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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mo 23. Feb 2026, 15:54
von buxtebrawler
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flüstern & SCHREIEN – Ein Rockreport

„Die sollen sich austoben, die sind jung...“

Auf das Ergebnis einer Studie des DDR-Zentralinstituts für Jugendforschung hin, nach der Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren täglich drei bis vier Stunden Rockmusik hörten, beauftragte die DEFA Regisseur Dieter Schumann („Im Glanze dieses Glückes“) damit, dies in Form eines Dokumentarfilms zu veranschaulichen und zu vertiefen. So begann er im Jahre 1985 mit den Arbeiten an „flüstern & SCHREIEN“, der ursprünglich in einer rund vierstündigen Fassung vorlag und der schließlich auf knapp zwei Stunden gekürzt 1988 in die Kinos kam. 1989 wurde er sogar auf der West-Berliner Berlinale aufgeführt.

„flüstern & SCHREIEN“ wurde also über einen langen Zeitraum gedreht. Das Endergebnis war ein Novum in der DDR, bekommt man hier doch unverfälschte, authentische Einblicke in die alternative, Sub- und Jugendkultur der DDR, deren Protagonistinnen und Protagonisten verhältnismäßig frei von der Leber weg Rede und Antwort stehen und ihrem Lebensgefühl Ausdruck verleihen. Einer der größten Glücksgriffe für den Film war die durch einen Zufall zustande gekommene Beteiligung der Punkband Feeling B um Sänger Aljoscha Rompe und die späteren Rammstein-Mitglieder Paul Landers und Flake. Eine Voice-over-Erzählinstanz gibt es nicht; Schumann und sein Team reihen Interview-Aussagen, Live-Mitschnitte und sehr intime Einblicke collagenhaft aneinander und erzeugen so ein Panorama von Pop- bis Punkrock.

Der Film beginnt denn auch direkt mit einem Knalleffekt: Feeling B live, wie alle Livemusikaufnahmen dieser Doku in fantastischer Bild- und Tonqualität. Die Rockband Silly wird interviewt und ist auf der Bühne sowie backstage zu sehen, der Sänger der Pop-Rocker Chicorée spielt einen neuen Song auf der Akustikgitarre vor und singt dazu, Fans der Band werden auf einem Konzert befragt, anschließend sind ihre Lieblinge live zu sehen und werden im vollbesetzten Auto während der Fahrt interviewt (was schon ein wenig wagemutig erscheint). Feeling B kommen zu Wort und auf einem Festivalgelände spricht das Drehteam mit Besucherinnen und Besuchern, Eltern usw. Zwei Punkerinnen liegen oben ohne auf der Wiese, während sie ihre Statements abgeben – Kult!

Längere Zeit sind es insbesondere diese drei Bands – Feeling B, Silly und Chicorée –, denen das Filmteam folgt, wobei insbesondere die Feeling-B-Interviews klasse sind. Auch Sandow werden noch auftauchen und einen sehr bissigen Song unplugged zum Besten geben. Nach einer Weile weitet man das Material stärker auf die Fans aus: Ein Mädchen schmückt sein Zimmer mit Postern, seine Mutter kommt zu Wort. Auch diese junge Frau ist fortan fester Bestandteil des Films. Mein persönlicher Höhepunkt: Feeling B zerteilen einen Fisch am Ostseestrand und bereiten ihn zu, geben anschließend ebendort ein Konzert vor pogenden Fans – noch mal: Kult! Anschließend darf sich das Publikum dazu äußern, weshalb es das tut, was es soeben tat. Auf einem anderen Konzert werden ebenfalls zwei Punkerinnen interviewt, die bereitwillig Rede und Antwort stehen. Die wortgewandte kleinere trägt ein enormes Nasenfahrrad und doziert schon beinahe, während ihre Freundin offenbar einen Schwips hat. Weitere Interviews mit Punks finden an einem Bahnhof statt. Zudem wird eine Fünferclique, die sich subkulturell nicht ganz festlegen will, auf der Straße befragt.

Einer von ihnen, Andreas, der The Cure und „die Schmidts“ hört, redet zu Hause über sein Zeugnis und die Schule. Auch seine Freunde werden zu Themen wie Berufswahl und Zukunftsplänen befragt und es kommt sogar zu einer kleinen Konfrontation mit den Bullen. Das Kamerateam begleitet die fünf Freunde auf einer S-Bahnfahrt und beim Latschen durch die Stadt, dazu ertönt punkige Musik von der Tonspur. Das Mädel von vorhin lässt sich dabei beobachten, wie es sich die Haare macht. Bei Chicorée geht’s am nächsten Tag ans Eingemachte: Sie haben ihre Crew und ein Mitglied verloren, dem es mit der Karriere nicht schnell genug gegangen sei. Etwas später gibt das ehemalige Mitglied – Dirk Zöllner – zu Protokoll, es wolle den kommerzielleren Weg, den die Band eingeschlagen habe, nicht mehr mitgehen. Passend dazu fabulieren Silly anschließend über etwaige musikalische Kompromisse.

Am Esstisch des besagten Mädels unterhält man sich mit der ganzen Familie über das Aussehen der Silly-Sängerin Tamara Danz, deren Frisur offensichtlich einen starken Einfluss auf die Haarpracht mancher Jugendlicher hatte. Weitere Punks tummeln sich auf irgendeinem Volksfest, Paul Landers und seine Frau erzählen von ihrer Hochzeit, und mit dem Mädchen vom Esstisch geht’s zum Silly-Konzert mit mehreren jungen Tamara-Danz-Lookalikes in der ersten Reihe – einmal mehr: Kult! Die Fünferclique treffen wir noch einmal im Garten, wo sie über Generationsunterschiede plaudert. Die Zöllner, das neue Projekt des Ex-Chicorées, treten im Rahmen eines Musik-An- und Verkaufs in einem Jugendtreff auf und zum Abschluss gibt’s mit Feeling B noch mal richtig Punk auf die Löffel.

„flüstern & SCHREIEN“ ist ein grandioser Dokumentarfilm, der lebendige Musik- und Jugendkulturgeschichte vermittelt und Bands und Jugendliche ungekünstelt ihr Selbstverständnis zum Ausdruck bringen lässt. Für DDR-Verhältnisse ist der Film ungewöhnlich offen, sind die (zumeist dennoch eher vorsichtig formulierten) Äußerungen der Jugendlichen ungewohnt kritisch und vermittelt das Bildmaterial enorm realistisch anmutende Eindrücke damaliger Orte, Freizeitaktivitäten, Mode und Frisuren. Parteiintern hatte es damals aufgrund des Films wohl etwas gerappelt, dennoch wurde der Film großangelegt aufgeführt und erreichte ein großes Publikum. Das Einzige, was mir an diesem Film und seinem Konzept fehlt, ist eine chronologische Zuordnung der einzelnen Szenen. Jahreszahlen hätten mir schon gereicht.

Ob die Dokumentation bereits Hinweise darauf liefert, dass die Wende kurz bevorstand, sei einmal dahingestellt und würde ich verneinen wollen. Diese Diskussion soll aber auch nicht Gegenstand dieser Besprechung sein.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Di 24. Feb 2026, 15:33
von buxtebrawler
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Jürgen Roland's St. Pauli-Report

„Halt‘s Maul, du alte Pisskuh!“

Zur Hochphase der deutschen Pseudoreportagen-Sexploitation produzierte Wolf C. Hartwig neben seiner „Schulmädchen-Report“-Reihe auch zahlreiche weitere solcher Filme, darunter auch dieses herausstechende Unikum: „Stahlnetz“-Regisseur Jürgen Roland war schon immer einer Faszination für den Hamburger Stadtteil St. Pauli und dessen Milieus erlegen, hatte unter anderem „Polizeirevier Davidswache“ und „Die Engel von St. Pauli“ gedreht. Für diesen Reportfilm aus dem Jahre 1971 übernahm er nicht nur zusammen mit Joerg Loedeke die Regie, sondern führte auch höchstpersönlich vor der Kamera durch die Episoden.

„Heinz-Dieter heißt überhaupt keiner!“

Seinen „Report“ eröffnet er mit teils wüsten Szenen von der Reeperbahn sowie eines Mords, zusammengeschnitten als eine Art Collage. Anschließend sitzt Roland auf der Straße inmitten von Filmdosen anderer St.-Pauli-Filme und leitet in die erste Episode über: Ein Brautpaar kommt aus der Kirche, der Bräutigam scheuert seiner Braut direkt eine. Es handelt sich um eine Zweckehe, da nur verheiratete Paare live auf einer Bühne vor Publikum Sex haben dürfen. Eine solche Live-Sex-Show wird dann auch in einem Bumsschuppen vorbereitet und geprobt. Dort will man ab sofort Obst statt Alkohol anbieten, weil man dafür keine Konzession benötige. Ein komödiantischer Einstieg, für den Roland den Bumsladenboss interviewt.

