Was vom Tage übrigblieb ...

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Moderator: jogiwan

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Maulwurf
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Re: Was vom Tage übrigblieb ...

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Le bijou d’amour (Patrice Rhomm, 1978) 5/10

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Gomm, der junge Mann aus der Stadt, wird von einem reichen Sonderling in sein abgelegenes Herrenhaus eingeladen. Auf dem Weg dorthin passieren ihm bereits merkwürdige Dinge, unter anderem bettelt eine Frau, direkt neben einem Friedhof, darum, mit ihm schlafen zu dürfen, wenn er ihr im Gegenzug einen Ring abkaufen würde. Und der örtliche Gastwirt warnt Gomm dringend davor, zu de Baal zu fahren, Gomms Ziel. Später, in de Baals Haus, reißen die seltsamen Ereignisse nicht ab: de Baal wird erst später für Gomm bereit stehen, das Zimmermädchen reißt sich darum, Gomm ein Bad inklusive gründlicher Einseifung anzubieten, und außer de Baal leben noch drei weitere junge Frauen in dem Haus, die an Gomm sehr intensiv interessiert sind. Nur an seinem Körper? Und welche Rolle spielt der geheimnisvolle Ring der Frau vom Friedhof?

Kommt das bekannt vor? Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob Regisseur und Drehbuchautor Patrice Rhomm wirklich eine SC(?)-Fassung von NOSFERATU drehen wollte, aber es sieht ganz so aus als ob. Wobei der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte der erwähnte Ring ist. Angeblich hat der Ring einst Casanova gehört – Er steigert die Sexualkraft seines Besitzers fünf Tage lang, danach wird der Unglückliche bis zum Tode ausgelaugt. Die einzige Möglichkeit dem Fluch zu entkommen ist, ihn zu verkaufen, aber der Preis steigt mit jeder Veräußerung. Die Macht des Ringes zeigt sich darin, dass jede Frau, die ihre Hand auf Gomms Hand legt, umgehend mit ihm schläft. Oder ist das vielleicht nur ein Trugbild? Immerhin finden diese Szenen immer in einer (viel zu hell ausgeleuchteten) Höhle statt, wo von einer schattenhaften Figur im Hintergrund ein Grab geschaufelt wird …

Aber sei gewarnt, unvorsichtiger Zuschauer, der Du nun einen Mysterienthriller der nackten Art erwartest. LE BIJOU D’AMOUR ist nicht das was Du denkst! Vielmehr treiben sich hier eher unattraktive Damen in eigenartiger Unterwäsche in grell beleuchteten und gar schrecklich anzusehenden Kulissen herum, rubbeln sich regelmäßig die Katz, und versuchen, dem Helden unter Vermeidung jeglicher schauspielerischer Anwandlung an die Wäsche zu gehen. Der Held wiederum hat den Charme eines jungen Hugh Grant, was den Film allen Ernstes rettet, denn die Damen sind sicher nicht diejenigen Damen, wegen denen man so einen Film anschaut. Zwar sind mit Danièle Troeger und Pamela Stansford auch oft und gern gesehene Gesichter (?) dabei, und auch Myriam Watteau dürfte dem ein oder anderen aus Rollins FASCINATION bekannt sein. Aber außer Brigitte Lahaie, die zu Beginn einen angezogenen 2-Minuten-Auftritt hat, verausgabt sich hier keine der Aktricen, und auch ein schwungvoll dargebotener Tanz gerät schnell einmal in das Fahrwasser der Lächerlichkeit. Die Musik von Daniel White, die zugegeben sehr gut passt, hat man als Jess Franco-Fan auch schon einige Male zu oft gehört, und spätestens am Ende des Films, wenn die Handlung Sprünge macht wie bei einer 8mm-Fassung für das Heimkino, spätestens dann fragt man sich, ob nicht eine eventuell vorhandene HC-Fassung mehr Freude bereitet hätte.

LE BIJOUX D’AMOUR ist beileibe nicht schlecht, dank Jacques Manteil, dank der überbordenden Phantasie Patrice Rhomms, und dank der sanft-angenehmen Stimmung des Films. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass er wirklich gut ist. Für eine angenehme Berieselung nach einem harten Tag taugt er allemal, Hardcore-Fans allerdings seien vor ernsthafter Langeweile gewarnt …
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Maulwurf
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Hexen bis aufs Blut gequält (Michael Armstrong & Adrian Hoven, 1969) 6/10

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HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT ist ein Film, so recht nach dem Geschmack eines jeden Exploitation- und Schmuddel-Fans. Die Story ist soweit so schlicht und nichts Neues: Der große und gerechte Hexenjäger Cumberland kommt in die Stadt und bläst dem bisherigen Hexenjäger Albino mal so richtig den Marsch, nämlich in dem er das Foltern und Quälen mit Stil und Grandezza versieht, das Töten also gewissermaßen adelt. Probleme entstehen, als sich Cumberlands Beisitzer Christian in die mutmaßliche Hexe Vanessa verliebt, und gleichzeitig beobachten muss, wie sein gerechter und weiser Mentor Cumberland den miesen Albino ermordet. Kill your Idols …
Aber was Produzent und Teil-Regisseur Adrian Hoven aus der kleinen Geschichte mit einem vernünftigen Budget Großartiges heraus holt, das ist tatsächlich gelungen zu nennen. Wunderschöne Kulissen (Tipp für den nächsten Urlaub: Drehortsuche auf Schloss Moosham im Lungau, Salzburger Land), starke Schauspieler die alles geben, eine träumerische und den Film punktgenau unterstützende Musik von Schlagersänger Michael Holm …Dazu bitterböse Hiebe auf die Rolle der Kirche während der Zeit der Hexenprozesse und deren Korruptheit auch im ganz alltäglichen Gebaren, was gemeinsam mit der deutlichen Verquickung von Kirche und Adel zu einem Stoßgebet des Zuschauers führt, nicht in diesen Zeiten gelebt haben zu müssen.

