grundstock des Üblen, entsprechend wird es in der Stadt auch niemals Tag. In einer einzigen Szene geht einmal die Sonne auf, aber wirklich sehen tun wir sie niemals. Sowohl die Cops als auch die Gangster gehen anscheinend nur bei Nacht aus dem Haus, arbeiten nur bei Nacht, und sterben auch bei Nacht. Und überhaupt, Cops und Gangster, Gangster und Cops – Selten sind die Unterschiede zwischen diesen verschwommener, sind (außerhalb des französischen Polizeifilms!) die Grenzen zwischen Gut und Böse undefinierter. Dixon kennt nur ein Gesetz, und das ist er selber. Die Beschwerden über ihn kommen nach seiner Meinung nur von Gangstern und anderem Abschaum, wogegen der Lieutenant nicht einmal widerspricht. Dixon kennt auch nur noch diese Seite der Welt, nämlich diejenige Seite, wo der Bürgersteig endet. Dort, wo der Abfluss ist, und die Scheiße weggespült wird, dort ist Dixon zuhause, und er sieht sich in der Rolle desjenigen, der für das Wegspülen zuständig ist. Kein Wunder, dass er sich in die, in überirdischem Licht badende, Gene Tierney verliebt, die Reinigung und Läuterung verspricht.

Die Beschreibung, die ich in STREET KINGS zu Keanu Reeves‘ Charakter gegeben habe, passt auch hier wie die Faust in das Auge des Gegners: Der Held ist ein Schlagetot in Uniform, ein erstklassiger Polizist mit Umgangsformen wie Attila der Hunne, der ob seiner Ermittlungserfolge kaum angreifbar ist, und wenn ihm jemand ans Leder will, dann stellt sich immer die Frage, wer denn die Drecksarbeit machen soll, wenn der Held mal nicht mehr ist. Wer die Leichenteile und die Spritzen wegräumen soll. Und hält der Captain in STREET KINGS seine schützende Hand über den renitenten Detective, so ist wieder der Weg nicht weit zu FAUSTRECHT DER GROSSTADT, wo der Lieutenant zwar an die Zensur des Jahres 1950 gebunden ist und gar keine andere Chance hat, als Dixon schlussendlich dem Gesetz zu überantworten, aber seine Miene spricht Bände: Du bist einer von uns und wirst es immer bleiben. Wer soll denn sonst den Dreck wegräumen, die Leichenteile und die Spritzen? Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Filmen ist hier der Hauptdarsteller: Das Dilemma Dixons, als er erkennen muss, dass sein wunderbar improvisierter Plan einen Unschuldigen mindestens ins Gefängnis, wohlmöglich aber auch auf den elektrischen Stuhl bringt, und dieser Unschuldige auch noch seiner engelsgleichen Geliebten sehr nahe steht, dieses Dilemma spielt sich im Gesicht Dana Andrews‘ wie ein Drama für sich ab. Die daraus resultierenden Aktionen Dixons sind aus purer Verzweiflung geboren und zeigen einen Menschen, der psychisch vollkommen am Ende ist. Der bereit ist sich aufzugeben für das einzige Gute im Leben, an dem er jemals teilhaben durfte. Keanu Reeves‘ Spiel dagegen ist bar solcher Emotionen das übliche Einheitsgesicht mit dem leicht verständnislosen Blick, kein Vergleich zu der Hoffnungslosigkeit Dixons, die geradezu mit den Händen zu greifen ist. Ergreifendes Drama versus effektheischender Action - Vielleicht auch einfach nur eine Frage der Generation, wer da was bevorzugt …

So oder so ist es aufregend zu sehen, wie ein Sujet, Cop prügelt und schießt sich durch die Unterwelt um das, was er für Gerechtigkeit hält, zu erlangen, wie dieses Sujet 1950 und 2008 umgesetzt wird. 1950 jedenfalls ist die Welt genauso düster und böse wie über 50 Jahre später. Und das Zusehen am Untergang des Polizisten ist in beiden Fällen ein enormes (cineastisches) Vergnügen (bitte nicht falsch verstehen!).

Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Verfasst: Di 17. Mär 2026, 06:22
von Maulwurf
London Pitbulls (Simon Phillips, 2013) 8/10

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Angst. Angst vor der Gewalt. Angst davor, aus dem Haus zu gehen. Angst vor dem daheimbleiben. Angst, weil man das falsche T-Shirt trägt. Weil man die zufällige Bewegung des Typen in der Kneipe nicht vorhergesehen hat. Weil man zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Angst.

