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Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Verfasst: Mi 3. Dez 2025, 09:40
von buxtebrawler
Neues „Tatort“-Ermittlerduo aus Österreich stellt sich vor
Nachfolge von Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser steht fest

Der „Tatort“ ist um ein neues Ermittlerduo aus Österreich reicher: Miriam Fussenegger und Laurence Rupp werden künftig die Nachfolge des eingespielten Wiener Ermittlerduos Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser antreten, die auf eigenen Wunsch den „Tatort“-Dienst quittieren. Als Halbgeschwister Charlie Hahn und Alex Maleky nehmen sie ab 2027 die Ermittlungen aus dem schönen Nachbarland auf.

Quelle und weitere Infos:
:arrow: https://www.fernsehserien.de/news/neues ... t-sich-vor

Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Verfasst: Di 9. Dez 2025, 14:11
von karlAbundzu
Tatort Münster: Die Erfindung des Rades
Bei der Präsentation eines neuen Fahrrades eines Familienunternehmens wird statt des Rades eine tiefgekühlte Leiche präsentiert. So gibt es Familienverstrickungen und ist das moderne Fahrrad wirklich in Münster und nicht in Coventry erfunden worden?
Schöner Aufhänger für die Fahrradstadt Münster, es gibt einen schönen schwarz weiß Rückblick in das Jahr 1882, mich brachte es immerhin dazu, nachzulesen, was es mit der Story auf sich hat. Ansonsten ist es der letzte Fall von der Staatsanwältin Wilhelmine Klemm, und so bekommt sie ihren Raum, zu recht. Ist halt eine gute Figur. Ihre hippieske Vergangenheit hat zwar nur am Rande mit dem Fall zu tun, und ist auch ein wenig gewollt eingebaut, aber hübsch. Thiel bekommt diesmal eine rauchige Stimme als Hommage (allerdings nicht vom Rauchen sondern vom Growlen).
Der Fall insgesamt ist ganz nett, Münsterstandard würde ich mal so sagen, ich hätte mir gewünscht, dass er an einer Stelle mehr zu einer Art Bones wird, aber das wäre wohl zu viel rein gepackt. Und Schrader hat gute Momente. Ansonsten bleibt ein Beziehungen in Familien Fall, aber nicht so psychopathisch wie in Derricks Münchner High Society, sondern schön bürgerlich gemäßigt.
Kann.

Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Verfasst: Sa 3. Jan 2026, 16:45
von karlAbundzu
Ich hänge ein wenig mit den Tatort-Berichten. Da einerseits recht viele neue Tatorte, andererseits recht wenig Zeit und Energie zum Schreiben. Daher ein wenig kurz gefasst:
Tatort Norddeutschland: Ein guter Tag / Schwarzer Schnee
Eine Doppelfolge, im Grunde aber ein dreistündiger Film. Falke (WW Möhring) soll einen verschwundenen Undercoverpolizisten aufspüren, der in Emden sich in einen Drogenring reinbringen wollte. Ein grenzüberschreitender Fall, der Mann verschwand auf einem holländischen Campingplatz. Neu an Falkes Seite Mario Schmitt (Denis Moschitto), eine Art Computernerd, der zwar sozial eingeschränkt ist, aber auch unterwegs mitmacht. Dazu wohl nur für diese Folge eine niederländische Kollegin, die in diesem Fall um Klan-Bandenkriminalität vor allem in Holland involviert ist.
Auch wenn einige Figuren gerade auf der Gangsterseite aus dem Klischeehandbuch entsprungen sein mögen, ist es ein gut erzählter, spannender Thriller. Denn auf einige Figuren wird sehr viel mehr wert gelegt und ausführlich erzählt. Wie der Jugendliche im Prinzip unfreiwillig zum Kleingangster wird, dafür wird sich Zeit genommen, obwohl es für den Fall im Grunde nicht sehr wichtig ist. Und auch der Charakter des im Teil verschwundenen Polizisten ist sehr facettenreich und ungewöhnlich. Das trennt sozusagen die beiden Folgen: Am Ende der ersten wird der Polizist gefunden, bzw. taucht er auf, im zweiten geht es dann um die Auflösung aller Vorgänge, die vor allem die Großkriminalität betrifft. Doch das lässt sich gut so hintereinander weg gucken, wird auch so erzählt. Hat mir insgesamt sehr gut gefallen.