Allein mich persönlich haben die auch heute noch üblen Folterszenen in hohem Maße abgestoßen. www.die-besten-horrorfilme.de urteilte über den Film „… allein durch die exzessive, selbstzweckhafte, schamlose Brutalität, die den Film von vorn bis hinten ausfüllt, vermag er durchaus auch heute noch zu schockieren.“, und das kann ich so auch unterschreiben. Auf der einen Seite die romantische und liebliche Liebesgeschichte zwischen Christian und Vanessa, die in ihrer Herz-Schmerz-Optik fast an Heimatfilme erinnert, auf der anderen Seite dann Szenen von Folterungen, die alles andere als unterhaltsam sind, und einen tatsächlich zum Wegschauen bringen. HEXEN.. bietet einiges an Magenschwingern und läuft somit, wie es ein Freund bereits einmal feststellte, nicht unbedingt unter dem Begriff Unterhaltung. Gut ist der Film, auf jeden Fall, aber meine persönliche Schmerzgrenze wurde doch ein paar Mal überschritten …
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Maulwurf
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Couples voyeurs et fesseurs (Francis Leroi, 1977) 7/10

Irgendwo in den Tiefen des Internets begraben.jpg
Irgendwo in den Tiefen des Internets begraben.jpg (7.4 KiB) 194 mal betrachtet

Was wäre wohl nach dem Jahr 2000 aus folgender Handlung für ein Porno zusammengeschustert worden: Das Paar Henri und Hélène langweilt sich beim Sex ziemlich. Bis zu dem Tag, an dem sie entdecken, dass im Haus gegenüber ein Ehepaar sich damit verlustiert, die erwachsene Tochter auf den Hintern zu schlagen. Henri und Hélène macht allein schon das Zuschauen ganz furchtbar an, also besorgen sie sich eine Kameraausrüstung und filmen das Sexualleben der Nachbarn. Weil ihnen das heimliche Zuschauen zunehmend mehr Spaß macht, fahren sie aus Neugier mit dem Auto in die Peripherie der Stadt und beäugen dort Liebespaare im Auto, wodurch sie die Bekanntschaft von André machen, der sich als Swinger versteht, die beiden ganz spontan zu einer Orgie einlädt, und anschließend mit geschenktem Sexspielzeug wieder nach Hause schickt, wo die Nachbarn beim Abrichten der eigenen Tochter derweil immer neue und heftigere Wege gehen. Bis zu dem Tag, an dem die Nachbarn die Voyeure entdecken …

Nach dem Jahr 2000 wäre das ein zweieinhalb Stunden langer, athletischer Dauerfick geworden, der einen ganzen Haufen künstlich aufgebrezelter Tussis mit dem plakativ schmerzvollen Sexualleben asozial aussehender Bodybuilder konfrontiert hätte. Künstlich, langweilig, überflüssig.
Doch was hat ein Könner wie Francis Leroi in der goldenen Zeit des europäischen Pornos nicht alles aus so einem Stoff herausgeholt! Schon gleich zu Beginn wähnt man sich in einem italienischen Giallo, wenn ein Unbekannter in Lederhandschuhen die Voyeure belauert, und dazu unheilvolle Musik eine sinistere und mysteriöse Stimmung zaubert. Dabei sind Henri und Hélène genauso wie ihre Nachbarn ganz normal gebaute Menschen, die halt einfach an ihrem 08/15-Sexualleben herumlaborieren und neue Wege beschreiten wollen. Das, was die Nachbarin und ihr Mann mit der Tochter Cathy treiben, mag aus Sicht des heutigen politisch korrekten Zeitgeistes vielleicht ein absolutes No-Go sein, wobei man freilich nicht übersehen darf, dass inzestuöse „Handlungen“ in Pornos schon immer beliebt waren. Aber es ist sexy, es ist erstklassig gefilmt, und die Frage, ob Cathy das freiwillig tut oder gezwungen, stellt sich zwar dem heutigen Betrachter schon des Öfteren in den Weg, wird aber bis zum Ende des Films nicht wirklich zufriedenstellend aufgelöst. Abgesehen davon reden wir hier von einem Sexfilm aus dem 70ern, und da kann man 50 moralgeänderte Jahre später gestellte Fragen zur sozialen Verantwortung des Geschlechterdiskurses auch vielleicht mal für 90 Minuten hintan stellen …

Herausragend bei COUPLES VOYEURS ET FESSEURS ist dabei nicht nur das Zusammenspiel aus Musik und Bild, sondern was Kamera und vor allem Schnitt dabei zaubern, das ist pornografische Filmkunst auf höchstem erotischem Niveau:
Vorne befriedigt Hélène sich selbst und/oder ihren Henri, während im Hintergrund, im Monitor der Kamera, Cathy den Hintern versohlt bekommt. Dadurch, dass das Spanking dabei fast immer ohne Ton gezeigt wird, schließlich findet die Beobachtung ja nur mit einer „tauben“ Kamera statt, gewinnen die Szenen eine zunehmend abstraktere und gleichzeitig sinnlichere Dimension. Spannend und sehr erotisch ist es auch, wenn Cathy ihrem Vater und als Parallelmontage Hélène ihrem Henri einen bläst – Beide Damen in getrennten Wohnungen machen gleichzeitig die gleichen Dinge und haben gleichzeitig einen Höhepunkt, was grafisch sehr schön gelöst ist und ausgesprochen erotisch rüberkommt.
Gleichzeitig hat es dann aber auch immer wieder den Handschuhträger, der anonym in einem Auto sitzt, Zigaretten raucht, und dessen Rolle lange Zeit nicht klar ist. Ein weiterer Voyeur? Ein Vergewaltiger? Ein Polizist? Jemand der übles plant? Die Stimmung des Films pendelt damit und dank der überragenden Musik immer wieder zwischen einem angedeuteten Thriller und dem tatsächlichen Porno, was zu einer, in einem Sexfilm sehr ungewohnten, inneren Spannung führt.

