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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Fr 21. Aug 2015, 00:14
von buxtebrawler
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Kalt wie Eis

Neo-Noir in Neon

„Sieh doch ein, wir sind hier nicht im Dschungel – es sieht nur manchmal so aus…“

Anfang der 1980er finanzierten die Unterhaltungs- und Schmuddelfilm-Produzenten Karl Spiehs und Wolf C. Hartwig dem jungen Schweizer Regisseur Carl Schenkel („Knight Moves – Ein mörderisches Spiel“) dessen Abschlussarbeit für die Filmhochschule, nachdem er 1979 bereits für Spiehs unter Pseudonym den Schwank „Graf Dracula in Oberbayern“ gedreht hatte. 1981 schließlich wurde der Film unter dem Titel „Kalt wie Eis“ veröffentlicht und ist aus heutiger Sicht nicht nur eine exploitative Mischung aus Jugenddrama und Krimi, sondern ein faszinierendes Stück Berliner Zeit- und Lokalkolorit.

Schrauber Dave (Dave Balko) sitzt im Jugendknast für das Frisieren gestohlener Motorräder ein. Um wieder ungesiebte Berliner Luft zu schnuppern, nach seiner Freundin Corinna (Brigitte Wöllner) zu schauen und seinem ehemaligen Auftraggeber Kowalski (Otto Sander, „Das Boot“) die Möbel geradezuziehen, inszeniert er einen Selbstmordversuch und flieht beim Krankentransport, wobei sich ein Schuss löst, der einen Aufseher schwer verletzt. Hilfe bekommt Dave von einem Bekannten (Hanns Zischler, „Der Zementgarten“), der einen Musikclub betreibt. Nachdem er Corinna wiedergetroffen hat, kümmert er sich um Kowalski, schlägt ihn zusammen und knöpft ihm eine höhere Summe Geld ab. Daraufhin wird ein Schlägertrupp auf Dave gehetzt – und ebenfalls auf ihn abgesehen hat es Stripclub-Betreiber Hoffmann (Rolf Eden, „Ich – Ein Groupie“), für den Corinna seit einiger Zeit arbeitet und der etwas dagegen hat, dass Dave mit ihr durchbrennt. Die Luft der Mauerstadt wird für Dave immer dünner…

Von der Vorgeschichte weiß man zunächst nichts, denn Schenkels Film beginnt direkt im Jugendknast, in Daves karger Zelle. Schon die Flucht mit dem sich lösenden Schuss zeigt an, in welche Richtung es geht: Kein Sozialarbeiterfilm, hier wird scharf geschossen. Ein Konzertausschnitt einer Punkband leitet über zu Daves Beziehungskiste mit der fragilen, rehhaften Schönheit Corinna und anhand der Dialoge erfährt der Zuschauer etwas über die Hintergründe. Dass „Kalt wie Eis“ auch nicht mit Erotik geizt, wird deutlich, wenn Corinna mit Stöckelschuhen – und nichts außer ihnen – ins Bad geht, für Gleichberechtigung sorgt das Blankziehen Daves. Man erfährt noch, dass Corinna schwanger ist, bevor Dave seinen Rachefeldzug gegen Kowalski, der ihn in den Knast brachte, einleitet. Wut und Kompromisslosigkeit bestimmen diese Szenen; später wird Dave von Hoffmanns Schlägern übel zugerichtet und misshandelt Kowalskis Mob einen Freund Daves mit einem Rasiermesser. Blut fließt; Schenkel lässt keinen Zweifel daran, welch große Rolle Gewalt in seinem Film spielt.

Vor dem erschreckend konsequenten, fatalistischen Ende arbeiten Schenkel und Kameramann Horst Knechte immer wieder mit authentischen, teilweise ausgiebigen Konzertausschnitten der zeitgenössischen Berliner Punk- und New-Wave-Szene sowie mit künstlerischen Kniffen wie dramatischen Zeitlupen, kreativen Schnitten, Verfremdungen etc., an eine sehr freizügige Sexszene zwischen Corinna und Dave knüpft gar eine argentoeske Kamerafahrt. Atonale, enervierende Musik untermalt die eine oder andere Szene, Radio-Störgeräusche werden gezielt eingesetzt, um psychischen Stress zu unterstreichen. Daraus ergibt sich eine ebenso gewagte wie gelungene Mischung aus exploitativen Elementen und ebenso schöngeistiger wie effektiv eingesetzter Filmkunst sowie der Porträtierung der Subkultur im Kontext mit der Vermittlung eines authentisch anmutenden Berlin-Bilds.

Und eben dieses macht einen großen Teil des Reizes des Films aus. Es zeichnet die geteilte Stadt zwischen Nato und Warschauer Pakt als düsteren Ort mit beinharter Unterwelt und aufstrebender kreativer Szene, die die Eindrücke das Kalten Kriegs und der Post-Punk-Stimmung in ihren Liedern verarbeitet. Und während sich Bands wie „Tempo“ oder die „Neon Babies“ auf der Bühne ausdrücken, sitzen „Malaria“ bei Aufnahmen im Studio und Blixa Bargeld von den „Einstürzenden Neubauten“ wiederum als lebende Skulptur in einer Upper-Class-Kunstausstellung, den Skorbut-Song skandierend. Der Umgang der Menschen untereinander scheint kalt und verschlossen wie die Grenzmauern, emotionale Kälte und Armut bestimmt das wenig soziale Miteinander und macht das Lebensgefühl einer desillusionierten, perspektivlosen „No future“-Generation spürbar.

Hauptdarsteller Dave Balko war selbst Sänger bei „Tempo“, zusammen mit den genannten und weiteren Kollegen der Punk- und New-Wave-Bewegung sorgen sie für den großartigen und perfekt passenden Soundtrack zu Schenkels Berlin-Panorama. Auch als Schauspieler macht er eine gute Figur, möglicherweise seiner Unerfahrenheit geschuldete zeitweise Ausdruckslosigkeit scheint der Rolle wie auf den Leib geschneidert. Auch Brigitte Wöllner beweist viel Potential, so dass es schade ist, dass es bei diesem einzigen Einsatz als Schauspielerin für das ehemalige „Playboy-Playmate“ bleiben sollte. Ein Rolf Eden wiederum spielt sich anscheinend größtenteils schlicht selbst.

„Kalt wie Eis“ ist ein weitestgehend unterschätztes Kind seiner Zeit, das es versteht, den Zeitgeist nicht nur durch seine kalte Farbgebung zu visualisieren und akustisch zu untermalen, weshalb es als wichtiges Zeitdokument betrachtet werden sollte – das all seiner exploitativen Ausflüge, die aber eigentlich nur auf den ersten Blick dem Geist seiner Punk-Protagonisten widersprechen, und seines vermehrten Einsatzes betont langsamer, in ihrer Ausgewalztheit mitunter redundant erscheinenden Szenen (die wiederum die negative Atmosphäre begünstigen) sowie seiner Früh-’80er Künstlichkeit, die sich immer wieder Bahn bricht, zum Trotz gut gealtert ist und als Unterhaltungsfilm der etwas anderen Art und mit tiefschürfendem Subtext wunderbar funktioniert. 7,5 von 10 frisierten Krafträndern sind da locker drin, die mich hoffentlich nicht mit dem Gesetz in Konflikt bringen.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Fr 21. Aug 2015, 21:02
von buxtebrawler
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Die Rückkehr der Piranhas

„Sie denken, dass ich meine Zeit verschwende, stimmt’s?“ – „Nein… Ich denke, Sie verschwenden meine!“ (Dialog zwischen Filmemacher und Zuschauer?)