„Die Welt ist so unmoralisch geworden. Diese Sexwelle, Sie wissen ja...“

In der zweiten Episode spielt sich in der Hafenkneipe „Trixi“, die heute das „Onkel Otto“ beherbergen dürfte, ein Kapitalverbrechen ab: Der betrunkene Ganove Kurt wird erschossen. Dessen Frau gibt auf der Davidwache (von Roland konsequent „Davidswache“ genannt) eine Vermisstenanzeige auf, obwohl sie beim Mord dabei war. Ein Komplott! Und der eigentliche Coup findet erst jetzt statt: ein Überfall auf den Lohngeldtransporter von Blohm + Voss. Roland tritt zwischendurch auf den Plan und kommentiert das Gezeigte. Der Hamburger Dom (keine Kirche, sondern eine Kirmes) findet gerade statt, dort liefert man sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polente. Schließlich können die Verbrecher in einem Schrebergarten überführt werden. Die Frau des Toten wird ebenso wie der mit einem herrlichen Hamburger Slang sprechende Gangster Bratwede verhört. Komplize Bruhns wird kurzerhand verpfiffen, der Kneipenwirt dafür übel zusammengeschlagen. Am Schluss zieht man die Vorhänge wieder auf und ordert beim selben Wirt seine Getränke, als sei nichts gewesen. Diese Episode widmet sich also einem vermeintlichen Ehrenkodex und veranschaulicht raue, aber faire Sitten, die so fair ehrlich gesagt gar nicht anmuten…

„Du sprichst schon wie 'ne richtige Hure!“ – „Sie spricht nicht nur so, sie ist eine Hure!“

Im nun folgenden Intermezzo wetten zwei Kinder mit Süßigkeiten und Fußball-Sammelbildern, ob eine Prostituierte einen Freier abschleppt oder nicht. Dann tritt wieder Roland auf den Plan und vergleicht das Gesetz, dass Huren nur nachts auf Freierfang gehen dürfen, die „Lex St. Pauli“, mit der „Aktion saubere Leinwand“. In der dritten Episode erwischt ein Junge zwei Jugendliche im Bett und eine Hure mit schlimmer Perücke wird während der Sperrstunden von einem als Hippie verkleideten Bullen gestellt. Roland erklärt und erläutert dem Filmpublikum wieder, was es damit auf sich hat, und fragt sich, wo die Huren eigentlich herkämen. Daraufhin leitet Lisa Döring aus dem Off ihre visualisierte Geschichte ein: Sie flieht aus ihrem piefigen niedersächsischen Kaff nach Hamburg und wird noch am Bahnhof von einem Schmierlappen angequatscht, mit dem sie aber sofort bereitwillig ins Bett springt. Man bekommt ein bisschen Gefummel zu sehen, der Rest passiert offscreen. Der Ficker entpuppt sich als Zuhälter, für den Lisa zu arbeiten beginnt. Die ältere Hanni (Helen Vita, „...und noch nicht sechzehn“) gibt ihrer Kollegin Tipps, unterbreitet Verbesserungsvorschläge und erzählt, wie das Geschäft als Hure so funktioniere – und zwar sehr humorig und charmant, inklusive Rollenspielen. Szenenwechsel, Teufelsbrück bei den Höhergestellten: Elke Hansen besucht Paul Besser (Hans Putz, „Die Halbstarken“), der gerade ein Fest gibt. Sie sucht dort nach ihrer Cousine Lisa. Besser versucht zu verschleiern, als was genau Lisa für ihn arbeitet – und Lisa verdient richtig gut! Es kommt zum Streit zwischen Elke und Lisa. Roland glorifiziert die Prostitution noch ein bisschen aus dem Off, womit auch diese etwas sehr undifferenzierte Episode abgeschlossen wäre.

„Lass ruhig deine Tittchen herausfinden!“

Im folgenden Intermezzo ist der Zuhälter Wohlmeyer aus dem Knast geflohen und geht seinen Neugeborenen besuchen, woraufhin er sofort wieder festgenommen wird, launig kommentiert von Roland. Die vierte Episode handelt von Onkel Troll (Rudolf Schündler, „Das Stundenhotel von St. Pauli“), einem alten Knacker, der Ausreißerinnen und Straßenmädchen bei sich aus Nächstenliebe aufnimmt – und um sie zu befummeln. Weiter geht’s mit einem Konkurrenzkampf auf der Meile, um Koberer und um Oskar (Günther Jerschke, „Das Rätsel der roten Orchidee“), der auf den Kiez kommt, um sich zu vergnügen. Er lässt sich in ein Striplokal locken und ausnehmen. Auch die Zuschauerinnen und Zuschauer bekommen die dortigen Oben-ohne-Mädchen zu Gesicht, zu denen eine ziemlich heiße Blonde zählt. Ansonsten ist der Erotikgehalt des Films recht gering. Jedenfalls sucht Oskar daraufhin die „Davidswache“ auf und erinnert sich glücklicherweise an ein Detail, das die Abzocker überführt.

Roland präsentiert einen Automaten für schrittoffene Damenhöschen als Kuriosität, bevor’s mit Zuhälter Erich weitergeht. Dieser wird aus dem Knast entlassen, doch seine Erika hat einen neuen: Klaus. Doch Erika ist für Erich als „Huhn“, wie Roland hier die Prostituierten nennt, tätig. Klaus könne sie für 10.000 DM freikaufen. Er zahlt an, den Rest solle sie „erwirtschaften“. Bei alldem Geschacher hat Erika nichts mitzureden… Um eine erfolglose Hure dreht sich die nächste Episode, die Edgar Hoppe („Großstadtrevier“) als Puffbetreiber präsentiert. Dieser verteilt Geld in einer Kneipe an seine Freunde, damit sie seine erfolglose Bordsteinschwalbe buchen können. Dadurch soll ihr Selbstbewusstsein gestärkt werden. Rocker belästigen parallel eine Spendensammlerin der Heilsarmee massiv und brutal. Das Trio greift ein und eine Kneipenschlägerei entbrennt, die mit dem Rausschmiss der Sittenstrolche endet. Das war‘s dann auch schon, die erfolglose Dame lernt man gar nicht kennen. Hm.

In der vorletzten Episode begleiten wir eine Hure als Zeugin vor Gericht. Sie nutzt ihren Auftritt zur witzigen Selbstinszenierung und plaudert, wie ihr der Schnabel gewachsen ist – zum Unmut des Richters. Am Schluss zeigt sie ihren blanken Hintern. Zum Ende des Reports lernen wir noch den Verbrecher Justus Wittke kennen, der in Hamburg untergetaucht ist. Zwischendurch führt Roland durch die „Davidswache“ in betont nüchtern-sachlichem Stil. Angeblich handle es sich um einen wahren Fall, der hier nacherzählt werde, und die Bullen in diesem Intermezzo seien echt. Er interviewt einen Überlebenden aus jener Nacht. Wittke wird wegen Trunkenheit im Straßenverkehr auf die Wache gebracht und hat gefälschte Papiere dabei. Die Situation ist eigentlich schon gelöst, da eröffnet er plötzlich das Feuer. Ein angeschossener Bulle überlebt, ein anderer stirbt.

Tonfall, Ausrichtung und Unterhaltungswert der Geschichten und Geschichtchen schwanken, punkten aber mit viel Lokalkolorit. Roland wirkt dabei weniger wie ein Reporter, sondern eher wie eine Mischung aus Fan und Lobbyist, der ein kriminelles und zumindest in Teilen frauenfeindliches Milieu verharmlost und romantisiert. Er bedient Klischees, die nun aber tatsächlich bis heute Scharen von Touristinnen und Touristen auf den Kiez locken. Er war damit nicht der Erste und wird auch nicht der Letzte sein. Die Chance, alldem eine besondere Note hinzuzufügen, hat er verpasst, aber das dürfte auch gar nicht im Interesse Produzent Hartwigs gelegen haben. Als Zeitdokument ist „Jürgen Roland's St. Pauli-Report” ein interessantes und vergnügliches Kuriosum, das mehr Zeugnis dessen sein dürfte, welches Bild von Außenstehenden auf das Viertel projiziert wurde, als St. Paulis selbst. Rolands Begeisterung indes wirkt zwar ein bisschen naiv, aber nicht unsympathisch, und dankenswerter hält man sich grafisch mit körperlicher Gewalt gegen Frauen zurück, statt sie wie in manch Sexploitater auszuschlachten.

5,5 von 10 Kurzen im Trixi gehen dafür auf mich!

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mo 2. Mär 2026, 13:57
von buxtebrawler
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Anke [TV-Serie]

„Die Kleine ist gut, oder?“

Anke Engelke, eine der sympathischsten und unterhaltsamsten Frauen im deutschen Fernsehen, bekleidete zwischen ihrer mehrjährigen Teilnahme an der Nachrichten-Comedy „Wochenshow“ und ihrer Sketchreihe „Ladykracher“ die Hauptrolle in der vom Humorexperten und späteren „Stromberg“-Autor Ralf Husmann zusammen mit Moritz Netenjakob erdachten und konzipierten SitCom „Anke“, die in der Redaktion einer fiktionalen Daily-Trash-Talkshow spielt. Sie umfasst zwei Staffeln, die in den Jahren 2000 und 2001 bei Sat.1 ausgestrahlt wurden und es auf insgesamt 24 Episoden à rund 25 Minuten brachten. Die Regie übernahm Sven Unterwaldt Jr. („Alles Atze“).

„Red' ich in Blindenschrift?!“

Anke ist die Moderatorin ihrer gleichnamigen täglichen Talkshow, durch die sie souverän führt. Ihre Redaktion besteht unter anderem aus dem Redaktionsleiter Schroeder (Frank-Leo Schröder, „Die Bademeister – Weiber, saufen, Leben retten“), einem machohaften und skrupellosen Choleriker, Redakteurin Lisa (Roswitha Schreiner, „Der Richter und das Mädchen“), einer etwas altbackenen, verheirateten grauen Maus, und Sekretärin Nikki (Sandra Leonard, „Schrei – denn ich werde Dich töten!“), einer jungen promisken Sexbombe. Zudem geht Ankes Ex-Freund, der arbeitslose Tunichtgut Tom (Ingo Naujoks, „Die Straßen von Berlin“), dort ständig ein und aus. Er hat noch immer Interesse an ihr, wird von ihr jedoch lediglich als guter Freund betrachtet. Hin und wieder lässt sich noch einmal mit ihm ein, da sie noch immer alleinstehend ist und im Privatleben nicht viel Glück mit den Männern hat. Dass es in der Redaktion immer wieder drunter und drüber geht, zerrt zusätzlich an ihrem Nervenkostüm…

Zuvorderst: Das von Engelke höchstpersönlich gesungene Titelstück ist ein veritabler Hit und macht große Lust auf die Serie. Diese präsentiert sich von Beginn an betont locker und immer etwas schlüpfrig. So geht es in der ersten Episode darum, welche Anzahl bisheriger Sexualpartner sich ziemt, wenngleich, ginge es nach Anke, das Thema Sex eher ausgespart werden sollte, da ihre Mutter (Brigitte Böttrich, „Unser Charly“) sie in den Redaktionsräumen besucht… Hier geht es also um die Frage gesellschaftlicher Akzeptanz in privaten, intimen Fragen und das Schamgefühl gegenüber den eigenen Eltern. In Episode 2 schaut mit Annette (Astrid M. Fünderich, „Das erste Semester“) eine alte Freundin Ankes vorbei und bittet sie um einen Job, entpuppt sich jedoch nicht nur als Sprücheklopferin, sondern auch als echte Nervensäge – und der Redaktionsfrieden ist dahin. Denn nur, weil man miteinander befreundet ist, bedeutet dies nicht automatisch, dass man auch beruflich harmoniert. Die Folge endet mit einem schönen Epilog, in dem Daily-Talkerin Birte Krawallus sich selbst spielt. In der dritten Episode zieht der stets abgebrannte Tom sogar wieder bei Anke ein, während die Redaktion eine Sendung zum Thema Ernährungsprobleme vorbereitet und Lisa sich gerade an einer Diät versucht. Diese Folge verdeutlicht vor allem die etwas schräge Beziehung, die Anke und Tom zueinander haben.