Der Film ist auf jeden Fall ausgesprochen sehenswert, und man darf sich von dem völlig idiotischen Titel der deutschen DVD-Veröffentlichung SEX MANIACS 2 nicht abschrecken lassen. Die Übersetzung des Originaltitels „Zungenspiele“ klingt diesem wirklich schönen Film doch gleich viel angemessener.
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Maulwurf
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Code 46 (Michael Winterbottom, 2003) 7/10

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Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass bei Menschen, die sich auf Anhieb gut verstehen, der Genpool zu großen Teilen identisch ist. Freunde sind also deswegen Freunde, weil ihre Gene sich ähneln. CODE 46 geht einen Schritt weiter und baut auf dieser Grundlage einen Film auf: Es ist weltweit verboten, zu jemandem eine körperliche Beziehung aufzubauen, der das gleiche Genmaterial hat. Eine solche Beziehung wird nach der Nummer des Gesetzes als Code 46 bezeichnet. In dieser zukünftigen Welt leben die Menschen gut bewacht in Städten, dazwischen ist nur Wüste (also zwischen den Städten, aber oft genug auch zwischen den Menschen), Lebensraum für Ausgestoßene und Verbannte. Reisen sind nur möglich mit sogenannten Papeles (spanisch für Papiere), die für eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort Schutz geben. In Shanghai sind gefälschte Papeles aufgetaucht, und der Ermittler William reist von London dorthin um den Übeltäter zu finden. Das gelingt ihm auch sehr schnell, aber er verliebt sich in die junge und geistig unglaublich freie Fälscherin, Maria Gonzales. Er schützt sie und schläft mit ihr, was aber überraschenderweise(?) zu einem Code 46-Problem führt …

Irgendwie musste ich bei der Sichtung oft an den BLADE RUNNER denken. Nicht die düstere und verregnete Stimmung, nicht die Replikanten und schon gar nicht die Gewalt. Aber das Grundsetting ist so ausgesprochen ähnlich: Die Menschen die in Großstädten leben. Die nebeneinanderher leben. Die ihre Arbeit machen und in Wohnsilos vor sich hin vegetieren. Die keinen Lebensinhalt haben außer demjenigen, für eine anonyme Firma zu arbeiten und sich abends sinnlos zu vergnügen. Die ihr Leben hinter Mauern und in geschlossenen Räumen führen, ohne zu wissen was Natur ist. Und wenn sie nicht das tun was vorgeschrieben ist, verlieren sie den Schutz der Gesellschaft und müssen raus in die Wüste. DER BLADE RUNNER endet in der deutschen Kinoversion mit der Flucht des Ermittlers Harrison Fords aus der Stadt, gemeinsam mit einer Replikantin in die er sich verliebt hat. Ein Mann, mehr oder weniger mächtig und stark, der seine Pflicht aufgibt und sein bisheriges Leben fortwirft um seinem Herzen zu folgen und etwas zu tun was verfemt ist. Sicheren Grund verlässt um frei zu sein. CODE 46 hat die gleiche Grundhandlung. Auch hier wird der trickreiche und abgeklärte Ermittler von einer Frau, deren physischer Präsenz er restlos erliegt, zu einer anderen Lebenseinstellung gebracht. Job, Frau, Kind – Alles egal, Hauptsache mit der Geliebten zusammen sein. Reisen, frei sein, Liebe machen, von einem Tag auf den anderen leben, keine Sicherheiten mehr haben, dafür aber im Bewusstsein, Liebe zu erleben. Geliebt zu werden ohne Wenn und Aber …

Leicht macht es CODE 46 dem Zuschauer dabei nicht. Er verkleidet sich geschickt als Science Fiction-Film mit einem leicht dystopischen Ansatz, und dabei steckt unter der angedeuteten Anklage der modernen Welt doch nur eine überaus romantisch-dunkle Liebesgeschichte. Die Story eines Mannes, der sich selbst aufgibt um sich neu zu entdecken. In wunderschönen und ruhigen Bildern, untermalt von einer perfekt-stimmigen Musik, schweben die Schauspieler scheinbar mühelos durch die urbanen Albtraumgebilde aus Highways, Hochhäusern und Bars, lachen miteinander, necken sich, treffen Bekannte, lernen sich kennen, und verlieben sich ineinander. Die Chemie zwischen Tim Robbins und Samantha Morton scheint perfekt zu sein, was eine spürbare Intimität zwischen den Figuren ergibt. Das Miteinander von Tim und Samantha, von William und Maria, ist unglaublich und trägt den gesamten Film. Der Höhepunkt ist dabei der Liebesakt, wenn wir aus der POV-Perspektive das Gesicht Marias sehen, und nur ihr Gesicht, während sie Liebe mit William macht und sich einfach wohl fühlt. Ein so tiefgehender und emotionaler Moment, wie ich ihn schon lange nicht mehr in einem Film gesehen habe!

Man sollte also vor der Sichtung ungefähr wissen was auf einen zukommt, damit Enttäuschungen vermieden werden. Ich persönlich hatte etwas ganz anderes erwartet und habe entsprechend lange gebraucht um zu merken, dass CODE 46 eine kleine Sternstunde des modernen Films ist. Michael Winterbottom traut sich, tief in den Protagonisten verborgene Emotionen zu zeigen, und er bringt seine Schauspieler dazu, wahrhaftig zu sein, und diese verborgenen Emotionen nach außen zu tragen, was zu sehr intensiven Momenten führt.

Ich lehne mich mal aus dem Fenster und wage zu behaupten, dass es gar nicht möglich sein dürfte, mit nur einer Sichtung alles zu erfassen was in diesem Film steckt. So viel Gefühl, aber auch so viel geschickt versteckte Zeigefinger, die auf Missstände in der heutigen schnelllebigen und vergnügungssüchtigen Gesellschaft zeigen, deren logische Fortführung hier dargestellt wird. Doch vor allem die Leichtigkeit und das Sentiment, dem sich die Geschichte jederzeit gerne unterordnet, diese beiden erzeugen zusammen mit der lockeren Kameraführung einen flüssig dahingleitenden Strom von Bildern und Gefühlen, die den Zuschauer kaum merklich in ihren Bann schlagen und ihm zeigen: Steh zu Deinen Gefühlen! Lass Dich von der Maschinerie nicht unterbringen. Rebelliere nicht offen, da kannst Du nur verlieren, sondern steh zu Deinem Innersten. Lebe. Und liebe …
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Maulwurf
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Weiße Westen für Ganoven (Roberto Fizz, 1968) 6/10

Irgendwo in den Tiefen des Internets begraben.jpg
Irgendwo in den Tiefen des Internets begraben.jpg (7.4 KiB) 152 mal betrachtet

