Sibirische Erziehung - Gabriele Salvatores (2013)

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horror1966
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Sibirische Erziehung - Gabriele Salvatores (2013)

Beitrag von horror1966 »

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Sibirische Erziehung
(Educazione siberiana)
mit Arnas Fedaravicius, Vilius Tumalavicius, Eleanor Tomlinson, Jonas Trukanas, Vitalij Porshnev, Peter Stormare, John Malkovich, Arnas Sliesoraitis, Pijus Grude, Ernestas Markevicius, Erikas Zaremba, Airida Gintautaite
Regie: Gabriele Salvatores
Drehbuch: Stefano Rulli / Sandro Petraglia
Kamera: Italo Petriccione
Musik: Mauro Pagani
FSK 16
Italien / 2013

Kolyma und Gagarin sind beste Freunde. Gemeinsam wachsen sie unter der Aufsicht von Großvater Kuzya (John Malkovich) in einem verlassenen Winkel der Sowjetunion auf. Sie gehören den Urki an, einem aus Sibirien stammenden Verbrecher-Clan. Gemeinsam gehen die Jungen durch die Schule des ehrenhaften Verbrechens, wie die Urki es verstehen. Sie lernen Diebstahl, Banditentum und den Umgang mit Waffen. Großvater Kuzya wacht über die Einhaltung des strengen Ehrenkodex, der seit Generationen im Clan herrscht. Doch sieben Jahre im Gefängnis machen aus Gagarin einen einsamen jungen Mann, der dem Reiz des schnellen Geldes durch unehrenhafte Verbrechen erliegt. Die ehemaligen Freunde stehen sich schließlich als Todfeinde gegenüber, getrennt durch den Ehrenkodex des Clans…


"Sibirische Erziehung" basiert auf dem Roman von Nicolai Lilin, in dem der Autor sein Leben in einem sibirischen Verbrecher-Clan (Urki) beschreibt. Die filmische Umsetzung von Gabriele Salvatores nimmt sich dieses Clans an und stellt dabei die beiden Hauptfiguren Kolyma und Gagarin in den Vordergrund, die unter der Aufsicht des Patriarchen Kuzya aufwachsen und dabei wirklich alles lernen, was zum Ehrenkodex der Gruppierung gehört. Die Geschichte präsentiert sich dabei auf drei verschiedenen Zeitebenen, denn eigentlich in der Gegenwart angesiedelt, erstreckt sich der Hauptteil des Geschehens doch auf lange Rückblenden in die Vergangenheit, die in der Zeit von 1985-1995 angesiedelt sind. Man bekommt etliche Passagen aus der Kindheit der beiden Hauptfiguren serviert, um dann auch immer wieder Szenen zu zeigen, in denen man mit den jugendlichen Protagonisten konfrontiert wird. Die Übergänge der einzelnen Ebenen sind fließend und bei manch einem könnte das in den ersten Minuten eventuell für leichte Verwirrungen sorgen, da die Geschichte doch einige Minuten benötigt, bevor man sich so richtig in sie hineinversetzen kann. So ist es beispielsweise gewöhnungsbedürftig den zum Mann gereiften Kolyma in der Gegenwart in der Uniform einer russischen Spezialeinheit zu sehen, denn in den langen Rückblenden wird dem Zuschauer doch eindrucksvoll eingeimpft, das jede Art von Staats-Bediensteten als größter Feind des Clans eingestuft wird.

