Was vom Tage übrigblieb ...
Moderator: jogiwan
Re: Was vom Tage übrigblieb ...
Sieben Jahre in Tibet (Jean-Jacques Annaud, 1997) 7/10
Heinrich Harrer mag ein schwieriger Mensch gewesen sein, ein fragwürdiger Charakter und ein viel zu ehrgeiziger Bergsteiger. Er mag viele negative Seiten an sich gehabt haben, aber eines hatte er sicher: Ein aufregendes Leben!
Schon als Jugendlicher begeisterter Skifahrer und Kletterer, geprüfter Skilehrer und Bergführer, größter bergsteigerischer Triumph natürlich die Erstdurchsteigung der Eiger-Nordwand (unter der Führung von Anderl Heckmair, aber dies nur so ganz nebenbei), österreichischer Golfmeister, Erstbesteiger der Carstensz-Pyramide, des höchsten Bergs Ozeaniens, erfolgreich auf vielen vielen Expeditionen vor allem in den Himalaya, aber auch nach Ozeanien … Und natürlich persönlicher Freund des Dalai Lama.
Der Film konzentriert sich auf die Jahre in Tibet, nachdem Harrer als Mitglied einer deutsch-österreichischen Expedition im Himalaya 1939 als „Feind“ von der britischen Besatzungsmacht in Indien interniert wurde, und gemeinsam mit seinem Kameraden Peter Aufschnaiter flüchten konnte (was zugegeben sehr vereinfacht beschrieben ist, sich aber am Film orientiert und damit der groben Linie der Realität durchaus entspricht). Nach über 2000 Kilometern zu Fuß und einer strapaziösen und unglaublichen Reise durch Indien und Tibet erreichten die beiden irgendwann Lhasa, die Hauptstadt Tibets, wo sie Aufenthaltsrecht und Arbeit bekamen, und Harrer als Lehrer des Dalai Lama auch dessen Freund wurde. Eine Freundschaft, die tatsächlich bis zu Harrers Tod im Jahr 2006 hielt. SIEBEN JAHRE IN TIBET zeigt diese Freundschaft, er zeigt, wie Harrer sich unter dem Einfluss des Buddhismus im Allgemeinen und des Dalai Lamas im Besonderen vom egoistischen Arschloch allmählich zu einem (mit-) fühlenden Menschen wandelte, und er zeigt vor allem eines: Eine Welt, die auf Frieden und auf Achtung vor jedem anderen Lebewesen fußt. Eine Achtung die so tief ist, dass die Mönche, die das Fundament für ein Kino ausschachten sollen, sich weigern dies zu tun, weil sie dabei unabsichtlich Regenwürmer töten könnten. Die, so lehrt die Reinkarnationslehre des Buddhismus, immerhin ihre Vorfahren sein könnten. Und der Film zeigt auch, wie eine brutal-imperialistische Kriegsmacht diesen Frieden zerstört und die Bevölkerung in eine mittlerweile seit über 70 Jahren dauernde Knechtschaft schickt.
SIEBEN JAHRE IN TIBET schmerzt, weil man hilflos zuschauen muss, wie ein kleines Paradies unwiederbringlich zerstört und dem Götzen Macht geopfert wird. Aber trotzdem ist der Zuschauer nach dem Film nicht traurig oder am Boden zerstört. Die Botschaft, die Regisseur Jean-Jacques Annaud mit auf den Weg gibt, ist positiv konnotiert und von einer tiefen Liebe an Menschen und Leben durchdrungen. SIEBEN JAHRE IN TIBET gibt einem die Kraft, die nächste Arbeitswoche zu bestehen, die Ungerechtigkeiten des Alltags vielleicht ein wenig stoischer zu ertragen, und den eigenen Geist einfach ein klein wenig zu entspannen. Der Film ist somit ein bisschen wie eine buddhistische Entspannungsübung – Man hält den Atem an (während des ersten, spannenden, Drittels), und lässt ihn dann allmählich durch den geöffneten Mund fließen, um damit Druck und Anspannung abzubauen. Sich in den wunderschönen Bildern der tibetischen Natur zu verlieren (gedreht wurde in Argentinien, es gibt aber auch Naturaufnahmen die inkognito tatsächlich in Tibet entstanden sind). Und ein klein wenig ruhiger und gelassener zu werden.
Ein schöner Film, trotz der stellenweise schrecklichen Bilder des letzten Drittels. Ein Film, der Kraft gibt. Richtig schön!
Heinrich Harrer mag ein schwieriger Mensch gewesen sein, ein fragwürdiger Charakter und ein viel zu ehrgeiziger Bergsteiger. Er mag viele negative Seiten an sich gehabt haben, aber eines hatte er sicher: Ein aufregendes Leben!
Schon als Jugendlicher begeisterter Skifahrer und Kletterer, geprüfter Skilehrer und Bergführer, größter bergsteigerischer Triumph natürlich die Erstdurchsteigung der Eiger-Nordwand (unter der Führung von Anderl Heckmair, aber dies nur so ganz nebenbei), österreichischer Golfmeister, Erstbesteiger der Carstensz-Pyramide, des höchsten Bergs Ozeaniens, erfolgreich auf vielen vielen Expeditionen vor allem in den Himalaya, aber auch nach Ozeanien … Und natürlich persönlicher Freund des Dalai Lama.
Der Film konzentriert sich auf die Jahre in Tibet, nachdem Harrer als Mitglied einer deutsch-österreichischen Expedition im Himalaya 1939 als „Feind“ von der britischen Besatzungsmacht in Indien interniert wurde, und gemeinsam mit seinem Kameraden Peter Aufschnaiter flüchten konnte (was zugegeben sehr vereinfacht beschrieben ist, sich aber am Film orientiert und damit der groben Linie der Realität durchaus entspricht). Nach über 2000 Kilometern zu Fuß und einer strapaziösen und unglaublichen Reise durch Indien und Tibet erreichten die beiden irgendwann Lhasa, die Hauptstadt Tibets, wo sie Aufenthaltsrecht und Arbeit bekamen, und Harrer als Lehrer des Dalai Lama auch dessen Freund wurde. Eine Freundschaft, die tatsächlich bis zu Harrers Tod im Jahr 2006 hielt. SIEBEN JAHRE IN TIBET zeigt diese Freundschaft, er zeigt, wie Harrer sich unter dem Einfluss des Buddhismus im Allgemeinen und des Dalai Lamas im Besonderen vom egoistischen Arschloch allmählich zu einem (mit-) fühlenden Menschen wandelte, und er zeigt vor allem eines: Eine Welt, die auf Frieden und auf Achtung vor jedem anderen Lebewesen fußt. Eine Achtung die so tief ist, dass die Mönche, die das Fundament für ein Kino ausschachten sollen, sich weigern dies zu tun, weil sie dabei unabsichtlich Regenwürmer töten könnten. Die, so lehrt die Reinkarnationslehre des Buddhismus, immerhin ihre Vorfahren sein könnten. Und der Film zeigt auch, wie eine brutal-imperialistische Kriegsmacht diesen Frieden zerstört und die Bevölkerung in eine mittlerweile seit über 70 Jahren dauernde Knechtschaft schickt.
SIEBEN JAHRE IN TIBET schmerzt, weil man hilflos zuschauen muss, wie ein kleines Paradies unwiederbringlich zerstört und dem Götzen Macht geopfert wird. Aber trotzdem ist der Zuschauer nach dem Film nicht traurig oder am Boden zerstört. Die Botschaft, die Regisseur Jean-Jacques Annaud mit auf den Weg gibt, ist positiv konnotiert und von einer tiefen Liebe an Menschen und Leben durchdrungen. SIEBEN JAHRE IN TIBET gibt einem die Kraft, die nächste Arbeitswoche zu bestehen, die Ungerechtigkeiten des Alltags vielleicht ein wenig stoischer zu ertragen, und den eigenen Geist einfach ein klein wenig zu entspannen. Der Film ist somit ein bisschen wie eine buddhistische Entspannungsübung – Man hält den Atem an (während des ersten, spannenden, Drittels), und lässt ihn dann allmählich durch den geöffneten Mund fließen, um damit Druck und Anspannung abzubauen. Sich in den wunderschönen Bildern der tibetischen Natur zu verlieren (gedreht wurde in Argentinien, es gibt aber auch Naturaufnahmen die inkognito tatsächlich in Tibet entstanden sind). Und ein klein wenig ruhiger und gelassener zu werden.
Ein schöner Film, trotz der stellenweise schrecklichen Bilder des letzten Drittels. Ein Film, der Kraft gibt. Richtig schön!
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
(Bert Rebhandl)
Re: Was vom Tage übrigblieb ...
Tatort: Der unsichtbare Gegner (Hajo Gies, 1982) 6/10

Als Schimanski einen Bankräuber observiert wird er übel niedergeschlagen. Sylvia, die Lebensgefährtin seines Kollegen Thanner, bekommt, als sie die Tür ihrer Wohnung aufmacht, einen Messerstich in den Arm. Hänschen, der treue holländische Cop und Freund, wird mit der chemischen Keule angegriffen als er auf Schimanski wartet. Irgendjemand ist hinter Schimmi her und terrorisiert alle Menschen, mit denen der Kommissar Kontakt hat. Der Grund ist, dass er bei einem Einsatz einen Mann angeschossen hat, und dieser durch einen ärztlichen Kunstfehler keine Hirnfunktionen mehr haben wird. Ergo ist Schimmi schuld, dass der Mann hirntot ist, und dafür muss er zahlen.
Wieder diese Stimmungsbilder aus einer deutschen Industriestadt der frühen 80er. Menschen am unteren Rand der Gesellschaft, verkommene Mietshäuser, dreckige Hinterhöfe. Eine Frau die auf dem Sofa sitzt und säuft, während über dem Dach ihres Hauses eine Schnellstraße verläuft, und ihr Mann als erfolgloser Handelsvertreter die Pillermänner gleich neben der Kollektion hat. Schimmi, der einem Jugendlichen das Fahrrad konfiszieren will für eine Verfolgungsjagd, doch der Youngster gibt sofort Fersengeld – Er hat das Fahrrad schließlich selber geklaut. Ein Kunstmaler, der in so einer Umgebung finanziell natürlich auf dem Zahnfleisch geht, und wie selbstverständlich in krumme Dinger reinrutscht. Und überall in dieser Umgebung die kleinen Kneipen, wo es Buletten und Flaschenbier für Zuhause gibt. In so einer Welt ist sogar der Mittelstand ganz weit weg, und zwischen all dem Müll und dem Dreck fällt selbst der Schmuddel-Bulle Schimanski (so wird er einmal genannt) nicht weiter auf. Stimmungsbilder …
Auch ganz toll die Schauspieler. Helga Engel als Frau Krage, verhärmt, verlebt, und allem und jedem misstrauend. Nicht genügend misstrauisch, wie sich zeigen wird. Werner Schwuchow als Kriminalrat Kissling, der unter der Last seiner Verantwortung schier zusammenbricht und doch so gerne die Ermittlungen leiten würde. Dieser hinreißende Zwiespalt aus Gernegroß und kleinem Geist. Wolfrid Lier als Portier der Absteige, in der Schimmi nächtigt. Immer Lust auf einen Schnaps oder zwei oder drei. Ein Hinterhofgasthof wie man ihn sich in seinen schlimmsten Träumen vorstellt. Jochen Kolenda als Vertreter in dieser Absteige. Ein Schnäpschen, die Kollektion Bodenpflegemittel, das schüttere Haar, die billige Kleidung – Ein Leben am Rande der Nacht. Will man, wenn man Kind ist, so etwas mal werden? Großartige Schauspieler in klasse Nebenrollen!
Und die Story? Der Krimi? Eigentlich eine starke Idee, Schimmi einen unsichtbaren Verfolger hinterher zu schicken, und so einen Paranoia-Thriller inmitten dieser verkommenen Umgebung zu gestalten. Fast ein Neo-Noir, könnte man meinen. Aber leider ist das Drehbuch an den entscheidenden Stellen schwach und widersprüchlich, und die Aktionen Schimmis sind deutlich nur dazu gedacht, sich selber absichtlich tiefer in die Scheiße zu reiten und damit vermeintlich die Spannung zu erhöhen. Das Gegenteil ist der Fall, denn wenn Schimmi den Sender aus einer Jacke entfernt und an ein Taxi heftet, dann ist das zwar in dem Moment recht lustig, steht zu der zunehmenden Angst Schimanskis aber in krassem Gegensatz. Götz George war ein erstklassiger Schauspieler, und das gehetzte und gejagte, seine Unsicherheit und Unruhe übertragen sich schnell auf den Zuschauer. Der Aufzug fährt in einem dunklen Treppenhaus hoch und bleibt genau vor ihm in genau dem Moment stehen, als er seine Wohnungstür aus unbekannten Gründen nicht mehr öffnen kann. Ein Geräusch im Flur. Ist da jemand? Gängige Spielereien eines Verfolgungsthrillers, die ihre Wirkung nicht verfehlen und oft sehr spannend wirken. Leider steht die episodenhafte Erzählweise genauso gegen diese Spannung wie der erwähnte Umstand, dass Schimmi sich der Überwachung durch seine eigenen Leute entziehen will, gleichzeitig aber sichtlich alleine und ängstlich ist. Die Story beißt sich hier ganz furchtbar, was diese Spannung eben leider stark abschwächt.
