bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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buxtebrawler
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Crystal Lake Memories: The Complete History of Friday the 13th

Der US-Amerikaner Daniel Farrands hat sich mit dem Drehen von TV-Beiträgen und DVD-Bonusmaterial als Dokumentar des Horrorfilm-Genres empfohlen. Mit seinem TV-Dokumentarfilm über die „Freitag, der 13.“-Slasher-Reihe, „His Name Was Jason: 30 Years of Friday the 13th“ aus dem Jahre 2009 sprengte er sowohl stilistisch als auch was die Länge (rund eineinhalb Stunden) betraf, den Rahmen üblichen Bonusmaterials, so dass der Film eigenständig auf DVD ausgewertet wurde. Möglicherweise durch das starke Interesse motiviert, veröffentlichte er ein Jahr später die ultimative Dokumentation der „A Nightmare on Elm Street“-Reihe „Never Sleep Again: The Elm Street Legacy“, die er zusammen mit Andrew Kasch realisiert hatte und es auf sage und schreibe vier Stunden Spielzeit brachte! In liebevoller Detailarbeit wurde jeder einzelne Film genauestens betrachtet und so ein neuer Maßstab in Sachen Horrorfilm-Doku gesetzt. Wiederum ein Jahr später widmete er sich der „Scream“-Reihe, bevor er mit den „Crystal Lake Memories: The Complete History of Friday the 13th“ 2013 noch einen draufsetzte und über sechseinhalb Stunden lang (!) die Filmreihe um Horror-Ikone Jason Voorhees behandelte. Damit spendierte er seinem eigenen „His Name Was Jason“ nicht nur ein Upgrade, das sich gewaschen hat, sondern bewies, dass nicht nur Interesse an über etwas Bonusmaterial hinausgehenden Dokumentationen über spezielle Filme besteht, sondern diese mitunter auch spannender sein können, als manch in ihr abgehandelter Film selbst.

Wie schon bei „Never Sleep Again“ besteht der Film größtenteils aus O-Tönen von an den Filmen unmittelbar Beteiligten, von Produzenten über Regisseure und Schauspieler bis hin zu Spezialeffekt-Künstlern (wie dem einst durch „His Name was Jason“ geführt habenden Tom Savini) und weiteren in irgendeiner Form Mitverantwortlichen. Jeder einzelne Film der Reihe bis hin zum Remake/Reboot wird ausführlich behandelt und analysiert, so dass auch Freaks, die glaubten, bisher alles zu wissen, mit Sicherheit die eine oder andere neue Information aufschnappen werden können. Man geht sehr in die Tiefe und vernachlässigt auch die Interpretationen der Filme nicht, die psychologischen Hintergründe und Auswirkungen, versucht sich an Erklärungen für den überraschenden Erfolg bereits des ersten Teils aus dem Jahre 1980, der unter der Regie Sean S. Cunninghams entstand und zum Kult avancierte. Stilecht beginnt Farrands seinen Film mit der Erzählung der Jason-Legende am Lagerfeuer, bevor sich die Fundgrube öffnet und sich das Füllhorn über den Fan oder Interessierten ergießt. Dabei werden durchaus und löblicherweise auch kritische Töne angeschlagen, zu keiner Sekunde verkommen die „Crystal Lake Memories“ zu einer Promo-Lobhudelei. Man ist sich der Schwächen und Inkonsequenzen manch Films der Reihe bewusst und spricht diese offen an. Häufig waren diese zumindest zum Teil auch den Problemen mit der Zensur geschuldet, was ebenso Bestandteil der Analyse ist wie entwaffnend ehrliche Aussagen manch Regisseurs, beispielsweise Rob Heddens, der die eine oder andere Unlogik seines achten Teils zugibt. Sogar der ursprünglich für die Rolle Seans aus jenem Teil vorgesehene Schauspieler äußert sich vor laufender Kamera.

Auffallend ist, wie sympathisch doch die meisten der mit den Filmen in Verbindung Gebrachten wirken, wie überrascht und dankbar zugleich sie bisweilen auf das nicht abnehmende Interesse an ihren Personen reagieren und wie sie zur Selbstironie fähig sind. So lernt man nach und nach fast die gesamte „Freitag, der 13.“-Familie kennen, ein wildes Sammelsurium unterschiedlichster Charaktere, denen gemein ist, dass sie sich durch die Filmreihe einen Platz in den Herzen der weltweiten Horror-Gemeinschaft erspielt und dadurch unsterblich gemacht haben. Doch Farrands geht sogar noch ein paar Schritte weiter, indem er sich die in Deutschland als „Erben des Fluchs“ gelaufene TV-Serie „Friday the 13th“ vorknüpft und auch hier ein differenziertes, kritisches Bild zeichnet. Damit nicht genug, im Zuge des „Freddy vs. Jason“-Spin-Offs mit seiner langen, komplizierten Entstehungsgeschichte bekommen auch Projekte wie die „Freddy vs. Jason vs. Ash“-Comics ihren Raum in dieser Dokumentation. Anrührende Momente sind es, wenn der langjährige Jason-Darsteller Kane Hodder noch immer damit hadert, nicht für „Freddy vs. Jason“ verpflichtet worden zu sein oder wenn der Film verrät, welche Interviewpartner mittlerweile leider verstorben sind. Umso wertvoller erscheint da diese Kompilation, die sich dementsprechend sowohl aus aktuellem als auch älterem Material zusammensetzt und hier und da auch auf bereits z.B. aus „His Name Was Jason“ Bekanntes zurückgreift. Ein paar Namen wie Kevin Bacon oder Crispin Glover jedoch fehlen leider auch weiterhin insofern, als man sie nicht persönlich für die Teilnahme gewinnen konnte.

Als besonderer Leckerbissen für Fans entpuppen sich die neben den zahlreichen Filmausschnitten eingestreuten alternativen (unrated) Szenen und Enden, Outtakes und Bilder von den Dreharbeiten, wenngleich leider vieles, was seinerzeit dem Schneidetisch zugunsten der Ratings zum Opfer fiel, schlicht unwiederbringlich verloren scheint. Ein kleiner Fehler hat sich eingeschlichen, als „The Texas Chainsaw Massacre“ als Mutter aller Slasher-Filme bezeichnet wird, aber ansonsten habe ich nur wenig zu bekritteln, außer vielleicht, wie bereits bei „Never Sleep Again“, dass man gern stärker auf Conventions, jene Kultstätten des treuen und loyalen Horror-Publikums, hätte eingehen dürfen, wie es beispielsweise die sehr empfehlenswerte „Halloween“-Filmreihen-Dokumentation „25 Years of Terror“ tat – schließlich sind dies die Orte, an denen Schauspieler und Fans über Jahre hinweg Kontakt halten und die Horror-Gemeinschaft ihren Idolen und Lieblingen regelmäßig Ehre erbietet und ihnen das Gefühl vermittelt, niemals vergessen zu werden. Mit einem netten, an den Prolog anknüpfenden Epilog schließt Farrands seine „Crystal Lake Memories“, in denen tatsächlich fast alles gesagt worden sein dürfte, was es zum Thema zu sagen gibt. Ein Denkmal epischen Ausmaßes, dessen exorbitante Laufzeit wie im Flug vergeht! Dennoch bleibt zu hoffen, dass Jason auch dadurch seinen Frieden noch nicht gefunden hat und wir weitere gelungene Fortsetzungen werden genießen dürfen.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Kahlschlag

„Wer hat dich denn die Treppe runtergestoßen?!“ – „Niemand – ich kann schon allein fallen!“

„Kahlschlag“ ist ein öffentlich-rechtlich produzierter Fernsehfilm aus dem Jahre 1993, der sich mit dem zunehmenden Rechtsradikalismus Jugendlicher in der Nach-Wende-Zeit auseinandersetzt. Regie führte der gebürtige Brasilianer Hanno Brühl, der damit nach „Sehnsucht“ seinen zweiten Spielfilm ablieferte.