Markus Majowski („Höllische Nachbarn“) schaut in Episode 4 als depressiver Typ vorbei, der überredet werden soll, als Ersatzgast einzuspringen. Vornehmlich dreht sich aber alles um ein Fotoshooting für eine Zeitschrift, zu dem Anke eingeladen wurde und bei dem sie auf ihre als Konkurrentin empfundene Kollegin Susann Atwell trifft. Eine Episode über oberflächliche Schönheitsideale in der Medienwelt, die hier aufs Korn genommen werden. Die fünfte Episode zählt zu meinen Favoriten: Anke hat zu Toms Entsetzen ein Rendezvous mit einem kultivierten Kunstkenner. Und obwohl sie in ihrer Sendung gerade noch dafür geworben hat, zu sich selbst zu stehen und sich nicht zu verstellen, tut sie genau dies, um ihrem Verehrer zu gefallen. Grandios und irre komisch! In Episode 6 wird Schroeder vom Sender kritisiert und bekommt jemanden geschickt, um ihn einzunorden: einen Ostdeutschen. Anke sieht nur noch Babys überall. Und die neue Putzfrau, eine Schwarze, will gleich eine Scheinehe eingehen. Eine durchwachsene Episode, die mit einigen gelungenen Sprüchen und mitunter tollem, auch subtilerem Humor punktet, zudem mit der gesellschaftlichen Erwartungshaltung an Frauen, sich zu reproduzieren, ein relevantes Thema aufgreift. Demgegenüber stehen Plumpheiten wie der als einziger mit breitem Dialekt sprechenden Ossi und die als einziges Klischee auftretende ausländische Putzfrau.

Tom ist in der siebten Episode frisch verliebt, wovon Anke gar nicht so begeistert ist, und Lisa hat ihren neunjährigen Filius Niels (Constantin von Jascheroff, „Schloss Einstein“) mit in die Redaktion gebracht, wo dieser massiv herumnervt. Eifersucht unter Ex-Partnern und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – bzw. schlicht der Wert einer funktionierenden Kinderbetreuung – werden hier humoristisch aufbereitet. Episode 8 wartet mit Redaktionsneuling Kai (Steffen Groth, „Dunkle Tage“) auf, auf den alle Kolleginnen stehen und mit dem sich auch Schroeder prächtig versteht. Bald kommt jedoch das Gerücht auf, Kai sei homosexuell… Die Folgen dieses Gerüchts thematisieren und kritisieren natürlich Homophobie, sind aber insofern auch ein interessantes Stück Zeitkolorit, als sie veranschaulichen, dass man in dieser Hinsicht vor einem Vierteljahrhundert noch längst nicht so weit war wie heute. Um Geschmack und Prüderie dreht sich der zweite Handlungsstrang, in dem eine Künstlerin versucht, ihre schlüpfrigen Gemälde als Redaktionsdeko an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Richtig gut ist die neunte Episode, in der sich Lisas Mann (Hannes Hellmann, „Absolute Giganten“) scheiden lassen, weil er im Bett mit ihr unzufrieden sei. Anke verunsichert dies plötzlich enorm, weshalb sie sich noch einmal nacheinander mit all ihren Ex-Freunden trifft. Das ist urkomisch und wird zum Anlass für eine „Harry & Sally“-Hommage. Und ausgerechnet Macho Schroeder hat Sorge, uncool zu sein, woraufhin er sich in Jugendklamotten wirft. Diese Folge erinnert vor allem daran, dass es meistens gute Gründe hat, weshalb sich Partner einst trennten…

„Ein ganz normaler Trainer...“

Episode 10 hat ein „Stern TV“-Kamerateam zu Gast, das einen Beitrag über die Redaktion dreht. Die aufgesetzt gute und friedliche Stimmung wird jedoch von einem offenbar in den Räumlichkeiten herumschleichenden Dieb torpediert. Als ausgerechnet ein Talkshow-Gast, ein ehemaliger Gefängnisinsasse, verdächtigt wird, eskaliert die Situation. Eine in Teilen durchaus witzige, insbesondere in Bezug auf den Ex-Knacki aber auch arg konstruierte und etwas bemühte Folge. In der elften Episode geht’s einmal mehr um eine verunsicherte Anke, die nun einen Fitnesscoach unter- und sich fit hält, weil sie in der jährlich veröffentlichten Liste der erotischsten Frauen vier Plätze abgerutscht ist. Schroeder hat derweil Vorwürfe der neuen Mitarbeiterin in der Maske am Hals, die behauptet, er habe sie sexuell belästigt, und Lisa ist scharf auf Gaststar Hannes Jaenicke, den sie angräbt und sich mit ihm betrinkt. Anke wiederum versucht, mit ihrem Trainer anzubandeln, wogegen Tom etwas einzuwenden hat. All dies führt zu einem hochamüsanten Kuddelmuddel, das bereits leicht in Richtung #metoo tendiert. Und Roger Willemsen war sich für einen Epilog-Gag nicht zu schade. In Episode 12 soll Anke die Patin des Neugeborenen einer Kollegin werden, traut sich diese Aufgabe aber nicht so recht zu. Schroeder wiederum wird nachdenklich, weil sein Onkel mit nur 46 Jahren gestorben ist. Und ein nerviger Motivationscoach, der als Experte in die Show eingeladen wurde, hält die Belegschaft von der Arbeit ab, setzt ihr Flausen ins Ohr. Die Mutter des Babys hadert zudem mit ihrem neuen Dasein als Mutter und hat extreme Stimmungsschwankungen. Schön, wie das Sujet „verunsicherte Anke“ immer wieder variiert wird, wie dem Unsympathen Schroeder Schüsse vor den Bug geknallt werden und so ganz nebenbei ernste Themen wie Sorge vor Krankheit und Tod oder auch die Verantwortung einer Mutterschaft eingeflochten werden. Ich habe den Eindruck, dass jüngst noch mehr in die Episoden mit ihrer knappen Laufzeit gepresst als zuvor, was sie mitunter recht hektisch erscheinen lässt, aber schon noch gut funktioniert.

„Wirf deine alten Socken nicht weg, wenn du nicht lieber barfuß gehst...“

Die dreizehnte Episode rückt unter anderem die Schnelllebigkeit von Fernsehsendungen in den Fokus: Bei „Anke“ herrscht Quotenflaute, die Talkshow erhält einen neuen Sendeplatz und die Angst vor Jobverlust geht in der Redaktion um. Anke fühlt sich kränklich, schmiedet aber dennoch an Ideen, ihre Sendung zu retten, während andere als Alternative zu ihrem Job eine Heirat in Betracht ziehen. Interessant und mediensatirisch ist hier vor allem, welche Vorschläge aufs Tapet gelangen, um höhere Einschaltquoten zu erzielen („Wir brauchen mehr Sex-Themen!“) … Ein schönes Staffelfinale.

„Du bist das neue Puddinggesicht!“

Mit einem Alarm im Studio beginnt die Staffel 2 eröffnende Episode 14. Seit diesem ist Anke ganz kirre. Was sie nicht weiß: Sie ist unwissentlich Teil einer „Versteckte Kamera“-Verlade. Und was sie noch viel weniger ahnt, nachdem sie dahintergekommen ist: Ihr durchgeknallter Verehrer ist echt. Diese mit Thomas Ohrner als Gaststar aufwartende Episode ist insbesondere dann lustig, wenn sie die Option durchexerziert, dass ein Opfer der versteckten Kamera den Spuk durchschaut. Das TV-Werbegeschäft persifliert die fünfzehnte Episode, dabei zugleich – in weiser Voraussicht, möchte man fast meinen – die knöchern-konservativen „Müller Milch“-Chefs. In der dagegen etwas abfallenden Nebenhandlung bringt Schroeder eine von einem Gast mitgebrachte Voodoo-Puppe in arge Probleme, denn sie funktioniert bei ihm – ausgerechnet als er einen Interview-Termin mit dem „Manager Magazin“ hat. Dieses Phantastik-Element ist etwas albern, der immer sexistischer werdende Werbespot-Dreh dafür umso köstlicher.

„Wir gehen nachher noch in einen Club – so nennt man Discos jetzt!“

Episode 16 wird noch einmal schlüpfriger: Anke verknallt sich in einen jüngeren Talkgast, Schroeder hingegen hat Prostata-Probleme und soll Erektionen vermeiden – leichter gesagt als getan! Dies sensibilisiert für die vielen Sexualisierungen im Alltag und letztlich auch der Sendung, die Schroeder als Redaktionsleiter ja maßgeblich mitbestimmt. Bei allem Klamauk sind dies im Grunde kluge Seitenhiebe auf „Sex sells“. Und Ankes Techtelmechtel führt zu spaßigen Generationsproblemen. Nicht minder klug, wenn auch auf damaligem Erkenntnisstand thematisiert die siebzehnte Episode negative wie (vermeintlich) positive Vorurteile anhand der dunkelhäutigen Beauftragten der Berufsgenossenschaft, die Ankes Redaktion inspiziert – und den verunsicherten, unbeholfenen Umgang der weißen Mehrheitsgesellschaft damit. „Ich bin zwei Randgruppen – mindestens!“ wird dann zu etwas, das man sich vor sich herträgt. Nur die Liebe zählt in Episode 18 – außer für Schroeder, der, wie sich herausstellt, als Kind Bettnässer war und nun den Spott der Kolleginnen und Kollegen über sich ergehen lassen muss. Kai Pflaume tritt in seiner Eigenschaft als „Nur die Liebe zählt“-Moderator als Gast in Erscheinung, der Lisas Ehe zu kitten versucht. Eine schwächere Episode, die weniger persiflierend als vielmehr wie ein Werbeslot für eine weitere Sat.1-Sendung wirkt.

