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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Verfasst: So 8. Feb 2026, 19:04
von jogiwan
The Ugly Stepsister

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Grotesker und definitiv nicht schön anzuschauender Streifen über Selbstwahrnehmung, die Auswüchse des Schönheitswahns und was so alles passieren kann, wenn man als Frau der Männerwelt gefallen möchte. Die Geschichte ist eine Abwandlung des bekannten „Aschenputtel“-Motivs, nur dass dieses aus der Sicht der Stiefschwester erzählt wird, die hier im Schatten ihrer hübschen Konkurrentin um die Gunst eines reichen Prinzen buhlt. Der ist zwar eine ordinäre Milchsemmel, aber dennoch ist die etwas naiv wirkende Agnes und vor allem ihr Umfeld wirklich zu allem bereit, wenn es darum geht, diesen für sich zu gewinnen. Dabei wandelt „The Ugly Stepsister“ auf Body-Horror-Pfaden, hat mehr als nur einmal Szenen, die nicht so einfach zu verdauen sind und ist dabei verdammt originell und stets unberechenbar. Bisweilen wirkt das Ganze wie eine grobschlächtige Abrechnung mit Disney-Prinzessinnen und Märchen-Mythos und recht eindrucksvoll zeigt, wie Generation schon von sehr früh an mit brutalen Geschichten samt seltsamer Entwicklungen, Körperbildern und Geschlechterrollen konfrontiert werden, die im Grunde als völlig normal erachtet werden. Dabei ist der wohl auch sehr stark polarisierende „The Ugly Stepsister“ für mich mehr Drama als Horror, aber angenehmer macht es den Streifen trotzdem nicht. Für Aufgeschlossenen und Hartgesottene: Tipp!

Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Verfasst: Mo 9. Feb 2026, 19:56
von jogiwan
Blink

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Nach einem traumatischen Erlebnis in ihrer Kindheit die die Musikerin Emma blind, als ihr nach zwanzig Jahren Dunkelheit durch eine neuartige Netzhauttransplantation wieder das Augenlicht zurückgegeben wird. Doch kurz nach der Operation ist ihre Wahrnehmung verschwommen und manche Bilder erreichen auch nur mit langer Verzögerung ihr Gehirn. Als ihre Nachbarin ermordet wird, vermutet sie den Killer im Stiegenhaus gesehen zu haben, doch auch diese Erinnerung ist verschwommen und so für den ermittelnden Beamten John nicht wirklich brauchbar. Trotzdem beharrt Emma auf ihren Wahrnehmungen und auch John findet Gefallen an der resoluten und selbstbewussten Frau, die wenig später durch ihre forsche Art erneut ins Visier des Serienkillers gerät.

Im Zuge meiner Thriller-Retrospektive tauchen ja immer mehr sehenswerte Filme auf, so wie Michael Apteds „Blink“ mit einer großartigen Madeleine Stowe als Musikerin, die gemeinsam mit der Polizei einem Serienkiller auf der Spur ist. Auffällig ist hier vor allem der trockene Humor, der sich zur Thriller-Handlung gesellt und den lebendigen Charakteren, mit denen man gerne mitfiebert. Zwar ist die Rahmenhandlung mit der verzögerten Wahrnehmung und das Motiv des Killers bei näherer Betrachtung etwas arg konstruiert, aber das hat mich hier nicht sonderlich gestört. Das Tempo passt, die Spannung steigt stetig und ehe man sich versieht ist man schon mitten drin in der spannenden Geschichte, bei der man sich bei der optischen Wahrnehmung nie hundertprozentig sicher sein kann. „Blink“ ist jedenfalls meines Erachtens einer der besseren Beiträge der Neunziger, bei dem es verwundert, dass der hierzulande anscheinend nicht so einfach zu bekommen ist. Auch wieder eine positive Überraschung.

Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Verfasst: Mi 11. Feb 2026, 19:44
von jogiwan
Spurlos

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Im Urlaub kommt es bei Jeff und Diane zu einer kleinen Meinungsverschiedenheit mit anschließender Versöhnung auf einer Raststätte. Wenig später kommt Diane aber nicht mehr von der Toilette zurück und für Jeff beginnen drei quälende Jahre, in denen er seine Freundin verzweifelt und auch vergeblich sucht. Er triff auf die verständnisvolle Rita, mit der er ein Verhältnis beginnt und schreibt an einem Buch über seine Erlebnisse und der Ungewissheit, was mit Diane passiert ist. Dann meldet sich auf einmal Barney, mein schrulliger Chemie-Lehrer und behauptet mehr über das Verschwinden von Diane zu wissen und liefert auch entsprechende Beweise. Für Jeff beginnt ein gefährliches Spiel, in dem er sich für Antworten einem Psychopathen ausliefert, dessen finsterer Plan noch nicht zu Ende ist.

