bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Mit Siebzehn

Was sich neckt, das liebt sich

„Er interessiert sich nicht für Mädchen. Er interessiert sich für niemanden!“

Der französische Regisseur André Téchiné („Die Zeugen“) inszenierte im Jahre 2016 das Coming-of-Age-Drama „Mit Siebzehn“, dessen Drehbuch er zusammen mit seiner weiblichen Kollegin Céline Sciamma („Tomboy“) verfasste.

„Wenn ich mein Abi vergeige, geh‘ ich zur Fremdenlegion!“

In den französischen Pyrenäen besuchen die 17-Jährigen Damien (Kacey Mottet Klein, „Winterdieb“) und Thomas (Corentin Fila, „Lieber leben“) dieselbe Schule, können sich aber gegenseitig nicht riechen und geraten immer wieder in Konflikte miteinander. Damien lebt mit seiner Mutter, der Ärztin Marianne (Sandrine Kiberlain, „Nur Fliegen ist schöner“), zusammen, während sein Vater Nathan (Alexis Loret, „Rivalen unterm Halbmond“) sich fürs Militär als Pilot im Auslandseinsatz befindet. Adoptivkind Thomas hingegen wohnt bei seiner Familie auf einem abgelegenen Bauernhof, weshalb er täglich über eine Stunde Schulweg zu Fuß zurücklegt. Als Marianne bei Thomas‘ Stiefmutter Christine (Mama Prassinos, „Die Affäre“) eine Schwangerschaft diagnostiziert, lädt sie Thomas ein, bei sich und Damien einzuziehen, um seine Mutter zu entlasten und seinen Schulweg zu verkürzen. Obwohl weder Damien noch Thomas von dieser Idee sonderlich angetan sind, wird sie in die Tat umgesetzt…

„Niemand schläft mit mir! Kapierst du das?! Merk dir das gefälligst!“

Téchiné, dessen Inszenierungsstil man eine starke Körperlichkeit nachsagt, brachte mit „Mit Siebzehn“ eine Geschichte auf die Leinwand, deren Clou die Bewusstwerdung beider Jugendlicher ihrer Homosexualität ist. Geht man ohne jegliches Vorwissen an diesen Film heran, ist dies durchaus so etwas wie eine Überraschung, denn der Film hätte sich mühelos in beinahe jede beliebige Richtung entwickeln können. Vor diesem Hintergrund jedoch geraten die bis zur homoerotisch eingefangenen Prügelei reichenden Konflikte, die man sich zunächst unablässig liefert, zu einer Mischung aus Balzritual und Bekämpfung eigener noch nicht akzeptierter Leidenschaft und Neigung. Zum Klischee gehört dann wohl auch, dass beide von vornherein Einzelgänger und Außenseiter sind, und um das Minderheiten-Bingo komplett zu machen, ist Thomas auch noch afrikanischer Abstammung und entsprechend dunkelhäutig.

Angesichts dieser Ausrichtung verwundert es dann auch wenig, dass das immer wieder grenzüberschreitende Verhalten von Damiens Gutmenschmutter in keiner Weise problematisiert wird: Sie plaudert persönliche Informationen über andere gegenüber Dritten aus und lässt ihrer Patientin Antibiotika mitbringen, um dieser am nächsten im Rahmen des persönlichen Besuchs zu eröffnen, dass sie diese nicht einnehmen dürfe, bevor geklärt sei, ob sie schwanger ist. Besonders unerträglich jedoch ist, wie sie den (wie sich herausstellen wird vermeintlichen) Erzfeind ihres Sohnes ins gemeinsame Haus holt, um ihren Hilfszwang zu befriedigen und zu erzwingen, dass Damien und Thomas sich vertragen. Wenn sich Hippie-Pädagogik mit Anmaßung, Selbstgefälligkeit und Ignoranz paart, möchte wohl jeder die Flucht ergreifen. Damien und Thomas bleibt diese Möglichkeit verwehrt und Mariannes Verhalten zumindest für sie selbst folgenlos, woraus sich schließen lässt, dass Téchiné nichts Problematisches daran findet.

Damien und Thomas rauchen nach einer Prügelei einen Joint zusammen – für Téchiné wohl so etwas wie eine Friedenspfeife – und freunden sich – natürlich! – doch noch miteinander an. Zeit für ein paar Nacktszenen und einen versauten Traum Mariannes von Sex mit Thomas, bevor Damien beiläufig gegenüber Thomas fallen lässt, dass er auf ihn stehe. Thomas ist noch nicht so weit, noch will er sich seine Homosexualität nicht eingestehen. Achtung, Spoiler: Gegen Ende treiben es die beiden schließlich doch miteinander, freizügig inszeniert und entsprechend gefilmt.

Damien muss mit dem Tod seines Vaters, der im Krieg stirbt, einen Schicksalsschlag hinnehmen, das Filmpublikum zumindest einen Film mit Überlänge, der künstlich gestreckt erscheint und immer wieder seinen roten Faden verliert. Dass die beiden Jugendlichen zueinander finden, ist harte Arbeit – sowohl für sie als auch für den Zuschauer. Der Versuch einer feinfühligen Geschichte über die Entdeckung der eigenen (homo-)sexuellen Identität wirkt wie gut gemeint, aber nicht gut gemacht, wie ein künstlich politisch korrektes Produkt für ein von sich selbst und seiner vermeintlichen Offenheit eingenommenes Publikum, das glaubt, auf diese Weise realistische Einblicke in etwas zu bekommen, das ihm vermutlich ewig fremd bleiben wird. Ein echter Hingucker sind indes die schönen Aufnahmen verschneiter Landschaften...
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Als wir die Zukunft waren - Sieben Geschichten aus einem verschwundenen Land

Welche Erinnerungen bleiben an ein Land, das irgendwann zu existieren aufhörte? Welche persönlichen Gedanken dominieren beim Rückblick auf die eigene Jugend und bestimmten die subjektive, die emotionale Seite der Erinnerung? Für diesen 2016 veröffentlichten Film setzten sich sechs in der DDR sozialisierte, mittlerweile über 60-jährige Regisseure und eine ebensolche Regisseurin mit diesen Fragen auseinander und gewähren in sieben Episoden individuelle, intime Einblicke, die auf unterschiedliche Weise ihr ambivalentes Verhältnis zum untergegangenen autoritär-sozialistischen Staat skizzieren.

Alle sieben haben sich in einem Landhaus in der Uckermark zusammengefunden, was den Eindruck erweckt, sie würden ihre Erinnerungen untereinander austauschen. Den Anfang macht der 1949 geborene Peter Kahane („Stubbe – Von Fall zu Fall“). In seiner Episode erzählt er aus dem Off, bis ihn ein Kind als Sprecher ablöst: Nun berichtet sozusagen der junge Peter, und zwar aus dem Leben als Sohn jüdischer Eltern im geteilten Nachkriegsberlin, genauer: in Pankow. Seinen Beitrag illustriert Kahane mit animierten Zeichnungen, alten Familienfotos und historischen Bewegtbildern, teilweise nachgespielten Szenen und Ausschnitten aus „Reiterfilmen“.

Drehbuchautor und Dokumentarfilmer Thomas Knauf („Shalom Israel“) erzählt von 1968 und seinen damaligen Erfahrungen in Warschau. Dort verbrachte er eine Nacht im Gefängnis, weil er sich mit den Opfern der Niederschlagung des Prager Frühlings solidarisch gezeigt hatte.

Andreas Voigt („Invisible - Illegal in Europa”) ist 1953 als Sohn von Buchhändlern in Eisleben geboren und später nach Dessau gezogen. Er erinnert sich an Besuche des FKK-Elbstrands, ans Westfernsehen-Gucken mit der Familie und wie er Geld für Kuba sammelte, an seine Schul- und Pionierzeit, an West- und Ostpakete. Das Porträt einer ganz normalen DDR-Kindheit, möchte man meinen.

Nach einem Intermezzo im Landhaus, das die Versammelten für Statements nutzen, zeigt Hannes Schönemann („LaBENDIG“) seinen Film: Zu Bildern der See und schneebedeckter Landschaften erzählt er von seinem in den Westen abgehauenen Vater und wie seine Mutter ins Krankenhaus und die Kinder ins Heim kamen. Er berichtet von Erfahrungen im Kinderheim, dass er im Kirchenchor sang und sich der Kirche schließlich anschloss. Nachdem seine Mutter im Krankenhaus gestorben war, schmiedete er naive Fluchtpläne, die er jedoch immer wieder verschob, weil er sich verknallt hatte. Das war kurz vorm Mauerbau…

Gabriele Denecke („Schlaflose Tage“) wuchs zunächst als kleines Kind in Beiersdorf nahe der polnischen Grenze auf. Ihr Vater sollte die dortigen Bauern zum Sozialismus bekehren, was jedoch nicht gelang. 1956 ging es zurück nach Ost-Berlin, wo sie in eine erste Klasse eingeschult wurde, die aufgrund der Abwanderungen in den Westen der Stadt immer leerer wurde. Kindlich naive Erfahrungen im noch offenen Berlin (ihr Vater half später beim Mauerbau mit) finden sich bei ihr ebenso wie eine sehr witzige Anekdote eines Treffens mit der Westverwandtschaft.

Eine weitere Unterbrechung wird für aktuelle Statements genutzt, bevor Ralf Marschalleck das letzte Drittel einleitet: Der 1953 in Weimar geborene Regisseur, der ausgerechnet 1990 mit dem abendfüllenden Dokumentarfilm „Streng vertraulich oder Die innere Verfassung“ nach einem Kurzfilm und diversen Drehbüchern debütierte, besucht sein altes Wohnhaus und berichtet von seiner Familie. Sein Vater war ein SED-Kader, jedenfalls so lange, bis sich die Chance ergab, mit seiner Geliebten in den Westen abzuhauen und seine Familie im Stich zu lassen. Ralfs Mutter ging daraufhin keine neue Beziehung zu einem etwaigen Stiefvater ein, sodass Ralf schon früh der Mann im Haus wurde – und ein eigensinniger Rabauke, aber eben auch Filmemacher in der DDR. Den Westen hasste er bis zum Schluss.

