Gladbeck - Kilian Riedhof (2018)

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Gladbeck - Kilian Riedhof (2018)

Beitrag von buxtebrawler »

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Originaltitel: Gladbeck

Herstellungsland: Deutschland / 2018

Regie: Gladbeck

Darsteller(innen): Sascha Alexander Gersak, Marie Rosa Tietjen, Alexander Scheer, Ulrich Noethen, August Zirner, Martin Wuttke, Johannes Allmayer, Amelie Kiefer, Zsá Zsá Inci, Lilli Fichtner, Albrecht Schuch, Riccardo Campione, Giolina Ardente, Vinicio Marchioni, Arnd Klawitter, Lara Brucci, Tatja Seibt u. A.
Der Zweiteiler „Gladbeck“ erzählt detailliert die Ereignisse eines der dramatischsten Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Vor allem aus der Sicht der Geiseln wird den Zuschauern vermittelt, wie es den beiden mehrfach vorbestraften Kriminellen Hans-Jürgen Rösner (Sascha A. Geršak) und Dieter Degowski (Alexander Scheer) 1988 im nordrhein-westfälischen Gladbeck gelang, mit großer Entschlossenheit und Brutalität durch die Bundesrepublik zu fliehen und wie die Medien dabei moralische Grenzen überschritten. Auch die hanebüchenen Fehler der polizeilichen Ermittlungsbehörden sind Teil des Doku-Dramas, das die spektakuläre 54-stündige Flucht nachstellt.
Quelle: mm / RF / https://www.fernsehserien.de/gladbeck
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Re: Gladbeck - Kilian Riedhof (2018)

Beitrag von buxtebrawler »

„Sie bellen, aber sie beißen nicht...?“

Im August 1988 war ich neun Jahre alt. Wenn ich nicht gerade draußen oder drinnen spielte, saß ich auch gern mal vor der Glotze. Und so wurde ich, wie Millionen anderer Bundesbürgerinnen und -bürger auch, Zeuge des Gladbecker Geiseldramas, über das die Medien quasi live berichteten. Fasziniert und gebannt saß ich vorm Fernseher, wusste, dass da gerade etwas ganz Besonders passiert und ahnte bald, dass ganz Deutschland inklusive seiner Institutionen jene Tage nicht so schnell vergessen würde. Es war vielleicht das initiale Ereignis, das mein Vertrauen in Exekutive und Medien erschütterte.

„Es geht hier um Menschenleben!“

Zahlreiche Dokumentation versuchten sich in den Folgejahren an einer Aufarbeitung des Geschehenen und drei Spielfilme erzählen die tödlichen Ereignisse und das behördliche sowie medienmoralische Versagen nach. Der dritte von ihnen ist der erste, den ich bisher sah, und zugleich der längste: Regisseur Kilian Riedhofs („Der Fall Barschel“) schlicht „Gladbeck“ betitelter, für die ARD produzierter Zweiteiler aus dem Jahre 2018 – also anlässlich des 30-jährigen Jubiläums – bringt es auf fast drei Stunden Laufzeit.

„Ich weiß nicht, ob das Hilfe ist, was Sie da machen!“

Mit Banküberfällen ist das ja so eine Sache: Verbrecher wie Deutsche Bank und Konsorten um ein bisschen Kohle zu erleichtern, ist moralisch sicher kaum verwerflich. Unschön wird’s, wenn man dabei Unschuldige durch Drohungen, sie zu verletzen oder gar zu töten, nachhaltig traumatisiert oder das Ganze sogar in eine Geiselnahme mündet – so geschehen in Gladbeck. Und wenn tatsächlich jemand sein Leben lassen muss, ist endgültig Schluss mit lustig.

„Tot sein ist schöner als wie ohne Geld.“

Riedhofs Film stellt die Ereignisse (und die sonnigen August-/Hundstage des Jahres 1988) in Spielfilmform nach und ist dabei kein Doku-, sondern ein True-Crime-Kriminaldrama mit Thriller-Elementen. Eine Texttafel informiert zu Beginn darüber, dass es fiktionale Elemente enthalte, was angesichts der sich offenbar sehr akribisch an die Realität haltenden Handlung fast wie eine Entschuldigung wirkt, dass eben nicht alles zu 100 Prozent authentisch sein kann. Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt und Regisseur Riedhof orientieren sich weitestmöglich an Untersuchungsausschussberichten, die sie studiert haben, und Gesprächen mit Zeitzeuginnen und -zeugen; Dialoge sind, soweit überliefert, 1:1 wiedergegeben, Ex- und Interieur eine Zeitreise in die ‘80er.