„Man muss sich mit Witzen nicht auskennen!“

Eine der besten Episoden hingegen ist – trotz ähnlichen Werbeslot-Charakters – die neunzehnte, als eine etwas missglückte Szene aus Ankes Talkshow zu einem „TV total“-Nippel wird. Daraufhin wird sie von Stefan Raab in die Sendung eingeladen, bekommt es aber mit der Angst zu tun: Ist sie witzig genug? Hier geht es vornehmlich um unterschiedliches Humorverständnis und Schlagfertigkeit, was zu irre witzigen Momenten führt. Das aufgesetzte Pathos vermeintlichen Qualitätstalks persifliert Episode 20, wenn der neue Regisseur Volker (Markus John, „Thrill – Spiel um dein Leben“) sich mit Schroeder in die Quere kommt. Die Sendung soll seriöser und tiefgründiger werden, wofür Volker allen Honig ums Maul schmiert. Zurück zum Schlüpfrigen geht es, quasi als harter Kontrast, in der einundzwanzigsten Episode, in der die reale Daily-Trash-Talkmasterin Sonja als Wichsvorlage bezeichnet wird. Anke fragt sich nun, ob sie sexy genug in ihrer Sendung auftritt – und fühlt sich herausgefordert, auch „die Wichser“ als Zuschauer zu kriegen. Also bestellt sich sie eine Imageberaterin und übt Bauchfreimoderationen. Lisa hingegen hat weiterhin Probleme mit ihrem Mann, hat sie doch herausgefunden, dass er bei einer Gay-Sexline anruft. Schroeder wiederum versucht, sich das Rauchen abzugewöhnen, wodurch er erwartbar noch unausstehlicher und reizbarer wird. Eine unheimlich komische Folge, die den Girlie-Wahn der damaligen Zeit aufgreift und ziemlich auf den Punkt bringt.

„Recherche für die Sendung am Freitag – über bedrohte Völker...“

Die Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes und die häufig nicht allzu lange Existenz von TV-Formaten greift Episode 22 erneut auf. Der Besitzer des Senders hat gewechselt, Kosten sollen eingespart werden, ein Wirtschaftsprüfer geht in den Redaktionsräumen um. Wie man sich verbiegt, um sich als unersetzlich zu profilieren, treibt komische Blüten. In der verletzten Episode will der Programmchef sein Liebchen Sabrina (Julia Thurnau, „Nach fünf im Urwald“) als Ankes Assistentin unterbringen, woraufhin die Redaktion beschließt, sie zu mobben. Leider erweist sich die Besetzungscouchabsolventin jedoch als total nett. Vornehmlich geht es jedoch darum, dass Anke der Durchsetzungswille fehlt, persönlich mit anderen Menschen Tacheles zu reden. Die erste Sendung mit Sabrina als Assistentin läuft dann aber ganz gut, sodass sie eine eigene Sendung bekommen soll. Gleichzeitig soll „Anke“ abgesetzt werden, was Anke noch gar nicht weiß. Fortan wird statt Sabrina Anke geschnitten, weil alle hoffen, bei Sabrinas Sendung unterzukommen. Eine Folge nicht nur über fragwürdige Vorgänge in der Fernsehbranche also, sondern auch über Opportunismus – und abermals eine auf der Kippe stehende Sendung. Einer der Höhepunkte ist eine famose Slapstick-Abfolge Ankes.

„Ich glaub', ich brauch' 'ne Imageberaterin...“

Das Staffelfinale leidet dann ein wenig darunter, dass offenbar noch nicht klar war, ob die Serie fortgesetzt werden würde oder nicht und sie sich deshalb eine Tür offenhält. Nun ist nämlich nicht mehr von der Absetzung der Talkshow die Rede, sondern lediglich von der letzten Sendung in der bisherigen Showdeko und den vertrauten Räumlichkeiten. Außerdem geht eine Überraschung für Anke schief, über die sich fortan alle lustig machen, weil ihr letztes Rendezvous bereits acht Monate zurückliegt. Und Schroeder bekommt es wieder mit der Angst zu tun: Diesmal befürchtet er, Hautkrebs zu haben, und will ab sofort ein guter Mensch sein – ein Sujet, das Husmann später in ganz ähnlicher Form für eine „Stromberg“-Episode erneut aufgegriffen hat.

„Die schmeißen hier doch nicht alle raus!“

Verglichen mit späteren Husmann-Comedy-Serien divergiert der Stil vor allem noch insofern, als die Figuren hier allesamt stark karikierend überzeichnet sind. Mit die stärksten Momente sind tatsächlich die, in denen der Humor nicht mit dem Holzhammer kommt, sondern sich etwas subtiler anschleicht – aber auch diejenigen, in denen Engelke ihr komisches Talent besonders exponiert ausleben kann. Bei bis zu drei Handlungssträngen pro Episode sind Tempo und Gagdichte entsprechend hoch.

„Schade, dass wir sie rausekeln müssen...“

Der mediensatirische Gehalt wirkt jedoch immer wieder etwas schaumgebremst. Die unsäglichen Talkshows, die hier persifliert werden, waren ein Phänomen der 1990er und frühen 2000er, wobei ihr Stern zum Produktionszeitpunkt dieser Serie bereits kräftig sank. Dass man viel auf Krawallthemen setzte, wird hier zwar verarbeitet, nicht aber, wie man minderbemittelte Menschen vorführte, eine absurde Kommunikations- und Diskussions“kultur“ vermittelte und irgendwann sogar auf jeglichen Realismus zu pfeifen begann, indem man Laiendarstellerinnen und -darsteller als vermeintlich echte Gäste einlud.

„Du bist unfassbar blöd!“

„Anke“ bietet kleine Seitenhiebe gegen andere, reale Talkshows dieses Kalibers, gegen Fernsehköpfe und Sender, wird dabei jedoch nie zu bissig. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass Sat.1, der Sender, für den „Anke“ produziert wurde, selbst federführend bei der Daily-Talk-Verdummung war. Enttäuschend ist auch, wie selten die Serie tatsächlich im Studio statt in der Redaktion spielt. Da wurde einiges Potential verschenkt und das Publikum auf eine falsche Fährte gelockt, ist doch jede Episode wie eine Talkshow betitelt: „Anke, von Männern krieg ich nie genug!“, „Anke, meine Freunde nutzen mich nur aus!“, „Anke, ich bin viel zu fett!“ usw. Hat man sich damit erst einmal abgefunden, ist „Anke“ aber tatsächlich ziemlich unterhaltsam und hat ein spielfreudiges Ensemble inklusive einer sich gern sexy gebenden Engelke zu bieten.

Kurzum: Ich hatte Spaß. Danke, Anke!

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Di 3. Mär 2026, 15:32
von buxtebrawler
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Amityville 3

„Wenn man da runterschaut, hat man das Gefühl, hier kommt man auf direktem Weg in die Hölle...“

Nach dem eher durchwachsenen, dennoch genremitprägenden ersten „Amityville“-Spukhausfilm aus dem Jahre 1979 und der sehr eigenwilligen, aber besseren ersten Fortsetzung Damiano Damianis (1982) folgte ein Jahr später der dritte Teil, diesmal inszeniert von US-Regieveteran Richard Fleischer („Stiefel, die den Tod bedeuten“). In den Kinos lief „Amityville 3” als 3D-Film, ein Effekt, auf den man bei der Heimkinoauswertung verzichten muss.

„Ein furchtbares Haus!“

Der Journalist John Baxter (Tony Roberts, „Serpico“) und seine Partnerin Melanie (Candy Clark, „Das fliegende Auge“) lassen zusammen mit Wissenschaftler Eilliott West (Robert Joy, „Ragtime“) zwei Betrüger auffliegen, die im berüchtigten Amityville-Spukhaus vermeintliche Seancen durchführen und sich damit die Taschen füllen. John ist dennoch fasziniert vom alten Gemäuer und erwirbt es kurzerhand, um es mit seiner Tochter zu beziehen Bald mehren sich jedoch unerklärliche Phänomene, bis er sich eingestehen muss, dass dies der falsche Ort für seine Tochter ist – bzw. war…

„Warum wolltest du in dieses Haus, John?“

Schwere Streicherklänge begleiten die Seance, die direkt zu Beginn als fauler Zauber enthüllt wird. Noch siegt die Ratio. Dass das Haus ein Eigenleben aufweist, wird jedoch schon früh durch kontinuierlich eingestreute Point-of-View-Perspektiven aus einem der oberen Hausfenster suggeriert. Und schon bald wird es sich bewahrheiten: Makler Mr. Sanders (John Harkins, „Tödliche Fracht“) sieht auf den entwickelten, im Haus geschossenen Fotos seltsam entstellt aus – und als er noch einmal ins Haus geht, beschlägt erst ein Spiegel und tötet ihn schließlich eine Fliegenplage im oberen Stockwerk. John glaubt, Sanders habe einen tödlichen Schlaganfall erlitten, und zieht mit seiner Tochter Susan (Lori Loughlin, „Full House“) ein. Eine gut gemachte Spannungsszene wiederum endet als falscher Alarm. Doch ein Fahrstuhl spielt verrückt und als sich Melanie allein im Haus aufhält, bricht ein Eissturm über sie herein.