US-Low-Budget-Profi Roger Corman produzierte 1978 Joe Dantes „Piranhas“, so etwas wie den Vater aller Piranha-Fishploitater. Viele Jahre später kam er auf die Idee, von ein paar seiner Filme Remakes drehen zu lassen, so auch von „Piranha“, mit dessen Neuverfilmung Regisseur Scott P. Levy („Das Alien in dir“) betraut wurde. Der fürs Fernsehen gedrehte Film erschien 1995 und wurde im deutschsprachigen Raum unglücklicherweise unter dem Titel „Die Rückkehr der Piranhas“ als Fortsetzung vermarktet.

„Eine noch sehr unbekannte Art!“ (Da hat jemand das Original nicht gesehen…)

Das Nachtbaden eines jungen Paars in einem ehemaligen militärischen Testgebiet endet tödlich, denn superaggressive Piranhas machen sich über die Liebenden her. Privatdetektivin Maggie McNamara (Alexandra Paul, „Christine“) erhält daraufhin von Industriemagnat J.R. Randolph (Monte Markham, „Baywatch“) den Auftrag, nach seiner Nichte zu suchen. Bei ihren Nachforschungen zusammen mit Aussteiger Paul Grogan (William Katt, „Carrie“) entlässt sie versehentlich die gefräßigen Fische in die Flüsse, die sich daraufhin geradewegs auf einen beliebten Badeort zubewegen und nebenbei diverse „Kollateralschäden“ fordern. Doch die feierliche Eröffnung des Strandhotels will Randolph partout nicht verschoben wissen… Kann die Katastrophe noch abgewendet werden?

„Ich hab‘ ein Floß!“ – „Ach, hör doch auf mit deinen Eingeborenenwitzen!“

Levys Remake hält sich eng an das Original, lediglich die Geschlechter einiger Rollen wurden getauscht und das eine oder andere Detail variiert: Das im Prolog herumalbernde Paar stirbt im Schwimmbecken, der Zuschauer bekommt jedoch nichts davon zu sehen. Nachdem Maggies Detektei beauftragt wurde, nach ihm zu suchen, wird ein alter Fischer Opfer einer Piranha-Attacke, visualisiert durch rotes Gewusel unter Wasser. Maggie und der ehemalige Anwalt, jetzt erfolglose Autor und Einsiedler Paul finden ihn mit abgefressenen Unterschenkeln und seinem trauernden Hund, den es während einer gemeinsamen Floßfahrt erwischt. Auf dem militärischen Testgelände prügeln sie sich mit einer Frau herum und in einem Kindercamp wird der Klassiker zelebriert, nämlich eine Gruselgeschichte am Lagerfeuer.

„Sie nannten es ,Operation Rasierzähne‘!“

Es stellt sich schließlich heraus, dass die Fischchen vom US-Militär als genetisch manipulierte Waffe im Kalten Krieg entwickelt wurden, womit die dem frühen Tierhorror eigene Autoritäts- und Zivilisationskritik einmal mehr als Klischee herhalten muss. Dass sich Randolph vollkommen uneinsichtig zeigt und lediglich den Erfolg seines Strandhotels vor Augen hat, ist dann Klischee Nr. 2, das in keinem Film des Subgenres fehlen darf und als Kapitalismuskritik kaum noch ernstzunehmen ist. Als Maggie und Paul unter Arrest gestellt werden, zitiert Maggie den Klassiker „Zelle R 17“ (wenn mich jetzt nicht alles täuscht), doch endlich wirklich interessant wird es, wenn die Piranhas die Campkinder blutig attackieren, was für einen TV-Horror-Aufguss nicht unbedingt Usus ist – und endlich sieht man hier auch mal ein paar der Fische. Auch das Massaker bei der Hoteleröffnung bleibt nicht aus, sondern avanciert zum ersten richtigen Höhepunkt.

„Was ist mit den verdammten Piranhas?!“ – „Sie essen gerade die Gäste auf, Sir!“

Gegen Ende wird es sogar richtiggehend spannend, als Paul unter Wasser versucht, einen Gifttank zu öffnen und dabei ebenfalls angegriffen wird. Dieser für einiges entschädigenden Spannungskurve zum Trotz ist „Die Rückkehr der Piranhas“ ein reichlich uninspirierter Aufguss des Originals, der kaum noch über dessen Witz und Charme verfügt und noch einmal deutlich billiger daherkommt. Einige Härten hier und da stehen hoffnungslos überholten Spezialeffekten mit Plastikfischen und rotgefärbtem Blubberwasser gegenüber. Den Dialogen mangelt es Esprit, den Charakteren an, nun ja, Charakter über Stereotypen hinaus, Spannung kommt außer partiell im letzten Drittel höchstens für Zuschauer auf, die zum ersten Mal mit Fishploitation konfrontiert werden und ausgerechnet zu diesem Film griffen. Alles in allen also leidlich unterhaltsam und eigentlich ziemlich überflüssig, dennoch bisweilen krude genug, um sich gerade so einen Platz im Durchschnitt für Genre- und Low-Budget-/B-Movie-Fans zu sichern. Aufhorchen aber lässt der Abspann mit seinem Metal/Punk-Song „Killer Mutant Piranha“ von „Uncle Dog Food“.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mi 26. Aug 2015, 13:50
von buxtebrawler
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Rejuvenator

„Es sieht nach einer Irritation der Zellinformationen aus…“

1988 debütierte US-Regisseur Brian Thomas Jones („Escape from Safehaven“), indem er sich an der Horror-TV-Serie „Monsters“ beteiligte – und zudem mit „Rejuvenator“ ein spielfilmlanges Horrorgebräu aus Mad-Scientist- und Körper-/Mutationshorror-Motiven schuf, das zumindest seine Prämisse betreffend an Roger Cormans „Die Wespenfrau“ erinnert und ansonsten ganz den Geist der ‘80er-Genrewerke atmet.

Filmdiva Ruth Warren (Jessica Dublin, „Der Mafiaboss – Sie töten wie Schakale“) hat ihre besten Zeiten hinter sich: Sie ist sichtlich gealtert und die Angebote bleiben aus. Mit ihrem finanziellen Reichtum investiert sie in die Arbeit Dr. Gregory Ashtons (John MacKay, „Jetzt flippt der Dicke völlig aus“), der mit Unterstützung seiner Assistentin Stella Stone (Katell Pleven) an einem Serum forscht, das die Jugend zubringt. Wenngleich die Tierversuche noch längst nicht das erzielte Langzeitergebnis liefern, drängt Ruth darauf, mit der Behandlung zu beginnen – ohne das wahre Ausmaß der noch bestehenden Probleme zu kennen. Da Dr. Ashton fürchtet, dass ihm der Geldhahn zugedreht wird, lässt er sich darauf ein und siehe da: Seine Probandin scheint tatsächlich ihre jugendliche Schönheit wiedererlangt zu haben. Diese legt sich ein Alter Ego namens Elisabeth zu, das sie als ihre junge Nichte (Vivian Lanko, „Simple Men“) ausgibt. Doch nach kurzer Zeit treten die befürchteten Probleme auch bei ihr auf und sie verwandelt sich in ein monsterähnliches Wesen, das schnellstens frisches Serum in immer höheren Dosen benötigt. Dieses jedoch wird aus den Gehirnen just Verstorbener gewonnen und der Nachschub wird knapp. Als Ruth beginnt, sich selbst frische Gehirne zu beschaffen, eskaliert das Experiment…

