Seite 72 von 72

Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Verfasst: Di 3. Feb 2026, 04:55
von Maulwurf
Je suis Karl (Christian Schwochow, 2021) 8/10

Netflix.jpg
Netflix.jpg (1.28 KiB) 14 mal betrachtet

Ein junges Mädchen, Maxi Baier, naiv und unerfahren, wie man mit wasweißich 18, 19 Jahren halt so ist, im linksliberalen Milieu großgeworden und mit einiger Reise- und Welterfahrung da deutsche Vater und französische Mutter, Maxi also verliert bei einem Bombenanschlag Mutter, ihr Zuhause, die zwei jüngeren Brüder. Nichts ist mehr so wie es mal war, und das sowieso nie sehr gute Verhältnis zum Vater bricht gleich völlig entzwei, weil der Vater aus der traumatisierten Sichtweise eines 40-jährigen agiert, und Maxi diese typische und natürliche jugendliche We want the world and we want it now-Haltung hat - Ich will nicht abwarten, es muss jetzt was passieren! Maxi lernt einen jungen Mann kennen, Karl, der sich rührend um sie kümmert, der sensibel ist und auf sie Rücksicht nimmt, und der sie seinen Freunden vorstellt. Alles junge Leute, die viel Liebe im Herzen tragen, und die ihr helfen wollen, diese entsetzliche Katastrophe zu überwinden. Junge Europäer, die Musik hören, die diskutieren, die sich Sorgen machen um die Zukunft, die Partys feiern, die lachen, die Liebe machen, die farbige Menschen hassen …

JE SUIS KARL ist kein Film, den man mal eben zwischen Tür und Angel konsumiert, dafür ist er zu intensiv in Darstellung und Sprache. Aber diskussionsfähig ist er, das auf jeden Fall, denn JE SUIS KARL ist in vielerlei Hinsicht ein polarisierender Film. Einer, der so tut, als ob er Position bezieht, diese Position dann als ihr Gegenteil darstellt, und so dem Zuschauer auch mal gerne die Stütze unter dem Hinterteil wegzieht. JE SUIS KARL äußert eine klare politische Aussage, und dies ist ihm unbedingt und ganz hoch anzurechnen.

Maxi überlebt also diesen Bombenanschlag auf ein Mietshaus im Berliner Kiez. Wir sehen das Haus, wir atmen kurz diese Atmosphäre ein, und wir wissen, dass dies ein Haus ist, dessen Bewohner weitgehend aus einem eher linken Milieu stammen dürften. Vielleicht aus der früheren Hausbesetzerszene, in Berlin sicher keine Seltenheit, auf jeden Fall aber wohnen hier Menschen, die eher miteinander als gegeneinander leben. Wir lernen auch, dass das Ziel des Anschlags zufällig ausgewählt wurde, dass es halt irgendein Haus auf dem Kiez getroffen hat, aber kein bestimmtes, was die Sache nur noch schlimmer macht, und wir erfahren zumindest ansatzweise, wer hinter dem Anschlag steckt.