Dieser erste Eindruck verflüchtigt sich allerdings recht schnell, denn mit zunehmender Laufzeit erhält man einen stetig tiefer gehenden Einblick in die Strukturen der Gruppierung und erhält dabei faszinierende Eindrücke über Dinge wie Loyalität, Ehre und insbesondere den strengen Kodex, der sich über Generationen hinweg manifestiert hat. Ganz generell lebt "Sibirische Erziehung" weniger von Action, als vielmehr von einer ungeheuer interessanten Erzählung, die beim Betrachter eine unglaublich hohe Authenzität hinterlässt. Man kann sich immer besser in die Abläufe hinein versetzen und empfindet sogar jede Menge Sympathie für die meisten der Charaktere, obwohl es sich bei ihnen letztendlich um Verbrecher handelt. Dennoch muss man an dieser Stelle differenzieren, denn die Unterschiede zwischen gewöhnlichen Banditen und dem Urki-Clan werden hervorragend rausgearbeitet und geben sich insbesondere in den beiden Hauptfiguren Kolyma und Gagarin zu erkennen. Während erstgenannter nämlich das Paradebeispiel eines Sibiriers darstellt und die vom Großvater erlernten Werte auslebt kann Gagarin nach einem Gefängnisaufenthalt nicht weiter nach den strengen Regeln leben und verfällt dem gewöhnlichen Verbrechen. Was sich hier ziemlich eindeutig und gradlinig anhört, wird einem durch die zeitlich gesehen ineinander verschachtelte Geschichte Stück für Stück näher gebracht, so das man auch jederzeit mit den nötigen Hintergrundinformationen versorgt wird, die zu dieser charakterlichen Wandlung von Gagarin geführt hat. Was in den ersten Minuten durch die Erzählweise der Abläufe noch eher mühsam erschien, entwickelt sich immer mehr zu einer nahezu herausragenden Geschichte, die um ihre volle Intensität und Glaubwürdigkeit entfalten zu können, fast schon zwingend auf den verschiedenen zeitlichen Ebenen erzählt werden muss.

Nur so ist es möglich die volle Stärke dieses Werkes zu erkennen, die jedoch nicht ausschließlich auf inhaltlicher Ebene zu suchen ist. Zudem sind es nämlich die großartig aufspielenden Akteure, die den jeweiligen Figuren eine echte Seele einhauchen und besonders John Malkovich hat in der Rolle des Clan-Oberhauptes einen nachhaltigen-und vor allem glaubwürdigen Eindruck hinterlassen. Dreh-und Angelpunkt des Ganzen ist aber dennoch Arnas Fedaravicius (Kolyma), denn fast alle Ereignisse drehen sich um den jungen Mann, der ganz am Ende des Filmes seinem ehemaligen Freund Gagarin als erbitterter Feind gegenüber steht. Das es zum Schluss zu diesem ultimativen Showdown kommen würde wird während des Filmes ganz eindeutig ersichtlich. Achtet man nämlich auf die immer wieder in den Vordergrund rückenden Begriffe wie Ehre, Freundschaft und Kodex, dann ergibt sich mit der Zeit ein lückenloses Gesamtbild, das letztendlich keinen anderen Schluss zulässt, als das sich die beiden jungen Männer als Gegner gegenüber stehen. Auch die Figur der jungen Xenya zeichnet dafür mit verantwortlich, allerdings nimmt die junge Frau dabei einen gänzlich anderen Stellenwert ein, als manch einer das im ersten Momenten zu vermuten vermag. Ich will an dieser Stelle aber nicht näher darauf eingehen, da ansonsten doch ein wenig von der Spannung genommen wird, die in der vorliegenden Geschichte ganz hervorragend aufgebaut wird.

Alles zusammen genommen ist "Sibirische Erziehung" ein in allen Belangen mehr als überzeugendes Drama das nicht nur eine faszinierende Geschichte erzählt, sondern dem Zuschauer auch glaubwürdig das Leben in einem Verbrecher-Clan näher bringt, der sich doch irgendwie wohlwollend von anderen Gruppierungen abhebt. So hat man eigentlich eher selten den Eindruck es mit echten Banditen zu tun zu haben, sondern vielmehr mit Menschen, deren Regeln und Lebensart seit Generationen gefestigt sind und auch nach dem Zerfall der ehemaligen Sowjetunion immer noch Bestand haben. Tiefe Einblicke in die Strukturen und grandios aufspielende Darsteller zeichnen hier ein Höchstmaß an Glaubwürdigkeit und machen diesen Film zu etwas ganz Besonderem. Regisseur Gabriele Salvatores hat so also ein beeindruckendes Werk auf die Beine gestellt das fast ohne jegliche Action eine immense Intensität freisetzt und dem Zuschauer auch größtenteils wirklich unter die Haut kriecht. Wer also ein hoch-qualitatives Drama zu schätzen weiß kann hier definitiv nichts verkehrt machen, denn "Sibirische Erziehung" bleibt nachhaltig im Gedächtnis haften und bietet eine dramatische Story, die zudem auch noch recht nachdenklich stimmt.


