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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mi 10. Feb 2016, 14:07
von buxtebrawler
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Pixels

„Ich bin nur ‘n Loser, der gut in alten Videospielen ist.“

Die US-Produktion „Pixels“ aus dem Jahre 2015 von Regisseur Chris Columbus („Kevin - Allein zu Haus“) basiert anscheinend auf einem mir unbekannten französischen Kurzfilm aus dem Jahre 2010 und bedient in Form einer Science-Fiction-Action-Komödie den seit geraumer Zeit so beliebten Nerd-Humor; in diesem Falle müssen Retro-Gamer herhalten.

1982 entsandte die Nasa eine Zeitkapsel ins All, ihr Inhalt: Zeugnisse menschlicher Kultur, u.a. klassische Videospiele. Als diese in der Gegenwart von einer außerirdischen Intelligenz gefunden werden, werden sie als Kriegserklärung aufgefasst und als Beispiel humanoider Kriegsführung missverstanden. Die Folgen sind fatal: Die Außerirdischen greifen die USA mittels gigantischer Videospielfiguren wie Donkey Kong, Pacman, Space Invaders und Centipede an. Die US-Streitkräfte sind ratlos, doch Präsident Cooper (Kevin James, „King of Queens“) hat einen zunächst unglaublich anmutenden Einfall: Er kontaktiert seinen alten Kumpel Sam (Adam Sandler, „Die Wutprobe“), einen ehemaligen Spielhallen-Champion. Weitere Hilfe sucht dieser wiederum bei seinem Freund und Verschwörungstheoretiker Ludlow Lamonsoff (Josh Gad, „The Rocker - Voll der (S)Hit“) und schließlich sogar bei seinem ehemaligen Konkurrenten Eddie alias „Fireblaster“ (Peter Dinklage, „iLove - geloggt, geliked, geliebt“). Werden Sie mit ihrer Arcade-Game-Erfahrung den außerirdischen Angriffen etwas entgegenzusetzen haben…?

„Wir werden alle sterben – tut mir echt leid.“

Zwar kenne ich den zugrundeliegenden Kurzfilm nicht, erinnere mich aber wohlig an den Fake-Trailer zu „Pacman – The Movie“, der vor ungefähr zehn Jahren als Parodie auf die Welle der Computerspiel-Verfilmungen fungierte. In Zeiten, in denen sich diverse Retro-Kults etabliert haben und sich auch an den uralten 8-Bit-Arcade-Spielen orientierende Spiel-Adaptionen großer Beliebtheit erfreuen, es sogar eigene Magazine für Retro-Gamer am Zeitschriftenkiosk gibt etc., schien dem Produzententeam die Zeit für einen abendfüllenden Spielfilm reif, der sich diesen Trend zu eigen macht.

„Was soll’n das für ‘ne Bier-Werbung sein, Alter?!“

„Pixels“ beginnt direkt mit einer Rückblende ins Jahr 1982, Cheap Tricks „Surrender“ ertönt und einer gut besuchten Spielhalle liefern sich die späteren Protagonisten als Dreikäsehochs ausgiebige Schlachten an den Spielautomaten. Verklärte ‘80er-Nostalgie dringt hier aus jedem Bit des Films und holt alle Zuschauer ab, die in ihrer Kindheit selbst bis zum Fingerkrampf Spiele wie „Donkey Kong“ oder „Pacman“ gedaddelt haben. Der Schnitt und Übergang zur Gegenwart fällt dann ebenso ernüchternd aus wie bei manch ehemaligem Automatenzocker: Sam verdient sich seine Brötchen mit der Wartung und Reparatur von Heimkino-Anlagen und muss sich gerade mit einer snobistischen Kundin (Michelle Monaghan, „Mr. & Mrs. Smith“), „herumplagen, woraus sich ein schönes Ping-Pong-Spiel (im übertragenen Sinne) in Dialogform ergibt. Aus der anfänglichen Abneigung entwickelt sich dann die obligatorische kitschige Romanze, die den Film durchzieht.

„Ich sterbe als Jungfrau!“

Das hier gezeigte Bild des US-amerikanischen Präsidenten und seines Beraterstabs scheint fernab jeglicher Realität verwurzelt und taugt leider auch gar nicht erst zur bissigen Polit-Satire, sondern ist fester Bestandteil der reichlich abstrusen Handlung. Witzig hingegen ist, wie die Nerds die Navy Seals in Videospielen trainieren. Ansonsten macht sich aber leider viel nur bedingt lustige Komik breit und dominiert häufig dümmlicher US-Mainstream-Humor mit unlustigen, pseudocoolen Sprüchen, die ironisch um Sympathie buhlen. „Pixels“ reitet ferner auf Nerd-Klischees wie denen der ewigen Jungfrau herum und ist ansonsten schon arg auf Familientauglichkeit getrimmt, probiert sich am gewagten Spagat zwischen den Zielgruppen-Extremen des tatsächlichen Retro-Gaming-Nerds und dem durchschnittlichen Blockbuster-Kino-Publikum. Columbus‘ gelingt es nicht, die Illusion zu erzeugen, die Angriffe brächen in die Normalität herein, denn die „Pixels“-Realität erscheint von vornherein wie eine Fantasiewelt. Das ist schade und nimmt dem Film viel von seiner potentiellen Wirkung.

Dafür wird jedoch tatsächlich aus dem Vollen geschöpft, wenn die Spezialeffekt-Abteilung ran darf: Ein überdimensionaler Pacman, der zerstörerisch durch die Straßen zieht, ist schon toll anzusehen und das Real-Life-Donkey-Kong trumpft so richtig auf. Die aus flimmernden Pixeln bestehenden Kreaturen sehen wirklich klasse aus und trotz ihres irgendwann inflationären Einsatzes kann man sich kaum an ihnen sattsehen. Der Pixel-Q-Bert ist gar so niedlich, dass er sich prima als plüschiger Merchandise-Artikel machen würde. Dass sie den menschlichen Darstellern bisweilen die Schau stehlen, liegt da in der Natur der Sache. Ein detailverliebter Videospiel-Overkill läutet das Finale ein, in dem sogar ein Max Headroom auftaucht – ja, der Actionanteil macht Spaß. Der typische pathetische Orchester-Bombast-Score darf natürlich nicht fehlen, hat jedoch eindeutig das Nachsehen gegenüber dem coolen ‘80er-Hits-Soundtrack.

Aller Kritikpunkte zum Trotz ist Columbus mit „Pixels“ eine nicht unsympathische Hommage an die alten Geschicklichkeits-Videospielklassiker gelungen, der nach reichlich flachen Talsohlen doch immer wieder mit spaßigen Einfällen und Detailreichtum positiv überrascht und das Publikum mit einem lustigen Epilog-Gag und originellen Abspann, der die Handlung noch einmal in 8-Bit-Grafik nachzeichnet, versöhnlich entlässt. Klar wäre mehr drin gewesen und ein richtiger Nerd-Film ist’s aufgrund seiner Massenausrichtung nicht geworden, doch für eine vergnügliche Zeit im Kino oder vor dem Fernsehapparat taugt der bisweilen etwas an „Ghostbusters“ erinnernde (jedoch nie dessen Qualität erreichende) „Pixels“ allemal, weshalb ich ihm knappe 7 von 10 Freispielen gewähre.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Fr 12. Feb 2016, 00:19
von buxtebrawler
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Atemlos vor Angst

„Halt’s Maul, du Sünder!“

„Brennpunkt Brooklyn“ und „Der Exorzist“ waren große Erfolge des US-Regisseurs William Friedkin und es vergingen vier Jahre, bis er 1977 sein nächstes Projekt realisierte: Eine Neuverfilmung des Romans „Lohn der Angst“ aus der Feder Henri Georges Girards, erstverfilmt 1953 von Henri-Georges Clouzot. Der Film mit seinem damals opulenten 20-Millionen-Dollar-Budget floppte an den Kinokassen kolossal und war lange Zeit lediglich als verstümmelte Fassung zu haben.