„Meine schlimmsten Befürchtungen sind Wirklichkeit geworden!“

„Rejuvenator“ beginnt etwas behäbig, nutzt die Zeit jedoch, um seine moritatische Hintergrundgeschichte um fragwürdigen Jugendwahn und Schönheitsoperationen zu erzählen, der die damit verbundene Oberflächlichkeit und die Nichtakzeptanz biologischer Unausweichlichkeiten kritisiert. Dies verknüpft der Film mit einem klassischen Mad-Scientist-Sujet, beispielsweise wenn sich Dr. Ashton à la Frankenstein Leichen für seine Forschungen liefern lässt. So dauert es rund eine halbe Stunde bis zur ersten „schicken“ Mutation Ruth‘, für die der namhafte Spezialeffektkünstler Edward French verantwortlich zeichnet und sich nicht lumpen lässt. Interpretatorisch ließe sich anführen, dass Ruth zu ihrem „wahren Gesicht“ mutiert, denn in ihrer Überheblichkeit sind ihr Fragen nach Moral u.ä. vollkommen gleich, solange sie nur wieder allgemeinen gesellschaftlichen Konventionen von „hübsch“ entspricht. Konsequenterweise „vernascht“ sie dann auch jemanden auf der Straße und knallt dem Dottore das pochende Denkorgan auf den Autositz, enthauptet einen arglosen Wachmann etc., während sie in immer kürzeren Abständen immer unkontrollierter vor sich hin wuchert, bevor es zu einem superekligen und nicht minder schleimigen Abgang kommt.

„Doktor! Was haben Sie mit Madame gemacht?!“

Ja, solch garstige Frauenzimmer können einem im wahrsten Sinne des Wortes um den Verstand bringen. Die abgefahrenen Spezialeffekte, die French auch auf Dr. Ashtons Laborratten ausweitet, manch zarteres Gemüt ebenfalls, denn diese sind ein Festschmaus für nach dem guten alten ‘80er-Baggermatsch lechzende Genrefans auf Entzug in diesen unwirtlichen CGI-Zeiten. „Rejuvenator“ braucht anfänglich etwas, bis er in die Puschen kommt, enttäuscht dann jedoch nicht – wenngleich man ihm seinen Low-Budget-Status und seine Beschränkungen ansieht, die ihn zu so etwas wie modernerem B-Movie-Charme verhelfen. Dann und wann schafft es gar, etwas Tragik in die ansonsten eher seltener betretene emotionale Ebene des Films einzubringen. Die Schauspieler agieren auf passablem Genreniveau. Im Nachtclub gibt übrigens die All-Girl-Metal-Band „Poison Dollys“ ein unterhaltsames Konzert und ist mit zwei Songs am Soundtrack beteiligt. Zu seiner Entstehungszeit war „Rejuvenator“ ein Film von vielen; heute, da solche Filme nicht mehr gemacht werden, ist er eine Wiederentdeckung für all diejenigen wert, die das meiste an ähnlichen und sicherlich auch besseren Filmen schon gesehen haben, aber einfach nicht genug bekommen. 6,5 von 10 Serumsspritzen injiziere ich als Fan da gern.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Do 27. Aug 2015, 00:30
von buxtebrawler
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C2 – Killerinsect

„Ich hab‘ genug von dieser ganzen Bonanza-Scheiße!“

Einst machte sich US-Regisseur Tony Randel mit „Hellbound - Hellraiser II“ einen Namen. Im Anschluss aber dümpelte sein Œuvre mit unterschiedlicher Genre-Ware mehr oder weniger vor sich hin. Der 1993 von Horror-Filmemacher Brian Yuzna produzierte Tierhorror-Streifen „Infested“ ließ jedoch aufmerken. Und das nicht nur, weil der deutsche Verleih dämlicherweise aus dem Originaltitel den pseudoenglischen, vermeintlich aussagekräftigeren Titel „C2 – Killerinsect“ gemacht hat, dabei offenbar nicht wissend, dass Zecken keine Insekten sind, sondern zur Klasse der Spinnentiere zählen.

Ein paar verhaltensauffällige Jugendliche verschlägt es aus der Urbanität aus pädagogischem Anlass aufs Land: Sie sollen sozialverträglicheres Zusammenleben lernen und Verständnis für die Natur entwickeln. Wenig Naturverständnis offenbaren auch die örtlichen Marihuana-Züchter, die mit hochtoxischen Chemikalien experimentieren, die eine besonders fiese Nebenwirkung mit sich bringen: Sie lassen den gemeinen Holzbock, auch Zecke genannt, zu ungeahnter Größe mutieren. Und während der Leiter des Jugendlagers sich noch in Sozialpädagogik versucht, argwöhnisch beobachtet von den hinterwäldlerischen Drogenbauern, denen deren Eindringen in ihr Territorium alles andere als geheuer ist, nimmt das Unheil seinen Lauf, denn die blutgierigen Krabbelviecher gehen mit Vorliebe auf Menschen los…

Niemand mag Zecken und so haben sich Randel und Konsorten einen dankbaren Antagonisten für ihr Tierhorror-Vehikel ausgesucht. Und obwohl das zunächst möglicherweise nach Subgenre-Kost nach Schema F klingt, das alibihaft eine Pestizid-kritische Öko-Aussage mitbringt und sich außerdem am ebenso beliebten wie wenig originellen Jugendlager-Ambiente bedient, weiß „Infested“ zu überraschen: Zum einen wäre da der subtile Humor, der im Prinzip schon beginnt, wenn „Der Prinz von Bel-Air“-Carlton (Alfonso Ribeiro) als Basketball-Rowdy-Gangster „Panic“ einen „respekteinflößenden“ Familienhund statt einer Bulldogge o.ä. Gassi führt, Randel aber darauf achtet, seine ironische Distanzierung nicht allzu laut herauszuschreien, wie es ab den 1990ern irgendwie en vogue wurde. Die Vorstellung der Gurkentruppe, zu der neben „Panic“ noch ein Nerd (Seth Green, „Es“), ein Mexikaner und ein paar Mädels gehören, wird indes mit reichlich Augenzwinkern vollzogen, die Präsentation der Achtbeiner – zunächst in Larvenform – jedoch hübsch schleimig.

Und es dauert auch gar nicht allzu lange, bis die teils arg stumpfsinnigen Dialoge durch die Attacken der Mutantenzecken unterbrochen werden. Hier wird dann auch deutlich, worauf man das Hauptaugenmerk richtete: deftige Spezialeffekte, krudes Creature Design, blutige Resultate. Pulsierende Horrorviecher erklimmen auf bedrohliche Weise zarte Mädchenrücken, graben sich gar unter die menschliche Haut, brechen aus Gesichtern hervor und werden sogar mit eigenen Point-of-View-Szenen dafür belohnt! Die Opfer, wenn es sie nicht sofort zerreißt, fallen nach den Bissen Wahnvorstellungen anheim und finden sich schließlich in einer Belagerungssituation wieder, der Feind lauert überall, fällt von der Raumdecke. Aus einem Toten schießen Zeckenbeine hervor, ein Monstrum von Killerzecke bricht durch, die Effektkunst erreicht ihren Höhepunkt und erinnert an Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“. Zwischendurch wird ein ganzer Wald in Brand gesetzt und nehmen überzeichnete Drogenzüchter die Kids als Geiseln, Geballer, Feuer, Wahnsinn, Geschrei, Explosionen! Eine sehr dynamische Kameraarbeit, die sich auch für anspruchsvolle Fahrten etc. nicht zu schade ist, bereitet die Chose zusätzlich höchst angenehm fürs Auge auf und die temporeiche Inszenierung sorgt für Kurzweil.