Johns Ex-Frau Nancy (Tess Harper, „Silkwood“) stellt Nachforschungen über das Haus an; Susans Freundin Lisa (Meg Ryan, „Die wilden Reichen“) kommt zu Besuch und erzählt, was schon alles in diesem Haus geschehen sei. Noch will John all dies aber nicht wahrhaben. Die Kamera lässt erahnen, dass auch etwas mit dem sich im Haus befindenden Brunnen nicht stimmt, und unbemerkt von John verschieben sich gar die Wände. Letzteres bleibt kurioserweise unaufgegriffen und wirkt dadurch, als sei lediglich jemand von der Crew versehentlich in die Kulissen gestolpert. Melanie entdeckt einen kleinen Dämon auf einem der Fotos, erleidet anschließend einen Autounfall und verbrennt in einer gut gemachten, überraschend harschen Szene bis aufs Skelett. Da ist es verständlich, dass Nancy ihrer Tochter verbietet, das Haus noch einmal zu betreten. Dies hält die Kids jedoch nicht davon ab, sich am Gläserrücken zu versuchen. Susan ertrinkt schließlich und begegnet ihrer Mutter als Geist. Der plötzlich aktiv werdende Brunnen entpuppt sich als Alptraum Johns, auf den hin er aber dem mit ihm befreundeten Experten für Paranormales, Dr. Elliot West (Robert Joy, „Ragtime“), gestattet, das Haus zusammen mit dessen Team zu untersuchen. Eine lila Wolke als Geistererscheinung wurde digital eingefügt und ist als Spezialeffekt schlecht gealtert. Und dann spielt der Brunnen wirklich verrückt…

Nein, „Amityville 3“ schwingt natürlich keine Gore-Keulen oder ist generell sonderlich grafisch explizit ausgefallen, wuchert auch nicht mit sonstigen Schauwerten. In seiner ungekürzten Fassung versteht er es aber durchaus, einige böse Spitzen zu setzen. Dass diese irgendwann auf Blu-ray erhältlich wurde, nahm ich zum Anlass, mir diesen Film, der mich seinerzeit auf VHS enttäuscht hatte, noch einmal aufmerksam anzusehen. Nun ja, den Bootsunfall, bei dem Susan ums Leben kommt, spart auch der vollständige Film kurzerhand aus und behauptet ihn lediglich, obwohl es sich um eine entscheidende Wendung handelt. Die Neusichtung änderte auch generell nichts am unausgegorenen Drehbuch, das etliche Motive des ersten Teils aufgreift und wiederholt, diese aber mit Versatzstücken aus „Poltergeist“ anreichert. Dazu, weshalb das alles passiert und wo dieser Dämon herkommt, schweigt es sich aus. „Amityville 3“ erweckt den Eindruck, sowohl 3D-Neuverfilmung als auch Fortsetzung sein zu wollen und setzt sich damit zwischen die Stühle.

Aufgrund seiner Darstellerriege, die unter anderem mit einer jungen Meg Ryan aufwartet, ist „Amityville 3“ dennoch interessant, wenngleich sich das Ensemble zuweilen etwas verloren vorzukommen scheint. Irgendwie passt das aber auch zu diesem Spukhaus-Aufguss, der, erwischt er ein Genre-affines Publikum auf dem richtigen Fuß, als atmosphärisch entrückter und beunruhigend entspannter (diese Formulierung ist wohl verwandt mit „geil langweilig“) Genrebeitrag mit restauriertem Bild schon ein bisschen was hermacht und durchaus angenehme Unterhaltung beschert. Mittlerweile empfinde ich „Amityville 3“ als leicht überdurchschnittlich.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mi 4. Mär 2026, 13:55
von buxtebrawler
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Garfield's Feline Fantasies

Der vorletzte für den US-Fernsehsender CBS produzierte Zeichentrick-Kurzfilm um den verfressenen Comic-Kater Garfield ist der 24-minütige „Garfield's Feline Fantasies“, der am 18. Mai 1990 erstausgestrahlt und meines Wissens als einziger nie in deutscher Sprache synchronisiert wurde. Auch dieser wurde von Phil Roman inszeniert.

Wie so oft schläft Garfield zu Beginn der Handlung. Er träumt davon, ein U-Boot-Kapitän zu sein. Sein Stoffteddy Pooky ist kommandierender Offizier. Als sein Wecker klingelt, träumt er einfach weiter und wird sich den ganzen Tag über kontinuierlich in verschiedenste Fantasien begeben, in die Hündchen Odie ihm folgt. So sehen wir Garfield in einem Western- und einem Fantasy-Szenario sowie zusammen mit Odie als Pilot eines Jets mit Motorschaden.

Kernstück des Films aber ist eine Fantasie, in die Garfield und Odie sich hineinsteigern, nachdem sie in Jons Kühlschrank geklettert sind: Garfield verkörpert Lance Sterling, eine Mischung aus James Bond und Indiana Jones, Odie alias Slobberjob ist sein Partner. Als Abenteueragenten bereisen sie Istanbul, Paris und den Regenwald am Amazonas, um „Die Banane von Bombay“ zu finden, bevor sie der Schurke „Fat Guy“ in die Finger kriegt. Währenddessen lernen sie die moldawische und geheimnisvolle Nadia kennen, die eigene Pläne verfolgt. Diese Fantasie ist ein Mix aus Hommage und Persiflage typischer Genrefilme und als solcher gelungen und mit zahlreichen amüsanten Gags gespickt. Die Geschichte endet, als die beiden aus dem Kühlschrank fallen. Abschließend begibt sich Garfield in eine kurze „Casablanca“-Fantasie inklusive „As Time Goes By“-Soundtrack.

„Garfield's Feline Fantasies“ ist ein Spagat zwischen der introspektiven Ausrichtung der Comicvorlagen, in denen die Erzählungen zu Hause bei Jon spielen, und den Abenteuern, die ein vermenschlichter Garfield in aller Welt erlebt (wie sie häufig in seinen Kurzfilmen und seiner Serie zu finden sind). Letzteres überwiegt hier natürlich, wobei insbesondere die Anspielungen auf Filme bzw. Filmgenres ein entsprechende Affinitäten aufweisenden Publikum erfreuen dürften, während Kindern die Kraft der Imagination vermittelt wird.

Wertung als Fan, der die bei und mit Jon spielenden Geschichten eigentlich am charmantesten findet, aber eben auch auf Filmpersiflagen steht: 7,5 von 10 träumenden Haustieren

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Do 5. Mär 2026, 16:08
von buxtebrawler
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Nackt unter Leder

Der etwas andere Bikerfilm

„Trostlos, diese Vororte...“

Die britisch-französische Koproduktion „Nackt unter Leder“ des britischen Regisseurs Jack Cardiff („Katanga“) ist ein mit den attraktiven Stars Marianne Faithfull und Alain Delon prominent besetztes Liebes- und Biker(in)-Drama, eine Verfilmung des Romans „Das Motorrad“ von André Pieyre de Mandiargues, vor allem aber ein Kind seiner Zeit: Der Film erschien im Jahre 1968.

„Verheiratet sein hat auch etwas von Sterben in sich!“

Rebecca (Marianne Faithfull, „Was kommt danach...?“) ist erst seit zwei Monaten mit Raymond (Roger Mutton, „Der Angriff der leichten Brigade“) verheiratet, hat aber bereits die Nase von dessen mangelndem Durchsetzungsvermögen, seiner Spießigkeit und ihrem provinziellen Leben im Elsass voll. Kurzentschlossen schwingt sie sich in Lederkluft auf ihre Harley und eilt nach Heidelberg zum aufregenden Daniel (Alain Delon, „Nur die Sonne war Zeuge“), zu dem sie eine Affäre unterhält. Während der Fahrt schwelgt sie in Erinnerungen…

„Dein Körper ist wie eine Geige in einem samtenen Futteral.“

Typische endsechziger psychedelische Effekte leiten einen Traum Rebeccas ein (und werden auch wieder aus ihm entlassen): Ihr Geliebter Daniel fährt in einem Zirkus Motorrad, während sie auf einem Pferd reitet. Träume sind nun einmal oft wirr. Als sie aufwacht, wandelt sie zur Freude des Filmpublikums wie die Evolution sie schuf durchs Bild und schlüpft ohne Unterwäsche in ihren körperbetonten ledernen Bikerdress. Der deutsche Titel lügt also nicht. Auszüge aus ihrer Gedankenwelt werden per Voice-over hörbar. So reitet sie also ihren Bock und cruist in der Morgendämmerung an Soldatenfriedhöfen vorbei – ein erstes Beispiel für die kraftvolle Symbolsprache des Films. Wir erfahren die Hintergründe um ihren als Grundschullehrer, dem die Kinder auf der Nase herumtanzen, arbeitenden Mann und ihre Heirat, lauschen ihr beim unentwegten Sinnieren aus dem Off und werden wiederholt Zeuge psychedelischer Verfremdungseffekte, während die unverfremdeten Bilder Lust einen Motorradausflug machen.

„Miststück! Miststück! Miststück!“

Sie wähnt sich bereits in Heidelberg, als sie nach einem Nickerchen am Straßenrand jäh aus einem weiteren Traum erwacht und Soldaten an sich vorbeifahren sieht. Eine gute halbe Stunde ist vergangen, als die erste Rückblende einsetzt, die sie auf einer Bahnreise zum Skifahren mit Freunden und ihre Ankunft in einem kleinen Bergdorf zeigt. Entsprechend gibt es nun Skifahr- statt Motorrad-Szenen zu sehen. Ihr Mann ist ihr zu vernünftig und langweilig, da kam es ihr ganz gelegen, im Skiurlaub Daniel kennenzulernen. Cardiff verschachtelt seine Narration weiter mit einer Rückblende in der Rückblende: Rebecca arbeitete im Buchladen ihres Vaters und traf dort erstmals auf Daniel, einen Privatdozenten aus der Schweiz. Anstelle ihres Mannes schleicht dieser nachts zu ihr ins Zimmer. Die gezeigte Sexszene wird leider ebenfalls psychedelisch verfremdet gezeigt. Nach einer per Rückprojektion umgesetzten Spritztour auf dem Motorrad trieben sie noch einmal miteinander.