Vier Männer mit kriminellem Hintergrund sind voneinander unabhängig in einen südamerikanischen Staat geflohen, in dem eine Militärdiktatur herrscht. Um sich dort wenigstens geringfügige Privilegien zu sichern, nehmen sie einen lebensgefährlichen Auftrag an: den Transport hochexplosiven Nitroglyzerins zu einer brennenden Ölquelle, die mit einer großen Explosion erstickt werden soll. Aufgrund falscher Lagerung droht die gefährliche Ladung, bei der kleinsten Erschütterung hochzugehen. Doch die Männer haben nicht mehr viel zu verlieren und treten ihre Reise quer durch den Dschungel mit Lastwagen an – den Tod sprichwörtlich immer im Nacken…

„Poza Rica ist tot!“

„Atemlos vor Angst“ beginnt direkt mit Mord und Bombenanschlag, Menschenjagd, Verhaftungen und Erschießungen. Das liegt u.a. daran, dass sich Friedkin in der von ihm autorisierten Fassung zunächst einmal die Zeit nimmt, nicht die vier Männer erschöpfend vorzustellen, sondern sie vielmehr über ihre Taten zu definieren: Auftragsmörder Nilo (Francisco Rabal, „Halleluja... Amigo“) erschießt jemanden, Kassern (Amidou, „Der Boss“) verübt einen Bombenanschlag in Jerusalem und Victor Manzon (Bruno Cremer, „Lärm & Wut“) ist ein verurteilter Pariser Wirtschaftskrimineller, der vor Antritt seiner Haftstrafe flieht. Ein vergleichsweise kleiner Fisch ist dagegen Scanlon (Roy Schneider, „Das fliegende Auge“), der sich als Fluchtwagenfahrer an einem Überfall auf ein Glücksspielbüro beteiligt, das sich in den Hinterzimmern einer Kirche befindet und in der Hand der Mafia ist. Bei der Flucht vor der Polizei kommt es zu einem schweren Unfall, den nur Scanlon überlebt, der sich ab sofort aber auf der Abschussliste der Mafia befindet.

Wer vollkommen unbedarft an den Film herangeht, wird Zeuge des realistisch umgesetzten Verkehrsunfall-Stunts, weiß aber ca. 20 Minuten lang noch nicht, in welche Richtung sich der Abenteuer-Thriller mit seinen wechselnden Drehorten entwickeln wird. Erst in Südamerika laufen die einzelnen Handlungsfäden zusammen und der Anschlag auf die Bohrtürme geht einher mit deftigen Bildern der Feuersbrunst und schwerverletzter brennender Menschen. Immer wieder begleiten Tumulte und Aufruhre die Exposition, bevor sich die vier Männer auf ihre schwierige Mission begeben. Die Reise durch den Urwald hält sodann manch Knüppel parat, der ihnen zwischen die Beine geworfen wird: marode Straßen und Wege, eine wenig vertrauenserweckende Hängebrücke, Wettergewalten und ihre Folgen sowie bewaffnete, wenig skrupelbehaftete Wegelagerer. All dies geht einher mit grandios ausdrucksstarken Bildern in Kombination mit einer sich zunächst sparsam doch bald unablässig und erbarmungslos entfaltenden Dramaturgie innerhalb einer schwülen, unwirtlichen Atmosphäre, in der die Grenze zwischen Leben und Tod jederzeit zu zerbersten droht und die Charaktere unweigerlich den Launen der Natur und des Umfelds unterliegen, beinahe zu Statisten degradiert werden. Sie sind ausgeliefert, Spielbälle des Systems, das sie schickt, der als feindlich empfundenen Natur und der Männer, die nach ihrem Leben trachten. Die Leistung, diese perfide Stimmung erleb- und fühlbar zu machen, macht Friedkin auf diese unaufgeregte, jede falsche Hektik vermeidende Weise so schnell niemand nach.

Er widersteht auch jeder Versuchung, das Quartett zu etwas hochzustilisieren, was es nicht ist; den Männern wird wenn überhaupt nur eine quälend langsame Weiterentwicklung zugestanden, vom Saulus zum Paulus avanciert hier niemand. Stattdessen regiert eine nihilistische Haltung und Weltsicht. Nur zaghaft nähern sich die Männer aneinander emotional an, stets bestraft von auf dem Fuße folgender Ernüchterung. Als Zuschauer ist man geneigt, wenn überhaupt noch am ehesten wirkliche Empathie für Scanlon zu empfinden, der diese Art schicksalhafter Strafe von allen am wenigsten verdient zu haben scheint. Dennoch hält Friedkin die Charakterzeichnungen auf ebenem Niveau und lässt damit kaum Zweifel an der Verlorenheit seiner Protagonisten. Dass dieser Umstand in der Rezeption durch den Zuschauer als sperrig empfunden wird, geht damit einher und dürfte ein beabsichtigter Effekt gewesen sein: „Atemlos vor Angst“ geht es nur sehr bedingt darum, Identifikationsmerkmale zu schaffen. So wenig man über die Hintergründe über die konkreten Anlässe zur Auslandsflucht hinaus erfährt, so sehr kann sich Friedkin der Aufmerksamkeit des Zuschauers aufgrund aller beschriebenen Formali- und Qualitäten gewiss sein, zu denen auch der experimentell-stimmige Soundtrack Tangerine Dreams zählt. Blutige Schusswechsel gegen Ende besiegeln das eine oder andere Schicksal und erhöhen noch einmal den Action-Anteil, bevor der offene Ausgang die negative Grundstimmung nicht verrät, indem er die letzte Konsequenz erahnen lässt.

Konsequenz ist auch ein gutes Stichwort, um diesen Film zu beschreiben, der aus seiner geradlinigen Handlung das Maximum herausholt, einige echte Charakterfressen als Darsteller gewinnen konnte und seinen kulturpessimistischen Nihilismus letztlich konsequent am damaligen Massenpublikums vorbei durchzog, anstatt die x-te Geschichte von Läuterung, Katharsis und Metamorphose zu erzählen. „Atemlos vor Angst“ bleibt die verfilmte Hoffnungslosigkeit, in der alles verliert, wer eigentlich nichts mehr zu verlieren hat und sich trotzdem noch an sein bisschen Leben klammert. Das ist nicht schön – und wird unter Friedkin zu einem verdammt guten, weil authentisch und realistisch anmutenden Film, wie er heutzutage nicht mehr möglich scheint.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Fr 12. Feb 2016, 16:55
von buxtebrawler
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Santa’s Slay

„Ich versuche nur, weihnachtliche Angst und Schrecken zu verbreiten!“

Ich habe ja eine gewisse Schwäche für Horrorfilme mit Weihnachtsthematik, diese dürfen dann auch gern reichlich albern, trashig oder komödiantisch ausfallen – im Prinzip also so wie „Santa’s Slay“ aus dem Jahre 2005, das Regie-Debüt des Kanadiers David Steiman und seine bis dato einzige Regie-Arbeit. Das Drehbuch schrieb er selbst.