Damien ist ein Streifenpolizist in London. Er versucht seinen Job zu machen, den Menschen zu helfen, und Probleme zu lösen. Aber das Einzige, was ihm entgegenschlägt, ist Hass. Purer, blanker Hass. Hass auf die korrupte Metropolitan Police und ihre Vertreter. Hass auf die ganze Gesellschaft. Zum Beispiel die Frau, deren Kind von jugendlichen Schlägern mehrmals die Woche zusammengeschlagen wird. Ihr Mann schiebt Dienst in Afghanistan. Und als der Soldat ums Leben kommt, wird der Junge mal wieder übel verprügelt. Damien versucht zu vermitteln, aber der Junge nimmt die Waffe seines Vaters und erschießt einen der Typen. Die Frau hat nichts mehr. Gar nichts mehr. Keinen Mann, kein Kind. Nur ihren Hass auf einen Polizisten, der eigentlich nur helfen wollte, und damit unabsichtlich alles schlimmer gemacht hat.
Damien war früher Hooligan. Er hängt immer noch mit seinen Kumpels von damals ab, und hilft ihnen ab und zu, wenn sie Ärger haben mit der Polizei. Aber er merkt allmählich, dass die Kumpels ihn nur ausnutzen, während seine Kollegen ihn nicht für voll nehmen. Für die Kollegen ist er einer von den Hools, für die Ex-Kumpels der Verräter. Damien mag Louise, seine junge und unerfahrene Kollegin. Und Louise mag Damien. Louises Vater sitzt im Rollstuhl, weil ihm Hooligans nach einem Fußballspiel mit einer Eisenstange das Rückgrat gebrochen haben. Louises Vater war Polizist. Jetzt reicht seine Rente kaum um über die Runden zu kommen.
Wir schreiben das Jahr 2011. Es ist August, und nach friedlichen Demonstrationen in Tottenham beginnen Unruhen, die schnell auf die gesamte Stadt London übergreifen. Häuser brennen, Geschäfte werden geplündert, Gangs brechen in Häuser älterer Menschen ein und zerstören die Wohnungen, nur so, aus Spaß an der Demütigung. Und mittendrin Damien und Louise.

RIOT (der deutsche Titel passt nicht und ist irreführend) ist beileibe nicht der erwartete Hooligan-Knaller, mit prügelnden Idioten und gesichtslosen Cops. Und anders als A.C.A.B. – ALL COPS ARE BASTARDS konzentriert sich RIOT nicht nur auf die desillusionierten Polizisten und schwerkriminellen Thugs, sondern spinnt den Faden weiter zu einer Darstellung der Gesellschaft, die unter ihrem permanenten Druck und in ihrem Streben nach Gewalt in einer unfassbaren Zerstörungsorgie mündet. Was man, wenn man möchte, vielleicht auch als Analogie zur spätkapitalistischen Gesellschaft und ihrer Selbstzerstörung mit Ansage sehen könnte …

Nichtsdestotrotz ist RIOT in erster Linie die Studie eines Mannes, der anders sein will als sein krimineller Vater. Anders als seine halbkriminellen und gewalttätigen Freunde. Und der daran zerbricht. Daran, und an der allgegenwärtigen Gewalt in den Straßen und Wohnungen des Landes. Überall wird nur geschlagen und getreten; Männer verprügeln ihre Frauen, Schüler stiefeln ihre Mitschüler, Menschen vernichten das Leben anderer Menschen. Die Stimmung in der Stadt ist aufgeheizt, und die sich zart anbahnende Liebe zwischen Damien und Louise steht von vornherein unter einem bösen Stern. Der Zuschauer begleitet Damien auf seinem Weg, und dieser Weg ist bitter und schmerzhaft. Viele kleine Geschichten werden dabei erzählt. Geschichten von tiefen Verletzungen und von umfassenden Zerstörungen. Diese Geschichten werden nicht ausfabuliert, sondern nur angedeutet. Ein Bild sagt hier oft mehr als jeder Dialog, und Text und Bild ergeben in diesen Momenten keine Einheit und können auf diese Weise so viel mehr sagen. Etwa wie dieser Junge, dessen Mutter von ihrem Mann zu Brei geschlagen wird. Damien kann sich dem Jungen ein ganz klein wenig nähern, aber nur ein klein wenig. Damien erkennt sich in diesem Jungen wieder – So war er früher auch einmal. Rebellisch, unangepasst, gewalttätig. Damien möchte gerne helfen, aber irgendwann wird er den Jungen wieder sehen. Vor seinem Schild. Auf der anderen Seite der Kampflinie. Und der Junge ist voller Hass und bereit zu töten. Damien kann niemandem mehr helfen, es will einfach niemand mehr, dass ihm geholfen wird. Sich andern Menschen zu öffnen bedeutet, Schwäche zu zeigen. Und Schwäche bedeutet Angriffsfläche zu bieten. Bedeutet verletzt zu werden. Oder schlimmeres.
Die Stimmung ist bedrückend. Alle Menschen sind entweder aggressiv oder niedergeschlagen. RIOT malt das Bild einer Gesellschaft, die sich längst selbst aufgegeben hat, die von ihren Führern verlassen wurde, und die bereit ist, sich selbst voller Wonne zu zerfleischen. Die wenigen Menschen in dieser Gesellschaft, die bereit wären sich dagegen zu stemmen, werden vom Rausch der Gewalt mitgezogen und gehen unter.