„Deine Zehen sind wie kleine Grabsteine!“

Rebecca macht Pause in einem bayrischen Rasthaus; weitere Rückblenden zeigen, wie Daniel ihr Motorradfahren beibrachte. Bilder historischer Rennen, von denen er ihr im Bett zu erzählen schien, werden eingefügt. Im Rasthaus beginnt sie mit ihrer Situation zu hadern und bricht in Tränen aus. Anschließend brettert sie wie von Sinnen mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Straßen und baut fast einen Unfall, hat dabei immer wieder Daniels ihren Fahrstil kommentierende Stimme im Ohr. Sie verzweifelt am kühlen Daniel und weiß es eigentlich besser, ist ihm aber trotzdem – oder gerade deshalb – verfallen. Sie versucht sich nun auch von Daniel zu emanzipieren. Die Schlusssequenz mit Rebecca auf dem Motorrad ist ein trügerischer Ausdruck ultimativer Freiheit – denn es kommt, wie es kommen muss.

„Eigentlich bist du alles andere als unwiderstehlich...“

Das Motorradfahren als Sinnbild individueller Freiheit dient Cardiffs Film als Aufhänger für eine Reise Rebeccas zu sich selbst und zu dem, was sie sich wirklich wünscht. Ein tränenreicher Weg, der fatalistisch endet, was schade ist – ohne sein Ende hätte „Nackt unter Leder“ mit einer positiven Aussage geschlossen. Frauenemanzipation und freie Liebe als der Ehe diametral gegenüberstehendes Ideal werden verhandelt, unter anderem in Diskussionen Daniels mit seinen Studenten, durchaus auch kontrovers. Darüber hinaus äußert der Film immer wieder Kritik an Militär und Krieg und präsentiert nicht zuletzt beeindruckende Landschaftspanoramen.

Zugegeben, sonderlich aufregend oder spannend ist die immerhin Ländergrenzen überschreitende, aber zuweilen etwas unnötig verwirrend erzählte Geschichte nicht, deren Kippen in die Melodramatik am Ende irritiert. Fürwahr aufregend ist jedoch der geschmackvolle Erotik-Touch, den Marianne Faithfull einbringt und der sich auch in den Reaktionen der Männer widerspiegelt, denen sie auf ihrer Reise begegnet. Cardiff stilisiert und ästhetisiert sie gekonnt als Lederbraut, wenngleich man ihr hin und wieder vielleicht anmerkt, nicht sonderlich viel Erfahrung als Motorradfahrerin zu haben. Der griffige, aber irreführnede deutsche Titel suggeriert einen höheren Erotikanteil, als der Film letztlich aufweist, der mit seinem Low-Budget-Genrefilm-Charme und massig Zeitkolorit aber so oder so sein Publikum findet und für sich einzunehmen versteht. Am besten im Double Feature mit „Ich – Ein Groupie“ gucken!

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mo 9. Mär 2026, 11:14
von buxtebrawler
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Im Schatten des Zweifels

„Glauben Sie an Telepathie?“

Die vom britischen Regisseur Alfred Hitchcock zwischen seinen Filmen „Saboteure“ und „Das Rettungsboot“ inszenierte US-Produktion „Im Schatten des Zweifels“ basiert auf einer Geschichte Gordon McDonells und wurde im Jahre 1943 veröffentlicht. Den Mix aus Drama und Thriller mit komödiantischen Anleihen bezeichnete Hitchcocks wiederholt als seinen Lieblingsfilm.

„Das waren noch Zeiten… Nicht so, wie’s heute ist. Da sah die Welt noch anders aus. Nicht so viel Schmutz und Dreck.“

Die beschauliche US-Kleinstadt Santa Rosa scheint kein Wässerchen trüben zu können – bis Onkel Charles (Joseph Cotten, „Citizen Kane“) aus New York seine dort lebende Familie besucht. Die älteste Tochter Charlie (Teresa Wright, „Mrs. Miniver“) ist besonders fasziniert vom charmanten Lebemann aus der Großstadt und pflegt eine enge Verbindung zu ihm. Doch die Idylle bekommt Risse, als Charlie in der Abendzeitung von einem flüchtigen Witwenmörder liest und Charles sich zunehmend ungewöhnlich verhält – besteht ein Zusammenhang…?

„Die ganze Welt ist für mich ein Witz!“

Zu Beginn wird Charles von zwei Männern verfolgt, ohne dass das Filmpublikum wüsste, weshalb. Charles reist daraufhin nach Santa Rosa, wo Charlie schwermütig übers Leben philosophiert und mit ihrer neunmalklugen kleinen Schwester Ann (Edna May Wonacott, „Die Liebe unseres Lebens“) sowie ihrem nerdig-autistischen kleinen Bruder zusammenlebt. Nach dem Prolog wird die Familienidylle inklusive ihrer Spleens komödiantisch überzeichnet, was zunächst einen eher harmlosen Film vermuten lässt. Charles überhäuft seine Familie mit Gastgeschenken und lässt sich von Charlie vergöttern. Der Vater und sein Nachbar Herbie (Hume Crony, „Phantom der Oper“) liefern sich schwarzhumorige Dialoge darüber, wie sie sich gegenseitig ermorden, womit Hitchcock seinen Hang zum Makabren anbringt. Mit der Abendzeitung beginnt Charles‘ verdächtiges Verhalten und der Humoranteil wird zurückgedreht.

„Weißt du, dass die Welt ein Schweinestall ist?!“

Hinzu kommt, dass Charles weiterhin verfolgt wird. Man weiß, dass etwas nicht stimmt, kennt jedoch den genauen Grund noch nicht. Will einen der Film auf eine falsche Fährte locken oder ist Charles tatsächlich ein kaltblütiger Mörder? Charlie durchschaut bald die Verfolger ihres Onkels, woraufhin sich einer von ihnen, Detective Jack Graham (Macdonald Carey, „Liebling, zum Diktat“), ihr erklärt. Bis aus dem Verdacht Gewissheit wird, vergeht einige Zeit, doch beständig wird „Im Schatten des Zweifels“ mehr und mehr zu einem richtiggehend bösen Thriller. Vor den Augen der Zuschauerschaft wandelt sich Charles vom sympathischen, großzügigen und weltgewandten Onkel zum Schurken – und beweist damit, welche Abgründe unter einer hellscheinenden Oberfläche lauern können. Hitchcock inszeniert diesen Wandel derart perfide, dass man es auch als Zuschauerin oder Zuschauer kaum glauben kann und beinahe geneigt ist, als Fürsprecher Charles‘ zu fungieren.

Dadurch schwebt gleichwohl die große Frage über der Handlung, wie weit Charles gehen wird, wann und wie die Lage eskalieren wird. Der Stil entwickelt sich gegen Ende dabei eher in Richtung eines Dramas, ohne seine Wirkung zu verfehlen. Der dramatische Aspekt hängt zudem mit der Entwicklung zusammen, die Sympathieträgerin Charlie durchmacht. Sein Spiel mit Suspense und Spannung beherrscht Hitchcock auch in diesem Film mehr als gut und überträgt es auf den Mikrokosmos einer Familie. Einige Parallelen zu seinem späteren Erfolg „Das Fenster zum Hof“ drängen sich natürlich auf; etwas seltsam mutet hingegen die früh im Film gezeigte Szene einer Art Tanzveranstaltung an, die auch für kurze Zwischenschnitte bei Szenenübergängen genutzt wird. Erinnerungswürdig sind neben der stimmigen Schwarzweißfotografie mit vielen visuellen Details und Symbolen ansonsten das freche und großspurige Auftreten Charlies Vaters in einer Bank, ein starker Monolog Charles gegenüber Charlie in einer Bar und nicht zuletzt die Namensdualität, die auf zwei Seiten einer Medaille verweisen.

Dafür blättere ich gern in 7,5 von 10 Abendzeitungen.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mo 9. Mär 2026, 16:53
von buxtebrawler
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Die Polizistin

„Hinein ins Grüne!“

Seinen Fernsehfilm „Die Polizistin“ aus dem Jahre 2000 inszenierte der deutsche Regisseur Andreas Dresen („Nachtgestalten“) nach einem Drehbuch Laila Stielers. Das Kriminaldrama verfolgt einen betont realistischen Stil.

„Ist das eine Scheiße!“

Die 27-jährige Anne (Gabriela Maria Schmeide, „Halbe Treppe“) ist frischgebackene Polizistin und kommt aus Brandenburg zu ihrer Dienststelle im Rostocker Stadtteil Lütten Klein. Die alleinstehende Frau verguckt sich sowohl in ihren Kollegen Mike (Axel Prahl, „Nachtgestalten“) als auch in den russischstämmigen Dieb Jegor (Yevgeni Sitokhin, „Tatort: Russisches Roulette“), dessen bei seiner Mutter und deren neuem Lebensgefährten lebenden zehnjährigem Sohn Benny (Paul Grubba) sie zu helfen versucht – und mehr als einmal die Grenzen zwischen Polizeidienst und Arbeit derart überschreitet, dass beides darunter leidet.

Seit „Herr Wichmann von der CDU“ und insbesondere „Als wir träumten“ hat Dresen einen Stein bei mir im Brett. Insofern war ich auf seine Sicht auf eine junge Polizistin inmitten Rostocker Plattenbauten gespannt. Zu Bildern dieser sinniert sie zu Beginn aus dem Off, bevor sie ihren ersten Tag im Dienst antritt. Mit seinen natürlichen Lichtquellen, seinem 16-mm-Material und seiner Handkamera mutet der Film bewusst weniger spielfilmisch als vielmehr dokumentarisch an. Anne landet in ihrem ersten Einsatz zusammen mit Mike unvermittelt in der Wohnung eines lauthals streitenden Paars. Die Mutter von zwei Kindern trinkt und scheint zudem tablettenabhängig zu sein. Einfühlsam unterhält sie sich mit dem Sohn Benny und nimmt persönlichen Anteil an dessen Schicksal. Als nächstes wartet ein Verkehrsunfall mit Blechschaden. Dem anatolischen Imbiss, in dem Mike seinen täglichen Döner zu genießen pflegt, werden ständig die Fenster eingeworfen. Die einzige Dusche des Polizeireviers muss sie sich mit den Kollegen teilen, wobei sie auch keine falsche Scheu zeigt. In weiteren Einsätzen muss eine verwirrte Seniorin zurück ins Pflegeheim gebracht werden, rückt man zu einer Ruhestörung durch eine trinkende Gesellschaft in einer Wohnung aus und dilettiert beim Überbringen einer Todesnachricht, zudem wird ein deutschrussischer Dieb verhaftet.