Der Jugendliche Robin (Björn Jung, „Rembrandt“), Sohn von getrennt lebenden Eltern, der mit seiner Mutter (Angelika Zielcke, „Der Kommissar“) und seiner kleinen Schwester zusammenlebt und noch zur Schule geht, hat mit typischem Teenager-Frust zu kämpfen, ist ein pickliger Typ mit Scheißfrisur. Er beobachtet als Außenstehender, wie ein paar seiner Mitschüler (u.a. Willi Herren, „Lindenstraße“) sich dem Rechtsradikalismus verschreiben. Als er eines Tages von türkischstämmigen Jugendlichen abgezogen wird, vollzieht er einen folgenschweren Schritt: Er rasiert sich den Schädel kahl, glaubt, damit ein Skinhead zu sein und schließt sich den örtlichen Neo-Nazis an…

„Die türkische Übermacht!“

Als in den Jahren nach der deutschen Wiedervereinigung der radikale Rechtsextremismus sprunghaft anstieg und immer mehr Jugendliche zu „Nazi-Skins“ mutierten, jener insbesondere durch ihre Gewalttätigkeit aufgefallenen Perversion der ursprünglichen Skinhead-Subkultur, gab es die verschiedensten Formen des Umgang mit diesem Phänomen seitens der Bildungsbürgerschaft, bis es schließlich auch in Form von TV-Spielfilmen aufgegriffen wurde – oft von Menschen, denen jeglicher Einblick in die Szene fehlte. Häufig übte man sich in einem Betroffenheitsspagat zwischen Verharmlosung und Dämonisierung, verarbeitete diverses Halbwissen und Klischees, die man aufgeschnappt hatte und bewies letztlich, dass man kaum Ahnung von der Materie hatte. Drehbuchautor Dieter Bongartz debütierte mit „Kahlschlag“ und lieferte zumindest einige gute Ansätze. So zeigt er zum einen die scheinbare Selbstverständlichkeit, mit der seinerzeit Nazi-Skins zum öffentlichen Bild in einigen deutschen Städten gehörten und mit der diese auf provokante Weise ihre Positionen vertraten. Auf diese Weise kommt Robin mit ihnen in Berührung, lernt sie als ein kultiviertes Außenseitertum kennen, mit deren Hilfe er sich aus seiner Opferrolle zu befreien erhofft und gleichzeitig auf sich aufmerksam machen, Eltern, Lehrer, Mitschüler etc. mit unreflektierter Ausländerfeindlichkeit provozieren und verstören kann – als Befreiungsschlag aus der Tristesse und durchaus mit Erfolg.

Bongartz und Brühl verwenden „Skinhead“ wie so viele damals als Synonym für Neo-Nazis mit kurzen Haaren und einem bestimmten Dresscode, vermutlich ohne es selbst besser gewusst zu haben. Dass Robin den modischen Fauxpas begeht, seine Hose gleich doppelt mit Gürtel und Hosenträgern zu sichern und darüber hinaus so überhaupt keine Ahnung vom Kult, dessen Musik etc. hat, liefert jedoch ein gar nicht einmal unrealistisches Bild von damaligen Szeneeinsteigern. Robin geht es ums Schockieren mittels Radikalität, um die totale Provokation. Mit seinen „Kameraden“ zieht er nun selbst Leute ab, sie beschmieren Wände mit Parolen, saufen Hansa-Pils aus Dosen – und lassen sich bereitwillig von älteren Nazi-Kadern infiltrieren und rekrutieren, die sich ob solcher noch formbarer junger Menschen diebisch die Hände reiben. So gerät Robin neben Partys, auf denen Pogo zur Naziband „Skrewdriver“ getanzt wird, in die Fänge der Scheitelnazis Bernd und Fritz, die ihn und seine Kumpel ideologisch indoktrinieren, zum Wehrsport treiben und mit Waffen ausstatten. Robins Freundin Claudia (Miriam Rosenstiel) hat sich von ihm abgewandt, er bändelt nun mit Mascha (Natascha Bonnermann, „Dr. Mad – Halbtot in weiß“), einem Mädchen aus der Nazi-Szene, an. Nachdem eine Prügelei mit Türken verlorenging (was der Film leider nicht zeigt), bläst man mit der ganzen Bande zum Überfall auf ein Jugendzentrum, „Oi! Oi! Skinhead, get your hair cut!“ skandierend (was ziemlicher Blödsinn ist, stammt das Zitat doch von der eindeutig nichtfaschistischen Band The Last Resort) und Mollies werfend. Eine Massenschlägerei mit den Besuchern des JUZ entbrennt, u.a. mit einer weiblichen Judo-Gruppe (!), die Bullen rücken an und stellen sich dazwischen, die Glatzen hauen ab.

Hier installiert „Kahlschlag“ nun den Punkt, an dem Robin umzudenken beginnt, denn beim Angriff wurde ein kleines Mädchen von Leuchtmunition getroffen. Robin bekommt Gewissensbisse, möchte wissen, wie es dem Opfer geht und bricht schließlich mit seinen „Kameraden“ – was zur Folge hat, dass sie nach seiner körperlichen Unversehrtheit trachten, sogar als er nach einem Verkehrsunfall auf einem geklauten Motorrad, bei dem unklar bleibt, ob es sich um einen Selbstmordversuch handelte, schwerverletzt im Krankenhaus landet. So zeichnet „Kahlschlag“ einen sicherlich nicht gänzlich an den Haaren herbeigezogenen Ein- und Ausstieg aus der Naziszene nach, die anfänglichen Bilder eines als unbefriedigend und trist empfundenen Alltags erzeugen durchaus eine gewisse Wirkung und die Familiensituation – alleinerziehende Mutter, getrennt lebender Bonzen-Vater (Wolfgang Kraßnitzer, „Unter Wölfen“), der seine Kinder nicht bei sich haben möchte – ist sicherlich eine alles andere als einfache und Geborgenheit spendende. Wenngleich die Darstellung der Faschisten bestimmt nicht ohne Überzeichnung auskommt, weist sie dennoch ausreichende Parallelen zur Realität auf. Offenbar hatte man sich diesbzgl. einige Informationen eingeholt; Nazi-Fritz als trotz seiner Ideologie Homosexuellen zu zeigen, der die Anwesenheit junger Knaben genießt, dürfte inspiriert worden sein von Michael Kühnen oder anderen schwulen Nazis. Das Happy End wurde sogar mit einem nachdenklichen, fast melancholischen Moment versehen. Die Glaubwürdigkeit der exemplarisch konstruierten Handlung leidet jedoch unter den mitunter laienhaften Darstellern. „Kahlschlag“ verzichtet derweil interessanterweise auf jegliche Erklärungsversuche, weshalb die Nazi-Ideologie so hanebüchen und hirnrissig ist, scheint in erster Linie lediglich die körperliche Gewalt zu verurteilen. Alternative, wirkliche Subkultur wie den wahren Skinhead-Kult, (Oi!-)Punk oder meinetwegen auch ganz etwas anderes bietet der Film zudem überhaupt nicht an, was indes kaum ein solcher Film tut und ich auch nicht erwartet habe, da dies vermutlich über den Horizont der Filmemacher hinausgegangen wäre. Inwieweit „Kahlschlag“ eine pädagogische Wirkung bei gefährdeten Jugendlichen oder bereits in die Szene eingetauchten Mitläufern zu erzielen in der Lage ist, sei daher einmal dahingestellt. Unterm Strich also lediglich ein durchschnittlicher Film, der sich wenigstens an seiner Thematik nicht gänzlich die Finger verbrennt. Für die Filmmusik zeichnet übrigens Piet Klocke verantwortlich, aber, nein, er hat keine RAC-Songs komponiert...
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My Name is Bruce