Halt doch eine deutsche Fernsehproduktion, so denkt sich der Zuschauer, da kann man nicht so viel erwarten. Die Idee hinter der Story ist erstklassig, aber die Umsetzung ist leider wirklich auf TV-Niveau, und man wünscht sich einen Dominik Graf mit einem höheren Budget, der aus dieser kleinen und dreckigen Spannungsgeschichte wahrscheinlich einen düsteren Thriller gezaubert hätte, der den Vergleich mit den Größen des Noir nicht hätte scheuen müssen. So aber bleibt einfach eine gewisse Unzufriedenheit zurück, wie gut es hätte werden können, diese Verquickung von heruntergekommenen Straßen und gehetztem Bullen.

Als Schimanski einen Bankräuber observiert wird er übel niedergeschlagen. Sylvia, die Lebensgefährtin seines Kollegen Thanner, bekommt, als sie die Tür ihrer Wohnung aufmacht, einen Messerstich in den Arm. Hänschen, der treue holländische Cop und Freund, wird mit der chemischen Keule angegriffen als er auf Schimanski wartet. Irgendjemand ist hinter Schimmi her und terrorisiert alle Menschen, mit denen der Kommissar Kontakt hat. Der Grund ist, dass er bei einem Einsatz einen Mann angeschossen hat, und dieser durch einen ärztlichen Kunstfehler keine Hirnfunktionen mehr haben wird. Ergo ist Schimmi schuld, dass der Mann hirntot ist, und dafür muss er zahlen.
Wieder diese Stimmungsbilder aus einer deutschen Industriestadt der frühen 80er. Menschen am unteren Rand der Gesellschaft, verkommene Mietshäuser, dreckige Hinterhöfe. Eine Frau die auf dem Sofa sitzt und säuft, während über dem Dach ihres Hauses eine Schnellstraße verläuft, und ihr Mann als erfolgloser Handelsvertreter die Pillermänner gleich neben der Kollektion hat. Schimmi, der einem Jugendlichen das Fahrrad konfiszieren will für eine Verfolgungsjagd, doch der Youngster gibt sofort Fersengeld – Er hat das Fahrrad schließlich selber geklaut. Ein Kunstmaler, der in so einer Umgebung finanziell natürlich auf dem Zahnfleisch geht, und wie selbstverständlich in krumme Dinger reinrutscht. Und überall in dieser Umgebung die kleinen Kneipen, wo es Buletten und Flaschenbier für Zuhause gibt. In so einer Welt ist sogar der Mittelstand ganz weit weg, und zwischen all dem Müll und dem Dreck fällt selbst der Schmuddel-Bulle Schimanski (so wird er einmal genannt) nicht weiter auf. Stimmungsbilder …
Auch ganz toll die Schauspieler. Helga Engel als Frau Krage, verhärmt, verlebt, und allem und jedem misstrauend. Nicht genügend misstrauisch, wie sich zeigen wird. Werner Schwuchow als Kriminalrat Kissling, der unter der Last seiner Verantwortung schier zusammenbricht und doch so gerne die Ermittlungen leiten würde. Dieser hinreißende Zwiespalt aus Gernegroß und kleinem Geist. Wolfrid Lier als Portier der Absteige, in der Schimmi nächtigt. Immer Lust auf einen Schnaps oder zwei oder drei. Ein Hinterhofgasthof wie man ihn sich in seinen schlimmsten Träumen vorstellt. Jochen Kolenda als Vertreter in dieser Absteige. Ein Schnäpschen, die Kollektion Bodenpflegemittel, das schüttere Haar, die billige Kleidung – Ein Leben am Rande der Nacht. Will man, wenn man Kind ist, so etwas mal werden? Großartige Schauspieler in klasse Nebenrollen!
Und die Story? Der Krimi? Eigentlich eine starke Idee, Schimmi einen unsichtbaren Verfolger hinterher zu schicken, und so einen Paranoia-Thriller inmitten dieser verkommenen Umgebung zu gestalten. Fast ein Neo-Noir, könnte man meinen. Aber leider ist das Drehbuch an den entscheidenden Stellen schwach und widersprüchlich, und die Aktionen Schimmis sind deutlich nur dazu gedacht, sich selber absichtlich tiefer in die Scheiße zu reiten und damit vermeintlich die Spannung zu erhöhen. Das Gegenteil ist der Fall, denn wenn Schimmi den Sender aus einer Jacke entfernt und an ein Taxi heftet, dann ist das zwar in dem Moment recht lustig, steht zu der zunehmenden Angst Schimanskis aber in krassem Gegensatz. Götz George war ein erstklassiger Schauspieler, und das gehetzte und gejagte, seine Unsicherheit und Unruhe übertragen sich schnell auf den Zuschauer. Der Aufzug fährt in einem dunklen Treppenhaus hoch und bleibt genau vor ihm in genau dem Moment stehen, als er seine Wohnungstür aus unbekannten Gründen nicht mehr öffnen kann. Ein Geräusch im Flur. Ist da jemand? Gängige Spielereien eines Verfolgungsthrillers, die ihre Wirkung nicht verfehlen und oft sehr spannend wirken. Leider steht die episodenhafte Erzählweise genauso gegen diese Spannung wie der erwähnte Umstand, dass Schimmi sich der Überwachung durch seine eigenen Leute entziehen will, gleichzeitig aber sichtlich alleine und ängstlich ist. Die Story beißt sich hier ganz furchtbar, was diese Spannung eben leider stark abschwächt.
Halt doch eine deutsche Fernsehproduktion, so denkt sich der Zuschauer, da kann man nicht so viel erwarten. Die Idee hinter der Story ist erstklassig, aber die Umsetzung ist leider wirklich auf TV-Niveau, und man wünscht sich einen Dominik Graf mit einem höheren Budget, der aus dieser kleinen und dreckigen Spannungsgeschichte wahrscheinlich einen düsteren Thriller gezaubert hätte, der den Vergleich mit den Größen des Noir nicht hätte scheuen müssen. So aber bleibt einfach eine gewisse Unzufriedenheit zurück, wie gut es hätte werden können, diese Verquickung von heruntergekommenen Straßen und gehetztem Bullen.
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
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Re: Was vom Tage übrigblieb ...
Attentat auf Richard Nixon (Niels Mueller, 2004) 7/10

Sam J. Bicke ist ein kleiner unscheinbarer Büromöbelverkäufer. Sam ist einer von denjenigen Menschen, die versuchen mit einem Lachen und möglichst ohne Widerworte durch das Leben zu gehen, und Unbill einfach zu ignorieren. Der Chef ist ein überhebliches und manipulatives Arschloch? Ja, hehe, aber ich bin ein guter Verkäufer, hehe, und dieses Mal das wird eine ganz große Sache, jawohl. Die Ex-Frau will sich scheiden lassen? Nein, das ist meine Frau, und wir sind auch nicht zwei Jahre auseinander sondern höchstens eines, und wir machen nur eine Phase durch, wo wir am Ende auf jeden Fall wieder zusammenleben werden. Diese Art Mensch ist Sam. Einer, der die Realität versucht auszublenden, weil sie ihm sowieso unerträglich ist. Wer ist denn schuld an dieser Realität? Wer ist denn schuld daran, dass sich alles nur noch ums Geld dreht? Dass alle Menschen sich ausbeuten lassen müssen um überhaupt über die Runden zu kommen? Und gleichzeitig die Rücksichtslosigkeit immer größer wird. Sam kommt zu einer ganz klaren Antwort: Richard Nixon, der in diesem ersten Halbjahr 1974, in dem der Film spielt, durch die Watergate—Affäre unendlich häufig im Fernsehen zu sehen war, und dessen Anhörungen zur Affäre genauso wie seine Reden Sam dazu bringen, einen Plan zu fassen: Richard Nixon muss weg. Er muss ermordet werden, um diese Gesellschaft wieder zu dem zu machen, was sie einmal war …
Sam J. Bicke ist ein kleiner unscheinbarer Büromöbelverkäufer. Einer von denjenigen Menschen die unsicher sind, voller Selbstzweifel, und die ihre Unsicherheit mit sichtlich gezwungener Heiterkeit zu überdecken versuchen. Wir alle kennen solche Menschen, und ich bin sicher, dass der ein oder andere sogar sich selbst in dieser Figur erkennt. Sean Penn spielt Sam J. Bicke. Nein, das ist nicht richtig. Richtig wäre: Sean Penn ist Sam J. Bicke. Was dieser Ausnahmeschauspieler hier als Fast-One-Man-Show bietet, das ist so beängstigend in seiner Intensität und seiner Energie, dass es kaum zum Aushalten ist, und der Fremdschämfaktor schnellt in ungeahnte Höhen, wenn Sam es partout nicht verstehen will, dass seine Noch-Ehefrau einfach nichts mehr mit ihm zu tun haben will, und ein eigenes Leben führt. Schier unglaublich die Szene, wenn Sam im Büro der Black Panthers sitzt, 170 Dollar spendet und erklärt, dass Zebras schwarz und weiß sind. Und dass es weiße Menschen gibt, die mit den Schwarzen mitfühlen können. Und dass, wenn die Black Panthers sich diesen Menschen öffnen würden, sie mit einem Schlag eine Million mehr Mitglieder hätten. Erwähnte ich schon das mit dem Fremdschämen …?
Auf der anderen Seite tut einem dieser Mann einfach nur unendlich leid. Von seinem Chef wird er ausgenutzt, von seiner Noch-.Ehefrau zurückgestoßen, und selbst der kreditbewilligende Bankberater, der anfänglich sehr wohl hilfsbereit ist, macht irgendwann einen Bogen um ihn, weil Sam nicht weiß wo die Grenze zwischen Druck machen und impertinent sein liegt. Sam hat nie gelernt, sich im Leben so zu verhalten, dass er eben nicht zurückgestoßen wird. Und er hat auch nie gelernt sich so zu verhalten, dass sein Anderssein nicht so auffällt. Beim Abendessen bei seinem besten Freund (beziehungsweise seinem einzigen Freund) hält er dessen Sohn zu lange und zu fest in den Armen. Viel zu lange und viel zu fest … Und wenn die Noch-Ehefrau sagt, dass er am Sonntag nach 10 Uhr versuchen soll anzurufen, dann setzt er sich am Sonntag morgen vor die Uhr und wartet darauf, dass es 10 Uhr ist und er anrufen kann. Und wenn sie nicht ans Telefon geht, dann fährt er halt rüber und wartet auf sie. Bis in die Nacht hinein, wenn es sein muss … Wer sagt da Soziopath? Man könnte auch sagen vom Leben entsetzlich enttäuscht.
Mitleid. Fremdschämen. Ungläubigkeit. Entsetzen. Die Gefühlsklaviatur, auf der Sean Penn hier spielt, ist immens, und bringt den ruhig erzählten Film in sicheres Fahrwasser. Die allmähliche Radikalisierung eines Mannes? Nein, das trifft es nicht. Richtiger wäre das allmähliche Abgleiten eines Mannes in eine Wahnwelt, in welcher der Tod Richard Nixons die gesamte amerikanische Gesellschaft wachrütteln und wieder zu etwas Gutem gestalten würde. Eine Wahnwelt, in die Sam sich heillos verstrickt, mit fatalen Konsequenzen. Und trotzdem ATTENTAT AUF RICHARD NIXON auf das Jahr 2004 datiert, sind die Parallelen zur aktuellen amerikanischen Gesellschaft unübersehbar und erschreckend. Würde man die Gedankenwelt des Sam J. Bicke in das Heute transferieren, würde der Film stattdessen wahrscheinlich Sturm auf das Capitol heißen …
Und so geben Regisseur Niels Mueller und sein kongenialer Fast-Alleindarsteller Sean Penn Einblicke in die Entstehung sogenannter Verschwörungstheoretiker und moderner Staats-Leugner, sowie dem, was dann als Konsequenz aus diesem Gedankenkonstrukt wird. Ein Film, der führenden Politikern vorgespielt werden sollte, damit diese begreifen, wo ihre Fehler liegen. Warum sie so viele Menschen nicht mehr erreichen. Und was mit diesen Menschen, die am politischen Horizont verschwinden, danach passiert. Natürlich ist Richard Nixon aus heutiger Sicht und mit dem heutigen Wissen ein Schwein gewesen, es darf aber nicht übersehen werden, dass er damals hoch angesehen und immerhin der Präsident der USA war – Dass danach noch eine ganze Menge mehr und größerer Arschlöcher auf diesen Thron folgen werden, das war 1974 nicht abzusehen und 2004 höchstens zu erahnen. ATTENTAT AUF RICHARD NIXON ist bei genaueren Betrachten somit erheblich aktueller und aufrüttelnder als man glaubt, und gerade die Ruhe des Films, und die methodische Darstellung Sean Penns, Sam nicht als aufgedrehten Wirrkopf sondern als kleinen Staatsbürger wie Du und ich zu zeigen, gerade diese Elemente lassen den Film so unglaublich zeitlos wirken. Erschreckend und intensiv. Für alle politisch interessierten Pflichtprogramm, und für alle, die zeitlos gutes Kino mögen, ebenfalls.