„Ich will nach vorne kommen, ich will leben.“

Der mit präzisen Orts- und Zeitangaben arbeitende Film beginnt aus Polizeiperspektive und zeigt den dilettantischen Einsatz, für den mit Blaulicht und Martinshorn angerückt und somit die Geiselnahme provoziert wird. Wir erfahren, dass Hans-Jürgen Rösner (Sascha Alexander Gersak, „Im Angesicht des Verbrechens“), einer der Bankräuber und Geiselnehmer, sich bereits zwei Jahre lang auf der Flucht vor der Polizei befand, diese sich aber nicht traute, ihn zu verhaften. Zusammen mit seinem Freund Dieter Degowski (Alexander Scheer, „Sonnenallee“) überfällt er nun also eine Filiale der Deutschen Bank, doch die Tat erweist sich als nicht so einfach wie geplant und wird zur Geiselnahme. Die Täter richten sich in ihrer Bauernschläue per Geisel an die Presse, Hans Meiser und andere Journalisten telefonieren mir nichts, dir nichts mit ihnen. Ein Polizeipsychologe versucht mit Rösner und Degowski deren Sprache zu sprechen und es entbrennt ein polizeiinterner Disput darüber, ob man einen Zugriff wagen sollte. Man ist sich uneins, schlecht vorbereitet und offenbar mit der Situation überfordert. Dabei geht es um zwei längst enttarnte, stadtbekannte Kleinkriminelle, die sich nun ebenfalls in einer für sie ungewohnten Lage befinden.

„Ich scheiß‘ auf mein Leben, und das mein‘ ich jetzt im Ernst…“

Als die Gangster zum vereinbarten beobachtungsfreien Abzug das Gebäude verlassen, prasselt ein Blitzlichtgewitter der anwesenden Journaille auf sie ein, und der Einsatzleiter macht erst mal Feierabend. Und von nun wird alles noch viel schlimmer werden. So weit, so bekannt. Neu ist: Riedhof gibt den späteren Todesopfern ein über die bekannten Aufnahmen hinausgehendes Gesicht, einen Hintergrund, ein Leben. Silke Bischoff (Zsá Zsá Inci, „Die wilden Hühner“) führt er als Figur beim Wohnungsstreichen mit ihrem Freund ein, die Rainbirds laufen mit ihrem Megahit „Blueprint“ dazu. Sie wird beim Stretching und mit ihren Großeltern gezeigt und wie sie sich den Film „The Ripper“ für einen Videoabend leiht. Auch die Familie des 15-jährigen italienischen Jungen Emanuele de Giorgi (Riccardo Campione, „Tatort: Tyrannenmord“) lernen wir nicht nur als spätere Geisel kennen. Natürlich ist das nicht nur Ehrerbietung an die Opfer, sondern auch eine filmische Emotionalisierungsmaßnahme.

„Vor allem mein Kumpel ist brandgefährlich…“

Das Chaos, das Polizei und Medien anrichten, deckt der Film recht detailliert ab: Zuständigkeits- und Kompetenzgerangel seitens der Grünröcke, u.a. weil Rösner und Degowski es wagen, mehrere Bundesländergrenzen (in einem föderalen Staat!) zu überschreiten, falsch eingeschätzte Situationen, ausgeschlagene Vermittlungsangebote, Versäumnisse einfachster Standards wie Absperrungen und Räumungen, verschenkte Zugriffsmöglichkeiten, die die Chose wohl unblutig beendet hätten, Pannen, eine völlig idiotische Festnahme der zu den Gangstern hinzugestoßenen Marion Löblich (Marie Rosa Tietjen, „Halt auf freier Strecke“), der Freundin Rösners, woraufhin Emanuele sterben musste (auch weil kein Rettungswagen bereitstand…), am Ende eine Attacke nach Rambo-Manier mitten auf der Autobahn, bei der das Leben der Geiseln dann scheißegal war und Bischoff ihres verlor. Zu lange hatte man sich von zwei ehemaligen Sonderschülern, die seit mittlerweile drei Tagen völlig übermüdet und auf Pillen das Land in Atem hielten, vorführen lassen, damit musste jetzt Schluss sein – koste es, was es wolle. Dass die Gangster kurz davor waren, ihre Geiseln freizulassen: geschenkt.