„Ich fahr niemanden, der Bruce nicht mag!“ – Fanboy Jeff

Horrorfilm-Ikone Bruce Campbell, Kult-Darsteller seit „Tanz der Teufel“, verfilmte nach seinem Spielfilm-Regiedebüt „The Man With The Screaming Brain“ im Jahre 2007 höchstpersönlich ein Drehbuch Mark Verheidens, das Bruce Campbell nicht minder persönlich zur Hauptrolle einer B-Horrorkomödie macht und den Schauspieler Campbell ein selbstironisches und mit zahlreichen Zitaten seines Schaffens gespicktes Abenteuer bestehen lässt.

Gold Lick, ein verschlafenes kleines US-Dorf. Vier Jugendliche stören die Totenruhe auf dem chinesischen Friedhof, wo die Opfer eines furchtbaren Minenunglücks von vor 140 Jahren begraben liegen und über den der chinesische Geist des Krieges und Beschützer der Toten Guan Di seither wacht. Als die Teenies den Dämon versehentlich erwecken, greift dieser sofort zum Säbel und macht kurzen Prozess mit den Störenfrieden. Lediglich Jeff (Taylor Sharpe), ein Horrorfilm-Nerd und Die-hard-Bruce-Campbell-Fan, kann sich retten und vermittelt den Dorfbewohnern, dass nur Bruce Campbell das Dorf würde retten können. Dieser ist in Wirklichkeit jedoch nicht einmal halb so heldenhaft wie in seinen Filmen, vielmehr ein abgewrackter Schauspieler in C-Produktionen, der permanent pleite ist und ein Alkoholproblem hat. Als man ihn mit unsanften Methoden nach Gold Lick entführt, wähnt er sich zunächst in einem Scherz seines Managements, einer Art Überraschungsparty für ihn – bis er erkennen muss, dass Guan Di blutigen Ernst macht…

„Du hast wieder aus dem Hundenapf getrunken, oder?“

Der leicht an „Galaxy Quest“ erinnernde „My Name is Bruce“ ist eine herrlich (selbst-)ironische Satire nicht nur auf Bruce Campbell und die Rollen, mit denen er von seinen Fans in Verbindung gebracht wird, sondern auch auf die ganze Branche und das Publikum, seine Fans. Letztere fanden seine letzten Filme natürlich scheiße und gehen ihm auf die Nerven, während er sich mit einer weiteren Billigst-Horror-Produktion herumschlagen muss und zu Realitätsverlust inkl. Selbstüberschätzung neigt. Er lebt, geschieden von seiner Frau, in einem Wohnwagen und sogar sein Hund ist Alkoholiker. Die Suffszene ist seinem Wohnwagen ist ein Höhepunkt des Slapsticks, die Dialoge strotzen nur so vor Witz und eine Vielzahl von Branchenklischees wird kräftigst durch den Kakao gezogen.

„Exaltiertheit geht oft mit wahrer Größe einher!“

Dieser Bruce Campbell trifft nun also erst auf seinen vielleicht größten Fan, dessen Zimmer der reinste Campbell-Verehrungs-Schrein ist und im Anschluss auf die Dorfgemeinschaft, die ihre Hoffnungen in ihn legt. Es kommt natürlich unweigerlich zum Aufeinanderprallen unterschiedlichster Kulturen, doch statt sich wenigstens freundlich zu verhalten, lässt Bruce es kräftig krachen, gibt sich selbstgefällig und arrogant und gräbt Jeffs Mutter (Grace Thorsen) an. Das ist alles irrsinnig komisch, bietet reichlich Situationskomik und lässt sich Campbell in seiner Rolle als Arschloch bestens austoben, der sie mit sichtlicher Hingabe ausfüllt. Guan Di wiederum wurde bewusst trashig gestaltet, ein klappriger alter Zausel mit bedrohlich leuchtenden Augen. Er lässt ein paar Köpfe rollen, in splatterige Dimensionen verfällt der Film jedoch nicht.

„Sie sind der schlechteste Mensch, der mir je begegnet ist!“

Nach hinten raus schwächelt „My Name is Bruce“ ein bisschen, als Bruce tatsächlich helfend einschreitet, dafür bietet sich jedoch die Gelegenheit, typisches Filmpathos zu verballhornen, die natürlich nicht ungenutzt bleibt. Und wenn am Schluss quasi ein alternatives Ende nach dem anderen angeboten wird, bleibt kein Auge trocken. Durch den mit zahlreichen Insider-Gags – was besonders tatsächliche Campbell-Fan-Boys erfreuen wird – gespickten Film führen zwei Hillbilly-Musiker, die immer mal wieder die Titelmelodie zum Besten geben, zahlreiche mehr oder weniger bekannte Gesichter aus Campbell-Filmen haben Gastauftritte und Ted Raimi derer sogar gleich drei! Ja, mit „My Name is Bruce“ verarscht Campbell gewissermaßen sein gesamtes Lebenswerk. So viel Selbstironie muss man einfach gern haben. Meinen Humor jedenfalls hat der Film auf den Punkt getroffen und er dürfte für Campbell-Fans ebenso geeignet sein wie als Einstieg in Campbells Filmografie.
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After.Life

„Ich will nicht tot sein!“

Das US-Mystery-Drama mit Thriller-und Horror-Anleihen „After.Life“ aus dem Jahre 2009 ist das Regiedebüt der Polin Agnieszka Wojtowicz-Vosloo und bis dato offenbar ihre einzige Regiearbeit. Mit Christina Ricci und Liam Neeson konnte sie auf namhafte Schauspieler für ihren Film zurückgreifen, in dem es buchstäblich um Leben und Tod geht und dessen Drehbuch sie zusammen mit Paul Vosloo und Jakub Korolczuk verfasste.