Fazit:


Ohne größere Erwartungen bin ich im Vorfeld an dieses Werk heran gegangen und wurde mit einer Geschichte belohnt, die in allen Belangen stimmig erscheint. Intensiv und faszinierend wird einem das Leben einer Gruppierung erzählt, in der Begriffe wie Freundschaft und Ehre eine ganz andere Bedeutung haben als wie man es höchstwahrscheinlich gewohnt ist. Wer gegen die Regeln verstößt wird gnadenlos bestraft und auch dieser Aspekt wir in vorliegendem Szenario eingehend beleuchtet. Und so kann man im Endeffekt nur eine ganz dicke Empfehlung aussprechen, denn "Sibirische Erziehung" ist definitiv ein Werk, das man sich auch gern mehrmals anschauen kann.


9/10
Big Brother is watching you
untot
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Re: Sibirische Erziehung - Gabriele Salvatores

Beitrag von untot »

Ich kann mich hier nur voll und ganz Horror's lobenden Worten anschließen, ein wirklich in allen Belangen überzeugender Film.
Eine starke Story, glaubwürdig erzählt, einer von den Filmen die noch eine Weile nachhallen....
Sollte man gesehen haben.

9/10
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Maulwurf
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Re: Sibirische Erziehung - Gabriele Salvatores (2013)

Beitrag von Maulwurf »

 
Sibirische Erziehung
Educazione siberiana
Italien 2013
Regie: Gabriele Salvatores
John Malkovich, Peter Stormare, Eleanor Tomlinson, Arnas Fedaravicius, Antanas Surgailis, Kestutis Jakstas, Vitalij Porshnev, Jonas Trukanas, Riccardo Zinna, Ramunas Simukauskas, Vitautas Rumshas, Andrius Paulavicius, Donatas Simukauskas, Giedrius Nagys, Daiva Stubraite, Airida Gintautaite, Vilius Tumalavicius


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Wir müssen alle lebenden Kreaturen respektieren. Mit Ausnahme der Polizei, Leute die für die Regierung arbeiten, Bänker, Wucherer, und jeder der versucht die Macht des Geldes zu nutzen, um den einfachen Menschen zu schaden. Diesen Menschen etwas wegzunehmen ist erlaubt. Aber vergiss nicht: Wer zu viel will, ist verrückt. Ein Mann kann nicht mehr besitzen als sein Herz auch lieben kann.“

Wahre Worte, und der dies sagt ist Großvater Kuzya, Oberhaupt eines Clans von sibirischen Kriminellen, die in der Sowjetunion in den Südwesten des Landes deportiert wurden, und dort nun stolz, kriminell und arm leben. Kuzyas Enkel ist Kolyma, und dessen bester Freund Gagarin ist im Hause Kuzya genauso gerne gesehen. Die Erziehung der Kinder läuft dabei nach den oben genannten sibirischen Regeln statt. Und so verfolgen wir Kolymas und Gagarins Weg im Ghetto, wir sehen wie sie erwachsen werden, sich mit anderen Clans wilde Messerstechereien liefern, wie Kolyma sich in die geistig zurückgebliebene Xenia verliebt, und wie die tiefe und innige Freundschaft zu Gagarin zerbricht. Und wir sehen Kolyma, wie er einige Jahre später im Kaukasus Terroristen bekämpft. Wie er als Soldat unterwegs ist, Menschen tötet und dabei die rechte Hand eines Terroristenführers jagt. Einen Mann namens Juri Lebedev, genannt Gagarin …