Zu guter Letzt ist es Lars Barthel („Letztes Jahr in Deutschland“) aus Erfurt, der noch einmal von Westpaketen erzählt, seine Familie vorstellt und erst mit Schmalspurfilm-Ausschnitten, die sein Großvater gedreht hatte, und anschließend damit überrascht, die DDR schließlich Richtung Indien verlassen zu haben.

Mit seinen sich inhaltlich und stilistisch stark voneinander unterscheidenden Episoden tritt dieser Film einem gesamtdeutschen Publikum gegenüber den Beweis individueller Biographien innerhalb einer angeblich so gleichgeschalteten Gesellschaft an. Daraus resultiert zudem ein Beispiel für sorgsame, unaufgeregte Erinnerungskultur, die nur wenig mit lediglich als biographisch getarnten, in erster Linie die Delegitimierung des Sozialismus zum Ziel habenden Filmen und ihrem verurteilenden Duktus gemein haben. Anhand der Publikumsreaktionen lässt sich erahnen, wer ein ehrliches Interesse an persönlichen, anekdotischen, mal lustigen, öfter traurigen, mal kuriosen, mal erschütternden authentischen Geschichten hat und wer stattdessen eine vorgefestigte Meinung aus ideologischer Perspektive bestätigt sehen möchte. Zugebenen: Und natürlich, wen all das kalt lässt, weil er oder sie keinen oder kaum Bezug zum übergeordneten Thema hat – weil der Staat nun einmal längst verschwunden ist und es Zeitzeugenfilme wie dieser sind, die bleiben.
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Juno

„Du hast ‘n Braten in der Röhre!"

Nach der Satire „Thank You For Smoking” wurde die Teenager-Schwangerschafts-Dramödie „Juno“ Jason Reitmans zweiter abendfüllender Spielfilm. Ivan Reitmans Sohn gelang damit der US-Überraschungserfolg des Jahres 2007.

„Tut mir leid, dass ich Sex mit dir hatte!“

Die 16-jährige Juno (Ellen Page, „An American Crime“) ist ungewollt von ihrem Mitschüler Bleeker (Michael Cera, „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“) schwanger – an dieser Erkenntnis ändert auch ein Schwangerschaftstest nach dem anderen nichts. Mit der Rolle als werdende Mutter kann sich das Mädchen nur wenig anfreunden. Abtreibungspläne sind jedoch auch schnell wieder vom Tisch, die entsprechende Klinik bereitet ihr Unbehagen. Also entschließt sich Juno, Adoptiveltern für das Kind zu suchen. Sie eröffnet ihrem Vater (J.K. Simmons, „The Gift – Die dunkle Gabe“) und ihrer Stiefmutter (Allison Janney, „Der Eissturm“), was passiert ist, und scheint im von einem starken Kinderwunsch getriebenen Paar Vanessa (Jennifer Garner, „Catch Me If You Can“) und Mark Loring (Jason Bateman, „Teen Wolf 2“) die idealen Ersatzeltern gefunden zu haben…

Es passiert immer wieder und ist für gewöhnlich Anlass für viel Aufregung – und für schwere Sozialdramen oder auch verbittert geführte, moralinsaure religiöse und ideologische Auseinandersetzungen: Ungewollte Schwangerschaften Minderjähriger. „Juno“ tritt an, mit all dem zu brechen. Erfrischend unverkrampft und witzig geht er mit seinem Thema und seinen Figuren um und stilisiert eine Schwangerschaft zu keiner Katastrophe hoch, vergisst aber auch nicht die Verantwortung, die mit ihr einhergeht. Die Offenheit, mit der hier miteinander geredet wird, ist wohltuend und dient ebenso als Empfehlung wie die kecke und intelligente, humorvolle und sarkastische Juno zum Vorbild für Heranwachsende taugt.

Reitman eröffnet seinen Film mit einem Kommentar aus dem Off und einer Sexszene, die sich als Rückblende entpuppt und jäh von einem bellenden Hund unterbrochen wird. Auf einen gezeichneten, mit einem Folksong unterlegten Vorspann folgt die eigentliche Handlung, die immer wieder von kurzen eingeschobenen Rückblenden aufgebrochen wird. Der Blickwinkel des Films auf die Jugend ist humoristisch geprägt, die Dialoge sind ausgefeilt, teils grandios, und das schnoddrige Wesen Junos schließt man ebenso schnell ins Herz wie ihr stylisches Telefon in Burger-Form. Natürlich dürfen angesichts des Themas auch die obligatorischen Abtreibungsgegner nicht fehlen, hier in Person einer vor der Frauenhilfe demonstrierenden Klassenkameradin. Viel mehr Raum gibt man jenem verbrämten Menschenschlag aber glücklicherweise nicht. Stattdessen besucht Juno zusammen mit ihrem Vater das Adoptionspaar in spe, was sich sehr gut anlässt: Juno steht auf Punk und Argento, Mark auf Grunge und H.G. Lewis.

Mark und Vanessa sind jedoch so erpicht auf Junos Leibesfrucht, dass sie es mit Vorbereitung auf den Familienzuwachs doch arg übertreiben. Zudem scheint sich abzuzeichnen, dass Juno und Mark sich ineinander verlieben könnten, während eigentlich der biologische Vater um Junos Liebe zu kämpfen beginnt. Aus der Frage, wie zur Hölle das alles gutgehen soll, bezieht „Juno“ einen nicht unbeträchtlichen Teil an Spannung. Letztlich scheitert eine der Beziehungen tatsächlich, während die andere in neuem Glanze erstrahlt, woraus die Handlung aber ebenso wenig ein Riesenproblem macht wie aus Junos Schwangerschaft. Stattdessen scheinen sich am Ende alle mehr oder weniger selbstverwirklicht zu haben, was dem von Page & Co. prima geschauspielerten Film ein ebenso wichtiger Aspekt zu sein scheint wie das Feiern einer diversen Gesellschaft mit unterschiedlichen, gleichberechtigten Lebensentwürfen.

Das angenehm kitschfreie Drehbuch Diablo Codys gewann einen Oscar, was ein Indiz dafür sein könnte, dass auch die Jury die Nase voll hatte von Dramen, in denen entweder die Mutter bei der Abtreibung gleich mitstirbt oder sich aber letztlich dann doch „ein Herz fasst“ und sich entscheidet, den Zellhaufen in ihrer Gebärmutter doch noch zu einem Baby zu formen und auszutragen. Reitmans Film empfiehlt einen besonnenen Umgang mit der Situation und die Erfüllung von Kinderwünschen derjenigen, die wirklich ein Kind wollen, denen es aus biologischen Gründen aber verwehrt wird. Das ist grundsätzlich eine gute Idee, mit der zugegebenermaßen aber auch einhergeht, dass der Film es letztlich allen recht macht und weder Abtreibungsgegnerinnen und -gegnern noch -befürworterinnen und -befürwortern vor den Kopf stößt. Und wer wirklich etwas darüber erfahren möchte, wie sich eine ungewollte Schwangerschaft für einen 16-jährigen Backfisch anfühlt, sollte sich ebenfalls besser woanders umsehen, denn das geht in Witz und Beziehungskisten dann doch ziemlich unter. Am positiven Gesamteindruck ändert das indes nur wenig; und ist nur einer werdenden Mutter und nur einem ungeplanten Kind mit der positiven Energie und dem Schwung dieses Films geholfen, hat er sich bereits ausgezahlt.
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Die drei Musketiere

„Was Sie jetzt brauchen, ist Geduld!“ – Wie wahr...

Der als Regisseur offenbar ziemlich erfolglose Stuntman und Schauspieler Cole S. McKay hatte sich im Jahre 2011 von der US-amerikanischen Produktionsfirma „The Asylum“ für gleich zwei Mockbuster verpflichten lassen, auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen: „200 M.P.H.“ und eben dieses Action-Vehikel, das Verwechslungen mit dem im selben Jahr erschienen gleichnamigen Film Paul W.S. Andersons provozieren sollte.

„Was würden Sie tun, wenn Sie den dritten Weltkrieg aufhalten könnten?!“

Ein klandestines Spionage-Spezialeinheitstrio (Xin Sarith Wuku, „Honor“, Keith Allan, „Z Nation“ und Michele Boyd, „The Guild“), das sich auf die Legende der drei Musketiere beruft, glaubt, in Nordkorea den dritten Weltkrieg und einen Anschlag auf den US-Präsidenten zu verhindern. Tatsächlich jedoch ist es zum Spielball eines Komplotts geworden, das es ein südkoreanisches Zivilflugzeug hat abschießen lassen. Nun haben es beide Seiten auf sie abgesehen. Nur die junge NSA-Offizierin Alexandra D'Artagnan (Heather Hemmens, „The Candy Shop“) steht dem Trio bei und versucht, sowohl ihre Unschuld zu beweisen als auch nach wie vor den dritten Weltkrieg zu verhindern…

„Ich mach dich auch ohne CTRL ALT ENTF kalt!“

Was schon ziemlich nach Scheißfilm aus depperter Ami-Perspektive klingt, kommt sogar noch schlimmer: Präsident King (Andy Clemence, „Black Forest“) sieht aus wie George W. Bush, dessen frühes Ableben dem Weltfrieden bekanntlich eher zuträglich gewesen wäre, die Dialoge sind komplett dümmlich, die Handlung ist wirr und krude und die Kameraführung billig, der Schnitt öde. Geheime Präventivschläge, um Gegner zu provozieren und anschließend offiziell gegen sie vorgehen zu können, werden kurz angerissen – doch während wohl jeder andere Film mit ein klein wenig Anspruch daraus eine außenpolitikkritische Handlung gerflochten hätte, verpufft dieser Ansatz hier in unmotivierten Explosionen. Agentin D'Artagnan jagt erst die drei Musketiere und den Fiesling „Kardinal“ (Alan Rachins, „Star Voyager“), verbündet sich schließlich aber mit dem Trio, um letztlich doch noch flügge zu werden und allein den Präsi retten zu wollen – der sich wiederum wie bereits in anderen US-Dummbatz-Produktionen auch selbst zur Wehr setzt. Ja nee, is klar.