„Ihr glaubt, weil ihr atmet, pisst, scheißt, seid ihr am Leben!? Ihr klammert euch ans Leben, als wäre euer Leben es wert, sich daran zu klammern!“

Nachdem sie sich mit ihrem Freund Paul (Justin Long, „Jeepers Creepers“) gestritten hat, steigt die junge Lehrerin Anna (Christina Ricci, „Monster“) ins Auto und erleidet einen schlimmen Autounfall, der sie auf den Tisch des Bestatters Eliot (Liam Neeson, „Darkman“) befördert. Dort erwacht sie und bekommt mit, wie Eliot sie für die Beerdigung herzurichten beginnt. Anna glaubt, noch am Leben zu sein, doch Eliot versucht ihr beizubringen, dass sie tot sei und sich in einer Übergangsphase zum Jenseits befände. Er habe die seltene Gabe, mit den Toten in dieser Phase sprechen zu können und sie solle akzeptieren, tot zu sein. Anna jedoch glaubt ihm kein Wort und versucht, aus dem Bestattungsinstitut zurück in die Welt der Lebenden zu gelangen…

„Warum sterben wir?“ – „Um das Leben wichtig zu machen!“

Der in eine passend zum Ambiente klinisch-unterkühlte Optik gebettete Film stellt den Zuschauer vor das Rätsel, ob Anna wirklich tot ist und es einfach nicht akzeptieren will oder Opfer eines psychopathischen Entführers in Person Eliots geworden ist, der sie gegen ihren Willen festhält und ihr lediglich einzureden versucht, längst gestorben zu sein. Nacheinander präsentiert „After.Life“ eine Reihe von Indizien und Hinweisen, die mal für die eine, mal für die andere Theorie sprechen und bringt dabei noch Annas Mutter (Celia Weston, „Hearts in Atlantis“) ins Spiel, die Annas Freund Paul die Schuld am Tod ihrer Tochter gibt. Paul hat Alpträume, in denen ihm Anna nackt unter Dusche begegnet – ihr pochendes Herz in der Hand vor ihrem aufgetrennten Körper haltend. Er leidet sehr unter ihrem Tod und will ihn nicht wahrhaben. In seinen Hoffnungen, dass Anna noch leben könnte, bestärkt ihn ihr ehemaliger Schüler Jack (Chandler Canterbury, „Der seltsame Fall des Benjamin Button“), dessen Rolle jedoch wie so einiges in „After.Life“ irgendwie skizziert bleibt, nicht ausgereift wirkt und offenbar lediglich bestimmte Funktionen erfüllen soll.

„Ihr sagt alle, ihr habt Angst vor dem Tod. Aber in Wahrheit habt ihr Angst vor dem Leben.“

So vermittelt „After.Life“ einerseits eine düster-romantische Vorstellung von über den Tod hinausgehender Liebe und ruft andererseits – in der Aussage ähnlich wie die „Saw“-Reihe, in der Wahl der Mittel jedoch anders – dazu auf, sein Leben nicht zu vergeuden, sich seines Werts bewusst zu werden und es positiv zu gestalten. Kombiniert wird beides miteinander von der Tragik, dass Anna erst nach ihrem Unfall und ihrem mutmaßlichen Tod erkennt, wie sehr sie Paul liebt und wie ungerecht sie ihn behandelt hat. Mit einer zwischenzeitlichen Wendung scheint „After.Life“ den Beweis anzutreten, dass Anna Recht hat und tatsächlich von einem Wahnsinnigen mithilfe diverser Medikamente für ihre Egozentrik, ihren Narzissmus bestraft wird, was unverständlicherweise jedoch nicht vertieft wird. Stattdessen präsentiert man dem Zuschauer ein Ende, das betont offen lässt, ob Anna nun tot oder lebendig war. Daraus ergeben sich doch einige Logiklücken, vom Ärger über die Unentschlossenheit des Films, der damit leider zu einer recht langwierigen und inkonsequenten Angelegenheit gerät, einmal ganz abgesehen.

Dafür gibt die Ricci aber eine sexy Leiche ab, ist sie doch die meiste Zeit über unbekleidet. Neben der bereits erwähnten überraschend blutigen Duschszene lockern zudem weitere Momente die langsame, sterile Erzählweise auf, beispielsweise Annas gruselige Konfrontation mit einer alten, ebenfalls (un)toten Frau, die plötzlich zu ihr spricht. Liam Neeson bildet einen idealen Gegenpol zu Christina Ricci und hat etwas von einer verständnisvollen, doch auch strengen Vaterfigur. Justin Long hingegen empfinde ich als eher austauschbar. Unterm Strich somit ein nicht uninteressanter, wenn auch nicht wirklich origineller Ansatz für einen Mystery-Thriller, dessen Regisseurin viel von Bildästhetik und Stil versteht und der mit seinen beiden Hauptdarstellern Ricci und Neeson durchaus Filmvergnügen bereitet, das Wojtowicz-Vosloo jedoch mitsamt ihren Co-Autoren mit ihren erzählerischen Schwächen leider torpediert.
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Ein Engel für den Teufel

„Ich bin ein großer Freund von Legenden, aber ich glaube nicht an Flüche!“

Das vorletzte Werk im Leben des italienischen Regisseurs Camillo Mastrocinque („Vorbestraft!“) wurde das noch komplett in Schwarzweiß gedrehte Gothic-Gruseldrama „Ein Engel für den Teufel“ aus dem Jahre 1966, das die Hauptrollen mit Barbara Steele („Die Stunde, wenn Dracula kommt“) und Anthony Steffen („Die blutigen Spiele der Reichen“) besetzen konnte.

Italien, gegen Ende des 19. Jahrhunderts: Restaurator Roberto Merigi (Anthony Steffen) wird in ein Dorf gerufen, um eine Statue zu restaurieren, die man kurz zuvor aus dem See gefischt hat. Die Statue zeigt eine Vorfahrin der Montebrunos, die noch immer die Villa in der Nähe des Sees bewohnen. Um die Statue rankt sich eine ebenso gruselige wie tragische Geschichte: Die Cousine der abgebildeten Montebruno war seinerzeit in den Bildhauer verliebt, welcher sie jedoch abwies. Voller Wut und Trauer verfluchte sie die örtlichen Männer und stürzte die Statue in den See, wobei sie unabsichtlich selbst den nassen Tod fand. Aus diesem Grund betrachten die abergläubischen Dorfbewohner den Fund mit Argwohn und Angst. Kurz nach seiner Ankunft lernt Merigi die Montebruno-Nachfahrin und -Erbin Harriet (Barbara Steele) kennen, die gerade aus England eingetroffen ist und der Statue zum Verwechseln ähnlich sieht. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen, denn er verliebt sich in sie – während eine unheimliche Mordserie über das Dorf hereinbricht und Harriet eine gespaltene Persönlichkeit zu entwickeln scheint. Sie treibt einen Mann nach dem anderen in den Wahnsinn, indem sie auf dominante Weise Spielchen mit ihnen treibt und sich zeitweise selbst Belinda nennt. Steht sie unter dem Eindruck von Belindas Geist? Wurde der Fluch grausame Realität?

In bemüht klassischem Schwarzweiß-Gothic-Look entfaltet Mastrocinque die Handlung erzählerisch etwas dröge und unnötig sperrig, lässt Barbara Steele jedoch als manipulatives Weibsbild brillieren. Ihre (angedeuteten) sexuellen Handlungen sprengen dabei manch moralischen Rahmen und überschreiten bisweilen gar die Grenze zum Sadomasochismus – als habe Mastrocinque den Genre-Rahmen gewählt, um mehr oder weniger versteckt sexuelle Grenzen auszuloten und Geschlechterklischees zu torpedieren, so kurz, bevor die sexuelle Revolution ihren Weg auch in die Lichtspielhäuser fand. Dieses interessante Spiel mit den Befindlichkeiten des Publikums ist gleichzeitig die Krux des Films, denn angesichts dessen, was nur kurze Zeit später in den schönsten Farben möglich wurde und vom Zelluloid flimmerte, wirkt „Ein Engel für den Teufel“ doch reichlich altbacken und wie ein Relikt aus vergangener Zeit.