Lütten Klein ist, wie der Name schon sagt, ziemlich lütt, und so begegnet Anne beim privaten Lebensmitteleinkauf Benny wieder – bzw. erwischt sie ihn vielmehr beim Ladendiebstahl. Als nachts ein Obdachloser aus einem Bankvorraum vertrieben werden soll, wird dieser frech und daraufhin von Albert (Horst Krause, „Wir können auch anders...“), mit dem Anne gerade Streife fährt, brutal misshandelt. Auf der Wache eskalieren Täterin und Opfer eines Beischlafdiebstahls, Anne leibesvisitiert die völlig aufgelöste Elendsprostituierte. Aufgrund seines Auftretens wünscht man aber eher ihrem Freier die Pest an den Hals. Immer wieder begegnet Anne Benny, dem sie irgendwie zu helfen versucht, während er immer mehr zu verwahrlosen scheint.

Problematisch wird’s, als sie – nachdem sie den verheirateten Mike versetzt hat – sich für den deutschrussischen Dieb Jegor zu interessieren beginnt, der sich als Bennys leiblicher Vater entpuppt. Das Band zwischen Bennys Mutter und Jarge ist zerschnitten, unter anderem, weil Jarge keinen Unterhalt zahle. Die Mutter hat ein typisches Wendeschicksal als Kreuz zu tragen. Die zunehmend unter Einsamkeit leidende Anne verführt Jarge und steigt dann auch doch noch mit Mike in die Kiste. Doch dadurch ändert sich nichts: Weder erlangt sie mehr Zugriff auf Benny noch schwört Jarge der Kriminalität ab. Und schon gar nicht findet sie eine Liebesbeziehung. Dafür reitet sie sich immer weiter rein.

Die etwas irritierend nicht mit einem Knalleffekt oder einer als solche zu bezeichnenden Pointe endende Geschichte vermittelt einen realistisch rauen Eindruck Rostocks und ebensolche Einblicke in den Bullenalltag, der wenig aufregend ist und viel mit sozialer Not zu tun – an der die Polizei nichts ändern kann und auch gar nicht will. Dies einzusehen und zu akzeptieren fällt Anne schwer, sie scheint zu sensibel für diesen Beruf zu sein. So ist „Die Polizistin“ eine Mischung aus Milieustudie und Psychogramm, die schauspielerisch hervorragend gelungen ist (kaum zu glauben, dass es sich um Gabriela Maria Schmeides Debüt handelt, Axel Prahl spielt seine Rolle mit erfrischender norddeutscher Schnoddrigkeit), sich im letzten Drittel aber ein wenig zu sehr in ihren etwas konstruiert anmutenden Konflikten verliert, die durch das offene Ende auch nicht wirklich aufgelöst werden. So oder so beweist Dresen auch „Die Polizistin“ sein Näschen für weitestgehend authentisch anmutende Geschichten, die wenig beachtete gesellschaftliche Randbereiche beleuchten – und dabei ernstnehmen.

Und so, wie der Film mit Annes Stimme aus dem Off begann, schließt er auch.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Do 12. Mär 2026, 16:21
von buxtebrawler
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Apocalypse Now (Redux)

„Saigon... verdammte Scheiße.“

In den 1970er bohrte der US-amerikanische Regisseur Francis Ford Coppola seine dicksten Bretter: die ersten beiden „Der Pate“-Teile und das Antikriegsepos „Apocalypse Now“. Dieses basiert auf Joseph Conrads Erzählung „Herz der Finsternis“ und auf den von Michael Herr angefertigten Vietnamkriegs-Reportagen „Dispatches“. Coppola ließ den sozialdarwinistischen Waffennarr John Milius daraus das angemessen kranke Drehbuch verfassen, befreite es anschließend von dessen Unrat und begann mit dem Dreh auf den Philippinen und in der Dominikanischen Republik, der ungeheuer kräftezehrend geriet und die physische wie psychische Gesundheit des Teams massiv angriff. Am Ende stand der 1979 veröffentlichte, 153-minütige Film, der von vielen als Meisterwerk betrachtet wird und von Coppola in den Jahren 2001 und 2019 in erweiterten Director’s Cuts neu herausgebracht wurde.

„Einen Mann an so einem Ort wegen Mordes zu belangen ist wie eine Verwarnung wegen überhöhter Geschwindigkeit beim Autorennen.“

Im Jahre 1969: Der seine längt erlittenen Kriegstraumata in Alkohol ertränkende Benjamin L. Willard (Martin Sheen, „Cassandra Crossing“), Captain einer US-Spezialeinheit, erhält einen neuen Auftrag: US-Colonel Walter E. Kurtz (Marlon Brando, „Der Pate“) sei wahnsinnig und abtrünnig geworden. Im an Vietnam grenzenden Kambodscha herrsche er über eine Anhängerschar und lasse niemanden an sich heran. Wer es bisher versucht habe, sei nicht zurückgekehrt. Willard soll Kurtz ausfindig machen und liquidieren. Ein mit den vier Soldaten Chief Petty Officer Phillips (Albert Hall, „Leadbelly“), Jay „Chef“ Hicks (Frederic Forrest, „Die Wiege des Satans“), Lance B. Johnson (Sam Bottoms, „Der Texaner“) und Tyrone „Clean“ Miller (Laurence Fishburne, „Liebe, Lüge, Leidenschaft“) besetztes Patrouillenboot der US-Invasoren soll ihn von Saigon (heute Ho-Chi-Minh-Stadt) aus durchs Gebiet des Vietnamkriegs in den kambodschanischen Dschungel bringen, über seine Mission hat Willard Stillschweigen zu wahren. Die Reise gerät beschwerlich und verlustreich, die Logik eines absurden Kriegs ergreift immer mehr Besitz von den zusehends verrohenden Männern. Ruhigere Momente nutzt Willard, um sich mit den ihm zur Verfügung stehenden Dokumenten zu Colonel Kurtz zu befassen. Er entwickelt eine gewisse Faszination für den Aussteiger. Als er schließlich auf ihn trifft, sieht er sich innerhalb dessen Privatstaats mit einem gebrochenen Mann konfrontiert…

„Charlie surft nicht!“

Der in aufeinander aufbauende, durch den Verlauf der Wasserstraße verbundene Episoden strukturierte Film wird aus Willards Perspektive erzählt, der die Ereignisse im Präteritum aus dem Off kommentiert. Zu Beginn indes wird man noch ohne konkreten Handlungsbezug Zeuge, wie ein Waldstück explodiert und dazu „The End“ der Doors erklingt. Das Ende steht also am Anfang, und welches Ende es sein soll, gibt Anlass zu Spekulationen (die ich hier nicht anstellen werde). Willards erste Station ist die 1. US-Luftkavallerie, die das Boot eskortieren soll. Sie steht unter dem Kommando des von sich selbst eingenommenen Lieutenants Colonel Bill Kilgore (Robert Duvall, „Network“), der ein Dorf angreift, um an dessen Strand surfen zu können, und ein Waldgebiet mit Napalm überzieht. Der Granatenbeschuss macht ihm nichts aus; er geriert sich als Draufgänger, dem nichts etwas anhaben kann. Den Angriff aufs Dorf untermalt er musikalisch mit Wagners „Walkürenritt“, wie es einst die Deutsche Wochenschau mit Bildern deutscher Flieger tat. Man darf davon ausgehen, dass Coppola diesen Faschismusbezug bewusst herstellte. Ebenso eindringlich ist der Wahnsinn, dem Kilgore offenbar verfallen ist. Sein Verhalten erinnert an unter starken Aufputschmitteln wie Kokain stehende Menschen, ohne jedoch dass der Film etwaigen Drogengebrauch Kilgores thematisieren würde. Kilgore steht hier vor allem für den Zynismus des US-Kriegs. Und wie verrückt muss Kurtz sein, wenn Kilgore noch als tragbar durchgeht?

„Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen!“

Zur Truppenbelustigung entblöden sich die USA nicht, drei ihrer Playboy-Bunnys ins Kriegsgebiet zu schicken, um sie vor einer geifernden Soldatenmeute auftreten zu lassen. Zwei der jungen Frauen dienen einzelnen Soldaten in der Redux-Fassung später noch zur Triebabfuhr, wobei die Männer sie behelfsmäßig wie auf den Playboy-Fotos zurechtzumachen versuchen. Selten sahen Sexszenen so traurig aus. Während der Weiterfahrt wird die Bootsbesatzung selbst zu Kriegsverbrechern, als sie die Besatzung eines ihnen entgegenkommenden zivilen, Lebensmittel und Tiere transportierenden Boots ermordet – inklusive Willard, der, um keine Zeit zu verlieren, einer zunächst noch lebenden Frauen den finalen Schuss verabreicht. Diese Episode steht stellvertretend für die zahlreichen aus Angst, Panik, Verachtung oder purer Mordlust heraus begangenen Massaker der US-Armee an der Zivilbevölkerung. Spätestens jetzt ist klar, dass man es bei Phillips, Willard & Co. keineswegs mit rühmlichen Ausnahmen zu tun hat. Wer bis hierhin glaubte, dass sie möglicherweise als Sympathieträger oder Identifikationsfiguren dienen sollten, sieht sich getäuscht.