Auf seine Weise ist RIOT ein grauenerregender Film. Er zeigt eine existierende Realität, die man als Filmzuschauer eigentlich ausblenden möchte. Keine mythische Überhöhung heldenhafter Gewalttäter, keine War Machines, kein Eskapismus, sondern die ganz alltägliche Gewalt und ihre entsetzlichen Folgen. Ein Film, der tief unter die Haut geht! Und London kann überall sein …

Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Verfasst: Fr 20. Mär 2026, 06:15
von Maulwurf
Die Logan Verschwörung (Philipp Stölzl, 2012) 6/10

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Expatriates (englisch ausgesprochen, kurz Expats) sind heutzutage zumeist hochqualifizierte Fachleute, die für ihren Arbeitgeber oder eine beauftragende Firma für eine begrenzte Zeit im Ausland leben und arbeiten. Expats sind in allen großen Städten der Welt zu finden, wo sie mittlerweile den Einheimischen oft den bezahlbaren Wohnraum wegnehmen und, bedingt durch ihre meist sehr hohen Gehälter, die Lebenshaltungskosten der Region steigern. Ben Logan ist so ein Expat – Ein Amerikaner, der in Brüssel lebt und dort für eine amerikanische Sicherheitsfirma arbeitet. Doch als er an diesem Morgen unangemeldet in seine Firma kommt sind die Büroräume leer. Der Pförtner ist weg. Auf der Bank können auch rückwirkend keine Gehaltseingänge festgestellt werden. Und sein Mailverlauf der letzten sechs Monate ist fort. Gelöscht. Im Nirvana. Zusammen mit seiner nervig-pubertären Tochter ist Ben gerade am Verzweifeln, als dann gottseidank doch noch ein Kollege auftaucht, feststellt dass die Räume leer sind, und als nächstes Ben eine Pistole in die Seite drückt. Einige Autobahnkilometer später ist der Kollege tot, das Auto Schrott, und das Vater-Tochter-Gespann wird von der belgischen Polizei gesucht. Genauso wie von einer immer größer werdenden Gruppe Profikiller. Da passt es gut, dass Ben sich als Ex-CIA-Killer entpuppt, der den immer härter werdenden Attacken so einiges entgegensetzen kann. Und auch das richtige Gespür dafür besitzt, was hier eventuell gerade schief laufen könnte …

Wenn Amerikaner ihre All-American-Guys nach Europa schicken zum Aufräumen, dann ist das zwar meistens sehr unterhaltsam, aber oft auch ziemlich peinlich. Egal ob FROM PARIS WITH LOVE oder der vielgescholtene TAKEN, die Amis können den Deppen aus der Alten Welt dann mal so richtig zeigen wo der Hammer hängt, und wie man im Land von Freiheit und Demokratie Probleme löst.