Der Gehörnte persönlich zeugte einst mit Jungfrau Erika einen Sohn: Santa sein Name. Dieser verlor später eine Sportwette und sah sich in der Folge gezwungen, satte 1.000 Jahre lang als Santa Claus Gutes zu tun und den Menschen Geschenke zu bringen. Doch diese schreckliche Zeit ist jetzt vorbei und endlich darf Santa wieder seiner eigentlichen Berufung nachkommen: der des Mords und Totschlags. Und im verschlafenen Dörfchen „Hell“ fängt er damit an…

„Was soll das denn sein? Das Necronomicon?“

Bereits der Prolog macht keine Gefangenen und lässt den bulligen, von Wrestler Bill Goldberg gespielten Santa eine aber auch verflixt unbesinnliche Familie (Fran Drescher, James Caan, Chris Kattan und Rebecca Gayheart) am weihnachtlich dekorierten Esstisch nach allen Regeln der Kunst zersplattern. Nach dem mit einer hörenswerten Interpretation des Weihnachtsliedklassikers „Christmas (Baby Please Come Home)“ unterlegten Vorspann werden die nächsten Opfer von der Straße gedrängt; parallel lernt der Zuschauer eine Familie kennen, deren Opa (Robert Culp, „Nameless – Total Terminator“) allerhand verrückte Erfindungen austüftelt und aus dem „Book of Santa“ die wahre, eingangs beschriebene Weihnachtsmythologie rezitiert. Damit sind er, sein Enkel (Douglas Smith, „Plötzlich verliebt“) und dessen Freundin (Emilie de Ravin, „The Hills Have Eyes“-Remake) zunächst die einzigen, die die grauenvolle Todesserie richtig zu deuten wissen, die ihre Fortsetzung in einer Sexbar findet, in der der örtliche Pastor die gesammelten Weihnachtsspenden verschleudert. „Sündenpfuhl!“, brüllt Santa, als er den unheiligen Ort betrifft, kräftig randaliert und einen nach dem anderen vor seinen Schöpfer treten lässt.

Neben seinen deftigen, in äußerst geschmacklosen Morden gipfelnden Gewaltausbrüchen wurde „Santa’s Slay“ natürlich mit reichlich schwarzhumorigen und ironischen Anspielungen auf die Weihnachtszeit ausgestattet – so wird manch saisonales Dekor als Waffe zweckentfremdet und ergibt die Mordserie auf der Karte der Polizei die Form eines Tannenbaums. Doch damit nicht genug: Mittels herrlich altmodischer Puppenanimationen wird ein ganzes Kapitel aus dem „Book of Santa“ visualisiert und im Finale gesellen sich reichlich Fantasy- und Märchen-Anleihen hinzu – wobei man letzteres leider übertreibt und die Grenze zum Kitsch bisweilen überschreitet. Dafür ist Bill Goldberg ein umso imposanterer Anblick in seinem Weihnachtsmannkostüm, der seinen Schlitten anstelle eines Rentiers von einem Büffel o.ä. ziehen lässt. Die Festtagsmusik wurde mit dem einen oder anderen Punkstück angereichert („Deck the Halls“ von Grinder, das ramoneske „Bye bye Santa“ von Jim Diamond's Pop Monsoon) und im Abspann lässt sich genau nachlesen, wer naughty und wer nice war – interessanterweiser waren sämtliche Stunt player ersteres…

Mit seiner Verquickung von grafischer Härte und Komödiantischem in weihnachtlichem, winterlichem Ambiente erinnert „Santa’s Slay“ durchaus angenehm an saisonale Genre-Vertreter wie „Gremlins“ und unterhält kurzweilig und blasphemisch, indem es die gerade in konservativen ach so heiligen Weihnachtstage in ein Blutbad verwandelt und nicht mit manch Seitenhieb in Richtung Bigotterie und Heuchelei spart. Wer Spaß an so etwas hat, dürfte auch mit dieser kleinen Genre-Produktion seine Freude haben. Tatsächliche verbissene Weihnachtshasser wiederum werden mit Steimans Film vermutlich weniger anfangen können, wie manch negative Kritik zeigt, denn dafür ist er schlicht zu sehr mit Enthusiasmus dabei in seinem Unterfangen, laut polternde geschmacksverirrte Kost zu bieten, die eben nach wie vor auf dem Weihnachtsbrimborium fußt und ohne es gar nicht funktionieren würde, statt einen zynischen, grundlegenden Abgesang auf die gesamte Institution, Kultur und Tradition anzustimmen und sich in misanthropischer Negativität zu ergehen. Kurzum: Macht sich gut zwischen „Fröhliche Weihnacht“, „Gremlins“ und „Nightmare before Christmas“.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Do 18. Feb 2016, 13:20
von buxtebrawler
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Die Keusche mit den feuchten Lippen

„Ich bin etwas schüchtern!“ (Na klar…)

Der Schwede Mac Ahlberg begann seine Regiekarriere Mitte der 1960er und avancierte bald zum Regisseur von Sex- und auch Pornofilmen, wobei er für letztere gern das Pseudonym Bert Torn verwendete. Ende der 1970er hing er die Regie anscheinend an den Nagel und verdingte sich fortan als Kameramann für eine Vielzahl auch namhafter Produktionen, die mit dem Sexgenre nichts mehr zu tun hatten (u.a. einem Videoclip für Michael Jackson). Auf das Jahr 1974 datiert „Die Keusche mit den feuchten Lippen“, von dem eine Soft- und eine Hardcore-Fassung existieren soll. Ich sah die von „Donau Film“ veröffentlichte knapp 80-minütige Softsex-Fassung:

Der ausländische Botschafter Jack Archer (Jack Frank, „Kommt her, ihr wilden Schwedinnen“) lernt in Stockholm die Schülerin Flossie (Marie Forså, „Butterfly“) kennen, nachdem die ältere Eva (Kim Frank, „Skandalschule“) den Kontakt vermittelt und nahezu unverblümt Sex mit Flossie in Aussicht gestellt hat. Flossie ist eine attraktive Jungfrau, die sich in der Tat bereitwillig und neugierig in Evas Villa ausgiebigem Oralverkehr mit Jack hingibt und mit ihm ihre sexuellen Erlebnisse teilt, bevor sie sich ihm schließlich so sehr öffnet, dass sie sich von ihm entjungfern lässt.

„Was machst du denn da?“ – „Onanieren!“

Ahlbergs Film bedient ausgehend von Jacks Off-Kommentar männliche Phantasien von hübschen jungen Mädchen, die sich danach sehnen, einen erfahrenen Mann sexuell verwöhnen zu dürfen und sich von ihm ihre Jungfräulichkeit nehmen zu lassen. Sein Hauptaugenmerk liegt demnach auch auf der Entfaltung erotischer, sexuell aufgeladener Stimmung im gehobenen Ambiente einer prachtvollen Villa. Das Tempo ist gedrosselt und traumwandlerisch und zeigt u.a. ein ausgedehntes Vorspiel in Echtzeit, die Dialoge sind bemüht, die knisternde Spannung zwischen Flossie und Jack zum Ausdruck zu bringen und die Kamera fängt die Körper beider während der sexuellen Handlungen durchaus geschmackvoll und niveauvoll ein, bedient sich dabei auch vieler Zooms auf Gesichter und Lippen. Als es nach einem Rollenspiel mit Flossie als Königing zum verbalen Austausch vergangener sexueller Erlebnisse kommt, werden diese episodenhaft in Rückblenden nachgezeichnet und erinnern mit ihrer Thematik eines Mädcheninternats, in dem Flossie erste lesbische Erfahrungen mit ihrer Mitschülerin Ylette (Anita Ericsson, „Happy Family“) sammelt und schließlich ein Halbstarker im Rahmen eines Blinde-Kuh-Spiels mit allen Bewohnerinnen eines Gemeinschaftszimmers Sex haben darf, etwas an die beliebten und berüchtigten Report-Filme aus deutschen Landen jener Dekade.