Fazit: Kleiner, aber sehr feiner Spezialeffekt-Overkill der alten Schule im Tierhorror-Gewand, der dem geneigten Fan das bietet, was er sich erhofft, technisch auf der Höhe ist und mit einem genrekennenden Augenzwinkern seinen Charme ausspielt, während er sich genüsslich in Klischees, Latex und Kunstblut suhlt.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Sa 29. Aug 2015, 13:07
von buxtebrawler
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The Woods

US-Regisseur Lucky McKee debütierte 2001 mit dem an der Seite Chris Rivertsons verwirklichten und 2013 von ihm persönlich neu verfilmten „All Cheerleaders Die“ und avancierte ein Jahr später mit dem durchaus originellen „May - Die Schneiderin des Todes“ zur Nachwuchshoffnung im Horror-Genre. Nach einem Beitrag zur „Masters of Horror“-Serie („Sick Girl“) folgte im Jahre 2006 ein Film mit dem reichlich ausgelutscht klingenden Titel „The Woods“ der fürchten ließ, McKee habe sich möglicherweise der Konvention verschrieben. Jedoch stand erneut ein weibliches Wesen im Mittelpunkt des Geschehens, was zu so etwas wie seinem Markenzeichen werden sollte.

In den sechziger Jahren wird die verhaltensauffällige Schülerin Heather Fasulo (Agnes Bruckner, „Venom - Biss der Teufelsschlangen“) von ihren Eltern in das Mädcheninternat Falbum Academy gesteckt, das sich inmitten eines tiefen Walds befindet. Die stockkonservativ anmutende Lehranstalt aber birgt manch dunkles Geheimnis, wie die übersinnlich begabte und sensible Heather anhand beunruhigender Visionen feststellen muss. Zudem plagt sie die fiese Mitschülerin Samantha (Rachel Nichols, „Amityville Horror - Eine wahre Geschichte“), die es auf sie abgesehen hat. Richtig gefährlich aber wird es, als sich die Visionen bewahrheiten und Mitschülerinnen spurlos im Dickicht des Walds verschwinden...

Tatsächlich kommt einem vieles bekannt vor, wirkt „The Woods“, als habe McKee das Motiv des Hexeninternats aus Argentos „Suspiria“ mit dem einer bedrohlichen, dämonischen Eigendynamik entwickelnden Natur aus „Tanz der Teufel“ vermengt und mit etwas „Carrie“ abgeschmeckt; sogar Bruce „Ash“ Campbell schaut in einer Nebenrolle als Heathers Vater vorbei. McKee und seinem Team ist es aber gelungen, diese Melange zu einem hochatmosphärischen Gebräu aufzukochen, das Themen wie Isolation, Mobbing etc. mit einem mystischen Unterbau versieht. Eine Aufsehen erregende Bildästhetik und durchkomponierte Einstellungen sowie Perspektiven schmeicheln dem Auge und motivierte, talentierte Jungschauspielerinnen halten das Niveau mühelos. Lange Zeit sind es im Prinzip lediglich gruselige kurze Flashbacks Heathers, die für den Horroranteil sorgen – und diese Dosierung erweist sich als geschmackvoll.

Das funktioniert eine ganze Weile wunderbar, bis „The Woods“ irgendwann Timingprobleme bekommt, lose Handlungsfäden nicht mehr zurück in die Stricknadel finden und die Entwicklung der Handlung hin zu Showdown, Finale oder Auflösung arg ins Stocken gerät, weiter ein Geheimnis aus Umständen macht, die längst bekannt sind und Wendungen antäuscht, die nie eintreten. Am unverständlichsten jedoch ist es, wie McKee das Konzept im letzten Drittel zugunsten eines albernen, künstlichen CGI-Overkills vollends über den Haufen wirft und mit einem enttäuschenden Ende beinahe seinen ganzen Film zerstört. Angesichts des zuvor präsentierten Potentials ist dies nicht weniger als ein Jammer und der einzige Trost bleibt, dass McKee es mit seinem Meisterwerk „The Woman“ ein paar Jahre später wesentlich besser machte.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mi 2. Sep 2015, 21:12
von buxtebrawler
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Oswalt Kolle: Liebe als Gesellschaftsspiel?

„Das klingt irrsinnig vernünftig!“

1972 sollte das Elend endlich ein Ende haben, denn Journalist und „Volksaufklärer“ Oswalt Kolle präsentierte mit „Liebe als Gesellschaftsspiel?“ den achten und letzten seiner umstrittenen und skandalträchtigen Aufklärungsfilme. Sich durch diesen zu quälen, geriet indes noch einmal zu einer besonderen Herausforderung. Mit der Regie betraut wurde einmal mehr Werner M. Lenz, der diese bereits bei „Dein Mann, das unbekannte Wesen“ und „Dein Kind, ...“ übernommen hatte.

„Die Eheleute werden sich gegenseitig volle sexuelle Freiheit gewähren!“

Zu wildem Hippierock aus dem Off leckt sich ein Mund in Großaufnahme lüstern über die Lippen und verdeutlicht damit von vornherein den nicht vorhandenen seriösen Anspruch des Films. Kolle tritt vor der Kamera, betont die mittlerweile erlangte sexuelle Freiheit, aber auch, uns trotzdem schockieren zu werden. Er wagt Ausblicke in die Zukunft und erweist sich dabei als reichlich naiv.

„Bist du wirklich so tolerant oder tust du nur so?“

Im folgenden längeren Einspielfilm tuckert ein Paar fast nackt in einem Boot über einen Fluss – ein ganz alltägliche Situation also… Dort wird natürlich gepimpert, doch es stellt sich heraus, dass der Mann seine Frau betrügt – nämlich mit der Reisekauffrau, die er da gerade beglückt hat. Diese ist wenig begeistert davon, wie unehrlich er zu seiner Frau ist. Als er seiner Gattin gesteht, verzeiht diese ihm sofort und schlägt vor, seine sexuelle Affäre einzuladen. Also unternehmen sie etwas zusammen, landen anschließend zu Hause und die Ehefrau täuscht an, ihren Mann bereitwillig teilen zu wollen. Wie sich herausstellt, vergrault sie die Dame, denn Gruppensex ist kein Thema für sie.

„Das ist doch nicht zu viel verlangt!“

Doch damit war das letzte Wort noch nicht gesprochen und so kommt es zu einem weiteren Treffen zu dritt. Zunächst zoomt die Kamera reichlich sinnlos auf das leere Bett, doch bald darauf findet dort softpornös gefilmter Gruppensex statt. „Ich war überhaupt nicht eifersüchtig!“, gibt die Ehefrau zu Protokoll und ist angefixt: Sie würde gern einmal zu viert ins Bett, denn die Reisekauffrau ist ebenfalls liiert und würde ihren lockeren Freund einmal mitbringen. Seine Frau fordert also Gleichberechtigung ein, doch als das Quartett versammelt ist, wird ihr Mann eifersüchtig und bockig. Seine liebende Frau bringt es nicht fertig, tatsächlich mit dem Fremden zu schlafen und gesellt sich wieder zu ihrem Mann: Happy End und daumendicke, entlarvende Doppelmoral, indem Kolle anhand dieser furchtbar konstruierten Episode suggeriert, eine Frau würde den Seitensprung eines Mannes wesentlich besser verkraften als umgekehrt. Erklärende oder einordnende Worte dazu findet Kolle nicht.