Tatort München: Das Verlangen
Batic und Leitmayr gehen ja auf ihre 100. und letzte Folge zu, hier Nr. 98.
Diesmal stirbt eine Schauspielerin auf der Bühne des Münchner Residenztheater.
Das wird dann fast ein Kammerspiel, da es nur im Theater spielt. Dort aber überall, Bühne, hinter den Kulissen, in der Maske, der Garderobe, usw. Im Grunde müssen die beiden mit Hilfe von Kalli (der meines Erachtens nach bleiben sollte) ein Beziehungsgeflecht auseinander dröseln. Das in so einem festen Ensemble natürlich mannigfaltig ist. Inklusive verschiedenster Interessen.
Als altes Zirkuspferd hatten sie mich schon dadurch, dass sie immer wieder durch die verschiedenen Gänge und Räume laufen, und es immer wieder wie ein Labyrinth ist, so fühlt es sich in vielen Häusern tatsächlich an, und ich mochte es sehr, in verschiedenen Häusern diese zu erkunden. Auch wenn ich mich mal unter der Bühne verirrt habe und schon dachte, dass ich mein Dasein als eine Art Phantom im Halbdunklen verbringen musste. Irgendwann fand ich eine Tür und einen Ausgang zu einer Straße, die ich dort nie vermutet hätte...
Ebenso labyrinthisch sind die Beziehungen, das angebliche „große Familie“- Feeling ist natürlich aufgesetzt, bzw. im eigentlichen Sinne stimmig, wenn man die Abgründe dazu nimmt, die im komplizierten psychologischen Geflecht eben auch gerade in Familien vorkommen. Dazu auch Macht und Übergriffigkeiten gerade auch hier. Das nun gerade Tschechows Möwe den Rahmen gibt, passt sehr gut, da das ja auch ein Stück im Stück beinhaltet.
Beinahe klassisches Tatort-Gefühl, hat mir auch gut gefallen.

Tatort Wiesbaden: Murot und der Elefant im Raum
Nun, bei Murot ist es ja Programm, möglichst nicht-klassisch zu sein. Diesmal haben wir eine Mutter, die während einer Anhörung zum Sorgerecht ihr Kind entführt, dann beim Essen besorgen einen Unfall hat und ins Koma fällt. Nur sie weiß den Aufenthaltsort des Kindes. Murot und sein Psychiater, der sich auch für Grenzwissenschaften interessiert kommen auf die Idee, mit einer experimentellen Maschine Murot in das Gehirn/Gedächtnis der Komafrau reinmaschieren zu lassen...
Das ist natürlich Quatsch hoch drei, aber neben diesem Handlungsstrang und was da so an surrealen Bildern passiert (was durchaus Spaß macht), ermittelt Murots Kollegin Wächter traditionell und kommt eigentlich gleich schnell genauso weit.
Das ist gut und schnell erzählt, und wenn man mit den Murotspleenigkeiten zu recht kommt, macht das durchaus Spaß.

Tatort Dresden: Nachtschatten
Eine Teenagerin entkommt aus ihrem Kellergefängnis, von dem sie schon immer von ihren Eltern fest gehalten wird. Sie berichtet von ihrer Schwester, die noch dort sitzt und wohl zur Strafe hungern muss. Kommissarin Winkler versteht es als ihre Aufgabe, diesen Keller zu finden und die Schwester zu retten.
Trotz einiger Tatortklischees (persönliche Betroffenheit führt zu eingeschränkter Erkenntnis, Kommissarin vs Chef, vermeidbare Alleingänge) ist das ein spannender Fall, und der besondere Twist merken einige (meine Mitguckerin) eher, andere 8ich) später. Gut, wenn wir Nina Kunzendorf sehen, wird sie wohl nicht nur eine unwissende Hausmeisterin mit 30 Sekunden Auftritt sein. Aber das ist sehr spannend erzählt und wirklich famos gefilmt. Nebenbei eine Klasseleistung von Emilie Neumeister, die die entkommene Jugendliche spielt. Und ein starker Sound.
Die Nebengeschichte ist, wie die ehemalige Kollegin Gorniak als Personal und auch als andere Stimme Brambacher und Winkler fehlt. Ich vermute, da kommt demnächst Verstärkung.
Sehr starker Krimi!