Philipp Stölzl allerdings ist Deutscher, der mit BABY und NORDWAND sehr gute und sensible Dramen gedreht hat. Die Hoffnung ist hoch, dass DIE LOGAN VERSCHWÖRUNG endlich mal den Spieß umdreht und aus dem Ein-Amerikaner-in-Europa-Szenario etwas Vernünftiges rausholt. Das Ergebnis ist, nun ja, wie soll ich es sagen … durchwachsen. Auf der einen Seite kann Stölzl mit wirklich erlesener Atmosphäre punkten, mit wunderschönen Bildern der alten Städte Brüssel und Antwerpen, die den nichtssagenden US-amerikanischen Einerlei-Schauplätzen anderer Filme viel Stimmung entgegensetzen können. Auf der Gegenseite ist die Story dann ja doch wieder nur das Übliche: Der beste Ex-Killer im Kampf gegen ganze Todesgeschwader, die ihm und seiner pubertären Tochter (Achtung Zielgruppe!) Übles wollen. Man rennt, man schießt, man tötet, man wird verletzt, man rennt. Kurze Atempause, feinsinnige Gespräche, Hintergründe werden ge- oder erklärt, und dann rennt und schießt man wieder. Aaron Eckhart macht das mindestens so gut oder so schlecht wie z.B. Liam Neeson (um bei TAKEN zu bleiben), nur dass diese typisch amerikanische Überheblichkeit hier angenehmerweise wegfällt. Gleichzeitig hat es Szenen, die ausgesprochen europäische Befindlichkeiten thematisieren. Ich mag mich mal aus dem Fenster lehnen und behaupte, dass ein amerikanischer Regisseur für sowas kein Gespür hätte: nämlich, wenn die beiden Helden in den Brüsseler Slums untertauchen und sich arabischen Einwanderern anvertrauen müssen, sich also plötzlich in einem Hochhaus im Vorort Molenbeek bei einem unverständlichen Ehestreit und in einem fremden Kinderzimmer wiederfinden. Und Molenbeek ist eben kein Chicano-Viertel in South Hollywood, sondern tiefestes, modernes Europa zwischen Islam und Plattenbau. Hier gelingen sehr intensive, berührende Momente, die aber leider schnell wieder vorbeigehen und von Rennen und Schießen abgelöst werden.

DIE LOGAN VERSCHWÖRUNG ist gut, er macht Spaß, er unterhält sehr gut für knappe eineinviertel Stunden, und einen Tag später habe ich Probleme, Teile der Handlung sinnvoll zusammenzufügen. Also dann doch wieder nur ein 08/15-Actioner von der Stange, wenn auch mit einigen wirklich schönen und guten Momenten, einer sehr nervigen Jugendlichen, und einer Lauflänge die exakt zwei Minuten zu lang ist. Nichts Neues also …

Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Verfasst: Mo 23. Mär 2026, 04:47
von Maulwurf
Fantomas gegen Interpol (André Hunebelle, 1965) 7/10

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Das Verbrechergenie Fantomas lässt Wissenschaftler kidnappen, um sich von ihnen eine Superwaffe bauen zu lassen, mit der er die Welt beherrschen kann. Doch er hat nicht mit dem Instinkt des Reporters Fandor gerechnet, und vor allem nicht mit der Hartnäckigkeit Inspektors Juve, Fantomas endlich den Garaus zu machen.

Vor einiger Zeit habe ich Regisseur André Hunebelle die Fähigkeit abgesprochen, ein guter Regisseur gewesen zu sein. FANTOMAS GEGEN INTERPOL bestätigt einmal mehr meine Meinung, dass der Mann auf dem Regiestuhl eine glatte Fehlbesetzung war. Der Film ist eine Nummernrevue ohne saubere Anschlüsse, voller leicht zu vermeidender Fehler, und mit einem etwas seltsamen Timing. Dass der Flick trotzdem erstklassig funktioniert ist einzig und allein Louis de Funès zu verdanken. Und vielleicht dem aufregenden Kleid von Mylène Demongeot. Dem sicher, aber de Funès dreht hier so richtig auf. 1964 war sein Jahr – Fünf Filme dreht er in diesem Jahr, und drei davon wurden riesige Erfolge. DER GENDARM VON ST. TROPEZ, FANTOMAS und SCHARFE SACHEN FÜR MONSIEUR (a.k.a. LOUIS DAS SCHLITZOHR) brachten ihm den lang ersehnten Durchbruch und gleichzeitig die Bestätigung für seine Art Komik. Damit konnte er in seinen Filmen endlich so Gas geben wie er wollte, und FANTOMAS GEGEN INTERPOL lässt ihm da freie Hand. De Funès grimassiert lacht wütet zürnt rast wie ein Berserker, und das Publikum fällt vor Lachen vom Stuhl. Genau so und nicht anders wollen wir den kleinen Giftzwerg sehen, und André Hunebelle war immerhin so klug, den neuen Star des französischen Kinos einfach mal machen zu lassen!