Zusammen mit Ylette werden Masturbation in der Bibliothek, gegenseitiges Einseifen und Petting etc. in der Badewanne gezeigt, inkl. anschließender Beichten beim notgeilen Pfarrer. Ferner beobachten sie den Gärtner bei als Vergewaltigungsversuch getarntem Sex. Jacks Erzählungen handeln von unbewusst vor Publikum stattfindendem Sex mit drei Frauen, der das Publikum dazu verführt, sich selbst einander zu widmen. Zwischenschnitte auf Flossies erstauntes Gesicht während der minutenlang gezeigten Orgie betonen ihre Neugierde und Unerfahrenheit. Zurück in der Villa kommt es am nächsten Tag zu einem Dreier, nachdem Flossie Jack bat, mit Eva zu schlafen. Beim anschließenden Smalltalk berichtet Eva, dass die Jack bereits kannte: Einst ist sie unter anderem Namen und mit anderer Frisur als Baroness aufgetreten und hatte nach einer Feier Sex mit Jack, nachdem dieser sich im Schrank ihres Hotelzimmers versteckt und ihr lesbisches Liebesspiel mit einer Freundin beobachtet hatte. Nachdem diese gegangen war, durfte Jack ran, ohne auch nur ein Wort mit ihr wechseln zu müssen.

„Ich warne dich: Ich bin furchtbar erotisch!“

Sex dient hier zum sinnlichen Vergnügen und nicht als Ausdruck von Liebe und schon gar nicht zur Fortpflanzung, „Die Keusche mit den feuchten Kippen“ frönt also ganz der neuen sexuellen Freizügigkeit seit der sexuellen Revolution und bedient die damaligen Klischees sexuell besonders augeschlossener junger schwedischer Frauen, die gern gleich zur Sache kommen, ohne jemanden erst näher kennenlernen zu müssen. Einen wie auch immer gearteten Realismus darf man nicht erwarten, es handelt sich mit seiner höchst unwahrscheinlichen Handlung um ein reines Phantasieprodukt in quasi allen Belangen – angefangen beim Ausgangspunkt, an dem Eva einen Liebhaber für Flossie aussucht über die sorglose Parallelwelt im Oberklassen-Umfeld bis hin zur offenbaren Nichtexistenz unattraktiver jugendlicher Mädchen und Eifersucht. Dennoch herrscht stets ein sehr respektvoller Umgang miteinander vor, denn tatsächlich kann man auch Männerphantasien verfilmen, ohne Frauen zu beleidigen – auch wenn „Schulmädchen-Report“ und Co. damals anderes suggerierten.

Die Stirn runzeln muss ich immer, wenn ich die Klassifizierung „Drama“ im Zusammenhang mit diesem sowohl mit funkigen Klängen als auch softem Klaviergeklimpere unterlegten Film lese. „Die Keusche mit den feuchten Lippen“ bietet keinen Thrill, keine Spannung, keine Dramatik; es handelt sich schlicht um einen ästhetischen Softporno für Menschen, die auf junge Blondinen stehen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ob in der ursprünglichen Hardcore-Fassung in den fraglichen Szenen mit denselben Schauspielern gearbeitet oder auf Körper-Doubles oder gar aus anderer Quelle eingefügten Szenen zurückgegriffen wurde, ist mir derzeit nicht bekannt.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Fr 19. Feb 2016, 23:35
von buxtebrawler
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Die Zeitmaschine

„Wenn ich von der Zeit spreche, rede ich von der vierten Dimension!“

Von 1934 bis 1947 trat der aus dem heute ungarischen Teil Österreich-Ungarns stammende Regisseur George Pal lediglich mit zahlreichen Cartoons in Erscheinung, bevor er 1958 mit der Realverfilmung des Märchens „Der kleine Däumling“ wieder auf der Bildfläche erschien und ihm zwei Jahre später mit der ersten Verfilmung des H.G.-Wells-Romans „Die Zeitmaschine“ ein großer Wurf des Science-Fiction-A-Films gelang, mit dem er die allgemeine Faszination für Zeitreisen in ein kunterbuntes Abenteuergewand kleidete.

Der aufstrebende Wissenschaftler George (Rod Taylor, „Planet des Grauens“) hat seine Freunde Filby (Alan Young, „So liebt man in Paris“), Hillyer (Sebastian Cabot, „Sieben Diebe“), Kemp (Whit Bissell, „Flucht in Ketten“) und Bridewell (Tom Helmore, „Vertigo“) am 05.01.1900 zu sich nach Hause zum Abendessen eingeladen – doch George ist zunächst gar nicht da. Plötzlich jedoch taucht er in besorgniserregendem Zustand auf und tischt ihnen neben dem Essen eine unglaubliche Geschichte auf: Er habe eine Zeitmaschine entwickelt, mit der er in die ferne Zukunft gereist sei, wo er die dann Eloi genannten Menschen in scheinbar paradiesischen Zuständen lebend, aber auch seltsam apathisch vorgefunden habe – und schließlich auf die grausamen, unterirdisch lebenden Morlocks gestoßen sei, denen die Eloi als Sklaven und Futtermittel dienten…

Nach dem Prolog, in dem George angibt, gerade aus der Zukunft zurückgekehrt zu sein, erzählt der Film seine eigentliche Handlung in einer ausgedehnten Rückblende, die am Silvesterabend 1899 beginnt: Schon an diesem Abend berichtete er seinen Freunden von seiner Zeitmaschine und versucht, ihre funktionstüchtige Existenz mittels eines Experiments mit einem verschwindenden Miniaturmodell der Maschine zu beweisen. Doch man bezichtigt ihn der Trickserei und glaubt ihm kein Wort. Durch die damit verbundenen Dialoge schafft der Film zunächst die theoretische Grundlage für Zeitreisen. In die Praxis setzt George sie im Selbstversuch um, indem er sich zunächst vorsichtig in der Zeit vorbewegt. Die Taschenuhr, die er bei sich trägt, läuft dabei nicht schneller vor, aber der Film illustriert die vergehende Zeit durch Zeitrafferaufnahmen von Schnecken, Blüten etc. Sowohl George als auch der Zuschauer können gemütlich zusehen; solange George keine Gesprächspartner hat, kommentiert er fleißig aus dem Off.

„Ein Atomsatellit schießt auf uns zu!“

Als George im Jahr 1917 landet, wird es interessant: Er erfährt vom Ersten Weltkrieg und dass er seit 1900 als verschwunden gelte. Er reist weiter ins Jahr 1940, in dem er ebenfalls mit Krieg konfrontiert wird. Der zivilisations- und politkritische Unterton, die man der (mir unbekannten) Literaturvorlage in weitaus größerem Ausmaße nachsagt, wird hier deutlich. Mit Georges Reise ins Jahr 1966, in dem er in eine Massenpanik wegen Luftschutzsirenenalarms gerät, betritt der Films tatsächlich erstmals ausgehend vom Drehzeitpunkt Zukunftsterrain und gibt sich dabei warnend dystopisch. Fortan wird George Zeuge von Detonationen, Zerstörungen und zu allem Überfluss auch noch in Form von Vulkanausbrüchen auftretenden Naturgewalten. Blubbernde Lava zieht sich in ebenso faszinierenden wie verstörenden Bildern. durch die Straßen. George wird dadurch in einem Berg eingeschlossen und sieht sich gezwungen, Jahrtausende weiter in der Zeit zu reisen – bis in Jahr 802701: Dort erwartet ihn paradiesische Natur, umgesetzt in Form großartiger farbenprächtiger Kulissen, und er trifft auf vergnügt durch dieselben springende und sonnenbadende Menschen. Diese jedoch sind einander anscheinend vollkommen gleichgültig und sehen sich noch nicht einmal genötigt, der zu ertrinken drohenden Weena (Yvette Mimieux, „Dazu... gehören zwei“) zur Hilfe zu eilen. Nicht minder desinteressiert reagieren sie auf Georges Rettungsmaßnahmen, niemand sagt ein Wort. Sprachbarrieren bestehen zwischen Weena und ihm jedoch keine – auf diesen Aspekt verzichtete man vermutlich schlicht, um die Geschichte nicht zu verkomplizieren. Leben und Tod jedenfalls scheinen im Jahre 802701 keine Bedeutung mehr zu haben, es gibt keine Regierung, keine Arbeit und keinen Alphabetismus – zwar haben die Eloi Bücher, doch die sind alt und zerfallen zu Staub. Feuer hat Weena hat auch noch nie gesehen.