Morgen gehts schon weiter....

Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Verfasst: Di 6. Jan 2026, 07:43
von FarfallaInsanguinata
karlAbundzu hat geschrieben: Sa 3. Jan 2026, 16:45 Tatort Dresden: Nachtschatten
Eine Teenagerin entkommt aus ihrem Kellergefängnis, von dem sie schon immer von ihren Eltern fest gehalten wird. Sie berichtet von ihrer Schwester, die noch dort sitzt und wohl zur Strafe hungern muss. Kommissarin Winkler versteht es als ihre Aufgabe, diesen Keller zu finden und die Schwester zu retten.
Trotz einiger Tatortklischees (persönliche Betroffenheit führt zu eingeschränkter Erkenntnis, Kommissarin vs Chef, vermeidbare Alleingänge) ist das ein spannender Fall, und der besondere Twist merken einige (meine Mitguckerin) eher, andere 8ich) später. Gut, wenn wir Nina Kunzendorf sehen, wird sie wohl nicht nur eine unwissende Hausmeisterin mit 30 Sekunden Auftritt sein. Aber das ist sehr spannend erzählt und wirklich famos gefilmt. Nebenbei eine Klasseleistung von Emilie Neumeister, die die entkommene Jugendliche spielt. Und ein starker Sound.
Die Nebeng0eschichte ist, wie die ehemalige Kollegin Gorniak als Personal und auch als andere Stimme Brambacher und Winkler fehlt. Ich vermute, da kommt demnächst Verstärkung.
Sehr starker Krimi!
Eigentlich schaue ich bereits seit Jahren keine Tatorte mehr, aber wenn ich bei einer Freundin zu Besuch bin, mit der ich die Liebe Fernsehfilme teile, füge ich mich manchmal murrend in mein Schicksal. Diesmal war das gar nicht nötig, denn als ich sah, dass Emelie Neumeister die Episodenhauptrolle spielt, hätte ich den Dresdener Tatort sogar allein angeguckt. Nicht ganz frei von Klischees und die Pointe habe ich recht früh durchschaut, trotzdem ein toller Film, der mir so gut gefällt, dass er sogar in mein Archiv wandert.

08/10

Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Verfasst: Di 6. Jan 2026, 17:07
von buxtebrawler
Tatort: Ein guter Tag / Schwarzer Schnee

„Das ist nur meine Denkmusik, ich brauch‘ die...“

Doppelfolgen hatte es innerhalb der öffentlich-rechtlichen Krimireihe bereits hin und wieder gegeben; neu war, dass beide Folgen direkt hintereinander ausgestrahlt wurden. So geschehen am 21. Dezember 2025 mit BKA-Kriminalhauptkommissar Thorsten Falkes (Wotan Wilke Möhring) 22. Fall, einer deutsch-niederländischen Koproduktion, die ihre Premiere bereits am 27. September 2025 auf dem Filmfest Hamburg gefeiert hatte. Das Drehbuch stammt von Alexander Adolph und Eva Wehrum, das von Hans Steinbichler („Winterreise“) inszeniert wurde, der damit erstmals für den „Tatort“ drehte.

„Ganz schön brutal!“

Wo steckt Carsten Kellmann aka Joe Glauning (Andrei Viorel Tacu, „Lu von Loser“)? Der Bulle war als verdeckter Ermittler im deutsch-niederländischen Grenzgebiet eingesetzt, um der Drogenmafia um Ahmed Saidi (Yousef Sweid, „American Assassin“) auf die Spur zu kommen, doch haben seine Vorgesetzten schon länger nichts mehr von ihm gehört. Deshalb setzt man Bundespolizist Thorsten Falke auf ihn an, der mit Mario Schmitt (Denis Moschitto, „Almanya – Willkommen in Deutschland“) einen auf Cyber-Kriminalität spezialisierten neuen Kollegen zur Seite gestellt bekommt. In den Niederlanden arbeitet Falke zudem mit Lynn de Baer (Gaite Jansen, „Peaky Blinders – Gangs of Birmingham“) zusammen. Als sie nach mitunter gefährlichen Ermittlungen Glauning finden, ist dieser zwar lebendig, aber nicht mehr der Alte – und aufgrund seiner psychischen Verfassung keine allzu große Hilfe. Die Mocro-Mafia hingegen ist quickfidel und nicht gewillt, sich in die Suppe spucken zu lassen – dafür geht sie auch über Leichen…