Die Handlung des Films? Ist zu vernachlässigen. Die Schauplätze? Flickwerk, weder Rom noch Paris kommen so richtig zur Geltung. Die Nebendarsteller? Jean Marais ist gleich in drei Rollen zu sehen, und der geniale Höhepunkt kommt, wenn er als Journalist, der sich als Professor verkleidet, als Fantomas mit der gleichen Maske, und als echter Professor in derselben Szene auftritt. Ein großartiger Schauspieler und Komödiant, der hier hinter de Funès zurücktreten muss, und letzten Endes sogar dem Kleid Mylène Demongeots Zoll zahlt. Dieses Kleid, dass die Demongeot bei einem Maskenball anhat, ist trotz seiner Biederkeit ein Versprechen auf heißen und feuchten Sex. Die Demongeot bleibt in diesem Film blass, ihr Kleid nicht.

Und wegen de Funès funktioniert FANTOMAS GEGEN INTERPOL auch heute noch und kann auch heute noch begeistern. Wegen des herausragenden Slapsticks. Und wegen de Funès‘ Komik. Schade, dass er in der deutschen Synchro nicht von seinem (westdeutschen) Stammsprecher Gerd Martienzen sondern von Anton Reimer gesprochen wird, der oft einmal klingt wie ein größenwahnsinniger Feldherr. Aber der überragenden Komik kann das nichts anhaben …

Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Verfasst: Do 26. Mär 2026, 04:54
von Maulwurf
Tatort: Duisburg-Ruhrort (Hajo Gies, 1981) 6/10

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Der Beginn der 80er, mitten im Pott. Das Wetter ist grau, die Häuser sind grau, die Menschen sind grau. In den heruntergekommenen Straßen rund um den Hafen Ruhrort besteht das Leben aus Malochen und Saufen. Die Frauen werden geschlagen, danach gibt es ein paar Bierchen, und gut ist. Man muss sich das Leben ja auch irgendwie schönprügeln. Und mittendrin in diesem grauen und einfachen Leben, zwischen diesen Menschen die aus Resignation und Aggression bestehen, ein Kommissar, der äußerlich gar nicht auffällt. Schimanski von der Kripo, in Parka und alter Jeans, muss nach Ruhrort, um den Fall eines Toten aufzuklären, von dem nicht einmal klar ist, wie er überhaupt gestorben ist. Man weiß nur, dass er keine Frau ausgelassen hat (Doch: Eine. Und die wird mit Schimmi ins Bett gehen), und dass er sich vor seinem Tod geprügelt hat. Schimmi und Thanner ermitteln, und Stück für Stück wird das Leben der Binnenschiffer aufgerollt. Der großartige Mythos ihrer Freiheit und die bittere Realität ihrer tiefen Verschuldung, die dazu führt, dass sie sich nach Nebengeschäften umschauen müssen. Waffen, Drogen, solche Dinge. Die dann auch mal schnell zu Mord und Totschlag führen …

Der Beginn der 80er, mitten im Pott. Punks in Schnellimbissen, Malocher und Rocker in dreckigen Kneipen, zwischen Buletten, Korn und Bier … Und mittendrin eben der Schimanski. Kein deutscher Fernsehkommissar nach altem Gusto, mit fleißigem Ermittlerteam, kernigen Humor und tadellosem Verhalten. 10 Jahre vorher gab es Kressin, den Playboy mit dem Hang zu Alkohol und Frauen, aber der wurde nach wenigen Folgen wieder abgesägt. Trimmel hatte ja auch einen Hang zum Schnäpsken, was in dieser Generation durchaus Usus war. Aber eigentlich waren Fernsehkommissare bis dahin fleißig und aufrecht, die Erik Odes, Horst Tapperts und Siegfried Lowitz‘ waren immer ganz klar auf der Seite von Recht, Ordnung und Sauberkeit, und keine Ermittlung in den Vierteln der besseren Gesellschaft blieb erfolglos. Doch 1981 hatten sich die Zeiten endgültig geändert, Derrick und der Alte waren plötzlich Strandgut des Spießbürgertums, denn nun kam Schimmi. Der alles Scheiße fand, das auch sagte, mit seinen Fäusten auch mal hinlangte, unbeherrscht und fast cholerisch war, und jeder hübschen Frau schöne Augen machte. Und der mit seinem Sidekick Thanner ein skurriles Ermittlerteam bildete, das irgendwo zwischen Loriot’schem Realitätsverlust und altem Ehepaar dahinstritt und –knutschte, und eine ganz neue Fernsehwirklichkeit an den Tag legte. Nicht mehr die Villenvororte Münchens oder die gediegenen Reihenhäuser in Hamburg waren jetzt die Tatorte, nein, hier lag der Tote zwischen Kneipen, schmutzigen Fluss und Regenwetter.