Und an dieser Stelle beginnt dann die Fahrt in eine Szenerie, die man durchaus als Hölle bezeichnen kann. Wir lernen viele junge Menschen aus ganz Europa kennen, die gut drauf sind, die studieren, die Spaß haben wollen, und die in Prag zu einer Art Seminar zusammenkommen. Wir erfahren, dass dort klassische rechte Parolen nicht erwünscht sind, und ganz allmählich setzt sich ein Mosaik zusammen, dass mit jedem Steinchen ein wenig finsterer und gruseliger wird. Karl und seine engsten Freunde sind Reisende in Sachen Faschismus (den man jetzt nicht mehr so nennen darf, weil es „nur noch“ Rechtspopulismus ist, und selbst das würde Karl entrüstet zurückweisen – Er will doch nur ein sauberes und angstfreies Europa.). Hier ein Referendum über die Todesstrafe unterstützen, dort eine Bombe legen … Und dies alles mit einem so unendlich perfiden Plan, einer sehr genau ausgearbeiteten und durchdachten Strategie, dass einem beim Zusehen angst und bange wird. Denn der Film, und hier beginnt die Sache mit der Polarisierung, der Film gibt Karl und seinen Freunden Raum zur Darstellung. Karl kann in vielen klugen Worten referieren, warum er das macht was er macht. Warum er auf ein Europa hinarbeitet, das frei sein soll von Farbigen und Flüchtlingen, und seine Argumente sind dabei, das ist das Hinterhältige, nachvollziehbar und gar nicht falsch. Jeder, der einmal spät abends durch die Fußgängerzone gelaufen ist, weiß, was Karl meint, und wird ihm zustimmen. Karl ist kein Eiferer, der über Ausländer schimpft, über Juden herzieht und der (klassische) Nazis toll findet. Und vor allem ist Karl kein glatzköpfiges und baseballschläger-schwingendes Ungetüm. Im Gegenteil, Karl ist gutaussehend, er hat Charisma, er kann sehr gut reden und argumentieren, er geht auf sein Gegenüber ein, und verdreht dessen Argumente in das eigene Weltbild, so dass dem Gegenüber eigentlich kaum eine Möglichkeit bleibt, Karl NICHT zuzustimmen. Karl möchte, dass junge Frauen beim Joggen angstfrei sind. Dass es keine terroristischen Anschläge durch traumatisierte Asylbewerber gibt. Dass sich alle Menschen in Europa sicher fühlen können. Und ich möchte denjenigen sehen, der sich diesen Worten verweigern kann.

Der Film geht aber noch weiter, und wir sehen, was hinter Karls schönen Worten steckt. Die Wirklichkeit hinter seinem Politikergesicht, die so ganz anders ausschaut als die Sonntagsrede vor der laufenden Kamera. Und diese (filmische) Wirklichkeit wirft ein düsteres und fragwürdiges Licht auf viele der terroristischen Anschläge in der Realität der letzten Jahre. Ob das beabsichtigt ist weiß ich nicht, aber tatsächlich wirft der Film die Frage auf, ob hinter den Amokfahrten auf Weihnachtsmärkte wirklich „nur“ Ausländer stecken, die vom zügellosen Leben in der westlichen Freiheit die Schnauze voll hatten. Oder ob möglicherweise etwas anderes dahintersteckte. Wer sich mit der Geschichte des Terrorismus in Italien in den 1970ern beschäftigt wird wissen worauf ich hinaus will: Die sicherheitspolitische Kunst, Anschläge selber auszuführen, und sie politischen Gegnern in die Schuhe zu schieben. Erst am Ende des Films fällt die Maske, und das, was wir dort sehen, ist so grauenhaft und leider auch real – Oder wurde bereits vergessen, was im Juli 2025 in Southport und anderen englischen Städten passiert ist? Leider hat JE SUIS KARL hier prophetische Bilder gezeigt, die tief unter die Haut gehen, und die wirklich Angst machen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Teile der arrivierten Filmkritik gerade diese Szenen bei Erscheinen des Films 2021 als aufgesetzt und unrealistisch bezeichneten …

Es ist klar, dass dieses Vorgehen Diskussionen hervorruft. Viele werden Karls Argumenten folgen, gerade WEIL sie Angst haben in der Fußgängerzone, in der späten Straßenbahn, oder halt generell im Merz’schen Stadtbild. Viele werden auch sagen, dass Karl nicht falsch liegt, und dass vielleicht die Methoden nicht richtig sind, aber die Zielsetzung passt. Und dass das Ende des Films Phantasterei ist. Ist das so? Sind die Straßenkämpfe in Southport vielleicht niemals geschehen, und nur eine Erfindung der oft propagierten Lügenpresse? Als Hitler 1933 an die Macht kam war das gesammelte Bürgertum Deutschlands der festen Überzeugung, dass der Mann jetzt mit dem Gesindel aufräumen, und danach wieder von der Bildfläche verschwindet wird…

