Europa - Haider Rashid (2021)

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Salvatore Baccaro
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Europa - Haider Rashid (2021)

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Originaltitel: Europa

Produktionsland: Irak / Kuwait / Italien 2021

Regie: Haider Rashid

Cast: Adam Ali, Svetlana Yancheva, Pietro Ciciriello, Mohamed Zouaoui


Ein junger Iraker namens Kamal hat es mithilfe dubioser Schlepperbanden bis an die Grenze zwischen Türkei und Bulgarien geschafft. Nur wenige Kilometer trennen ihn noch von seinem Ziel Europa, wo er sich eine bessere Zukunft erhofft, - zumal die Schlepper ihm diese in den rosigsten Utopiefarben ausgemalt haben. Allerdings erwarten Kamal und seine Begleiter keine ausgerollten roten Teppiche, sondern bewaffnete Männer, die die Asylsuchenden sogleich mit Waffengewalt dingfest zu machen versuchen: Trotz Handschellen gelingt Kamal die Flucht in den Wald, wo er nicht nur wegen der feindlichen Natur ums Überleben kämpfen muss, sondern auch wegen einer Gruppe sogenannter „Migrantenjäger“, die nicht davor zurückschrecken, ihn mit scharfer Munition zum Aufgeben zu zwingen..

Tja, und wer Jerzy Skolimowskis ESSENTIAL KILLING von 2010 gesehen hat, wo sich Vincent Gallo sals (mutmaßlicher) islamischer Terrorist auf einen unfreiwilligen Survival-Trip in osteuropäische Wälder begeben darf, weiß, was auch hier erwartet werden darf, - wobei freilich die Blaupause für dieses inoffizielle "Remake“ sich eher in die Allegorie und Abstraktion flüchtet, und vielmehr als generell existenzialistisches Drama verstanden werden will, das einen politischen Subtext nicht prominent am Brevier trägt, als EUROPA, der sich ja von Anfang klar in einem bestimmten geographischen und thematischen Kontext verortet – und nicht zuletzt durch eine Texttafel zum Schluss explizit darauf hinweist, dass es die Agenda von Regisseur Haider Rashid ist, all den Menschen ein Denkmal zu setzen, die jemals beim Versuch, Europa zu betreten, ihr Leben haben lassen müssen. Aber, puh, es zieht sich doch schon sehr, was unser Held hier so alles in Fauna und Flora „erlebt“, nämlich größtenteils nichts, was über das Waten durch Flussbette, das Hasten durch dichte Baumbestände, das Suchen essbarer Pflanzen hinausgehen würde; die Entscheidung, die Handkamera stets ganz dicht am Körper des Hauptdarstellers zu halten, ermüdet trotz oder gerade wegen ihrer Konsequenz recht schnell; und letztendlich frage ich mich schon, was denn ein solcher Film über die reale Situation von Nahost-Flüchtlingen an der europäischen Grenze aussagen soll, wo sein Grundsetting doch beliebig mit semantischem Inhalt aufgeladen werden kann: Ein, zwei Details hier und da verändert, und wir haben entweder einen konventionellen Backwood-Thriller ohne jedweden politischen Überbau oder eben eine bewusst unkonkret bleibende Allegorie à la Skolimowski, - da hätte Haider Rashid vielleicht besser daran getan, einen Film darüber zu drehen, wie sich Menschen völlig ohne Kenntnisse der vorherrschenden Kultur und Sprache in einer beliebigen deutschen Kleinstadt durchschlagen, wie sie mit Behördengängen struggeln, wie sie zwischen Hoffnung auf dauerhaften Aufenthalt und drohender Abschiebung schwanken, statt, wie in vorliegendem Film, sämtliche Leistungen der Hauptfigur auf physische Stärke zu reduzieren. Lediglich überrascht hat mich die mehrminütige Plansequenz im Finale, die man guten Gewissens als wahren Downer bezeichnen kann. Alles in allem fand ich's wirklich sehr anstrengend, dem Sujet irgendwie unangemessen, filmisch zwar konsistent, doch arg monoton, und war, trotz einer schmalen Laufzeit von gerade mal knapp 70 Minuten, froh, als das Ganze endlich vorüber gewesen ist.

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