„Das hier ist doch kein Dritte-Welt-Land! Das ist doch kein Patriotismus mehr!“

„Die drei Musketiere“ beginnt unmittelbar mit Actionszenen, wobei die Luftkämpfe aussehen wie ein Computerspiel. Neben den üblichen Prügeleien, Schießereien etc. gibt es eine Enthauptung durch einen Hubschrauber und spontane Selbstentflammungen zu sehen, und im Finale brachte man dann doch tatsächlich noch den obligatorischen Degenkampf unter. Diesem Mockbuster geht leider einmal mehr jeglicher Charme ab. Er ist nichts anderes als billig konzipierter und umgesetzter Mist, dessen Unterhaltungswert sich in einem kaum noch messbaren Bereich abspielt. Punkte gibt es lediglich für die starke Frauenquote und die eine oder andere athletische schauspielerische Leistung der Darsteller aus den unteren Riegen. Mögen die wahren Musketiere herbeieilen und Gerechtigkeit walten lassen!
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Es: Kapitel 2

„Wenn du ein Verlierer bist, hast du nichts zu verlieren!“

Die mit großer Spannung erwartete Neuverfilmung des Stephen-King-Romans „Es“ unter die Regie des Argentiniers Andrés Muschietti („Mama“) avancierte 2017 zum bis dato erfolgreichsten Horrorfilm an den Kinokassen und erntete überwiegend positive Kritiken. Schnell stand fest, dass ein zweiter Teil folgen würde, denn Kings Roman war durch die Beschränkung auf die Kindheitserlebnisse der Protagonistinnen und Protagonisten erst zur Hälfte im 135-minütigen Film adaptiert worden. Am Drehbuch war erneut Gary Dauberman beteiligt, diesmal in Co-Autorschaft mit Jeffrey Jurgensen. Beratend stand Stephen Kings höchstpersönlich zur Seite. Da die Handlung des ersten Kapitels von den ausklingenden 1950er Jahren in die 1980er verlagert worden war, spielen die Erwachsenenszenen der höher budgetierten und mit satten ca. 165 Minuten Laufzeit umfangreicheren Fortsetzung nunmehr im Jahre 2016. Es stellt sich somit u.a. die Frage, inwieweit es Muschietti & Co. gelingen würde, den Geist der Vorlage und des eigenen ersten Teils in die (Beinahe-)Gegenwart zu übertragen.

2016: 27 Jahre sind vergangen, seit der „Club der Verlierer“ gegen den kinderfressenden Clown und Gestaltenwandler Pennywise (Bill Skarsgård) in der beschaulichen Kleinstadt Derry im US-Bundesstaat Maine obsiegte. Sechs der ehemaligen Verlierer haben Derry längst verlassen; nur Mike Hanlon (Isaiah Mustafa, „Kill the Boss“) ist geblieben, arbeitet als Bibliothekar und beobachtet sehr genau das Geschehen vor Ort. Als er sich sicher ist, dass das Grauen zurückgekehrt ist, trommelt er den „Club“ wieder zusammen, um seine Mitglieder an ihren alten Schwur zu erinnern: sich Pennywise erneut entgegenzustellen. Skeptisch finden sich fünf der Freunde nach langen Jahren wieder in Derry ein, woraufhin Mike ihre Erinnerungen auffrischt – und auch Pennywise, „der tanzende Clown“, lässt nicht lang auf sich warten. Er ist hungrig und versucht, seine gealterten Peiniger loszuwerden – oder zu töten...

Mit Jessica Chastain („Interstellar“) als Beverly, Isaiah Mustafa als Mike, James McAvoy („X-Men“-Reihe) als Bill, James Ransone („Sinister“) als Eddie, Andy Bean („Transformers: The Last Knight“) als Stan, Bill Hader als Richie („Dating Queen“) und Jay Ryan („Ver-wünscht“) als Ben stellte man eine durchaus illustre Erwachsenenbesetzung zusammen, während die in zahlreichen Rückblenden zum Zuge kommenden Äquivalente der 1980er dieselben Darstellerinnen und Darsteller wie im Vorgänger blieben, wobei diese unauffällig digital verjüngt wurden. Die Ähnlichkeit des neuen Casts zu ihren jüngeren Entsprechungen ist größtenteils gegeben und wurde nicht nur durch entsprechende Gesichtszüge und Make-up erreicht, sondern auch durch die Wiederaufnahme mimischer und gestischer Eigenheiten, die offenbar detailliert von den Schauspielern studiert wurden. Für genügend Wiedererkennungswert ist also gesorgt und, noch wichtiger: die Chemie zwischen allen Beteiligten scheint zu stimmen.

Der Prolog wirft einen im wahrsten Sinne des Wortes direkt ins kalte Wasser, greift er doch einen in Tommy Lee Wallace’ Erstverfilmung ausgesparten, jedoch Kings Vorlage immanenten brutalen Angriff auf einen Homosexuellen auf – nicht durch Pennywise, sondern durch homophobe Kleinstädter am Rande eines Jahrmarkts. Pennywise ist dennoch nicht weit und freut sich sichtlich über die seine Agenda der Angst unterstützenden und ihm damit in die Hände spielenden Ressentiments der Menschen untereinander. Dass Mike den alten Club zusammentelefoniert, wird genutzt, seine Mitglieder aufs Nötigste beschränkt in ihren aktuellen Lebensumständen zu präsentieren, und natürlich verlaufen diese Telefonate nicht zwischenfallsfrei. Bill ist mittlerweile erfolgreicher Schriftsteller von Horrorromanen und befindet sich zusammen mit seiner Frau Audra (Jess Weixler, „Entanglement“) gerade am Set (inkl. Gastauftritts Peter Bogdanovichs als Regisseur) der Verfilmung einer seiner Geschichten, in deren Zuge ein mehrdeutiger Running Gag etabliert wird: Es kommt zum Streit über das Ende des Films, denn man wolle zum Ärger Bills diesbezüglich von der literarischen Vorlage abweichen – seine Enden seien generell die größten Kritikpunkte an seinen Werken. Damit nimmt man einerseits unmittelbar Bezug auf Stephen King, der häufig für seine Enden kritisiert wird, und erzeugt andererseits eine Meta-Ebene hinsichtlich des zu erwartenden Finales dieses Films: Nachdem die Umsetzung in Tommy Lee Wallace’ TV-Adaption als Schwachpunkt angesehen worden war, fragten sich Kenner der Materie natürlich unweigerlich, wie es denn wohl unter Muschietti aussehen würde – sowohl inhaltlich als auch visuell. Einer von mehreren Aspekten, aus denen sich die Spannung auch für diejenigen speist, die Roman- und/oder Erstverfilmungs-Finale noch relativ klar vor Augen haben. Im Verlaufe der Handlung wird Bill immer wieder auf seine Enden angesprochen werden, einmal gar von Stephen King selbst, der einen köstlichen Gastauftritt als Trödelhändler hat und Bill dessen altes Fahrrad zu einem absurd hohen Preis verkauft.

Erzählerisch verwebt Muschietti beide Zeitebenen derart eng miteinander, dass Parallelmontagen und fließende Übergänge entstehen, die nicht nur die Bezüge zwischen den Kinderdarstellern und ihren Erwachsenen Alter Egos verdeutlichen, sondern Orte, Begegnungen, vor allem aber Gefühle einzuordnen helfen. Inszenatorisch einer der effektivsten Kniffe des Films, werden dadurch doch nostalgisch anmutende Zeitreisen in die 1980er und unmittelbare Vergleiche mit der Gegenwart möglich. Die ausschließlich neu gedrehten Kinderszenen erweitern zudem die Ereignisse aus Teil 1 nicht nur um Details, sondern auch um durchaus bedeutsame Handlungselemente. Dabei gelingt es, allen sieben Charakteren gerecht zu werden, ihnen mehr Tiefe zu verleihen und das Narrativ trotzdem kohärent zu halten.

Zurück in Derry, das stellvertretend für all jene einengenden Kleinstädte steht, in denen die Kindheitstraumata mit der Gießkanne verteilt werden und die damit ein Klima der Angst erzeugen, aus denen sich das Böse nährt, gilt es, nicht nur seine verdrängten, verschwommenen Erinnerungen aufzufrischen, sondern sich darüber hinaus in schmerzhaften Prozessen der Vergangenheit zu stellen und diese zu verarbeiten – woraus sich der Kampf gegen die alten Dämonen, personifiziert in Es, entwickelt. Denn wer seine Vergangenheit nicht reflektiert, ist gezwungen, sie zu reproduzieren – beispielsweise eine Art Reinkarnation des gewalttätigen, übergriffigen Vaters zum Partner zu nehmen oder, die verstorbene, krankhaft überbehütende Mutter hinter sich gelassen, eine ebensolche Frau zu ehelichen. Diese intelligente psychologische Komponente des Romans, die sowohl das Privatleben als auch gesellschaftliche und politische (Fehl-)Entwicklungen betrifft, hat an ihrer Aktualität nicht eingebüßt und wird vom Film klug herausgearbeitet, jedoch weniger konkret als noch unter Wallace ausformuliert. Dafür werden Mike einige metapherreiche Aussagen über das Wesen von Erinnerungen und des Gedächtnisses in den Mund gelegt. Zusätzlich werden als neuer Aspekt verdrängte Schuldgefühle aufgegriffen.