Sam J. Bicke ist ein kleiner unscheinbarer Büromöbelverkäufer. Sam ist einer von denjenigen Menschen, die versuchen mit einem Lachen und möglichst ohne Widerworte durch das Leben zu gehen, und Unbill einfach zu ignorieren. Der Chef ist ein überhebliches und manipulatives Arschloch? Ja, hehe, aber ich bin ein guter Verkäufer, hehe, und dieses Mal das wird eine ganz große Sache, jawohl. Die Ex-Frau will sich scheiden lassen? Nein, das ist meine Frau, und wir sind auch nicht zwei Jahre auseinander sondern höchstens eines, und wir machen nur eine Phase durch, wo wir am Ende auf jeden Fall wieder zusammenleben werden. Diese Art Mensch ist Sam. Einer, der die Realität versucht auszublenden, weil sie ihm sowieso unerträglich ist. Wer ist denn schuld an dieser Realität? Wer ist denn schuld daran, dass sich alles nur noch ums Geld dreht? Dass alle Menschen sich ausbeuten lassen müssen um überhaupt über die Runden zu kommen? Und gleichzeitig die Rücksichtslosigkeit immer größer wird. Sam kommt zu einer ganz klaren Antwort: Richard Nixon, der in diesem ersten Halbjahr 1974, in dem der Film spielt, durch die Watergate—Affäre unendlich häufig im Fernsehen zu sehen war, und dessen Anhörungen zur Affäre genauso wie seine Reden Sam dazu bringen, einen Plan zu fassen: Richard Nixon muss weg. Er muss ermordet werden, um diese Gesellschaft wieder zu dem zu machen, was sie einmal war …
Sam J. Bicke ist ein kleiner unscheinbarer Büromöbelverkäufer. Einer von denjenigen Menschen die unsicher sind, voller Selbstzweifel, und die ihre Unsicherheit mit sichtlich gezwungener Heiterkeit zu überdecken versuchen. Wir alle kennen solche Menschen, und ich bin sicher, dass der ein oder andere sogar sich selbst in dieser Figur erkennt. Sean Penn spielt Sam J. Bicke. Nein, das ist nicht richtig. Richtig wäre: Sean Penn ist Sam J. Bicke. Was dieser Ausnahmeschauspieler hier als Fast-One-Man-Show bietet, das ist so beängstigend in seiner Intensität und seiner Energie, dass es kaum zum Aushalten ist, und der Fremdschämfaktor schnellt in ungeahnte Höhen, wenn Sam es partout nicht verstehen will, dass seine Noch-Ehefrau einfach nichts mehr mit ihm zu tun haben will, und ein eigenes Leben führt. Schier unglaublich die Szene, wenn Sam im Büro der Black Panthers sitzt, 170 Dollar spendet und erklärt, dass Zebras schwarz und weiß sind. Und dass es weiße Menschen gibt, die mit den Schwarzen mitfühlen können. Und dass, wenn die Black Panthers sich diesen Menschen öffnen würden, sie mit einem Schlag eine Million mehr Mitglieder hätten. Erwähnte ich schon das mit dem Fremdschämen …?
Auf der anderen Seite tut einem dieser Mann einfach nur unendlich leid. Von seinem Chef wird er ausgenutzt, von seiner Noch-.Ehefrau zurückgestoßen, und selbst der kreditbewilligende Bankberater, der anfänglich sehr wohl hilfsbereit ist, macht irgendwann einen Bogen um ihn, weil Sam nicht weiß wo die Grenze zwischen Druck machen und impertinent sein liegt. Sam hat nie gelernt, sich im Leben so zu verhalten, dass er eben nicht zurückgestoßen wird. Und er hat auch nie gelernt sich so zu verhalten, dass sein Anderssein nicht so auffällt. Beim Abendessen bei seinem besten Freund (beziehungsweise seinem einzigen Freund) hält er dessen Sohn zu lange und zu fest in den Armen. Viel zu lange und viel zu fest … Und wenn die Noch-Ehefrau sagt, dass er am Sonntag nach 10 Uhr versuchen soll anzurufen, dann setzt er sich am Sonntag morgen vor die Uhr und wartet darauf, dass es 10 Uhr ist und er anrufen kann. Und wenn sie nicht ans Telefon geht, dann fährt er halt rüber und wartet auf sie. Bis in die Nacht hinein, wenn es sein muss … Wer sagt da Soziopath? Man könnte auch sagen vom Leben entsetzlich enttäuscht.
Mitleid. Fremdschämen. Ungläubigkeit. Entsetzen. Die Gefühlsklaviatur, auf der Sean Penn hier spielt, ist immens, und bringt den ruhig erzählten Film in sicheres Fahrwasser. Die allmähliche Radikalisierung eines Mannes? Nein, das trifft es nicht. Richtiger wäre das allmähliche Abgleiten eines Mannes in eine Wahnwelt, in welcher der Tod Richard Nixons die gesamte amerikanische Gesellschaft wachrütteln und wieder zu etwas Gutem gestalten würde. Eine Wahnwelt, in die Sam sich heillos verstrickt, mit fatalen Konsequenzen. Und trotzdem ATTENTAT AUF RICHARD NIXON auf das Jahr 2004 datiert, sind die Parallelen zur aktuellen amerikanischen Gesellschaft unübersehbar und erschreckend. Würde man die Gedankenwelt des Sam J. Bicke in das Heute transferieren, würde der Film stattdessen wahrscheinlich Sturm auf das Capitol heißen …
Und so geben Regisseur Niels Mueller und sein kongenialer Fast-Alleindarsteller Sean Penn Einblicke in die Entstehung sogenannter Verschwörungstheoretiker und moderner Staats-Leugner, sowie dem, was dann als Konsequenz aus diesem Gedankenkonstrukt wird. Ein Film, der führenden Politikern vorgespielt werden sollte, damit diese begreifen, wo ihre Fehler liegen. Warum sie so viele Menschen nicht mehr erreichen. Und was mit diesen Menschen, die am politischen Horizont verschwinden, danach passiert. Natürlich ist Richard Nixon aus heutiger Sicht und mit dem heutigen Wissen ein Schwein gewesen, es darf aber nicht übersehen werden, dass er damals hoch angesehen und immerhin der Präsident der USA war – Dass danach noch eine ganze Menge mehr und größerer Arschlöcher auf diesen Thron folgen werden, das war 1974 nicht abzusehen und 2004 höchstens zu erahnen. ATTENTAT AUF RICHARD NIXON ist bei genaueren Betrachten somit erheblich aktueller und aufrüttelnder als man glaubt, und gerade die Ruhe des Films, und die methodische Darstellung Sean Penns, Sam nicht als aufgedrehten Wirrkopf sondern als kleinen Staatsbürger wie Du und ich zu zeigen, gerade diese Elemente lassen den Film so unglaublich zeitlos wirken. Erschreckend und intensiv. Für alle politisch interessierten Pflichtprogramm, und für alle, die zeitlos gutes Kino mögen, ebenfalls.
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
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Re: Was vom Tage übrigblieb ...
A lawless street (Joseph H. Lewis, 1955) 6/10
1876 ist Colorado ein vollwertiger Bundesstaat der USA geworden, aber davor war er ein sogenanntes Territorium. Ein assoziierter Landstrich, der zwar der US-Gerichtsbarkeit direkt unterstand, aber eben noch kein eigenständiger Staat mit eigener Legislative, geschweige denn Exekutive, war. Für Recht und Ordnung mussten dann Bundesmarshals sorgen, die durch das Land zogen und die Gesetzlosigkeit versuchten im Zaum zu halten. Calem Ware ist so ein Marshal, der von Ort zu Ort reitet, schießt, sich prügelt und als Zielscheibe durch die Nacht läuft. Seine Frau konnte das irgendwann nicht mehr aushalten und ging fort. Ein Verlust, den er nie wirklich überwunden hat. Seit drei Jahren ist er nun in Medicine Bend. Er lebt in einem Hotelzimmer und hat genau zwei Freunde: Die Hotelwirtin und den Doktor. Und vielleicht noch den Rancher Asaph Dean, der sich darauf freut, wenn Colorado endlich zu einem Staat wird, und er seine Rinderherden kreuz und quer durch die USA treiben kann. Aber der Rest der Bewohner ist Calem weitgehend fremd geblieben. Er spricht ein wenig mit dem Saloonbesitzer Cody, der Wetten drauf annimmt, dass der Gesetzlose Dingo Brion heute Calem umlegen wird, und er nimmt vielleicht sogar die Liaison zwischen dem Theaterbesitzer Throne und Deans Frau Cora wahr. Was eine bemerkenswerte Affäre ist, denn heute kommt eine Kutsche mit einer berühmten Schauspielerin an, die im Theater ein Gastspiel gibt, und der Thorne vor aller Augen einen Heiratsantrag macht: Tally Dickenson, die in Wirklichkeit die verheiratete Ms. Ware ist.
Tally möchte schon gerne wieder mit Calem, und Calem mit Tally, die beiden haben nie aufgehört sich zu lieben. Aber als Tally an diesem Tag aus dem Fenster schaut ist wieder alles wie früher: Dingo Brions Bruder Dooley zerlegt den Saloon, und Calem geht ihn um ihn zu stoppen. Nichts hat sich geändert, und immer noch ist Calem eine wandelnde Zielscheibe. Doch, etwas ist anders, denn Dooley wurde von Cody aufgestachelt auf Calem loszugehen. Cody und Thorne wollen die Stadt übernehmen, sie wollen die alleinige Macht im Ort haben, und der einzige Mann, der ihnen im Weg steht - Ist Marshal Calem Ware. Aus diesem Grund haben sie einen Mörder angeheuert, der mit Ware sowieso noch eine Rechnung offen hat. Und der erschießt Calem!
Eine Handlung, die in sich erstmal relativ komplex klingt, zumindest für eine Filmdauer von sage und schreibe 78 Minuten. Auf der anderen Seite wird auch schnell klar, dass EIN MANN WIE EIN TEUFEL kein Anthony Mann-Western ist, schon gar kein 12 UHR MITTAGS und nicht einmal ein STADT DER VERDAMMTEN. Eher versucht Joseph H. Lewis, der als Noir-Regisseur einige wirkliche Perlen zu verantworten hatte, sich an den letztgenannten Western anzuhängen, baut dafür aber leider ein wenig zu viel, nennen wir es mal, Soap-Elemente ein. Klar ist die Nebenhandlung um Cora und Throne nicht unwesentlich für das Showdown, und klar ist die Schilderung des Ehelebens ein Handlungselement, ohne welches die wenigsten 50er-Jahre-Western auskamen, schließlich müssen auch in den harten Frontier-Dramen die Werte einer Familie als Keimzelle der Nation hochgehalten werden. Aber genau diese Dinge sind es, die den eigentlich knackigen Grundton, der sich tatsächlich ein klein wenig an Zinnemanns oben genanntem Klassiker orientiert, verwässert. Die stärksten Szenen hat EIN MANN WIE EIN TEUFEL dann, wenn Calem tot ist, und in der Stadt die geschäftlich angeordnete Anarchie ausbricht: Whisky für alle, keine Sperrstunde, keine Gesetze, nur die Vorgaben der beiden Schurken zählen noch – Und alle alle machen mit. Die Nacht wird mittels Feuer zum Tag gemacht, ein Einpeitscher trommelt das Lied des rücksichtslosen Vergnügens, und der Weg bis zu THE PURGE ist nicht mehr weit. Der Originaltitel A LAWLESS STREET wird dann am nächsten Tag zur Wahrheit, wenn das Überqueren der Straße wegen der dort stattfindenden Pferde- und Kutschenrennen zum Va Banque-Spiel um das eigene Leben wird. Wobei die Rennen selbstverständlich wichtiger sind als das Leben irgendeines Ortsbewohners …
Diese Szenen bleiben dann entsprechend auch hängen: Der Marshal ist noch nicht mal richtig tot, da verkündet Cody bereits, dass die Stadt offen ist, dass die nächste Runde aufs Haus geht, und alle braven (?) Bürger jubeln. Am nächsten Tag werden diejenigen Geschäftsleute, die bisher zu Calem gehalten hatten, gezwungen ihre Geschäfte aufzugeben, und insgesamt kann die Stimmung im Deutschen Reich am 01. Februar 1933 kaum anders gewesen sein.