Stattdessen berichtet Kolle von seinem Gruppensex-Experiment, das er in Holland durchgeführt und gefilmt habe. Tatsächlich zeigt er uns Amateurfilmaufnahmen einer gemischten Gruppe junger Menschen, alle rauchend, trinkend und bebrillt. Maskiert geben sie sich dem experimentellen Rudelbumsen hin. Sonderlich erquicklich sieht das alles nicht aus; in Interviews mit den Probanden äußern diese offenbar recht ehrlich ihre Empfindungen, doch die revolutionäre Wirkung auf die weitere Entwicklung der Sexualität, die Kolle einmal mehr betont, will man aus diesen wenig attraktiven Bildern nicht so recht herauslesen. Zumindest scheint dies der einzige Anflug von Authentizität zu sein.

Fürs letzte Drittel hat sich Kolle offenbar endgültig vom „Schulmädchen-Report“-Trend anstecken lassen, denn die geschauspielerte Episode hat mit der eigentlich Thematik nicht viel zu tun: Es geht um den spontanen Sex vier junger Menschen an einem Strand. Im Anschluss plädiert Kolle für „Spielregeln“ bei der Suche nach Sexualpartnern, die es Interessenten erleichtern, zueinander zu finden. Versinnbildlicht wird dies durch die letzte Episode, in der ein Junge und ein Mädchen sich aufgrund ihrer Schüchternheit und Verunsicherung nicht gegenseitig anzusprechen trauen. Der Beitrag wird „zurückgespult“ und die gewünschte Entwicklung mit erneut mäßig anregendem softpornösem Happy End vollzogen – endgültig ad absurdum geführt vom anschließenden weltfremden Vorschlag zur Einführung einer Zeichensprache, die verstohlenes Anpirschen, interessiertes Kennenlernen sowie spannendes Flirten überflüssig machen soll. Eine paar müde Gags bringen den Film und damit Kolles Aufklärungsreihe schließlich zum Ende. „Liebe als Gesellschaftsspiel?“ verzichtete komplett auf die Involvierung von Wissenschaftlern, in deren Rolle Kolle sich vermutlich längst selbst wähnt, wenn er ein vermutlich kaum repräsentatives Experiment mit zwei Handvoll jugendlicher Holländer durchführt.

Sein letzter Film steckt voller falscher Prognosen und glaubt sich an der Speerspitze einer sexuellen Revolution, die Partnertausch und Gruppensex zur Normalität erklären wird, womit Kolle eine falsche Erwartungshaltung weckt und suggeriert, nur wer die sexuelle Befriedigung im Rudel suche, sei fortschrittlich und offen. Dass dies relativ weit an den realen Bedürfnissen eines Großteils der Menschen vorbeigeht, wollten selbsternannte Aufklärer und Sex-Revolutionäre à la Kolle aber nicht wahrhaben und propagierten stattdessen ihre bei genauerer Betrachtung männlich-egoistisch anmutenden, vermeintlich freien Sexualfantastereien, die zunehmend den Mann aus der Verantwortung nahmen, ihm aber willige Sexualpartnerinnen noch und nöcher avisierten, was eigentlich nur noch mit Verweis auf den experimentellen Geist der 1970er und das Aufbrechen einer religiös motivierten Spießigkeit zu rechtfertigen ist, die eine gewisse Zeit lang das gegenteilige Extrem heraufbeschwor.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Do 10. Sep 2015, 00:17
von buxtebrawler
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Chillerama

„Lasst den Terror von der Leine! Das Blut! Die Titten! Mehr Blut! Mehr Titten!“

Mit dem Episodenfilm „Chillerama“ erschuf das Regiekollektiv aus Adam Green („Hatchet“), Joe Lynch („Wrong Turn 2“), Adam Rifkin („Detroit Rock City“), Tim Sullivan („2001 Maniacs“) und Bear McCreary im Jahre 2011 eine satirische Hommage an das gute alte und eben oft bizarre Drive-in- und Bahnhofskino, an B-Movies und Exploitation, angefangen bei den 1930ern bis in die glorreichen 1980er hinein und erinnert damit auch an Filme wie „Matinee“ oder „Skinner …lebend gehäutet“, die einen ähnlichen Ansatz verfolgten – aber doch ganz anders waren.

Autokino-Betreiber Cecil B. Kaufman (Richard Riehle, „Hatchet“) sieht sich gezwungen, sein Geschäft aufzugeben, das letzte seiner Art weit und breit. Er möchte sich jedoch mit einem wahren Knallbonbon von seinem Publikum verabschieden und es mit echten Raritäten wie „Wadzilla“, „I Was A Teenage Werebear“, „The Diary of Anne Frankenstein“ und „Deathication“ noch einmal so richtig krachen lassen. Über mangelnden Publikumszuspruch kann er sich dann auch nicht beklagen, was er jedoch nicht weiß: Sein Assistent Floyd (Miles Dougal, „Detroit Rock City“) hat sich beim nekrophilen Leichenschänden einen Biss eingefangen und infiziert nach und nach die Zuschauer, die zu sexgeilen Zombies mutieren…

Über derartige Hommagen freue ich mich eigentlich immer, da ich nicht unbedingt das Gefühl habe, dass der Markt von ihnen übersättigt wäre, stattdessen eher fürchte, nachwachsende Generationen könnten irgendwann den Bezug zum klassischen Horrorkino verlieren. Tatsächlich übt „Chillerama“ seiner komödiantischen Ausrichtung zum Trotz nach seinem Schwarzweiß-Prolog der ’30er-Jahre-Universal-Schule und dem „blaublütigen“ Vorspann Kritik an modernem Heimkino und setzt die Analogtechnik Kaufmans in Szene, welcher übrigens Orson Welles huldigt und „Citizen Kane“ zitiert.

„Wenigstens ist es gut für die Haut!“

Zitate ganz anderer Art hält der erste Film im Film „Wadzilla“ von Adam Rifkin bereit, der auch gleich die Hauptrolle bekleidet. Auf ‘50er-Monsterfilm getrimmt, wird unter Zuhilfenahme anzüglichen Humors und Slapsticks ein amoklaufendes Riesenspermium in den Mittelpunkt gerückt, das wächst und wächst, Köpfe ab- und Penner durchbeißt und sich schließlich mit der Freiheitsstatue vereinen will – die letzten Endes gesprengt wird. Neben der himmelschreienden und damit herrlichen Respektlosigkeit vor einem der US-amerikanischen Wahrzeichen überhaupt gibt es mehrere Anspielungen auf den „Blob“ und auf „Godzilla“, absichtlich durchschaubar gestaltete Spezialeffekte, maximal erhöhten Zigarettenkonsum der Beteiligten und ein sehr glibberiges Ende. Bei „Wadzilla“ geht auch mir einer ab!

