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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Do 18. Dez 2025, 17:22
von buxtebrawler
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Casablanca

„Leider hat Casablanca zusammen mit den Flüchtlingen auch den Abschauen Europas angelockt.“

Ich weiß nicht, ob der gebürtige Ungar und US-Regie-Routinier Michael Curtiz („Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“) ahnte, welch Riesenerfolg dem Film beschieden sein würde, den er auf Grundlage eines bis dahin unaufgeführt gebliebenen Theaterstücks aus dem Jahre 1940 sowie eines mehrfach von verschiedenen Autorinnen und Autoren umgeschriebenen und um immer neue Aspekte erweiterten Drehbuchs, das erst während der Dreharbeiten vollendet wurde, im Jahre 1942 inszenierte. Fakt ist, dass „Casablanca“, jenes vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs spielende Liebesdrama mit Politthriller-Anleihen, bis heute als eine der bedeutendsten Hollywood-Produktionen schlechthin gilt.

„Diese Stadt ist voller Aasgeier, voller dunkler Elemente. Überall, an allen Ecken, lauern sie einem auf.“

Und die Geschichte holte den Film ein: Nach dessen Premiere im November 1942 wurden weitere Aufführungen auf Februar 1943 verschoben, weil im Januar des Jahres US-Präsident Roosevelt und der britische Premier Churchill in Casablanca über eine Anti-Hitler-Koalition konferierten. Die deutsche Erstaufführung datiert aufs Jahr 1952, jedoch in einer verfälschten Synchronisation und massiv gekürzten Fassung. Auf eine originalgetreue deutsche Auswertung musste man bis in die 1970er warten.

„Sie sind ein ziemlich zynischer Mensch, Rick...“

Die Handlung spielt im Jahre 1941. Die von Vichy-Frankreich verwaltete nordafrikanische Stadt Casablanca ist das Ziel zahlreicher vom Nazi-Terror verfolgter Europäerinnen und Europäer, aber auch von Spielern, Trinkern und klein- sowie großkriminellen Elementen. Im „Café Américain“ trifft man aufeinander, dem Lokal des verschlossen bis zynisch wirkenden Richard „Rick“ Blaine (Humphrey Bogart, „Die Spur des Falken“), der sich aus politischen Fragen weitestmöglich herauszuhalten versucht – wenngleich er in seiner bewegten Vergangenheit durchaus für die richtigen Seiten zu kämpfen verstand. Dies unterscheidet ihn von einem Opportunisten wie dem französischen Polizeipräfekt Renault (Claude Rains, „Der Wolfsmensch“), der zu seinen Stammgästen zählt. Auf ihrem Weg nach Casablanca wurden zwei deutsche Kuriere getötet und ihnen ihre Ausreisevisa abgenommen. Die Nazis vermuten den tschechische Widerständler Victor László (Paul Henreid, „Eva“) dahinter, der ihnen bisher immer wieder entkommen hatte können. Jene Visa sind von großer Bedeutung, da sie die Ausreise in die USA ermöglichen. Nazi-Major Strasser (Conrad Veidt, „Der Dieb von Bagdad“) fahndet in Casablanca nach László, der dort zusammen mit seiner Frau Ilsa Lund (Ingrid Bergman, „Arzt und Dämon“) eintrifft. Strasser hofft aus Renaults Hilfe. Die Visa befinden sich ins Ricks Besitz, seit er sie vom später ermordeten Ugarte (Peter Lorre, „M“) zur Verwahrung erhalten hat. Rick muss sich nicht nur dieser Situation wohlüberlegt stellen, sondern auch damit klarkommen, dass in Person Ilsas seine ehemalige Geliebte vor ihm steht, die im Glauben, ihr Mann sei im KZ umgebracht worden, mit ihm in Paris angebändelt hatte. Als sie erfuhr, dass Victor lebt, ließ sie Rick allein am Bahnhof stehen. Nun bittet sie ihn, Victor und ihr die Visa zu veräußern, doch er weigert sich…

„Welche Nationalität haben Sie?“ – „Ich bin Trinker.“

Ein Sprecher aus dem Off erklärt die Ausreiseproblematik, dazu werden damalige topographische Karten eingeblendet. Kurz darauf sehen wir bereits, wie jemand erschossen wird. Das brisante Klima, innerhalb dessen die Geschichte angesiedelt ist, wird damit unmittelbar vor Augen geführt. Mit Einführung der handelnden Figuren wird das Sujet des Visumhandels etabliert. Bogarts Rolle als Rick fällt schon früh mit ihren Dialogen und der Melancholie, die sie ausstrahlt, auf. Ricks Kryptonit ist Ilsa, die unvermittelt in seinem Café auftaucht. Daraufhin betrinkt er sich, wird sentimental und schwelgt in Erinnerungen, die in Rückblenden visualisiert werden. Gewissermaßen kam der Nazi-Überfall auf Frankreich seiner Liebe zu Ilsa dazwischen. Aber eben nicht nur. Rick ist der Inbegriff der Coolness, hinter der er aber vor allem seine Verletzlichkeit verbirgt. Er gibt den desillusionierten Zyniker und egoistischen Pragmatiker, ist eigentlich aber großer Romantiker. Diese Verkörperung avancierte zu einer Paraderolle für Bogart, mit der er bis heute assoziiert wird. Nicht ganz unähnlich erging es Bergman, deren Rolle als Ilsa zu ihren populärsten zählte.

„Ich seh' dir in die Augen, Kleines.“

Ricks Café, das vielmehr ein Nachtclub ist, ist ein Mikrokosmos, in dem sich die Weltpolitik abspielt. Die dort stattfindenden Gespräche sind voller Bonmonts, das Dialogbuch ist zum Niederknien. Fiese Drohungen werden distinguiert zwischen den Zeilen ausgesprochen, in der Regel werden alle Höflichkeitsformen gewahrt. „Casablanca“ ist ein Film der Ungewissheit, woraus er seine Spannung generiert, ohne übermäßig auf klassische Spannungsspitzen setzen zu müssen. Fast allen relevanten Figuren haftet etwas Ungewisses an. Wer sind sie wirklich, was denken und fühlen sie wirklich, wie authentisch sind sie? Und: Kann man ihnen vertrauen? Noch ungewisser ist ihre Zukunft. Casablanca ist eine Zwischenstation im Leben der Vertriebenen, Geflohenen und Gestrauchelten. Dies wiederum hängt mit der ungewissen Zukunft der ganzen Welt zusammen: Welche Ausmaße wird der Weltkrieg noch annehmen? Wird das Nazi-Reich mit seiner Möchtegern-Herrenrasse zu besiegen sein? Und wie, verdammt noch mal, wird sich Rick weiterhin gegenüber Ilsa und Victor verhalten?!

„Ausgerechnet, wenn die ganze Welt zusammenbricht, müssen wir uns ineinander verlieben!“

Wie der Film all diese Aspekte auf sehr natürlich wirkende Weise miteinander verwebt, ist schlicht meisterhaft. Man möchte meinen, alle am Drehbuch Beteiligten hätten jeweils einem dieser Punkte besondere Aufmerksamkeit gewidmet, viele Köche also einmal nicht den Brei verdorben, sondern besonders raffiniert abgeschmeckt. Curtiz‘ Regie und die Bilder, die sie einfängt, bedienen sich einiger Beleuchtungstricks, die die Atmosphäre des Films unterstreichen, und setzen die Schauspielerinnen und Schauspieler großartig in Szene. Der Schnitt sichert ein nahezu perfektes Timing dieser Geschichte, die nicht zu langsam, aber erst recht nicht zu schnell erzählt werden darf, dabei aber stets interessant bleiben muss.