Das ist es natürlich auch und sollte gerade bei in vergangenen Jahrhunderten angesiedeltem Gothic-Grusel kein Problem darstellen, doch verlässt sich Mastrocinque indes sehr auf die Steele, ihre ausdrucksreiche Erscheinung und auf verschämte Weise auf ihren Erotik-Faktor, so dass kaum Raum für andere Stilelemente bleibt. Billige Effekthascherei mit einem künstlich wirkenden Gewitter, das mit verdammt hoher Blitzfrequenz immer wieder aufzieht, aber niemanden zu beeindrucken scheint, jedenfalls bewirkt eher das Gegenteil des gewünschten Ergebnisses. Anthony Steffen einmal als Schönling, dem die Damenwelt scheinbar zu Füßen liegt, zu erleben, ist hingegen eine willkommene Abwechslung.

Die betont langsame Erzählweise mit ihrem Rätselraten um den tatsächlichen Zustand Harriets und die Identität des Mörders steht im Kontrast zur hohen Geschwindigkeit, mit der das Rätsel am Ende gelöst wird, was dem Film dramaturgisch nicht sonderlich gut tut und ihn zudem ein gutes Stück weit vom Gothic-Grusel abrücken und in Richtung Giallo tendieren lässt. Rechne ich Stärken und Schwächen des Films gegeneinander auf, komme ich auf glatten Durchschnitt und glaube, dass „Ein Engel für den Teufel“ ein durchaus ambitionierter Film war, an dem der Zahn der Zeit kräftig genagt hat. Barbara-Steele-Fans allerdings dürfte Mastrocinques Film große Freude bereiten!
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Avanaida - Todesbiss der Satansviper

B-Movie- und TV-Serien-Regisseur William Fruet („Schreie der Nacht“) machte sich im Jahre 1983 daran, den Roman „Death Bite“ von Michael Maryk und Brent Monahan zu verfilmen und das Subgenre des Tierhorrors damit um einen weiteren Beitrag zu bereichern. Das Ergebnis ist der kanadisch produzierte Schlangenhorrorfilm „Avanaida – Todesbiss der Satansviper“, im Original schlicht „Spasms“ betitelt.

Auf einer tropischen Insel treibt alle sieben Jahre eine Riesenschlange ihr Unwesen die von den Eingeborenen vergöttert wird. Großwildjäger Kincaid (Oliver Reed, „Die Teufel“) überlebte einst den Biss des Untiers, steht seither jedoch in einer Art telepathischer Verbindung mit dem Reptil. Um seine Besessenheit von dem Tier zu beenden, lässt er es einfangen und nach Kanada bringen. Mithilfe des Psychologie-Professors Brasilian (Peter Fonda, „Easy Rider“) will er die Schlange untersuchen, doch diese entkommt und wütet fortan im urbanen Kanada…

„Avanaida - Todesbiss der Satansviper“ hat viele gute und spannende Ansätze und geizt auch nicht mit bekannten Namen, angefangen bei Top-Charaktermime Oliver Reed über „Easy Rider“ Peter Fonda bis hin zu Spezialeffektkünstler Dick Smith, der Fruet mit seinen Diensten zur Seite stand, und „Tangerine Dream“, die für die musikalische Untermalung sorgten. Dennoch merkt man dem Film mindestens an, dass es budgetbedingte Probleme gab, wobei ich sicherlich nicht meinen Allerwertesten darauf verwetten würde, dass nicht auch schon das Drehbuch so seine Schwächen aufwies und Fruet als Regisseur nicht gerade seine inspiriertesten Momente hatte. Den zugrunde liegenden Roman kenne ich zwar nicht, doch die Handlung um ein exotisches Riesenschlangenwesen, das sich alle Jubeljahre auf Nahrungssuche begibt und um den ein heidnischer Kult entstanden ist, klingt doch erst mal nach dem Stoff, aus dem zünftige Horrormythen gemacht sind. Doch bereits wie man das Ungetüm überhaupt einfangen konnte, verschweigt man uns geflissentlich.

Interessant sind die Point-of-View-Shots aus subjektiver Schlangenperspektive, die in einen graublauen Filter getaucht wurden und richtig sehen lassen können sich erwartungsgemäß die Spezialeffekte, die u.a. die Körper der Schlangenbissopfer aufblähen lassen. Man lässt es sich auch nicht nehmen, die Schlange in einer Frauen-WG wüten und sich ein Nackedei-Opfer unter der Dusche schnappen zu lassen. Schade um sie, denn die Damen bewiesen mittels eines „The Texas Chainsaw Massacre“-Filmplakats Geschmack bei der Innendekoration. Weitere Randale schiebt unsere „Satansviper“ in einem Labor und einem Gewächshaus, erstmals richtig zu Gesicht bekommt man sie aber erst in der finalen Konfrontation – an die ein etwas sehr abruptes Ende anknüpft. Eine Kopfzerplatzung wurde angekündigt, wird dem Zuschauer aber leider vorenthalten. Möglicherweise handelt es sich hierbei jedoch um einen Zensurschnitt. Der mit „Venom“ bereits schlangenerprobte Oliver Reed überzeugt einmal mehr in seiner Rolle als Getriebener und versieht sie mit einer gewissen Inbrunst, sein Kollege Fonda hingegen bekommt den Kragen seiner Blouson-Jacke einfach nicht in den Griff und wirkt auch sonst nicht gerade übermotiviert, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Alles in allem ein durchaus unterhaltsamer Beitrag zur ’80er-Tierhorror-Sparte mit einigen netten bis richtiggehend gelungenen visuellen Gimmicks, aber leider auch eine dramaturgisch wie inhaltlich recht zerfahrene Angelegenheit.
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Der Rattengott

Was auch in den Staaten des Warschauer Pakts zu Zeiten des Kalten Kriegs an Beiträgen zum phantastischen Film möglich war, beweist eindrucksvoll u.a. die jugoslawische Produktion „Der Rattengott“ von Krsto Papic aus dem Jahre 1976. Der zunächst einmal dem Horror-Genre zuzurechnende Spielfilm basiert auf der Kurzgeschichte „Der Rattenfänger“ des Russen Alexander Grin, die er 1924, also zwischen beiden Weltkriegen verfasste. Ohne sie gelesen zu haben, glaube ich zu wissen, dass sie kafkaesk bis surreal, dabei metapherreich ihren Erzähler vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Zusammenbruchs seiner Nation eine Schar humanoider Rattenwesen im Verborgenen beobachten lässt, die es, als sie ihn bemerkt, auf ihn abgesehen hat, was i.d.R. als Parabel auf den aufkeimenden Faschismus interpretiert wird. Im Zusammenhang mit Papics Film ist vor allem wichtig, dass dieser sich maximal bis zur Hälfte an Grin orientiert und im Anschluss die Geschichte eigenständig weiterspinnt:

Der erste Weltkrieg ist vorüber, europäische Staaten stecken in einer Wirtschaftskrise, das Geld ist entwertet. Von seinem künstlerischen Schaffen als Dichter kann Ivan Gajski (Ivica Vidovic, „Wenn die Glocken läuten“) nicht leben, so dass er gezwungen ist, selbst seine letzten Bücher zu verschachern. Dabei lernt er Sonja Boskovic (Mirjana Majurec, „Tale“) kennen, die Tochter Professor Boskovics (Fabijan Sovagovic, „Am Berg wächst eine grüne Fichte“). Als er sich auf einer Parkbank zur Ruhe betten will, erfährt er vom Nachtwächter, dass er in der verlassenen Zentralbank nächtigen könne. Dort wird er Zeuge einer geheimen Zusammenkunft, die sich um ein festliches, dekadentes Bankett versammelt hat. Er lauscht den Gesprächen und erfährt, dass man die Ermordung Professor Boskovics plane. Er wird entdeckt, kann aber entkommen und tritt eine Stelle als Professor Boskovics Assistent an. Dieser teilt sein Wissen mit ihm, das er aus dem jahrhundertealten Buch „Das Vermächtnis des Rattenkönigs“ bezog: Ratten würden sich in Menschen verwandeln, um sich die Welt untertan zu machen. Aus diesem Grunde arbeitet er an einem Mittel, um die Rattenmenschen zu enttarnen – doch just, als seine Experimente zum gewünschten Erfolg führen, wird er ermordet. Ivan sucht den Bürgermeister auf und berichtet ihm von all dem, da er glaubt, in ihm einen Vertrauten zu haben. So macht er sich auf, die Invasion der Rattenmenschen zu durchkreuzen…

Der unschwer zu erkennende Parallelen zum Paranoia-Science-Fiction-Kino à la „Die Dämonischen“ aufweisende Film funktioniert zunächst wie eine Allegorie auf politische Rattenfänger (ironischerweise als Ratten bzw. Rattenmenschen dargestellt) zu Krisenzeiten. Papic taucht die Szenerie in dunkle Bilder voller Tristesse und eine beklemmende, aussichtslose Atmosphäre, die die gesellschaftliche Stimmung der damaligen Zeit widerspiegelt. Das geschieht künstlerisch ambitioniert und wertvoll, jedoch auch schnell durchschau- und vorhersehbar. Ab dem Moment, in dem er sich gänzlich von der Literaturvorläge emanzipiert jedoch gewinnt „Der Rattengott“ zunehmend an Ambivalenz, ändert seinen Tonfall und lässt seine Charaktere in neuem „Licht“ erscheinen, indem er das Gut/Böse-Schema negiert. Ivan ist nun Feuer und Flamme für den Kampf gegen die Rattenmenschen, hinterfragt nicht mehr und geht erbarmungslos gegen sie vor. Er wird zum Ankläger, Richter und Vollstrecker in Personalunion und stützt sich dabei lediglich auf das von ihm Gesehene und die Aussagen des Professors auf Grundlage des alten Buchs.

Mich als Zuschauer hat diese Entwicklung zunächst irritiert und schließlich vor den Kopf gestoßen, denn in zunehmenden Maße wurden Parallelen zur Judenverfolgung im Dritten Reich erkennbar, dessen antisemitische Irrlehren ebenfalls auf jahrhundertealten Ressentiments beruhten. Papic begibt sich damit auf extrem unsicheres Terrain, scheint Täter zu Opfern oder umgekehrt zu machen und läuft Gefahr, als Befürworter von Toleranz gegenüber Faschisten (miss-)verstanden zu werden. Die eigentliche Intention dürfte jedoch dort zu finden sein, wo er sein Publikum plötzlich mit dessen eigener Radikalität, zu der er es mit verhältnismäßig einfachen Mitteln verleitet hat, konfrontiert, bis dieses Ivans Vorgehen und Methoden zumindest anzuzweifeln beginnt. Diese Zuschauermanipulation dürfte manchem indes sauer aufstoßen, dabei ist sie es gerade, derer sich der Zuschauer im Idealfall bewusst wird und damit angeregt wird, Parallelen zur Ursache der Verfolgung von Minderheiten und Sündenböcken zu ziehen – zu denen Papic sicherlich gerade nicht die Nazis zählte.

„Der Rattengott“ kommt mit seiner effektiven Maskenarbeit für die Ratten-Humanoiden im Gewand eines Fabel-haften Horrorfilms, hat auch viel von der Unbarmherzigkeit klassischer Märchen. Für einen nicht ungefähren Erotikanteil sorgt die Rolle Sonjas, die sich auf eine Liebschaft mit Ivan einlässt – oder ist auch sie längst gegen eine Rättin ausgetauscht worden? Je weniger auf die Psychologie der Rollen eingegangen wird, desto mehr wird man in die Auseinandersetzung mit seiner eigenen Psyche gezwungen. Dass Papics perfides Spiel mit seinem Publikum letztlich dann leider doch etwas unausgegoren statt formvollendet wirkt, liegt vor allem im überhasteten, unspektakulären Finale begründet, das den Film irgendwie unfertig wirken lässt. Auch bin ich mir nicht sicher, ob es nun die beste Idee war, anhand derselben zunächst durchaus unzweideutig negativ konnotierten Figuren zunächst Nazi- und schließlich Juden-Assoziationen zu wecken. Nichtsdestotrotz handelt es sich um eine hochinteressante, exotische und doppelbödige, mehrdeutige Filmerfahrung, die sein Publikum aber schnell auf dem falschen Fuß erwischen kann. Einer Bewertung per Zehnerskala enthalte ich mich diesmal.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Lesbian Vampire Killers

„Lesbische Vampire…“ – „Nicht schlecht!“

„‚Shaun of the Dead‘ with tits!“ hätte es laut Hauptdarsteller James Corden („Was geschah mit Harold Smith?“) werden sollen, im Idealfall hätte man eine satirische Hommage an die altehrwürdigen Lesbo-Vampir-Filme der britischen „Hammer“-Produktionsschmiede davon erwarten dürfen, was der englische Regisseur Phil Claydon („Alone“) mit seinem zweiten abendfüllenden Spielfilm im Jahre 2009 fabriziert hat. Der deutsche Verleih versuchte dann auch gleich noch, trendgerecht eine Verbindung zur „Twilight“-Saga herzustellen, indem er den furchtbaren Titelzusatz „Bis(s) zur Morgenlatte“ vergab. Das Resultat wurde stattdessen ein bemühter, klamaukiger Beitrag zum modernen Freiwilligen-Trash, der nicht so recht zünden will. Die konstruierte Handlung liest sich wie folgt:

Das Verlierer-Duo Jimmy (Mathew Horne, „Vanity Fair - Jahrmarkt der Eitelkeit“) und Fletch (James Corden) hat es nicht leicht: Jimmy wurde einmal mehr von seiner Freundin verlassen und Fletch hat seinen Job als Clown verloren, nachdem er einen kleinen Rotzlöffel nonverbal maßregelte. Zeit für einen Urlaub, das Ziel bestimmt der Dartpfeil: Dieser entscheidet, dass das entlegene Örtchen Cragwich Urlaubsadresse der beiden Freunde wird. Dort jedoch wurden die Einwohner einst von Vampirkönigin Carmilla (Silvia Colloca, „Van Helsing“) verflucht, seither werden alle Mädchen des Dorfs just an ihrem 18. Geburtstag zu lesbischen Vampiren. Den Fluch zu brechen und Carmilla auferstehen zu lassen ist ausschließlich ein direkter Nachfahre der Mörder Carmillas imstande. Jimmy und Fletcher unterdessen ahnen noch nicht viel davon, als sie sich darüber freuen, zusammen mit vier attraktiven Studentinnen eine kostenlose Unterkunft zugewiesen zu bekommen – das Haus der Vampirkönigin…