Mit „Spurlos“ hat der niederländische Regisseur George Sluizer das Remake zu seinem grandiosen „Spoorlos“ gedreht und dafür auch das kompromisslose Ende zugunsten einem Hollywood-Ende geopfert, dass man natürlich nicht so gut finden darf. Ich liebe das nachhaltig verstörende Original sehr, an das der 1993 gedrehte Streifen mit Kiefer Sutherland und Jeff Bridges natürlich nicht herankommt. „Spurlos“ hat zwar mehr gekostet und bietet bekanntere Darsteller – Kenner greifen aber dennoch lieber zum Original, welches in der Gunst der Fans in der IMDB auch verständlicherweise besser wegkommt und die Frage, wie weit man für die Wahrheit gehen würde auch wesentlich eindringlicher und nachvollziehbarer schildert. Das Remake richtet sich an ein Publikum, welches sich keine OmU-Filme anschauen würde und auch mit einem Ende zufriedengestellt werden möchte, in dem gängige Werte-Ordnungen wieder hergestellt werden. Prinzipiell ist „Spurlos“ auch kein schlechter Film, wenn man nicht vorhat, das Original zu sichten und Inszenierung und Darsteller sind prinzipiell auch nicht schlecht. Andererseits braucht es das Remake wie so viele andere Neuauflagen ja nicht wirklich und alles was dem Stoff hinzugefügt wird, tut ihm nicht unbedingt gut und zweimal derselbe Film hätte ebenfalls nicht viel Sinn ergeben. Sozusagen von Anfang an keine gute Ausgangslange und für Fans des Originals ein Remake, dass man sicher nicht unbedingt benötigt.

Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Verfasst: Mi 11. Feb 2026, 19:45
von jogiwan
Bound - Gefesselt

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Die aus dem Knast entlassene Corky renoviert für einen Bekannten dessen geräumige Wohnung und trifft im Lift auf die Nachbarin Violet mit ihrem Freund Ceasar. Das Aufeinandertreffen der beiden ungleichen Frauen bleibt nicht ohne Folgen und die beiderseitige Anziehung ist förmlich spürbar. Nach etwas Zögern und gegenseitiges Abtasten beginnen die Beiden eine leidenschaftliche Affäre und beschließen gemeinsam die Mafia um eine große Menge Geld zu betrügen, um fernab ein neues Leben anzufangen. Gemeinsam wird ein kühner Plan entworfen, das Geld zu verstecken und Ceasar zum Schuldigen zu machen. Zuerst scheint der ausgeklügelte Plan auch aufzugehen, doch dann schöpft Ceasar verdacht und während sich in der Wohnung die toten Mafiosi stapelt, geraten auch Corky und Violet in größte Gefahr…

Keine Ahnung, warum ich mich so lange vor dem Film gedrückt habe, aber lesbische Liebe und der Matrix-Stempel der beiden Wachowski-Schwestern haben mich doch auch immer etwas abgeschreckt. Die erste Hälfte von „Bound“ ist auch ein prickelndes Erotik-Drama über zwei Frauen, die sich näherkommen und dabei auch überraschend explizit daherkommt. Dann switcht der Film in Richtung Noir-Thriller und bietet einen nur scheinbar perfekten Plan um an Geld zu kommen, der natürlich aus dem Ruder läuft. Dabei ist „Bound – Gefesselt“ immer sehr stylisch gemacht und besticht neben seinen Darstellern durch den reduzierten Handlungsort und blutigen Schauwerten, sowie einer Stimmung, die bis zum Ende unberechenbar bleibt, wenn es für alle Beteiligten ums Überleben geht. Ich muss auch nicht lange um den heißen Brei herumreden und ich fand „Bound – Gefesselt“ auch überraschend gut, obwohl ich gar nicht sagen kann, ob mir jetzt die erotische erste, oder die Thriller-artige zweite Hälfte besser gefallen hat. Hier kommt alles gut zusammen und ergeben ein Gesamtwerk, dass dank seiner lebendigen Figuren sehr gut funktioniert, stimmig wirkt und bei dem auch ordentlich die Post abgeht. Gina Gershon und Jennifer Tilly als forsche Corky und laszive Violet sind in Kombination eine fleischgewordene Männer-Phantasie und die Funken sind spürbar und dennoch weit davon entfernt, sich irgendwelchen Chauvie-Gedankenwelten anzubiedern. Alles super, alles toll und die nächste Überraschung, die ich so nicht am Schirm hatte.

Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Verfasst: Do 12. Feb 2026, 20:02
von jogiwan
Fargo

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Natürlich darf auch „Fargo“ nicht fehlen, wenn es um Thriller der Achtziger und Neunziger geht, auch wenn das hier mehr in Richtung schwarze Komödie tendiert. Wie schon in „Blood Simple“ gibt es hier sehr viele schrullige Charaktere, wobei diese im Falle von „Fargo“ noch viel exzentrischer daherkommen und mit seinem Achtziger-Look und viel Schnee macht „Fargo“ auch noch mehr Spaß. Das liegt vor allem an den Charakteren, die sehr lebendig gestaltet sind und deren Leben durch eine geplante Entführung völlig aus dem Ruder laufen. Frances McDormand als schwangere Polizistin ist großartig, aber am besten finde ich eigentlich William H. Macy, der einem wirklich leidtun kann und von allen Seiten unter Druck gerät. Aber das sind nur Teile eines großartigen Gesamtbilds aus toller Geschichte, starken Figuren und bis ins kleinste Detail großartig besetzte Darsteller. Eigentlich wirkt der Streifen mit seinem provinziellen Charakter immer wie aus der Zeit gefallen und wie ein Gegenentwurf zu diesen ganzen Hochglanz-Yuppie-Filmen und finsteren Psycho-Thrillern derselben Entstehungszeit. Ich hab „Fargo“ ja schon oft gesehen und dennoch macht jedes Wiedersehen große Freude.