Leila's Brothers - Saeed Roustayi (2022)

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Salvatore Baccaro
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Leila's Brothers - Saeed Roustayi (2022)

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Originaltitel: Baradarane Leila

Produktionsland: Iran 2022

Regie: Saeed Roustayi

Cast: Taraneh Alidoosti, Saeed Poursamimi, Navid Mohammadzadeh, Payman Maadi, Farhad Aslani, Mohammad Ali Mohammadi, Nayereh Farahani


1960 dreht Luchino Visconti den mit 177 Laufzeitminuten durchaus epischen ROCCO E I SUOI FRATELLI, in dem das Schicksal einer süditalienischen Familie vorm Hintergrund des Nachkriegs-Wirtschaftsbooms behandelt wird: Die Mutter und ihre vier Söhne zieht es nach dem Tod des Ehemanns/Vaters gen Mailand, wo man am ökonomischen Aufschwung zu partizipieren versucht, zunehmend aber seiner rosigen Zukunftsträume verlustigt geht, zunehmend zusehen muss, wie vor allem auch das Familiengefüge bröckelt, das die unterschiedlichen Geschwister bislang zusammengehalten hat. In gewissem Maße kommt es mir vor, als habe Regisseur Saeed Roustayi seinen dritten Langfilm BARADARANE LEILA (zu Deutsch: "Leilas Brüder") durchaus als so etwas wie eine Hommage an diesen Klassiker des Neorealismus intendiert, - wenn auch freilich umgemünzt auf die spezifischen Verhältnisse des gegenwärtigen Irans: Nicht nur die Titel ähneln sich, die Laufzeit von Roustayis Film pendelt sich ebenso bei satten 165 Minuten ein, und nicht zuletzt steht auch hier eine Gruppe von Brüdern im Mittelpunkt, die allesamt entweder in Gelegenheitsjobs schuften oder aufgrund der internationalen Wirtschaftssanktionen, denen der Iran seit geraumer Zeit ausgesetzt ist, in der Arbeitslosigkeit gelandet sind. Der signifikante Unterschied: Die Person, die die Familie notdürftig zusammenschweißt, die dafür sorgt, dass die Brüder und die seltsam teilnahmslosen Eltern stets etwas Warmes auf dem Esstisch stehen haben, die als Einzige einen gutbezahlten Job in einem Einkaufszentrum innehat, mit dem sie ihre Geschwister quasi durchfüttert, ist die einzige Schwester, - was BARADARANE LEILA freilich automatisch zu einer Reflexion über die Geschlechterverhältnisse innerhalb der Islamischen Republik stempelt, (wobei man, wie ich finde, problemlos so weit gehen kann, im Subtext des Films eine Kritik an einem gewissen patriarchalen Männlichkeitsverständnisses ausfindig zu machen.)

Mit knapp 40 Jahren fasst Leila einen Plan, der endlich aufräumen soll mit der prekären Lage, in der sich ihre Familie seit Ewigkeiten befindet. Ein Familienunternehmen soll gegründet werden! Denn: In einer Shopping Mal ist eine Ladenfläche freigeworden, die bestens geeignet wäre für einen Shop, den sie mit ihren vier Brüdern betreiben könnte: Wenn alle an einem Strang ziehen und jeder seine individuellen Skills in die Waagschale werfen, müsse das doch zu stemmen sein! Die Brüderherzen wiederum stehen Leilas Leidenschaft eher lauwarm gegenüber: Einzig ein Bruder, der erst kürzlich seinen Fabrikjob verloren hat, scheint ernsthaft bereit, Schweiß, Blut und Tränen in Leilas Vorhaben investieren zu wollen, die Familie auf einen längst überfälligen Grünen Zweig zu bingen; das übrige Trio indes erweckt eher den Eindruck, als hätten sie es sich in ihren recht sorglosen Leben gemütlich gemacht, die daraus bestehen, dass sie für einen Hungerlohn öffentliche Toilette putzen, sich in kriminelle Machenschaften verstricken lassen oder aber die Feierabende mit endlosen Wrestling-Sessions im TV totschlagen. Von Seiten des Vaters drohen ähnliche Stolpersteine: Der nämlich hat nach dem Tod eines Cousins darauf gehofft, zum neuen Patriarchen der Großfamilie aufsteigen zu können, - ein Traum, der sich jäh zerschlägt, als die übrigen Verwandten über seine Ambitionen nur müde lächeln. Allerdings hat Leilas Vater ein kostbares Familienerbstück in petto, mit dessen Erlös er eigentlich als neuer Patriarch eine Luxushochzeit für zwei entfernte Familienangehörige hatte fianzieren wollen - ein Erbstück, auf das nun Leila spekuliert, denn wenn man dieses verkaufe, könne man nicht nur dem baufälligen Wohnkomplex entfliehen, in dem sich die fünf Geschwister und ihre Eltern eine winzige Wohnung teilen, sondern auch das Geld aufbringen, das noch fehlt, um in den Besitz der heißersehnten Ladenfläche zu kommen. So wie Leilas Brüder zumindest teilweise mehr und mehr genervt sind davon, ihre Hintern zu heben und nach Leilas Pfeife tanzend ein Unternehmen auf die Beine zu stellen, so erweist sich auch der Papa als unfähig und unwillig darin, seinen Traum vom Patriarchen-Dasein so schnell ad acta zu legen...

Tja, und aus den dieser Grundsituation entwachsenden Auseinandersetzungen setzt sich dann auch der Großteil der dreistündigen Laufzeit von BARADARANE LEILA zusammen. Im Klartext: Es sind sich teilweise endlos ziehende Disputationsszenen, mit denen wir es hier zu tun haben, und in denen wir in regelrechtem Echtzeitnaturalismus dabei zusehen dürfen, wie man einander Vorwürfe macht, wie man mal melodramatisch exzessiv, mal still in sich hineinwimmernd in Tränen ausbricht, sich dann wieder notdürftig zusammenrauft, nur um sich ein paar Minuten später schon wieder in die Haare zu kriegen. Da das Ganze filmisch alles andere als interessant ausschaut, - (mir zumindest ist jetzt kein einziges Bild der, wie gesagt, monumentalen Laufzeit auf Anhieb im Gedächtnis präsent, von dem ich sagen könnte, dass es mich vom Stuhl gepustet hat) - und sich all die narrativen Redundanzen an zwei Händen längst nicht abzählen lassen, geriet die Sichtung für mich zu einer wahren Geduldsprobe, - und wäre BARADARANE LEILA nicht größtenteils überzeugend geschauspielert, seine Story nicht trotz allen Füllmaterials im Prinzip einigermaßen intelligent konstruiert und sein Finale konsequent in seinem Pessismus, dann hätte meinen Geduldsfaden wohl tatsächlich nicht viel vom Zerreißen abhalten können. Andererseits: Eine iranische Variation von Viscontis ROCCO gesehen zu haben, ist sicherlich auch nichts, was man sich jeden Tag auf die Fahne schreiben kann. Den Humor, den manche Cannes-Kritiker und -Kritikerinnen in diesem Film entdeckt haben wollen, sodass in manchem Text gar von einer "Tragikomödie" die Rede ist, konnte ich übrigens beim besten Willen nicht erkennen...

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