Aber bis wir dahin kommen hat es eben auch die erwähnten Soap Opera-Elemente. Calem und Tally die sich um den Hals fallen. Und Cora, die dies sieht und vermeintlich Oberwasser bekommt in Bezug auf Thrones Heiratspläne mit Tally – Ja verdammt, wen interessiert das denn? Viel düsterer und interessanter ist doch die Figur des Dooley Brion, mit dem Calem sich prügeln muss (eine sehr harte Auseinandersetzung, in der es spürbar um Leben und Tod geht), und dessen Verhältnis zu Calem später so wichtig wird für den Verlauf der Handlung. Eine ambivalente und düstere Figur, dieser Dooley, der gerne mehr Screentime hätte haben dürfen, um die einfach gestrickte Handlung ein wenig aufzupeppen. Auch die beiden Erz-Schurken Thorne und Cody, die später in dieser Form in unzähligen Italo-Western den (Anti-) Helden das Leben schwer machen werden, sind im Grund sehr interessante Charaktere. Vor allem der Opportunist Cody, der so freundlich tut, mit seiner Wettleidenschaft auch gegen das Leben des Marshals nicht hinter dem Berg hält, und dabei doch so ein stilles und tiefes Wasser ist. Diese Figuren geben dem Film Fleisch, geben ihm Ausdruckskraft, und versuchen vergeblich, gegen das völlig überstürzte und hektisch daherkommende Ende anzukämpfen, das wie eine billige Parodie auf 12 UHR MITTAGS und das Ende des McCarthyismus wirkt.
EIN MANN WIE EIN TEUFEL bleibt in seinen Ausdrucksmöglichkeiten leider doch „nur“ ein B-Western. Wir lernen, dass Angela Lansbury auch als 30-jährige Frau bereits ausgesehen hat wie ihre eigene Großmutter. Wir lernen, dass Joseph H. Lewis nicht nur Klassiker des Noir-Krimis gedreht hat. Und wir lernen, dass Randolph Scott vor dem Ranown-Zyklus mit Regisseur Budd Boetticher offensichtlich nochmal Luft geholt hat. EIN MANN WIE EIN TEUFEL ist kein schlechter Western, aber man sieht so ein wenig die Möglichkeiten die er gehabt hätte. Und so was ist halt immer schade …
1876 ist Colorado ein vollwertiger Bundesstaat der USA geworden, aber davor war er ein sogenanntes Territorium. Ein assoziierter Landstrich, der zwar der US-Gerichtsbarkeit direkt unterstand, aber eben noch kein eigenständiger Staat mit eigener Legislative, geschweige denn Exekutive, war. Für Recht und Ordnung mussten dann Bundesmarshals sorgen, die durch das Land zogen und die Gesetzlosigkeit versuchten im Zaum zu halten. Calem Ware ist so ein Marshal, der von Ort zu Ort reitet, schießt, sich prügelt und als Zielscheibe durch die Nacht läuft. Seine Frau konnte das irgendwann nicht mehr aushalten und ging fort. Ein Verlust, den er nie wirklich überwunden hat. Seit drei Jahren ist er nun in Medicine Bend. Er lebt in einem Hotelzimmer und hat genau zwei Freunde: Die Hotelwirtin und den Doktor. Und vielleicht noch den Rancher Asaph Dean, der sich darauf freut, wenn Colorado endlich zu einem Staat wird, und er seine Rinderherden kreuz und quer durch die USA treiben kann. Aber der Rest der Bewohner ist Calem weitgehend fremd geblieben. Er spricht ein wenig mit dem Saloonbesitzer Cody, der Wetten drauf annimmt, dass der Gesetzlose Dingo Brion heute Calem umlegen wird, und er nimmt vielleicht sogar die Liaison zwischen dem Theaterbesitzer Throne und Deans Frau Cora wahr. Was eine bemerkenswerte Affäre ist, denn heute kommt eine Kutsche mit einer berühmten Schauspielerin an, die im Theater ein Gastspiel gibt, und der Thorne vor aller Augen einen Heiratsantrag macht: Tally Dickenson, die in Wirklichkeit die verheiratete Ms. Ware ist.
Tally möchte schon gerne wieder mit Calem, und Calem mit Tally, die beiden haben nie aufgehört sich zu lieben. Aber als Tally an diesem Tag aus dem Fenster schaut ist wieder alles wie früher: Dingo Brions Bruder Dooley zerlegt den Saloon, und Calem geht ihn um ihn zu stoppen. Nichts hat sich geändert, und immer noch ist Calem eine wandelnde Zielscheibe. Doch, etwas ist anders, denn Dooley wurde von Cody aufgestachelt auf Calem loszugehen. Cody und Thorne wollen die Stadt übernehmen, sie wollen die alleinige Macht im Ort haben, und der einzige Mann, der ihnen im Weg steht - Ist Marshal Calem Ware. Aus diesem Grund haben sie einen Mörder angeheuert, der mit Ware sowieso noch eine Rechnung offen hat. Und der erschießt Calem!
Eine Handlung, die in sich erstmal relativ komplex klingt, zumindest für eine Filmdauer von sage und schreibe 78 Minuten. Auf der anderen Seite wird auch schnell klar, dass EIN MANN WIE EIN TEUFEL kein Anthony Mann-Western ist, schon gar kein 12 UHR MITTAGS und nicht einmal ein STADT DER VERDAMMTEN. Eher versucht Joseph H. Lewis, der als Noir-Regisseur einige wirkliche Perlen zu verantworten hatte, sich an den letztgenannten Western anzuhängen, baut dafür aber leider ein wenig zu viel, nennen wir es mal, Soap-Elemente ein. Klar ist die Nebenhandlung um Cora und Throne nicht unwesentlich für das Showdown, und klar ist die Schilderung des Ehelebens ein Handlungselement, ohne welches die wenigsten 50er-Jahre-Western auskamen, schließlich müssen auch in den harten Frontier-Dramen die Werte einer Familie als Keimzelle der Nation hochgehalten werden. Aber genau diese Dinge sind es, die den eigentlich knackigen Grundton, der sich tatsächlich ein klein wenig an Zinnemanns oben genanntem Klassiker orientiert, verwässert. Die stärksten Szenen hat EIN MANN WIE EIN TEUFEL dann, wenn Calem tot ist, und in der Stadt die geschäftlich angeordnete Anarchie ausbricht: Whisky für alle, keine Sperrstunde, keine Gesetze, nur die Vorgaben der beiden Schurken zählen noch – Und alle alle machen mit. Die Nacht wird mittels Feuer zum Tag gemacht, ein Einpeitscher trommelt das Lied des rücksichtslosen Vergnügens, und der Weg bis zu THE PURGE ist nicht mehr weit. Der Originaltitel A LAWLESS STREET wird dann am nächsten Tag zur Wahrheit, wenn das Überqueren der Straße wegen der dort stattfindenden Pferde- und Kutschenrennen zum Va Banque-Spiel um das eigene Leben wird. Wobei die Rennen selbstverständlich wichtiger sind als das Leben irgendeines Ortsbewohners …
Diese Szenen bleiben dann entsprechend auch hängen: Der Marshal ist noch nicht mal richtig tot, da verkündet Cody bereits, dass die Stadt offen ist, dass die nächste Runde aufs Haus geht, und alle braven (?) Bürger jubeln. Am nächsten Tag werden diejenigen Geschäftsleute, die bisher zu Calem gehalten hatten, gezwungen ihre Geschäfte aufzugeben, und insgesamt kann die Stimmung im Deutschen Reich am 01. Februar 1933 kaum anders gewesen sein.
Aber bis wir dahin kommen hat es eben auch die erwähnten Soap Opera-Elemente. Calem und Tally die sich um den Hals fallen. Und Cora, die dies sieht und vermeintlich Oberwasser bekommt in Bezug auf Thrones Heiratspläne mit Tally – Ja verdammt, wen interessiert das denn? Viel düsterer und interessanter ist doch die Figur des Dooley Brion, mit dem Calem sich prügeln muss (eine sehr harte Auseinandersetzung, in der es spürbar um Leben und Tod geht), und dessen Verhältnis zu Calem später so wichtig wird für den Verlauf der Handlung. Eine ambivalente und düstere Figur, dieser Dooley, der gerne mehr Screentime hätte haben dürfen, um die einfach gestrickte Handlung ein wenig aufzupeppen. Auch die beiden Erz-Schurken Thorne und Cody, die später in dieser Form in unzähligen Italo-Western den (Anti-) Helden das Leben schwer machen werden, sind im Grund sehr interessante Charaktere. Vor allem der Opportunist Cody, der so freundlich tut, mit seiner Wettleidenschaft auch gegen das Leben des Marshals nicht hinter dem Berg hält, und dabei doch so ein stilles und tiefes Wasser ist. Diese Figuren geben dem Film Fleisch, geben ihm Ausdruckskraft, und versuchen vergeblich, gegen das völlig überstürzte und hektisch daherkommende Ende anzukämpfen, das wie eine billige Parodie auf 12 UHR MITTAGS und das Ende des McCarthyismus wirkt.
EIN MANN WIE EIN TEUFEL bleibt in seinen Ausdrucksmöglichkeiten leider doch „nur“ ein B-Western. Wir lernen, dass Angela Lansbury auch als 30-jährige Frau bereits ausgesehen hat wie ihre eigene Großmutter. Wir lernen, dass Joseph H. Lewis nicht nur Klassiker des Noir-Krimis gedreht hat. Und wir lernen, dass Randolph Scott vor dem Ranown-Zyklus mit Regisseur Budd Boetticher offensichtlich nochmal Luft geholt hat. EIN MANN WIE EIN TEUFEL ist kein schlechter Western, aber man sieht so ein wenig die Möglichkeiten die er gehabt hätte. Und so was ist halt immer schade …
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
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Re: Was vom Tage übrigblieb ...
Sensations (Lasse Braun, 1975) 7/10

Ich glaube, dass die meisten Menschen bei der Frage, was das eigene Leben am meisten bereichert, sich einig wären, dass die Antwort ein erfülltes Sexualleben ist. Gleich ob hart oder zärtlich, ob mit Männlein oder Weiblein oder beidem, ob von vorne oder von hinten – Wenn die Sexualität passt, ist der Wohlfühlfaktor in der eigenen Existenz doch gleich viel höher, oder etwa nicht?
Und damit wäre die Handlung von Lasse Brauns Erfolgsfilm SENSATIONS hinreichend beschrieben: Die junge Amerikanerin Margaret lernt die Französin Veronique kennen, und gemeinsam erlebt man in Amsterdam sexuelle Abenteuer. Das heißt, Veronique erlebt etwas, Margaret ist sehr unsicher und schüchtern, und scheut vor den Vergnügungen, die ihre Freundin so erlebt, zurück. Während einer Orgie bei dem älteren Kunstliebhaber Lord Weatherby lässt sie sich überreden, es auch einmal mit fremden Männern zu treiben.
Schöne Menschen also, die schöne Dinge tun. Außer Margarets proletenhaftem Freund David und natürlich dem Faktotum?/Ehemann? von Liza ist niemand hier auch nur annähernd schlecht aussehend. Die Herren bis auf die beiden Ausnahmen nicht, und die Frauen schauen sowieso eine besser aus als die andere. Das Ambiente ist bis auf das Porno-Studio von David erlesen und der unbedingte Wille zu Stil ist überall zu sehen. Gleich ob auf dem holländischen Schloss zu Beginn oder bei Lord Weatherby, die Einrichtungen sind edel, einladend und fordern zum Ausziehen geradezu heraus. Spannend, dass der dabei zu hörende Glam Rock-Soundtrack trotzdem erstklassig passt, und gleichzeitig damit einen groovenden Zeitbezug herstellt.
Der Sex? Vieles findet mit dem Mund statt, die Szenen sind kurz und ansprechend gefilmt, die Damen werden verwöhnt ohne Ende, und die einzige Szene die ein klein wenig härter ist findet wiederum bei David statt, ist aber ebenfalls sehr erotisch. Das ist überhaupt etwas, was ich allen Szenen hier konstatieren muss: Sie sind wirklich sexy, sie sind anregend, sie machen Lust darauf, freizügige Abenteuer zu entdecken. Der philosophische Unterbau dazu wird in den Dialogen gleich mitgeliefert, aber er erdrückt die Spielszenen nicht. Das Gefühl des Films ist das absoluter Freiheit: Die Freiheit, die eigene Lust und den eigenen Körper zu entdecken, sich wohlzufühlen, und sich aus dem Korsett spießbürgerlicher Vorstellungen zu lösen und völlig unkompliziert zu ficken. Kein Wunder, dass SENSATIONS als Klassiker des Genres läuft …
SENSATIONS entlässt den Zuschauer mit einem Nachklang dieser Freiheit. Und auch wenn völlig klar ist, dass wir hier von einem Märchen für Erwachsene reden, und dass im Jahr 1975 die sogenannte freie Liebe schon längst wieder Geschichte war, so bleibt doch aus heutiger Sicht dieser nostalgisch-sehnsüchtige Blick zurück in eine Zeit, in der vieles möglich schien. Genauso realistisch wie die Geschichte vom Froschkönig, sicher, aber dafür unendlich anregender und schöner. Als ob Klaus Lemke einen Porno gedreht hätte, und dabei erheblich erotischer und lustfördernder als der geistig verwandte 2006-er-Schnarcher SHORTBUS …

Ich glaube, dass die meisten Menschen bei der Frage, was das eigene Leben am meisten bereichert, sich einig wären, dass die Antwort ein erfülltes Sexualleben ist. Gleich ob hart oder zärtlich, ob mit Männlein oder Weiblein oder beidem, ob von vorne oder von hinten – Wenn die Sexualität passt, ist der Wohlfühlfaktor in der eigenen Existenz doch gleich viel höher, oder etwa nicht?