Bis dahin immer dabei: Journalisten. Wie ein Schwarm Fliegen umkreisen sie die Gangster und deren Geiseln, wann immer sie die Gelegenheit dazu haben. Und die gibt ihnen die Polizei quasi permanent. Die Täter geben „Pressekonferenzen“, profilieren sich vor laufenden Kameras, Journalisten zünden ihnen Zigaretten an und besorgen ihnen Kaffee, steigen zu ihnen ins Auto und fahren mit ihnen mit, werden gegenüber der Polizei zum Sprachrohr der Gangster und vermitteln vor allem nie den Eindruck, dass sie ein Interesse daran hätten, dass die Sache bald endet – im Gegenteil: Der deutsche Sensationsjournalismus hatte einen seiner absoluten Höhepunkte gefunden und ließ ihn nicht mehr von der Angel, behinderte die Arbeit der Polizei, inszenierte ein Medienspektakel und wurde von einem neutralen Berichterstatter zum Mitspieler. Fairerweise muss ergänzt werden: Da sich die Polizei selbst nicht in der Lage sah, mit Rösner und Degowski zu kommunizieren und zu vermitteln, übernahmen auch dies Journalisten.

Nicht mehr und nicht weniger zeigt dieser Film, jede dramaturgische Übertreibung wäre unnötig gewesen, wofür – nicht, dass das hier untergeht – auch die Gangster sorgen, vor allem, wenn Rösner sich trotz vieler relativ lichter Momente als Oberfiesling geriert und im gekaperten Bus voller Kinder und Jugendlicher ausgerechnet das kleinste Mädchen – Emanueles Schwester (Giolina Ardent, „Bella Block: Am Abgrund“) – ruppig behandelt und als potenzielles Opfer vorführt, oder wenn Degowski ständig demonstrativ Silke Bischoff seine Knarre an den Kopf drückt. Visuell ist „Gladbeck“ auch dadurch interessant, dass er Perspektiven durch Ferngläser, Monitore, TV-Kameras etc. und dokumentarisch anmutende Kameraeinstellungen und -bewegungen verwendet. Schauspielerisch gibt es nichts zu beanstanden, alle Mitwerkenden zeigen beeindruckende Leistungen. Generell ist „Gladbeck“ derart gut gemacht, dramaturgisch gar nah an der Perfektion, dass er auch für Thriller-Fans als Unterhaltungsfilm funktionieren würde – was ich keinesfalls despektierlich meine. Nur wenig der realen Ereignisse wurde, so weit ich das beurteilen kann, weggelassen. Texttafeln informieren am Ende darüber, was aus einigen der dargestellten Personen wurde.

Was „Gladbeck“ – wohl nachvollziehbarerweise zugunsten der Opferperspektive – unbeachtet lässt, sind nähere Hintergründe zu den Tätern, ihre Lebensläufe, die dazu beitrugen, sie zu Tätern zu machen. Auch bleibt unerwähnt, dass bis dahin noch kein Raubüberfall mit Geiselnahme in Deutschland oder gar europaweit zu Todesopfern geführt hatte, was vielleicht manch Verhalten ein wenig erklären könnte. Rösner bestreitet bis heute, die tödliche Kugel auf Bischoff abgefeuert zu haben. Der Film präsentiert die gerichtlich anerkannte Version, nach der sich der tödliche Schuss wohl als unbeabsichtigte körperliche Reaktion löste, als Rösner im Kugelhagel der Polizei von mehreren Projektilen getroffen wurde. Dass er Bischoff tatsächlich hätte töten wollen, erscheint in der Tat sehr unwahrscheinlich. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass, hätte Rösner in dieser Situation aufgehört, mit seiner Waffe herumzufuchteln, Bischoff womöglich noch leben würde.

Letztlich starben zwei unschuldige junge Menschen – Emanuele de Giorgi und Silke Bischoff – völlig sinnlos. Es ging übrigens ursprünglich um 120.000 DM, die Rösner und Degowski aus der Bankfiliale erbeutet hatten – eine Summe, die für die Deutsche Bank bekanntlich nicht einmal Peanuts sind, aber offenbar trotzdem mehr wert waren als zwei Menschenleben. Auch dies erzählt dieser Film einem nicht, sondern muss man sich selbst zusammenreimen.