Für „I Was a Teenage Werebear“ begibt sich Tim Sullivan zurück in die 1960er, die Zeit der Teenage-Horror- und Surf-Filme. In Südkalifornien ist sich Sunnyboy Ricky (Sean Paul Lockhart, „Milk“) seiner sexuellen Identität unsicher und anscheinend gar nicht so recht begeistert vom heißen Feger von einer Freundin (Gabby West, „Saw 3D – Vollendung“), mit der er liiert ist. Nach einem Autounfall läuft ihr das Gehirn aus, doch interessiert ihn vielmehr eine Bande Rock’n’Roller, die sich regelmäßig in schwule Werbären verwandelt. Die typischen Zutaten wie Gesangseinlagen und Strandatmosphäre werden gepaart mit reichlich Homoerotik, Ringtraining und einem Massaker in der Umkleide. Nicht fehlen darf auch die Moral am Schluss und so viel Spaß ich an diesem irren Potpourri auch hatte, frage ich mich dennoch, wer der jüngeren Zuschauer dieses US-typische Phänomen solcher Filme eigentlich noch kennt und sich nicht verwundert die Augen reibt ob jugendlicher tanzender und singender Werbären… Als Gaststar schaut übrigens Porno-Ikone Ron Jeremy um die Ecke und aus den stockheterosexuellen Vorbildern ein exploitatives Pro-Homo-Statement zu machen ist eine klasse Pointe.

Zwischendurch wird immer wieder die Rahmenhandlung aufgegriffen, die Klönschnacks der Besucher inkl. Austausch über Filme gezeigt und ins Innere der Autos gezoomt; ein paar Charaktere bilden sich heraus, die eine größere Rolle spielen.

„Du bist so geil, wenn du Massenmorde begehst!“

Diese werden Zeuge, wie klassische Frankenstein-Mad-Scientist-Motivik auf Naziploitation in Adams Greens Schwarzweiß-Kurzfilm „Das Tagebuch der Anne Frankenstein“ [sic!] trifft. Dieser treibt die Geschmacklosigkeiten, mit denen das umstrittene, krude Subgenre gemeinhin arbeitet, auf die Spitze, indem er das Schicksal Anne Franks mit der Familie Frankenstein verknüpft und Hitler im Tagebuch Dr. Frankensteins eine Anleitung zum Erschaffen des berühmten Monsters finden lässt. Dieses entpuppt sich jedoch als eine Art jüdischen Golems, der sich gegen die Nazis richtet und den Eva Braun (Kristina Klebe, „Halloween“-Remake) zu allem Überfluss auch noch süß findet. Sämtliche Rollen sprechen hier deutsch, außer ausgerechnet Hitler, der nicht mehr als ein unverständliches Kauderwelsch hervorbringt und als tollpatschiger Soziopath parodiert wird. Seine Gesangseinlage (!) scheint aus den Zelluloid-Rollen herausgeschnitten worden zu sein, aber auch ohne spielt sich der schlaksige Joel David Moore („Grassroot“) als Hitler nahezu um den Verstand in dieser wunderbar geschmacksbefreiten, absurden Episode, die zudem das Wagnis eingeht, der heutigen Generation junger Kinozuschauer sämtliche Farbe vorzuenthalten.

„Dieser Film wird Sie mit Ihren Fäkalien vergewaltigen!“

Derweil nimmt die Entwicklung im Autokino einen unheilvollen Lauf, als einer der popcornhungrigen Zuschauer zu mutieren und anschließend zu töten beginnt. Unheilvoll wird es auch auf der Leinwand, denn mit „Deathication“ probiert Kaufman, das bisher Gezeigte an Geschmacklosigkeit noch zu übertrumpfen. Nach einer reißerischen und pseudowissenschaftlichen Einführung des Regisseurs, die mich etwas an den guten alten William Castle erinnerte, setzt „Chillerama“ auf maximale Polarisation, nämlich alles auf eine Arschkarte: Man macht aus „Deathication“ einen unfassbaren Film übers Scheißen, eine absolute Grenzerfahrung in Sachen Fäkalhumor – bei der ich mich wieder einmal dabei ertappe, wie diebisch und infantil ich mich über diesen Bodensatz der geschmacklosen und stumpfsinnigen Komik freue, wie sehr er bei mir zündet. Obschon mich von Mario Barth über Dieter Nuhr bis zu Cindy aus Marzahn und Konsorten alle Schmalspur-Clowns kaltlassen, ich gern einmal Spencer/Hill-Klamauk und Abrahams/Zucker-Produktionen kritisch beäuge und ich mich viel eher bei Loriot und anspruchsvollerer Satire zuhause fühle, wundere ich mich schon längst nicht mehr über meine offenbar ebenfalls auf Bedienung wartende Leidenschaft für diese Sorte Grottenhumors. Diese Episode nutzt – nachdem sich „Chillerama“ zuvor schon oft sexuell anzüglich, Nacktheit betreffend jedoch eher prüde gezeigt hatte –, erstmals die Gelegenheit, die entblößte Oberweise einer vorgeblichen Ärztin zu präsentieren. Allen Ernstes so etwas wie eine tatsächliche Handlung zu entwickeln, hatte man aber nie vor, denn die fortschreitende Zombie-Sex- und -Splatter-Action, die zunächst im Vorführraum stattfindet und sich schließlich auf dem Außengelände Bahn bricht, unterbricht „Deathication“ jäh.

Blut spritzt, Genitalien werden abgerissen, Sex und Masturbation – getrimmt auf den maximalen Overkill der Geschmacklosigkeit, als hätte dies „Chillerama“ nicht bereits mehrfach auf andere Weise versucht. In der Rolle des Final Girls wähnt sich ein Kerl, der sich jedoch aus Notgeilheit zombifizieren lässt und somit doch nicht „Final Whatever“ wird. Kaufman ballert sich Einzeiler zitierend wie in einem Actionreißer über das Gelände und die beliebte Point-of-View-Perspektive kommt zu ihrem verdienten Einsatz. Man findet heraus, dass sich diese Zombies nicht durch Kopfschüsse, sondern lediglich durch die Zerstörung ihrer Geschlechtsorgane aufhalten lassen und findet sogar noch etwas Raum für, nun ja, „Romantik“, als sich das finale Pärchen im Angesicht der Zombie-Apokalypse und des nahenden Todes bewusst noch einmal dem Beischlaf hingibt. Hier standen eindeutig die ’80er mit ihren Horror-humoristischen, kultverdächtigen Auswüchsen wie „Return of the Living Dead“ u.ä. Pate, deren jugendliche Protagonisten mit ihrer oftmals regelrechten Sexsucht hier extrem überspitzt aufs Korn genommen werden.