Eigentlich ist die Idee klasse: Statt eine Bank mit Waffen und Ratatatata und Polizei und so zu überfallen, oder statt mühsam einen Tunnel oder ähnliches zu buddeln und am Ende doch nur im Kittchen wieder an die Oberfläche zu kommen, stattdessen werden einfach die Bankangestellten durch Doppelgänger ersetzt, und so kann in der Mittagspause mühelos mal eben der begehrte Safeinhalt mitgenommen werden. Natürlich ist auf die Einhaltung der kleinen Besonderheiten zu achten: Der Angestellte Guinet etwa trinkt ausschließlich Wasser, und dieses nur unverdünnt („Was? Wasser ohne Whisky?“). Doch dass die hübsche Miss Helman eine heiße Affäre mit dem Bankdirektor hat, das war vorher nicht bekannt. Genauso wenig wie der Umstand, dass die Haushälterin Signora Molden heute trotz ihres freien Tages in die Villa des Drahtziehers hereinschneit, weil die Bienenkönigin gebiert. Wo doch im Keller neben dem Bienenstock die Geiseln … Viele Probleme die gelöst werden wollen, doch die partout nicht zu aller Zufriedenheit gelöst werden können …

Das klingt eigentlich recht knuffig, und ich gebe gerne zu, dass ein paar Lacher auf jeden Fall dabei sind. Eine typische Spät-60er-Gaunerkomödie mit einem großartigen Cast, da sollte man doch eigentlich meinen, dass kaum etwas schief gehen könnte. Aber im Großen und Ganzen ist WEISSE WESTEN FÜR GANOVEN eher im gesunden Mittelmaß anzusiedeln. Das Timing stimmt nicht immer, einige Gags brennen schon auf sehr betonter Sparflamme, und das großartige komödiantische Genie eines Adolfo Celi, der hier eine Doppelrolle hat und in einer geradezu exhibitionistischen Szene gleich fünfmal auf dem Bildschirm zu sehen ist, dieses Genie wird leider viel zu wenig genutzt. Regisseur Roberto Fizz hat halt einfach eine andere Profession gehabt, nämlich diejenige, Regieassistenz zu sein. Bei BLUTRAUSCH – DRECKIGE WÖLFE führt ihn die IMDB immerhin noch als Second Unit-Regisseur, aber ansonsten zeigt WEISSE WESTEN FÜR GANOVEN recht deutlich, warum der Mann keine führenden Aufgaben bekommen hat: Es hakt halt einfach bei der Umsetzung von Problemen, die partout nicht zu aller Zufriedenheit gelöst werden konnte. Auch nicht unbedingt zur Zufriedenheit des Zuschauers …

Ich meine, die Idee des Bankraubes ist witzig. Die Umsetzung funktioniert auch relativ gut, wenngleich die Sprünge in der Erzählung etwas eigen gesetzt werden, und der Schluss bzw. die Pointe der Story ist grandios – allerdings nicht grandios erzählt, da fehlt einfach der Esprit. So eine großartige Idee ist halt auch großartig in Szene zu setzen, aber stattdessen dümpelt das Ganze einfach ein wenig vor sich hin, hier und da werden ein paar Farbspritzer verteilt, und es reicht um gute Laune zu erzeugen und den Zuschauer am Langweilen zu hindern. Aber so richtig zünden tut es eben nicht. Schade, gute Idee mit magerer Umsetzung …
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Freistatt (Marc Brummund, 2015) 8/10

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Und wenn Du nicht artig bist, kommst Du ins Heim. Gibt es in meiner Generation jemanden, der diesen Spruch nicht kennt? Der selbst von liebevollsten Eltern diesen Satz nicht ab und an gehört hat, in den 60ern oder 70ern des vergangenen Jahrhunderts?

Wolfgang hat zwar eine liebevolle Mutter, aber sein Stiefvater will ihn los sein. Und da Wolfgang von Grund auf rebellisch ist, wie so viele Jugendliche zwischen 14 und 18, schickt er Wolfgang ins Heim. Das bedeutet Prügel, jederzeit und ohne Grund. Das bedeutet Zwangsarbeit im Moor beim Torfstechen. Das bedeutet Appellstehen auf dem Hof. Kein Abendessen für alle beim Fehlverhalten Einzelner. Und immer wieder Schläge und Prügel, immer wieder Gewalt. Wolfgang ist hart, Wolfgang ist knallhart, und er lässt sich nicht brechen. Er bettelt um Schläge, und wenn er sie bekommen hat tritt er stahlhart zurück und bekommt daraufhin wieder Schläge. Aber auch Wolfgang kann die seelische und körperliche Folter nicht ewig ertragen, und zusammen mit seinem Zuträger Anton flüchtet er. Doch wohin kann ein 16-jähriger Heiminsasse flüchten? Die Autoritätspersonen haben Ansehen und Recht sowieso immer auf ihrer Seite …

Und aus diesem Grund wird es auch weiterhin die Gewalt sein, die den Alltag Wolfgangs bestimmt. Die Prügel mit der kleinen Peitsche, auch mal ein Schlag mit dem Spaten, oder, in ganz aussichtslosen Fällen, das Aufhängen in groben Hanfseilen, die sich dann unter dem Gewicht des eigenen Körpers immer tiefer ins Fleisch schneiden. Folter wird so etwas genannt. Oder Erziehungsmaßnahme, je nachdem, an welchem Ende des sozialen Spektrums der Sprecher verortet wird. Und Gewalt erzeugt Gegengewalt, das ist nichts Neues. Wolfgang wird systematisch zu einem Menschen erzogen, dessen Sprache Gewalt sein wird. Wo das hinführt? Das sehen wir ziemlich am Ende, wenn der spaßige Griff nach Wolfgangs Kuchen in einer gebrochenen Nase endet. Und auch der Name Hanebuth fällt gegen Ende des Films sicher nicht zufällig.