Einen Reim auf das Geschehene machten sich fortan auch Politik, Exekutive und Medien. Die polizeiliche Einsatzkoordination wurde reformiert und man geht in vielen brenzligen Situationen intelligenter vor, zugleich sitzt der Finger offenbar wieder wesentlich lockerer am Abzug. Die Medien sahen sich aufgrund der Debatte gezwungen, ihr Verhalten zu reflektieren. Seriösere Vertreter änderten ihre Kodizes, der übliche Abschaum von Springer und Konsorten hingegen machte weiter wie bisher oder setzte sogar noch einen drauf, schied gar noch widerwärtigere Bastarde aus und die (a)sozialen Netzwerk im World Wide Web besorgten den Rest.

Mit dem Verfassen dieser Filmbesprechung tat ich mich sehr schwer, da sie unmöglich von den wahren Ereignissen zu trennen ist. So laufe ich sicherlich Gefahr, weniger den Film als dessen reale Hintergründe zu bewerten. Und diese wühlen mich nach wie vor auf und machen mich wütend. Wenn es dieser ambitionierten öffentlich-rechtlichen Filmproduktion also gelingt, diese berechtigte, zielgerichtete Wut mit ehrlicher Anteilnahme zu verbinden und die Erinnerung auch 30 Jahre später aufrechtzuerhalten, macht sie wohl vieles richtig.
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Pippolino
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Re: Gladbeck - Kilian Riedhof (2018)

Beitrag von Pippolino »

Eine gute Verfilmung. Die Blu-ray gönnte ich mir.
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buxtebrawler
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Re: Gladbeck - Kilian Riedhof (2018)

Beitrag von buxtebrawler »

Im Nachgang zu "Gladbeck" habe ich noch dokumentarisches Material gesichtet, beginnend mit:

Dieter Degowski – Der Geiselgangster von Gladbeck

„Etwas schwerfällig im Denken war der Dieter...“

Vier Jahre nach dem Gladbecker Geiseldrama, bei dem Polizei und Medien ein verheerendes Bild abgaben und das letztendlich zwei Geiseln das Leben kostete, versuchte sich Fernsehjournalistin Uta Claus an einer Annäherung an Dieter Degowski, einer der beiden Täter und derjenige, der den 15-jährigen Emanuele de Giorgi erschoss. Das Ergebnis ist dieser 80-minütige öffentlich-rechtlich produzierte Dokumentarfilm.

„Er war nicht viel wert.“

Uta Claus fungiert auch als Off-Sprecherin und informiert einführend darüber, dass die Justiz ihr ein Interview mit Degowski verwehrte. Also lässt sie andere erzählen, beginnend mit Degowskis Schwester, die mit dem Rücken zur Kamera sitzt, weil sie nicht erkannt werden will. Auch ehemalige Nachbarn kommen zu Wort, ein Psychiater und ein Psychoanalytiker, die als Sachverständige den Prozess begleiteten, ebenso wie der Verteidiger Degowskis, darüber hinaus Freunde Degowskis (denen man die für sie ungewohnte Situation anmerkt), ein ehemaliger Arbeitskollege, eine Jugendhausleiterin, drei Busgeiseln, darunter Silke Bischoffs (R.I.P.) Freundin Ines, sowie der Vertreter der Nebenklage. Zudem wird stets eingeblendet, wen sie ferner gern interviewt hätte, wer sich aber nicht äußern wollte oder durfte.

Kindheitsfotos Degowskis zeigen einen Jungen mit erschreckend traurigem Blick. Man erfährt, dass er aus einfachen Verhältnissen stammt und von seinem trinkenden Vater misshandelt wurde, dass er minderbegabter Schulversager und schwächliches Mobbing-Opfer mit frühkindlichem Hirnschaden, der anscheinend unbehandelt blieb, war. Er besuchte die Sonderschule und orientierte sich irgendwann in Richtung Unterwelt. Ein Freund berichtet, Hans-Jürgen Rösner, mit dem er den Banküberfall mit anschließender Geiselnahme durchführte, habe Degowski viel beigestanden, sich schützend vor ihn gestellt und ihn akzeptiert, wie er ist. Von Degowskis abgebrochener Metzgerlehre berichtet der ehemalige Arbeitskollege. Introvertiert und verschlossen sei er gewesen, erinnert sich die Jugendhausleitern. Eine ganze Weile haben sein Leben daraus bestanden, zu jobben, Mist zu bauen und wieder entlassen zu werden. Er habe früh Knasterfahrungen gesammelt und sich zeitweise gar inhaftieren lassen, um seinem Vater zu entfliehen. Erst hinter Gittern habe er lesen und schreiben gelernt. Ein weiterer Moment dieser Doku, der mich ungläubig zurücklässt.