All das entpuppt sich letztlich ebenfalls als (übrigens von Joe Lynch inszenierter) „Film im Film“ und im mit Punk-Musik unterlegten Outro bekommt jede Episode ihren eigenen Abspann inkl. Outtakes und Ausschnitten, endlich bekommt man auch Hitlers Gesangseinlage zu sehen und zu hören! Damit endet dieses Sammelsurium an Absurditäten, das die besondere Magie beschwört, in kleinen Kinos obskure Schätzchen und abwegige Skurrilitäten zu entdecken und dabei comichaft und wunderbar detailverliebt vorgeht, beweist, dass seine Macher Ahnung von der Materie hatten und vermutlich selbst leidenschaftliche Liebhaber des hier Persiflierten sind. Als Zuschauer sollte man dazu aber schon einen gewissen Bezug haben, ansonsten dürften einige Gags auf der Strecke bleiben und die im Prinzip einzige Schwäche des mit einigen weiteren Gastauftritten wie dem Kane Hodders (Jason-Darsteller in mehreren „Freitag der 13.“-Filmen) als Golem, Eric Roberts’, Ray Wises und Mike Mendez’ gespickten Vergnügens allzu stark in den Vordergrund treten: Der dann doch etwas überbeanspruchte pubertäre, obszöne Humor, die Übersexualisierung insbesondere des Finales, das arg überzogen unter die Gürtellinie zielt und humoristisch entsprechend abflacht, darüber fast seine Ausrichtung als karikierende Hommage, die sich gerade auch an Kenner der Materie richtet, vergisst. Nichtsdestotrotz muss ich dazu gratulieren, wie gut man die „Vorbilder“ beobachtet und liebevoll persifliert und zu einem wahren Trash-Bonbon zusammengeschmolzen hat. 7,5 von 10 Popcorn-Tüten seien dem Regie- und Autorenkollektiv daher gegönnt!

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Do 10. Sep 2015, 17:42
von buxtebrawler
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Blood Simple - Eine mörderische Nacht

Das Regiedebüt der US-Brüder Joel und Ethan Coen („The Big Lebowski“), „Blood Simple - Eine mörderische Nacht“, datiert auf das Jahr 1984 und wurde als Neo-Noir-Thriller konzipiert. Der mit einem verhältnismäßig kleinen Budget von nur einer Million Dollar auskommende Film legte erfolgreich den Grundstein für die bis heute anhaltende Karriere der Gebrüder Coen.

Texas, USA: Abby Marty (Frances McDormand, „Darkman“) möchte ihren Ehemann, Barbesitzer Julian (Dan Hedaya, „Begierde“), verlassen. Aus diesem Grunde lässt sie sich von dessen Angestellten Ray (John Getz, „Tattoo - Jede große Liebe hinterläßt ihre Spuren“) Richtung Houston chauffieren; während einer Rast kommen sie sich in einem Motel näher. Was sie nicht wissen: Der schon länger misstrauische Julian lässt sie von Privatdetektiv Visser (M. Emmet Walsh, „Blade Runner“) beschatten, der die Bilder des Motel-Schäferstündchens seinem Auftraggeber unter die Nase reibt. Der enttäuschte und wütende Julian setzt Visser als Auftragsmörder auf die beiden an, doch dieser spielt ein falsches Spiel: Er fälscht Beweisbilder seiner vermeintlichen Tat, kassiert den Lohn von Julian – und bringt ihn mit Abbys Revolver um die Ecke, den er zuvor gestohlen hat. Als Ray seinen ehemaligen Arbeitsgeber reglos und blutüberströmt auffindet, glaubt er, Abby habe ihn auf dem Gewissen und schickt sich an, die Leiche zu entsorgen und die Spuren zu beseitigen. Doch Julian ist noch gar nicht tot, er wird von Ray lebendig begraben. Visser indes kehrt an den Tatort zurück, weil er sein Feuerzeug dort vergessen hat…

„Ich liebe dich auch!“ – „Du hast Angst…“

„Blood Simple“ ist eine atmosphärisch dichte Zurschaustellung fast allesamt auf ihre Weise verkommener Charaktere, deren vermeintliche Bauernschläue nicht nur von eigener Doofheit torpediert wird, sondern deren kommunikatives Unvermögen und das selbst heraufbeschworene Misstrauen einen Fallstrick nach dem anderen bereithalten, in die sie das es nicht sonderlich gut mit ihnen meinende Schicksal genüsslich hineinstolpern lässt. Es ist den Coens anzurechnen, dass sie der Versuchung widerstanden, aus diesem Stoff eine Komödie zu stricken. Stattdessen präsentiert sich der Film bierernst und in gedämpfter Stimmung, wie ein Noir eben. Barry Sonnenfeld ließ man sich an der Kamera austoben, der dem düsteren Ambiente einige beeindruckende Bilder und Perspektiven abgewinnt. Carter Burwell liefert eine ungemütliche Geräuschkulisse dazu und die geniale Soul-Nummer „It's the Same Old Song“ der Four Tops zieht sich durch den ganzen Film, als eine Art Erkennungsmelodie des quasi einzigen Vernunftbetonten: Meurice (Samm-Art Williams, „Dressed to Kill“).

Trotz des Mangels an echten Identifikationsfiguren bietet „Blood Simple“ durchaus spannende Unterhaltung, denn er bezieht seinen besonderen Reiz aus dem Wissensvorsprung des Zuschauers, welcher dem Publikum innerhalb der wendungsreichen Handlung gewährt wird. Die ganze kriminelle Farce mündet schließlich in ein Finale, das in seiner grotesken Überzeichnung mit dem Stil des Films bricht und keinerlei Raum mehr für leise Zwischentöne lässt, aber auch karikierend zu wirken droht. Schauspielerisch gibt es nicht viel zu meckern, wenngleich am stärksten Emmet Walsh als verschlagener Fiesling und die ihre erste Kinorolle dominierende Coen-Ehefrau Frances McDormand im Gedächtnis auffallen und der Rest etwas austauschbar wirkt. Somit ist „Blood Simple“ ein respektables, über weite Strecken stilsicheres Debüt, das nicht erst bei genauerer Betrachtung aber etwas arg konstruiert wirkt.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: So 13. Sep 2015, 19:23
von buxtebrawler
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Die teuflische Maske

„Es ist ein lebender Alptraum!“

Der kanadische Horrorfilm „Die teuflische Maske“ aus dem Jahre 1961 ist die zweite und zugleich letzte Regiearbeit Julian Roffmans. Das Besondere an diesem Film ist die Verwendung des klassischen Anaglyphenverfahrens zur Erzeugung eines 3D-Effekts, der mittels blauroter Brillen sichtbar wird und in der Geschichte des Kinos immer mal wieder als Aufmerksamkeit erregendes Gimmick eingesetzt wurde. Eine in herkömmlichem Schwarzweiß-2D gedrehte Handlung wird diverse Male von 3D-Sequenzen unterbrochen, für die der Zuschauer aufgefordert wird, die 3D-Brille aufzusetzen. Angeblich handelt es sich gar um den ersten kanadischen Horror- und einzigen kanadischen 3D-Film.

Michael Radin (Martin Lavut, „Rock & Rule“) arbeitet fürs Museum für Völkerkunde und verfällt unter dem Einfluss einer indianischen Ritualmaske in eine Art Rauschzustand, der verstörende Bilder für ihn bereithält. Dennoch muss er fast zwanghaft immer wieder zur Maske greifen, bis er während eines seiner Horrortrips eine junge Frau ermordet. Er sucht die Hilfe des Psychologen Dr. Allan Barnes (Paul Stevens, „Exodus“) und erinnert sich dunkel an die Untat, klagt über Hypnose durch die Maske - doch der Doktor glaubt ihm nicht. Radin begeht in seiner Verzweiflung schließlich Suizid, schickt die Maske jedoch Dr. Barnes. Dessen Neugierde lässt auch ihn die Maske aufsetzen und ähnliche Schreckensvisionen erleben. Zusammen mit seinem ehemaligen Universitätsprofessor Dr. Quincey (Norman Ettlinger, „The Quest“) möchte er ein wissenschaftliches Experiment in Bezug auf die Maske durchführen...