Es ist aber nicht nur die massive körperliche Gewalt, vielmehr hat die seelische Gewalt den Löwenanteil daran, dass der Film kaum erträglich ist. Der Gruppenzwang als Mittel zur Unterdrückung mag nichts Neues sein, und ist in gedrillten Gemeinschaften aus gutem Grund schon seit Jahrhunderten Mittel zum Zweck, was ihn aber immer noch nicht erträglicher macht; und auch das permanente Antreiben der Häftlinge, Verzeihung, Zöglinge, unter Verwendung ständiger Erniedrigungen, mag vielleicht Usus sein in Straflagern. Gerade durch die Arbeit im Moor, das Torfstechen unter schwersten Bedingungen, und das von den Jugendlichen gesungene Lied „Wir sind die Moorsoldaten ..:“, werden Assoziationen zu Konzentrationslagern aufgebaut; ob das nun berechtigt sein mag oder nicht, allein durch diese Gedankenverbindung kann sich dem Zuschauer schnell der Magen umdrehen. Und wir reden hier, nur zur Erinnerung, immer noch von Jugendlichen. Von jungen halbwüchsigen Männern zwischen, ich sag mal, dreizehn und achtzehn, die in einer rebellischen Zeit einen Hang zum Widerwort hatten, und dadurch im sozialen Raster ganz schnell nach unten durchgereicht wurden. Bis hin eben zu den sogenannten Erziehungsheimen, die sich hier als Straflager mit Zwangsarbeit präsentieren, und für die die Verantwortlichen auch heute noch lebenlänglich weggesperrt gehören. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Heimleiter im Film, den wir recht früh kennenlernen, und der auch bis zum Ende ein zuverlässiger Begleiter des Zuschauers ist, dassddieser Mann sonderlich unrealistisch dargestellt ist. Das Wort Kotzbrocken wäre für so eine Kreatur noch ein Kosename, und dessen Macht gegenüber den „Schutzbefohlenen“ lässt auch im friedlichen Zuschauer schnell Gewaltphantasien wach werden ...

Ich schrieb oben bereits, dass der Film kaum erträglich ist. Die ganze Stimmung, die Gewalt, alles was nur auf das Zerbrechen von Persönlichkeiten ausgerichtet ist, das ist schon beim Zuschauen kaum auszuhalten, und das Wissen, dass diese Vorgänge tatsächlich stattgefunden haben, im deutschsprachigen Raum teilweise auch erst vor wenigen Jahren, macht es nicht besser. FREISTATT ist sehr hartes Brot, und das Zuschauen tut stellenweise verdammt weh. Ein Grund mehr, ihn anzuschauen. Schwer zu schlucken. Und darüber nachzudenken, wie gut es einem geht. Barry Levinsons thematisch sehr naher SLEEPERS ist schon ein bitterer Film, aber FREISTATT toppt diesen durch den Schauplatz in Deutschland, durch seine Heimatbezogenheit und die Umgebung und die Details, die uns alle hier wohlvertraut sind. Ein Film zum hinterher schlecht schlafen …


Zum tieferen Verständnis:
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Moorsoldaten
https://www.watson.ch/blogs/sektenblog/ ... e-dahinter
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Hexy L’Amour (Hans Billian, 1977) 6/10

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Irgendwo in den Tiefen des Internets begraben.jpg (7.4 KiB) 123 mal betrachtet

Die Loop-Pornos aus den 70ern hatten nicht viel Handlung, da lag die Priorität auf anderen Dingen. So auch hier: Im Nachtclub werden die Tänzerinnen versteigert. Die glücklichen Männer dürfen es dann mit den Damen vor dem Publikum treiben und ihre Wünsche und Träume wahr werden lassen: Einmal mit Patricia Rhomberg …

Einfach gehalten (bei knapp 20 Minuten Laufzeit kann sich keine wirkliche komplexe Geschichte entfalten. Soll ja auch gar nicht!), hübsch gemacht, und dank des verfügbaren dumpfen Tones bekommt man die vermutlich äußerst flachen Herrenwitze auch gar nicht mit, die einem bei besserer Materiallage gegebenenfalls die Stimmung versauen könnten. Aber so kann man sich ganz auf die sexy Damen konzentrieren, was diese mit den Männern so machen, und auf der, durch die fluffige Disco-Mucke im Hintergrund typisch Billian’sch erzeugten, leichten Stimmung sich ganz den schönen Gedanken und Träumereien hingeben. Mehr ist es nicht, mehr soll es auch nicht sein. Ein wenig schöner Sex mit einer der schönsten Darstellerinnen dieser Zeit. Nuff said …
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Anna – Ich war ihm hörig (Giorgio Stegani, 1977) 6/10

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Inmitten einer Zeit, in der das gängige Kino meinte, nur noch mit nackten Brüsten und permanenten Sexereien das Publikum anzulocken, inmitten dieser Zeiten drehte Regisseur Giorgio Stegani mit ICH WAR IHM HÖRIG ein intensives Zwei-Personen-Drama, das zwar ebenfalls nicht mit nackten Tatsachen geizt, diese aber immer der Geschichte unterordnet, und vor allem niemals exploitativ inszenierte. Es geht um die junge Anna, die sich in den einige Jahre älteren Marco verliebt. Sie ist Schülerin und lernt Schreibmaschineschreiben, er hat eine eigene Firma, lebt mit Frau und Tochter in einer Villa, und ist ein Zyniker wie er im Buche steht. Liebe ist für Marco nicht existent, Beziehungen zwischen Mann und Frau sind für ihn ausschließlich Kriege. Feldzüge, die einer gewinnen muss, damit ein gemeinsames Leben erfolgreich ist. Dinge wie Leidenschaft oder gar Hingabe existieren in seiner Welt nicht, Sieg oder Niederlage sind für Marco die passenden Begriffe für das Zwischenmenschliche. Anna allerdings verliebt sich in diesen desillusionierten Mann und ist bereit, alles für ihn zu tun. Alles! Wärst Du bereit für mich zu sterben? Ja. Anna setzt sich ein Messer an die Brust und beginnt, es in ihr Fleisch zu drücken. Marco, dem dies mehr imponiert als er jemals zugeben würde, versucht auszutesten, wie weit Annas Liebe geht. Er verlangt von ihr auf den Strich zu gehen und mit anderen Männern zu schlafen. Die Geschichte, die Anna dann etwas später vom römischen Straßenstrich erzählt, spielt in einer Halbwelt zwischen Realität und Fantasie, und Marco beginnt ganz allmählich ebenfalls, Gefühle zu entwickeln für diese Frau, die tatsächlich bereit scheint sich ihm rückhaltlos hinzugeben. Als seine Frau sich von ihm scheiden lassen will, würde eine Möglichkeit bestehen, mit Anna zusammenzuleben. Die allerdings ist mittlerweile schwanger von Marco – Ein Umstand, der von Marcos Welt so weit entfernt wie nur vorstellbar ist, weswegen er diese Tatsache schlichtweg nicht zur Kenntnis nimmt. Anna flüchtet nach Venedig. Und Marco? Der seine Theorien vom Krieg der Geschlechter in diesem Augenblick mehr als bestätigt sieht? Und der gleichzeitig in genau die Abhängigkeit geraten ist, in der Anna lange Zeit war? Die Rollen beginnen sich umzukehren …