In Sachen Horror bohren Muschietti und sein SFX-Team dicke Bretter. Pennywise ist hier noch diabolischer als zuvor, durchtrieben und zu perversen Spielen aufgelegt. Die Ereignisse vor 27 Jahren hat er offenbar persönlich genommen, sodass nun auch die Ebene zu den verschwörerischen Clubmitgliedern distanzloser wirkt. Der Ekel- und Blutfaktor wurde ebenso erhöht wie der Terrorgrad von Einzelszenen und deren Schockpotential, wobei man auch auf das zum Clown passende Jahrmarktsambiente zurückgreift. Pennywise’ Macht scheint sich noch stärker auf Zeit und Raum auszuwirken; er erzeugt bisweilen regelrecht surreale Szenarien, in denen sich die Filmemacher kreativ austoben können. Diese beherrschen dabei durchaus den Umgang mit Kontrasten, wie längere Dialogszenen mit Pennywise und sogar eine Szene, in der er ohne Clown-Make-up zu sehen ist, eindrucksvoll unter Beweis stellen. Auch diesmal weiß das Publikum i.d.R., wann ein neuer Schockeffekt bevorsteht, jedoch ohne zu wissen, wie er aussehen wird – um sich dann doch von den Bildern in Kombination mit tosenden Klangeffekten erschrecken zu lassen. Grundsätzlich entsteht eine Balance zwischen Grusel, Suspense, Schock und Entsetzen, letztlich jedoch leider dann doch etwas zu Ungunsten des subtilen Grusels, den Wallace einst so formidabel beherrschte. Entscheidend hierfür sind die CGI-Effekte, die prinzipiell aufwändig gemacht sind, deren größter Freund ich aber sicherlich in diesem Leben nicht mehr werde, sind und bleiben sie doch schlicht weniger plastisch als physikalische Spezialeffekte. Die hektischen Angriffe der verschiedenen Inkarnationen Pennywise’, meist frontal gefilmt, drohen dann tatsächlich irgendwann, sich abzunutzen. Der Besuch des erwachsenen Eddies in seiner alten Stamm-Apotheke fällt gegenüber der nur beim Gedanken an sie Gänsehaut erzeugenden Variante der Erstverfilmung dann auch unverständlich stark ab. Zusammenfassend lässt sich aber konstatieren: Vorhersehbare, dennoch effektive Schocks dominieren lange Zeit den bildlichen Horror. Positiv fallen auch die Reminiszenzen an Kubricks „Shining“- und Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“-Verfilmungen auf.

Richies obszöne, oft auch altersgerecht plumpe Sprücheklopferei aus Teil 1 ist einem erwachseneren, lustigeren Humor gewichen, aufgrund dessen man ihm abnimmt, dass er mittlerweile als Stand-up-Komiker arbeitet. Dass er daher viele Lacher auf seiner Seite hat, ist kein Problem, sondern eine Stärke des Films. Dass mit zunehmender Laufzeit immer mehr lebensbedrohliche Momente durch komödiantische Einzeiler an unpassenden Stellen abgeschwächt werden, irritiert hingegen, nimmt einigen mitentscheidenden Szenen ihre Grimmigkeit und gefährdet die Atmosphäre des Films empfindlich. Ein Schwachpunkt des Films, zumal sich für Sarkasmus doch etwas angeboten hätte, an das man sich entweder nicht herangetraut hat oder was für den Director’s Cut zurückgehalten wird: Wenn schon erneut zu sehen ist, dass 1989 in Derrys Kino „A Nightmare on Elm Street 5“ lief, weshalb gibt es dann – als Pendant zur „Teenage Werewolf“-Szene der Erstverfilmung – keine Sequenz, in der die Kids sich in die Vorstellung schleichen, sich vor Freddy Krueger fürchten und Pennywise später in dessen Inkarnation begegnen?

Erfreulicherweise entschied man sich dafür, die Mythologie um Pennywise’ Hintergrund aufzugreifen und – wenn auch in abgeänderter Form – zu verarbeiten. Ohne zu viel zu erklären werden anhand eines historischen Artefakts und unheimlicher Drogentrip-Szenen Deutungsansätze geliefert, die Nichtkenner(innen) des Romans sich puzzleartig zusammensetzen können. Darauf fußt dann auch das Finale, das die „Verlierer“ noch tiefer in die Welt unter der Oberfläche führt als zuvor und fremdartige Kulissen bietet, in denen die SFX- und Action-Abteilung noch einmal aus dem Vollen schöpfen und bizarre Bilder erschaffen darf.

Begleitet von Benjamin Wallfischs musikalischen Kompositionen ist mit „Es: Kapitel 2“ eine Fortsetzung in die Todeslichtspielhäuser gekommen, die sich 165 Minuten lang keinen dramaturgischen Durchhänger leistet, was bemerkenswert und respektabel ist. Die Übertragung der Handlung in die Neuzeit ist dank zahlreicher Anpassungen geglückt, wenngleich die eine oder andere Entscheidung wie ein Kompromiss anmutet. So spielt beispielsweise Bills Frau Audra nicht nur im Finale keine Rolle mehr, sondern ist auch zuvor seit seiner Rückkehr nach Derry keine Silbe mehr wert. Angesichts des Umstands, dass angeblich aus einer zunächst vierstündigen (!) Schnittfassung die Kinofassung auf unter drei Stunden heruntergebrochen wurde musste, wirkt auch „Es: Kapitel 2“ jedoch ziemlich rund. Es bestand durchaus die Gefahr, dass man sich an diesem Projekt verheben würde – das ist nicht eingetreten. Die Hauptsache ist, dass die Aussage der Vorlage beibehalten wird. Und tatsächlich erzählen auch Muschietti und seine Autoren über unterbewusst prägende Erlebnisse und Ängste, über die Lähmungen, die sie verursachen und ihre Folgen, über das Ende der Kindheit, eine ignorante, feige Erwachsenenwelt und wie einen all das im klassischen Midlife-Crisis-Alter einholt. Und über die Kraft von Freundschaft und aufrichtiger Liebe, die man sich gerade als Erwachsener immer mal wieder ins Gedächtnis rufen sollte. „Es“ ist viel mehr als eine Horrorgeschichte, eine Verfilmung muss daher mehr als ein bloßer Genrebeitrag sein. Mit seinem Effektspektakel, hohen Actionanteil und dem vielleicht nicht nur etwas dick aufgetragenen, sondern eventuell gar etwas profanen Ende setzt sich dieses zweite Kapitel zwischen die Regiestühle, auf deren Rücken „Anspruch“ und „Massenunterhaltung“ steht. Das jedoch auf hohem Niveau.

Noch unter dem frischen Eindruck des Double Features im Kino stehend, werfe ich 8,5 von 10 Artefakten in die Feuertonne, freue mich auf den Director’s Cut beider Kapitel und hoffe, dass sich die Gerüchte um ein Prequel bewahrheiten werden – Skarsgård in seinem viktorianischen Kostüm wäre dafür tatsächlich prädestinierter als der hochverehrte Tim Curry.
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Polizeiruf 110: Der Ort, von dem die Wolken kommen

„Da kommt gleich so’ne Atmosphäre auf wie beim Großstadtrevier!“

Matthias Brandt hat als Münchener Kommissar der TV-Krimireihe „Polizeiruf 110“ abgedankt – und wurde nicht etwa durch einen gleichrangigen Nachfolger, sondern durch die Streifenpolizistin im höheren Dienst Elisabeth „Bessie“ Eyckhoff (Verena Altenberger, „Magda macht das schon!“) ersetzt. Personalmangel ist es, der sie zur hauptverantwortlichen Ermittlerin in ihrem ersten Fall macht. Dieser wurde von Michael Proehl zusammen mit Thomas Korte geschrieben und von Florian Schwarz inszeniert – im Prinzip also vom „Tatort: Im Schmerz geboren“-Traumteam. Die Erstausstrahlung erfolgte am 15.09.2019.

„Als Kind hab' ich mal gesehen, wie ein Polizist in seine Mütze onaniert hat – da habe ich gedacht, dass alle Polizisten das machen, damit die Mütze besser am Kopf haftet.“

Der jugendliche Polou (Dennis Doms) wird verwahrlost aufgefunden. Er weist deutliche Misshandlungsfolgen auf und leidet unter dem Kaspar-Hauser-Syndrom, kann sich daher kaum artikulieren. Polizistin Eyckhoff nimmt sich seiner an und versucht, im Krankenhaus das Vertrauen des scheuen und ängstlichen Jungen zu gewinnen. Doch trotz Bewachung seines Zimmers gelingt es einer in Pelz gekleideten Frau (Lucy Wirth, „Stöffitown“), sich Zutritt zu ihm zu verschaffen. Ihr Entführungsversuch jedoch misslingt. Gegen die Blockaden des Jugendamts gelingt es schließlich, Polou in Hypnose zu versetzen, um so an weitere Informationen zu kommen. Und tatsächlich: Die Spur führt in die Schweizer Wohnung eines totgeglaubten Waffenhändlers…

„Der Ort, von dem die Wolken kommen“ – das ist Eyckhoffs Initiation in Form eines Kriminaldramas, für das sie viel Empathie und Sensibilität mitbringen muss, was die Rolle sogleich sehr positiv färbt. Sympathisch bleibt sie indes auch im Umgang mit anderen, beispielsweise mit dem Krankenhauspersonal (charmant: Xenia Tiling), mit dem sie sich schnell duzt und eine rauchen geht, ohne die Bullette heraushängen zu lassen. So sorgt sie für den Wohlfühlfaktor dieser Episode, der ansonsten eher mysteriös bis gruselig (dank einer diabolischen Lucy Wirth) gestaltet wurde. Ihre Kollegen Wolfie (Andreas Bittl, „Das wilde Leben“) und Cem (Cem Lukas Yeginer, „Polizeiruf 110: Das Gespenst der Freiheit“) spielen erwartungsgemäß eine untergeordnete Rolle, wobei zumindest ihr adipöser und etwas drömeliger Halbbruder Cem bereits eine gewisse Charakterisierung erfährt.