Georges Maschine aber ist hinter Schloss und Riegel, er kann nicht mehr zurück. Ob das Fluch oder Segen ist, weiß man noch nicht genau. Nach einem Morlock-Angriff aus einem Gebüsch, bei dem man zunächst nur etwas Kostüm zu sehen bekommt, steigt die Spannung, was es mit dem rätselhaften Volk der Eloi und eben den Morlocks auf sich hat. Ein „sprechender Ring“ sorgt für weitere Science-Fiction und verrät, dass ein Krieg zwischen „Ost und West“ zur fast völligen Auslöschung geführt habe – unschwer als warnende Parabel auf den Kalten Krieg zu erkennen. Ein anderer Ring erläutert schließlich die Entstehung der Morlocks und der Eloi und dass erstere die Eloi wie Nutztiere, also Vieh, halten. Als eine Sirene erklingt, laufen die Eloi wie hypnotisiert in einen tempelartigen Bunker, bis er sich irgendwann schließt und die Sirene verstummt. Den Übriggebliebenen ist auch das alles völlig egal, wohlwissentlich, dass die andere nicht mehr wiederkommen werden. Als George in das Gebäude eindringt, findet er zu seinem Entsetzen Eloi-Skelette vor und erfährt, dass die Morlocks Menschenfresser sind. Dies ist der bedeutendsten Wendepunkt des Films: Zum einen lernt der Zuschauer die Morlocks in voller Pracht als blauhäutige Monster mit leuchtenden Augen und damit die zwar durchschaubare, trotzdem vor allem für junge Zuschauer unheimliche Kostüm- und Masken-Arbeit des Filmteams kennen, zum anderen beginnt George, der bereits kurz nach seiner Ankunft ein negatives Urteil über das Leben der Eloi fällte, als Einzelperson den Kampf gegen die Morlocks aufzunehmen. Dies erscheint wie ein Ausdruck des typischen US-Chauvinismus, der sich selbst gern als das Maß aller Dinge empfindet und vorschnell über fremde Kulturen und gesellschaftliche Systeme urteilt, bis hin zur offenen Aggression mit Vernichtungsabsichten. Die Reduzierung auf eine heldenhafte Einzelperson, die es mit einer eigentlich überlegenen Übermacht aufnimmt, kennt man heutzutage aus zahlreicher US- (oder US-inspirierter) Actiongülle, die wiederum a) als Projektionsfläche US-amerikanischer Selbstüberschätzung funktioniert und b) bewaffnete bis kriegerische Auseinandersetzungen letztendlich verharmlost. Bezeichnenderweise interessiert die Eloi das alles recht wenig, was mit dem heutigen Wissen wie eine unfreiwillige Analogie auf die US-Außenpolitik erscheint, die fremde Völker gegen deren Willen zu „befreien“ versucht.

An imperialem Einfluss und an Bodenschätzen der Eloi oder Morlocks ist George jedoch tatsächlich nicht interessiert, weshalb ich diesen Aspekt auch nicht überbewerten will, wenngleich er Menschen mit geopolitischem Bewusstsein unweigerlich ins Auge springen dürfte. Der Actionanteil des Films steigt nun und die Spezialeffektkünstler lassen die Morlocks bluten und bei lebendigem Leibe verbrennen oder auch – sehr gelungen – per Zeitraffereffekt zerfallen; für die obligatorische Romanze, hier zwischen George und Weena, bleibt dennoch Zeit. So aufregend das Finale mit seinen Fragen, ob George seine Zeitmaschine erreichen und wenn ja, ob er allein oder Weena ins 19. Jahrhundert zurückkehren wird, auch ausfällt: Es kann nicht verhehlen, dass sich Georges Kampf lediglich in einem Mikrokosmos abspielt. Sehr eingeschränkt wirkt „Die Zeitmaschine“ insbesondere im Vergleich mit anderen Science-Fiction-Filmen, wenn die globalen Ausmaße keine Berücksichtigung finden und er einem glauben machen will, die hier gesehenen Eloi und Morlocks wären die letzten Überlebenden der fast völligen Auslöschung menschlichen Lebens und der Erfinder der Zeitmaschine sei per Zufall ausgerechnet in ihrem Biotop aufgeschlagen.

Zurück am 05.01.1900 erinnert sich der Zuschauer, dass es sich ja eigentlich um eine Rückblende handelte und darf beobachten, wie George noch ein Ass im Ärmel hat, um seine Freunde vom Wahrheitsgehalt seiner Ausführungen zu überzeugen. Ein leicht nachdenkliches Ende in verschneiter Winterlandschaft schließt George Pals Kinoerfolg, der seinerzeit einen Oscar für seine Spezialeffekte gewann und im Laufe der Jahrzehnte zum beliebten Klassiker avancierte. Ich kann beides gut nachvollziehen, denn Pals von Wells adaptiertes Science-Fiction-Abenteuer sieht nicht nur zu jeder Sekunde klasse aus, ist üppig ausgestattet und handverlesen besetzt, sondern zu einem nicht geringen Teil auch ein überraschend hartes und unheimliches Kreaturenspektakel, verfügt zudem über ein nahezu zeitloses Tempo. „Die Zeitmaschine“ gelingt ein Spagat zwischen naivem Retro-Futurismus, der sich prima nostalgisch verklärt genießen lässt und einem nach wie vor funktionierenden Appell an die ungebrochene Faszination für Zeitreisen auf der Publikumsseite, das mit diesem Film gleich drei Zeitreisen auf einmal unternimmt: In das große Science-Fiction-Kino der aus- und nachklingenden 1950er, in das 19. Jahrhundert und eben das Jahr 802701. Etwas ungeschickt hantiert „Die Zeitmaschine“ lediglich mit seiner Botschaft, wenn er seinen eigenen kritischen Anspruch zu unterlaufen droht und seine Gewichtung auf den massenwirksamen Unterhaltungsaspekt verdeutlicht – was ihn filmhistorisch selbstredend keinesfalls uninteressanter macht.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Di 23. Feb 2016, 20:06
von buxtebrawler
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Go Go Tales

Zwischen seinem Drama „Mary - This is My Blood“ und seiner Chelsea-Hotel-Dokumentation „Chelsea on the Rocks“ drehte der New Yorker Filmemacher Abel Ferrara („Bad Lieutenant“) im Jahre 2007 die Dramödie „Go Go Tales“, die wie so oft in seiner Heimatstadt spielt. Aufgrund rechtlicher Turbulenzen kam er nach seiner Premiere in Cannes und der Aufführung auf einigen Filmfestivals anscheinend erst 2012 in die französischen Kinos und wurde im Januar 2015 von Arte mit deutschen Untertiteln ausgestrahlt.