In einer gewalttätigen und materialistischen Zeit gedreht, schildert ICH WAR IHM HÖRIG nichts anderes als den Zusammenprall einer idealistischen Weltanschauung (Annas Glaube an die wahre Liebe) mit einer materialistischen (Marcos Zynismus, basierend auf dem in Reichtum und Luxus geführten Eheleben, das mit Liebe nichts zu tun hat). Anna die sanftmütige ist bereit sich dem vermeintlich harten Marco hinzugeben, sich für ihn aufzugeben, ihre Unschuld zu verlieren und zu Wachs in seinen Händen zu werden. Was Anna nicht oder nur mit einer rosaroten Brille sieht, wohl aber der Zuschauer, ist Marcos versteinerte Gefühlswelt. Auch wenn die beiden miteinander schlafen blicken seine Augen teilnahmslos, ist Leidenschaft für ihn nur eine Worthülse, die er kritisch zu hinterfragen gedenkt. Der Zuschauer ist voll und ganz auf Annas Seite, schaut der Bosnier Bekim Fehmi doch bereits von seiner Physiognomie aus wie ein hedonistischer Lebemann. Wie jemand, dessen Leben aus boshaften Vergnügungen und dem genussvollen Zerstören anderer Existenzen besteht. Was nicht so ist, aber in diesem grausamen Lächeln und den lange Zeit teilnahmslosen Augen zeigt sich oft ein Blick auf die Welt, der so auch Eroberern und Gewalttätern zu eigen sein könnte. Ein Umstand, der vor allem am Ende etwas unbefriedigend wird, da uns das Los Marcos auf diese Weise eigentlich ziemlich egal ist. Anna ist es, die unser Herz bewegt, und mit Anna leiden wir und Anna begleiten wir in ihr Schicksal.
Doch gerade die Idee, dass Anna und Marco die Gefühlswelten tauschen, dass Marco von Anna abhängig wird während Anna immer selbständiger wird, ist ein kluger Kniff des Drehbuchs. Die kleine blasse Anna, die Schreibmaschineschreiben lernt, trifft eigenständig die Entscheidung, ab sofort Stewardess zu werden. Ein Umstand, der Marco zutiefst verwirrt, läuft dies doch dem Bild zuwider, welches er sich von den Frauen im Allgemeinen und von Anna im Besonderen gemacht hat. Ob dies der Moment ist, in dem er sich tatsächlich in Anna verliebt? Als sie Selbständigkeit beweist und ihm damit eine ebenbürtige Partnerin bzw. Feldherrin sein könnte?

Zwischen den herausragenden Schauspielern und der unauffällig-zweckorientierten Kamera entfaltet sich ein Drama, an dem der Zuschauer schnell teilnimmt. Dessen Wechsel zwischen Traum und Wirklichkeit nicht immer als solche zu erkennen sind (was der Sache sehr viel Reiz gibt). Und das bei allem Realismus in seinen Bann zieht und auf eine bestimmte grausame Art und Weise fasziniert. Dass Eleonora Giorgi ihren perfekt geformten Körper der Kamera dabei gerne mal ausgiebig präsentiert mag da ein weiterer Pluspunkt sein, aber wie gesagt ordnen sich diese Szenen immer der Geschichte unter, ist das starke Spiel zwischen den Akteuren immer das, was im Vordergrund steht. Und dazu gehört auch, dass der Zuschauer sich durchaus seine eigenen Gedanken machen muss, wenn er die Zwischentöne dieses Dramas richtig einordnen will.

In Summe ist ICH WAR IHM HÖRIG also ein faszinierendes Schauspiel mit vielen Facetten, das die Tiefen und Höhen (in dieser Reihenfolge!) zwischen den Geschlechtern auslotet und dabei nicht zu überraschenden, wohl aber zu stimmigen Ergebnissen kommt.
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Helden der Nacht (James Gray, 2007) 7/10

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In den letzten Wochen habe ich einiges an Polizeithrillern aus den letzten etwa 20 Jahren gesehen, und mir ein Bild davon gemacht, wie unterschiedlich die Herangehensweisen an dieses Genre doch sein können. Der grundsolide und düstere DAS GESETZ DER EHRE von Gavin O’Connor etwa, der sehr spannende und stellenweise entsetzlich realistische BLACK AND BLUE von Deon Taylor, oder der starke, Mockumentary-Mittel einsetzende, END OF WATCH von David Ayers. Alles tolle Filme, und jeder auf seine Weise etwas ganz Eigenes und Besonderes. Und dann ist da noch der ziemlich unrealistische HELDEN DER NACHT:

Polizeichief Grusinsky (geerdet: Robert Duvall) hat zwei Söhne: Joseph (unauffällig: Mark Wahlberg) ist Polizist und bereitet sich gerade darauf vor, eine Spezialeinheit der Drogenfahndung zu übernehmen, mit der er die Russenmafia in New York aufrollen will. Und Bobby (wie auf Drogen: Joaquin Phoenix), der mit seiner Familie weitgehend gebrochen hat, Manager einer Großraumdisco ist, die scharfe Amada (Mit extrascharfem Chili: Eva Mendes) fickt, und ein Leben zwischen Drogen, Pokertisch und Dauerparty lebt. Allerdings ist Bobbys Chef ein Russe, und viele Russen aus der Unterwelt verkehren in dieser Disco, womit Bobby in das Visier seines Bruders gerät, der es sich nicht nehmen lässt, Bobby bei einer Razzia festnehmen zu lassen. Und außer Bobby auch einen Dealer, Vadim Nezhinski, der das eigentliche Ziel der Razzia war. Nezhinski findet das nicht lustig und lässt auf Joseph einen Mordanschlag ausführen, was wiederum Bobby auf die Barrikaden treibt. Er lässt sich tatsächlich darauf ein, als Informant für die Polizei zu arbeiten und Nezhinskis Organisation zu unterwandern.