„War das Artilleriefeuer oder klopft mein Herz so laut?“

Natürlich ist „Casablanca“ auch ein politischer Film, der die US-Bevölkerung für die Notwendigkeit sensibilisieren sollte, gegen das die ganze Welt bedrohende Geschwür des Faschismus einzugreifen. Dennoch ist er weit von plumper Propaganda entfernt. Direkte antifaschistische Offensiven sind hier rar gesät, präsentieren sich dann aber umso eindrucksvoller – in erster Linie in jener Szene, in der Victor den Nazigesang mit der Marseillaise zu übertönen versucht. Apropos Musik: Untrennbar mit dem Film verbunden ist Herman Hupfelds zum Drehzeitpunkt bereits über eine Dekade alt gewesene Komposition „As Time Goes By“, die im Film von Pianist Sam (Dooley Wilson, „Keep Punching“) gespielt und gesungen wird und in Variationen wiederkehrend erklingt. Die Figur Victor László wiederum ist, so heißt es, inspiriert vom tschechische Widerstandskämpfer Jan Smudek. Und mit Veidt, Henreid, Lorre sowie dem als Taschendieb auftretenden Curt Bois finden sich in „Casablanca“ Schauspieler, die tatsächlich vor den Nazis geflohen waren.

„Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen!“

Dieser Film brachte eine Menge Dialogzeilen hervor, die seither immer wieder zitiert, persifliert oder rekontextualisiert werden und auch bei denjenigen ins kulturelle Gedächtnis Einzug gehalten haben dürften, die den Film nie gesehen haben. Und wenn wichtige Figuren im Gänsehautfinale wichtige Entscheidungen treffen, ist „Casablanca“ nicht zuletzt auch ein Sieg der Romantik über den Faschismus.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Fr 19. Dez 2025, 14:27
von buxtebrawler
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Diagnosis

„Das ist ein Autopsieraum, Sie Arschloch!“

Bei der Direct-to-Video-Produktion „Diagnosis“ aus dem Jahre 2001 scheint es sich um den Debütfilm der britischen Regisseure Johannes Roberts und James Eaves zu handeln. Sie versuchten sich an einem mysteriösen Medizin-Horror-Thriller.

„Das ist doch lächerlich...“

Dr. Max Warrick (Jeremy Minns) war vor 20 Jahren in ein medizinisches Experiment innerhalb einer psychiatrischen Anstalt verwickelt. Dazu wird er von zwei Ermittlern (u.a. Uri Geller) verhört, denen er eine abenteuerlich klingende Geschichte erzählt: Man habe im Ärzte-Team an der Arznei B93 geforscht, von dem man sich große Heilungschancen für psychisch Kranke versprochen habe. Doch ausgerechnet in jener Patienten-Kontrollgruppe, die das Mittel gar nicht verabreicht bekommen habe, sei es zu rätselhaften Todesfällen gekommen. Als auch keiner der Gruppen Angehörende das Zeitliche gesegnet hätten, habe Dr. Warrick versucht, hinter die Ursache zu kommen. Und während der Wahnsinn immer weiter grassiert habe, habe sich herausgestellt, dass das Experiment unvorstellbare Folgen mit sich gebracht habe, die jeglicher Beschreibung gespottet hätten…

Im Prolog sehen wir Dr. Warrick den ermittelnden Beamten in einer Zwangsjacke Rede und Antwort stehen, was die von der Befragung immer wieder unterbrochene Rückblende in die damaligen Ereignisse einläutet. Ein Gore-Effekt während einer Autopsie schürt eine falsche Erwartungshaltung, denn ansonsten bleibt der Film grafisch relativ zahm. Nach einer Weile stellt sich heraus, dass in den Patienten irgendetwas zu wachsen scheint und dass diese Experimente in einem Krieg offenbar schon einmal stattgefunden haben. Dr. Warrick findet schließlich heraus, dass B93 denjenigen, die es erhalten, tatsächlich hilft, den anderen jedoch schadet – wie auch immer dies vonstattengehen soll. Warrick forscht wie besessen und fordert schließlich, die Experimente mit B93 einzustellen, woraufhin man ihn in die Gummizelle steckt.

Roberts und Eaves arbeiten mit alptraumhaft verfremdeten Szenen innerhalb ihrer sehr dialoglastigen Narration und einer irgendwie typischen Direct-to-Video-Optik. Traum- und Realitätsebenen verschwimmen miteinander. Man weiß zwar nicht, was los ist, kann sich aber immerhin an stimmungsvollen, atmosphärischen Bildern erfreuen. Doch je mehr sich herauskristallisiert, dass einem hier schlicht eine hanebüchene pseudowissenschaftliche Story bar jeglicher Logik aufgetischt wird, desto dröger fühlt sich der Film an. Selbst die bittere, provokante und böse Pointe wird weitestgehend verschenkt, weil sie zum einen hyperkonstruiert wirkt und zum anderen wie so vieles hier lediglich offscreen stattfindet.

Als Kreaturenspektakel hätte etwas aus „Diagnosis“ werden können, als psychologischer Horror versagt er und wirkt in seiner kruden Mixtur wie Cronenberg bei Temu bestellt. Dies gilt auch für die Darstellerinnen und Darsteller, die anscheinend überwiegend aus dem Amateurbereich stammen und unter die sich – warum auch immer – Löffelverbieger und Schaumschläger Uri Geller gemischt hat. Dies betrifft jedoch lediglich die Nachdrehs, denn die Rahmenhandlung um den sich einem Verhör stellen müssenden gealterten Dr. Warrick wurde mit dem Ziel nachgedreht und angeflanscht, den Film etwas weniger konfus erscheinen zu lassen. Was nicht funktioniert hat.

Mehr als 3,5 von 10 verbogenen Löffeln hole ich dafür nicht aus der Besteckschublade.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mo 22. Dez 2025, 14:16
von buxtebrawler
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Killers

„Ich geh' mal kurz aufs Klo!“

Der US-Amerikaner David Michael Latt war hauptsächlich als Billigfilmproduzent tätig, trat aber auch als Regisseur in Erscheinung. Beim Action-Thriller „Killers“ aus dem Jahre 1997 handelt es sich um seine zweite Inszenierung, zuvor hatte er bereits „Sex Pot 2“ alias „Rock and Roll Fantasy“ gedreht. Auch „Killers“ ist eine Low-Budget-Produktion, zudem eine aus der Asylum-Mockbuster-Schmiede – wenngleich mir nicht klar ist, von welchem Film dieser hier ein Mock-off darstellen soll: „Mike Mendez‘ Killers“? Dazu passt die Handlung gleich null. „Reservoir Dogs“? Schon eher, aber der hatte zum „Killers“-Erscheinungszeitpunkt bereits ein paar Jährchen auf dem Buckel.

Eine gemischtgeschlechtliche Bikergruppe (u.a. Kim Little, „Young and Younger“, Christopher Maleki, „Kinder des Himmels“ und Frankie Ray, „Prison Planet“) bestreitet ihren Lebensunterhalt damit, gestohlene illegale Drogen billig an- und teuer weiterzuverkaufen. Ein Geschäft in einem leerstehenden Industriegebäude jedoch geht schief: Die, äh, „rechtmäßigen Besitzer“ der Drogen tauchen schwerbewaffnet auf und lassen keinen Zweifel daran, dass mit ihnen nicht gut Kirschen essen ist…

Eine Protagonistin skizziert knapp die Hintergrundgeschichte aus dem Off; und nach ein paar False Scares von der Billigrampe geht die Sause auch schon los: Unter flackerndem grünen Licht wird gejagt, erschossen und gefoltert. Das liest sich aufregender als es ist, denn „Killers“ entpuppt sich als strunzlangweiliges Kammerspiel mit beschissenen Dialogen und ein paar Kämpfen, Schüssen und Toten, die einen komplett kaltlassen, da man sich gar nicht erst um so etwas wie Charaktereinführung bemühte. Durch ein paar ganz nette Einzelszenen, beispielsweise einen Ertränkungsversuch im Wasserband, kommt der Film auf seine mageren Pünktchen; gegen Ende geht’s dann auch wüster zu. Das Final Girl philosophiert am Schluss über Leben und Tod, während ich dem Film attestieren muss, es kaum geschafft zu haben, überhaupt meine Aufmerksamkeit zu erlangen.