Und damit wäre die Handlung von Lasse Brauns Erfolgsfilm SENSATIONS hinreichend beschrieben: Die junge Amerikanerin Margaret lernt die Französin Veronique kennen, und gemeinsam erlebt man in Amsterdam sexuelle Abenteuer. Das heißt, Veronique erlebt etwas, Margaret ist sehr unsicher und schüchtern, und scheut vor den Vergnügungen, die ihre Freundin so erlebt, zurück. Während einer Orgie bei dem älteren Kunstliebhaber Lord Weatherby lässt sie sich überreden, es auch einmal mit fremden Männern zu treiben.
Schöne Menschen also, die schöne Dinge tun. Außer Margarets proletenhaftem Freund David und natürlich dem Faktotum?/Ehemann? von Liza ist niemand hier auch nur annähernd schlecht aussehend. Die Herren bis auf die beiden Ausnahmen nicht, und die Frauen schauen sowieso eine besser aus als die andere. Das Ambiente ist bis auf das Porno-Studio von David erlesen und der unbedingte Wille zu Stil ist überall zu sehen. Gleich ob auf dem holländischen Schloss zu Beginn oder bei Lord Weatherby, die Einrichtungen sind edel, einladend und fordern zum Ausziehen geradezu heraus. Spannend, dass der dabei zu hörende Glam Rock-Soundtrack trotzdem erstklassig passt, und gleichzeitig damit einen groovenden Zeitbezug herstellt.
Der Sex? Vieles findet mit dem Mund statt, die Szenen sind kurz und ansprechend gefilmt, die Damen werden verwöhnt ohne Ende, und die einzige Szene die ein klein wenig härter ist findet wiederum bei David statt, ist aber ebenfalls sehr erotisch. Das ist überhaupt etwas, was ich allen Szenen hier konstatieren muss: Sie sind wirklich sexy, sie sind anregend, sie machen Lust darauf, freizügige Abenteuer zu entdecken. Der philosophische Unterbau dazu wird in den Dialogen gleich mitgeliefert, aber er erdrückt die Spielszenen nicht. Das Gefühl des Films ist das absoluter Freiheit: Die Freiheit, die eigene Lust und den eigenen Körper zu entdecken, sich wohlzufühlen, und sich aus dem Korsett spießbürgerlicher Vorstellungen zu lösen und völlig unkompliziert zu ficken. Kein Wunder, dass SENSATIONS als Klassiker des Genres läuft …
SENSATIONS entlässt den Zuschauer mit einem Nachklang dieser Freiheit. Und auch wenn völlig klar ist, dass wir hier von einem Märchen für Erwachsene reden, und dass im Jahr 1975 die sogenannte freie Liebe schon längst wieder Geschichte war, so bleibt doch aus heutiger Sicht dieser nostalgisch-sehnsüchtige Blick zurück in eine Zeit, in der vieles möglich schien. Genauso realistisch wie die Geschichte vom Froschkönig, sicher, aber dafür unendlich anregender und schöner. Als ob Klaus Lemke einen Porno gedreht hätte, und dabei erheblich erotischer und lustfördernder als der geistig verwandte 2006-er-Schnarcher SHORTBUS …
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
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Re: Was vom Tage übrigblieb ...
Tatort: Das Mädchen auf der Treppe (Peter Adam, 1982) 4/10

In vielen Filmbesprechungen liest man immer wieder den Begriff der „typischen deutschen Fernsehunterhaltung“, womit dann die Begriffe dröge, langweilig und gekünstelt gemeint sind, und ganz ganz oft wird als Beispiel dafür die langlebige Serie Tatort hergenommen. Was irgendwie merkwürdig ist, handelt es sich bei Tatort ja schließlich nicht um eine Serie im eigentlichen Sinne, sondern um eine Sammlung von Krimis verschiedener Sendeanstalten, die außer dem Genre nicht einmal ein gemeinsames Merkmal haben. Oder kann mir jemand die Ähnlichkeiten zwischen den aktuellen Münsteraner Tatorten, dem Zollfahnder Kressin und Til Schweiger in den vier Hamburg-Tatorten von Christian Alvart erläutern? Eben. Hinzu kommt, dass seit nunmehr 55 Jahren der Tatort am Sonntagabend einen festen Programmplatz hat, was wohl nicht nur für die filmischen und narrativen Möglichkeiten spricht, sondern auch für seinen immensen Erfolg, der sicher nicht daherkommt, dass die „Serie“ in ihrer Gesamtheit dröge, langweilig und gekünstelt ist.
Aber selbst als Tatort-Fan muss man zugeben, dass diese drei genannten Begriffe doch mit unschöner Regelmäßigkeit zutreffen. DAS MÄDCHEN AUF DER TREPPE ist da ein treffendes Beispiel: Als Schimanski nach Hause kommt sitzt ein junges Mädchen auf der Treppe, das darauf drängt, dass die Mutter verschwunden sei und ihre Wohnung durchsucht wurde. Schimmi schaut sich das an, ist natürlich abwartend, aber am nächsten Tag wird die übel zugerichtete Leiche der Mutter tatsächlich gefunden. Und Schimmi und Thanner haben ein 17-jähriges Mädel am Rockzipfel, das sich ausgesprochen pubertär verhält (soll heißen: Jetzt so, und im nächsten Moment völlig anders, und immer mit sehr temperamentvollen Ausbrüchen), und die beiden bei ihrer Ermittlung mehr behindert als ihnen hilft. Schimmi erfährt irgendwann, dass da wohl offensichtlich Drogen im Spiel waren, und es wird schnell festgestellt, dass die Gangster, die die Mutter ermordet haben, nun auch hinter der Tochter her sind.
Nach den ersten drei Schimanskis, die viel ungeschminktes Ruhrpott-Flair verbreiteten, einiges an ungeschminkten Bildern aus dem Leben der einfachen Menschen zeigten, und einen Kommissar präsentierten, der aus eben diesen Schichten stammte und sich dort auch entsprechend durchsetzen konnte, nun also der vierte Teil, der so ganz anders ist. Dreh- und Angelpunkt ist Nervzwerg Katja (Anja Jaenicke spielt ganz toll, aber ihre Figur ist wirklich ausgesprochen nervig), die mit Schimmi und Thanner so ihre Spielchen treibt, und erfolgreich darauf baut, dass die beiden erfahrenen Kriminalisten überhaupt nicht checken, dass Katja ihr ganz eigenes Ding dreht. Tatsächlich werden die beiden Kommissare hier eher als Hilfstrottel vom Dienst dargestellt, und im Zweifelsfall gibt es im Büro auch eher mal eine gemütliche Geburtstagsfeier als solide Ermittlungen. Diese finden nämlich so gut wie gar nicht statt, stattdessen wartet man lieber auf den nächsten Zufall oder darauf, dass Kollege Hänschen durch die Tür kommt und wie der Teufel aus der Kiste überraschende Fahndungsergebnisse aufzählt, die zwar den Fall weiterbringen, aber mit Schimmi und Thanner so rein gar nichts zu tun haben.
Viele Bilder von Duisburg gibt es dieses Mal auch nicht zu sehen, dafür sind aber die Dialoge dröge, langweilig und gekünstelt. Figuren wie der Drogenschieber Straub oder der Geschäftsmann Pit sind in ihrer Leere kaum zu überbieten, einzig Jan Fedder als Gammler Wolli kann ein paar herrlich lakonische Akzente setzen. Dazu passt dann auch, dass Schimmi, der Ruhrpott-Rambo mit dem Schmuddel-Parka, hier einmal einen feinen Anzug mitsamt Smokinghemd und Fliege trägt. Ob das nun seitens des produzierenden WDR das Einknicken vor den Tiraden der Bild-Zeitung war, oder ob ein anderer Grund für diese Szenen vorlag entzieht sich meiner Kenntnis, aber dem Schimmi steht so ein Frack in keinster Weise. Götz George macht ordentlich was her, weswegen er wahrscheinlich auch des Öfteren oben ohne zu sehen ist und seinen Prachtkörper ordentlich in Szene setzen kann (was in Verbindung mit einer erotisch interessierten 17-jährigen aus heutiger Sicht ein paar Mal zu peinlichen Momenten führt), aber Schimmi im Frack? Im Nobelrestaurant? Passt genauso wenig wie die Szenen bei Pit, wenn Schimmi von dem gewieften Geschäftsmann nach Strich und Faden vorgeführt wird. Falsches Milieu, falsche Stimmung, falsches Drehbuch.
DAS MÄDCHEN AUF DER TREPPE ist trotz zwei kürzerer Action-Szenen eher unter der Rubrik langweilig einzuordnen, genauso wie der Soundtrack von Tangerine Dream die sowieso schon langwierige Geschichte noch einmal zusätzlich herunterzieht. Und übrig bleibt die Erkenntnis, dass nicht alle Tatorte so rasant sind wie diejenigen Til Schweigers. Nicht so betont anti-spießbürgerlich wie die Kressins. Und nicht so stimmungsvoll wie die ersten drei Schimanskis. Um mal nur ein paar Beispiele zu nennen.

In vielen Filmbesprechungen liest man immer wieder den Begriff der „typischen deutschen Fernsehunterhaltung“, womit dann die Begriffe dröge, langweilig und gekünstelt gemeint sind, und ganz ganz oft wird als Beispiel dafür die langlebige Serie Tatort hergenommen. Was irgendwie merkwürdig ist, handelt es sich bei Tatort ja schließlich nicht um eine Serie im eigentlichen Sinne, sondern um eine Sammlung von Krimis verschiedener Sendeanstalten, die außer dem Genre nicht einmal ein gemeinsames Merkmal haben. Oder kann mir jemand die Ähnlichkeiten zwischen den aktuellen Münsteraner Tatorten, dem Zollfahnder Kressin und Til Schweiger in den vier Hamburg-Tatorten von Christian Alvart erläutern? Eben. Hinzu kommt, dass seit nunmehr 55 Jahren der Tatort am Sonntagabend einen festen Programmplatz hat, was wohl nicht nur für die filmischen und narrativen Möglichkeiten spricht, sondern auch für seinen immensen Erfolg, der sicher nicht daherkommt, dass die „Serie“ in ihrer Gesamtheit dröge, langweilig und gekünstelt ist.
Aber selbst als Tatort-Fan muss man zugeben, dass diese drei genannten Begriffe doch mit unschöner Regelmäßigkeit zutreffen. DAS MÄDCHEN AUF DER TREPPE ist da ein treffendes Beispiel: Als Schimanski nach Hause kommt sitzt ein junges Mädchen auf der Treppe, das darauf drängt, dass die Mutter verschwunden sei und ihre Wohnung durchsucht wurde. Schimmi schaut sich das an, ist natürlich abwartend, aber am nächsten Tag wird die übel zugerichtete Leiche der Mutter tatsächlich gefunden. Und Schimmi und Thanner haben ein 17-jähriges Mädel am Rockzipfel, das sich ausgesprochen pubertär verhält (soll heißen: Jetzt so, und im nächsten Moment völlig anders, und immer mit sehr temperamentvollen Ausbrüchen), und die beiden bei ihrer Ermittlung mehr behindert als ihnen hilft. Schimmi erfährt irgendwann, dass da wohl offensichtlich Drogen im Spiel waren, und es wird schnell festgestellt, dass die Gangster, die die Mutter ermordet haben, nun auch hinter der Tochter her sind.
Nach den ersten drei Schimanskis, die viel ungeschminktes Ruhrpott-Flair verbreiteten, einiges an ungeschminkten Bildern aus dem Leben der einfachen Menschen zeigten, und einen Kommissar präsentierten, der aus eben diesen Schichten stammte und sich dort auch entsprechend durchsetzen konnte, nun also der vierte Teil, der so ganz anders ist. Dreh- und Angelpunkt ist Nervzwerg Katja (Anja Jaenicke spielt ganz toll, aber ihre Figur ist wirklich ausgesprochen nervig), die mit Schimmi und Thanner so ihre Spielchen treibt, und erfolgreich darauf baut, dass die beiden erfahrenen Kriminalisten überhaupt nicht checken, dass Katja ihr ganz eigenes Ding dreht. Tatsächlich werden die beiden Kommissare hier eher als Hilfstrottel vom Dienst dargestellt, und im Zweifelsfall gibt es im Büro auch eher mal eine gemütliche Geburtstagsfeier als solide Ermittlungen. Diese finden nämlich so gut wie gar nicht statt, stattdessen wartet man lieber auf den nächsten Zufall oder darauf, dass Kollege Hänschen durch die Tür kommt und wie der Teufel aus der Kiste überraschende Fahndungsergebnisse aufzählt, die zwar den Fall weiterbringen, aber mit Schimmi und Thanner so rein gar nichts zu tun haben.