Wenn ich schreibe, dass HELDEN DER NACHT ziemlich unwahrscheinlich ist, dann muss man sich diese Inhaltsangabe erstmal auf der Zunge zergehen lassen. Bruder 1 ist ein Cop der die Russenmafia jagt, Bruder 2 ein Partyhengst mit guten Verbindungen zu ebendieser Russenmafia. Und weil Bruder 1 niedergeschossen wird, will Bruder 2 Saures und infiltriert die Bösen. Ja klar, das kann man schon mal machen. Genauso, wie die zweite Hälfte des Filmes, die zwar sehr spannend inszeniert ist, aber vor Zufälligkeiten, abstrusen Aktionen und idiotischen Verhaltensweisen nur so strotzt. Realistische Polizeidramen à la FORT APACHE gehen anders.

Macht aber nichts, denn zum einen will HELDEN DER NACHT gar kein realistisches Polizeidrama sein (das hoffe ich zumindest), und zum anderen kann der Flick auf anderer Ebene punkten, nämlich durch seine ruhige und gut strukturierte Erzählweise, sowie die starken Schauspieler und last but not least die erstklassige Musik. Aber der Reihen nach: Erzählt wird langsam und gründlich. Die Hauptfiguren werden standardisiert aber effektiv eingeführt. So ist es einfach wunderschön anzusehen, wie Bobby und Amada im Club zwischen Farben und Leben ihre Liebe leben, wie sie auf junge und gut gelaunte Menschen treffen die zu Blondies Heart of glass tanzen (der Film spielt Ende der 80er) und offensichtlich die geborenen 24 Hour Party People sind. Dann fahren sie in einen Gemeindesaal, in dem die Polizeigemeinde die Beförderung von Joseph feiert, und dort gibt es nur altbackenen Rock ‘n‘ Roll, ältere und alte Menschen die grau angezogen sind, graue Gesichter haben, und die niemals so überschwängliche Verhaltensweisen zulassen würden wie die tollen Hipster im Club. Der Kontrast zwischen hier und da, zwischen Farbe und Grau, zwischen Leben und Sterben ist erstklassig, und so billig das vielleicht auch erscheinen mag: Es funktioniert, und der Zuschauer schlägt sich wie selbstverständlich auf die Seite Bobbys. Die Charakterisierungen der Figuren werden so auch recht effektiv mitgenommen, und die Erzählung kann schnell fortschreiten, ohne sich in mühsamen Nebensträngen zu verzetteln.

Durch diese Erzählweise und vor allem durch das gedämpfte Tempo wird auch eine ganz bestimmte Stimmung etabliert, die den Zuschauer schnell in die Story hineinzieht. In langsamen Schritten, mit denen wir das Unheil deutlich herannahen sehen ohne es verhindern zu können, nähern wir uns einer unausweichlichen Katastrophe, und gerade das Tempo macht die Angst vor dem Unabänderbaren erst so richtig intensiv. Gut verteilt werden einige Schocks ausgeteilt, die zwar nicht unerwartet kommen (es ist z.B. völlig klar, dass Joseph das nächste Opfer sein wird, ein Mord mit Ansage also), aber das dann zu sehen und zu erleben ist dann auch wieder etwas anders. Genauso wie die Probleme die entstehen, wenn Bobby und Amada von einem sicheren Versteck in ein anderes gebracht werden sollen – Auch hier wieder Action mit Ansage, denn es ist völlig klar dass diese Überführung nicht gut gehen kann, aber der Kern ist schließlich, in welcher Weise die Action dann umgesetzt wird: Bobby fährt in einem tiefen Schock durch sturzbachartigen Regen, er schreit, hinter ihm stöhnt Amada, sehr schnell und hektisch geschnitten sehen wir das vor ihm fahrende Auto genauso wie den Wagen der Angreifer, der sich immer wieder auf die beiden Polizeiautos stürzt. Und als einziges Begleitgeräusch, neben einem kaum hörbaren Drone-Score, der sich sicher den Weg ins Rückgrat sucht, als einziges Begleitgeräusch also die rhythmischen Scheibenwischer, die unerbittlich den Takt des Sterbens vorgeben. Eine hypnotische Szene, die den Zuschauer auch nach ihrer Auflösung nicht mehr loslässt.

Von solchen Momenten hat es mehr, und diese Momente machen den Film auch aus, geben ihm das Fleisch, das im sprunghaften letzten Drittel dann narrativ öfters mal fehlt. Und zu diesen Momenten passen dann auch die Darsteller, die ich in der Inhaltsangabe ja bereits versucht habe kurz zu charakterisieren. Ja, Mark Wahlberg scheint blass zu sein, aber seine Filmfigur ist halt ein blasser Cop, der im Verlauf des Films auch zunehmend Probleme bekommt mit der ihn umgebenden Gewalt und erkennen muss, dass diese Art Polizeiarbeit nicht das ist was ihn ausfüllt. Und ja, Joaquin Phoenix wirkt lange Zeit wie auf Drogen, aber irgendwie passt das zu seiner Figur. Bobby hat Schlimmes erleben müssen, dass sich sein Geist irgendwann vernebelt ist durchaus nachvollziehbar. Und die Nebenfiguren, vor allem die Mafiosi, sind erstklassig gecastet und auch sie geben dem Film viel Fleisch auf die Rippen. Die gut ausgewählte Musik aus den 80ern (u.a. Specials, Clash) unterstützt dann trotz dieses dadurch entstehenden Guy Ritchie-Flairs die Figuren und die Atmosphäre und sorgt für ein durchaus stimmiges Gesamtbild.

Ich kann jeden verstehen der sich am letzten Drittel stört, der Phoenix‘ verhangenen Blick nicht mag, und den die Vorhersehbarkeit der allermeisten Szenen langweilt. Dinge die mich auch gestört haben, die ich aber der Stimmung dieses Films (dieses Mal) unterordne. HELDEN DER NACHT ist sicher kein Beispiel für einen gelungen Polizeithriller, aber spannend und gut anzuschauen ist er allemal …
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
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Maulwurf
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Beitrag von Maulwurf »

A House of Dynamite (Kathryn Bigelow, 2025) 9/10

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Eine Atomrakete fliegt auf die USA zu, und ihr Ziel wird Chicago sein. Die Zeit bis zur Detonation beträgt noch sieben Minuten, und es ist nicht möglich, neue Abfangraketen zu starten, nachdem die letzten beiden versagt haben. In der kleinen Militärstation, aus der die Abfangraketen kamen, verzweifeln die Soldaten, denn aus ihren antrainierten und vorgeschriebenen Abläufen heraus wissen sie, was jetzt passieren wird. Parallel wird im Ministerium für Katastrophenschutz eine junge Beamtin abgeholt und in einen Bunker außerhalb der Stadt gebracht, und nur im Situation Room des Weißen Hauses scheint es im Laufe einer hektischen Videokonferenz noch Hoffnung auf eine Lösung zu geben …