„Hier sind Sie am beschissenen Arsch der Welt, Captain!“

An der Do-Long-Brücke herrscht schließlich pures Chaos, das sich zur Anomie des Krieges wie eine Gruppe Hooligans zu einer öffentlichen Hinrichtung gesellt. Wer das Kommando hat, weiß niemand mehr, und wer eine Chance hat zu entkommen, sucht das Weite. Coppola dekonstruiert hier etwaige Vorstellungen nach irgendwelchen Regeln verlaufender Kriegsführung. Lediglich in den erweiterten Schnittfassungen enthalten ist die Zwischenstation auf einer Plantage französischer Kolonialisten, die den Vietcong fürchten, der das von den französischen Besatzern gestohlene Land zurückerobern könnte. Mit dieser Episode verweist Coppola auf die europäische Kolonialgeschichte, die ebenso wenig vom Respekt vor anderen Völkern geprägt war wie die US-Außenpolitik und die aus ihnen resultierenden Angriffskriege. Und das ist nicht die einzige Parallele zum europäischen Kolonialismus. Dieser Filmabschnitt bremst die Handlung aber auch aus – und bietet Willard die Gelegenheit zu einem Schäferstündchen.

„Er ist ein Kriegerpoet im klassischen Sinne.“

Die Konfrontation mit Kurtz, also die Klimax, auf die der Film hinsteuerte, avanciert nicht etwa zum westernartigen Showdown zwischen zwei ebenbürtigen Gegnern, sondern zu einer Begegnung Willards mit seinem zukünftigen Ich: Einem vom Krieg höchst traumatisierten, verrohten und des Lebens überdrüssigen Mann, für den keinerlei Chance besteht, wieder zurück in die Zivilisation zu finden. Die stilisierte Szene, in der Indigene einen lebendigen, echten Wasserbüffel mit Macheten abschlachten, hätte es da nicht gebraucht, wenngleich sie offenbar die Realität abbildet. Wenn es überflüssiges Material in „Apocalypse Now“ gibt, dann ist es dieses.

„Das Grauen...“

Als die US-Mörderbande damals in Vietnam einfiel, war sie nach ihrem Wüten in Korea und anderswo moralisch längst bankrott und brachte nicht nur Leid und Tod über das vietnamesische Volk, sondern verlor diesen Krieg auch und damit unzählige Soldaten, die sie teils noch minderjährig (wie Teile der Bootsbesatzung in diesem Film) als Wehrdienstpflichtige verheizte und billigend in Kauf nahm, was „Apocalypse Now“ ungeschönt aufzeigt: den Verlust jeder Menschlichkeit, das Züchten seelischer, moralischer Krüppel. Zynismus, Kinderleichen, Massaker, Wahnsinn, dazwischen Walkürenritt und Popkultur, von Coppola inszeniert wie ein surrealer Fiebertraum oder ein schlechter Drogentrip. Coppola blickt in den Abgrund, bis dieser zurückblickt. Dafür greift er auf die Bilder zurück, die Vittorio Storaro seiner Kamera entlockt und die eine Klasse für sich sind: Style with substance. Sowohl sein Gespür für Naturbilder unter natürlichem Sonnenlicht als auch sein Geschick bei artifiziellen Ausleuchtungen sind große Kamerakunst. Storaro taucht Colonel Kurtz im Finale in einen Halbschatten, der veranschaulicht, dass der Mann nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Der Look (und nicht nur der) dieses Films ist zeitlos.

Und Coppola macht es seinem Publikum nicht unbedingt leicht: Man begleitet mit Willard eine ambivalente Figur und sieht, was Willard sieht, ohne dass man sich mit ihr vollumfänglich identifizieren könnte. Auch die Bootsbesatzung zählt zwar nicht zu den größten Schweinehunden dieses Kriegs, wird aber bald zum Mittäter. Auch eine Logik des Krieges. Weder ist das Filmpublikum unbeteiligter Zuschauer noch konsequent Komplize, sondern stets irgendetwas dazwischen, immer wieder in eine der beiden Richtungen ausschlagend (ein bisschen wie zeitweise in „Cannibal Holocaust“). Das hätte schiefgehen können und der eine oder andere mag dadurch tatsächlich nur schwer in den Film finden; überwiegend funktioniert es jedoch, was zu diesem besonderen Sehgefühl zwischen exotischem Neo-noir, Abenteuer, Kriegsaction und persönlichen Dramen beiträgt. Kurze Momente der Katharsis habe ich immer dann empfunden, wenn es einen der US-Amerikaner erwischt, was wiederum eine Parallele zu meiner „Predator“-Rezeption ist, und sich aufgrund der Erzählperspektive seltsam anfühlt. Ob es sich dabei um einen von Coppola erwünschten und bewusst herbeigeführten Effekt handelt, weiß ich nicht.

In der Summe ist „Apocalypse Now“ ein faszinierendes Filmerlebnis, das auf formaler wie künstlerischer Ebene kaum zu toppen ist. Der fiktionale Fluss, auf dem man Willard & Co. folgt, erweist sich als fesselnder Sog, der einen immer weiter hinabzieht. Inhaltlich ist er in vielen seiner Antikriegsaussagen eindeutig, in psychologischer Hinsicht bleibt er hingegen oftmals eher vage und verlangt es einem ab, eigene Schlüsse zu ziehen. Hier steppt kein Erklärbär und das ist auch gut so.

8,5 von 10 Speerwürfen für „Apocalypse Now“.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Fr 13. Mär 2026, 15:04
von buxtebrawler
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Cartouche, der Bandit

„Ich finde es unmenschlich!“

Die erste Kollaboration des französischen Regisseurs Phillipe de Broca („Die sieben Todsünden“) mit Schauspieler Jean-Paul Belmondo („Der Panther wird gehetzt“) ist die Mantel-und-Degen-Abenteuerkomödie „Cartouche, der Bandit“ aus dem Jahre 1962. Sie fußt lose auf den Umtrieben Cartouches, der von 1693 bis 1721 tatsächlich gelebt hatte. Belmondo wandte sich damit von der Nouvelle Vague ab und dem klassischen Unterhaltungskino zu.

„Jetzt werd' ich Rache nehmen.“

Frankreich zu Beginn des 18. Jahrhunderts: Louis-Dominique Bourguignon (Jean-Paul Belmondo) und sein Bruder Louison (Alain Dekok, „Die Fälle des Monsieur Cabrol“) arbeiten als Diebe für ihren Onkel, den Bandenboss Malichot (Marcel Dalio, „Sabrina“). Doch von diesem emanzipiert sich Bourguignon eines Tages, nennt sich nach seinem zeitweiligen Untertauchen in die Armee Cartouche und gründet eine eigene Bande, um nunmehr gezielt den vermögenden Adel zu bestehlen und dessen Reichtümer an die arme Bevölkerung umzuverteilen. Mitglied seiner Bande ist auch die attraktive junge Diebin Vénus (Claudia Cardinale, „Rocco und seine Brüder“), die bald beginnt, amouröse Gefühle für den draufgängerischen Profidieb zu entwickeln. Cartouches Hauptfeind ist Polizeipräfekt Gaston de Ferrussac (Philippe Lemaire, „Louis – Die Schnatterschnauze“), in dessen Ehefrau Isabelle (Odile Versois, „Nachts fällt der Schleier“) sich Cartouche wiederum verguckt. Als Gaston davon Wind bekommt, benutzt er seine Frau, um Cartouche in eine Falle zu locken…

De Brocas freie Cartouche-Verfilmung ist zunächst einmal ein in Dekor, Interieur, Staffage und Kostümen opulent ausgestatteter Farbfilm, wie er zu Beginn der 1960er Jahre noch nicht alltäglich war. Die Handlung wird jedoch irritierend oberflächlich und mit massiv Slapstick und Klamauk inklusive supernervigem Comic Relief verwässert erzählt. Und glaubt man, zwischen allem Holzhammerhumor die Dramaturgie auszumachen, schwächelt diese mit ihrer eigenartigen Gewichtung von Belanglosigkeiten gegenüber Bedeutsamem. So fällt es schwer, überhaupt so recht in den Film hineinzufinden. Die größtenteils eindimensionalen Figuren sollten es einem eigentlich leichtmachen, jedoch steht man ihnen weitestgehend indifferent gegenüber. Geschenkt, immerhin verspricht die Inhaltsangabe auch lediglich vielschichtige Hauptrollen auf Grundlage unglücklich verlaufender Liebesbeziehungen. Cardinale überzeugt als forsche, kesse, kämpferische Diebin und sieht fantastisch aus. Umso unverständlicher, dass Cartouche sich so sehr für eine andere interessiert, wenn er doch Vénus haben könnte. Warum dies so ist, bleib vollkommen nebulös, sodass auch die Identifikation mit Cartouche schwerfällt.

Über weite Strecken bestimmen ohnehin durchchoreographierte Prügeleien, Schwertkämpfe und Schießereien den Film, Dass Cartouche stets ein „C“ zurücklässt, erinnert an Zorro, seine Umverteilungsambitionen wiederum an Robin Hood. Belmondo agiert als äußerst spielfreudiger Springinsfeld und beweist, dass ihm der körperbetonte Film liegt. Die Sozial- und Systemkritik ist plakativ, aber natürlich völlig richtig, die sich spöttisch gegen eine kleptokratische Aristokratie wendende Ausrichtung des Films gehört zu dessen Stärken. Mit der verhängnisvollen Ménage à trois inklusive einer Femme fatale, aufgrund derer die freche Frau natürlich am Ende sterben muss, begibt er sich dennoch in sich unschön regressiv anfühlende Gefilde. Zugegebenermaßen gibt die Handlung das her, unterminiert damit aber sowohl eine etwaige kathartische Wirkung als auch den beschwingt humorigen bis albernen Tonfall, der lange Zeit den Film bestimmte. Das sentimentale Ende ist dennoch gut gemacht.

„Cartouche, der Bandit” ist wohl das, was man gemeinhin als Sonntagnachmittagsfilm bezeichnet. Allerdings gucke ich sonntagnachmittags gar keine Filme – und so ist wohl auch nicht verwunderlich, dass ich mit diesem nicht warm wurde.