Viele Bilder von Duisburg gibt es dieses Mal auch nicht zu sehen, dafür sind aber die Dialoge dröge, langweilig und gekünstelt. Figuren wie der Drogenschieber Straub oder der Geschäftsmann Pit sind in ihrer Leere kaum zu überbieten, einzig Jan Fedder als Gammler Wolli kann ein paar herrlich lakonische Akzente setzen. Dazu passt dann auch, dass Schimmi, der Ruhrpott-Rambo mit dem Schmuddel-Parka, hier einmal einen feinen Anzug mitsamt Smokinghemd und Fliege trägt. Ob das nun seitens des produzierenden WDR das Einknicken vor den Tiraden der Bild-Zeitung war, oder ob ein anderer Grund für diese Szenen vorlag entzieht sich meiner Kenntnis, aber dem Schimmi steht so ein Frack in keinster Weise. Götz George macht ordentlich was her, weswegen er wahrscheinlich auch des Öfteren oben ohne zu sehen ist und seinen Prachtkörper ordentlich in Szene setzen kann (was in Verbindung mit einer erotisch interessierten 17-jährigen aus heutiger Sicht ein paar Mal zu peinlichen Momenten führt), aber Schimmi im Frack? Im Nobelrestaurant? Passt genauso wenig wie die Szenen bei Pit, wenn Schimmi von dem gewieften Geschäftsmann nach Strich und Faden vorgeführt wird. Falsches Milieu, falsche Stimmung, falsches Drehbuch.
DAS MÄDCHEN AUF DER TREPPE ist trotz zwei kürzerer Action-Szenen eher unter der Rubrik langweilig einzuordnen, genauso wie der Soundtrack von Tangerine Dream die sowieso schon langwierige Geschichte noch einmal zusätzlich herunterzieht. Und übrig bleibt die Erkenntnis, dass nicht alle Tatorte so rasant sind wie diejenigen Til Schweigers. Nicht so betont anti-spießbürgerlich wie die Kressins. Und nicht so stimmungsvoll wie die ersten drei Schimanskis. Um mal nur ein paar Beispiele zu nennen.
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
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Re: Was vom Tage übrigblieb ...
Scarlet Street (Fritz Lang, 1945) 7/10
Christopher Cross ist ein Mann im sogenannten besseren Alter. Er ist gefangen in einer unglücklichen Ehe mit einer keifenden Xanthippe, beruflich ist er als Kassierer einer großen Firma sehr angesehen, wird es aber niemals wirklich weiter bringen, und wenn einer seiner wenigen Freunde ihn zu Hause besuchen will schmeißt seine Frau Adele kurzerhand beide raus. Alkohol und Zigarren sind zuhause nicht erlaubt, und das Einzige, was ihm wirklich Freude bereitet und wenigstens einigermaßen gestattet ist, ist die Malerei. Im Wohnungsflur sitzend malt er sehr gerne, zum großen Ärgernis seiner Frau, die dann auch schon mal droht, den ganzen Krempel zu entsorgen. Beim Malen kann er den Alltag vergessen, kann er seine Phantasie spielen lassen. Als er eines Abends auf dem Heimweg die hübsche Kitty vor einem prügelnden Mann rettet, stellt er sich ihr völlig gedankenverloren auch als Maler vor. Als Künstler, und durch ein Missverständnis meint Kitty, dass seine Bilder 50.000 Dollar das Stück bringen. Aha, denkt sich Kitty, der Mann hat Geld. Und weil Kitty ihrem Spitznamen Lazy-Legs, sehr hübsch eingedeutscht mit „Faulpelzchen“, alle Ehre macht, und Arbeit absolut widerlich findet, sieht sie hier einen Weg, an leicht verdientes Geld zu kommen. Richtiger ausgedrückt sieht ihr Lover Charlie diesen Weg – Charlie, der prügelnde Mann der regnerischen Nacht, der nur halbseidene oder krumme Geschäfte kennt, und eine Möglichkeit erkennt, endlich an die große Kohle ranzukommen. Chris wird dahingehend manipuliert, dass er Kitty ein Appartement zur Verfügung stellt, wo er selber dann malen kann – Und Charlie will die Bilder dann als Kittys Bilder ausgeben und teuer verkaufen.
Ein Noir, so heißt es zu STRASSE DER VERSUCHUNG, sogar ein Klassiker des Noir, so tönt es vor der Fernsehausstrahlung. Der Film beginnt heiter, mit einer Feier zum Firmenjubiläum Chris‘, und dieser heitere Ton bleibt auch bestehen. Wenn Kitty und Chris in der Kneipe etwas trinken, sie ihn ausfragt was er so treibt (und was eben seine Bilder einbringen), und seine Fragen in ihre Richtung spürbar auf Granit stoßen, ist die Stimmung trotz der gerade gesehenen Gewaltszene eine heitere und gelöste, wenn auch mit einem ganz leicht dunklen Unterton. Der Zuschauer ahnt, dass da etwas nicht stimmt, während Edward G. Robinson sich auf schnellstem Weg in das junge Mädel verknallt, das offensichtlich Interesse an ihm hat. Kaum, dass er einen Satz geradlinig herausbringt, und irgendwie könnten das auch Katherine Hepburn und Cary Grant sein, die sich da necken und den Zuschauer zum Schmunzeln bringen.
Und tatsächlich bleibt dieser Grundton lange erhalten. Das Eheleben von Chris und Adele ist für beide eine Hölle, aber Adele wird so grob überzeichnet, dass es schnell wie eine Parodie auf die heile Welt klingt, und der Zuschauer zwischen Mitleid und Lachen hin und her pendelt. Genauso wie das Leben zwischen Charlie und Kitty ein sehr heiter gezeichnetes Zusammenspiel ist: Sie will in erster Linie Sex mit Charlie, bloß nichts arbeiten, und er ist immer auf der Suche nach Geldquellen und ansonsten jederzeit bereit, seiner Kitty sexuell zu Diensten zu sein. Auch hier ist die Stimmung gelöst; wir sehen nicht Mickey und Mallory wie sie raubend und mordend durch New York ziehen, sondern zwei nicht völlig unsympathische Tagediebe bei dem Versuch, mit möglichst wenig Aufwand den größtmöglichen Luxus zu ergattern.
Ein Noir? Ein Klassiker des Noir? Lange Zeit ist STRASSE DER VERSUCHUNG die Fritz Lang-Version einer Screwball-Komödie, mit sich neckisch streitenden Paaren, geschliffenen Dialogen und jeder Menge Situationskomik. Erst als Charlie die Bilder verkaufen will wird der Grundton ein kleines Stückchen düsterer, nur um dann noch einmal eine 180-Grad-Drehung zu machen und in einer fast irrwitzig zu nennenden Szene einen Kunstkritiker und einen Galeristen in das Appartement zu schicken, und eine völlig überrumpelte Kitty und einen zu Hochform auflaufenden Charlie mit dem Geruch von viel Geld aufzuputschen. Alles was danach folgt ist bitterster Stoff, der den Professor bis ganz nach unten in den Unrat schickt.
Eine niederschmetternde Tragödie, die die sittlichen Standards ihrer Zeit geschickt umschifft, aber nur eben gerade so, schreibt Christian Kessler. Ein Drama mit schwarzen Anflügen also, das ein Menschenschicksal bis ganz weit nach unten bebildert, und mit einem Nicht-Hollywood-konformen Schluss Erwartungshaltungen hinterfotzig unterläuft. Doch ein Noir? Gar ein Klassiker des Noir? Es fällt mir schwer, STRASSE DER VERSUCHUNG neben GEWAGTES ALIBI oder GOLDENES GIFT zu stellen, aber gleichzeitig sollte ich es auch besser wissen. Dass nämlich die Bezeichnung Noir nicht automatisch Krimi oder Thriller impliziert, sondern sehr wohl auch auf andere Genres ausgeweitet werden kann. Zum Beispiel auf das Melodram, und in dem Augenblick wird klar, dass der Film sehr wohl vollkommen unterbewertet ist. Die lange Vorlaufzeit bis die Handlung ihren Weg findet entpuppt sich rückblickend gar nicht als Vorlaufzeit, sondern vielmehr als den Zuschauer geschickt umarmende Narration. Und auch die in den Erzählfluss integrierten Bilder, die für sich alleine keinen großen Wiedererkennungswert haben, und sich ebenfalls wieder rückblickend, tief in das Gedächtnis einprägen, das alles ist nichts anderes als eine massive Tiefstapelei, ein Understatement, das vom Zuschauer verlangt, sich der Geschichte ohne Wenn und Aber hinzugeben. Und dabei selber zu erkennen, dass hier anspruchsvolles Kino gemacht wurde, welches es gar nicht nötig hat, mit Knalleffekten zu werben. Die Feinheit und die Gefühlsstärke, die hier an den Tag gelegt werden, die sind es, die STRASSE DER VERSUCHUNG sehenswert machen. Und ihm gleichzeitig den Rang verwehren, den er eigentlich haben sollte, denn die Bezeichnung Noir bezeichnet nach landläufiger Meinung halt doch eher das Umfeld von Humphrey Bogart, Robert Mitchum oder dem jungen Burt Lancaster. Ein Mann, der sich wegen der Liebe zu einer Femme Fatale in den Schatten des Schicksals verstrickt, das ist natürlich die Handlung des klassischen Gangsterkino der End-40er-Jahre, aber es kann eben auch ein fein gesponnenes Melodram sein.
Sicher mag der Film nicht der stärkste im Oeuvre von Fritz Lang sein, aber er hat seine Qualitäten, wenngleich gut versteckt. Und durch den Abstieg des Christopher Cross hin zu einem Ende, das für 1945 völlig untypisch ist (und heute, wenn man mal ehrlich ist, immer noch mindestens bemerkenswert) wird dann ja doch irgendwo ein Noir daraus …
Christopher Cross ist ein Mann im sogenannten besseren Alter. Er ist gefangen in einer unglücklichen Ehe mit einer keifenden Xanthippe, beruflich ist er als Kassierer einer großen Firma sehr angesehen, wird es aber niemals wirklich weiter bringen, und wenn einer seiner wenigen Freunde ihn zu Hause besuchen will schmeißt seine Frau Adele kurzerhand beide raus. Alkohol und Zigarren sind zuhause nicht erlaubt, und das Einzige, was ihm wirklich Freude bereitet und wenigstens einigermaßen gestattet ist, ist die Malerei. Im Wohnungsflur sitzend malt er sehr gerne, zum großen Ärgernis seiner Frau, die dann auch schon mal droht, den ganzen Krempel zu entsorgen. Beim Malen kann er den Alltag vergessen, kann er seine Phantasie spielen lassen. Als er eines Abends auf dem Heimweg die hübsche Kitty vor einem prügelnden Mann rettet, stellt er sich ihr völlig gedankenverloren auch als Maler vor. Als Künstler, und durch ein Missverständnis meint Kitty, dass seine Bilder 50.000 Dollar das Stück bringen. Aha, denkt sich Kitty, der Mann hat Geld. Und weil Kitty ihrem Spitznamen Lazy-Legs, sehr hübsch eingedeutscht mit „Faulpelzchen“, alle Ehre macht, und Arbeit absolut widerlich findet, sieht sie hier einen Weg, an leicht verdientes Geld zu kommen. Richtiger ausgedrückt sieht ihr Lover Charlie diesen Weg – Charlie, der prügelnde Mann der regnerischen Nacht, der nur halbseidene oder krumme Geschäfte kennt, und eine Möglichkeit erkennt, endlich an die große Kohle ranzukommen. Chris wird dahingehend manipuliert, dass er Kitty ein Appartement zur Verfügung stellt, wo er selber dann malen kann – Und Charlie will die Bilder dann als Kittys Bilder ausgeben und teuer verkaufen.
Ein Noir, so heißt es zu STRASSE DER VERSUCHUNG, sogar ein Klassiker des Noir, so tönt es vor der Fernsehausstrahlung. Der Film beginnt heiter, mit einer Feier zum Firmenjubiläum Chris‘, und dieser heitere Ton bleibt auch bestehen. Wenn Kitty und Chris in der Kneipe etwas trinken, sie ihn ausfragt was er so treibt (und was eben seine Bilder einbringen), und seine Fragen in ihre Richtung spürbar auf Granit stoßen, ist die Stimmung trotz der gerade gesehenen Gewaltszene eine heitere und gelöste, wenn auch mit einem ganz leicht dunklen Unterton. Der Zuschauer ahnt, dass da etwas nicht stimmt, während Edward G. Robinson sich auf schnellstem Weg in das junge Mädel verknallt, das offensichtlich Interesse an ihm hat. Kaum, dass er einen Satz geradlinig herausbringt, und irgendwie könnten das auch Katherine Hepburn und Cary Grant sein, die sich da necken und den Zuschauer zum Schmunzeln bringen.
Und tatsächlich bleibt dieser Grundton lange erhalten. Das Eheleben von Chris und Adele ist für beide eine Hölle, aber Adele wird so grob überzeichnet, dass es schnell wie eine Parodie auf die heile Welt klingt, und der Zuschauer zwischen Mitleid und Lachen hin und her pendelt. Genauso wie das Leben zwischen Charlie und Kitty ein sehr heiter gezeichnetes Zusammenspiel ist: Sie will in erster Linie Sex mit Charlie, bloß nichts arbeiten, und er ist immer auf der Suche nach Geldquellen und ansonsten jederzeit bereit, seiner Kitty sexuell zu Diensten zu sein. Auch hier ist die Stimmung gelöst; wir sehen nicht Mickey und Mallory wie sie raubend und mordend durch New York ziehen, sondern zwei nicht völlig unsympathische Tagediebe bei dem Versuch, mit möglichst wenig Aufwand den größtmöglichen Luxus zu ergattern.