Eine Atomrakete fliegt auf die USA zu, und ihr Ziel wird Chicago sein. Die Zeit bis zur Detonation beträgt noch sieben Minuten, und es ist nicht sicher, ob es der junge stellvertretende NSA-Berater überhaupt noch rechtzeitig bis zum Weißen Haus schaffen wird, um sich den bohrenden Fragen der Militärs und des Verteidigungsministers zu stellen. Letzten Endes geht es für ihn darum, dem Präsidenten die richtigen Antworten zu liefern als Entscheidungsgrundlage für dessen Befehle. Denn die Atomrakete, deren Herkunft nicht geklärt ist, kann eine einzelne Provokation eines einzelnen Schurkenstaates sein. Es kann aber auch ein Vorbote eines alten Feindes sein. Was wäre, wenn die Computer das Opfer eines terroristischen Hacks wären? Oder das System selber eine Fehlfunktion hätte …

Eine Atomrakete fliegt auf die USA zu, und ihr Ziel wird Chicago sein. Die Zeit bis zur Detonation beträgt noch sieben Minuten, und der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika steht in einer Sporthalle und erklärt einer Gruppe von begeisterten Schülern, was Sport mit Politik und Verantwortung zu tun hat. Etwa die Verantwortung, die nach seinem überstürzten Aufbruch aus der Halle auf seinen Schultern lastet, und die ihm niemand abnehmen kann, auch nicht der junge Offizier, der den Koffer mit den Nuklearcodes hinter ihm herträgt, und der die Ergebnisse der verschiedenen Option mit „Well done“, „Medium“ und „Rare“ beschreibt. Der Präsident muss entscheiden, was mit seinem Land, den ihm anvertrauten Menschen, ja der ganzen Welt als nächstes geschehen wird. Und seine Befehle lauten …?

Eine Atomrakete fliegt auf die USA zu, und ihr Ziel wird Chicago sein. Die Zeit bis zur Detonation beträgt noch sieben Minuten, und die Zeit bis dahin wird aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Auch wenn hier und da gelegentlich Erinnerungen an DR. SELTSAM wach werden, ist A HOUSE OF DYNAMITE tatsächlich eine sehr ernste und intensive Beschäftigung mit der Frage, wer eigentlich über das Schicksal der hochgerüsteten modernen Welt wacht. Und über unser aller Schicksal. Das Personal dieses Films dürfte es dabei in so ziemlich jedem Land dieser Welt geben: Soldaten, Sicherheitsbeamte, Experten, die darauf trainiert wurden, in so einem Fall Unterstützung für Entscheidungsträger zu geben, Minister, einen Präsidenten bzw. Oberbefehlshaber. Und hinter diesen Bezeichnungen und Berufen, hinter all den verschiedenen Instanzen der (Ohn-) Macht stecken Menschen. Menschen mit Stärken und Schwächen. Menschen, die nicht wissen was da auf sie zukommt, und deren Menschlichkeit einerseits und Beruf andererseits sie schier zerreißt. Der Streit mit der Ehefrau, die man erst nach Schichtende in sechs Monaten wiedersehen wird. Das kranke Kind, das zum Arzt muss. Die Sorge um die Tochter, die sich vom Vater zunehmend entfernt … Der Verkehrsstau, durch den der Experte gezwungen wird, die Videokonferenz im Laufschritt durchzuführen, immer auf Kollisionskurs mit anderen Fußgängern oder Autos.

Alles Dinge, die politische und militärische Entscheidungen beeinflussen können, und A HOUSE OF DYNAMITE zeigt die Menschen hinter diesen Prozessen. Einen Verteidigungsminister, der die Verantwortung in seiner Position nicht mehr erträgt. Einen Präsidenten, dem bei der Amtseinführung lang und breit erklärt wurde wie er zu seinem Vorgänger zu stehen hat, aber nicht, wie er mit einem atomaren Angriff umzugehen hat. Und unweigerlich drängt sich die Frage auf, was von Kathryn Bigelow sicher auch beabsichtigt ist, wie der jetzige Volltrottel im Weißen Haus wohl reagieren würde. Und sein vollkommen unterbelichteter „Kriegsminister“ erst. Gleichzeitig drängt sich die Erinnerung an George W. Bush auf, der 2001 in einer Schulklasse in Texas erfahren musste, dass es einen Angriff auf New York gegeben hat. Und plötzlich, ganz plötzlich, wird seine Reaktion, die damals Anlass war für einiges Gelächter, nachvollziehbar: Was ist jetzt zu tun? Und wenn ich etwas tue, was werden die Folgen sein?

A HOUSE OF DYNAMITE zeigt die Abläufe in einer solchen Situation, aber vor alle eben auch diejenigen Prozesse, die die Menschen hinter den Amtsträgern durchlaufen. Diejenigen Prozesse, die zwar von einem bestimmtes Procedere vorgeschrieben sind, die aber nicht sagen, was eigentlich zu tun ist. Und wie sich die Entscheidungsträger dabei fühlen. Der Film zeigt all dies unter hohem Druck, mit einer permanenten Spannung, dabei aber in einem oft fast dokumentarisch wirkenden Duktus bleibend. Die kühl durchdachten Abläufe im Falle eines atomaren Angriffs auf ein Land werden durchlaufen, es bleiben wenig Möglichkeiten für Spielräume, und als handelnde Personen und Zuschauer merken, dass die Bürokratie des Schreckens, was man landläufig unter dem Begriff des atomaren Gleichgewichts kennt, dass diese Bürokratie keine Möglichkeit lässt einen Fehler auszubügeln, wird auf grausame Weise klar, in welchen Zustand und in welche Sackgasse sich die Welt der letzten 80 Jahre selber manövriert hat. „It’s like we all built a house filled with dynamite. Making all these bombs and all these plans, and the walls are just ready to blow. But we kept on living in it.

Hochkarätig aktuelles Spannungskino mit einem realen Hintergrund, der den Zuschauer zu eigenen Gedanken greifen und schaudern lässt, gerade auch im Hinblick auf die sich zuspitzende politisch-militärische Situation in Europa.
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
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