Damals muss die Folge DUISBURG – RUHRORT wie ein (heilsamer) Schock gewirkt haben, zumindest abseits der Kritik und beim Zuschauer. Ich kann mich erinnern, dass meine Eltern zwischen Ungläubigkeit und Amüsement geschwankt haben, aber sie waren auf jeden Fall interessiert. Wie die ganze Fernsehnation interessiert war, immerhin wird der Schimanski-Tatort es auf 27 Folgen, zwei Kinofilme und eine nachfolgende Fernsehserie bringen. Aber das war 1981 noch nicht abzusehen. Da war der Mann in erster Linie ein rüpelnder und saufender Fernsehkommissar, der „Ruhrpott-Rambo“, wie er gerne genannt wurde, der sich über viel konsumiertes Bier und die häufige Benutzung des Wortes „Scheiße“ zu definieren schien. Irgendwie muss im Fernsehen ja ab und an mal aufgeräumt werden.

Die erste Folge ist damit allerdings schon recht gut beschrieben. Trotz einiger recht kniffiger Ermittlungsmethoden (wie Schimmi die Herkunft der Tatwaffe ermittelt ist ausgesprochen raffiniert zu nennen), spielt ein gewisser Teil der Handlung in Kneipen. Und nicht einfach nur in Gaststätten, sondern in richtigen Bierschwemmen. Einfaches Holzmobiliar, gekachelte Tresen, es gibt Lütt und Lüttje und am Tresen Frikadellen unter der Plastikglocke. Wenn die Wirtin hübsch ist bändelt Schimmi entweder mit ihr an oder hatte früher schon mal was mit ihr. Die Szenen zwischen den Kneipen, die ja dann eigentlich die Unterfütterung des Krimis sein sollten, wirken da manchmal merkwürdig wie Füllstoff. Wie die Polizisten auf den Wolf kommen, in dessen Stammkneipe sie dann mit einer größeren Gruppe Rocker zusammenstoßen? Wie der Skipper Wittinger ermittelt wird? Ich habe nicht einmal verstanden, mit welcher Begründung der Film mit dem Verlierer Losse beginnt, dessen Frau mit dem Toten was hatte. Dafür hat es aber eine heftige Actionszene in einem türkischen Lokal, wo plötzlich ein Mann brennt (sehr beeindruckend gemacht!!), vor dem Lokal geprügelt wird, Schimmi sich erst die Töfte in den Mund steckt und dann aus der Deckung springt (man muss schließlich Prioritäten setzen), und dann einen Mann quer durch die Stadt verfolgt, nur um am Ende in einer Wäscherei zusammengeschlagen zu werden. Ach ja, einen wilden, Hollywood-reifen Autostunt hat es auch noch. Regisseur Hajo Gies mag solche Szenen, durfte sie dann später im Kino-Schimanski ZAHN UM ZAHN im größeren Maßstab inszenieren, und hat sichtlich Freude am Aufmischen deutscher TV-Biederkeit. Inhaltlich sinnlos, aber spannend. Auch wenn der inhaltliche Grund für das Gezeigte nicht immer so ganz klar ist.

Dafür kommt der Schluss merkwürdig generisch daher, wie ein Teufelchen aus der Kiste, und der heldenhafte Fernsehkommissar muss einsehen, dass er die Ermittlungen ganz schön versemmelt hat. Zielsicher immer auf den Falschen los, den Richtigen genauso zielsicher übersehen, und lieber einmal mehr voll in die Scheiße greifen als ernsthaft nachdenken. Kein Happy End im klassischen Stil, wo der Kommissar und seine Kollegen dem Täter nachdenklich hinterherschauen, während die Uniformierten mit Tatütata davonbrausen. Stattdessen ein graues und unbefriedigendes Ende, passend zu den traurigen und ernüchternden Bildern aus Duisburg und dem Leben der dortigen Menschen. Ein irgendwie resignierendes Ende, was zu der resignativen Stimmung der Folge ja auch wieder ganz gut passt.

Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Verfasst: So 29. Mär 2026, 06:48
von Maulwurf
Poppea: Die Hure von Rom (Alfonso Brescia, 1972) 2/10

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Was macht es für einen Sinn, einen Erotikfilm um seine Erotikszenen zu kürzen? Ich meine, POPPEA ist im Prinzip eine vollkommen sinnlose und unlustige Aneinanderreihung nicht zusammenhängender Szenen, die von einem Korsett aus Erotikszenen zusammengehalten werden. Und diese Szenen werden dann fast vollständig aus dem Film herausgeschnitten – Was macht das für einen Sinn? Mir ist klar, dass ich damit nicht den Film rezensiere, sondern die Veröffentlichung, aber da POPPEA in Deutschland bis dato noch niemals ungeschnitten veröffentlicht wurde, wird eine objektive Besprechung eher schwierig.

Versuchen wir es mit der Handlung: Die Herumtreiber Ottone und Flavio lassen sich im antiken Rom zu Zeiten Kaiser Neros durch die Stadt treiben, immer auf der Suchen nach Essen und Weibern. Bei einem Zusammenstoß mit ein paar Legionären landen sie als Gladiatoren im Zirkus, wo Ottone aus Versehen Nero das Leben rettet. Fortan steht er bei Nero hoch im Kurs, noch mehr aber bei dessen Gemahlin Poppea, die ganz schnell die Beine für ihn breit macht. Man vögelt sich so durch, keilt sich mit ein paar Germanen, und am Ende brennt Rom, und die beiden Halunken stehen wieder, wie zu Beginn, mittellos irgendwo in der Provinz.

Zwei Herumtreiber. Der eine schlank, relativ gutaussehend und gewitzt, der andere eher korpulent und mit kräftigen Fäusten. Noch Fragen? Diese Konstellation ist und war beliebt, und beliebte Konstellationen werden halt nun mal gemolken bis nichts mehr geht, wobei dieser Nachahmer aus dem Jahr 1972 a) zeitlich schon verdammt nah am Original ist und b) betont unkomisch ist. Die paar wenigen Prügeleien sind kurz und humorlos, die einzelnen Set Pieces größtenteils uninspiriert oder gleich aus älteren Peplums eingefügt, und die Kalauer der deutschen Synchro ausgesprochen bemüht. Über Sätze wie „Ich schreibe Weltgeschichte und Du fickst hier herum“ muss man lachen können, sonst hat man hier von vornherein verloren.

Tja, und dann eben die Erotikszenen. Ottone besteigt alles, was bei drei nicht aus der Toga herauskommt. Nur sehen tut man in der deutschen Fassung davon nichts. Ein ganzes Schwimmbecken voller nackter junger Mädchen? Es bleibt bei der Fantasie. Ottone und Poppea vergnügen sich im Swimming Pool? Ringelreihen ohne Anfassen. Ottone verführt eine germanische Priesterin? Eva Czemerys präsentiert ihre Brüste, das war’s. Darum noch mal die Frage der Ausgangsstellung: Was macht es für einen Sinn, einen Erotikfilm um seine Erotikszenen zu kürzen? Vor allem dann, wenn der komplette Rest des Films dümmlich und anspruchslos bis zum Schmerz ist. Die italienische Wikipedia gibt eine Länge von 93 Minuten an, die deutsche DVD hat 68 Minuten, und die fehlenden 25(!) Minuten dürften den Originaltitel genauso wie auch den deutschen Titel inhaltlich unterfüttern. So aber, in der vorliegenden Fassung, müsste der Film eher heißen ZWEI VOLLTROTTEL UND DER NICHT ZÜNDENDE KALAUER. Eine Bewertung kann in dieser Schnittfassung somit eigentlich kaum gemacht werden, aber ich befürchte, dass auch die Nackt-und-Langfassung das Niveau nicht wirklich heben würde …

Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Verfasst: Mi 1. Apr 2026, 04:53
von Maulwurf
Tatort: Grenzgänger (Ilse Hofmann, 1981) 8/10

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Weil Schimanski mal wieder auf die Dienstvorschriften scheißt und mit seinem alten Kumpel Hollai einen saufen geht, hat dieser jetzt ein Problem. Hollai ist nämlich seit drei Jahren undercover unterwegs, und hat sich das Vertrauen des Gangsterbosses Kessenich erarbeitet. Durch das gemeinsame Bierchen ist die Deckung aufgeflogen, und als Schimanski und Thanner ihren Kollegen bei Kessenich aus dem Keller holen, vermeintlich retten, ist dann die Tarnung endgültig im Arsch. Hollai ist also wieder zurück im regulären Polizeidienst. Akten wälzen, kleine Ganoven verhören, Dienstvorschriften beachten. Aber der Kriminalrat Königsberg weiß, dass Polizisten, die nach langer Zeit aus dem Außendienst zurückkommen, dass die so ihre Probleme haben mit dem Seitenwechsel. Und er vermutet, dass Hollai nicht ganz sauber ist.

