Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

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Maulwurf
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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Beitrag von Maulwurf »

 
Tatort: Das Mädchen auf der Treppe (Peter Adam, 1982)
Götz George, Eberhard Feik, Anja Jaenicke, Günter Lamprecht, Jan Fedder, Suzanne Geyer

In vielen Filmbesprechungen liest man immer wieder den Begriff der „typischen deutschen Fernsehunterhaltung“, womit dann die Begriffe dröge, langweilig und gekünstelt gemeint sind, und ganz ganz oft wird als Beispiel dafür die langlebige Serie Tatort hergenommen. Was irgendwie merkwürdig ist, handelt es sich bei Tatort ja schließlich nicht um eine Serie im eigentlichen Sinne, sondern um eine Sammlung von Krimis verschiedener Sendeanstalten, die außer dem Genre nicht einmal ein gemeinsames Merkmal haben. Oder kann mir jemand die Ähnlichkeiten zwischen den aktuellen Münsteraner Tatorten, dem Zollfahnder Kressin und Til Schweiger in den vier Hamburg-Tatorten von Christian Alvart erläutern? Eben. Hinzu kommt, dass seit nunmehr 55 Jahren der Tatort am Sonntagabend einen festen Programmplatz hat, was wohl nicht nur für die filmischen und narrativen Möglichkeiten spricht, sondern auch für seinen immensen Erfolg, der sicher nicht daherkommt, dass die „Serie“ in ihrer Gesamtheit dröge, langweilig und gekünstelt ist.

Aber selbst als Tatort-Fan muss man zugeben, dass diese drei genannten Begriffe doch mit unschöner Regelmäßigkeit zutreffen. DAS MÄDCHEN AUF DER TREPPE ist da ein treffendes Beispiel: Als Schimanski nach Hause kommt sitzt ein junges Mädchen auf der Treppe, das darauf drängt, dass die Mutter verschwunden sei und ihre Wohnung durchsucht wurde. Schimmi schaut sich das an, ist natürlich abwartend, aber am nächsten Tag wird die übel zugerichtete Leiche der Mutter tatsächlich gefunden. Und Schimmi und Thanner haben ein 17-jähriges Mädel am Rockzipfel, das sich ausgesprochen pubertär verhält (soll heißen: Jetzt so, und im nächsten Moment völlig anders, und immer mit sehr temperamentvollen Ausbrüchen), und die beiden bei ihrer Ermittlung mehr behindert als ihnen hilft. Schimmi erfährt irgendwann, dass da wohl offensichtlich Drogen im Spiel waren, und es wird schnell festgestellt, dass die Gangster, die die Mutter ermordet haben, nun auch hinter der Tochter her sind.

Nach den ersten drei Schimanskis, die viel ungeschminktes Ruhrpott-Flair verbreiteten, einiges an ungeschminkten Bildern aus dem Leben der einfachen Menschen zeigten, und einen Kommissar präsentierten, der aus eben diesen Schichten stammte und sich dort auch entsprechend durchsetzen konnte, nun also der vierte Teil, der so ganz anders ist. Dreh- und Angelpunkt ist Nervzwerg Katja (Anja Jaenicke spielt ganz toll, aber ihre Figur ist wirklich ausgesprochen nervig), die mit Schimmi und Thanner so ihre Spielchen treibt, und erfolgreich darauf baut, dass die beiden erfahrenen Kriminalisten überhaupt nicht checken, dass Katja ihr ganz eigenes Ding dreht. Tatsächlich werden die beiden Kommissare hier eher als Hilfstrottel vom Dienst dargestellt, und im Zweifelsfall gibt es im Büro auch eher mal eine gemütliche Geburtstagsfeier als solide Ermittlungen. Diese finden nämlich so gut wie gar nicht statt, stattdessen wartet man lieber auf den nächsten Zufall oder darauf, dass Kollege Hänschen durch die Tür kommt und wie der Teufel aus der Kiste überraschende Fahndungsergebnisse aufzählt, die zwar den Fall weiterbringen, aber mit Schimmi und Thanner so rein gar nichts zu tun haben.

Viele Bilder von Duisburg gibt es dieses Mal auch nicht zu sehen, dafür sind aber die Dialoge dröge, langweilig und gekünstelt. Figuren wie der Drogenschieber Straub oder der Geschäftsmann Pit sind in ihrer Leere kaum zu überbieten, einzig Jan Fedder als Gammler Wolli kann ein paar herrlich lakonische Akzente setzen. Dazu passt dann auch, dass Schimmi, der Ruhrpott-Rambo mit dem Schmuddel-Parka, hier einmal einen feinen Anzug mitsamt Smokinghemd und Fliege trägt. Ob das nun seitens des produzierenden WDR das Einknicken vor den Tiraden der Bild-Zeitung war, oder ob ein anderer Grund für diese Szenen vorlag entzieht sich meiner Kenntnis, aber dem Schimmi steht so ein Frack in keinster Weise. Götz George macht ordentlich was her, weswegen er wahrscheinlich auch des Öfteren oben ohne zu sehen ist und seinen Prachtkörper ordentlich in Szene setzen kann (was in Verbindung mit einer erotisch interessierten 17-jährigen aus heutiger Sicht ein paar Mal zu peinlichen Momenten führt), aber Schimmi im Frack? Im Nobelrestaurant? Passt genauso wenig wie die Szenen bei Pit, wenn Schimmi von dem gewieften Geschäftsmann nach Strich und Faden vorgeführt wird. Falsches Milieu, falsche Stimmung, falsches Drehbuch.

DAS MÄDCHEN AUF DER TREPPE ist trotz zwei kürzerer Action-Szenen eher unter der Rubrik langweilig einzuordnen, genauso wie der Soundtrack von Tangerine Dream die sowieso schon langwierige Geschichte noch einmal zusätzlich herunterzieht. Und übrig bleibt die Erkenntnis, dass nicht alle Tatorte so rasant sind wie diejenigen Til Schweigers. Nicht so betont anti-spießbürgerlich wie die Kressins. Und nicht so stimmungsvoll wie die ersten drei Schimanskis. Um mal nur ein paar Beispiele zu nennen.
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
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