Er habe stark zu trinken begonnen und sei tablettenabhängig geworden, habe nie eine Frau oder eine sonstige Liebesbeziehung gehabt. Er sei mit einem 20 Jahre älteren Ex-Knacki zusammengezogen, man habe gegenseitig aufeinander achtgegeben. Der schiere Wahnsinn: Eine Texttafel informiert darüber, dass dieser ehemalige Mitbewohner zur Zeit dieser Doku eine sechsjährige Haftstrafe absitze, weil er ein Mädchen entführt habe, um Degowski freizupressen! Auch ein Interview mit ihm wurde nicht genehmigt. Ein halbes Jahr vor dem Geiseldrama habe Degowski wieder Kontakt zu Rösner bekommen, woraus sich ein Abhängigkeitsverhältnis entwickelt habe. Ein Beispiel für verquere Gangster-Logik: Degowski habe dem Milieu ausgerechnet durch den Banküberfall entfliehen wollen. Von nun an illustriert die Dokumentation die weitere Chronologie der Ereignisse mit den bekannten Fernsehbildern des Geiseldramas sowie Pressefotos. Die eine oder andere Information wird zudem in Form von Texttafeln ergänzt.

Einer seiner Freunde sagt, er habe der Polizei angeboten, Dieter aus der Bank herauszuholen, die Polizei habe aber abgelehnt. Nun kommen die Busgeiseln zu Wort. Auch die Schwester habe der Polizei ihre Hilfe angeboten, mittlerweile hatte ihr Bruder zusammen mit Rösner und dessen Lebensgefährtin Löblich den Bus gekapert. Auch dies sei abgelehnt worden. Es folgt eine psychologische Einordnung der Ereignisse durch die Experten auf diesem Gebiet, die auch berücksichtigen, dass Degowski und Rösner mittlerweile – das Drama zog sich über drei Tage –übermüdet und auf Pillen waren. Die Information, dass sich die Kugel, die am Ende Silke Bischoff tötete, unabsichtlich aus Rösner Revolver gelöst habe, findet sich auch hier. Im Anschluss verlässt die Doku wieder den Bereich des größtenteils Bekannten, indem sie sich der Zeit nach der Tat widmet. Wenn man über Degowskis erste Zeit in Haft hört und seine Reaktionen auf die Konfrontation mit seinen Taten geschildert bekommt, stellt sich fast schon die Frage nach dessen voller Schuldfähigkeit (wobei man stets im Hinterkopf behalten sollte, dass diese Informationen durch Dritte vermittelt werden). Er sei nicht damit fertiggeworden, was er getan hat, und habe sich im Sicherheitstrakt in Isolationshaft vor allem zum Schutz vor sich selbst befunden.

Sein Anwalt behauptet, die Medien und das öffentliche Interesse hätten sich negativ auf den Prozess ausgewirkt, von dem nun unter anderem ein Vertreter der Nebenklage berichtet. Besonders ekelhaft: Mutmaßlich der Axel-Springer-Verlag setzte eine Frau auf Degowski an, die ihm Avancen machte, ihn im Gefängnis heirate und zwei Jahre lang exklusiv für die „Bild-Zeitung“ Privates und Intimes über ihn berichtete. Nach Vertragserfüllung ließ sie sich wieder scheiden. Für an juristischen Spitzfindigkeiten Interessierte ist vielleicht noch die hier kurz angerissene Frage, ob es sich um Mord oder Totschlag gehandelt habe, interessant. Wir erfahren noch, dass Degowski sich innerhalb seiner ersten vier Jahre nach der Tat im Knast sehr positiv entwickelt haben soll.