Ray Ruby (Willem Dafoe, „Leben und Sterben in L.A.“) betreibt mit „Ray Ruby’s Paradise“ einen Stripclub in Manhattan, der der Mittelpunkt seines Lebens ist, aber in argen finanziellen Schwierigkeiten steckt: Die Stripperinnen können nicht bezahlt werden, die Belegschaft rebelliert, sein stiller Teilhaber und Bruder (Matthew Modine, „Full Metal Jacket“) droht damit, den Stecker zu ziehen, die alte Vettel von einer Vermieterin (Sylvia Miles, „Hexensabbat“) verlangt an der Bar sitzend und schimpfend die Mietrückstände und droht damit, die Polizei holen – und Besserung ist nicht in Sicht. Oder doch? Der gewiefte Spieler Ray investiert massiv in Lotterielose und hofft auf den millionenschweren Hauptgewinn. Und tatsächlich: Die Rechnung geht auf, Ray knackt den Jackpot. Doch wo zur Hölle ist das Los abgeblieben…?

Der mit namhafter Darstellerriege besetzte Streifen erzählt die alte Geschichte vom verschwundenen Gewinner-Lotterielos noch einmal neu und versucht sich offenbar gleichzeitig an einer Art witzig gemeinter Rotlicht-Nachtclub-Milieustudie, die Einblicke hinter die Kulissen gewähren und eine Lanze für die mit ehrlicher Leidenschaft agierenden Betreiber brechen möchte. Doch leider handelt es lediglich um die altbekannten schmierigen Typen, für die ich alles, nur keine Sympathie verspüre. Die Kameraführung ist unruhig und hektisch, die Tanzeinlagen sind Nebendarstellerinnen vom Schlage einer Asia Argento („Aura – Trauma“), hier stets von einem Hund begleitet, zum Trotz unerotisch wie nur was und im Hintergrund dudelt fast permanent eine nervige, nichtssagende Funk-Dauerschleife. Einige Klischees wie das vom im Club auftauchenden eifersüchtigen Ehemann werden verwurstet und nahezu alle Charaktere sind getrieben von Geldgeilheit.

Für positive Auflockerung sorgt der ältere Koberer und Aufpasser (Bob Hoskins, „Ich und der Duce“), der den Charme mitbringt, der allen anderen Rollen abgeht und tatsächlich recht witzig ist der die aufreizenden Tänze kontrastierende „Talentabend“, in dessen Rahmen fragwürdige Kleinkunst präsentiert wird. Dennoch ist „Go Go Tales“ nur mäßig mitreißend, denn um es auf den Punkt zu bringen: Es bleibt mir einfach vollkommen egal, ob Rays Kackladen pleitegeht oder nicht. Es gelingt Ferrara schlicht nicht, beim Zuschauer Empathie für das Etablissement aufkommen zu lassen, was eines der beiden großen Probleme des Films ist. Das zweite findet sich in der hirnrissigen, heillos konstruierten Handlung: Eine Spielsucht mit Happy End – wer soll das glauben? Da hilft es auch nichts, dass der Epilog das auf reichlich abstruse Weise abzuschwächen versucht. Trotz seiner illustren Besetzung mit einem grimassierenden Dafoe im Mittelpunkt ist „Go Go Tales“ eine halbgare, müde Enttäuschung – unglaubwürdig, an Substanz mangelnd und weder wirklich lustig noch mitreißend dramatisch.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mi 24. Feb 2016, 17:51
von buxtebrawler
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Hägar, der Schreckliche

Die „Hägar, der Schreckliche“-Comic-Strips des US-Amerikaners Dik Browne fanden trotz irrsinniger Verbreitung nie eine Entsprechung in Form einer Zeichentrickserie. Im Jahre 1989 erschien ein 25-minütiger Zeichentrickfilm, der aus dem traurigen Anlass des Todes des Zeichners, der von seinem die Reihe weiterzeichnenden Sohn beerbt wurde, in US-amerikanisch-taiwanesischer Koproduktion vom erfahrenen Trickfilm-Regisseur Ray Patterson umgesetzt wurde.

Kurz vor dem Antritt einer langen „Geschäftsreise“, die natürlich in kriegerische Auseinandersetzungen führte, war für Wikingerhäuptling Hägar die Welt noch in Ordnung. Als er nach Hause zurückkehrt, muss er zu seinem Entsetzen jedoch feststellen, dass seine Kinder aus der Art schlagen: Tochter Honi ist nicht mehr mit dem starken und brutalen Olaf liiert, sondern hat mit Lute, einem schmächtigen, schöngeistigen Dichter und Sänger, angebändelt. Und Sohnemann Hamlet interessiert sich kaum noch für Krieg und Kampf, sondern steckt seine Nase lieber in Bücher und strebt nach Bildung…

Mit den beliebten, sich an ein älteres Publikum wendenden pointierten Comic-Strips hat dieser Zeichentrickfilm nicht übermäßig viel am Hut, denn sein Humor ist ein etwas anderer: Er nimmt Geschlechter- und Rollenklischees vor dem Hintergrund eines mittelalterlichen Wertekanons auf eine kindgerechte, familientaugliche Weise aufs Korn, wie man sie stilistisch aus vielen Kinder-Zeichentrickserien kennt. Dass die augenzwinkernde Aussage jedoch problemlos auch auf die heutige Zeit übertragbar ist, dürfte keinem erwachsenen Zuschauer entgehen, der nicht nur deshalb, sondern auch wegen manch gelungenen Gags und der kurzen, knackigen Inszenierung ebenso seinen Spaß daran haben dürfte. Schade ist jedoch, dass die Zeit zwar ausreicht, Hägars Familie vorzustellen und grob zu charakterisieren, für die Comics wichtige Nebencharaktere wie Sven Glückspilz jedoch diesbzgl. – trotz kurzen Auftauchens – hintenüberfallen. Dennoch insgesamt ein rasanter, kurzweiliger, weitestgehend gelungener und generationsübergreifender Spaß, der wie eine Pilotfolge für eine kindlichere Hägar-Serie wirkt, zu der es jedoch nie kam.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Do 25. Feb 2016, 00:36
von buxtebrawler
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Der Hetzer. Joseph Goebbels - Der Mann, der Hitler machte

Die Dokumentation „Der Hetzer. Joseph Goebbels - Der Mann, der Hitler machte“ von „Spiegel TV“-Autor Michael Kloft aus dem Jahre 2010 widmet sich rund 77 Minuten lang der Person Joseph Goebbels’, einem der Wegbereiter der Nazi-Diktatur und späterem Propagandaminister des Dritten Reichs. Sie basiert auf der damals neuen Goebbels-Biografie des Historikers Peter Longerich.

Dieser hat u.a. Goebbels’ Tagebücher studiert und stellt zu Beginn der Dokumentation die These auf, Goebbels habe bereits in früher Kindheit eine narzisstische Persönlichkeitsstörung entwickelt, die ihn sich derart faszinieren für Hitlers Führerkult lassen habe, den er schließlich mithilfe seiner Propagandamaschinerie in die Köpfe der Bevölkerung injizierte und dem er bis zum Ende durch die Niederlage im Zweiten Weltkrieg treu verbunden bis zur Selbstaufgabe war. Die Dokumentation wurde dahingehend konzipiert, dass sich O-Ton-Aussagen des in einem Studio gefilmten Longerichs abwechseln mit Klofts Kommentar aus dem Off, der Goebbels privaten wie beruflichen bzw. politischen Lebensweg grob nachzeichnet und partiell ins Detail geht. Dies wird illustriert durch zahlreiche Original-Filmaufnahmen der Jahre bis 1945, wofür auf Unmengen an teil seltenem Archivmaterial zurückgegriffen wurde.