Verzichtbarer, liebloser Murks knapp über Amateur-Niveau, der direkt nach dem Anschauen schon wieder vergessen ist und nicht einmal über unfreiwilligen Humor verfügt. Dies hielt David Michael Latt jedoch nicht davon ab, fünf Jahre später eine Fortsetzung nachzureichen.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Di 23. Dez 2025, 14:15
von buxtebrawler
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Stacy – Angriff der Zombie-Schulmädchen

„Für Ihre scheiß Journalisten-Ethik interessiert sich kein Schwein!“

„Stacy – Angriff der Zombie-Schulmädchen“ aus dem Jahre 2001 ist ein Low-Budget-Fun-Splatter-Film des japanischen Filmemachers Naoyuki Tomomatsu, laut OFDb dessen nach „Eat the Schoolgirl“ zweiter Film. Seiner Schulmädchen-Obsession war Tomomatsu demnach treugeblieben.

„Ich töte meine Freundin für das Wohl meiner geliebten Nation!“

Eine Zombie-Pandemie lässt 15- bis 17-jährige Mädchen sterben und zu menschenfressenden Untoten mutieren. In Japan nennt man diese „Stacys“ und betraut die Anti-Stacy-Einheit „Romero“ damit, sie unschädlich zu machen. Dies gelingt nur, wenn sie in 165 Teile zerstückelt werden. Entsprechend blutig geht „Romero“ zu Werke. Der Einzelhandel macht derweil der Zivilbevölkerung die „Blues Campbell“-Kettensäge schmackhaft. Neben den Romeros existiert auch die illegale Wiedermordgruppe „Drew“, die aus drei Mädels besteht. Und während der schüchterne Puppenspieler Shibukawa (Toshinori Omi, „Schnee im Wind“) sich ins kurz vor der Stacyfizierung stehende Schulmädchen Eiko (Natsuki Katô, „Battle Royale 2“) verguckt und Student Arita (Katsuyuki Yamasaki) seine geliebte Zombiene Momo vor den Wiedermordgruppen zu schützen versucht, forscht ein renommierter Wissenschaftler (Yasutaka Tsutsui, „Gemini – Tödlicher Zwilling“) an der Ursache der Pandemie…

„Dein Humor geht mir auf‘n Sack!“

Ein Sprecher aus dem Off führt in diese arg bemühte Umkehr des Schulmädchen-Fetisch ein, in der tatsächlich alle Mädchen immer Schuluniformen tragen. Die einfachen, sehr durchschaubaren, eher karikierenden Splatter/Gore-Effekte gewinnen mit der Zeit an Qualität und ständig liegen irgendwo Leichenteile herum, doch der Film ist letztlich auf Amateurniveau. Viele Bilder sind überbelichtet, die sich überlagernden Handlungsstränge ergeben wenig Sinn, eine ellenlange Puppenspielaufführung fragmentiert den Film (nicht die Stacys!) zusätzlich und die philosophischen Monologe muten eigenartig an. Ein paar Zeitlupen stehen beschleunigt wiedergegebenen Bildern gegenüber, das große Splatterfinale findet lediglich offscreen statt. Zwischendurch und am Ende meldet sich der Off-Erzähler erneut zu Wort. Die behaupteten, leider nicht gezeigten weiteren Entwicklungen greifen ein Stück weit George A. Romeros „Land Of The Dead“ vor, an dessen Regisseur Tomomatsu seinen Film offenbar ebenso als Hommage verstanden wissen will wie an „Tanz der Teufel“-Darsteller Bruce Campbell.

Der musikalisch mit rockigen Pianoklängen unterlegte Film ist alles in allem reichlich schräg, mir zu überdreht und trifft meinen Humor leider nur bedingt.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Di 6. Jan 2026, 17:08
von buxtebrawler
Tatort: Ein guter Tag / Schwarzer Schnee

„Das ist nur meine Denkmusik, ich brauch‘ die...“

Doppelfolgen hatte es innerhalb der öffentlich-rechtlichen Krimireihe bereits hin und wieder gegeben; neu war, dass beide Folgen direkt hintereinander ausgestrahlt wurden. So geschehen am 21. Dezember 2025 mit BKA-Kriminalhauptkommissar Thorsten Falkes (Wotan Wilke Möhring) 22. Fall, einer deutsch-niederländischen Koproduktion, die ihre Premiere bereits am 27. September 2025 auf dem Filmfest Hamburg gefeiert hatte. Das Drehbuch stammt von Alexander Adolph und Eva Wehrum, das von Hans Steinbichler („Winterreise“) inszeniert wurde, der damit erstmals für den „Tatort“ drehte.

„Ganz schön brutal!“

Wo steckt Carsten Kellmann aka Joe Glauning (Andrei Viorel Tacu, „Lu von Loser“)? Der Bulle war als verdeckter Ermittler im deutsch-niederländischen Grenzgebiet eingesetzt, um der Drogenmafia um Ahmed Saidi (Yousef Sweid, „American Assassin“) auf die Spur zu kommen, doch haben seine Vorgesetzten schon länger nichts mehr von ihm gehört. Deshalb setzt man Bundespolizist Thorsten Falke auf ihn an, der mit Mario Schmitt (Denis Moschitto, „Almanya – Willkommen in Deutschland“) einen auf Cyber-Kriminalität spezialisierten neuen Kollegen zur Seite gestellt bekommt. In den Niederlanden arbeitet Falke zudem mit Lynn de Baer (Gaite Jansen, „Peaky Blinders – Gangs of Birmingham“) zusammen. Als sie nach mitunter gefährlichen Ermittlungen Glauning finden, ist dieser zwar lebendig, aber nicht mehr der Alte – und aufgrund seiner psychischen Verfassung keine allzu große Hilfe. Die Mocro-Mafia hingegen ist quickfidel und nicht gewillt, sich in die Suppe spucken zu lassen – dafür geht sie auch über Leichen…

„Ich bin der König von Deutschland!“

Diese Doppelfolge ist ein besonders ambitioniertes Unterfangen, das dann auch zunächst etwas unübersichtlich mit diversen Personalien und Handlungsfäden beginnt. Konzentration ist nicht nur beim deutsch untertitelten Niederländisch erforderlich, möchte man den Überblick bewahren. Die Geschichte um eine Kokainmafia – der Titel „Schwarzer Schnee“ verweist auf eine dunkle Kokain-Variante – geht einher mit Misstrauen in staatliche Institutionen, Verführbarkeit von Jugendlichen und einem Klima von Angst, um im letzten Drittel des ersten Teils die Spannung anzuziehen und richtig aufregend zu werden, fieser Cliffhanger inklusive.

„Kein Blut in meinem Herz, ja?!“

Es muss ja aber auch der neue Kollege an Falkes Seite eingeführt werden, was nicht immer ganz souverän in einer Mischung aus Comic Relief und autistischem Nerd geschieht, dem Klischee von IT-Experten folgend. Dafür überzeugt auf holländischer Seite Gaite Jansen, die als Lynn de Baer Ausstrahlung für zwei besitzt. Im zweiten Teil übertreibt man es zeitweise mit den zahlreichen parallelen Handlungssträngen, die sogar noch von einigen Rückblenden ergänzt werden. Da vollständig am Ball zu bleiben, fiel zumindest mir zunehmend schwer. Und der Deutsch-Holländisch-Mischmasch treibt absurde Blüten, wenn Holländer zuweilen deutsch miteinander sprechen. Dieser Doppel-„Tatort“ skizziert atmosphärisch kalt die Brücke zwischen Klein- und Großkriminalität und scheut auch vor der einen oder anderen Actioneinlage und Gewaltspitze nicht zurück, droht aber immer wieder, sich zu verzetteln, irritiert mitunter auch bewusst (beispielsweise wenn man sich inmitten eines Hip-Hop-Videodrehs wiederfindet) und ist mir unterm Strich zu überladen und komplex. Dieses Empfinden führe ich zum einen auf erzählerische Schwächen zurück, zum anderen aber auch darauf, dass es für mich nur selten wirklich gut funktioniert, wenn der „Tatort“ sich an großen Kinovorbildern und deren Bildsprache orientiert.

Wer dafür jedoch eine größere Affinität hegt und von üblichen, „typisch deutschen“ „Tatort“-Episoden eher gelangweilt ist, findet hierin vielleicht einen gelungenen Ausreißer.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Do 8. Jan 2026, 18:14
von buxtebrawler
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Es: Welcome to Derry

„Wenn Sie auf Normalität aus sind, wird Ihnen Derry sehr ans Herz wachsen.“

Der Argentinier Andrés Muschietti („Mama“) hatte die in zwei Kinofilme aufgeteilte Neuverfilmung des Stephen-King-Romans „Es“ inszeniert, die in den Jahren 2017 und 2019 in den Lichtspielhäusern Angst und Schrecken verbreiteten, und anschließend ein Prequel angekündigt. Mit mehreren Monaten Unterbrechung wurde dieses als Streaming-Serie zwischen Mai 2023 bis Juli 2024 gedreht und rechtzeitig zu Halloween Ende Oktober 2025 veröffentlicht. Mit Jason Fuchs, Austin Guzman, Guadalís Del Carmen, Gabe Hobson, Helen Shang, Brad Caleb Kane und Cord Jefferson gingen frische Autorinnen und Autoren ans Werk, die nicht bereits für die Kinofilme geschrieben hatten – wobei ihre Anzahl für eine Serie mit aufeinander aufbauenden Episoden überrascht. Während der Roman in den Jahren 1957 und 1984 angesiedelt ist, spielen die Kinofilme 1989 und 2016. Dass jeweils zwei Jahre berücksichtigt werden, liegt daran, dass jeweils ein Teil in der Kindheit und im Erwachsenenalter der Figuren spielt. Dies ist in „Es: Welcome to Derry” anders: Kinder- und Erwachsenen-Handlungsstränge finden innerhalb eines Jahres durch unterschiedliche Figuren parallel zueinander statt und sind miteinander verwoben.

„Wir haben Korea überlebt, das hier überlebe ich auch.“

Der schwarze US-Air-Force-Major und Korea-Kriegsveteran Leroy Hanlon (Jovan Adepo, „Operation: Overlord“) wird zum Stützpunkt nach Derry versetzt, wohin er seine im antirassistischen Kampf engagierte Frau Charlotte (Taylour Paige, „Beverly Hills Cop: Axel F“) und seinen zwölfjährigen Sohn Will (Blake Cameron James, „Found“) mitnimmt. Was er nicht ahnt: Derry ist keineswegs das sympathische, verschlafene kleine Nest, als das man es ihm verkauft. General Shaw (James Remar, „Dexter“) forscht im streng geheimen Regierungsauftrag an einem Wesen, das alle 27 Jahre in Derry erwacht und seinen Hunger auf Menschenfleisch stillt, dafür die Ängste seiner Opfer instrumentalisiert und Verunsicherung sowie Aggression in der Bevölkerung stiftet. Das spurlose Verschwinden des Jungen Matty (Miles Ekhardt, „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“) deutet darauf hin, dass der nächste Zyklus begonnen hat. Dem General zur Seite steht Dick Hallorann (Chris Chalk, „Perry Mason“), dessen übersinnliches Shining dabei helfen soll, „Es“ ausfindig zu machen.

„Was du da erzählst, ist verrückt!“

Seit Mattys Verschwinden sieht sich der schwarze Kinobetreiber Hank (Stephen Rider, „Daredevil“) Verdächtigungen ausgesetzt, die sich massiv verstärken, als Kinder in seinem Kino sterben. Der knurrige Sheriff Bowers (Peter Outerbridge, „Sullivan's Crossing“) hat ihn auf dem Kieker, während Hanks Tochter Ronnie (Amanda Christine, „Black Box“) die Unschuld ihres Vaters zu beweisen versucht. Ronnie hat sich mit Lilly (Clara Stack, „Hawkeye“) angefreundet, die einen schweren Stand in der Schule hat, seit sie nach dem Unfalltod ihres Vaters in „Jupiter Hill“, einer psychiatrischen Anstalt in der Nähe Derrys, behandelt worden war. Lillys Freundin Marge (Matilda Lawler, „Station Eleven“) ist zwischen ihrer Freundschaft zu Lilly und ihrem Bestreben, in der angesagten Clique ihres Jahrgangs zu landen, hin- und hergerissen. Zusammen mit Will Hanlon und dem in Marge verliebten kubanischstämmigen Rich (Arian S. Cartaya, „The Gordita Chronicles“) bilden sie eine eigene Clique – nicht nur, weil sie alle nach und nach von „Es“ heimgesucht werden – und sehen sich damit konfrontiert, den Kampf gegen das Unwesen aufnehmen zu müssen…

„Wär's nicht besser, wir stören das Ding nicht mehr...?“

Achtung: Mein folgender rascher Ritt durch die acht Episoden enthält diverse Spoiler!

Der Prolog spielt am 4. Januar 1962 und zeigt, wie der kleine Ausreißer Matty sich ins Kino schmuggelt, um sich den Musicalfilm „Music Man“ anzusehen, was in eine erste, deftige Schocksequenz resultiert. Der anschließende Vorspann erweist sich als eigenes kleines, animiertes Kunstwerk. Vier Monate später herrscht fast schon wieder T-Shirt-Wetter. Die Figuren werden eingeführt, beginnend mit Familie Hanlon, und Lilly, Teddy (Mikkal Karim Fidler, „Boys in the Walls“) und Phil (Jack Molloy Legault, „Three Pines“) suggeriert man der Zuschauerschaft als eine Art Cliquen-Keimzelle, nur um diese wenig später jäh zu zerstören – eine Bosheit, die es in dieser Form in keiner der bisherigen Verfilmungen gab.

Die zweite Episode fokussiert Familie Hanlon sowie latenten bis offenen Rassismus. Leroy möchte sich so korrekt und unauffällig wie möglich verhalten, was zu Meinungsverschiedenheiten mit Charlotte führt. Marge versucht, in der Schule keinen Anlass zu bieten, gehänselt zu werden, und bittet daher ihre Freundin Lilly, sich nicht seltsam zu verhalten. Marge macht sich auch schon mal über andere lustig, in der Hoffnung, damit bei den In-Tussies anzukommen. Wir erfahren, dass ein Mr. Kersh (Larry Day, „Ghosts“) eine Fleischerei in Derry betreibt und Polizei-Chief Bowers unter Erfolgsdruck steht – womit nach Hanlon zwei weitere typische „Es“-Familiennamen besetzt wären. Bowers erpresst Lilly um eine Falschaussage und die Kuba-Krise bahnt sich an. Damalige reale Weltpolitik vermischt sich hier mit nicht minder realen gesellschaftlichen und institutionellen Abgründen sowie Coming of age – und die Figuren wachsen einem schnell ans Herz.