Auch filmisch kann JE SUIS KARL aus verschiedenen Positionen gesehen werden. Die Rückblende, die die Identität des wahren Bombenlegers offenlegt, war mir persönlich zu Beginn zu früh im Film angesiedelt. Ich hätte mir, ursprünglich, ein längeres Hineinrutschen in die rechte Szene gewünscht, ohne dabei zu wissen, wer der wahre Bombenleger ist, und als Zuschauer gleichzeitig und zusammen mit Maxi die Wahrheit aufzudecken. Irgendwann habe ich dann aber erkannt, dass der frühe Zeitpunkt dieser Rückblende Sinn macht, denn so können das offizielle Gesicht und die wahre Politik Karls gleichzeitig gezeigt werden; ist es möglich, die Menschenverachtung und den Hass dieser Aktivisten umso intensiver und tiefer mitzuteilen. Und dies sogar, wie bei einem Splitscreen, zur gleichen Zeit, denn wir hören Karls Worte, mit Kreide im Maul, und wir sehen dabei seine Taten, mit der Massenvernichtung in der Hand. Ein Punkt für den klugen Drehbuchautor, denn nur so kann der Zuschauer Karl und seine Freunde frühzeitig identifizieren als das, was sie sind: Menschenfressende Wölfe im kuscheligen Schafspelz! Eine Alternative, die in die Hölle führt …
Cineastisch ist trotzdem nicht immer alles so wie es sein könnte. Und damit meine ich nicht nur die nervige Wackelkamera zu Beginn, genauso wenig wie die filmisch nicht überzeugende Figur des Yussuf, dessen einzige Aufgabe, nämlich Maxis Vater nach Straßburg zu bringen, möglicherweise auch anders hätte bewerkstelligt werden können. Nein, was ich meine ist, dass der Film vielleicht 10 oder 15 Minuten zu lang ist. Dass manche Szenen zu lang ausgewälzt wurden, wie die traumatische Verwirrung des Vaters in Berlin, oder der Beischlaf Maxis mit Karls. Die Szenen im Club gehen unter die Haut, wenn alle Schafe beim entsprechenden Song „In den Krieg, in den Krieg“ skandieren, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben was sie da eigentlich bejubeln, aber auch diese Szenen, die die leichte Verführbarkeit der Jugend illustrieren sollen, leiden ein klein wenig am suboptimalen Timing. Hier hätte etwas Straffung besser getan, um von der eigentlichen Geschichte nicht abzulenken, und den Fokus dorthin zu setzen, wo er eigentlich hingehört: Auf die Strategie der Volksverhetzer und sogenannten Populisten, die unter dem Mantel der Völkerverständigung und mit Worten, die gut klingen, einen wahren Kern und grauenhafte Konsequenzen haben, zu schrecklichen Dingen anzustiften, und Grauen und Hass zwischen den Menschen verbreiten. Und ganz ehrlich, ich könnte mir auch gut einen anderen Schluss vorstellen. Einen der wesentlich düsterer ist …

JE SUIS KARL ist ein guter und wichtiger Film, der nach seinem Erscheinen sicher für viele Diskussionen gesorgt haben dürfte. Schade, dass einige Jahre später diese Diskussionen zu Ende geführt scheinen, und die Elons Musks und Tommy Robinsons dieser Welt immer mehr auf dem Vormarsch sind, während die Albert Schweitzers und Erich Fromms zunehmend verschwinden. Zusammen mit Dennis Gansels DIE WELLE von 2008 sollte JE SUIS KARL eigentlich in allen Schulen im Staatskundeunterricht gezeigt werden, bevor gerade solche Filme irgendwann verboten oder sogar verbrannt werden …

-----------------------------------------

Vielen Dank an meinen Freund Richie Pistilli von Italo-Cinema, der den Text gegengelesen und mich auf kleine hässliche Fehler aufmerksam gemacht hat :thup: