Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt
Verfasst: Di 21. Jan 2020, 18:19

Der schreckliche Dr. Orloff
„Was für eine Tragödie, dass all diese Lebensfreude und jugendliche Frische für immer verschwinden wird!“
Wer ein wirkliches Gespür für die Bedeutung des späteren Erotik/Sex- und Trash-Vielfilmers Jess Franco für den europäischen Genrefilm entwickeln möchte, muss sich mit dem Frühwerk des umtriebigen Spaniers auseinandersetzen. Immerhin war es, der den ersten wirklichen Horrorfilm Spaniens realisierte: Der frühe Franco „Der schreckliche Dr. Orloff“ alias „Schreie durch die Nacht“ stammt aus dem Jahre 1962, wurde in Schwarzweiß gedreht – und zu Francos persönlicher Adaption des „Augen ohne Gesicht“-Mad-Scientist-Sujets. Die spanische Schnittfassung wurde unter dem Eindruck der Zensur mittels einiger humorvoller Szenen aufgelockert und um Szenen nackter Haut erleichtert, die internationale Fassung fiel demnach tatsächlich kürzer aus.
Um das entstellte Gesicht seiner geliebten Tochter Melissa (Diana Lorys, „Aufstand der Söldner“) mittels plastischer Chirurgie zu korrigieren, greift der verzweifelte Dr. Orloff (Howard Vernon, „Nathalie spielt Geheimagentin“) zum letzten Mittel: Er lässt durch seinen ebenfalls entstellten, stummen Diener Morpho (Ricardo Valle, „Alexander der Große“) attraktive Nachtclub-Tänzerinnen entführen und töten, um deren Gesichtspartien zu transplantieren. Dem grausamen Duo auf den Fersen ist Inspektor Tanner (Conrado San Martín, „Der Koloss von Rhodos“). Als ausgerechnet Tanners Frischverlobte Wanda (ebenfalls Lorys) entführt wird, überschlagen sich die Ereignisse…
Francos im Frankreich des beginnenden 20. Jahrhunderts spielender Film vereint diverse klassische Unterhaltungsfilmmotive wie den Frankenstein-inspirierten Mad-Scientist- und Gothic-Horror mit dem Film-noir-Krimi und dem Expressionismus der Stummfilm- und Universal-Horror-Ära. Der Name des skrupellosen Chirurgen ist der ersten Verfilmung des Edgar-Wallace-Romans „Der Würger von London“ entlehnt, darüber hinaus feiern typische Franco’sche, bestimmte Figurentypen markierende Rollennamen wie Morpho, Melissa und Tanner hier ihr Debüt. Und zum Franco-Stammmimen sollte schließlich Howard Vernon avancieren, der bis zu seinem Tode etliche Male für den Regisseur vor der Kamera stand. Die stilistische Mixtur des Films führt zu einem starken Fokus auf die Polizeiarbeit, die gleichberechtigt mit Dr. Orloffs Umtrieben Spielzeit für sich beansprucht.
Die spanische Schnittfassung wartet insbesondere anfänglich mit einigem Dialogwitz auf, bevor nach einer guten halben Stunde anhand eines längeren Dialogs Orloffs die Vorgeschichte aufgerollt wird. Tödliche, letztlich selbstzerfleischende Ereignisse in Orloffs Anwesen, in deren Zuge sich Vertrauenspersonen gegen den Doktor richten, tragen letztlich ebenso dazu bei, den Spuk zu beenden, wie klassische Ermittlungsarbeit über Fingerabdrücke, gepaart mit einem wehrhaften Final Girl: Bei Wanda handelt es sich eigentlich um eine verdeckte Ermittlerin namens Tanja. Morpho, verurteilter Schwerverbrecher, der eigentlich längst tot sein müsste, ist mit seinem vernarbten Gesicht eine verdammt unheimliche Erscheinung, die voll in die Kerbe des hässlichen, buckligen Dieners schlägt und damit perfekt ins Gothic-Ambiente des Films passt, das Franco und sein Team nach allen Regeln der Kunst mit einiger Liebe zum Detail heraufbeschwören und mit einer hochwertigen, professionellen Kameraarbeit einfangen. Ausgewalzte atmosphärische Spannungsszenen kosten die Dramaturgie des Films kompetent aus, die tragische Komponente des „Augen ohne Gesicht“-Vorbilds wird genüsslich zelebriert und schafft es, ein empathisches Publikum zu berühren.
Als ein großartiger Schauspieler fällt zudem Venancio Muro („Schlacht des Grauens“) auf, der den Stadtstreicher und Trinker Jeannot mimt, für den dieser Film ein großes Herz beweist. Kaum hinter ihm zu verstecken braucht sich die köstliche Nebenrolle des Elias Hausmann, ein Irrer mit deutschem Akzent (und in der Namensgebung offenbar vom spätbarocken deutschen Maler Elias Gottlob Haußmann inspiriert), der sich selbst der Morde bezichtigt. „Der schreckliche Dr. Orloff“ ist somit eine bis in die Nebenrollen hinein reizvolle Melange, die in den Kanon der Semiklassiker des phantastischen Films gehört und noch mit keinem Meter Film auf die spätere Karriere des Regisseurs als schluderig improvisierender Trash- und Schmuddelfilmer hindeutet. In diesem Zusammenhang muss sich Francos Frühwerk aber auch den Vorwurf gefallen lassen, durch den starken Bezug auf seine populäreren Vorbilder weder sonderlich originell zu sein noch einen signifikant individuellen spanischen Genrestil herausgebildet zu haben. Dass hier isoliert betrachtet auch noch keine spezielle Handschrift Jess Francos erkennbar wird, werden die einen bedauern, die anderen begrüßen…