„Das ist... ein Clown.“

Der Prolog der dritten Episode spielt überraschend im Jahre 1908 innerhalb einer Freakshow auf einem Jahrmarkt. Die daran andockende Schocksequenz ist leider sehr ersichtlich CGI-lastig ausgefallen. Die eigentliche Handlung offenbart, dass zumindest Teile des Militärs um den „Es“-Zyklus wissen und dies der Grund für ihre Zusammenarbeit mit Hallorann, jener aus „Shining“ entlehnten Figur, ist – eine schöne Referenz für King-Kenner. (Übrigens findet auch das Shawshank-Gefängnis mehrfach Erwähnung.) Ebenfalls in dieser Episode werden die Interessenkonflikte zwischen Indigenen (u.a. Kimberly Guerrero, „Spirit Rangers“ und Joshua Odjick, „Bootlegger“) und den Nachfahren der Kolonialisten angerissen. Dadurch wird dann auch eine Brücke zum Prolog geschlagen, wenn die Kinder aus dem Prolog ein halbes Jahrhundert später wieder zusammenfinden. Vereinzelte Rückblenden begleiten diesen Prozess. Und erst in dieser Episode konsolidiert sich eine echte Kinder-Clique.

„Irgendetwas ist hier... in Derry. Irgendetwas Böses!“

In Episode 4 werfen sich die Kids „Mommy's Little Helper“ ein, was aber nicht viel mehr als Fingerzeig auf den damaligen sorglosen Umgang mit dieser Droge bleibt. Dafür entschält sich anderswo aus visualisiertem Gedanken- bzw. Erinnerungenlesen langsam Es‘ Origin-Story, die bis dato in keiner der Verfilmungen zu sehen war, und hier um die Rolle der Ureinwohnerinnen und Ureinwohner erweitert wird. Damit steht diese Episode sowohl für eines der besonderen Faszinosa der Serie als auch für deren Emanzipation von der King’schen Romanvorlage durch Einbringen eigener, gar nicht schlechter Ideen. Diese werden in der fünften Episode ausgebaut, wenn es darum geht, Es‘ Einflussbereich einzudämmen. Gegenüber dem Roman wissen nun auch immer mehr Erwachsene Bescheid, die auch dazu bereit sind, etwas gegen Es zu unternehmen. Ein kleiner Wermutstropfen ist, dass die Kids-on-Bikes-Atmosphäre darunter leidet. Dafür wird die Clique um Matty verstärkt, der im Prolog überraschend wieder auftaucht. Die Kanalisation spielt erstmals eine größere Rolle, als eine Militäroperation in ihr durchgeführt wird – und die Kinder ebenfalls hinabsteigen. Vier Episoden lang waren weder Todeslicht noch Es‘ Inkarnation als Clown Pennywise (erneut Bill Skarsgård) zu sehen, was sich in dieser Episode ebenfalls ändert. Durch den Verzicht auf dessen Omnipräsenz umgeht man die Gefahr, dass sein Anblick sich abnutzt, und potenziert zugleich den Schrecken, der von ihm ausgeht.

„Es hat vor meinen Augen sein Hirn gefressen.“

Der Prolog der sechsten Episode führt zurück ins Jahr 1935 und ist kurioserweise in Schwarzweiß – lediglich der rote Ballon, eine Art Visitenkarte Es‘, ist farbig. Mrs. Kershs (Madeleine Stowe, „Soundtrack“) Rolle nimmt eine überraschende Wendung, während eine ebenfalls in schwarzweiß gehaltene Rückblende an den Prolog anknüpft und Pennywise‘ Origin-Story recht konkret zu erzählen beginnt – ein weiteres faszinierendes Novum innerhalb der Romanverfilmungen. Und trotz allem wird in dieser Episode auch mal ausgelassen gefeiert, was nicht gut ausgehen wird, wie Episode 7 beweist: Sie zeigt eindringlich, dass Terror auch ohne Pennywise möglich ist, indem sie den Rassismus auf ein neues Level hievt und sich dabei an in der Romanvorlage geschilderten Ereignissen orientiert, die bisher in den Verfilmungen unberücksichtigt geblieben waren. Der Prolog hingegen greift erneut das Jahr 1935 auf und zeigt Pennywise als tanzenden Clown auf einem Jahrmarkt, wo er die Kinder begeistert. Privat in der Umkleide lernt man ihn als liebevollen Vater mit einer ihn anbetenden Tochter kennen. Am Abend begegnet Es ihm in Gestalt eines Jungen, der festgestellt hat, dass Pennywise Kinder magisch anzieht, womit geklärt ist, weshalb Es diese Erscheinungsform bevorzugt. Die Romanze zwischen Marge und Rich wird hier etwas arg dick aufgetragen, was eine heftige Splatterszene jedoch konterkariert. Erstmals bekommt man das Todeslicht zu sehen – und das Militär trifft vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs eine hyperzynische Entscheidung mit verheerenden Folgen.

„Ich bin's leid, mich zu fürchten!“

Der Prolog des Staffelfinals liefert eine regelrechte Pennywise-Show, während in der Haupthandlung ein weiterer neuer Aspekt zum Tragen kommt: Das dolchförmige Artefakt aus dem Himmelkörper, mit dem Es zur Erde gelangte, will „nach Hause“. Pennywise weiß, dass Richard Tozier Marges Sohn sein wird, womit ein weiterer Name aus dem Es-Universum fallengelassen wird; und in einer schneeverwehten Winterlandschaft bricht sich ein Zweifrontenkrieg bahn. Weitere Rückblenden schließen Pennywise‘ Origin-Story ab und das Finale findet erstmals nicht in der Kanalisation statt. Es körperliche Manifestation weist eine andere Gestalt als die bekannte Spinne auf und unterläuft damit einmal mehr die Erwartungshaltung des Serienpublikums. In einem rührenden Epilog wird fast schon in Meta-Manier Bezug aufs Prequel-Phänomen genommen, zudem findet das Overlook-Hotel Erwähnung… Ganz am Schluss unternimmt man gar einen Zeitsprung in den Oktober 1988.

„Man sieht sich in 27 Jahren, ihr Hackfressen!“

Die bereits avisierten Staffeln 2 und 3 sollen in den Jahren 1935 und 1908 spielen, in die man in dieser Staffel bereits Einblicke erhalten hat. „Es“ wird also immer länger – was dem Franchise guttut, da es so Kings Vorlage inhaltlich immer gerechter wird, aber auch Raum für eigene Ideen und Neuerungen freischaufelt. Eine davon ist, dass jemand – Dick Hallorann – übersinnliche Fähigkeiten besitzt; eine weitere betrifft die Artefakte, mit denen es ein Stück weit in den Fantasy-Bereich hineingeht und die im Finale vielleicht ein bisschen viel Hokuspokus verursachen. Charmanter war es, als der „Club der Verlierer“ (deren „Clubhaus“ hier ein Wasserturm ist) ganz ohne beides auskommen musste. Dafür hat aber auch Pennywise diesmal zeitweise eine Gehilfin.

„Dies ist nicht das Ende der Geschichte...“

Ein großes Pfund der Serie ist ihr Aufgreifen gesellschaftlicher Abgründe, für die Es‘ Anwesenheit nicht ursächlich ist, wenngleich sie sie verstärkt. Zuvorderst sind dies ungeschönte Einblicke in den Rassismus, aber auch der Umgang mit den Ureinwohnerinnen und Ureinwohnern. Letztere spielen eine entscheidende Rolle bei der Erweiterung der Es-Mythologie, die in dieser Serie vorgenommen wird. Nicht zuletzt vermittelt die Serie ein Gespür dafür, wie die Bevölkerung Derrys sich einem Klima der Angst fügt und lieber einmal mehr wegsieht, wenn es Minderheiten an den Kragen geht. Wer darin eine Parabel auf Faschismus erkennt, liegt sicher nicht falsch.