Nicht sonderlich gut weg kommt auch die Vertreterin des Jugendamts (Anja Schiffel, „Tatort: Damian“), die Eyckhoffs Umgang mit Polou skeptisch beäugt und ihre Zustimmung zur Hypnose versagt, welche letztlich von ihr erpresst werden muss. Dies ist ein erstes Indiz dafür, dass sich dieser „Polizeiruf 110“ in den Bereich des Fantastischen verabschiedet. Zu seinem Kernstück avanciert schließlich die Hypnose, für die erst lange geworben wurde, bis sie endlich an Polou und Eyckhoff gleichzeitig durchgeführt wird. Der Trance-Zustand wird visualisiert, was der Handlung eine starke mystische Aura verleiht. Irgendwann überschlagen sich nur leider die Unwahrscheinlichkeiten – Hypnose und Spiel mit dem Wissensstand des Publikums hin oder her.

Wer die misslungene Pointe ausblenden kann, kann sich über einen atmosphärisch starken, ruhig erzählten, dennoch spannenden Fall mit einigen starken Bildern freuen, dessen Hypnose-Leumund im nicht wirklichen Happy End ein gutes Stück weit zurückrudert. Insofern handelt es sich grundsätzlich schon um einen gelungenen Einstand für Altenberger, wenngleich sie im letzten Drittel gegen die übersteigerten Ambitionen und mit ihnen durchgehende Phantasie der Autoren zu kämpfen hat.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Blinded by the Light

„You can’t start a fire without a spark!”

Ein Coming-of-Age-Film, der 1987 spielt und Popkultur zum Inhalt hat? Will da jemand auf dem ‘80er-Retro-Zug mitfahren? Kaum, denn „Blinded by the Light“ ist kein Genrefilm. Die multikulturelle Regisseurin Gurinder Chadha („Kick It Like Beckham“) dieser britisch-US-amerikanischen Koproduktion aus dem Jahre 2019 verfilmte vielmehr die Memoiren „Greetings from Bury Park: Race, Religion and Rock’n’Roll“ des britischen Journalisten, Schriftstellers und Bruce-Springsteen-Fans Sarfraz Manzoor. „Blinded by the Light“ ist Dramödie, Zeitporträt und Springsteen-Ode zugleich.

Der 16-jährige Javed (Viveik Kalra, „Next of Kin“) lebt mit seiner einst aus Pakistan immigrierten Familie in der englischen Kleinstadt Luton. Sein Vater Malik (Kulvinder Ghir, „Kick It Like Beckham“) arbeitet in einer Autofabrik, seine Mutter Noor (Meera Ganatra) schuftet als Näherin. Für ihren Sohn haben sie andere Pläne: Er soll studieren, einer hochdotierten Tätigkeit nachgehen und es einmal besser haben. Doch der sensible Javed träumt heimlich davon, Schriftsteller zu werden. Er führt Tagebuch und verfasst Gedichte sowie Songtexte für seinen Freund Matt (Dean-Charles Chapman, „Game of Thrones“) aus der Nachbarschaft, der Mitglied einer Synthie-Pop-Band ist. Seine neue Englischlehrerin Miss Clay (Hayley Atwell, „Cinderella“) versucht, Javed zu fördern, doch Javed glaubt selbst nicht an sein Talent, zumal er es vor seinen Eltern verheimlichen muss. In der von Premierministerin Margaret Thatcher zerstörten Gesellschaft ist Javeds Dasein freudlos und trist und sein weiterer Lebensweg scheint vorgezeichnet. Doch als ihm sein neuer Mitschüler Roops (Aaron Phagura) die Springsteen-Musikkassetten „Born in the U.S.A.“ und „Darkness on the Edge of Town“ zusteckt, hat Javed sein Erweckungserlebnis: Die Texte sprechen ihm aus den Herzen, erstmals fühlt er sich verstanden. Er wird zum begeisterten Springsteen-Fan und lässt sich von den Texten inspirieren. Sein Leben nimmt eine Wende, er lernt sogar seine erste Freundin kennen. Doch kommt es auch zum unausweichlichen Konflikt mit seinem Vater…

„Blinded by the Light“ gewährt einen authentisch anmutenden Einblick ins unter Thatchers arbeiterklassenfeindlicher Politik ächzende England der 1980er aus der Sicht einen jungen Angehörigen der pakistanischstämmigen Minderheit, die sich zunehmendem Rechtsradikalismus durch den Abschaum der National Front und krassen Diskriminierungen ausgesetzt sahen – und trotz allem versuchten, so ruhig und unauffällig wie möglich zu bleiben. Javed schließlich ist es, der aus seiner Rolle ausbricht und seinen eigenen Weg zu gehen versucht, wobei ihm die Musik des „Boss“ hilft. Dieser hatte seit dem Welterfolg „Born in the U.S.A.“ kein Studioalbum mehr veröffentlicht und war von der nunmehr auf New Wave und Synthie-Pop abfahrenden Jugend zum alten Eisen gezählt worden. Im Oktober 1987 erschien das qualitativ abfallende „Tunnel of Love“, das dennoch auch in Großbritannien auf Platz 1 in den Charts landete, im Film jedoch keine Rolle spielt. Stattdessen sind es insbesondere die Songs „Dancing in the„Dark“ und „The Promised Land“, die Javed tief beeindrucken und in Lyric-Videoclip-Ästhetik in die Handlung integriert wurden. Sie veranschaulichen eindrucksvoll die Kraft und die Macht der Musik sowie Springsteens lyrisches und musikalisches Geschick.

Zum industriellen Strukturwandel, der Arbeitslosigkeit (von der schließlich auch Javeds Vater betroffen ist), dem Rassismus und Javeds Problemen, Akzeptanz, Freundschaft und Liebe zu finden, gesellen sich die familiären Probleme, resultierend aus dem Umgang mit Familientraditionen. Ebenso wie die Tory-Verrätereltern Javeds späterer Freundin Eliza (Nell Williams, „Game of Thrones“) verharrt sein Vater in konservativen Familienbildern, was Patriarchat, das Festhalten an pakistanischen Traditionen und Skepsis gegenüber der westlichen Kultur bedeutet. Doch Malik ist kein bösartiger Tyrann, sondern jemand, der, einst in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den Westen gekommen, seine Erfahrungen gemacht hat und die Träume seines Sohns daher für Hirngespinste und Fantastereien hält. Javeds Emanzipationsprozess ist folglich für beide schmerzhaft.

Dennoch steuert „Blinded by the Light” auf ein allumfassendes, sehr sentimentales und rührseliges Happy End zu; der Weg dorthin ist gespickt mit zahlreichen Seitenhieben auf die britische Politik und Gesellschaft, spannenden Einblicken in den Alltag pakistanischstämmiger Familien sowie leider dann doch etwas zu kitschigen Bollywood-Musicaleinlagen. Die USA werden sehr undifferenziert und unkritisch als das Paradies auf Erden gezeichnet, was ärgerlich ist, und manch Veränderung in Javeds Leben – z.B. das Zusammenkommen mit seiner Freundin – erscheint mir unrealistisch übereilt. Entscheidend aber sind die zwar nicht sonderlich neuen, aber aus seltener Perspektive gezeigten Erkenntnisse über den Ausbruch aus scheinbar vorgegebenen Rollenbildern und über das Selbstbewusstsein, das man zunächst einmal benötigt, um sich erfolgreich zur Wehr setzen zu können. All das geht mit durchaus schmerzhaften Bildern einher, wenngleich sich der Film immer wieder verweigert, ein schwermütiges Drama zu werden: Neben reichlich populärkulturellem Zeitkolorit sind es die fantastische Musik Springsteens und der sympathische Humor, und nicht zuletzt natürlich der Umstand, dass alle durch Javeds Aufbegehren herbeigeführten Änderungen zum Erfolg führen, die „Blinded by the Light“ zu einem Kinoerlebnis zwischen Gänsehaut, Tränen der Rührung, Inspiration und guter Laune machen. Sogar der zwischenzeitliche Zwist zwischen Synthie-Pop und Blue-Collar-Rock wird beigelegt und mündet in eine friedliche Koexistenz. Da stört es dann auch nicht, dass das Grundprinzip einem „Kick It Like Beckham“ doch recht ähnlich ist.

Der aktuelle ‘80er-Retro-Trend dürfte „Blinded by the Light“ in die Hände spielen, und tatsächlich fügt er sich als unterhaltsame Aufarbeitung prima zwischen all den vornehmlich mit der Ästhetik des Jahrzehnts spielenden Genrefilmen ein. Dabei ist es im Prinzip auch vollkommen egal, ob man seine musikalische Erweckung durch den Boss oder eine(n) andere(n) Künstler(in) respektive Band erlebt hat – so Springsteen-fixiert Chadhas Film auch sein mag, so übertragbar ist doch sein Effekt. Die authentischen Fotos Javeds realen Alter Egos Sarfraz Manzoor im Abspann sind dann noch ein weiteres Schmankerl, die daran erinnern, dass es sich um kein Holly- oder Bollywood-Märchen handelt. Das ist schön – weniger schön sind die beunruhigenden Parallelen zur Gegenwart, was verfehlte Politik, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus betrifft. Was den Film umso bedeutsamer macht.