Unabhängig davon, inwieweit man bereit ist, Longerichs Erklärungsversuch für Goebbels’ Wahn zu akzeptieren, bekommt man recht kompakt die Entwicklung der Nazi-Diktatur mit Schwerpunkt auf der Rolle Goebbels’ nachgezeichnet und auch der durchschnittlich politisch-historisch gebildete Zuschauer dürfte das eine oder andere neue Detail erfahren, jedoch keine grundlegend neuen Erkenntnisse erlangen. Die Kriegsjahre werden relativ schnell abgehandelt, doch für einen groben Überblick und ein recht stimmig wirkendes skizziertes Porträt Goebbels halte ich den Film für passabel geeignet. Auf die ideologischen Hintergründe im Vergleich mit anderen Kräften zu Zeiten der Weimarer Republik indes wird wenig eingegangen, was jedoch sicherlich dem Schwerpunkt auf die Person Goebbels geschuldet ist. Insgesamt bietet sich wie so oft in Filmen, die sich mit dieser Zeit auseinandersetzen, ein gruseliges Bild Deutschlands. Dass Goebbels Propaganda-Mechanismen aus heutiger Sicht so unfassbar durchschaubar erscheinen, nährt die Hoffnung, dass eine durch diese Mittel begünstigte Wiederholung nicht mehr ohne Weiteres möglich scheint, lässt aber auch den Kopf darüber schütteln, wie willfährig viele Deutsche all jenem auf dem Leim gegangen sind – und lässt angesichts der wieder in verstärktem Ausmaße um sich greifenden Geschichtsvergessenheit und des Zulaufs rechtsextremer Demagogen mit den vermeintlich einfachen Antworten, ihrem völkischen Duktus, ihrer Sündenbockmentalität und ihren dumpfen Parolen erschaudern.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Fr 26. Feb 2016, 14:56
von buxtebrawler
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Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein

„Bist du ein Teufel?!“

Der 1973 in spanisch-französischer Koproduktion veröffentlichte Spielfilm „Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein“ ist einer von mehreren Euro-Horror-Beiträgen aus den frühen 1970ern des umtriebigen spanischen Vielfilmers Jess Franco („Paroxismus“). Der deutsche Quatschtitel stammt von Andreas Bethmanns „X-Rated“-Label, das den Film im aktuellen Jahrtausend erstmals in Deutschland lizenzierte (und synchronisieren ließ) und soll vermutlich eine Verbundenheit zu Francos 1972er Film „Eine Jungfrau in den Krallen von Vampiren“ suggerieren. Ein Blick in die Rollen und ihre Besetzung lässt aufgrund zahlreicher Überschneidungen aber vielmehr eine Verwandtschaft mit Francos (mir noch unbekanntem) „Die Nacht der offenen Särge“ aus demselben Jahr vermuten.

„Ich sehe, wie die Kreatur Frankensteins mit den wunderschönsten Frauen seine Lust stillt!“

Zusammen mit Vogelfrau Melissa (Anne Libert, „Die Nacht der offenen Särge“) will der finstere Schlossherr Cagliostro (Howard Vernon, „Die Nacht der offenen Särge“) eine neue Spezies erzeugen. Zu diesem Zwecke lässt er Melissa die Kreatur (Fernando Bilbao, „Die Nacht der offenen Särge“) Dr. Frankensteins (Dennis Price, „Die Nacht der offenen Särge“) stehlen, just nachdem sie erfolgreich zum Leben erweckt wurde. Ferner entführen sie Dr. Frankensteins Tochter Vera (Beatriz Savón, „Die Vampire des Dr. Dracula“), um sie mit der Kreatur zu paaren – doch diese gibt sich kämpferisch. Auch Frankensteins Leibarzt Dr. Seward (Alberto Dalbés, „Die Nacht der offenen Särge“) ist zusammen mit Polizeiinspektor Tanner (Daniel White, „Die Nacht der offenen Särge“) an diesem außergewöhnlichen Fall dran. Wird man Cagliostros sinistere Pläne stoppen können?

„Der Tiefenstrahl ist schon zu schwach!“

Anscheinend vollkommen unbedarft, wie man es von ihm bis in die 1970er hinein gewohnt ist, lässt der hier als Dr. Frankensteins Gehilfe wieder persönlich mitspielende Franco seiner Phantasie freien Lauf, würfelt unterschiedliche Genremotive munter zusammen und pfeift beim Zusammenrühren geflissentlich auf innere Logik, Dramaturgie und Sinn. Wie gewonnen, so zerronnen heißt es zunächst für Dr. Frankenstein, der kurz, nachdem er seine silber-metallic lackierte (!) Muskelprotz-Kreatur zum Leben erweckt hat, von der augenscheinlich blinden Vogelfrau (?!) Melissa gebissen wird, eigentlich das Zeitliche segnet und den ihm gebührenden Ruhm gar nicht mehr genussvoll auskosten kann. Auf dem Sterbebett holt er etwas weit aus und kann so Dr. Seward eine wichtige Information nicht mehr übermitteln. Mittels des Tiefenstrahls aus seiner Maschine (der mit Elektrizität und nichts mit dem angeblich so gesunden Mittelstrahl zu tun hat) holt Tochter Vera ihn jedoch für wenige Sekunden zurück ins Reich der Lebenden, so dass er von der gestohlenen Kreatur berichten kann, woraufhin Vera Rache schwört. Diese Prozedur wiederholt sie später, um herauszufinden, wer denn eigentlich sein Mörder sei. Er erzählt ihr von Cagliostro und dass dieser selbst schon lange tot sei, aber eben Bock auf eine neue Rasse habe und sich somit als Hobbyzüchter verdinge. Es erweckt den Anschein, der Tod sei in diesem Film eine zwar irgendwie lästige Eigenschaft, aber ansonsten kein großes Hindernis.

Gut, das mag die bedauernswerte Frau anders sehen, die Cagliostro in seinem Schloss vor versammelter Freakschaft enthaupten lässt („Eine saubere Trennung!“). Gern gibt er sich purem Sadismus wie Folterspielen mit Gefangenen hin und nutzt außerdem seine Gabe aus, Menschen mittels magnetischer Kraft in ihrem Willen zu manipulieren, was er u.a. an Vera exerziert. Dr. Seward, von all dem noch nicht allzu viel ahnend, reanimiert Dr. Frankensteins abermals, was immer besser zu funktionieren scheint. Beide plaudern über Veras Pläne, Frankenstein stirbt mal wieder. Seward aber lässt die Maschine eingeschaltet, woraufhin sich Frankenstein selbst reanimiert (!), plötzlich aufsteht und auf Seward losgeht. Beständig wechselt Franco den Fokus, so dass sich nie eine wirkliche Hauptrolle herausbildet, er seine Handlung aber andererseits unvorhersehbar hält: Eigentlich kann jeder jederzeit abnippeln. Andererseits kann innerhalb dieser abstrusen Geschichte jedoch generell eigentlich immer alles passieren, woraus sich wiederum eine Menge Gelegenheiten ergeben, die Franco ungenutzt lässt und stattdessen eher langweilige Füllszenen integriert. Eine davon ist jedoch von größerer filmhistorischer Relevanz (zumindest im Franco-Universum) und dreht sich um die einfach in der Gegend herumliegende Esmeralda, die plötzlich eine Stimme aus dem Off vernimmt, die mit ihr spricht. Sie läuft durch den Wald, durch den auch weißbekuttete Gestalten schleichen und auch sie steht in irgendeiner Verbindung zu Cagliostro, ist ansonsten aber weitestgehend losgelöst vom Rest der Handlung. Tatsächlich wurden diese Szenen offenbar nachgedreht und nachträglich eingefügt, um den Film auf Länge zu bringen. Das Besondere an ihnen: Sie bedeuteten Lina Romays erste Filmrolle und den Beginn einer langen, sich gegenseitig befruchtenden Zusammenarbeit mit ihrem späteren Ehemann Jess.