So ist auch diese Serie eine Hommage an Außenseiter sowie an Freundschaft und Zusammenhalt. Es jagt Geschwächte, doch wenn diese sich zusammentun, können sie sich erfolgreich wehren. Das Ensemble, gerade auch der hier in einem ausgewogeneren Geschlechterverhältnis anzutreffenden Jungmiminnen und -mimen, ist hervorragend gecastet; die Schocksequenzen, in die Drehbuch und Regie sie schubsen, sind zu großen Teilen originell, hart und sehr gut umgesetzt, lediglich beim einen oder anderen Rückgriff auf CGI hat beispielsweise „Stranger Things“ die Nase vorn. Jene Serie hat sich bekanntermaßen stark bei „Es“ bedient, sodass es beinahe wie eine Retourkutsche anmutet, dass man die Schnapsidee, Es zu kontrollieren und als militärische Waffe einzusetzen, offenbar von dort entlehnte.

Dass bei allem Ernst auch Raum für Humor bleibt, ohne dass dieser wie ein Fremdkörper wirkt, bietet zwischenzeitlich willkommenen Anlass, einmal durchzuatmen. Wenngleich auch „Es: Welcome to Derry“ die Magie der Erstverfilmung nicht ganz erreicht, bescherte mir die Serie ständige Gänsehautschauer. Hochglanz-Sixties-Wohlfühloptik trifft auf Coming of age, Kleinstadtterror, Ausflüge in die US-Geschichte, gesellschaftliche Konflikte und puren, enorm bösen Horror. Definitiv ein Kids-on-Bikes-Abenteuer, das überwiegend den richtigen Ton trifft und jegliche Kitschklippe gekonnt umschifft.

Bewertung: 8,5 von 10 Gurkengläsern

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mo 12. Jan 2026, 13:11
von buxtebrawler
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Tatort: Murot und der Elefant im Raum

„Nur über meine Leiche!“

Mit „Murot und der Elefant im Raum“ inszenierte Dietrich Brüggemann im Frühjahr 2024 seinen nach „Murot und das Murmeltier“ zweiten „Tatort“ um den Wiesbadener LKA-Kriminalhauptkommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) und zeichnet erneut auch für Drehbuch und Musik verantwortlich. Murots 14. Fall feierte seine Premiere am 1. September 2025 auf dem Ludwigshafener Festival des deutschen Films und wurde am 28. Dezember 2025 im TV erstausgestrahlt.

„Wir betreten hier absolutes Neuland!“

Die junge Alleinerziehende Eva Hütter (Nadine Dubois, „Tschick“) hat mit ihrem fünfjährigen Sohn Benjamin (Lio Vonnemann) einen Termin beim Familiengericht, wo sie das Sorgerecht zu verlieren droht. In einer verzweifelten Kurzschlussreaktion entführt sie ihren Jungen und versteckt sich mit ihm in einer Waldhütte, was sie ihm als Kurzurlaub schmackhaft macht. Um Lebensmittel einzukaufen, fährt sie ohne Benjamin noch einmal los, wird jedoch von einem Streifenpolizisten entdeckt und verunfallt auf der Flucht, woraufhin sie im Koma liegt – und niemandem mehr sagen kann, wo sich ihr Sohn befindet. Da die Polizei um Felix Murot und Magda Wächter (Barbara Philipp) den Jungen nicht findet, ergreift sie eine ungewöhnliche Maßnahme: Murot erklärt sich bereit, sich an eine neuartige, experimentelle Maschine seines Psychiaters Dr. Schneider (Robert Gwisdek, „Die Känguru-Verschwörung“) anschließen zu lassen, über die er in Evas Unterbewusstsein eintaucht – in der Hoffnung, auf diese Weise zu erfahren, wo sie Benjamin versteckt hat…

„Peinlich, peinlich, peinlich…“

Die Handlung präsentiert sich als halbsatirisches Science-Fiction-Krimidrama und fügt sich damit ins Wiesbadener „Tatort“-Konzept ein, nicht nur ein bisschen, sondern ganz anders zu sein, ein. In einem herkömmlichen „Tatort“ wäre die Geschichte vielleicht, dass eine Art Mad-Scientist-Scharlatan, der sich in seiner Freizeit als geisteskranker Esoterik-Hippie entpuppt, jemanden an ein absurdes Gerät anschließt und ihn dadurch fahrlässig tötet – was die Polizei ihm beweisen muss. Hier hingegen lässt sich das LKA freiwillig mit Dr. Schneider ein, der in einer Mischung aus visionär, intelligent und kauzig charakterisiert wird, und hier führt diese Methode tatsächlich zumindest dazu, dass Murot und Eva Hütter sich im Unterbewusstsein begegnen.

Brüggemann und sein Team visualisieren diese Begegnungen (wie auch zu Beginn Murots Alpträume) in sehenswerten surrealen Bildern, die psychologische Vorgänge abstrakt widerspiegeln, aber auch Einblicke in Hütters Charakter gewähren. Das dürfte in der Umsetzung viel Spaß gemacht haben und das tut es auch beim Zuschauen. In Kombination mit klassischer Polizeiarbeit, Web-Recherchen usw. lernt man die Koma-Patientin nach und nach kennen und erfährt unter anderem, dass sie früher einmal Punkerin war – und wie zu der Person wurde, die sie ist. Und damit es spannend bleibt, ist all das mit nicht ungefähren Schwierigkeiten verbunden, insbesondere Murots Versuche, nach erfolgreichem Eindringen in Hütters Unterbewusstsein einen wirklichen Zugang zu ihr zu finden. Der Rechtfertigungsdruck des Teams vor dem Krisenstab (dem auch Heinz Rudolf Kunze beiwohnt) trägt sein Übriges dazu bei, ist aber auch Anlass für gepfefferte bis humorige Dialoge.

Der angenehme Humor, der nicht mit der Brechtstange daherkommt, ist einer der Faktoren, durch die sich dieser „Tatort“ deutlich von diversen Spielfilmen unterscheidet, die eine ähnliche Thematik aufgreifen. Am stärksten drängen sich indes Parallelen zu „Murot und das Paradies“ auf. Originell genug ist „Murot und der Elefant im Raum“ dennoch und macht zudem optisch einiges her, nicht nur wegen seiner vielen Kameradrohnenaufnahmen. Nadine Dubois beweist, dass sie sowohl Drama als auch entrückt Komödiantisches beherrscht und schultert ihre ambivalente Rolle prima. Ein recht großer Elefant im Raum dieses sehr unterhaltsamen „Tatorts“ ist letztlich dann aber leider doch die innere Logik der Handlung, abseits aller Science-Fiction: Weshalb kommt niemand (!) auf die Idee, klassisch per Hubschrauber oder Hundestaffel nach dem Jungen zu suchen…?

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mo 12. Jan 2026, 18:19
von buxtebrawler
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Stranger Things [Staffel 5]

„Wie lange geht das noch?“

Die Messe ist gelesen, „Stranger Things“ ist beendet – jene US-‘80er-Rollback-Mystery/Science-Fiction/Horror/Coming-of-Age-Serie der Zwillingsbrüder Matt und Ross Duffer, die trotz ihres Retrocharakters zu einem popkulturellen Phänomen des Streaming-Zeitalters avanciert war; jene Serie, auf die sich trotz Fragmentierung des Serienmarkts auf mittlerweile etliche Video-on-Demand-Dienste abseits des klassischen Fernsehens dann doch gefühlt alle einigen konnten, von der zumindest jeder zu wissen scheint, worum es sich handelt. Rund dreieinhalb Jahre nach Staffel 4 stellte Netflix die finalen acht Episoden im Zeitraum 26. November bis 31. Dezember 2025 online, die Dreharbeiten waren ungefähr ein Jahr zuvor abgeschlossen worden. Die von den Duffer-Brüdern, Shawn Levy und dem Experten für Stephen-King-Verfilmungen Frank Darabont inszenierten Episoden weisen von 57 bis 128 Minuten unterschiedliche Längen auf – nehmen sich also einmal mehr alle Zeit, die sie brauchen.