Ein Noir? Ein Klassiker des Noir? Lange Zeit ist STRASSE DER VERSUCHUNG die Fritz Lang-Version einer Screwball-Komödie, mit sich neckisch streitenden Paaren, geschliffenen Dialogen und jeder Menge Situationskomik. Erst als Charlie die Bilder verkaufen will wird der Grundton ein kleines Stückchen düsterer, nur um dann noch einmal eine 180-Grad-Drehung zu machen und in einer fast irrwitzig zu nennenden Szene einen Kunstkritiker und einen Galeristen in das Appartement zu schicken, und eine völlig überrumpelte Kitty und einen zu Hochform auflaufenden Charlie mit dem Geruch von viel Geld aufzuputschen. Alles was danach folgt ist bitterster Stoff, der den Professor bis ganz nach unten in den Unrat schickt.
Eine niederschmetternde Tragödie, die die sittlichen Standards ihrer Zeit geschickt umschifft, aber nur eben gerade so, schreibt Christian Kessler. Ein Drama mit schwarzen Anflügen also, das ein Menschenschicksal bis ganz weit nach unten bebildert, und mit einem Nicht-Hollywood-konformen Schluss Erwartungshaltungen hinterfotzig unterläuft. Doch ein Noir? Gar ein Klassiker des Noir? Es fällt mir schwer, STRASSE DER VERSUCHUNG neben GEWAGTES ALIBI oder GOLDENES GIFT zu stellen, aber gleichzeitig sollte ich es auch besser wissen. Dass nämlich die Bezeichnung Noir nicht automatisch Krimi oder Thriller impliziert, sondern sehr wohl auch auf andere Genres ausgeweitet werden kann. Zum Beispiel auf das Melodram, und in dem Augenblick wird klar, dass der Film sehr wohl vollkommen unterbewertet ist. Die lange Vorlaufzeit bis die Handlung ihren Weg findet entpuppt sich rückblickend gar nicht als Vorlaufzeit, sondern vielmehr als den Zuschauer geschickt umarmende Narration. Und auch die in den Erzählfluss integrierten Bilder, die für sich alleine keinen großen Wiedererkennungswert haben, und sich ebenfalls wieder rückblickend, tief in das Gedächtnis einprägen, das alles ist nichts anderes als eine massive Tiefstapelei, ein Understatement, das vom Zuschauer verlangt, sich der Geschichte ohne Wenn und Aber hinzugeben. Und dabei selber zu erkennen, dass hier anspruchsvolles Kino gemacht wurde, welches es gar nicht nötig hat, mit Knalleffekten zu werben. Die Feinheit und die Gefühlsstärke, die hier an den Tag gelegt werden, die sind es, die STRASSE DER VERSUCHUNG sehenswert machen. Und ihm gleichzeitig den Rang verwehren, den er eigentlich haben sollte, denn die Bezeichnung Noir bezeichnet nach landläufiger Meinung halt doch eher das Umfeld von Humphrey Bogart, Robert Mitchum oder dem jungen Burt Lancaster. Ein Mann, der sich wegen der Liebe zu einer Femme Fatale in den Schatten des Schicksals verstrickt, das ist natürlich die Handlung des klassischen Gangsterkino der End-40er-Jahre, aber es kann eben auch ein fein gesponnenes Melodram sein.
Sicher mag der Film nicht der stärkste im Oeuvre von Fritz Lang sein, aber er hat seine Qualitäten, wenngleich gut versteckt. Und durch den Abstieg des Christopher Cross hin zu einem Ende, das für 1945 völlig untypisch ist (und heute, wenn man mal ehrlich ist, immer noch mindestens bemerkenswert) wird dann ja doch irgendwo ein Noir daraus …
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
(Bert Rebhandl)
Re: Was vom Tage übrigblieb ...
Zwischen den Jahren (Lars Henning, 2017) 7/10

Es ist eine finstere Welt, in der Becker lebt. Becker ist nach 18 Jahren auf Bewährung aus dem Knast rausgekommen, und arbeitet nun als Wachschutz in der Nachtschicht in einem Lagerhaus. Damals war Becker kein Waisenkind, und er hat die 18 Jahre auch nicht umsonst gegessen - In seinem alten Leben hat Becker enorme Schuld auf sich geladen. Jetzt aber will er ein neues Leben. Mit der Putzfrau des Lagerhauses hat er eine stürmische Affäre, der neue Kollege ist ein Ex-Bulle, aber sonst relativ erträglich, und eigentlich könnte alles passen. Wenn da nicht Dahlberg wäre. Dahlberg verfolgt Becker. Dahlberg verwüstet Beckers Wohnung. Dahlberg ist immer und überall und verfolgt Becker mit seinem unendlichen Hass. Warum? Weil Becker damals, vor 18 Jahren, Beckers Frau und Tochter erschossen hat. Und jetzt? Jetzt wird die Situation für Becker immer unerträglicher, und das neue und saubere Leben auf Bewährung ist ein Leben voller Angst um die geliebte Freundin, deren Sohn und um das eigene Leben. Eine Lösung muss her …
Es ist eine finstere Welt, die Regisseur Lars Henning hier zeigt. Finster, und dabei zutiefst realistisch. Der Typ vom Lagerhaus befingert die Putzfrau, erniedrigt den Ex-Sträfling, und immer, wenn das Arschloch „Fröhliche Weihnachten“ sagt klingt das wie Putin, wenn er den Überfall auf die Ukraine mit Selbstschutz rechtfertigt. Becker macht sich klein, ganz klein, weil er weiß, dass er sonst keine Chance hat. Und dass sein zur Gewalt neigendes Naturell und sein eher grob gestrickter Charakter ihm sonst nur Probleme machen. Becker kann zuschlagen, das er kann er sogar sehr gut, und er ist sich selbst treu. Becker war früher Mitglied einer Motorradgang. Also nicht diejenigen mit den Sonntagsausflügen auf dem Moped, sondern die, die ihr Geld mit Waffen, Drogen und Prostitution verdienen. Becker ist ein ganz harter Knochen, aber das, was Dahlmann hier abzieht, macht ihn Stückchen für Stückchen fertig. Sein Weltbild wird in kleinen Dosen abgetragen, von der Polizei ist keine Hilfe zu erwarten, die sehen in ihm eh nur den Ex-Knacki, und Rita, in die er sich irgendwann mal richtig verliebt hat, wirft ihn raus, weil sie einfach nur noch Angst hat. Wie mag die Lösung heißen?
Der Film spielt zwischen Weihnachten und Silvester, also „zwischen den Jahren“. Es ist lange Nacht, tagsüber ist es grau, und die düsteren Vororte Kölns wollen so gar nicht mehr aus ihrer Tristesse erwachen. Inmitten dieses ewig erscheinenden Großstadtwinters wird der Zuschauer tief in eine Verfolgungsjagd gezogen, die so düster und intensiv ist, dass es schaudert. Tatsächlich musste ich die Sichtung zweimal unterbrechen, weil mir die Handlung ernsthaft an die Nieren ging: Henning schafft es problemlos, den Ex-Rocker und Mörder als Sympathiefigur zu etablieren, und Becker-Darsteller Peter Kurth ist mit wenigen positiven Emotionen und viel Hang zur Gewalt tatsächlich derjenige, mit dem wir mitfiebern. Es gibt relativ frühzeitig ein Gespräch zwischen Becker und Dahlmann, in dem wir die Hintergründe dieser Jagd erfahren, aber Dahlmann ist einfach ein unsympathisches Arschloch. Ein Getriebener, ein Maniac auf Menschenjagd, und er bleibt uns trotz seiner entsetzlichen Geschichte fremd. Becker ist es, mit dem wir mitfiebern, und das Schicksal Beckers nimmt uns gefangen. Seine Sprachlosigkeit, sowohl angesichts seiner eigenen Vergangenheit als auch der Gegenwart, fesselt, und auch wenn seine gelegentlichen Gewaltausbrüche dann wieder irritieren, so merkt der Zuschauer doch, dass Becker mit seiner Vergangenheit so weit wie möglich abgeschlossen hat. Im Gegensatz zu Dahlmann, dessen Vergangenheit seine Gegenwart beeinflusst: Vom erfolgreichen Manager und liebenden Familienvater zum verarmten Psychopathen, dessen einziger Gedanke die Rache ist. Wer könnte es ihm verdenken? Schade, dass das Drehbuch sich nicht ein klein wenig mehr auf Dahlmann fokussiert, ihn ein wenig sympathischer angelegt hat. Der Zwiespalt beim Sehen, welchem der beiden Männer, der schuldbeladene der gebüßt hat, oder derjenige, dessen Leben zerstört wurde, welchem der beiden Männer unsere Zuneigung gehört, dieser Zwiespalt wäre sicher interessant. Der Dialog zwischen Becker und Dahlmann, in dem Becker sich entschuldigt, und Dahlmann diese Entschuldigung in der Luft zerfetzt, die ist schon bemerkenswert, und sollte Richtern, die reumütigen Straftätern deutliche Straferleichterungen zugestehen weil diese ja bereuen, regelmäßig vorgespielt werden …
Auch wenn an ZWISCHEN DEN JAHREN nicht alles passt (so ist die Episode um den Kontakt zu den alten Kumpels vom MC logisch nicht wirklich schlüssig), so ist der Film ein herausragendes düsteres Drama, intensiv gespielt und mit einer Wucht dargebracht die schaudern lässt. Tiefgehendes Kino das berührt!

Es ist eine finstere Welt, in der Becker lebt. Becker ist nach 18 Jahren auf Bewährung aus dem Knast rausgekommen, und arbeitet nun als Wachschutz in der Nachtschicht in einem Lagerhaus. Damals war Becker kein Waisenkind, und er hat die 18 Jahre auch nicht umsonst gegessen - In seinem alten Leben hat Becker enorme Schuld auf sich geladen. Jetzt aber will er ein neues Leben. Mit der Putzfrau des Lagerhauses hat er eine stürmische Affäre, der neue Kollege ist ein Ex-Bulle, aber sonst relativ erträglich, und eigentlich könnte alles passen. Wenn da nicht Dahlberg wäre. Dahlberg verfolgt Becker. Dahlberg verwüstet Beckers Wohnung. Dahlberg ist immer und überall und verfolgt Becker mit seinem unendlichen Hass. Warum? Weil Becker damals, vor 18 Jahren, Beckers Frau und Tochter erschossen hat. Und jetzt? Jetzt wird die Situation für Becker immer unerträglicher, und das neue und saubere Leben auf Bewährung ist ein Leben voller Angst um die geliebte Freundin, deren Sohn und um das eigene Leben. Eine Lösung muss her …
Es ist eine finstere Welt, die Regisseur Lars Henning hier zeigt. Finster, und dabei zutiefst realistisch. Der Typ vom Lagerhaus befingert die Putzfrau, erniedrigt den Ex-Sträfling, und immer, wenn das Arschloch „Fröhliche Weihnachten“ sagt klingt das wie Putin, wenn er den Überfall auf die Ukraine mit Selbstschutz rechtfertigt. Becker macht sich klein, ganz klein, weil er weiß, dass er sonst keine Chance hat. Und dass sein zur Gewalt neigendes Naturell und sein eher grob gestrickter Charakter ihm sonst nur Probleme machen. Becker kann zuschlagen, das er kann er sogar sehr gut, und er ist sich selbst treu. Becker war früher Mitglied einer Motorradgang. Also nicht diejenigen mit den Sonntagsausflügen auf dem Moped, sondern die, die ihr Geld mit Waffen, Drogen und Prostitution verdienen. Becker ist ein ganz harter Knochen, aber das, was Dahlmann hier abzieht, macht ihn Stückchen für Stückchen fertig. Sein Weltbild wird in kleinen Dosen abgetragen, von der Polizei ist keine Hilfe zu erwarten, die sehen in ihm eh nur den Ex-Knacki, und Rita, in die er sich irgendwann mal richtig verliebt hat, wirft ihn raus, weil sie einfach nur noch Angst hat. Wie mag die Lösung heißen?
