Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt
Verfasst: Di 13. Okt 2015, 18:16

Malizia
„Ich hab‘ so meinen eigenen Geschmack!“
Eine eigenwillige Melange aus Erotikkomödie und Coming-of-Age-Drama brachte der italienische Regisseur Salvatore Samperi („Sturmtruppen“) im Jahre 1973 mit „Malizia“ hervor, in dessen Mittelpunkt er die bildhübsche Laura Antonelli („Das nackte Cello“) stellte.
Überraschend ist die Frau des wohlhabenden Don Ignazio (Turi Ferro, „Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie's!“) verstorben und hat neben ihrem Mann die drei Söhne Antonio (Gianluigi Chirizzi, „Kesse Teens - Die erste Liebe“), Nino (Alessandro Momo, „Der Filou“) und Enzio (Massimiliano Filoni, „Mister Billion“) zurückgelassen. Doch kurz vor ihrem Tod hat sie die Haushälterin Angela (Laura Antonelli) eingestellt, die nun den Herren des Hauses den Kopf verdreht. Schon bald hegen Don Ignazio und Angela Heiratspläne, doch hat sie die Rechnung ohne den pubertierenden Nino gemacht, der gern seine ersten sexuellen Erfahrungen bei Angela sammeln würde. Manipulativ beginnt er, Angela unter Druck zu setzen…
„Wir haben uns überhaupt nichts zu sagen, ich und Freud!“
Ja, der kleine Nino ist schon von der tolldreisten Sorte, geht z.B. unmittelbar zu Beginn des Films bereits einer älteren Dame im Auto an die Muschi. Der frühreife Bengel trinkt und raucht und prahlt mit angeblichen Sexgeschichten mit Angela, nachdem er sie kennengelernt hat. Doch der Film mit der tollen Titelmelodie und der voyeuristischen Kameraführung ist keine schlüpfrige Sex-Klamotte, sondern lange Zeit so etwas wie eine komödiantische Sozialstudie am Beispiel eines wohlhabenden süditalienischen, sich nach außen hin bieder katholisch gebenden Haushalts, in dem die verstorbene Frau offenbar kaum vermisst wird und sich stattdessen alles auf die neue Haushälterin zu stürzen scheint. Angela wird von allen begafft, die Herren des Haushalts achten plötzlich verstärkt auf Körperpflege. Der älteste Sprössling Antonio bändelt mit ihr an, worauf Nino mit entsprechender Eifersucht reagiert.
Doch die Grundstimmung des Films bleibt zunächst beschwingt, vermittelt ein Lebensgefühl von leidenschaftlichem Temperament und Aufbruchsstimmung, von Neugierde und Lebensfreude. Erfrischend natürlich wirkt der Umgang der Jünglinge untereinander, spitzbübisch und charmant frech ihr Entdecken der Sexualität und der Frauenwelt. Als eine ältere Witwe (Angela Luce, „Wer hat Euch bloß den Führerschein gegeben?“) Nino zu verführen versucht, tauscht er sich kurzerhand gegen seinen dicken rothaarigen Kumpel (Stefano Amato, „Die Bumsköpfe“) aus. Schließlich jedoch wird die Stimmung ernster, denn als Nino Angela offen sexuell zu belästigen beginnt, testet er Grenzen aus, indem er sie überschreitet. Angela kommt mit dem Familienoberhaupt zusammen, was indes in der Tat weniger wie eine Heirat aus Liebe anmutet als vielmehr wie eine Absprache aus gegenseitiger Abhängigkeit heraus: Don Ignazio hat wieder eine attraktive Frau an seiner Seite, die zudem den Haushalt schmeißt und sich um die Kinder kümmert, sie hingegen profitiert vom finanziellen Wohlstand der Familie. Vor diesem Hintergrund dürfen sich Zweifel regen, ob es ihr wirklich so unangenehm ist, unterm Tisch von Nino befummelt zu werden…
Zunehmend beginnt die Kamera, Angelas Reize offensiver einzufangen, inszeniert ihre Entkleidung betont erotisch. Dass sein Freund dabei zusieht, macht Nino einmal eifersüchtig, woraufhin er sie gar als „Nutte“ beschimpft. Als Don Ignazio reichlich unbeholfen vorehelichen Sex einzufordern versucht, wehrt sie sich jedoch entschieden. All dies sind Zeichen für einen vollkommen unnatürlichen Umgang mit der Sexualität. Je weniger Nino Angela allein für sich besitzen kann, desto höher werden seine Besitzansprüche. Seiner Enttäuschung darüber verleiht er Ausdruck, indem er sich Angela gegenüber verächtlich verhält, die Schuld auf sie abzuwälzen versucht. Angela wiederum befindet sich faktisch in einer Art Abhängigkeit von Nino, ist von ihm erpressbar und muss deshalb einiges über sich ergehen lassen. Noch stärker aber empfindet sie offenbar Abscheu beim Gedanken an Sex mit ihrem Verlobten, ist jedoch bereit, ihn als eheliche Pflicht über sich ergehen zu lassen – aber eben ausdrücklich erst nach der Eheschließung. Die Absurdität des Ganzen findet Entsprechung in der nach wie vor weniger tiefschürfend-dramatischen Art der Inszenierung Samperis, die weiterhin eher eine komödiantische Lesart gestattet – wenn auch mit einigen Abstrichen.
Ästhetischer wie dramatischer Höhepunkt des Films ist schließlich die Szene, die davon eingeleitet wird, wie Nino Angela zwingt, sich auszuziehen. Sie flucht und zetert, Licht spendet lediglich Ninos Taschenlampe. Aus dieser besonderen Situation holt Samperi mittels Point-of-View-Perspektiven und Lichtspielereien eine künstlerische Visualisierung heraus, die dem gerecht wird, was passiert: Angela findet Gefallen daran und dreht den Spieß um, in der Konsequenz schlafen beide endlich miteinander. Am Ende heiratet sie – natürlich! – dennoch Ninos Vater, treibt’s jedoch heimlich weiter Nino, richtet sich in diesem Arrangement sozusagen pragmatisch bis gemütlich ein, um auch auf ihre Kosten zu kommen.
So bringt Samperi mit „Malizia“ die Verlogenheit manch südländischer katholischer Familie und ihrer bzw. gesellschaftlicher Moralvorstellungen zum Ausdruck, plädiert dabei auch ein wenig für sexuellen Entdeckerdrang und bricht eine Lanze für kreative Dreiecksbeziehungen unter „Sachzwängen“; all das indes nicht, ohne die problematischen Seiten ebenfalls zu beleuchten. Beleuchtet, nein, regelrecht illuminiert wird vor allem aber die wunderbare Laura Antonelli, die hier als strebsame und fleißige, dabei niedliche, Schutzbedürftigkeit ausstrahlende junge Frau in Szene gesetzt wird, der ihr eigener Sex-Appeal gar nicht bewusst zu sein scheint. Neben ein, zwei overactenden Rollen agieren alle Darsteller seriös und beweist auch Antonelli ihr schauspielerisches Talent, das sich oftmals gerade auch in subtiler Mimik äußert. Sie ist es auch, die „Malizia“ seine Sinnlichkeit verleiht und somit zu einem vielleicht nicht zwingend herausragenden, aber für Freunde des italienischen Kinos mit reichlich Lokal- und Zeitkolorit angenehmem, sympathischem Erlebnis mit viel mediterranem Charme macht.