Sonderlich blutig oder sonstwie grafisch hart ist „Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein“ mit seinen um Theatralik bemühten Darstellern bis auf die eine oder andere Folterszene nicht, etwaige „Spezialeffekte“ sind simpel getrickst und durchschaubar. Seine „Alles kann, nichts muss“-Stimmung wird unterlegt bis gestört von Komponist Daniel White (eben jenem, der auch Tanner spielt), der sowohl mit atmosphärischen Orgelklängen als auch leichter Dudelkost und dominanten, dissonanten Geräuschkulissen hantiert. Der möglicherweise von Franco, insbesondere in Zusammenarbeit mit Romay, erwartete Sleaze-/Erotik-Faktor ist in der spanischen Fassung fast gänzlich den strengen Zensurvorschriften unter dem Namensvetter des Regisseurs, dem faschistischen Diktator General Franco, zum Opfer gefallen, jedoch in der Exportfassung in alternativen Szenen vorhanden – „Vogelfrau“ Anne Libert z.B. ist hier nur spärlich mit ein paar Federn bekleidet und die Opfer einer Auspeitschung müssen wie Gott sie schuf die Hiebe über sich ergehen lassen. Diese Szenen werten den Film tatsächlich auf, weil sie nicht nur für einen kleinen Erotikfaktor sorgen, sondern Francos Kostümschau mehr Körperlichkeit verleihen.

„Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein“ ist ein trashiger Spaß für fortgeschrittene Franco- und España-Horror-Affine, der gern zwischen gelungener, gar nicht mal so billig anmutender Optik auf der einen (Kameramann Raúl Artigot leistet prinzipiell gute Arbeit, schießt aber mit seinen Zooms, Unschärfen etc. manchmal übers Ziel hinaus) und amateurhafter, konfuser Inszenierung auf der anderen Seite schwankt, mal auf der Stelle tretend und monoton, mal entfesselt und dem Wahnsinn nahe. Eingeweihte werden ihre Freude gerade auch aufgrund der francotypischen bizarren Einfälle damit haben, alle anderen schlummern womöglich entweder weg oder wünschen sich einen komatösen Vogelfrauenbiss herbei...

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Fr 26. Feb 2016, 17:55
von buxtebrawler
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Blast Killer

Regisseur John Woo („Blast Heroes“) gilt als der Actionfilm-Experte Hongkongs. Mit seinem 1989er Werk „Blast Killer“ sah ich mir erstmals einen seiner berüchtigten In Heroic-Bloodshed-Filme an, einem von ihm mitbegründeten Subgenre, in dem „sentimentale Geschichten mit opernhafter Gewalt verbunden [werden].“ (Wikipedia) Als Einflüsse gelten Sam Peckinpah und Jean Pierre Melville.

Der professionelle Auftragskiller Jeff (Chow Yun-Fat, „Hexenkessel Saigon“) hat von seinem Beruf die Schnauze voll, seit er in Ausübung seiner Tätigkeit versehentlich die Sängerin Jennie (Sally Yeh, „Man stirbt nicht zweimal“) so schwer an den Augen verletzte, dass diese erblindete. Er plant, ihr das Geld für eine Augenoperation aufzutreiben, wofür er einen letzten Auftrag annehmen muss: Er soll ein Attentat auf den Mafiaboss Tony Weng (Ip Wing-Cho, „Spooky, Spooky“) verüben. Der Auftraggeber ist Wengs Neffe Johnny (Shing Fui-On, „Hard-Boiled II“). Nachdem das Attentat vollzogen wurde, ist Inspektor Li (Danny Lee, „Road Warriors“) Jeff auf den Fersen. Je näher Li an Jeff herankommt, desto besser lernt er ihn kennen – und schließlich zu schätzen. Er entwickelt Sympathie für den trotz seines Jobs auf gewisse Weise ehrenhaft agierenden Mann – und stellt sich mit ihm zusammen schließlich gegen den zahlungsunwilligen Johnny, der mithilfe seiner Mafia Li umzubringen versucht. Mittendrin: Sängerin Jennie, die mit Jeff angebändelt hat, ohne zu ahnen, dass er für ihre Erblindung verantwortlich ist…

„Behalte immer eine letzte Kugel – entweder für dich oder für den anderen.“ (schöner Kalenderspruch)

John Woo erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Männerfreundschaft in Form eines melodramatischen Actiondramas und klopft dabei gehörig aufs Mett – quasi von allem gibt es hier mehr als in anderen Filmen westlicher Sehgewohnheiten: Eine durchaus anrührende Hintergrundgeschichte, viel Pathos, vor allem aber Action, bis die Schwarte kracht: Durchchoreographierte blutige Schießereien mit nie leeren Schnellfeuerwaffen und Explosionen, die gern anheimelnd atmosphärische, melancholische oder romantische Szenen kontrastieren, indem sie sie jäh unterbrechen. Diese aufwändigen Arrangements werden zugleich in ihren exorbitanten Materialschlachten und ihrer minutenlangen Auswalzung zum selbstzweckhaften Herzstück des Films sowie dramaturgisch perfekt und zielführend eingesetzt, um die Handlung voranzubringen, die sich von Konflikt hangelt, ohne dabei zu vergessen, eine Geschichte zu erzählen.

So interesseweckend die Ausgangssituation und der weitere Verlauf der Beziehung zwischen Jeff und Jennie auch sind, so übertrieben pathetisch mutet letztendlich die Verbrüderung Lis mit Jeff, auf die die Handlung hinausläuft, an. Die Überbetonung des zwischenmenschlichen Wertkonservatismus um Gangsterehre, Moral, Menschlichkeit, Brüderlichkeit und Vertrauen sowie Lis persönliche Auseinandersetzung mit seiner Schuld und seiner Sehnsucht nach Erlösung, Sühne, Vergebung, hat dann tatsächlich etwas Aufgesetzt-Opernhaftes, so dass mir hier etwas mehr Understatement lieber gewesen wäre. Dieser Eindruck wird von – indes sehr beeindruckenden – symbolträchtigen Drehorten wie einer Kirche voller brennender Kerzen verstärkt.

Auch außerhalb dieser geizt „Blast Killer“ nicht mit toller Ausstattung, satter, schöner Farbgebung und ästhetischer Musik. Weitere Actioneinlagen wie Verfolgungsjagden zu Wasser und per Kfz lockern die Ballerorgien zusätzlich auf. Letztgenannte fordern den Schauspielern bzw. den Stuntmen wahrlich einiges ab; allein schon aus diesem Grund fasziniert es ungemein, ihnen beizuwohnen. Leider jedoch kommt auch Woo nicht ohne One-Man- bzw. später Two-Men-Army-Quatsch aus, der es seine Protagonisten im Alleingang mit einer derartigen Übermacht aufnehmen lässt, dass man sich nicht einmal mehr ansatzweise einen gewissen Realismus herbeireden kann, der die Wirkung des Films jedoch verstärkt hätte. So bleibt der schale Nachgeschmack, dass man aus vermeintlich „normalen“ Menschen einmal mehr im Verlauf Superhelden machen musste, um mit seinem Guilty-Pleasure-Ballerfetisch doch noch bis zum angedachten Ende durchzukommen.

Das ist schon etwas schade und hätte der ansonsten schwer unterhaltsame Film meines Erachtens nicht nötig gehabt, im Gegenteil: Auch die schauspielerischen Leistungen der erfahrenen, namhaften Darsteller laden US- und Euro-Actiongülle gewohnte Genremuffel ein, vielleicht doch einmal dieses oder ähnliche Genrewerke aus Fernost anzutesten. Tatsächlich war „Blast Killer“ auch in westlichen Gefilden ein großer Erfolg und gelangte zu Kultstatus und einem zu filmischen Zitaten einladenden Einfluss.