Die Grundlagen der sibirischen Erziehung sind dabei ganz einfach: Nimm das Geld vom Staat und lebe davon. Lebe einfach, aber in Würde. Verkauf Dich nicht an diejenigen die Deine Feinde sind. Töte wenn Du töten musst, und liebe diejenigen, die es verdienen geliebt zu werden. Einfache und starke Regeln von Menschen, die man nicht als Feinde haben möchte, die aber unersetzliche Freunde sein können. Kolyma lebt streng nach diesen Regeln, aber er kann sie auch brechen: Als Soldaten in das Haus stürmen bedroht er einen Offizier mit einer geladenen Waffe. Ein Regelbruch, denn es dürfen keine Waffen im Haus verwendet werden. Aber mutig ist diese Tat, weswegen Kolyma mit seinem eigenen Springmesser belohnt wird, das ihn für immer begleiten wird. Was sein Fetisch sein wird.

Wir begleiten also Kolyma, Gagarin und ihre kleine Clique auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Die Bilder sind eindrucksvoll und zeigen die Armut und den Stolz dieser Menschen in etwas romantisierter Wucht, aber gerade dadurch sehr stark. Dieses „auf dem Weg ins Erwachsenenleben begleiten“ ist aber tatsächlich nur ein Teil des Filmes, der weitaus größere Teil behandelt Kolymas Leben als junger Mann. Die Freundschaft zu Gagarin, die unvollendete Liebe zu Xenia, ein Gefängnisaufenthalt, das Entdecken seiner Fähigkeiten (ihm führt die Mutter Gottes die Hand, soll heißen, er kann hervorragend zeichnen und wird zum Tätowierer ausgebildet), und immer wieder die Regeln der sibirischen Erziehung. Kein reines Coming-of-Age also, und dann ist da ja auch noch die Geschichte um den Soldaten Kolyma, die mit hässlichen Bildern von hässlichen Kriegen nicht geizt. Alle drei Handlungsstränge sind ineinandergeflochten, und fast wähnt man sich ein wenig in einem Film wie Sergio Leones ES WAR EINMAL IN AMERIKA, wenn der Lebensweg eines Mannes non-linear und umfassend abgebildet wird.
Angenehmerweise sind die Zeitsprünge nicht verwirrend, der Zuschauer weiß immer, an welchem Punkt der Geschichte er sich befindet, aber trotzdem bemängle ich ein ganz klein wenig das Futter im Film. Auf eine merkwürdige Art fehlen die großen Konflikte – Kolyma lehnt sich niemals gegen seinen geliebten Großvater auf, rebelliert niemals gegen die vorgegebenen Regeln, und auch das Zerwürfnis mit Gagarin hat eigentlich einen viel zu kleinen Rahmen erhalten, wenn man mal überlegt was aus dieser zerbrochenen Freundschaft alles folgt. Trotz des ein oder anderen tragischen Moments scheint Regisseur Gabriele Salvatores mehr an einem Bild einer glücklichen Zeit zu liegen, an der Darstellung aufrechter Krimineller, die allemal redlicher dastehen als der Staat. Die Herausarbeitung innerer Probleme und deren (gewaltsamer) Lösung fehlt aber, was schade ist, da auf diese Weise doch die Möglichkeit entfällt, den Film mit der erforderlichen Wucht zu untermauern. Auch hier möchte ich ES WAR EINMAL IN AMERIKA als Gegenbeispiel anführen, der das allmähliche Zerwürfnis der Freunde erheblicher eleganter und glaubwürdiger, vor allem aber dramatischer zeigt. In SIBIRISCHE ERZIEHUNG aber gleitet der Zuschauer auf einem weitgehend ruhigen Fluss dahin, ab und zu hat es einen kleineren Höhepunkt, aber die ganz großen Erlebnisse, die fehlen irgendwie. Ich möchte den Film in meinem Filmtagebuch nicht missen, aber ein klein wenig mehr Schärfe im Ton und eine Betonung der dramatischen Erlebnisse hätten dem Film sicher gut getan.

6/10
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
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