„Ich bin der König von Deutschland!“

Diese Doppelfolge ist ein besonders ambitioniertes Unterfangen, das dann auch zunächst etwas unübersichtlich mit diversen Personalien und Handlungsfäden beginnt. Konzentration ist nicht nur beim deutsch untertitelten Niederländisch erforderlich, möchte man den Überblick bewahren. Die Geschichte um eine Kokainmafia – der Titel „Schwarzer Schnee“ verweist auf eine dunkle Kokain-Variante – geht einher mit Misstrauen in staatliche Institutionen, Verführbarkeit von Jugendlichen und einem Klima von Angst, um im letzten Drittel des ersten Teils die Spannung anzuziehen und richtig aufregend zu werden, fieser Cliffhanger inklusive.

„Kein Blut in meinem Herz, ja?!“

Es muss ja aber auch der neue Kollege an Falkes Seite eingeführt werden, was nicht immer ganz souverän in einer Mischung aus Comic Relief und autistischem Nerd geschieht, dem Klischee von IT-Experten folgend. Dafür überzeugt auf holländischer Seite Gaite Jansen, die als Lynn de Baer Ausstrahlung für zwei besitzt. Im zweiten Teil übertreibt man es zeitweise mit den zahlreichen parallelen Handlungssträngen, die sogar noch von einigen Rückblenden ergänzt werden. Da vollständig am Ball zu bleiben, fiel zumindest mir zunehmend schwer. Und der Deutsch-Holländisch-Mischmasch treibt absurde Blüten, wenn Holländer zuweilen deutsch miteinander sprechen. Dieser Doppel-„Tatort“ skizziert atmosphärisch kalt die Brücke zwischen Klein- und Großkriminalität und scheut auch vor der einen oder anderen Actioneinlage und Gewaltspitze nicht zurück, droht aber immer wieder, sich zu verzetteln, irritiert mitunter auch bewusst (beispielsweise wenn man sich inmitten eines Hip-Hop-Videodrehs wiederfindet) und ist mir unterm Strich zu überladen und komplex. Dieses Empfinden führe ich zum einen auf erzählerische Schwächen zurück, zum anderen aber auch darauf, dass es für mich nur selten wirklich gut funktioniert, wenn der „Tatort“ sich an großen Kinovorbildern und deren Bildsprache orientiert.

Wer dafür jedoch eine größere Affinität hegt und von üblichen, „typisch deutschen“ „Tatort“-Episoden eher gelangweilt ist, findet hierin vielleicht einen gelungenen Ausreißer.

Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Verfasst: Sa 10. Jan 2026, 16:34
von karlAbundzu
Tatort Schwarzwald: Das jüngste Geisslein
Nach den Geschehnissen in "Der Reini" (den ich leider verpasst habe, nachholen sollte, aber mir immerhin die Handlung angelesen habe, ist hier nicht ganz unwichtig), Berg suspendiert, weil Bruder geholfen, Mord an Vater zu vertuschen oder so, ist Franziska Tobler allein am ermitteln. Den Fall entwickelt jedoch Berg: beim heimischen Bäcker wird er gebeten nach der Aushilfe zu schauen, da diese nicht zur Arbeit erschien. Am Haus angekommen trifft er nur ein Kind an, versteckt, verängstigt. Die Mutter ist verschwunden. Kurz darauf wird die Leiche ihres Stiefvaters gefunden. Berg wird immer wieder in die Ermittlungen hinein gezogen, die paar Wörter, die das Kind sagt, sagt sie zu ihm. Des weiteren haben wir eine Psychologin, die das Kind unbedingt von allen fern halten will.
Im Grunde angelehnt an Märchenhorror, und der Gruselanteil ist ja bei den Grimms hoch. Das liebste Hörspiel des Kindes ist das Märchen von den sieben Geißlein, und das ist ja schon recht blutig mit fressen der Kinder und später Bauch aufschlitzen und Steine reinnähen... Das Kind selbst hört es nciht nur ununterbrochen auf dem Walkman, sondern phantasiert sich auch als eins der sieben Geißlein, und ihre sechs Geschwister dazu...
Das ist finster und trostlos, aber auch sehr spannend. Die Nebenhandlung mit der Psychologen war vielleicht etwas zu viel, im Grunde dann nur für einen Handlungswendepunkt gut, und dann spielt sie auch keine Rolle mehr.
Die Darsteller*innen wieder alle stark und wirklich spannend. Und die Bilder hatten geradezu schwedische Kinokrimiqualität.

Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Verfasst: Mo 12. Jan 2026, 13:11
von buxtebrawler
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Tatort: Murot und der Elefant im Raum

„Nur über meine Leiche!“

Mit „Murot und der Elefant im Raum“ inszenierte Dietrich Brüggemann im Frühjahr 2024 seinen nach „Murot und das Murmeltier“ zweiten „Tatort“ um den Wiesbadener LKA-Kriminalhauptkommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) und zeichnet erneut auch für Drehbuch und Musik verantwortlich. Murots 14. Fall feierte seine Premiere am 1. September 2025 auf dem Ludwigshafener Festival des deutschen Films und wurde am 28. Dezember 2025 im TV erstausgestrahlt.

„Wir betreten hier absolutes Neuland!“

Die junge Alleinerziehende Eva Hütter (Nadine Dubois, „Tschick“) hat mit ihrem fünfjährigen Sohn Benjamin (Lio Vonnemann) einen Termin beim Familiengericht, wo sie das Sorgerecht zu verlieren droht. In einer verzweifelten Kurzschlussreaktion entführt sie ihren Jungen und versteckt sich mit ihm in einer Waldhütte, was sie ihm als Kurzurlaub schmackhaft macht. Um Lebensmittel einzukaufen, fährt sie ohne Benjamin noch einmal los, wird jedoch von einem Streifenpolizisten entdeckt und verunfallt auf der Flucht, woraufhin sie im Koma liegt – und niemandem mehr sagen kann, wo sich ihr Sohn befindet. Da die Polizei um Felix Murot und Magda Wächter (Barbara Philipp) den Jungen nicht findet, ergreift sie eine ungewöhnliche Maßnahme: Murot erklärt sich bereit, sich an eine neuartige, experimentelle Maschine seines Psychiaters Dr. Schneider (Robert Gwisdek, „Die Känguru-Verschwörung“) anschließen zu lassen, über die er in Evas Unterbewusstsein eintaucht – in der Hoffnung, auf diese Weise zu erfahren, wo sie Benjamin versteckt hat…

„Peinlich, peinlich, peinlich…“

Die Handlung präsentiert sich als halbsatirisches Science-Fiction-Krimidrama und fügt sich damit ins Wiesbadener „Tatort“-Konzept ein, nicht nur ein bisschen, sondern ganz anders zu sein, ein. In einem herkömmlichen „Tatort“ wäre die Geschichte vielleicht, dass eine Art Mad-Scientist-Scharlatan, der sich in seiner Freizeit als geisteskranker Esoterik-Hippie entpuppt, jemanden an ein absurdes Gerät anschließt und ihn dadurch fahrlässig tötet – was die Polizei ihm beweisen muss. Hier hingegen lässt sich das LKA freiwillig mit Dr. Schneider ein, der in einer Mischung aus visionär, intelligent und kauzig charakterisiert wird, und hier führt diese Methode tatsächlich zumindest dazu, dass Murot und Eva Hütter sich im Unterbewusstsein begegnen.

Brüggemann und sein Team visualisieren diese Begegnungen (wie auch zu Beginn Murots Alpträume) in sehenswerten surrealen Bildern, die psychologische Vorgänge abstrakt widerspiegeln, aber auch Einblicke in Hütters Charakter gewähren. Das dürfte in der Umsetzung viel Spaß gemacht haben und das tut es auch beim Zuschauen. In Kombination mit klassischer Polizeiarbeit, Web-Recherchen usw. lernt man die Koma-Patientin nach und nach kennen und erfährt unter anderem, dass sie früher einmal Punkerin war – und wie zu der Person wurde, die sie ist. Und damit es spannend bleibt, ist all das mit nicht ungefähren Schwierigkeiten verbunden, insbesondere Murots Versuche, nach erfolgreichem Eindringen in Hütters Unterbewusstsein einen wirklichen Zugang zu ihr zu finden. Der Rechtfertigungsdruck des Teams vor dem Krisenstab (dem auch Heinz Rudolf Kunze beiwohnt) trägt sein Übriges dazu bei, ist aber auch Anlass für gepfefferte bis humorige Dialoge.