Der Film spielt zwischen Weihnachten und Silvester, also „zwischen den Jahren“. Es ist lange Nacht, tagsüber ist es grau, und die düsteren Vororte Kölns wollen so gar nicht mehr aus ihrer Tristesse erwachen. Inmitten dieses ewig erscheinenden Großstadtwinters wird der Zuschauer tief in eine Verfolgungsjagd gezogen, die so düster und intensiv ist, dass es schaudert. Tatsächlich musste ich die Sichtung zweimal unterbrechen, weil mir die Handlung ernsthaft an die Nieren ging: Henning schafft es problemlos, den Ex-Rocker und Mörder als Sympathiefigur zu etablieren, und Becker-Darsteller Peter Kurth ist mit wenigen positiven Emotionen und viel Hang zur Gewalt tatsächlich derjenige, mit dem wir mitfiebern. Es gibt relativ frühzeitig ein Gespräch zwischen Becker und Dahlmann, in dem wir die Hintergründe dieser Jagd erfahren, aber Dahlmann ist einfach ein unsympathisches Arschloch. Ein Getriebener, ein Maniac auf Menschenjagd, und er bleibt uns trotz seiner entsetzlichen Geschichte fremd. Becker ist es, mit dem wir mitfiebern, und das Schicksal Beckers nimmt uns gefangen. Seine Sprachlosigkeit, sowohl angesichts seiner eigenen Vergangenheit als auch der Gegenwart, fesselt, und auch wenn seine gelegentlichen Gewaltausbrüche dann wieder irritieren, so merkt der Zuschauer doch, dass Becker mit seiner Vergangenheit so weit wie möglich abgeschlossen hat. Im Gegensatz zu Dahlmann, dessen Vergangenheit seine Gegenwart beeinflusst: Vom erfolgreichen Manager und liebenden Familienvater zum verarmten Psychopathen, dessen einziger Gedanke die Rache ist. Wer könnte es ihm verdenken? Schade, dass das Drehbuch sich nicht ein klein wenig mehr auf Dahlmann fokussiert, ihn ein wenig sympathischer angelegt hat. Der Zwiespalt beim Sehen, welchem der beiden Männer, der schuldbeladene der gebüßt hat, oder derjenige, dessen Leben zerstört wurde, welchem der beiden Männer unsere Zuneigung gehört, dieser Zwiespalt wäre sicher interessant. Der Dialog zwischen Becker und Dahlmann, in dem Becker sich entschuldigt, und Dahlmann diese Entschuldigung in der Luft zerfetzt, die ist schon bemerkenswert, und sollte Richtern, die reumütigen Straftätern deutliche Straferleichterungen zugestehen weil diese ja bereuen, regelmäßig vorgespielt werden …
Auch wenn an ZWISCHEN DEN JAHREN nicht alles passt (so ist die Episode um den Kontakt zu den alten Kumpels vom MC logisch nicht wirklich schlüssig), so ist der Film ein herausragendes düsteres Drama, intensiv gespielt und mit einer Wucht dargebracht die schaudern lässt. Tiefgehendes Kino das berührt!
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
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Re: Was vom Tage übrigblieb ...
Madamigella di Maupin (Mauro Bolognini, 1966) 6/10
Im Frühsommer 1789 ist die Welt der französischen Landadeligen noch in Ordnung. Die Gerüchte über den meuternden Pöbel, und dass die Köpfe der Bessergestellten abgeschnitten werden sollen, werden auf dem abgelegenen Landschlösschen mit viel Gelächter quittiert. Aber die Idylle ist schnell vorbei, als 6000 Invasoren der Königin Carlotta das Land überfallen. Nun heißt es flüchten, und weil der Großonkel klug ist, steckt er seine beiden Nichten in Männerkleidung und schickt sie in das nächste Kloster. Doch Magdeleine sieht das weite Land, riecht die Freiheit, und will mehr vom Leben. Kurzerhand reitet sie am Kloster vorbei – Direkt in die Arme einer Armeeeinheit, die sie sogleich in die Truppe steckt. Denn „sie“ ist ja in Männerkleidung unterwegs, nennt sich jetzt Theodor, und wird somit zum Fahnenträger des Capitaine Alcibiades. In dessen rustikal-kriegerische Art verliebt sich Magdeleine/Theodor dann auch ganz schnell, und auch Alcibiades ist seinem Fahnenträger nicht abgeneigt. Eine Freundschaft entwickelt sich, die den wackeren Capitaine emotional etwas verwirrt …
Gemeinsam kommt man in ein Schloss, wo die dominant-rabiate Besitzerin Rosetta mit dem Poeten D’Albert ein Theaterstück einübt, und Alcibiades und Magdeleine (belassen wir es vorerst bei diesem Namen) werden sogleich als Schauspieler rekrutiert. D’Albert verliebt sich in den schönen Jüngling Theodor und bekommt durch ein Missgeschick heraus, dass Theodor in Wirklichkeit eben Magdeleine ist. Fortan verfolgt er sie mit seiner aufdringlichen Liebe, wohin gegen Magdeleine doch nur Alcibiades liebt, der aber in einer Schlacht gegen das feindliche Heer den Heldentod stirbt. Und nun? Magdeleine und D’Albert? Nein, das passt nicht. Vor allem deswegen nicht, weil Rosetta D’Albert per Waffe zum Liebesdienst an seiner Herrin, eben Rosetta, zwingen will …
Auch wenn der Film eine sehr freie Verfilmung der gleichnamigen Erzählung Théophile Gautiers darstellen soll, so bin ich sicher, dass er in erster Linie durch den Erfolg der ANGÉLIQUE-Verfilmungen ab 1964 initiiert wurde. Romantische Verwicklungen, unerfüllte Liebe, Robert Hossein, feindliche Soldaten, weite und wunderschöne Landschaften, und noch einmal romantische Verwicklungen. Mann und Frau die sich gegenseitig anschmachten, aber nicht miteinander dürfen. Weil sie ja beide Männer sind, irgendwie. Ein anderer Mann und die gleiche Frau, aber da funkt es dann leider nicht so recht. Edle Säle und (schon wieder) romantische Örtlichkeiten unter alten Bäumen – MADAMIGELLA DI MAUPIN ist ein Schäferroman in seiner ansprechendsten Weise. Die Reise Magdeleines erinnert an den Simplicissimus oder Don Quichote, wobei sie niemals die Einfalt der beiden genannten an den Tag legt, aber in ähnlicher Weise von hier nach dort reist und dabei zum Spielball in diesem Falle amouröser Interessen wird. Immer wieder haben wir dabei komische Episoden, wie etwa die „Schlacht“ des Einzelkämpfers Alcibiades gegen das feindliche Heer, oder die sinnliche Mikaela als Domina, die ihren D’Albert im Bett haben will, gleich ob der nun mag oder ob nicht. Die Stimmung ist sowieso überwiegend leicht und heiter, das Abenteuer, das in den ANGÉLIQUE-Filmen so stark die Handlung vorantreibt, steht hier sichtlich im Hintergrund. Anscheinend bestätigt sich auch hier wieder einmal das alte Vorurteil, dass die Italiener die Erfolgsfilme der anderen kopierten und eine Ecke billiger auf die Leinwand bringen. Wobei das Wort billig hier mit Vorsicht zu genießen ist: Zwar ist die Knappheit des Budgets an allen Enden und Ecken deutlich zu sehen, aber Regisseur Mauro Bolognini zieht aus seinen Darstellern und den wunderschön gewählten Drehorten (könnte das in Jugoslawien gedreht worden sein?) alles, was sich herausziehen lässt.
Da ist die ätherische Schönheit Catherine Spaaks, die auch heute noch in ihren Bann zieht, gerade weil sie mit ihrer Weiblichkeit sehr, sagen wir mal, vorsichtig umgeht. Als ansprechender Kontrast dazu der bärbeißige Robert Hossein als Alcibiades, der den Gegenpart zur zarten Magdeleine gibt und damit wie die perfekte Hälfte eines Paares wirkt. Tomas Milian als D’Albert kann in sofern nur das dritte Rad am Wagen sein, ist aber in seiner Verliebtheit zu borniert um dies zu merken. Und leider mit viel zu wenig Screentime die spanische Aktrice Mikaela als Comic Relief, die vielleicht ein wenig zu sehr Over The Top ist um dem Film viel zu geben, die aber in den entscheidenen Momenten zuverlässig Akzente setzen kann.
MADAMIGELLA DI MAUPIN mag sicher kein großartiges Kostümkino sein und kann ANGÉLIQUE sicher nicht das Wasser reichen, aber als zuverlässiger Garant für viele Lacher und ein leichtes, sinnlich-verspieltes und heiteres Vergnügen taugt er in jedem Fall. PIDAX übernehmen Sie …
Im Frühsommer 1789 ist die Welt der französischen Landadeligen noch in Ordnung. Die Gerüchte über den meuternden Pöbel, und dass die Köpfe der Bessergestellten abgeschnitten werden sollen, werden auf dem abgelegenen Landschlösschen mit viel Gelächter quittiert. Aber die Idylle ist schnell vorbei, als 6000 Invasoren der Königin Carlotta das Land überfallen. Nun heißt es flüchten, und weil der Großonkel klug ist, steckt er seine beiden Nichten in Männerkleidung und schickt sie in das nächste Kloster. Doch Magdeleine sieht das weite Land, riecht die Freiheit, und will mehr vom Leben. Kurzerhand reitet sie am Kloster vorbei – Direkt in die Arme einer Armeeeinheit, die sie sogleich in die Truppe steckt. Denn „sie“ ist ja in Männerkleidung unterwegs, nennt sich jetzt Theodor, und wird somit zum Fahnenträger des Capitaine Alcibiades. In dessen rustikal-kriegerische Art verliebt sich Magdeleine/Theodor dann auch ganz schnell, und auch Alcibiades ist seinem Fahnenträger nicht abgeneigt. Eine Freundschaft entwickelt sich, die den wackeren Capitaine emotional etwas verwirrt …
Gemeinsam kommt man in ein Schloss, wo die dominant-rabiate Besitzerin Rosetta mit dem Poeten D’Albert ein Theaterstück einübt, und Alcibiades und Magdeleine (belassen wir es vorerst bei diesem Namen) werden sogleich als Schauspieler rekrutiert. D’Albert verliebt sich in den schönen Jüngling Theodor und bekommt durch ein Missgeschick heraus, dass Theodor in Wirklichkeit eben Magdeleine ist. Fortan verfolgt er sie mit seiner aufdringlichen Liebe, wohin gegen Magdeleine doch nur Alcibiades liebt, der aber in einer Schlacht gegen das feindliche Heer den Heldentod stirbt. Und nun? Magdeleine und D’Albert? Nein, das passt nicht. Vor allem deswegen nicht, weil Rosetta D’Albert per Waffe zum Liebesdienst an seiner Herrin, eben Rosetta, zwingen will …
Auch wenn der Film eine sehr freie Verfilmung der gleichnamigen Erzählung Théophile Gautiers darstellen soll, so bin ich sicher, dass er in erster Linie durch den Erfolg der ANGÉLIQUE-Verfilmungen ab 1964 initiiert wurde. Romantische Verwicklungen, unerfüllte Liebe, Robert Hossein, feindliche Soldaten, weite und wunderschöne Landschaften, und noch einmal romantische Verwicklungen. Mann und Frau die sich gegenseitig anschmachten, aber nicht miteinander dürfen. Weil sie ja beide Männer sind, irgendwie. Ein anderer Mann und die gleiche Frau, aber da funkt es dann leider nicht so recht. Edle Säle und (schon wieder) romantische Örtlichkeiten unter alten Bäumen – MADAMIGELLA DI MAUPIN ist ein Schäferroman in seiner ansprechendsten Weise. Die Reise Magdeleines erinnert an den Simplicissimus oder Don Quichote, wobei sie niemals die Einfalt der beiden genannten an den Tag legt, aber in ähnlicher Weise von hier nach dort reist und dabei zum Spielball in diesem Falle amouröser Interessen wird. Immer wieder haben wir dabei komische Episoden, wie etwa die „Schlacht“ des Einzelkämpfers Alcibiades gegen das feindliche Heer, oder die sinnliche Mikaela als Domina, die ihren D’Albert im Bett haben will, gleich ob der nun mag oder ob nicht. Die Stimmung ist sowieso überwiegend leicht und heiter, das Abenteuer, das in den ANGÉLIQUE-Filmen so stark die Handlung vorantreibt, steht hier sichtlich im Hintergrund. Anscheinend bestätigt sich auch hier wieder einmal das alte Vorurteil, dass die Italiener die Erfolgsfilme der anderen kopierten und eine Ecke billiger auf die Leinwand bringen. Wobei das Wort billig hier mit Vorsicht zu genießen ist: Zwar ist die Knappheit des Budgets an allen Enden und Ecken deutlich zu sehen, aber Regisseur Mauro Bolognini zieht aus seinen Darstellern und den wunderschön gewählten Drehorten (könnte das in Jugoslawien gedreht worden sein?) alles, was sich herausziehen lässt.
Da ist die ätherische Schönheit Catherine Spaaks, die auch heute noch in ihren Bann zieht, gerade weil sie mit ihrer Weiblichkeit sehr, sagen wir mal, vorsichtig umgeht. Als ansprechender Kontrast dazu der bärbeißige Robert Hossein als Alcibiades, der den Gegenpart zur zarten Magdeleine gibt und damit wie die perfekte Hälfte eines Paares wirkt. Tomas Milian als D’Albert kann in sofern nur das dritte Rad am Wagen sein, ist aber in seiner Verliebtheit zu borniert um dies zu merken. Und leider mit viel zu wenig Screentime die spanische Aktrice Mikaela als Comic Relief, die vielleicht ein wenig zu sehr Over The Top ist um dem Film viel zu geben, die aber in den entscheidenen Momenten zuverlässig Akzente setzen kann.
MADAMIGELLA DI MAUPIN mag sicher kein großartiges Kostümkino sein und kann ANGÉLIQUE sicher nicht das Wasser reichen, aber als zuverlässiger Garant für viele Lacher und ein leichtes, sinnlich-verspieltes und heiteres Vergnügen taugt er in jedem Fall. PIDAX übernehmen Sie …
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
(Bert Rebhandl)