Die Presse hingegen stilisierte ihn zum Monster, um von sich selbst und dem, was sie zum Verlauf des Geiseldramas beigetragen hat, abzulenken. Wer oder was Degowski damals wirklich war, weiß man natürlich auch nach Sichtung dieser Doku nicht wirklich, doch ist sie die traurige Chronik eines verpfuschten Lebens. Eines Lebens, das vermutlich anders hätte verlaufen können, hätte sich ein funktionierender, behördlicher Kinder- und Jugendhilfe-Apparat frühzeitig des Jungen angenommen, ihn pädagogisch beim Erwachsenwerden begleitet und gezielt gefördert. Man hätte sich und seinen Opfern ein anderes Leben für Dieter Degowski gewünscht. Somit ist dieser Film ein wichtiger Verweis darauf, dass Monster nicht aus dem Nichts entstehen, sondern erschaffen werden – wohlgemerkt ohne Degowski aus der Verantwortung zu entlassen.

P.S.: Im Jahre 2018 wurde Degowski nach über 30 Jahren aus der Haft in eine neue Identität entlassen. Rösner hingegen sitzt offenbar noch immer ein.
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Re: Gladbeck - Kilian Riedhof (2018)

Beitrag von buxtebrawler »

Weiter ging's mit:

54 Stunden Angst – Das Geiseldrama von Gladbeck

„...das öffentlichste Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte.“

Zehn Jahre nach dem Gladbecker Geiseldrama bemühte sich der deutsche, zur RTL-Gruppe gehörende Privatsender Vox um eine Aufarbeitung der Ereignisse. Es handelt sich mehr um ein moderiertes Magazin denn um einen klassischen Dokumentarfilm, wenngleich die Hälfte der, abzüglich der Werbeunterbrechungen, rund 52-minütigen Sendung für eine Dokumentation der Fernsehjournalistinnen und -journalisten Michael Sagorny, Andrea Klüting und Karen Langen aufgewendet wird. Dennoch bin ich etwas verwundert, dass „54 Stunden Angst – Das Geiseldrama von Gladbeck“ in den bekannten Filmdatenbanken als vollwertiger Dokumentarfilm geführt wird. Sechs Jahre zuvor hatte Uta Claus mit „Dieter Degowski – Der Geiselgangster von Gladbeck“ den Dokumentarfilmreigen eröffnet.

Moderator Henning Quanz führt in die Sendung ein und stellt die Studiogäste vor: Degowskis Anwalt Bossi, MEK-Leiter Pfannenschmidt und Journalist Ulrich Kienzle. Der Dokumentarfilm rekapituliert in recht komprimierter Form und erzählt von Zeitzeuginnen und -zeugen sowie einem Off-Sprecher die damaligen Ereignisse. Journalisten, der Direktor der überfallenen Bankfiliale, ein psychologischer Gerichtsgutachter (mit psychologischen Erläuterungen), ein Staatsanwalt, ein involvierter Cafébesitzer, eine Busgeisel (die das Gleiche wie in der oben erwähnten vorausgegangenen Doku erzählt), ein verantwortlicher Polizeivertreter, der Vater des erschossenen Emanuele und die Ärztin, die Rösners Lebensgefährtin Löblich aufgrund ihrer Schussverletzung behandelte, erinnern sich und tun ihre Sicht der Dinge kund. Das ist mitunter recht interessant und erweitert den Kanon zum Teil um zusätzliche Stimmen und Perspektiven. Illustriert wird die Doku mit authentischem Video- und Bildmaterial (das aus bekannten Gründen en masse vorliegt) sowie eigens angefertigter digitaler Topographie.

In der anschließenden Gesprächsrunde tut Anwalt Bossi so, als habe Degowski gar keine andere Möglichkeit gehabt als abzudrücken, gibt der (öffentlich-rechtliche) Journalist Kienzle der deutschen Medien-Deregulierung die Schuld am damaligen Verhalten von Presse und TV und wirbt für Verständnis für die Journalisten, und redet MEK-Leiter Pfannenschmidt Teile des Polizeieinsatzes schön. Der Moderator setzt alldem nur wenig entgegen. In ihrer Einseitigkeit sind die Talkgäste zeitweise schwer erträglich. Die Kurve bekommt Bossi, wenn er den Fokus darauf lenkt, dass es ursprünglich um läppische 120.000 und letztlich um 400.000 DM ging, um die die Deutsche Bank erleichtert werden sollte, für die bekanntlich 50 Millionen DM lediglich Peanuts waren. Gegenüber Pfannenschmidt wird Bossi richtiggehend emotional. Das Ende dieses hochinteressanten Zeitdokuments fehlt mir leider, da ich lediglich eine von zahlreichen Bild- und Tonfehlern geprägte und in fünf Teile aufsplittete, von einem Videoband digitalisierte Fassung auf YouTube sah.
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