Der angenehme Humor, der nicht mit der Brechtstange daherkommt, ist einer der Faktoren, durch die sich dieser „Tatort“ deutlich von diversen Spielfilmen unterscheidet, die eine ähnliche Thematik aufgreifen. Am stärksten drängen sich indes Parallelen zu „Murot und das Paradies“ auf. Originell genug ist „Murot und der Elefant im Raum“ dennoch und macht zudem optisch einiges her, nicht nur wegen seiner vielen Kameradrohnenaufnahmen. Nadine Dubois beweist, dass sie sowohl Drama als auch entrückt Komödiantisches beherrscht und schultert ihre ambivalente Rolle prima. Ein recht großer Elefant im Raum dieses sehr unterhaltsamen „Tatorts“ ist letztlich dann aber leider doch die innere Logik der Handlung, abseits aller Science-Fiction: Weshalb kommt niemand (!) auf die Idee, klassisch per Hubschrauber oder Hundestaffel nach dem Jungen zu suchen…?

Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Verfasst: Di 13. Jan 2026, 14:18
von buxtebrawler
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Tatort: Nachtschatten

„Du brauchst keine Angst haben...“

Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabels (Martin Brambach) 20., zugleich Hauptkommissarin Leonie Winklers (Cornelia Gröschel) 14. Dresdner Fall (und nach dem Ausscheiden Karin Gorniaks der zweite für die beiden als Duo) entpuppt sich als Mischung aus Krimi und psychologischem Drama. Das Drehbuch stammt aus der Feder Viola M. J. Schmidts. Es handelt sich um die dritte Regie-Arbeit der Schauspielerin Saralisa Volm („Fikkefuchs“), die damit innerhalb der öffentlich-rechtlichen „Tatort“-Reihe debütierte. Seine Premiere hatte „Nachtschatten“ am 13. Juni 2025 auf dem Internationalen Filmfest Emden Norderney, die TV-Erstausstrahlung der bereits im Frühjahr 2024 gedrehten Episode erfolgte am Neujahrstag 2026.

„Man spricht nicht schlecht über seine Familie!“

Die 16-jährige Amanda (Emilie Neumeister, „Polizeiruf 110: Seine Familie kann man sich nicht aussuchen“) wird in verwirrtem Zustand und mit einem blutigen Skalpell bewaffnet in Dresden aufgegriffen. Kommissarin Winkler, auf die sie zunächst aggressiv reagiert und der sie sich nur sehr behutsam öffnet, erzählt sie, ihr Vater (Maik Solbach, „Tatort: Hydra“) habe ihre Schwester Jana und sie ihr Leben lang im Keller gefangen gehalten – und ihre Schwester sei noch immer dort und in Gefahr. Wo genau sich das Haus mit dem Keller befindet, vermöge sie aber nicht zu sagen. Während Winkler ihr zu glauben geneigt ist, zweifelt Schnabel an den Aussagen des Mädchens, das jedoch nach einer Analyse ihrer Blutspuren selbst unter Mordverdacht gerät…

Die Kamera fährt eine Leiche ab und eine dürre, verhuschte junge Frau mit Skalpell in der Hand und blutigem Kleid irrt durch Dresden. Weil sie sich von Winkler nicht von der Suche nach ihrer Schwester abbringen lassen will, zieht sie ihr eine Flasche über den Kopf. Ein wahrlich unheilschwangerer Auftakt, nach dem die offenbar traumatisierte Amanda in Rätseln spricht, bis sich nach und nach herauskristallisiert, worum es ihr eigentlich geht. Winkler versucht, sich gegen Schnabel und Co. durchzusetzen, will eine Suchaktion anberaumen. Schließlich lässt sich Schnabel überreden und unterstützt Winkler bei den Ermittlungen. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden, die zur Dresdner „Tatort“-Folklore gehören und häufig das Salz in der Suppe sind, sind damit ad acta gelegt. Fortan folgt man als Zuschauerin oder Zuschauer den schwierigen Ermittlungen der Polizei.