„Was ist auf der anderen Seite der Wand?“ – „Der Tod.“

Der Prolog der ersten Episode dieser Staffel zeigt eine Rückblende zu Wills Kämpfen im Upside Down – die er bekanntlich zunächst verlor. Die Seriengegenwart steigt im November 1987 ein, also rund eineinhalb Jahre nach der vorausgegangenen Staffel. Robin ist nun Radiomoderatorin und informiert in Form einer Moderation darüber, was seither in Hawkins geschehen ist: Das Militär hat die Kleinstadt unter Quarantäne gestellt, also de facto besetzt. Es hat sogar im Upside Down einen Stützpunkt errichtet, wo es unter Leitung Doctor Kays (Linda Hamilton, „Terminator“) Elfie (Millie Bobby Brown) jagt, die wiederum heimlich mit Hopper (David Harbour) und Joyce (Winona Ryder) trainiert. Dustin (Gaten Matarazzo), der noch kräftig am Tod seines Freundes Eddie zu knabbern hat, hat handfesten Ärger mit Mobbern an der Schule, und Mikes (Finn Wolfhard) kleine Schwester Holly (nun gespielt von Nell Fisher, „Evil Dead Rise“) begegnet einem rätselhaften Fremden. Die Clique plant, ins Upside Down einzudringen, um Henry alias Vecna (Jamie Campbell Bower) endgültig den Garaus zu machen – sofern er überhaupt noch lebt. Doch Will ist auf besondere Weise mit ihm bzw. dessen Dämonen verbunden und erleidet immer wieder Attacken, während derer er durch ihre Augen sieht…

„Wieder ins Licht!“

So weit die in der ersten Folge (in der man außerdem Einblicke erhält, wie damals Radio gemacht wurde, und „Gatorade“-Produktplatzierungen Durst machen sollen) skizzierte Ausgangssituation dieser Staffel. Episode 2 beginnt in einem ziemlichen heftigen Prolog mit actionreicher, aufregender Höllenbrut-Action, die dritte Episode begeistert mit einer höchst spannenden Fallenstellung gegen einen Demogorgon sowie einer fiesen Kindesentführung. Militäraction in Episode 4, ein ultrafieses Cliffhanger-Ende der fünften Episode, ein Knalleffekt, mit dem Episode 6 beginnt, und ein Coming-out in der siebten Episode – es ist verdammt viel los und die Duffers und ihr Team wissen, wie man die Zuschauerschaft bei der Stange hält. Die mittlerweile fast erwachsene Clique bedient sich zur Einordnung all der übernatürlichen Phänomene nach wie vor des „Dungeons & Dragons“-Rollenspielvokabulars, offenbart aber auch, dass es untereinander viele Konflikte und Unausgesprochenes gibt, das dann irgendwann doch ausdiskutiert wird – ausgiebig und bevorzugt in den unpassendsten Momenten. Das sind wohl die John-Hughes-Hommagenparts, die in einer solchen Penetranz zum Bestandteil fast jeder Episode werden, dass es fast schon trashig wirkt, in jedem Falle viel Potential aufweist, persifliert zu werden. Dies ist einer meiner Kritikpunkte dieser Staffel.

„Stirbst du, sterb‘ ich auch.“

Die Upside-Down-Kulissen erinnern stark an H.R. Giger und sehen ebenso großartig aus wie so mancher Spezialeffekt, die nun von Nell Fisher unheimlich süß gespielte Holly steht neuerdings im Fokus mancher Sequenz oder gar Episode und hält weiter die Fahne der 12-Jährigen Kids hoch, doch die sich um all das drehende Handlung wird immer komplexer, sodass ich kaum noch jemandem abnehme, da wirklich noch vollumfänglich durchzusteigen. Ein bisschen so wie bei der „Akte X“-Rahmenhandlung damals. Dennoch hat ständig jemand einen plötzlichen Geistesblitz und dadurch eine Erklärung oder einen Plan parat. Kreaturen, Action und ein großes Figurenensemble treffen auf mehrere Handlungs- und Bewusstseinsebenen, dazu Rückblenden, irgendwie bringt man sogar noch ein Wurmloch unter und im Finale kommt – denn was soll der Geiz! – eine weitere Zeitebene hinzu. Als dies nimmt dem „normalen“ ‘80er-Jahre-Hawkins den Raum, wodurch der ursprüngliche Charme der Serie auf der Strecke bleibt – allen auch diesmal herangezogenen popkulturellen Referenzen zum Trotz.

„Ein letzter Kampf – und dieser ganze Alptraum wird vorbei sein!“

Und dennoch hat mich das Finale gepackt. Auf eine Rückblende in die Vecna-Werdung Henrys als visualisierte Erinnerung folgt ein Kreaturenspektakel, das sich gewaschen hat, wenn der Mind Flayer sich in Bewegung setzt und alles in einen wahrhaft aufregenden und großartig inszenierten Kampf mündet. Dass dieser über alle Gebühr an Stephen Kings „Es“ erinnert, das große Finale einer maßgeblich von „Es“ inspirierten Serie also Gefahr läuft, tatsächlich damit verwechselt zu werden: geschenkt. Und das war es dann noch nicht einmal ganz, denn das verdammte Militär existiert ja auch noch. Apropos: Von Sowjet-Bashing keine Spur mehr in dieser Staffel. Beim 13 Monate später einsetzenden Epilog – der vielleicht längste jemals gedrehte – bekam ich dann auch endlich Gänsehaut. Wir begleiten diejenigen, die von der Clique übrig sind, zum Schlussabschluss, hören große, wahre Worte – und Iron Maiden! Dieser Epilog gerät zur Ode an die Freundschaft und weist all das ‘80er-Jahre-Flair auf, das die Staffel zuvor so lange vermissen ließ. Ein versöhnliches Ende, das einen in Bezug auf Elfie zwar im Unklaren lässt, aber die nächste Generation einzuführen scheint…

„Stranger Things“ hat in der finalen Staffel Federn gelassen, aber noch einmal die Kurve gekriegt. Und während ich darüber sinniere, beschleicht mich ein Gedanke, vielmehr eine Frage: Wollen uns die Duffers, die so viele Menschen in ein ‘80er-Wohlfühl-Habitat entführt haben, mit der Heile-Welt-Überpinselung, die Henry seinem Schattenreich voller gekidnappter Kids angedeihen ließ, vielleicht auch ein bisschen davor warnen, in einer solchen Scheinwelt dauerhaft zu verweilen…?

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Di 13. Jan 2026, 14:18
von buxtebrawler
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Tatort: Nachtschatten

„Du brauchst keine Angst haben...“

Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabels (Martin Brambach) 20., zugleich Hauptkommissarin Leonie Winklers (Cornelia Gröschel) 14. Dresdner Fall (und nach dem Ausscheiden Karin Gorniaks der zweite für die beiden als Duo) entpuppt sich als Mischung aus Krimi und psychologischem Drama. Das Drehbuch stammt aus der Feder Viola M. J. Schmidts. Es handelt sich um die dritte Regie-Arbeit der Schauspielerin Saralisa Volm („Fikkefuchs“), die damit innerhalb der öffentlich-rechtlichen „Tatort“-Reihe debütierte. Seine Premiere hatte „Nachtschatten“ am 13. Juni 2025 auf dem Internationalen Filmfest Emden Norderney, die TV-Erstausstrahlung der bereits im Frühjahr 2024 gedrehten Episode erfolgte am Neujahrstag 2026.