„Ach, wie grässlich!“

Mit seiner Einführung durch einen Maskensammler erinnert „Die teuflische Maske“ an William Castle und dessen Film-Gimmicks, bevor man direkt Michael Radin kennenlernt, als dieser eine schreiende Frau verfolgt. Nach den in die Handlung einführenden Dialogen ist es schließlich Dr. Allan Barnes, der durch Aufsetzen der Maske die diversen minutenlangen 3D-Parts einläutet, die als Horrortrips ins triebgesteuerte, gewalttätige Unterbewusstsein fungieren und aufgrund ihrer künstlich wirkenden Ausstattung zunächst vielleicht etwas lächerlich wirken, jedoch schnell ihren unwirklichen Charme und ihre psychedelische Wirkung entfalten und für die damalige Zeit mitunter recht herbe Make-Up-Arbeiten und Spezialeffekte bereithalten. Diese Szenen kommen ohne Mono- oder Dialoge aus und verfügen über eine psychotische Klangkulisse mitsamt Frauengeschrei. Die eigentliche Handlung wird mittels etwas unnötig ausgewalzter Füllszenen gestreckt und um den u.a. bei der etwas asiatisch anmutenden Verlobten des Arztes, Miss Albright (Claudette Nevins, „Der Feind in meinem Bett“, in ihrer ersten Filmrolle), ermittelnden Lieutenant Martin (Bill Walker, „Im Bannkreis des Todes“) erweitert.

Die Besessenheit Dr. Barnes’ von der Maske funktioniert als Allegorie auf Wesensveränderung durch Drogenabhängigkeit; nichtsdestotrotz ist „Die teuflische Maske“ natürlich in erster Linie ein Unterhaltungsfilm, dem es gelingt, die bizarren 3D-Szenen als dominantes, ziemlich atmosphärisches Element zu gestalten und somit nicht nur visuell in den Vordergrund treten zu lassen. Versehen mit einem aufgeregten orchestralen Soundtrack wird die Filmrealität zu einem unruhigen Zustand erklärt, der jederzeit durch äußere Einflüsse, die das innere, verborgen geglaubte triebhafte Wesen stimulieren, außer Kraft gesetzt werden kann und dadurch ein beunruhigendes Bild menschlicher Zivilisation vermittelt. So lässt auch der Epilog, der eine Museumsführung zeigt, keinen Zweifel daran, dass das nächste Opfer nicht weit ist.

Aufgrund seines außergewöhnlichen Umgangs mit klassischer 3D-Technik ist „Die teuflische Maske“ ein nicht nur filmhistorisch interessantes, lohnenswertes Vergnügen, an dem insbesondere Freunde skurriler alter Drive-in- und B-Movies ihren Spaß haben dürften.

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Verfasst: Mo 28. Sep 2015, 23:21
von buxtebrawler
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Labor des Grauens

„Meine Theorie über totale Genetik trifft überall zu!“ (Wollt ihrrr die totale Genetik?!)

Die letzte Regiearbeit des hauptsächlich als Kameramann in Erscheinung getretenen Briten Jack Cardiff („Nackt unter Leder“) ist der 1974 veröffentlichte Mad-Scientist-Horrorfilm „Labor des Grauens“, der an eine Mischung aus „Frankenstein“ und Tod Brownings „Freaks“ erinnert.

Professor Nolter (Donald Pleasence, „Halloween – Die Nacht des Grauens“) ist Genforscher und führt diverse illegale Experimente durch, wofür er sich vom missgestalteten Freakshow-Betreiber Lynch (Tom Baker, „Zwei Minuten Warnung“) die menschlichen Versuchskaninchen heranschaffen lässt – welche dieser im Anschluss als verunstaltete Experimentsopfer in seinem Kuriositätenkabinett zur Schau stellt. Nolters jüngstes Vorhaben ist die Schaffung eines Hybrid-Wesens aus Mensch und Pflanze, doch die Opfer beginnen, sich gegen Lynch aufzulehnen…

„Ein Mensch, der Wurzeln schlagen kann!“

Die Eröffnungstitel werden von faszinierenden Bildern im Zeitraffer wachsender Pflanzen unterlegt, danach hält Professor Nolter einen Vortrag über fleischfressende Pflanzen und die Evolution. Wir lernen den entstellten Lynch kennen, der eine bedauernswerte Frau entführt und seine Freakshow in der Stadt leitet. Der Professor verfüttert eine Pflanze an eine andere, nämlich eine Riesenpflanze und schon sind wir mittendrin in diesem herrlich absurden Briten-Sch(l)ocker. Wir dürfen Nolter bei seinem Vorhaben beiwohnen, einen neuen Menschen zu erschaffen, „mit all den wunderbaren Eigenschaften einer Pflanze!“ Cardiff arbeitet neben abgefahrenen Masken und Make-ups mit echten „Freaks“ wie dem kleinwüchsigen Michael Dunn („Mord in der Rue Morgue“), das Drehbuch legt Donald Pleasence wunderbar pseudowissenschaftliche Zeilen in den Mund und geizt auch darüber hinaus nicht mit Dialogen zum Schießen bei gleichzeitig betonter Ernsthaftigkeit. Die holprige Dramaturgie widmet sich zwischenzeitlich einer Studentenclique auf einem Jahrmarktbesuch, die sich auch die Freakshow nicht entgehen lassen will. Einer von ihnen muss ja unbedingt herumschnüffeln, wird dabei geschnappt und muss ebenfalls für Nolters wahnsinnige Experimente herhalten.

Für Füllszenen müssen die „Freaks“ beim Geburtstagfeiern herhalten, entblößte weibliche Oberweiten sorgen für etwas Schlüpfrigkeit und Lynch sucht auch schon mal eine Prostituierte auf („Geben Sie Tanzunterricht?“). Nolters Mensch-Pflanzen-Wesen, das sich als Student Tony (Scott Antony, „Eine todsichere Sache“) entpuppt, muss man mit eigenen Augen gesehen haben (ein Mensch in einem Blätterkostüm), läuft zunächst munter herum und geht schließlich folgerichtig auf seinen Schöpfer los, während in einer Parallelhandlung getreu dem Browning’schen Vorbild die Freaks den Aufstand proben und sich gegen Lynch richten, um ihn letztlich zu, äh, lynchen.

Nein, „Labor des Grauens“ gewinnt sicher nicht viele Blumentöpfe, ist aber eine recht kurzweilige, trashige Variation der Mad-Scientist-Thematik, durchschnittlich bis engagiert geschauspielert und ideenreich genug, um die mangelnde Spannung weitestgehend zu kompensieren – zudem mit einer humanistischen Aussage versehen, die die Grausamkeit vermeintlich normaler Menschen der Menschlichkeit und moralischen Integrität vermeintlich anormaler „Freaks“ gegenüberstellt (wenn auch wiederum konterkariert durch die Rolle Lynchs und die Hoffnung manch „Freaks“, von Nolter operativ behandelt werden zu können). Ein geeichtes Publikum dürfte seine Freude haben, andere wiederum vornehmlich den Kopf schüttelnd zur Kenntnis nehmen, in welch Filmen ihr Dr. Loomis neben der „Halloween“-Reihe sonst so mitgewirkt hat. Ein charmanter, unfreiwillig komischer Halloween-Spaß, der u.a. mit kruden Kostümen und Masken punktet, seine Actionszenen jedoch oft leider nur andeutet. Dennoch attestiere ich Cardiff den grünen Daumen, während meiner schräg nach oben deutet.