Lange vor ihr weiß man, dass es eine Leiche gibt, jedoch nicht, um wen es sich handelt. Dahingehend, ob Amanda die Wahrheit sagt oder sie beispielsweise unter paranoider Schizophrenie leidet, tappt man aber selbst im Dunkeln. Eine Psychiaterin (Abak Safaei-Rad, „Tatort: Für immer und dich“) wird hinzugezogen und klassische Hausbesuche im etwaigen Umfeld Amandas werden durchgeführt, wodurch man einen Querschnitt der Bewohnerinnen und Bewohner eines Dresdner Plattenbaus kennenlernt. Den Verdacht, dass Amanda Wahnvorstellungen haben könnte, nährt die Inszenierung zunächst, indem sie Amanda mit ihrem Vater sprechend zeigt, der jedoch gar nicht anwesend ist.

Zur Verwirrung tragen immer häufigere Szenen bei, in denen sich Amanda (dann wären es Rückblenden) oder aber ihre Schwester Jana (dann wäre es die Gegenwart) tatsächlich in einem karg als Jugendzimmer eingerichteten Kellerraum befinden. Die Gespräche mit dem Vater scheinen real zu sein, denn dieser überwacht den Raum mit einer Kamera. Das ist alles sehr ominös, aber spannend, zumal die Polizei eine unübersichtliche Familiensituation aufdröselt und man nach ungefähr einer Stunde Amandas Mutter (Nina Kunzendorf, „Bis nichts mehr bleibt“) kennenlernt.

Dass Winkler sich mit einem Alleingang einmal mehr unnötig in Lebensgefahr begibt, ist eine übertrieben anmutende dramaturgische Zuspitzung, die es in dieser insbesondere von Emilie Neumeister beeindruckend gespielten, bedrückenden und intensiven Mischung aus Krimi und Psycho-Drama nicht gebraucht hätte. Neben einer beunruhigenden Musik- und Tonspur arbeitet man mit düsteren Bildern und vielen Nahaufnahmen, u.a. von der Entnahme einer Blutprobe, und lässt eine der Figuren aus dem Kinderbuchklassiker „Momo“ zitieren. Wieder einmal blickt man in Dresden in tiefe Abgründe – und lässt ein verkatertes Neujahrspublikum denkbar ungemütlich ins neue Jahr starten.

Trivium: Neumeister spielte zuvor bereits in einer „Usedom-Krimi“-Episode, die ebenfalls „Nachtschatten“ betitelt wurde.

Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Verfasst: Di 13. Jan 2026, 14:21
von buxtebrawler
FarfallaInsanguinata hat geschrieben: Di 6. Jan 2026, 07:43 Diesmal war das gar nicht nötig, denn als ich sah, dass Emelie Neumeister die Episodenhauptrolle spielt, hätte ich den Dresdener Tatort sogar allein angeguckt.
Welchen Bezug hast du zu ihr? Kannst du weitere Filme oder Serienepisoden mit ihr empfehlen?

Re: Tatort / Polizeiruf 110 - Kritiken und Diskussionen

Verfasst: Di 13. Jan 2026, 19:55
von FarfallaInsanguinata
buxtebrawler hat geschrieben: Di 13. Jan 2026, 14:21
FarfallaInsanguinata hat geschrieben: Di 6. Jan 2026, 07:43 Diesmal war das gar nicht nötig, denn als ich sah, dass Emelie Neumeister die Episodenhauptrolle spielt, hätte ich den Dresdener Tatort sogar allein angeguckt.
Welchen Bezug hast du zu ihr? Kannst du weitere Filme oder Serienepisoden mit ihr empfehlen?
Ich merke mir Personen, die mich aus irgendwelchen Gründen beeindrucken und schaue mir Filme oft eher mit Blick auf die Besetzung als auf die Handlung an. Bei deutschen Schauspielerinnen etwa gehören z.B. Karoline Teska, Mercedes Müller oder eben Emelie Neumeister zu meinen Lieblingen.
Auf meiner Festplatte habe ich folgendes mit Emelie gefunden;
. Anderst schön (2015) charmante Komödie mit Charly Hübner, wohl der erste Film, den ich mit ihr sah
- In Wahrheit - Episode "Jette ist tot" (2018)
- Doktor Balouz - Staffel 2, Folge 5 "Zwei Herzen" (2022)