„Yeah, he was blinded by the light / Oh, cut loose like a deuce, another runner in the night / Blinded by the light / He got down, but he never got tight / But he's gonna make it tonight…”
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Bohemian Rhapsody

„Ey-Oooh!“

Obwohl es auch während der Dreharbeiten des seit vielen Jahren angekündigten „Bohemian Rhapsody“ noch ordentlich hinter den Kulissen gerappelt haben muss – Regisseur Bryan Singer („Der Musterschüler“) wurde ca. drei Wochen vor Drehende entlassen und durch den nicht in den Credits genannten Dexter Fletcher („Eddie The Eagle“) ersetzt –, wurde der Film ein voller Erfolg, der die Kinoranglisten anführte und vier Oscars einheimste. Das verwundert wenig, denn es handelt sich gar nicht um ein sog. Biopic. Statt das dramatische Leben und Sterben des Queen-Sängers Freddie Mercury aufzuarbeiten, erzählt uns der 2018 endlich veröffentlichte Film ein rührendes Rock’n’Roll-Märchen.

London, 1970: Die Band Smile kann lokale Erfolge für sich verbuchen, doch geht eines Tages Gitarrist Brian May (Gwilym Lee, „Inspector Barnaby“) und Drummer Roger Taylor (Ben Hardy, „Mary Shelley“) der Sänger stiften. Der zurückhaltende, aus Sansibar stammende Farrokh Bulsara (Rami Malek, „Nachts im Museum“) bewirbt sich um den vakanten Posten und bekommt den Job. Mit Bassist John Deacon (Joseph Mazzello, „The Social Network“) steht schließlich das Quartett, das sich fortan Queen nennt, 1973 sein erstes Album veröffentlicht und dem 1975 der kommerzielle Durchbruch mit dem Album „A Night At The Opera“ sowie der sperrigen Single „Bohemian Rhapsody“ gelingt. Bulsara nennt sich längst Freddie Mercury und hat in der Verkäuferin Mary Austin (Lucy Boynton, „I Am the Pretty Thing That Lives in the House“) eine liebe-, verständnisvolle und attraktive Lebensgefährtin gefunden. Doch beide spüren, dass etwas nicht stimmt, und tatsächlich: Freddie entpuppt sich als bisexuell und fühlt sich stärker zu Männern hingezogen. Am Erfolg seiner Band ändern die privaten Unstimmigkeiten nichts, doch der Ruhm verleitet Freddie zu ausschweifenden Exzessen. Nachdem die Band zwischenzeitlich auch aufgrund von Management-Querelen implodiert war und Freddie eine Solo-Karriere anberaumt hatte, raufen sich Queen angesichts Bob Geldofs Benefiz-Festival „Live Aid“ wieder zusammen. Doch kurz vorm Comeback-Auftritt erhält Freddie seine niederschmetternde Diagnose: Er ist HIV-positiv…

„Amerikaner… nach außen Puritaner, daheim Perverse!“

Das „Live Aid“-Konzert bildet die Klammer der Handlung: „Bohemian Rhapsody“ beginnt damit, wie Freddie die Stufen zur Bühne des Londoner Wembley-Stadions erklimmt, man sieht ihn nur von hinten. Exakt dort knüpft das Finale nach einer ausgedehnten Rückblende an, in der die eigentliche Geschichte erzählt wird, beginnend mit einem Live-Auftritt Smiles. Es wird also der Zeitraum 1970-1985 abgedeckt. Dies bedeutet, dass Freddie zunächst noch lange Haare hat und noch keinen Schnurrbart trägt, auch sein Kleidungsstil ist noch ein ganz anderer. Malek hinterlässt einen guten Eindruck in der Rolle, profitiert aber evtl. auch davon, dass der Großteil des Publikums Freddie eher in seinem späteren Look in Erinnerung haben dürfte – und natürlich, dass kaum jemand ihn privat gekannt hat. Malek gibt einen kreativen und lebenslustigen, musikbesessenen Mann mit großer Stimme, aber eher schüchternem, verunsichertem Auftreten im Alltag, mitunter nervös und getrieben, was er mit zunehmendem musikalischem Erfolg bekämpft und so sowohl von der kommerziellen Entwicklung seiner Band profitiert als auch von deren emotionaler Ventilfunktion für aufgestaute Gefühle. So dürfte es nicht wenigen Musikerinnen und Musikern gehen. Diese Szenen sind mit dem nötigen Feingefühl umgesetzt worden und werden, wie über weite Strecken der ganze Film, mit einigem Humor aufgelockert.

„Mensch sein ist ein Zustand, den man gelegentlich nur in Narkose erträgt…“

„Bohemian Rhapsody“ zeigt, wie Queen um den gleichnamigen Song und das Oper-meets-Rock-Konzept des Albums mit der Plattenfirma ringen mussten, und die Management-Querelen muten wie der Klassiker schlechthin an: Menschen, die nicht unbedingt das Wohl der Band und ihrer Mitglieder im Sinn haben, mischen sich ein und spinnen Intrigen, falsche Entscheidungen und falsche Freunde werden getroffen, das Bandgefüge gerät ins Wanken. Doch die Band überwindet Kraft ihrer Musik und ihres Willens alle Probleme und steht am Schluss als strahlender Sieger da. Schön, nur: Ganz so war es dann doch nicht. Dieser Film ist nicht nur chronologisch und dramaturgisch verdichtet, er deutet die Geschichte Queens und Freddie Mercurys auch in relativ hohem Maße um. Dies beginnt bei der Bandgründung – Freddie kannte Smile schon länger persönlich und John Deacon war kein Gründungsmitglied, sondern stieß erst als vierter Bassist hinzu –, setzt sich bei den Songs fort, die teilweise zu den Zeitpunkten, zu denen sie im Film auftauchen, noch gar nicht existierten, und betrifft vor allem auch Freddies private Beziehungen: Mary Austin lernte er erst zu einem späteren Zeitpunkt kennen und seinen späteren Lebensgefährten Jim Hutton (Aaron McCusker, „Final Score“) traf er nicht, als dieser bei einer seiner exzessiven Partys kellnerte, sondern in einem Nachtclub, zudem war Hutton Friseur. Außerdem spielte Freddies Freundin Barbara Valentin anscheinend eine ebenso wichtige Rolle wie Mary Austin in seinem Leben, wird im Film jedoch komplett totgeschwiegen. Hinzu kommt, dass Freddie Queen nie für seine Solo-Karriere verlassen hatte und es demnach auch keine Reunion war, als man die Teilnahme an „Live Aid“ zusagte – vor dem Freddie auch nicht bereits von seiner HIV-Infektion wusste, dies geschah erst – möglicherweise Jahre – später.

Doch auf diese Weise lässt sich nun einmal das perfekte Rock’n’Roll-Märchen erzählen, dem man auch kaum böse sein kann, da es den Geist der Band und des Entertainment-Zirkus Queen adäquat aufzugreifen und zu reinszenieren scheint. Lee, Hardy und Mazzello weisen dank hervorragender Masken- und Make-up-Arbeit tatsächlich eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Originalmusikern auf und auch Malek kniet sich für seine Mercury-Interpretation voll rein, studierte Mimik, Gestik und Bewegungen für fulminant nachgestellte Live- und Video-Clip-Szenen nahezu perfekt. Lediglich seinen Augen und seinen Blicken sieht man in Nahaufnahmen deutlich an, dass er nicht Mercury ist, auch mit dem Überbiss hat man es etwas übertrieben (Mercury hatte vier Schneidezähne mehr als Normalsterbliche). Die Distanz, die diese Momente dann doch erzeugen, erweist sich aufgrund der Fiktionalität des Stoffs jedoch gewissermaßen als hilfreich. Malek sang übrigens nicht selbst, was vermutlich eine unzumutbare Herausforderung gewesen wäre. Stattdessen kommen gerade im Kino aber die unglaublichen Gesangsleistungen Mercurys voll zur Geltung. Eine audiovisuelle Vollbedienung, deren Höhepunkt das bis ins Detail nachgestellte, rund 20-minütige „Live Aid“-Konzert darstellt – wenngleich bezweifelt werden darf, dass tatsächlich erst zu Queen die Spendenkassen zu klingeln begannen (wie im Film dargestellt).

Freddies Szenen mit Mary besitzen eine angenehme Tiefe, die von tief empfundener Liebe auch ohne Körperlichkeit und Freundschaft zeugen. Sie tragen zur Charakterisierung Mercurys bei, den viele nur als einen der größten Rock-Frontmänner und Rampensau kannten. „Bohemian Rhapsody“ tut gut daran, ihn auch als zerbrechlichen Menschen zu zeigen, ohne ihn vorzuführen oder gänzlich zu entzaubern. Statt sich in Mercurys Exzessen zu suhlen und eindimensional zu werden, gelingt es dem Film immer wieder, das große Ganze zurück ins Blickfeld zu rücken und jegliche Moralisierung zu umschiffen. Die Kameraführung sorgt mit ihrer Dynamik und ihren originellen Perspektiven für weiteren Augenschmaus. Dadurch wird der rund 135 Minuten lange Film tatsächlich nie langweilig, bleibt über die komplette Distanz spannend und entlässt mit dem Abspann ein mitunter zu Tränen gerührtes Publikum, das gerade über zwei Stunden lang mittels erzählerischer Kraft und der Macht des Kinos vorzüglich unterhalten wurde – dem aber auch bewusst sein muss, dass es eine Inszenierung und sehr freie Interpretation der Realität sah. Im Prinzip also so wie Queen auf der Bühne...
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Tatort: Die harte Kern

„Weil die Mühlen der Selbstjustiz so langsam mahlen…“

Das Weimarer „Tatort“-Ermittlungsduo Lessing (Christian Ulmen) und Dorn (Nora Tschirner) ging mit „Die harte Kern“ in die neunte Runde, wurde diesmal nicht anlässlich eines Feiertags, sondern am 22.09.2019 erstausgestrahlt und auch nicht von Murmel Clausen und Andreas Pflüger geschrieben: Ihnen blieben lediglich die Dialoge, die eigentlichen Autoren sind Sebastian Kutscher und Deniz Yildizr. Regie führte Helena Hufnagel, nach der Komödie „Einmal alles bitte“ aus dem Jahre 2015 erst ihre zweite abendfüllende Regiearbeit.