„Nächstes Mal werd‘ ich von ‘nem dicken schwulen Werwolf angemacht!“

Auch ohne einen das Vampirerotik-Subsubgenre persiflierenden „Shaun of the Dead“ zu erwarten, ist „Lesbian Vampire Killers“ leider selbst für mich, der ich ein großes Herz für derlei Blödsinn habe, enttäuschend ausgefallen. Den Witz eines „Shaun…“ erreicht er ebensowenig wie dessen Hommagen-Charakter, stattdessen beleidigt er nicht nur genreaffine Zuschauer mit seinem platten Witz und seiner versprochenen, doch nie eingelösten Erotik. Seinen anfangs nicht uninteressanten Stil, die beiden Freunde als Fremdkörper durch ein respektabel ausgestattetes Gothic-Horror-Ambiente zu schicken und mittels der dadurch entstehenden Kontraste für Amüsement zu sorgen, kann Claydon nicht konsequent beibehalten, so dass er sich immer stärker auf langweilige CGI-Effekte, jugendfreies Gesplatter mit weißem statt rotem Vampirblut (ganz tolle Idee…), austauschbare Blondchen als „lesbische Vampire“, peinliche Flachwitze innerhalb Unmengen fremdschämpotentiellen Gelabers Fletchs und weitere Anzüglichkeiten auf pubertärem Niveau (Pimmelschwert…) verlässt.

„Lesbian Vampire Killers“ tönt beständig „seht her, wie lustig, selbstironisch und trashig wir doch sind“ und ist in seiner abgeschmackten Kalkuliertheit und seiner anbiedernden Aufmerksamkeitshascherei rein gar nichts davon. „Lesbian Vampire Killers“ hofft, mit ein paar Oberweiten charakterloser Püppchen und dümmlichen Lesbenklischees wie aus stupiden Hetero-Softpornos ein ebenso klischeehaftes Publikum bedienen zu können, was im Zweifelsfall auch gelingen mag, von anregender Erotik aber ebensoweit entfernt ist wie von provokativer filmischer Sexualität, im Gegenteil beinahe wie einziges Zugeständnis an biedere US-Mainstream-Richtlinien wirkt. Exploitation mit angezogener Handbremse, die niemandem wehtun möchte, mit permanentem zwanghaftem Augenzwinkern um Sympathie buhlt, damit jedoch nur seine Unsicherheit und Mutlosigkeit zu überspielen versucht.

Immerhin ist bereits nach rund 80 Minuten Schluss und ein paar Schmunzler konnten mir die Dialoge abringen, auch der Schlussgag wusste innerhalb seines Kontexts zu gefallen. Ansonsten erscheint mir Claydons Filmchen mehr uninspiriert zusammengeklaubt (u.a. werden Erinnerungen an „Tanz der Teufel“ wach) denn als leidenschaftliche Ehrerbietung (egal woran) konzipiert, definiert gewissermaßen die Bedeutung des Wörtchens „bemüht“ und lässt mich mich zum Lachen lieber in meinen Sarg zurücklegen, als dem Film eine weitere Runde zu gönnen.
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Buried – Lebendig begraben

„Die Regierung der Vereinigten Staaten verhandelt nicht mit Terroristen!“

Mit dem experimentellen Thriller „Buried – Lebendig begraben“ versuchte sich der spanische Regisseur Rodrigo Cortés („The Contestant“) im Jahre 2010 an der bis dato konsequentesten filmischen Umsetzung der menschlichen Urangst vor dem Lebendig-Begraben-Sein. Der Film entstand in spanisch-US-amerikanisch-französischer Produktion.

Der Konvoi des US-amerikanischen Lastwagenfahrers Paul Conroy (Ryan Reynolds, „Amityville Horror“) wurde im Irak von Aufständischen überfallen. Conroy findet sich in einem Holzsarg unter der Erde wieder, ertastet ein Feuerzeug, mit dessen Hilfe er sich in seinem engen Gefängnis umsehen kann und hört ein Handy klingeln, das man ihm hineingelegt hat. Verzweifelt versucht er, Hilfe herbeizutelefonieren. Plötzlich ruft sein Entführer an, fordert, dass er innerhalb weniger Stunden fünf Millionen Dollar Lösegeld organisiert und dass er mit dem Handy ein Video dreht, in dem er um die Summe bittet. Doch die USA verhandeln nicht mit Terroristen und die Ortung seines unfreiwilligen Aufenthalts gestaltet sich schwierig – derweil wird die Luft immer knapper...

„Buried – Lebendig begraben“ beginnt mit einem schwarzen Bild. Man hört ein Husten und sieht jemanden mit einem Feuerzeug leuchten. Conroy befreit sich von seinem Knebel, löst seine Fesseln an einem Sargnagel und ruft verzweifelt um Hilfe. So beginnt Cortés’ Film, der sich dem absoluten Minimalismus verschrieben hat. Abgesehen von einer Dame (Ivana Miño) in einem Handyvideo kommt er mit Reynolds als einzigem Schauspieler aus. Der Ort bleibt auf den Sarg beschränkt und die Geschichte wird in erster Linie anhand der Dialoge erzählt. Conroy ruft den Notruf an, versucht, seine Frau und weitere Personen zu erreichen und bekommt oftmals lediglich die Mailboxansagen zu hören. Seinem Arbeitgeber spricht er auf die Mailbox und als er das FBI erreicht, wird die Verbindung unterbrochen.

Conroys missliche Lage, die ihm nur minimalen Handlungsspielraum erlaubt, wird zum Überlebenskampf, für den er Panik und andere nur allzu menschliche Emotionen und Reaktionen nach Möglichkeit kontrollieren muss, um keine entscheidenden Fehler zu begehen. Sein Feuerzeug zehrt den Sauerstoff auf, seine Telefonate gehen zu Lasten des Handyakkus. Daraus bezieht der Film seine Dramaturgie bei völligem Verzicht auf Außenaufnahmen, Rückblenden oder andere Stilelemente. Kameramann Eduard Grau jedoch gelingt es, das Kammerspiel mit einer ungewöhnlich dynamischen Fotografie zu versehen, deren zahlreiche Perspektiven dem Sarg zeitweise seine Wände zu nehmen scheinen. Auf einen statischen oder wackligen, an Found-Footage-Realismus angelehnten Look verzichtete man also, was auch die (effektive) eingestreute Filmmusik des Komponisten Victor Reyes verdeutlicht.

Und die Situation spitzt sich zu: Nach knapp einer Stunde lässt sich Cortés zu einer Action-Einlage hinreißen, indem er eine Schlange im Sarg auftauchen lässt, die Conroy mit Feuer zu bekämpfen versucht. So fragwürdig es auch ist, wo plötzlich das Reptil herkommt – nervenaufreibend ist’s allemal. Zu allem Überfluss erfährt er auch noch telefonisch von seiner fristlosen Kündigung, womit der Film die Frage nach dem Wert des Lebens eines Arbeiters stellt und die unsensible „Hire & Fire“-Politik von Unternehmen kritisiert.