„Man spricht nicht schlecht über seine Familie!“

Die 16-jährige Amanda (Emilie Neumeister, „Polizeiruf 110: Seine Familie kann man sich nicht aussuchen“) wird in verwirrtem Zustand und mit einem blutigen Skalpell bewaffnet in Dresden aufgegriffen. Kommissarin Winkler, auf die sie zunächst aggressiv reagiert und der sie sich nur sehr behutsam öffnet, erzählt sie, ihr Vater (Maik Solbach, „Tatort: Hydra“) habe ihre Schwester Jana und sie ihr Leben lang im Keller gefangen gehalten – und ihre Schwester sei noch immer dort und in Gefahr. Wo genau sich das Haus mit dem Keller befindet, vermöge sie aber nicht zu sagen. Während Winkler ihr zu glauben geneigt ist, zweifelt Schnabel an den Aussagen des Mädchens, das jedoch nach einer Analyse ihrer Blutspuren selbst unter Mordverdacht gerät…

Die Kamera fährt eine Leiche ab und eine dürre, verhuschte junge Frau mit Skalpell in der Hand und blutigem Kleid irrt durch Dresden. Weil sie sich von Winkler nicht von der Suche nach ihrer Schwester abbringen lassen will, zieht sie ihr eine Flasche über den Kopf. Ein wahrlich unheilschwangerer Auftakt, nach dem die offenbar traumatisierte Amanda in Rätseln spricht, bis sich nach und nach herauskristallisiert, worum es ihr eigentlich geht. Winkler versucht, sich gegen Schnabel und Co. durchzusetzen, will eine Suchaktion anberaumen. Schließlich lässt sich Schnabel überreden und unterstützt Winkler bei den Ermittlungen. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden, die zur Dresdner „Tatort“-Folklore gehören und häufig das Salz in der Suppe sind, sind damit ad acta gelegt. Fortan folgt man als Zuschauerin oder Zuschauer den schwierigen Ermittlungen der Polizei.

Lange vor ihr weiß man, dass es eine Leiche gibt, jedoch nicht, um wen es sich handelt. Dahingehend, ob Amanda die Wahrheit sagt oder sie beispielsweise unter paranoider Schizophrenie leidet, tappt man aber selbst im Dunkeln. Eine Psychiaterin (Abak Safaei-Rad, „Tatort: Für immer und dich“) wird hinzugezogen und klassische Hausbesuche im etwaigen Umfeld Amandas werden durchgeführt, wodurch man einen Querschnitt der Bewohnerinnen und Bewohner eines Dresdner Plattenbaus kennenlernt. Den Verdacht, dass Amanda Wahnvorstellungen haben könnte, nährt die Inszenierung zunächst, indem sie Amanda mit ihrem Vater sprechend zeigt, der jedoch gar nicht anwesend ist.

Zur Verwirrung tragen immer häufigere Szenen bei, in denen sich Amanda (dann wären es Rückblenden) oder aber ihre Schwester Jana (dann wäre es die Gegenwart) tatsächlich in einem karg als Jugendzimmer eingerichteten Kellerraum befinden. Die Gespräche mit dem Vater scheinen real zu sein, denn dieser überwacht den Raum mit einer Kamera. Das ist alles sehr ominös, aber spannend, zumal die Polizei eine unübersichtliche Familiensituation aufdröselt und man nach ungefähr einer Stunde Amandas Mutter (Nina Kunzendorf, „Bis nichts mehr bleibt“) kennenlernt.

Dass Winkler sich mit einem Alleingang einmal mehr unnötig in Lebensgefahr begibt, ist eine übertrieben anmutende dramaturgische Zuspitzung, die es in dieser insbesondere von Emilie Neumeister beeindruckend gespielten, bedrückenden und intensiven Mischung aus Krimi und Psycho-Drama nicht gebraucht hätte. Neben einer beunruhigenden Musik- und Tonspur arbeitet man mit düsteren Bildern und vielen Nahaufnahmen, u.a. von der Entnahme einer Blutprobe, und lässt eine der Figuren aus dem Kinderbuchklassiker „Momo“ zitieren. Wieder einmal blickt man in Dresden in tiefe Abgründe – und lässt ein verkatertes Neujahrspublikum denkbar ungemütlich ins neue Jahr starten.

Trivium: Neumeister spielte zuvor bereits in einer „Usedom-Krimi“-Episode, die ebenfalls „Nachtschatten“ betitelt wurde.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Di 13. Jan 2026, 15:31
von buxtebrawler
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Eine halbe Stunde ist viel Zeit

Cheese und Marmelade

„Der Wahnsinn folgt einem Plan: meinem.“

Nach den drei „Kurzschluss“-Kurzfilmen mit Anke Engelke und Matthias Brandt, von denen jeweils einer von 2022 bis 2024 zu Silvester gesendet worden war, war jene Geschichte auserzählt. Der WDR verpflichtete die Produzenten Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann jedoch glücklicherweise zu einem weiteren Kurzfilm mit Anke Engelke zwecks Ausstrahlung am vorletzten Tag des Jahres. Die 28-minütige Hochzeitskomödie „Eine halbe Stunde ist viel Zeit“ aus dem Jahre 2025, geschrieben und zusammen mit Helmut Köpping („Hotel Rock'n'Roll“) inszeniert von Michael Ostrowski, der auch die männliche Hauptrolle spielt, weist allerdings keinen Silvesterbezug mehr auf.

„Hat's grad gedonnert...?“

Hochzeitsplanerin Mareike (Anke Engelke) verfolgt einen strikten Zeitplan; innerhalb einer halben Stunde müssen der Champagner serviert, die Torte verzehrt und der Hochzeitstanz getanzt sein. Für die kurzfristig absagende Fotografin rekrutiert sie kurzerhand ihren Ex-Freund Miller (Michael Ostrowski, „Passau-Krimi“), vom ihr die falsche Torte aushändigen und die richtige wieder mitnehmen wollenden Boten lässt sie sich nicht ins Bockhorn jagen und Millers Avancen erteilt sie klare Absagen. Notfalls beruhigt sie ihre Nerven eben mit ein wenig Alkohol. Überhaupt nicht in den Zeitplan passt aber die ausschweifende Rede des Bräutigamvaters (Stefan Lampadius, „Stromberg“) – und dass Miller die Braut (Katharina Gieron, „Gut gegen Nordwind“) zusätzlich verunsichert, droht das Chaos perfekt zu machen…

„Hochzeiten sind die Rache Gottes an den Menschen!“

Die greise Tante verliert als Running Gag ständig ihre Medikamente und ist alsbald scheintot, die Champagner-Pyramide wird Opfer eines Slapsticks und das patriarchale Gequatsche des Vaters nach dem Ententanz sprengt nicht nur den Zeitplan, sondern gibt auch der Braut zu denken, die Miller in ihren Zweifeln bestärkt. Kein Wunder, dass Mareike da zur Flasche greift – immerhin ist sie dadurch aufgelockert, als sie auch noch singen muss, nachdem sowohl Braut als auch Keyboarderin stiften gegangen sind. Dass es in dieser chaotischen Lorioteske dennoch irgendwie zu einem Happy End kommt, war innerhalb dieser herrlich kurzweiligen knappen halben Stunde nicht unbedingt zu erwarten, macht sie aber sowohl für Hochzeitshasser als auch für Hochzeitsfreunde empfehlenswert.

Neben dem Schließen des Ehebunds mit allem Familienkitsch werden selbstgemachter Zeitdruck und durchoptimierte Abläufe, bei denen nur nichts schiefgehen darf, kräftig aufs Korn genommen. Dass diese jeglicher Romantik diametral entgegenlaufen, macht es so absurd. Dass sie einem auch außerhalb von Hochzeiten ständig begegnen, macht es in der Realität nicht besser.

Da „Eine halbe Stunde ist viel Zeit“ vom WDR als „Staffel 1“ bezeichnet wird, scheint zukünftig noch mehr zu kommen. Schön wär’s!