Lessing hat Schrottplatzbetreiber Harald Knopp (Heiko Pinkowski, „Die letzte Sau“) des Mordes an einer Kunstsammlerin überführt, doch Knopps Anwalt Willi Wollnitz (Bernd Hölscher, „Der Hauptmann“) präsentiert mit dem Neffen des Opfers, Rainer Falk (Jan Messutat, „Der namenlose Tag“), einen Entlastungszeugen vor Gericht und erwirkt damit einen Freispruch. Als wäre das nicht schon ärgerlich genug, findet Lessing Knopp, als er einer Verabredung zu einem vertraulichen Gespräch nachkommen will, auch noch erschossen am Treffpunkt auf. Wie sich herausstellt, stammt die tödliche Kugel aus Lessings Dienstwaffe, was die Sonderermittlerin Eva Kern (Nina Proll, „Keinohrhasen“) auf den Plan ruft. Lessing landet kurzerhand in der Zelle, Dorn wird wegen Befangenheit der Fall entzogen. Dennoch ermittelt sie mit Unterstützung des frisch verliebten, jedoch einfältigen Schupos „Lupo“ (Arndt Schwering-Sohnrey) auf eigene Faust und befragt Knopps Bruder Georg (Marc Hosemann, „Sperling und der gefallene Engel“) sowie dessen Frau Hannah (Katharina M. Schubert, „Wellness für Paare“). Kommissariatsleiter Kurt Stich (Thorsten Merten) versucht derweil, eine gutes Wort bei Kern für seine Ermittler einzulegen, beißt jedoch auf Granit – die Frau, mit der er vor Jahren einmal ein privates Techtelmechtel hatte, ist unerbittlich…

Unverbrauchte Regisseurin und neue Autoren – nach dem durchwachsenen Vorgänger „Der höllische Heinz“ frischer Wind in Weimar also? Leider nein: Die Prämisse, dass eine der Hauptrollen eines Kapitalverbrechens verdächtigt wird, hatte schon des Öfteren in die Krimireihe Einzug gehalten. Nach einem kurzen Auftakt setzt eine Rückblende vier Wochen vor diesem ein, auf deren Grundlage sich eine trotz einiger flapsiger Sprüche und Lessings gewohnter Literaturzitate-Macke weitestgehend ernste Krimihandlung entspinnt, aufgrund derer „Die harte Kern“ nicht mehr als Krimikomödie bezeichnet werden kann. Das ist ein Novum im Weimarer „Tatort“, mit dem jedoch eine wenig spannend inszenierte, bekannt anmutende Handlung einhergeht, dem die herrlich schrulligen, liebevoll charakterisierten Figuren, die den Weimarer Ableger einst so einzigartig machten, völlig abgehen. Dies versucht man anscheinend mit einem Mystery-Touch um eine gestohlene Kunstfigur zu kompensieren, was ebenso wie das dann doch wieder lockerer erzählte letzte Drittel durchaus Unterhaltungswert hat, aber dennoch unter dem Niveau der ersten sieben Weimarer „Tatorte“ bleibt.

Über den Durchschnitt rettet „Die harte Kern“ die Pointe, die Stellung zu Fragen des Umgangs mit Menschen bezieht und zumindest ein wenig nachdenklich stimmt. So herrlich arrogant die Proll ihre Figur auch interpretiert, so überzeichnet sind viele andere Rollen, was ebenso wenig zusammenpassen will wie das Weimarer Ermittlungsduo und eine 08/15-Krimihandlung, die sich zudem im Spagat zwischen Ernst, Ironie und Aussage nicht nur dramaturgisch vergrätscht. Schade, in Weimar war mal mehr los.
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Once Upon a Time in... Hollywood

Die Rache Tarantinos

„I'm the Devil. And I'm here to do the Devil's business.”

Es war einmal… ein US-amerikanischer Film-Nerd namens Quentin Tarantino, der eines Tages selbst ins Filmgeschäft drängte und vornehmlich altes, teilweise längst vergessenes Genrekino in Form von Zerrbildern wiederaufleben ließ und es mit einer derart koksgeschwängerten Pseudo-Coolness ausschmückte, dass sein junges Publikum einen eigenen Stil zu erkennen glaubte, den es hart abzufeiern galt, aber oftmals gar nicht erst auf die Idee kam, dass das Trivialkino vorausgegangener Generationen für ihn Pate gestanden haben könnte. Wer da wie der Verfasser dieser Zeilen schon frühzeitig abgewunken hatte, kann allerdings andererseits gar keine Aussagen hinsichtlich einer möglichen Entwicklung, eines Reifeprozesses oder etwaiger Stiländerungen treffen. Auf „The Hateful Eight“ folgte 2019 jedoch „Once Upon a Time in... Hollywood“, mit dem jener Film-Nerd aufgrund des einmal mehr bemühten Italo-Kino-Bezugs sogar einen solch alten Griesgram wie mich ins Kino locken konnte. Die US-amerikanisch-chinesisch-britische Koproduktion hat mit rund 160 Minuten deutliche Überlänge und lässt sich auf den ersten Blick nur schwer einordnen.

„Is everyone okay?“

Wir schreiben das Jahr 1969: „New Hollywood“ löst nach und nach das alte Studio- und Starsystem und auch dessen filmische Inhalte ab, Hippies treiben sich auf der Straße herum, Charles Manson war wieder auf freiem Fuß. Und Schauspieler Rick Dalton (Leonardo DiCaprio, „Critters III“) muss sich langsam, aber sicher eingestehen, dass sein Stern im Sinken begriffen ist. Die glorreichen Tage als Held der Western-Serie „Bounty Law“ liegen hinter ihm, seither bekleidet er Rollen als Antagonist in verschiedenen TV-Produktionen. Stets an seiner Seite ist Cliff Booth (Brad Pitt, „Todesparty II“), der nicht nur sein Stunt-Double, sondern auch sein Chauffeur und bester Freund ist. Als Rick das Angebot bekommt, Italo-Western in Europa zu drehen, nimmt er schweren Herzens an und wird dort tatsächlich zum Star diverser Produktionen. In Ricks unmittelbarer Nachbarschaft sind das junge Regie-Ass Roman Polanski (Rafael Zawierucha, „Warschau '44“) und dessen noch jüngere Frau, die Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie, „I, Tonya“), eingezogen. Als Rick aus Italien zurückkehrt, kommt es zu einer folgenschweren Begegnung mit den Mitgliedern der Manson Family…

„When you come to the end of the line, with a buddy who is more than a brother and a little less than a wife, getting blind drunk together is really the only way to say farewell.”

Was ist Tarantinos vor genau 50 Jahren ansetzender Film denn nun? Mag der Titel auch eine (irreführende) Anspielung auf Sergio Leones Großtaten sein, so ist er doch vor allem Indikator dafür, dass Tarantino uns hier ein Märchen erzählt. Eines, das zugleich ein Buddy Movie ist und eine Persiflage aufs damalige Hollywood, vor allem aber ein großangelegtes Spiel mit der Erwartungshaltung des Publikums: Es geht nur am Rande um das Phänomen nach Europa gehender alternder US-Stars und um Italo-Western. Nein, es gibt keine Animositäten zwischen Rick und Cliff, wenngleich der eine für den anderen stets die Drecksarbeit verrichten muss. Nein, die Manson Family steht nicht im Mittelpunkt der Handlung, Manson persönlich (Damon Herriman, „House of Wax“) schon gar nicht. Auch kommt es zu keinem Streit zwischen Rick und Polanski, also gewissermaßen zwischen dem alten und dem neuen Hollywood, beinahe alle erwartbaren Konflikte bleiben ausgespart. Dafür steht im Raum, dass Cliff seine Frau umgebracht hat. Wird er als Mörder enttarnt werden? Nichts dergleichen.

Ohne zu spoilern ist es mir unmöglich, diesen Film adäquat zu beschreiben, deshalb Obacht beim Weiterlesen: Die Prämisse dieses modernen, episodenhaften Märchen ist, dass alles gutgeht, im Prinzip also analog zu den klassischen Hollywood-Filmen mit ihren Happy Ends. Damit ist sie Hinweis auf die Persiflage und Teil von ihr zugleich. Dass dies mit einer „alternativen Geschichtsschreibung“ in Bezug auf die stets unterschwellig lodernde Gefahr durch die Manson Family einhergeht, ist somit klar und etwas, das Tarantino bereits mit „Inglorious Basterds“ erfolgreich in Bezug auf die Nazizeit durchexerziert hat. Ja, Rick hadert mit sich und dem Verlauf seiner Karriere. Diese verläuft jedoch keinesfalls im Sturzflug, im Gegenteil: Sie scheint sich mit Auslandserfolgen und TV-Einsätzen auf ein Niveau einzupendeln, mit dem sich eigentlich ganz leben lässt. Er ist eine einer Vielzahl überzeichnend karikierter Figuren, jedoch kein Unsympath, dem man den Absturz gönnen würde, über den das New Hollywood süffisant triumphieren würde. Er ist auch nicht das andere Extrem, kein tragischer Held. Rick ist einfach ein Schauspieler, an dessen Exempel Tarantino die natürliche Diskrepanz zwischen den Rollen im Job und den Privatpersonen aufzeigt. Privat ist Rick ein etwas verunsicherter Typ, der leicht zu stottern neigt und mit der Zeit ein Alkoholproblem entwickelt hat. Als er erkennt, dass ihn dieses bei der Ausübung seines Berufs behindert, schwört er in einer grotesken Monologszene dem Alkohol ab und entwickelt neuen Ehrgeiz – und in diesem Märchen gelingt ihm das auch. Ein kleines Mädchen (Julia Butters, „Das Glück des Augenblicks“) erklärt ihm Method Acting und scheint dabei selbst in einer Rolle zu stecken, nämlich der einer erwachsenen Frau – so abgeklärt und lebensklug wirkt es: eine Persiflage auf unrealistisch reife Kinderfiguren in Filmproduktionen. Tatsächlich wächst Rick während der Dreharbeiten mit dem Mädchen über sich hinaus, bis er sie spontan brutal von seinem Schoß auf den harten Holzfußboden stößt, weil er so sehr in seiner Rolle ist. Und natürlich zieht auch dies keine negativen Folgen nach sich, denn das Mädchen hatte vorgesorgt und Protektoren unter der Kleidung getragen…