Stimmungsbilder aus dem Ruhrpott. Schimmi sitzt auf einer Bank am Fluss, hinter ihm billige Mietshäuser und dreckige Hochöfen, auf der Bank neben ihm ein älterer Mann. Man kommt ins Gespräch, man versteht sich, und der Abend endet bei Opa Friedrich in der gemütlichen Bierschwemme bei reichlich Alkohol und Lustig ist das Zigeunerleben.
Auch schön: Die beiden Kumpels Schimmi und Hollai cruisen im roten Porsche vor dem Thyssen-Stahlwerk auf dem Abraum herum und pflegen ihre Freundschaft. Und einmal kommt sogar die Sonne raus, wenn eine schöne Frau durch die Duisburger Innenstadt geht, und Thanner, Hollai und Schimmi (in dieser Reihenfolge) sie verfolgen. Stimmungsbilder eben …

Aber da ist ja auch noch ein Krimi, immerhin reden wir von einem Tatort. Und dieser Krimi ist in seiner Leichtigkeit und der ständig mitschwingenden Ironie einfach hinreißend. Natürlich ist Hollai ein falscher Fuffziger, und natürlich ist Schimanski (dieses Mal) ein ziemlich guter Polizist, der seine persönlichen Siebensachen im Notfall auch mal zurückstellen und auf seinen feinen Instinkt und seine rüden Methoden setzen kann. Aber wie diese Geschichte umgesetzt wird, das ist einfach … ja, leicht und beschwingt. Nicht so dampfwalzig wie der erste Schimmi-Tatort, sondern mit viel Witz und Zeit für das Nebensächliche inszeniert. Dem Zuschauer ist klar wie der Hase läuft, aber was Hollai hier inszeniert um seinen Plan ausführen zu können, da muss man erst einmal draufkommen.
Ein wenig Action hat es natürlich auch, die Verfolgungsjagd im Parkhaus ist schmackig und spannend, aber vor allem eben auch hier wieder diese Leichtigkeit in der Inszenierung: Gerade eben haben sich Schimmi und Hollai noch geprügelt, aber aus ihrer langen Freundschaft kommen sie einfach nicht raus. Sobald sie bemerken, dass sie verfolgt werden, funktionieren sie sofort wieder als Team. Rein ins Parkhaus, drehen, und den Verfolgern frontal entgegen kommen. Und aufgelöst wird die Szene mit einem lakonischen Witz, wie so viele Szenen hier mit einer heiteren Note enden, ohne dass dabei das Erdige des Falls verloren geht. Meistens sorgt Thanner mit einem Kommentar für Heiterkeit beim Betrachter, und es ist der Regisseurin Ilse Hofmann hoch anzurechnen, dass die Stimmung der Folge dabei in keinster Weise verloren geht. GRENZGÄNGER war übrigens der erste Tatort, der von einer Frau inszeniert wurde!

Vor allem aus heutiger Sicht eine starke Episode: Die Stimmung einer deutschen Industriestadt der frühen 80er, verbandelt mit einem spannenden Krimi, gepaart mit Witz und Ironie, unterlegt mit erstklassiger und stimmiger Rockmusik von Marius Müller-Westernhagen, da kann der ein wenig arg cholerische und um sich schreiende Schimanski auch nicht viel kaputtmachen. Vor allem weil Günter Maria Halmer als Hollai mit seiner kühl-überlegten Art ein perfektes Gegenstück zu dem aufbrausenden Schimmi gibt, und dessen gelegentliche Exzesse somit wunderbar ausbalanciert. GRENZGÄNGER bietet wenig richtige Action, kaum einmal gezückte Waffen und herumrasende Autos, und schon gar keinen Toten, aber trotzdem bleibt die Grundspannung über die komplette Folge erhalten. Ein Fernsehkrimi wie man ihn sich nur wünschen kann.