Ansonsten hält sich „Buried – Lebendig begraben“ aber mit Kommentaren zum Zeitgeschehen zurück, wenngleich er sein Sujet in die Folgen des US-amerikanischen Angriffskriegs gegen den Irak bettet. Man konzentriert sich vornehmlich auf Conroy und seine persönliche Situation, erfährt ein wenig – nicht viel – über den Entführer und dessen kriegsbedingtes Schicksal und belässt es schließlich dabei. Weder gibt sich Conroy als sonderlicher Patriot zu erkennen, noch lässt man den Entführer politische Ziele verfolgen. Damit verbrennt sich Cortés kaum die Finger, wenngleich der Krieg als Auslöser für Conroys Überlebenskampf benannt wird. Kaum minder barbarisch vermutet andererseits das Verhalten seines Entführers an. Conroy indes interessiert das alles herzlich wenig, denn längst rieselt unablässig Sand in seinen Sarg hinein...

Das Finale und die Pointe lasse ich natürlich unerwähnt, doch beides hat es in sich und rüttelt manch nach einem langen Arbeitstag ob der dunklen, oftmals lichtlosen und damit erneut schlicht schwarzen Bilder und der einen oder anderen Länge ermüdeten Zuschauer wieder wach. Obwohl zeitweise auch das andere Extrem bedient wird und man etwas dick aufträgt, kann das Experiment als geglückt betrachtet werden, denn tatsächlich gelingt es Reynolds mit seinem emotionalen Talent, den Film mit seinem 90-minütigen Solo-Auftritt zu tragen. Für Klaustrophobiker dürfte „Buried – Lebendig begraben“ demnach ein einziger Alptraum sein und aufgrund seiner künstlerischen Reduziertheit und Zuschneidung auf die finale Pointe hält sich die Motivation, diesen Film häufiger als ein einziges Mal zu gucken, in Grenzen – dieses eine Mal jedoch kann eine gleichsam bedrückende und beeindruckende Kino-Erfahrung sein.

Überrascht hat mich allerdings auch, welch guten Empfang so ein Handy auch unter der Erde in einer Holzkiste hat...
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Boy Eats Girl

„Was ist das für’n Gefühl, tot zu sein?“

Zombiefilme und kein Ende, darunter viele Komödien – dazu bei, das Subgenre endgültig totzureiten, tragen Filmemacher wie Stephen Bradley, der mit der irisch-britischen Koproduktion „Boy Eats Girl“ aus dem Jahre 2005 den Zombiefilm mit Teenie-Komödien-Inhalten vermengte.

Der Schüler Nathan (David Leon, „RocknRolla“) ist schon lange mit Jessica (Samantha Mumba, „The Time Machine“) befreundet und empfindet seit einiger Zeit mehr für sie. Aus diesem Grund arrangieren die gemeinsamen Freunde Diggs (Tadhg Murphy, „Alexander“) und Henry (Laurence Kinlan, „Breakfast on Pluto“) ein Treffen zwischen beiden, damit er ihr seine Gefühle offenbaren kann. Doch Jessicas strenger Vater verhindert dies, traurig und allein geht Nathan nach Hause. Als er auf seinem Weg dann Jessica im Auto seines Mitschülers Kenneth (Conor Ryan, „Tough Love“) erblickt, verschlechtert sich seine Laune zusätzlich. Er betrinkt sich und legt sich aus Jux eine Schlinge um den Hals, auf einem Stuhl stehend. Just in diesem Moment betritt seine Mutter das Zimmer und stößt versehentlich das Sitzmöbel um, wodurch Nathan den Tod findet. In ihrer Verzweiflung konsultiert sie ein uraltes Voodoo-Buch, das sie dem örtlichen Kirchenkeller stibitzt und schafft es, Nathan wieder zum Leben zu erwecken. Was sie jedoch nicht ahnt: Nathan mutiert langsam aber sicher zum Zombie und als er einen Mitschüler beißt, greift eine wahre Zombie-Epidemie im beschaulichen Örtchen um sich…

„Boy Eats Girl“ beginnt nach einem seltsamen Prolog in einer Kirchen-Krypta wie ein beliebiges, schlecht gemachtes Coming-of-Age-Teenie-Filmchen, unterlegt mit zeitgenössischer Emo-Mucke. Was bei „American Pie“ schon grenzwertig war, nämlich Jugendliche ohne satirischen, hintersinnigen Witz grob zu überzeichnen, avanciert hier zu völlig überzogenem, unrealistisch vulgärem Verhalten der Schüler, das vieles ist, nur nicht lustig – so auch der Auslöser allen Unheils, Nathans selten dämlicher und völlig kalt lassender Tod. Bis zu seiner Zombifizierung dauert es lange und das Ritual, das seine „trauernde“ Mutter durchführt, wird im Ultrazeitraffer abgefrühstückt. Die schablonenhaften Charaktere, die laut Drehbuch gefälligst diverse Klischees zu erfüllen haben, liefern sich reichlich dämliche, unauthentische Dialoge und so ziemlich alle üben sich in absolut unnachvollziehbarem Verhalten, geben sich bei oft peinlich obszön und wer so alles zum Untoten geworden, darf irgendwann durchdrehen – bis auf Nathan, weshalb auch immer.

Erst zum Ende hin wird der auf der Isle of Man gedrehte Film hübsch splatterig, als eine Baumtrimmmaschine zum Einsatz kommt. Doch als wäre die Handlung bisher nicht ohnehin schon auf Biegen und Brechen ohne Rücksicht auf Verluste mit dem Mottek konstruiert worden, schleudert man mir nichts, dir nichts einen Schlangenbiss als Heilmittel für die Zombies in die Fiktion, der dann auch (Achtung, Spoiler!) prompt unseren Nathan wieder zum strunznormalen Teenager macht. Dass man dadurch eigentlich von vornherein alle hätte retten können und es zu keinem einzigen Todesfall hätte kommen müssen, wird indes vollkommen außer Acht gelassen, der eigentlich höchst tragische Aspekt also mit keiner Silbe thematisiert. Zeit genug wäre gewesen, stattdessen setzt nach einem bescheuerten Ende und nur 75 Minuten bereits der Abspann ein. Glücklicherweise wurde dieser mit einem tatsächlich ohrenschmeichelnden Pop-Rock-Song der Band „The Chalets“ unterlegt.

Rein technisch betrachtet ist „Boy Eats Girl“ gar nicht so übel, einmal abgesehen von den etwas einfalls- und lieblosen Zombie-Masken: Die Kamera lädt mehr zum Hin- denn zum Weggucken ein, das Insel-Ambiente ist ebenso sehenswert, die größtenteils irischen Schauspieler sind zwar wie so oft Twens statt Teens, scheinen aber eben das zu erfüllen, was ihre Rollen dummerweise von ihnen verlangen und zumindest erlaubt man sich nach einer längeren Exposition keine ereignislosen Durchhänger mehr – Kunststück, angesichts der kurzen Spielzeit... Bei aller Sprücheklopferei bleibt Bradleys Film aber schrecklich bieder und vom wunderbaren britischen Humor ist trotz bemühter Schwärze nicht mehr viel übrig. Klar, es geht alles noch wesentlich schlechter, aber „Boy Eats Girl“ fällt bereits durch mein Raster und kann höchstens Zombie-Allesguckern oder Menschen mit sehr schlichtem Humor, die auch über die x-ten paarungswilligen, trotteligen, eindimensionalen Kids noch lachen können, ans Herz gelegt werden. Alle anderen greifen besser zu „Dead & Breakfast“ oder gleich zu den Klassikern des Fun-Splatter-Crossovers wie „Return of the Living Dead“ oder „Braindead“. Letztgenannter bietet auch die wesentlich bessere Liebesgeschichte...
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