Booth wiederum verkörpert den Archetypus des Hollywood-Draufgängers, dem nichts und niemand etwas anhaben kann: Schlägereien entscheidet er grundsätzlich für sich, ohne wirklich Schaden zu nehmen, und vermutlich würde er auch jedem Kugelhagel durch geschickte Ausweichmanöver standhalten, während bei ihm jeder Schuss ein Treffer wäre. Ein wahrer Teufelskerl, der sogar damit durchkommt, seine Frau umgebracht zu haben. Seine Unverwundbarkeit hat dieser Mann zum Beruf gemacht, er ist Stuntman. Und er ist die Definition von Coolness. In einer köstlichen Szene, die Bruce Lees selbstgefälliges Esoterik-Gefasel kräftig aufs Korn nimmt, nimmt er es sogar mit eben jenem Kampfsportstar auf. Jemand wie Booth ist nicht real, er ist eine typische Hollywood-Erfindung, die bis zu den bekannten One-Man-Army-Actionhelden weiterentwickelt wurde.

Zumindest zeitweise eine größere Rolle spielt auch Sharon Tate, die in ihrer unbeschwert-naiven Art kein Wässerchen trüben kann, der man es nicht ankreidet, wenn sie keinen Eintritt im Kino zahlen will, weil sie in „Rollkommando“ selbst mitspielt, und die sich auf herzerwärmende, ansteckende Weise darüber freut, wie gut ihre schauspielerische Leistung beim Publikum ankommt, während sie entspannt ihre hübschen Beine hochlegt und Fetischist Tarantino damit eine weitere Möglichkeit bietet, Damenfüße prominent einzufangen. Welch ein Sonnenschein! Und welch eine Episode, die in kaum einem Zusammenhang mit dem Rest des Films steht, aber die Erwartungshaltung provoziert, dass Sharon Tate – wir wissen ja um die Morde der Manson Family – noch übel mitgespielt werden wird.

Diese Erwartung wird auch unweigerlich geweckt, wenn Cliff die minderjährige Hippie-Anhalterin Pussycat (Margaret Qualley, „The Leftovers“), ebenfalls barfüßig, zur Spahn Ranch mitnimmt, wo die Manson Family residiert. Den ihm angebotenen Blowjob lehnt Cliff dankend ab – wir befinden uns schließlich in einem Hollywood-Märchen. Als Cliff auf der Ranch nach dem Rechten sehen will, weil es ihm suspekt ist, dass sein alter Bekannter George Spahn (Bruce Dern, „Lautlos im Weltraum“) sein Anwesen einer Gruppe verlauster Hippies überlässt, inszeniert Tarantino diese Szene im Terrorkino-Stil à la „The Texas Chainsaw Massacre“, um der Suspense-Haltung des Publikums – man ahnt es – erneut ein Schnippchen zu schlagen. Weder scheint Spahn hier gegen seinen Willen festgehalten und erpresst zu werden noch wird Cliff von langhaarigen Mörderbestien zerfleischt, im Gegenteil: Er ist es, der hier austeilen darf und damit dem Bedrohungsszenario triumphierend trotzt.

Zum Märchencharakter passt auch der Erzähler aus dem Off, der irgendwann verstummt und nach einem sechsmonatigen Zeitsprung, als man ihn längst vergessen hat, wieder einsetzt. Was sich nun abspielt, mündet in der Umschreibung der wahren Geschichte, indem Tarantino seinen ersten und einzigen Gewaltexzess dieses Films nicht nur nutzt, um derartige Gewaltexzesse schwarzhumorig zu persiflieren, sondern vor allem, um Mansons Mörderbande das zu geben, was sie verdient gehabt hätte und sie gleichzeitig als das zu zeigen, was sie war: Eine Anhäufung ganz armer Würstchen. „Once Upon a Time in... Hollywood“ verweigert sich jeglicher Glorifizierung, Romantisierung oder Mythisierung der Mörder(innen) und lässt das alte Hollywood über sie triumphieren und so gleichzeitig das New Hollywood vor ihnen schützen. Mit dieser Geschichtsklitterung rückt Tarantino die Verhältnisse angesichts des fragwürdigen Ruhms, den Manson zeitlebens genoss, ein gutes Stück weit zurecht, so paradox das klingt. Tarantinos Rache für die Zerstörung einer Illusion.

Doch damit nicht genug: Ein klein wenig subtiler zermantscht Tarantino hier stellvertretend auch diejenigen seiner Kritiker(innen), die gebetsmühlenartig wiederholen, die Darstellung von Gewalt in Spielfilmen würde reale Gewalt nach sich ziehen, weshalb man wiederum am besten gewaltsam, z.B. in Form von Zensur, gehen sie vorgehen müsse. Eine der verhinderten Mörderinnen argumentierte nämlich ganz ähnlich: Sie wolle diejenigen töten, die ihr auf den Bildschirmen das Töten erst beigebracht hätten. Schade nur, dass die Mehrschichtigkeit dieses Finales im Gejohle des Kinopublikums unterzugehen droht, das sich freut, endlich das zu bekommen, wofür es Tarantino seines Erachtens bezahlt hat: Übertriebene, durchchoreographierte und mit lässiger Kaltschnäuzigkeit dargereichte Gewaltspitzen.

Dabei sind so viele andere Momente so viel schöner: Wenn Steve McQueen auf einer Party über Beziehungen sinniert und später DiCaprio in einen Ausschnitt aus „Gesprengte Ketten“ anstelle McQueens hineinretuschiert wird. Oder wenn die Plakate für Ricks fiktive Italo-Western an tatsächliche Genre-Klassiker erinnern (wenngleich sich diesbzgl. ein Fehler eingeschlichen hat: Einen Anti-Indianer-Italo-Western gab es meines Wissens nie, die waren den US-Rassisten vorbehalten), wenn es zahlreiche Gastauftritte namhafter Mimen zu entdecken und Insider-Gags, aber auch einen ganzen Schwung an Selbstreferenzen, zu entschlüsseln gibt. Wunderbar auch die Szene, in der Rick und Cliff sich ein Bierchen aufreißen und zusammen die neue Folge der TV-Serie „FBI“ kommentierend ansehen, in der Rick den Bösewicht mimt. Szenen wie diese kostet Tarantino ohne Rücksicht auf eine etwaige Dramaturgie minutenlang und tiefenentspannt aus. Manch eine(r) wird es auch genießen, wie Tarantino den Körperkult und Voyeurismus des Kinos verballhornend attraktive Damen grundsätzlich von unten nach oben abfilmt, als er würde er sie abtasten, oder wie Brad Pitt vollkommen selbstzweckhaft seinen durchtrainierten Oberkörper zur Schau stellt. Überhaupt, die männlichen Hauptrollen: Welch eine Besetzung! DiCaprio beweist vom ersten Moment an, dass er wahrhaftig einer der besten und wandlungsfähigsten zeitgenössischen US-Schauspieler ist, seinen Rick Dalton kauft man ihm sofort ab. Bei Cliff Booth habe ich etwas länger gebraucht, um Brad Pitt dahinter zu vergessen, seine durchstilisierte Rolle hat dafür einen umso nachhaltigeren Eindruck hinterlassen. Der Soundtrack mit seiner vom Regisseur handverlesenen „My personal best of ‘60s“-Auswahl wird als LP ein Verkaufsschlager und einen (gelungenen) finalen Gag im Abspann lässt Tarantino sich natürlich auch nicht nehmen.

Nach diesem weiß man: Nein, die eingeblendeten Zeitangaben bedeuteten nicht, dass Ricks oder Sharons Zeit abläuft, sie waren kein Countdown bzw. -up zum Untergang von Protagonisten. Tarantino erzählte das schöne Märchen eines Hollywoods, wie er es sich gewünscht hätte, eines Hollywoods, in dem das alte und das neue Hollywood sich einander freundlich zugewandt koexistieren und in dem der Schock der Manson-Morde und dessen Folgen einfach ausblieben. Und weil man mit so etwas nicht durchkommt, veralbert er es zudem auf eine unnachahmliche, höchst liebevolle, herzliche Weise. Noch einmal zurück zur Erwartungshaltung: Ich hatte gehofft, einen Film über US-Schauspieler in Italo-Western, wie weiland Eastwood, Reynolds & Co., zu sehen. Ich bekam etwas ganz anderes, das ich zunächst nicht richtig einordnen konnte. Eine Ode ans Hollywood der ausklingenden 1960er, die nicht einmal einem Sensibelchen wie mir Gänsehaut bereitet, stattdessen den Pöbel um mich herum laut polternd zum Schenkelklopfen gebracht hat? Doch kurz darauf fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren und ich musste lachen, wie ich es seither immer muss, denke ich an diesen Film zurück.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)
Diese Filme sind züchisch krank!
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